Interpretation des Werkes "Erlkönig" von Johann Wolfgang von Goethe


Seminararbeit, 2002

18 Seiten, Note: 1.0


Leseprobe

Gliederung:

1. Die Entstehung der Ballade „Erlkönig”

2. Die äußere Gestalt von „Erlkönig”

3. Der inhaltliche Aufbau des Gedichtes

4. Die Redesituationen und Wortgebrauch

5. Die Sinndeutung der Ballade

LITERATURVERZEICHNIS

1. Die Entstehung der Ballade „Erlkönig”

Goethes Ballade „Erlkönig”, die seiner voritalienischen Weimarer Zeit zugehört, ist im Jahre 1782 entstanden und eröffnet das Singspiel Die Fischerin, mit dem Untertitel „ auf dem natürlichen Schauplatz zu Tiefurth vorgestellt ”. Goethe hat dieses Singspiel für den Tiefurter Kreis der Herzogin-Mutter Anna Amalia geschrieben, und es wurde zum ersten Mal am 22. Juli 1782 in Tiefurt - an der Ilm - aufgeführt.[1] Die Braut „Dortchen”, die auf ihren Vater und ihren Bräutigam wartet, jene von ihrem Fischzuge zurückkehren, singt die Ballade Erlkönig[2], während sie im Hause am Herd arbeitet. Nach dem Erstdruck in Die Fischerin nahm Goethe die Ballade in die Schriften (Bd. 8, 1789) auf. In den Neuen Schriften (1800) ist sie auch unter der Rubrik Balladen und Romanzen zu finden. Seit der Sammlung von 1815 findet sie sich unter den Balladen zwischen Der untreue Knabe und Der Fischer.[3]

Johann Gottfried Herder, der ein Freund Goethes war, übersetzte eine alte dänische Volksballade ins Deutsche, wobei er irrtümlich den Elfenkönig als Erlkönig verstand. Dieser Übersetzungsfehler wurde dann von Goethe übernommen. Hirschenauer schreibt dazu:

„Gerade das falsch als ‘Erlkönig’ wiedergegebene dänische Wort, ‘ellerkonge’, das ‘Elfenkönig’ heißt, hat Goethes wache Phantasie beflügelt, die in seinem Innern schon schlummernden natur-magischen Vorstellungen in einer neuen Form auszudrücken” (Hirschenauer 1968, S. 159).

Goethe nahm als Grundlage die Ballade „Erlkönigs Tochter” aus Herders Volkslieder- Sammlung (1778 / 79), überarbeitete sie sprachlich und daraus entstand Erlkönig. HIRSCHENAUER stellt in seiner Auslegung zu Erlkönig fest, daß sich Goethes Dichtung und Beziehung „zu den magischen Elementen der beseelten Natur” durch die Begegnung mit Herder bestärkte. In diesem Zusammenhang betont er, daß Herder den Ursprung des Naturmagischen in der dänischen Volksdichtung entdeckt hat.[4]

Herders Gedicht „Erlkönigs Tochter” ist von der magischen Verlockung und der den Menschen verderbenden Macht geprägt. Gleiches gilt Goethes Ballade „Erlkönig”. An dieser Stelle möchte ich Herders Gedicht inhaltlich zusammenfassen, damit wir Goethes Herangehensweise für seine Dichtung bei Erlkönig besser verstehen können:[5]

Herr Oluf reitet am Vorabend seiner Hochzeit auf einem grünen Land, wo die Elfen tanzen, um seine Hochzeitsleute aufzubieten. Erlkönigs Tochter erwischt ihn, und sie lädt ihn „in den Reihen” ein, um mit ihr zu tanzen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Sie bietet ihm „güldne Sporne”, „ein Hemd von Seide” und „einen Haufen Goldes” dafür:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Als er sich immer noch abwehrt, wird er von ihr zu ”Seuch und Krankheit” verflucht und dann getötet:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Am Ende des Gedichtes wird der Leichnam des Bräutigams am Hochzeitstag unter anderem auch von dessen Braut in dramatisch erschütternder Weise identifiziert:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

An den Gedichten von Herder und Goethe erkennt man, daß beide Dichter der Naturthematik besonders in Form der Volksdichtung entgegenkamen:

„Die Nähe zur Volksdichtung, als deren vornehmste Gattungen Lied und Ballade gelten, wird nicht verleugnet, eher betont, wenn der Erlkönig zuerst im Zusammenhang mit dem Singspiel Die Fischerin erscheint” (Bormann 1996, S. 212).

