Dichte Beschreibung - Geertz' deutende Theorie von Kultur und seine Interpretation des balinesischen Hahnenkampfes


Seminararbeit, 2010

13 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Themenstellung

2. Dichte Beschreibung als Forschungsparadigma

3. Der Hahnenkampf als Dramatisierung von Status

4. Kritische Anmerkungen
4.1 Der Balinese als Untersuchungsobjekt
4.2 König Lear und der Hahnenkampf

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Themenstellung

In den 1987 veröffentlichten Aufsätzen in seinem Sammelband „Dichte Beschreibung. Beiträge zum Verstehen kultureller Systeme“ veranschaulicht Geertz seinen semiotischen Kulturbegriff unter Bezugnahme auf seine Forschungen in Indonesien und Marokko.

Im Folgenden werde ich Geertz methodisches Vorgehen auf Grundlage des Esssays „Dichte Beschreibung. Bemerkungen zu einer Deutenden Theorie von Kultur“ deutlich machen und seine Interpretation des balinesischen Hahnenkampfes darlegen. Die darauffolgende Kritik konzentriert sich dann hauptsächlich auf Geertz Darstellung des Hahnenkampfes.

2. Dichte Beschreibung als Forschungsparadigma

In seinem Essay „Dichte Beschreibung. Bermerkungen zu einer deutenden Theorie von Kultur“ legt Clifford Geertz seinen Kulturbegriff dar und beschreibt die von ihm verwendete ethnographische Vorgehensweise zum Festhalten von Bedeutung.

Geertz vertritt einen semiotischen Kulturbegriff; in Anlehnung an Max Weber ist Kultur für ihn ein vom Menschen „selbstgesponnene[s] Bedeutungsgewebe“.[1] Kultur als System gemeinsamer Symbole, also geteilter Bedeutungen und Vorstellungen könne als Sinngebungsinstanz bezeichnet werden, auf die Menschen in ihrem Handeln zurückgreifen und auf Grundlage derer sie ihre alltäglichen Erlebnisse deuten und einordnen.

Die Aufgabe des Ethnologen sei es, den „gesellschaftlich festgelegte[n] Code“ zu entschlüsseln, mit dessen Hilfe man bloßes Verhalten von einer gerichteten Handlung/ einer Gebärde unterscheiden könne.[2]

Um das menschliche Verhalten nachvollziehbar beschreiben zu können, bedient sich Geertz des Konzeptes der „Dichten Beschreibung“ von Gilbert Ryle. Während eine „Dünne Beschreibung“ nur das Geschehene wiedergibt, geht es bei der „Dichten Beschreibung“ darum, Handlungen zu interpretieren, so dass sie im Rahmen der jeweiligen Kultur verständlich werden.[3] Die Schlussfolgerungen müssen dabei stets im Kontext der Interpretationen der Beschriebenen gezogen werden, da man ihre Erfahrungen beschreiben möchte und nicht die Gefühle, die man selbst gegenüber ihrem Verhalten empfindet.[4]

Eine weitere begriffliche Unterscheidung, die Geertz macht, ist die zwischen „Niederschrift“ und „Spezifizierung“. Während erstere als Synonym für die „Dichte Beschreibung“ zu verstehen ist, also als eine Art der Dokumentation, durch die die Bedeutung eines sozialen Diskurses „dem vergänglichen Augenblick [entrissen wird]“[5], geht es bei der anschließenden „Spezifizierung“ („Diagnose“) darum, auf Grundlage des erworbenen Wissens Aussagen über die jeweilige Gesellschaft abzuleiten.[6]

Geertz argumentiert, dass es möglich sei, aus „mikroskopischen Beschreibungen“[7], also aus „einzelnen, sehr dichten Tatsachen“[8] zu solchen „Spezifizierungen“ im Sinne weitreichender Schlussfolgerungen zu gelangen, da soziale Handlungen stets „mehr als nur sich selbst kommentier[t]en“[9].

Die Bedeutungserschließung kultureller Ausprägungen vergleicht Geertz mit dem Durchdringen eines fremdartigen, literarischen Textes, der etwas über die Kultur in und für die er 'produziert' wurde aussagt.[10] Die Kultur eines Volkes als Gesamtheit bestehe jedoch aus nicht nur einem Text, sondern aus einem schwer zu entschlüsselnden - oft widersprüchlichen - „Ensemble von Texten“.[11] Die Aufgabe des Ethnologen sei es nun, auf Grundlage einzelner 'Textinterpretationen' „eine Lesart [zu] entwickeln“[12], mit Hilfe derer die untersuchte Kultur dann mehr und mehr erschlossen werden könne.

