Liebe und andere Katastrophen: Liebe und Individualisierung in der Zweiten Moderne


Studienarbeit, 2011
23 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhalt

Einleitung

1. Liebe und andere Katastrophen

2. Individualisierungsthese nach Ulrich Beck

3. Geschlechterdisparität und Liebe

4. Liebe und Individualisierung in der Zweiten Moderne

5. Resümee & Zusammenfassung

Konklusion

Quellenverzeichnis

Einleitung

Heutzutage hat die Liebe einen ganz besonderen Stellenwert; fast schon etwas Religiöses. Diese Ausprägung ist in der Tat erst durch den Wohlstand der Moderne möglich geworden. Nun wird über die Liebe gesprochen, darüber nachgedacht, gesungen und gedichtet. Doch wird ein präziser Blick auf dieses Phänomen geworfen, wird sichtbar, dass es die Liebe in der heutigen Zeit respektive in der Zweiten Moderne ziemlich schwer hat, ja fast schon unmöglich erscheint, aber doch umso notwendiger denn je geworden ist. Eine Ambivalenz der Moderne. Man kann beobachten, dass die Liebe einem Wandel unterlegen war und dass sie heute immer wieder neu definiert werden muss. Liebe scheint zur Verhandlungsache geworden zu sein, sie ist institutionell verankert, eine Ware, eine Konstruktion der Gesellschaft; überbaut von romantischen Leitbildern des 18./19. Jahrhunderts und dabei eingeengt durch politische, wirtschaftliche, kirchliche und gesellschaftliche Zwangsmechanismen. Durch diese äußere institutionelle Wirkmächtigkeit wird die sehnliche Suche nach Liebe perpetuierend fortgesetzt und lässt in der Zweiten Moderne einen zweifelsohne einzigen „Halt“ erhoffen, fernab der „chaotischen“ Verhältnisse des öffentlichen Raumes.

Die Industrialisierung und das sich bildende Bürgertum des 18./19. Jahrhunderts veränderten nicht nur das Gesellschaftssystem. Mit ihr veränderten sich auch die Semantik der Liebe und das Zusammenleben der Menschen. Die Entkopplung von Arbeit und Familie wirkten auf das Familienleben und die Liebe ein. Heute ist die Liebe inflationär und risikobehaftet. Die aktuellen Scheidungsraten[1] zeigen uns einen Teilprozess des Wandels der Liebe und lässt die Frage eröffnen, ob eine lebenslange Liebe, im Zusammenhang mit der seit dem 18. Jahrhundert um 50 Jahren gestiegenen Lebenserwartung der Menschen, zu einem „Wegwerfartikel“ (Mahlmann, 2003, S. 171) geworden ist. Eine Beziehung respektive eine Liebe ist in der heutigen Zeit einmal mehr mit Risiken verbunden, da sich die Menschen einerseits nach Freiheit und Individualität und andererseits nach Liebe und sexueller Befriedigung sehnen und das gerne über längere Zeit hinweg oder sogar bis an das Lebensende. Diese romantische Vorstellung von Liebe und das Leben in der Zweiten Moderne sind ein perpetuierendes Paradoxon. Die Modernisierung bewirkte einen rasanten Wandel der Gesellschaft, der Geschlechter zueinander und führte zur Pluralisierung der Lebensformen[2]. Die Bildungsexpansion der 1960iger Jahre gestattete den Frauen neue Möglichkeiten sich in die Gesellschaft zu integrieren und sich finanziell und persönlich unabhängig von ihrem Mann zu machen. Sie konnte sich frei entwickeln ohne den patriarchalen Zwängen erlegen zu sein.

In meinen Ausführungen soll der Frage nachgegangen werden, wie die Individualsierung auf die Liebe, die Zweierbeziehung und das Miteinander der Geschlechter wirkt. Eben: Ist eine lebenslange Liebe im Kontext der Zweiten Moderne überhaupt möglich? Weitere Fragen die beantwortet werden sollen, sind: Was ist Liebe und welche Liebessemantik hat sich herausgebildet und folgt der heutigen Logik von „Liebe“ in ihrer Dialektik? Welchen Problemen steht die Liebe in der Zweiten Moderne und in Zukunft gegenüber?