BORMANN fügt hinzu: „Die von G. [Goethe] sehr geschätzte Form des Singspiels bot viel Raum für gesprochenen Dialog und Improvisation”.[6]

2. Die äußere Gestalt von „Erlkönig”

Die Ballade besteht aus acht Strophen. Jede Strophe hat vier Verse, die paarwiese gereimt sind: aabb, ccdd, usw. und gehen mit männlicher Kadenz aus. Zwei Reimpaare sind immer zu einer Strophe zusammengefaßt. Die Reimordnung kommt den wechseln- den Stimmen des Gedichtes entgegen und wirkt eindringlich. In allen Versen ist die Taktzahl regelmäßig, demgegenüber ist die Silbenzahl im einzelnen sehr unterschied- lich. Die Verse sind in der Regel vierhebig und fangen mit Auftakt an. Der Versfuß ist grundsätzlich jambisch und somit ein jambischer Vierheber, dennoch hat die Ballade keine einheitliche Metrik und wechselt dem Handlungsablauf entsprechend zwischen Jamben und Daktylen; in die 5. Strophe beispielsweise hat der Dichter einen Daktylus eingefügt, um Erlkönigs Anrede und sein verführerisches Wiegen, Tanzen und Singen zu verstärken:[7]

Und wiegen und tanzen und singen dich ein

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

oder in der Bedrohung des Kindes von dem Erlkönig:

Ich liebe dich, mich reizt deine schöne Gestalt

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

und ebenfalls die Verse

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sind daktylische Vierheber in der Ballade im Gegensatz zu den überwiegenden Jamben. Der Rythmus hat in diesem Gedicht eine bedeutsame Rolle. Er entspricht den Hand- lungsabläufen, indem durch den freien Wechsel von Jamben zu Daktylen eine spannen- de Unruhe erzeugt wird, die das ganze Geschehen bestimmt. Es wird von den oben auf- geführten Daktylen sehr deutlich, daß an entsprechenden Stellen der Ballade die insze- nierende Darstellung eine wichtige Position einnimmt. Der Metrumwechsel geht im- mer mit Unruhe, mit Spannung und Erwartung sowohl auf der Seite der Kunstfiguren als auch der Leser einher. Dies wird von MANN folgendermaßen betont: „Der Verführer [der Erlkönig] kennt sein Handwerk. Die Verse geraten ins Springen, wo er beginnt; Daktylen, ungefähr, anstatt Jamben”.[8]

Die Senkungen sind machmal gleichmäßig und manchmal frei gefüllt:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Es liegt kein Strophenenjambement vor. Das Strophenende ist gleichzeitig ein Satzende; der Satz springt nicht in die nächste Strophe über. Das Versende ist meistens ein Satzende. In den folgenden Versen fallen z.B. Versende und Satzende zusammen:

Wer reitet so spät durch Nacht und Wind?

Es ist der Vater mit seinem Kind;

Manchmal fällt das Versende mit einer Pause zusammen:

Meine Töchter führen den nächtlichen Reihn

Und wiegen und tanzen und singen dich ein.

und ebenfalls in den folgenden Versen:

Mein Vater, mein Vater, und siehst du nicht dort Erklönigs Töchter am düsteren Ort?-

3. Der inhaltliche Aufbau des Gedichtes

Beim ersten Lesen behält das Gedicht etwas Mysterioses in sich. Man gerät in Schwierigkeiten bei der Unterscheidung der Stimmen. Erst beim zweiten, sogar späteren Lesen gewinnt man eine gewisse Orientierung bei der Rollenverteilung, und der künstlerisch hervorragend gegliederte Aufbau des Gedichtes sticht ins Auge. Der Leser nimmt wahr: „Das Gedicht ist die Szene, die eine abendliche See-, Fluß- oder Sumpflandschaft dem dichterischen Auge von selbst aufführt”.[9]

Die Ballade beginnt mit einer rhetorischen Frage in dem einleitenden Erzählteil des Gedichtes: „Wer reitet so spät durch Nacht und Wind?”.

