Interpretation des Werkes "Traum und Umnachtung" von Georg Trakl

Trakls Werk, seine Symbolik und sein Lebensweg


Seminararbeit, 2003

22 Seiten, Note: 2.0


Leseprobe

GLIEDERUNG

0. EINLEITUNG

1. DATEN AUS GEORG TRAKLS LEBEN

2. DER TITEL „TRAUM UND UMNACHTUNG”

3. DIE FIGUREN UND IHRE SYMBOLIK IN „TRAUM UND UMNACHTUNG”
3.1. Der Knabe oder der Dichter
3.2. Schwesterfigur in Analogie zur Trakls Schwester
3.3. Vater und Mutter im Gegensatz zu Trakls leiblichen Eltern

4. GESELLSCHAFTSKRITIK VERSUS WAHNSINN

5. SCHLUSSBEMERKUNG IN BEZUG AUF BÜCHNERS „LENZ”

LITERATURVERZEICHNIS

0. EINLEITUNG

In dieser vorliegenden Arbeit werde ich mich mit einem schwierigen Werk und einem schwierigen Dichter beschäftigen: Traum und Umnachtung von Georg Trakl. In der deutsch- sprachigen Literatur ist Georg Trakl ein relativ unbekannter Dichter, obwohl die Zeit Trakls und seiner Werke geschichtlich nicht so weit zurückliegen. KEMPER schreibt in diesem Zusammenhang:

„Die erste Buchpublikation Traklscher Dichtungen, der Band Gedichte, erschien 1913. Sebastian im Traum, die zweite, ebenfalls noch von Trakl selbst redigierte Sammlung, konnte, durch die Wirren des Kriegsausbruchs verzögert, erst 1915, im Jahr nach Trakls Tod, ausgeliefert werden”.[1]

Trakl ist beispielsweise - sowohl national als auch international - nicht wie Goethe, Schiller, Kafka oder Brecht fast von jedem bekannt; aber seine Kenner wissen ihn sehr zu schätzen. Seine außergewöhnliche Dichtung und Lebensweise machen ihn sehr interessant, und geben den Lesern die Gelegenheit, zu versuchen, seine künstlerische Intension zu enkodieren, was im wahrsten Sinne des Wortes unheimlich schwierig ist.

Es fiel mir wirklich schwer, verläßliche Literaturquellen zu finden. Die Sekundärliteratur, die ich im Rahmen meiner Forschung finden konnte, war vielmehr auf die Lebensdaten des Dichters und auf seine Gedichte ausgerichtet. Die Trakl-Forschung aus den letzten drei Jahrzehnten diente während meiner Arbeit vielmehr als Stolperstein, weil darin voneinander weitgehend unterschiedliche Interpretationen vorkommen. Ein zuverlässiger Leitfaden zu einem grundlegenden Verständnis von Trakl und seinen Werken fehlt meines Erachtens bis heute. Das liegt selbsverständlich auch an den verschiedensten Auslegungsmöglichkeiten seiner Werke. Aus dieser Erkenntis heraus werde ich versuchen, Trakl und sein Werk Traum und Umnachtung „zweigleisig” d.h. aus dem Text zur Biographie oder aus der Biographie zu dem Text zu untersuchen, weil ich eine andere Herangehensweise nicht sinnvoll finde.

1. DATEN AUS GEORG TRAKLS LEBEN

Trakls Lebensweg blieb auf den engen Raum um Salzburg, Innsbruck und Wien beschränkt. Er machte nur kurze Reisen nach Venedig und Berlin. Er starb im Alter von 27 Jahren. In diesem Abschnitt möchte ich keineswegs auf eine vollständige und ausschöpfende Erläuterung eingehen, sondern nur die Daten erwähnen, die ich für das Gesamtverständnis des Textes mehr oder weniger von Bedeutung fand:[2]