Diesen Fragen soll im Folgenden mit Hilfe der „Individualisierungstheorie“ von Ulrich Beck auf den Grund gegangen werden. In diesem Zusammenhang wird das Werk des Ehepaares Ulrich Beck und Elisabeth Beck-Gernsheim „Das ganz normale Chaos der Liebe“ von 1993 betrachtet und mit diesem weiterführend soziologische, philosophische, theologische und psychologische Blickrichtungen herangezogen. Es wird die Liebessemantik seit dem 18./19. Jahrhundert dargestellt, da sich in dieser Zeit das Bürgertum und mit ihm die noch heute herrschende Vorstellung von „romantischer Liebe“ entwickelten. Des Weiteren wird auf das Modell der „reinen Beziehung“ bzw. „partnerschaftlichen Liebe“ von Anthony Giddens eingegangen, welches meines Erachtens einen relevanteren und zeitgenössischeren Bezugspunkt zur Liebe des zwanzigsten Jahrhunderts bereitstellt. Überdies erfolgt eine Analyse der Individualisierungstheorie von Ulrich Beck. Außerdem soll ein Blick auf Geschlecht und Liebe genommen werden, um abschließend die Wirkung der Individualisierung insbesondere in der Zweiten Moderne auf das Phänomen Liebe zu betrachten und schlussendlich die Arbeit zusammenzufassen. Es sei anzumerken, dass die Themen Individualisierung und explizit Liebe sich als eine überaus komplexe Thematik darstellen, die hier leider nicht vollständig abgebildet werden kann. Es wird lediglich versucht Kernelemente zu analysieren, um eine Vorstellung davon zu erhalten, wie sich die Liebe und die Individualisierung heute und zukünftig ambivalent gegenüberstehen.

1. Liebe und andere Katastrophen

„Liebe ist der Wunsch, aus sich heraus neu geboren zu werden.“

(Nicolas Grimaldi 2009)

Bevor der Frage, ob eine lebenslange Liebe in der Zweiten Moderne möglich ist, nachgegangen wird, soll hier geklärt werden, was Liebe ist und wie sich das Konzept der „romantischen Liebe“ entwickelt hat, welches noch heute auf das Individuum wirkt. Mit Sicherheit lässt sich eine anregende Diskussion darüber eröffnen, weil der Begriff Liebe so ungreifbar, undefinierbar und schwer beschreibbar ist. Jedoch scheint es darum einen allgemeinen Konsens zu geben: Liebe ist ein Gefühl (vgl. Sommerfeld-Lethen, 2008, S. 53). Nicht nur eine tradierte, ideologische Vorstellung soll betrachtet, sondern ebenso soll ein philosophischer, sozialwissenschaftlicher und soziologischer Blick in Richtung Liebe gewagt werden. Die „große Liebe“ gilt heute immer noch als das Ideal der Deutschen. Daraus ist ersichtlich, dass die Sehnsucht nach einer lebenslangen Zweierbeziehung mit frühromantischen Ideologien die Menschen in eine (oder mehrere) Liebesbeziehung(-en) entführt (vgl. Mahlmann, 2003, S. 172).

Simmel (1993) beschrieb Liebe als eine „Gestaltungskategorie des Daseienden“ (ebd., S. 19), als einen Liebesaffekt, der den Liebenden ermöglicht ein Bild von dem Geliebten zu erzeugen, welches der Realität fern ist und einen Absolutismus gegenüber dem Objekt der Begierde beinhaltet. Es wird eine eigene Wirklichkeit mit und um den Geliebten herum geschaffen, wobei er über alles Vorhandene gehoben wird. Er beschrieb, dass die Liebe aus sich heraus entsteht. Dies bedeutet, dass erst der Mensch da sein und gewusst werden muss, bevor er geliebt werden kann. Oder nach Sartre: „Die Existenz geht der Essenz voraus.“. Demnach ist der „Gegenstand der Liebe [...] nicht vor ihr da, sondern erst durch sie.“ (Simmel, 1993, S. 20). Bei Simmel ist die Liebe eine Erlebnisform die mit Gefühl verbunden wird, jedoch ohne eine Transformation in eine Erotik emotionaler Erfüllung und unabhängig vom sozialen Status und der Frage nach der Fortpflanzung. Während Simmel sich mit der Liebe eklektisch auseinandersetzte, soll der Blick in die philosophischen und soziologischen Felder gerückt und die Bedeutung der Liebe ab im 18. Jahrhundert betrachtet werden.

