"Der 1. Mai-Komplex" - Die linke Szene Berlins als "Folk Devil" in der "B.Z."


Hausarbeit, 2011

18 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die „B.Z.“ und der Axel-Springer-Konzern
2.1. Der Axel-Springer-Konzern
2.2. Die „B.Z.“

3.„Der 1. Mai-Komplex“ als „Moral Panic“?
3.1.Das Konzept der „Folk Devils“ und „Moral Panics“
3.2.„Der 1. Mai-Komplex“ – Aufbau und Inhalt
3.3.Die verwendeten sprachlichen Mittel
3.4.Die linke Szene als „Folk Devil“

4.Die Darstellung der linken Szene in anderen Medien

5.Fazit

6.Quellenverzeichnis

1. Einleitung

Kurz vor dem 1. Mai 2011, der in Berlin traditionellerweise mit dem politisch linksorientierten „Myfest” in dem Bezirk Kreuzberg und damit verbundenen Demonstrationen gefeiert wird, erschien in der lokalen Boulevardzeitung „B.Z.“ eine mehrteilige Serie mit dem Titel „ Der 1. Mai- Komplex. Wie die linksextreme Mafia in Berlin operiert “. In dieser Serie möchte die Journalistin Caroline Rosales den Lesern erklären „ wie der linksextreme Untergrund in Berlin organisiert ist“ [1] , vor allem in Hinblick auf die Demonstrationen, bei denen es in der Vergangenheit häufiger zu gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und Polizei kam. Die Serie führte zu heftigen Reaktionen, etlichen Gegendarstellungen aber auch zu großer Zustimmung.

Doch was genau machte diese Serie so brisant? Wie wurde die Linke in ihr dargestellt? Welche Mittel wurden verwendet? Aus welchen Gründen wurde ein bestimmtes Bild vermittelt? Und was genau waren die Reaktionen? Diese Fragen möchte ich versuchen, mit meiner Hausarbeit zu beantworten. Stanley Cohen entwickelte in seinem 1972 erschienen Werk „ Folk Devils and Moral Panics“ das Konzept der „Moral Panic“. Ich werde in meiner Arbeit überprüfen, ob auch die Serie der „B.Z.“ als Teil einer solchen angesehen werden kann.

Um die mächtige Position der Zeitung herauszuarbeiten, möchte ich diese zunächst als Teil des umstrittenen Axel-Springer-Konzerns vorstellen. In einem weiteren Schritt werde ich genauer auf die Serie „ Der 1. Mai- Komplex“ eingehen. Anhand des Konzepts der „Moral Panic“ werde ich untersuchen, ob die Serie versucht, Feindbilder zu produzieren und Angst zu verbreiten. Dies werde ich in einer kurzen Analyse der Mittel, die zur Darstellung der linken Szene Berlins genutzt werden, machen. Daraufhin werden auch noch andere Medien auf ähnliche Darstellungen oder eventuelle Gegendarstellungen untersucht, um zu sehen, ob es sich tatsächlich um eine „Moral Panic“ handelt. In meinem Fazit werde ich den Einfluss der Massenmedien auf die Gesellschaft, wie am Beispiel der „B.Z.“ herausgearbeitet, noch einmal verdeutlichen.

Da auf einigen Artikeln Sperrvermerke liegen, war es dem Axel-Springer-Konzern leider nicht möglich, mir die gesamte Serie zukommen zu lassen. Allerdings lassen die vorliegenden Artikel sehr gut auf die Art und Weise, wie ein Bild der linken Szene vermittelt wurde, schließen. Daher beziehe ich mich in meiner Arbeit ausschließlich auf die vorhandenen Texte.

2. Die „B.Z.“ und der Axel-Springer-Konzern

2.1. Der Axel-Springer-Konzern

Der Axel-Springer-Konzern ist wohl der größte und einflussreichste Medienkonzern Deutschlands.[2] Im Jahre 2000 entfielen 23,6% der deutschen Zeitungen auf ihn, und das bei einem Marktanteil von 80,5%.[3] Neben den zahlreichen regionalen und überregionalen Zeitungen verfügt der Konzern außerdem über ein großes Angebot an Zeitschriften, Internetauftritten, einige Radiostationen, sowie bedeutende Anteile an TV-Sendern und ist somit nicht nur in Deutschland, sondern in zahlreichen europäischen Ländern vertreten.[4] Auch die thematischen Schwerpunkte der einzelnen Produkte variieren sehr stark, sodass eine breite Masse, von der jungen „Mädchen“-Leserin bis hin zum intellektuellen „Welt“-Leser, erreicht werden kann.[5]