1. Die Salzburger Jahre (1887-1908): Georg Trakl wurde am 3.2.1887 als viertes Kind in Salzburg geboren. Sein Vater, Tobias Trakl, war ein wohlhabender Eisenhändler und zweiter Mann der Trakls Mutter Maria Catharina Halik, die von der ersten Ehe geschieden war. Georg Trakl wurde am 8.2.1887 evangelisch getauft. Sein Vater war evangelischer und seine Mutter katholischer Konfessionen. Er bekam schon im frühen Lebensalter Französich- und Klavierunterricht. Seine Schulleistungen waren nicht besonders gut, so daß er die vierte Klasse wiederholen mußte. Als er in der vorletzten Gymnasialklasse wieder nicht versetzt wurde, bestimmte ihn der Vater zum Apothekerberuf, weil zum Studium dieses Faches die mittlere Reife als Voraussetzung genügte.
2. Studienzeit in Wien (1908-1910): Er war immatrikuliert an der Philosophischen Fakultät der Universität Wien in Pharmazie. Am 18.6.1910 starb sein Vater eine Woche nach dessen 73. Geburtstag. Am 21.7.1910 bestand Trakl die letzte Prüfung des Magisterexamens in Pharmakognosie und Chemie.
3. Militärdienst in Wien (1910-1912): Am 1.10.1910 beginnt Trakl mit dem militärischen Präsenzdienst als einjährig Freiwillieger und danach kehrt er nach Salzburg zurück und nimmt dort in einer Apotheke eine Praktikumsstelle als Rezeptarius an.
4. Militärdienst in Innsbruck und Aufenthalte in Salzburg und Wien (1912-1913): Trakl tritt seinen Probedienst in Innsbruck als Militärapotheker an. Dann arbeitet er im Ministerium für Öffentliche Arbeiten. Er richtet am 1.1.1913 an das Ministerium ein Gesuch um Entlassung aus dem Dienst. Er ist dann nicht mehr zur Arbeit erschienen. Eine Woche später wird er entlassen. Er ist inzwischen schon längst nach Salzburg und von dort aus nach Innsbruck abgereist.
5. In der Fachrechnungsabteilung des Kriegsministeriums (1913): Trakl tritt am 15.7.1913 seinen Dienst in der Fachrechnungsabteilung des Kriegsministeriums in Wien zur Probe- dienstleistung an. Ein Jahr später kommen die Gerüchte von den sich anbahnenden Kriegs- zuständen.
6. Kriegsdienstleistung und Tod (August - November 1914): Er reist in einer Nacht mit einem Militärtransport über Salzburg nach Wien. Trakls Einheit wird in der Schlacht von Grodek / Rawa-Ruska eingesetzt. Nach der Schlacht wird seine Einheit in Westgalizien stationiert. Auf dem Rückzug versuchte er, sich das Leben zu nehmen. Den Selbsmordversuch überlebte er. Deshalb wurde er in die Psychatrische Abteilung des Garnisonsspitals gebracht, wo er am

30.10.1914 um 9 Uhr abends an einer Kokain- Überdosis starb. Georg Trakl wurde in Krakau auf dem Rakovicer Friedhof beerdigt. Im Herbst 1925 wurden die Gebeine des Dichters nach Tirol überführt und auf dem Friedhof der heute zu Innsbruck gehörenden Gemeinde Mühlau beigesetzt.

2. DER TITEL „TRAUM UND UMNACHTUNG”

Trakls Werk Traum und Umnachtung fasziniert durch seine normwidrige Wirkung. Man fragt sich zunächst, ob es sich um ein Gedicht oder einen Prosastück handelt.[3] Obwohl man in dessen optischer Erscheinung eindeutig feststellen kann, daß man einen Prosatext auf der Hand hat, gerät man da in Zweifel, nachdem man ihn gelesen hat. In der Literaturwissenschaft kann man sich mancherorts darüber nicht eindeutig einigen, wie ein solches Werk gattungsspezifisch kategorisiert werden soll. Beispielsweise in der Sekundärliteratur „Zeichen und Sterne” von PFISTERER-BURGER, die ich im Rahmen meiner Arbeit immer wieder zu Rate gezogen habe, wird Traum und Umnachtung auch als „Prosagedicht” beschrieben. STUPP schreibt in diesem Zusammenhang:

„Das dichterische Werk Trakls erfüllt sich in der lyrischen Form. Die Prosastücke und dramatischen Versuche stehen am Rande, und auch sie zeichnen sich dadurch aus, daß sie lyrisch bestimmt sind, sowohl in der Empfindung als auch im sprachlichen Aufbau”.[4]

Ich möchte an dieser Stelle einen Hinweis auf einen Gedichtband von Trakl bzw. auf den Titel Sebastian in Traum[5] machen, welcher aus den folgenden fünf Teilen besteht:

1. Sebastian im Traum
2. Der Herbst des Einsamen
3. Siebensang des Todes
4. Gesang des Abgeschiedenen
5. Traum und Umnachtung

