Neues vom Ur-Rhein

Interview mit dem Geologen und Paläontologen Dr. Jens Sommer


Fachbuch, 2011
72 Seiten

Leseprobe

Vorwort

Rätselhafter Fluss

Ein Interview mit dem Geologen und Paläontologen Dr. Jens Sommer ist das Thema des Taschenbuches „Neues vom Ur-Rhein“. Die Fragen über diesen Fluss, der noch manches Rätsel aufgibt, stellte der Wiesbadener Wissenschaftsautor Ernst Probst. Dr. Jens Sommer ist der Autor der Doktorarbeit „Sedimentologe, Taphonomie und Paläoökologie der miozänen Dinotheriensande von Eppelsheim/Rheinhessen“ (2007). Er gilt als Kenner des Ur-Rheins, der vor etwa 10 Millionen Jahren fern von Mainz durch Rheinhessen floss und dort seine Ablagerungen, die so genannten Dinotheriensande, hinterließ. Probst hat von 1986 bis heute rund 300 Bücher, Taschenbücher, Broschüren und E-Books veröffentlicht. Etliche seiner Werke befassen sich mit dem Ur-Rhein und exotischen Tieren an dessen Ufer wie Rhein-Elefanten, Menschenaffen, Krallentiere und Säbelzahntiger.

Neues vom Ur-Rhein

Interview mit dem Geologen und Paläontologen Dr. Jens Sommer, Autor der Doktorarbeit „Sedimentologe, Taphonomie und Paläoökologie der miozänen Dinotheriensande von Eppelsheim/Rheinhessen“ (2007)

Frage: Herr Dr. Sommer, Ihre Doktorarbeit über die rund zehn Millionen Jahre alten Ablagerungen des Ur-Rheins bei Eppelsheim, die so genannten Dinotheriensande, spiegelt den neuesten Wissensstand hierüber wieder. Wie und wann kamen Sie auf die Idee, sich diesem Thema zu widmen?

Antwort: Mein Interesse galt schon immer den tertiären Säugetieren. Als Student der Geologie/Paläontologie absolvierte ich im Jahr 2000 mein Praktikum an der Grabungsstelle bei Eppelsheim unter der Leitung von Dr. Jens Lorenz Franzen. Während dieser Zeit gelang mir ein bedeutender Fund, worauf mich Dr. Franzen bat, doch über eine Doktorarbeit über die „Dinotheriensande“ nachzudenken. Im Jahre 2001 verbrachte ich meinen Urlaub als Grabungshelfer an der Grabungsstelle bei Eppelsheim wo ich Dr. Ottmar Kullmer vom Forschungsinstitut Senckenberg kennen lernte. Auch er legte mir diesen Vorschlag nahe. Unter seiner Betreuung begann ich mit meiner Arbeit am 6. Januar 2002.

Frage: Die Dinotheriensande heißen so, weil sie Zähne und Knochen des bis zu 3,60 Meter hohen Rüsseltieres Dinotherium giganteum enthalten. Ist dieser Begriff heute noch berechtigt?

Antwort: Wie heute waren die Dinotherien auch früher schon äußerst interessante und ungewöhnliche Tiere. Die Ablagerungen, in denen sie gefunden wurden, hat man verständlicherweise nach ihnen benannt. Da Funde von Pferden (früher Hipparion, heute Hippotherium) in den Dinotheriensanden recht häufig sind, wurde früher auch erwogen, die Ablagerungen „Hipparionsande“ zu bezeichnen. Auch die Bezeichnung „Eppelsheimer Sande“ wurde schon früher diskutiert. Heute werden diese berühmten Ablagerungen als „Eppelsheimer Formation“ deklariert.

Frage: Bei der Lektüre Ihrer Doktorarbeit über die Dinotheriensande fällt einem bald auf, dass damit ein ungeheuer großer Arbeitsaufwand verbunden war. Welche Aktivitäten haben Sie am meisten Zeit gekostet?