Zuerst eine philosophische Betrachtung zur Liebe: Was ist der Gegenstand der Liebe und warum lieben wir? Lieben wir den Anderen seiner Attraktivität oder seiner Eigenschaften willen und ist das dann „wahre“ Liebe? Die Philosophen Nicolas Grimaldi und Raphael Enthoven sind diesen Fragen analytisch auf den Grund gegangen. Sie setzten sich mit Gemälden und Bildern auseinander und versuchten unter anderem den Begriff „Liebe“ zu deuten. Auch sie sahen, dass das Individuum den geliebten Menschen idealisiert, ihn überhöht darstellt und das unsere Vorstellung, unsere Phantasie einen Mantel der Illusion über die geliebte Person legt (vgl. Enthoven & Grimaldi 2009; Mahlmann, 2003, S. 174). Die „wahre“ Liebe ist jedoch vollkommen losgelöst von den Eigenschaften des Gegenübers; demnach bedingungslos und ohne Gegenseitigkeit. Liebt man den Anderen wegen seiner Eigenschaften, löst diese Liebe andere Reaktionen aus: Eifersucht, Schmerz, Langeweile, Wollust. Die beiden Philosophen kommen zu dem Schluss, dass die „wahre“ Liebe somit „nicht dem gilt, was man sieht, sondern den Erwartungen der geliebten Person an das Leben, die ich erfüllen will. So wird aus der Liebe zum Anderen Liebe zu sich selbst.“ (ebd.). Rene Descartes unterschied indes zwischen der „begehrenden“ und „wohlwollenden“ Liebe. Während die „wohlwollende“ Liebe die Hoffnung auf das Glück und Wohlergehen des Anderen ist, will die „begehrende“ Liebe den Anderen als Besitz: der Andere wird eben aufgrund seiner Eigenschaften (z.B. Attraktivität) geliebt (vgl. Enthoven & Grimaldi 2009).

Das noch heute gängige Leitbild von Liebe ist die „romantische Liebe“[3]. Wie der Begriff schon impliziert, ist dieser im 18./19. Jahrhundert - im Zeitalter der Frühromantik - entstanden. In einigen Studien wurde konstatiert, wie sich die „romantische Liebe“ im kulturellen und sozialstrukturellen Wandel entwickelt hat und sich in dieser Zeit die Liebessemantik elementar veränderte (vgl. Beck/Beck-Gernsheim 1990; Herma 2009; Burkart 2001; Mahlmann 2003). Liebe ist demnach kein Gefühl, welches auf ganz natürlichem Wege entsteht, sondern ein Erzeugnis von „tiefgreifenden Veränderungen seit Beginn der Moderne im 18 Jahrhundert.“ (Hahn, 2008, S. 40). Vor dieser Zeit wurden Ehen sachlich, zweckorientiert gegründet. Nun jedoch hatte die Liebe eine hohe Bedeutung als ehestiftendes Motiv. Die Entkopplung von Familienleben (privat) und Arbeit (öffentlich) führte gleichwohl zur Teilung von Aufgaben innerhalb der Familie. Der Frau wurde der Bereich der Gefühle und Häuslichkeit zugeschrieben und dem Mann das Öffentliche und die Berufsarbeit (vgl. Burkart, 1997, S. 27). Insbesondere für die Frau entstanden dadurch innere Konflikte im Umgang mit ihrer neuen Rolle, weil sie zuvor ebenfalls als Funktionär im Öffentlichen und Ökonomischen tätig war. Ohne die Industrialisierung und die daraus entwickelnde Individualisierung wäre die Intensivierung der Liebesvorstellung kaum denkbar. Nun gehörten Liebe und Ehe zusammen, aber auch Liebe und Subjektivierungs-, Individualisierungs- und Selbstthematisierung (vgl. ebd., S. 28).

Wird das Konzept der „romantischen Liebe“ betrachtet, steht in ihm das Paar im Mittelpunkt, welches psychisch und erotisch, sexuell miteinander verschmilzt und eine Exklusivität nur zu zweit erlangt. Der Geliebte und die Liebende überhöhen sich und erhoffen in ihrer Zweisamkeit Unendlich- und Einmaligkeit. „Romantische Liebe“ ist gekennzeichnet als ein „innerer Zustand (Gefühl) der machtvollen Zugeneigtheit“, welcher „nur vom Liebenden selbst wahrgenommen werden kann“ und einen speziellen Bindungstypus persönlicher Beziehung darstellt, der intime Kommunikation, Bindung zwischen Fremden und Sexualität beinhaltet (vgl. Lenz, 2009, S. 276; Herma, 2009, S. 25). Sie ist das „stille Verlangen nach Unendlichkeit“, die Einheit von sexueller Leidenschaft und affektiver Zuneigung, sowie die Einheit von Liebe, Ehe und Elternschaft. Gleichwohl wird ihr die Dauerhaftigkeit und die Treue, sowie grenzenlos, steigerbare Individualität zugeschrieben (vgl. Lenz, 2009, S. 276 ff.). Jedoch hat bei aller romantischen Vorstellung von Liebe und Sehnsucht nach Romantik, die „romantische Liebe“ eine Kehrseite: sie setzt auf Polarität der Geschlechter und produziert und reproduziert auf diese Weise Geschlechterungleichheiten (siehe dazu Kap. 3). Demnach ist „romantische Liebe“ nur unter Einhaltung traditioneller Geschlechternormen möglich.