Der Konzern versteht sich als das „ Sprachrohr des ‚kleinen Mannes’“ [6] und sieht sein Programm als ein „ Programm der ‚Mitte’“ [7] , wobei die „Mitte“ definiert wird als „ Mischung konservativer und liberaler Aspekte, [...] modern, wertorientiert, aber dennoch ohne eine Ideologie“ [8] . Demnach wurden Einschätzungen der ideologischen Linie des Axel-Springer-Konzerns meist von außen vorgenommen, der Konzern selbst vermied jede ideologische Festlegung.[9] Auch wenn seit den sechziger Jahren generell Einigkeit über die konservative Einstellung des Konzerns herrschte, so wurde dies nie öffentlich von Mitarbeitern bestätigt, vielmehr versuchte man, dem auszuweichen, indem zum Beispiel über links und rechts in ihren totalitären Auswirkungen berichtet wurde.[10]

Die Aufgabe der Presse in einem demokratischen Staat wurde vom Axel-Springer-Konzern nicht als Mittel zur Bildung kritischer Staatsbürger verstanden, sondern immer dahingehend interpretiert, den Regierenden die „Volksmeinung“, bzw. das, was der Konzern darunter verstand, vorzutragen.[11]

Dies brachte den Konzern immer wieder in die Kritik, besonders von Linksintellektuellen und Studenten. Vor allem Ende der sechziger Jahre konzentrierten sich deren Kritik und Aktionen immer mehr auf den Axel-Springer-Konzern.[12] Dieser sah diesen „störende[n] Prozess“ als einen „ illegale[n] Übergriff auf das Recht der Bundesbürger auf Ruhe und Ordnung“ [13] und die linke Einstellung als unvereinbar mit den Werten der Gesellschaft.[14]

2.2. Die „B.Z.“

Die „B.Z.“ ist mit 492.000 Lesern die größte Tageszeitung Berlins und Brandenburgs.[15] Seit 1877 bestehend, bezeichnet sich die Boulevardzeitung selbst als traditionsreich.[16] Die meisten ihrer Leser sind zwischen 40 und 59 Jahren alt, haben eine weiterführende Schule besucht, jedoch ohne Abitur abgeschlossen und arbeiten als Angestellte mit einem Einkommen von 2000 Euro und mehr.[17] Das Ideal der „Mitte“, wie es der Axel-Springer-Konzern definiert, scheint also erfüllt.

Doch die hohen Auflagenzahlen haben eine noch wichtigere Funktion für das Blatt: Die Attraktivität der Zeitung für die inserierende Wirtschaft steigt. Das Anzeigengeschäft ist eine der Haupteinnahmequellen der „B.Z.“.[18] Um der Industrie absatzgarantierende Konsumenten zu bieten, muss die Zeitung allerdings konform mit den Interessen der Leser gehen, die wiederum auch durch die Massenmedien geprägt sind.[19]

So ist es verständlich, wenn sich die „B.Z.“ als Sprachrohr Berlins und seiner Einwohner bezeichnet. Besonders betont wird das Wissen um die Emotionen der Menschen.[20] Beim Betrachten der Zeitung wird dies speziell in der Themenauswahl und Aufmachung deutlich, die sehr emotionalisierend und personalisierend funktionieren. Gedruckt wird, was Aufmerksamkeit bringt und für die Leser unterhaltsam ist. Als „Infotainment“ bezeichnete der Chef-Redakteur der „BILD“, Kai Diekmann, diese Mischung aus eigentlich neutralen Informationen und meinungsbetonten Darstellungen. [21] Für ihn ist „ guter Boulevard-Journalismus [...] immer auch Provokation, [...]Tabuverletzung“ [22] . Dies zeigt sich besonders in der sensationalisierenden Aufmachung der Themen in der „B.Z.“, verstärkt durch überdimensionale Überschriften und viele Bilder, die an sich schon einen großen Unterhaltungswert bieten.[23] Auf die spezielle Textgestaltung wird im Analyseteil dieser Arbeit noch exemplarisch genauer eingegangen. Auch die verwendete Sprache ist, typisch für Boulevardzeitungen, eher umgangssprachlich und teilweise sogar mit Slang-Ausdrücken gespickt.[24] Auffällig sind auch die vielen verwendeten Metaphern, die die Sprache zusätzlich zu den vielen Fotos und Grafiken „bebildern“. All dies verstärkt den emotionalisierenden Charakter der Berichte.[25] Da eine weitergehende soziolinguistische Analyse im Rahmen dieser Arbeit zu weit gehen würde, werden diese Phänomene im Analyseteil an Beispielen aus dem „1. Mai-Komplex“ aufgezeigt.