Antwort: Der zeitliche Rahmen dieser Doktorarbeit erstreckte sich vom 6. 1. 2002 bis zur Prüfung am 5. 9. 2007. Die praktische Datenaufnahme habe ich im Frühjahr 2006 beendet und mich dann der schriftlichen Arbeit gewidmet. Für die 10.165 Gerölle, die ich bestimmt und vermessen habe „nur“ 3 Wochen. Den größten Arbeitsaufwand benötigte ich für die 9.483 fossilen Wirbeltierfragmente aus den Dinotheriensanden in Rheinhessen und die sedimentologischen Profilaufnahmen an der Grabungsstelle bei Eppelsheim. Für die einzelnen fossilen Wirbeltierfragmente in den historischen Sammlungen und der aktuellen Grabung in Eppelsheim wurden wenn möglich folgende Daten ermittelt: Inventarnummer, Fundbestimmung, Fundort, Fundmenge, Abkauungsgrad der Zähne, Abrollungsgrad, Bruchmuster, Mindestanzahl von Individuen und ihr Altersspektrum, Oberflächenmarken und Fundfarbe. Mit den Daten der Gerölle ergibt dies über 100.000 Messdaten.

Frage: Sie haben an wissenschaftlichen Grabungen bei Eppelsheim (Kreis Alzey-Worms) in Rheinhessen teilgenommen. Ist Ihnen dabei ein wichtiger Fund geglückt?

Antwort: Ja, am Morgen meines dritten Praktikumstages habe ich im Grobsieb an der Schlämmanlage ein kleines Fragment eines Unterkiefers mit einem Zahn gefunden. Die fertig geschlämmte Probe wurde zum Trocknen auf einer großen Folie verteilt und bis zum Abend von mir mit einer Lupe und einem kleinen Pinsel durchgesehen. Dabei fand ich zwei weitere kleine Unterkieferbruchstücke und einen weiteren Zahn, welche alle zu einem Fragment zusammen passten. Wie sich herausstellte, handelte es sich um ein Unterkieferfragment eines Kleinsäugers (Plesiosorex roosi). Dies war der erste Kleinsäugerfund in den Dinotheriensanden überhaupt. Kleinsäugerfunde sind sehr wichtig, da sie einen sehr schnellen Generationswechsel haben und somit für die zeitliche Einordnung der Fundstelle sehr wichtig sind. Nebenbei fand ich in dieser durchgesehenen Probe noch ein Schildkrötenfragment (Trionyx sp.) und, wie sich erst später herausstellte, erstmalig einen Fund eines Maulwurfes (Talpa vallesensis) in Form eines Humerus (Oberarmknochen). Bedingt durch ihre grabende Tätigkeit sind diese Oberarmknochen besonders kräftig im Knochenbau.

Frage: Hat man bei den Grabungen in Eppelsheim neue Erkenntnisse über den Urrhein gewonnen?

Antwort: Bisher hatte man immer spekuliert, wie es zu dieser Anhäufung von Wirbeltierresten kam. Bei meinen Forschungen zeigte sich, dass die fossilen Skelettreste größtenteils zerbrochen waren. Da sie in einem Flusslauf abgelagert wurden, habe ich sie auf Abrollungsspuren untersucht. Auch dies bestätigte sich. Bedingt durch meine praktische Grabungsarbeit bei Eppelsheim in den Jahren 2000 bis 2005 hatte sich gezeigt, dass alle Funde in den Dinotheriensanden nicht im Skelettverband gemacht wurden. Überwiegend waren die Funde einzeln abgelagert worden, ausgenommen im Strömungsschatten größerer Objekte, wie der große Kalkklotz im Grabungsbereich von Eppelsheim, wo die Wirbeltierreste gehäuft und durchmischt aber nicht im Skelettverband abgelagert wurden. Auch habe ich alle Funde aus allen bekannten Fundlokalitäten in Rheinhessen in den historischen Sammlungen verglichen und herausgefunden, dass sie vom Erhaltungszustand (Bruchmuster, Abrollungsgrad, Farbe) fast identisch sind. So zeigte sich mir im Grabungsbereich bei Eppelsheim, dass die Wirbeltierreste schwerpunktmäßig in drei Fossilhorizonten abgelagert wurden. Wilhelm Wagner beschrieb 1946 und 1947 am Wissberg bei Gau-Weinheim drei Fossilhorizonte im fast identischen Höhenniveau wie in Eppelsheim. Oberflächenspuren von Insekten und Raubtieren (Nagespuren, Bissspuren) deuteten auf eine längere Liegezeit der Tierkadaver, Skelette oder Teilskelette vor ihrer Sedimentation im Ur-Rhein hin.