Giddens (1992) geht dabei ein Stück weiter und betont in seinem Modell der „reinen Beziehung“ den Aspekt der Egalität der Liebenden. Die „reine Beziehung“ bedeutet für ihn „partnerschaftliche Liebe“ (ebd., S. 72), in der sich die Partner gleichberechtigt und wohlwollend einem emotionalem Geben und Nehmen gegenüberstehen und sich um ihrer Beziehung willen zusammenfinden. Der Ausgangspunkt der „partnerschaftlichen Liebe“ ist die „romantische Liebe“. Allerdings sieht Giddens in dieser eine viel zu starke Verbindung zu christlich-moralischen Werten. Diese ist zwar durch „[...] Elemente der Selbstbefragung [...]“ und „[...] nach den gegenseitigen Empfindungen und nach der „Tiefe“ der Gefühle forsche [...]“ (Nord, 2001, S. 313) gekennzeichnet, jedoch weist sie eine vollkommene Asymmetrie der Geschlechter auf, wenn die Machtverhältnisse betrachtet werden (vgl. Giddens, 1993, S. 73). In der „romantischen Liebe“ existiert die sexuelle Liebe, sexuelle Befriedung und das Glück als ein Garant in der Zweierbeziehung. In der „partnerschaftlichen Liebe“ ist die Sexualität und Befriedung die Quintessenz der Ehe und ein wesentlicher Aspekt, ob eine Beziehung überhaupt geführt wird. Erstmalig ist die Liebe davon abhängig, dass beide Partner sexuelle Lust empfinden. Eine weitere wesentliche Unterscheidung macht Giddens mit seiner „reinen Beziehung“ damit, dass er hier die homosexuelle Liebe integriert. Er geht sogar noch weiter und charakterisiert Homosexuelle als „Pioniere“ und „Pionierinnen“ der „partnerschaftlichen Liebe“, da diese schon länger in enttraditionalisierten Partnerschaften leben. Damit schließt er in seinem Modell jegliche Geschlechterkategorien aus. Giddens bezeichnet die „reine Beziehung“ als Beziehungsideal hochmoderner Gesellschaften, die sich jedoch in heterosexueller Konstellation, aufgrund tradierter und habitualisierter Geschlechtscharaktere, erschwerend umsetzen lässt. Giddens strebt mit seinem Modell der „reinen Beziehung“ eine Partnerschaft an, „[...] deren hervorragendes Kennzeichen es sei, eine kontingente Lebenswelt demokratischer Intimität zu schaffen.“ (Nord, 2001, S. 333).

[...]


[1] Laut dem statistischen Bundesamt (2009) werden heute 4,6 Ehen je 1000 Einwohner geschlossen und davon 2,3 je 1000 Einwohner geschieden, dies bedeutet, dass die Hälfte der Ehen welche heute geschlossen werden, wieder geschieden werden.

[2] Gemeint sind: Patchwork-Familien, Alleinerziehende, nichteheliche Lebensgemeinschaften mit und ohne Kinder usw..

[3] Die Sehnsüchte nach Sicherheit und Halt der Individuen, spiegeln den Glauben an die „romantische Liebe“ und zeigen, dass diese nach wie vor eine große Bedeutung respektive Vorstellung von Ideal in der Gesellschaft einnimmt.

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Liebe und andere Katastrophen: Liebe und Individualisierung in der Zweiten Moderne
Hochschule
Universität Rostock
Note
1,3
Autor
Jahr
2011
Seiten
23
Katalognummer
V184207
ISBN (eBook)
9783656088875
ISBN (Buch)
9783656088967
Dateigröße
470 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Schlagworte
Zweite Moderne, Ulrich Beck, Geschlecht, Gender, Geschlechtsdisparitäten, Macht, Elisabeth Beck-Gernsheim, Liebe, soziale Ungleichheit, Habitus
Arbeit zitieren
Stefanie Neidhart (Autor), 2011, Liebe und andere Katastrophen: Liebe und Individualisierung in der Zweiten Moderne, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/184207

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