In diesem Band scheint sich die ontogenetische Entwicklung und die Vollendung eines Menschen ausgeklügelt zu schließen: Es fängt mit dem Gedicht „Kindheit” an, und dann kommt „Herbst”, danach „Tod” und „Abgeschiedene” - wie die ontogenetische Entwicklung und Vollendung eines Menschen. Traum und Umnachtung[6] bildet darin den letzten Teil. Die Entwicklung eines imaginären Kindes wird also mit Traum und Umnachtung abgeschlossen. Wie kann aber ein solcher Titel verstanden werden? Bevor man diese Trakls sehr kurz gefaßte Dichtung gelesen hat, über die man jedoch beliebig viele und lange Interpretationen schreiben kann, stößt man zunächst auf deren verwirrende Überschrift Traum und Umnachtung: PFISTERER-BURGER schreibt dazu:

„Soll hier ein Traum erzählt werden, der von Umnachtung handelt? Oder geht es eher um den Traum eines geistig Umnachteten?”[7]

Wie sie in weiterführenden Erklärungsversuchen darauf hindeutet, muß hier auf die koordinierene Konjunktion und geachtet werden: Traum und Umnachtung „und”? Was kommt danach? Man hat da eine gewiße Lücke bzw. eine gewiße Erwartung und spürt, daß diese Konstruktion ein Signal in sich birgt: es muß etwas danach kommen. Das ist genau wie der Anfang aller Märchen: Es war einmal ein (...) und (...). Genau diese Assoziation, die eine märchenhafte, mit Phantasien erfüllte Welt signalisiert, merkt der Leser. Nachdem man die Lektüre gelesen hat, spürt man, daß die Lektüre außer- gewöhnliche Schilderungen hat und irgendetwas besonderes an dieser Dichtung ist. Wie in unseren Träumen reihen sich die Bilder aneinander. Die Ereignisse wecheln plötzlich von einem ins eine andere. Als Leser haben wir ein diffuses Verstehen des Textes. Eins können wir jedoch klar nachvollziehen: Es handelt sich um eine höllische Untergangsstimmung. Erst nach mehrmaligem Durchgang können wir von den Bildern allmählich Eindrücke gewinnen. Trakls Sprache ist eine reine Bildersprache, die sich von einer faßbaren Vorstellung entfremdet und unser Vorstellungvermögen bis zu seiner letzten Stufe in Gebrauch nimmt. STUPP schreibt in diesem Zusammenhang:

„Trakls dichterische Sprache mit ihrem gespannten, intensivierenden Stil ist getreues Spiegelbild seines Wesens. Sie ist, wie die zahlreichen Untersuchungen übereinstimmend bestätigt haben, durch äußerste Konzentration bei größter Ausdrucksfülle gekennzeichnet; alle entbehrlichen Füllwörter werden fortgelassen, die traditionelle Syntax gesprengt”.[8]

Was Traum und Umnachtung als Lektüre in sich beinhaltet, und worauf der Dichter aus seinem eigenen Leben hindeuten wollte, wird in den nächsten Kapiteln mein Thema sein.

[...]


[1] Kemper 1986, S. 257.

[2] Diese Daten habe ich zusammengestellt aus Rusch / Schmitt 1983, S. 42-163.

[3] Hier möchte ich keineswegs auf die Diskussion eingehen, ob Traum und Umnachtung als Lyrik oder Epik kategorisiert werden soll. Mein Anliegen ist vielmehr die Betonung Trakls dichterische Besonderheit, die für jedes Gespür offen ist.

[4] Stupp 1969, S. 24.

[5] Erstveröffentlichung als Gedichtsband: Kurt Wolff Verlag, Leipzig, 1915.

[6] Erstveröffentlichung in: Der Brenner, 4. Jahr, Innsbruck, 1. Februar 1914, Heft 8/9, S. 358-363.

[7] Pfisterer-Burger, 1983, S. 20.

[8] Stupp 1969, S. 26.

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Interpretation des Werkes "Traum und Umnachtung" von Georg Trakl
Untertitel
Trakls Werk, seine Symbolik und sein Lebensweg
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
Veranstaltung
Lenz, Büchner und ihre Bearbeiter
Note
2.0
Autor
Jahr
2003
Seiten
22
Katalognummer
V184250
ISBN (eBook)
9783656089995
ISBN (Buch)
9783656090281
Dateigröße
478 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Traum und Umnachtung, Georg Trakl, Interpretation, Trakl
Arbeit zitieren
Magister Artium E. Ü. (Autor), 2003, Interpretation des Werkes "Traum und Umnachtung" von Georg Trakl, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/184250

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