Alle diese Fakten geben folgendes Bild wieder: Der eigentliche Fluss hatte sich im Laufe der Zeit in den kalkigen Untergrund eingearbeitet und floss tektonisch bedingten Störungen und Schwächezonen entlang. Durch zeitweilige stärkere Strömung (z. B. durch Frühjahrshochwasser) und dem dadurch resultierenden breiteren Flussbett wurde das aus dem Süden mit geschwemmte Material aus dem Uferbereich des Ur-Rheins in Form von Geröllen, Wirbeltierresten (Abrollungsgrad, Bruchmuster), Tonlinsen und Sande bei Strömungsrückgang im Flussbett, vorzugsweise in drei Fossilhorizonten, abgelagert. Durch die Hebung Rheinhessens oder die Einsenkung des Oberrheingrabens ist der Ur-Rhein nach Nordosten in seine heutige Lage gewandert, während der alte Verlauf verlandet ist. Die geologische Entwicklung des Ur-Rheins im Bereich Eppelsheim ist offenbar charakterisiert durch die Einwirkung von Sedimentation, tektonischer Hebung, Verkarstung und Erosion.

Frage: Der Ur-Rhein floss vor etwa zehn Millionen Jahren nicht durch die Gegend von Mainz und Wiesbaden, sondern westlich davon über die Gegend von Alzey auf die Binger Pforte zu. Weiß man, wie breit und tief dieser Fluss war und ob er Nebenarme hatte?

Antwort: Bei den Grabungen bei Eppelsheim zeigte sich, dass der Flusslauf in diesem Bereich eine Breite von etwa 45 bis 60 Meter erreichte. Er war nicht besonders tief, hatte aber mit Sicherheit in diesem kalkigen Untergrund (Verkarstung) einige Nebenarme. Die Zusammensetzung der Ablagerungen, insbesondere die drei Fossilhorizonte, zeigen, dass der Ur-Rhein bei Hochwasser, z. B. im Frühjahr, wesentlich breiter gewesen sein muss. Dies kennen wir auch vom heutigen Rheinverlauf. Nur damit ist zu erklären, warum so viele Skelettreste und Gerölle aus dem Umland zusammengeschwemmt und schwerpunktmäßig im Flusslauf, nachdem die Strömungsgeschwindigkeit zurück ging, abgelagert wurden.

Frage: In Rheinhessen kennt man rund ein Dutzend Fundstellen mit Ablagerungen des Ur-Rheins. Welche sind die bedeutendsten?

Antwort: Die bedeutendsten Fundstellen liegen am Wissberg bei Gau-Weinheim, bei Eppelsheim, Westhofen und Esselborn. Sie lieferten bisher die meisten fossilen Wirbeltierfragmente.

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Details

Titel
Neues vom Ur-Rhein
Untertitel
Interview mit dem Geologen und Paläontologen Dr. Jens Sommer
Autor
Jahr
2011
Seiten
72
Katalognummer
V184284
ISBN (eBook)
9783656090830
ISBN (Buch)
9783656090656
Dateigröße
9899 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Schlagworte
Ur-Rhein, Urrhein, Rhein, Rheinhessen, Dinotheriensande, Eppelsheimer Formation, Eppelsheim, Dinotherium-Museum, Deinotherium, Jens Sommer, Ernst Probst
Arbeit zitieren
Ernst Probst (Autor), 2011, Neues vom Ur-Rhein, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/184284

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