Doch das Angebot der „B.Z.“ ist längst nicht mehr nur auf den Printjournalismus beschränkt. In dem seit 2000 existierenden „Berliner Fenster“, dem U-Bahn-Fernsehen, das rund um die Uhr in Berliner U-Bahnen ausgestrahlt wird und täglich über 1,5 Millionen Menschen erreicht, deckt die „B.Z.“ die Themenbereiche Sport, Nachrichten und Klatsch ab.[26]

3. „Der 1. Mai-Komplex“ als „Moral Panic“?

Schon seit längerer Zeit berichtet die „B.Z.“ über die linke Szene in Berlin und sieht vor allem deren Gewaltbereitschaft als eine große Gefahr für die Stadt und den gesamten Rechtsstaat.[27] Immer wieder wurden verschiedene Politiker als vermeintliche „Experten“ zitiert, die vor der „linken Bedrohung“ warnen.[28] Mit dem „1. Mai-Komplex“ widmete die Zeitung jedoch erstmals eine ganze Woche der genaueren Beschreibung und Analyse der linken Szene. Die Zeit war perfekt gewählt, gerade hatte die Räumung des linken Hausprojekts Liebig14 stattgefunden und der 1. Mai stand kurz bevor. Bei beiden Ereignissen kam es zu großen Demonstrationen, teilweise verbunden mit gewaltsamen Ausschreitungen zwischen linken Demonstranten und der Polizei. Die linke Szene war in der Presse allgegenwärtig. In dieser emotionsgeladenen Zeit veröffentlichte die „B.Z.“ ihre Serie, die ein klares Bild der Szene und der von ihr ausgehenden Gefahren bieten sollte. Doch wurde hierbei versucht, die Linke als Feindbild der Gesellschaft, wie es dem Axel-Springer-Konzern entspricht, zu etablieren? Oder haben die Artikel tatsächlich nur Fakten dargestellt? Dies möchte ich im folgenden Teil meiner Arbeit herausfinden, indem ich mit Hilfe des Konzepts der „Moral Panic" Inhalt, Struktur und Sprache der Serie hin auf eventuelle moralisierende Positionen analysieren werde.

[...]


[1] Rosales (18.04.2011).

[2] Vgl.: Höke (2007), S. 11.

[3] Vgl.: Ebd., S. 135.

[4] Vgl.: Axel-Springer Mediapilot

[5] Vgl.: Ebd.

[6] Kruip (1999), S. 124.

[7] Ebd., S. 126.

[8] Ebd., S. 126.

[9] Vgl.: Ebd., S. 119.

[10] Vgl.: Ebd., S. 126

[11] Vgl.: Ebd., S. 150.

[12] Vgl.: Kruip (1999), S. 217ff.

[13] Ebd., S. 225.

[14] Vgl.: Meyer (1980), S. 66.

[15] Vgl.: Axel-Springer Mediapilot: B.Z.

[16] Vgl.: Ebd.

[17] Vgl.: Ebd.

[18] Vgl.: Heinze (1990), S. 162.

[19] Vgl.: Ebd., S. 164.

[20] Vgl.: Axel-Springer Mediapilot: B.Z.

[21] Vgl.: Kai Diekmann in einem Interview, zit. nach Höke (2007), S. 40ff.

[22] Ebd., S. 85.

[23] Vgl.: Höke (2007), S. 29f.

[24] Vgl.: Ebd., S. 30.

[25] Vgl.: Mittelberg (1967), S.38.

[26] Vgl.: Berliner Fenster

[27] Vgl.: Ruppel/ Wedekind/ Kröning (12.01.2011).

[28] Vgl.:Ebd.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
"Der 1. Mai-Komplex" - Die linke Szene Berlins als "Folk Devil" in der "B.Z."
Hochschule
Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder)  (Kulturwissenschaften)
Veranstaltung
Dynamiken medialer Repräsentation
Note
1,3
Autor
Jahr
2011
Seiten
18
Katalognummer
V184225
ISBN (eBook)
9783656089186
ISBN (Buch)
9783656089339
Dateigröße
557 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die verwendeten Artikel lassen sich ohne Probleme kostenlos beim Axel-Springer-Konzern bestellen.
Schlagworte
mediale Repräsentation, Moral Panics, Folk Devils, Stanley Cohen, linke Szene, 1. Mai, B.Z., Axel-Springer-Konzern, Boulevardpresse
Arbeit zitieren
Melissa Arnecke (Autor), 2011, "Der 1. Mai-Komplex" - Die linke Szene Berlins als "Folk Devil" in der "B.Z.", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/184225

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