„Die Frage bewirkt, daß der Leser sich mit dem Fragenden identifiziert, und das Präsens signalisiert ihm, daß ihm keine Geschichte erzählt wird, sondern daß er Augenzeuge eines Geschehens werden soll. [...]. Danach verschwindet der Präsentator aus dem Gedicht, und die nächsten sechs Strophen, die das zentrale Geschehen darstellen, bestehen ausschließlich aus Dialogen [...]” (Gelfert 1996, S. 135f.).

In den darauffolgenden Zeilen wird diese Frage aufgelöst; ein Vater reitet zu später Stunde mit seinem Sohn. Es wird kein Grund für diese nächtliche Reise angegeben. Ob der Vater mit seinem Kind nach Hause oder zu einem Arzt reitet, bleibt dem Leser unbekannt. In der rhetorischen Frage wird durch „Nacht und Wind” im Leser ein Gefühl erweckt, so daß er eine angedeutete Gefahr instinktiv erkennen kann. Auch noch die Be- nennung „Erlkönig”, die ohne Artikel in Erscheinung tritt, steigert im Lesenden unbe- wußt das Gespür einer magischen und machtvollen Gestalt. Die unmittelbar in der Ein- gangsphase erzeugte Unruhe und die Ahnung einer implizit angedeuteten Gefahr be- rechtigen sich im folgenden: wohl in dem Arm, sicher, warm; hier spürt man intuitiv, daß der Dichter mit Wortspielen den Eindruck erweckt, daß irgendetwas nicht in Ord- nung ist. Warum sollte denn der Vater seinen Sohn so extrem behutsam behandeln? Was könnte der Grund sein, daß er durch Nacht und Wind reitend den Sohn beschirmt? Mit diesen Fragen verknüpft man den Titel Erlkönig und ahnt, daß diese noch unbe- kannte Figur in der Ballade dem Sohn was böses tun werde. „Überraschend hebt nach dieser in sich geschlossener Rahmenstrophe bewegtes Sprechen an, aus der Wahrneh- mung entspringend, die das Kind erschreckt”.[10] In den folgenden Strophen - ab der 2. bis einschließlich 7.

[...]


[1] Ich beziehe mich auf die Meinung von Ueding 1988, S. 93.

[2] Im Erstdruck von dem Singspiel Die Fischerin erscheint das Gedicht Erlkönig ohne Titel.

[3] Ich beziehe mich hier auf die Angaben von Bormann 1996, S. 212.

[4] Vgl. Hirschenauer 1968, S. 159.

[5] Die inhaltliche Zusammenfassung von Erlkönigs Tochter basiert auf Bormann 1996, S. 212.

[6] Bormann 1996, S. 212.

[7] Unbetonte Silbe wird mit (^) und die betonte mit (-) gekennzeichnet.

[8] Mann 1994, S. 140.

[9] Kommerell 1985, S. 353.

[10] Hirschenauer 1968, S. 161.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Interpretation des Werkes "Erlkönig" von Johann Wolfgang von Goethe
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
Note
1.0
Autor
Jahr
2002
Seiten
18
Katalognummer
V184251
ISBN (eBook)
9783656089988
ISBN (Buch)
9783656090274
Dateigröße
451 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Goethe, Erlkönig, Ballade, Interpretation
Arbeit zitieren
Magister Artium E. Ü. (Autor), 2002, Interpretation des Werkes "Erlkönig" von Johann Wolfgang von Goethe, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/184251

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