Geertz erhebt für seine Interpretationen weder den Anspruch auf Vollständigkeit noch auf absolute und endgültige Wahrheit.[13] Vielmehr weist er in seinem Essay darauf hin, dass der Ethnograph keinen direkten Zugang zum sozialen Diskurs habe[14] und seine Schlussfolgerungen deshalb auf Grundlage der Aussagen seiner Informanten ziehen müsse. „Kurz, ethnologische Schriften sind selbst Interpretationen und obendrein solche zweiter und dritter Ordnung. […] Sie sind Fiktionen, und zwar in dem Sinn, daß sie 'etwas Gemachtes' sind, 'etwas Hergestelltes'“[15]

3. Der Hahnenkampf als Dramatisierung von Status

An Geertz Abhandlung „'Deep Play' Bemerkungen zum balinesischen Hahnenkampf“ wird Geertz Ansatz, Gesellschaften wie Texte zu lesen, deutlich.

Kurz nach ihrer Ankunft in einem kleinen Ort auf Bali im Jahre 1958 werden Geertz und seine Frau während eines verbotenen Hahnenkampfes in eine Razzia verwickelt. Dadurch, dass die beiden mit den Balinesen fliehen, also vermeintlich Solidarität beweisen, werden sie von den Insulanern akzeptiert und bekommen rasch einen Zugang zu deren Kultur.

Während seines Forschungsaufenthaltes auf Bali besucht Geertz zahlreiche Hahnenkämpfe und erkennt sie als soziologisch relevante Metaphern für reale gesellschaftliche Zusammenhänge:

Hähne nehmen eine besondere Stellung in der balinesischen Gesellschaft ein: alltägliche Lebensweisheiten sind mit Hahnenmotiven durchsetzt und die - ausschließlich männlichen - Hahnenbesitzer identifizieren sich mit ihren Tieren und pflegen diese aufopferungsvoll. Doch die Hähne verkörpern nicht nur das stolze, männliche Ego, sondern stehen in Ambivalenz zu den positiven Eigenschaften, die man in sie hineinprojeziert, auch für die von den Balinesen verabscheute Animalität. Bei einem Hahnenkampf bringt der Mann also zum einen sein männliches Ego in den Ring, desweiteren dient der Kampf auch als Opfergabe für die animalischen Dämonen.[16]

Der Hauptaspekt der mehrmals wöchentlich ausgetragenen Kämpfe ist das Wetten, bei dem man zwischen zwei Wettformen unterscheidet[17]:

Zum einen gibt es die hohe Wette zwischen den zwei Wettpartnern in der Arena und zum anderen die vielen kleinen Wetten im Publikum. Während bei ersterer stets gleiche Beträge gegeneinander gesetzt werden, die kollektiv von einer um den Hahnenkämpfer gruppierten Wettgemeinschaft aufgebracht werden, ist die periphere Wette individuell und es werden ungleiche Beträge gesetzt.[18]

Die Hahnenkämpfe selbst können in - für die Balinesen - relativ uninteressante „Flache Kämpfe“ und „Tiefe Kämpfe“, bei denen die „Dramatisierung von Statusinteressen“[19] im Vordergrund steht, unterschieden werden.

„Tief“ und damit bedeutungsvoller wird ein Spiel, wenn statushohe Hahnenkämpfer gegeneinander antreten, aber auch, wenn die Hähne nahezu statusgleicher Personen oder persönlicher Feinde gegeneinander kämpfen.[20]

[...]


[1] Clifford Geertz (1987): Dichte Beschreibung. Bemerkungen zu einer deutenden Theorie von Kultur. In: Geertz, Clifford (Hrsg.): DICHTE BESCHREIBUNG. BEITRÄGE ZUM VERSTEHEN KULTURELLER SYSTEME. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag, S.9

[2] „Verhalten + Kultur = Gebärde“, ebda, S.11

[3] Nach Geertz, ebda, S.12 (ohne nähere Quellenangabe)

[4] Ebda, S.22

[5] Ebda, S.34

[6] Ebda, S.39

[7] Ebda, S.30

[8] Ebda, S.40

[9] Ebda, S.34

[10] Clifford Geertz (1987): „Deep Play“: Bemerkungen zum balinesischen Hahnenkampf. In: Geertz, Clifford (Hrsg.): DICHTE BESCHREIBUNG. BEITRÄGE ZUM VERSTEHEN KULTURELLER SYSTEME. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag, S.253 u. S.259

[11] Ebda. S.259

[12] Geertz (1987), S.15

[13] Ebda, S.26 u. S.41

[14] Ebda, S.29

[15] Ebda, S.22-23

[16] Ebda, S.209-213

[17] Ebda, S.219

[18] Ebda, S.220

[19] Ebda, S.237

[20] Ebda, S.242

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Dichte Beschreibung - Geertz' deutende Theorie von Kultur und seine Interpretation des balinesischen Hahnenkampfes
Hochschule
Universität Bremen  (Kulturwissenschaft)
Veranstaltung
Lektürekurs - Ethnologische Monographien [...]
Note
1,3
Autor
Jahr
2010
Seiten
13
Katalognummer
V184294
ISBN (eBook)
9783656089902
ISBN (Buch)
9783656090113
Dateigröße
477 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Clifford Geertz, dichte Beschreibung, Hahnenkampf, Deep Play
Arbeit zitieren
Lea Horak (Autor), 2010, Dichte Beschreibung - Geertz' deutende Theorie von Kultur und seine Interpretation des balinesischen Hahnenkampfes, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/184294

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