Die Beziehung zu ihrer Tochter Flora ist für die Heldin des Pianos nicht mehr als ein Nebenaspekt, der scheinbar in seiner Bedeutung weit hinter den anderen Verflechtungen der Hauptfigur, vor allem mit dem titelgebenden Piano, zurücktritt. Diese Arbeit zeigt jedoch, dass Flora dem Instrument parallele Funktionen und Entwicklungen durchläuft, die diese Figur (und damit die Mutter-Tochter-Beziehung) zu einem nicht weniger interessanten Thema machen und darüber hinaus auch reiche Ernte für den Mütter-Diskurs einfahren lassen.
Die folgende Analyse baut daher auf einem Vergleich zwischen den Beziehungen Ada - Piano und Ada - Flora auf. Diese Parallelität wird anhand ihrer Umsetzung auf narrativer- und Bildebene untersucht. Der Schwerpunkt liegt dabei auf einer immanenten Text- Bild- und Tonanalyse. Zunächst wird die Deutung der Be-Deutung des Pianos für Ada untersucht – als Instrument der Expression ihrer Gefühle und somit exklusivem Kommunikationsmedium zwischen ihrer (romantischen) Innenwelt und bestimmten Menschen (unter anderem auch sich selbst). Die Arbeit folgt dann den Entwicklungsstufen dieser Beziehung, ausgehend von der Eingangskonstellation, über die Vermischung der unterschiedlichen Realitätsebenen durch den „Eindringling“ in ihre Welt, Baines, und ihre gemeinsamen Gefühle füreinander. Im zweiten Teil wird schließlich das Verhältnis Ada - Flora zu den im ersten Teil herausgearbeiteten Ergebnissen in Bezug gesetzt. Schließlich wird zu sehen sein, dass Flora und das Piano erfüllen für Ada ähnliche Funktionen erfüllen und dass die „egoistische“ Mutter Ada durch die Auflösung der symbiotischen Mutter-Tochter-Beziehung überhaupt erst den Weg frei macht für eine unabhängige Entwicklung ihres Kindes: Die erfolgreichste Strategie des "Mothering" ist die, keine Strategie zu verfolgen: Die "Witch-Mother" als "Angel-Mother". Dieser Entwurf konterkariert sowohl den Mythos von der opfernden Mutter, als auch den von der Mutterschaft als Mittel zum Selbstverwirklichungs-Zweck. Die im "Piano" angedeutete Konzeption projektiert Mutterschaft quasi als Neben- bzw. „Abfall-“ Produkt des individuellen Sozialisationsprozesses. Dieser Entwurf spiegelt sich in der Aufforderung von Herrad Schenk: "Es wäre gut, wenn viele Frauen verstehen würden, dass die Fähigkeit, Kinder zu bekommen, sie nicht der Notwendigkeit enthebt, weiterhin für sich selbst nach dem Sinn des Lebens zu suchen."
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. Vorbemerkung - Gedanken zu Ada
2. Das Piano - Bedeutung, Funktion, Entwicklung
2.1. Ausgangssituation
2.2 Bedeutungszuwachs
2.3. Bedeutungsreduktion
2.4. Nicht-intendierte Funktion
3. Die Beziehung Ada-Flora
3.1. Bedeutung und Funktion Floras:
3.2. Bedeutungsreduktion
3.3. Annäherung an Stewart - Nicht-intendierte Vermittlung:
3.4. Verschmelzung der Ebenen
3.5. Retardierung
4. Schluß - Einordnung in den Mütter-Diskurs:
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Mutter-Tochter-Beziehung in Jane Campions Film "Das Piano" durch eine vergleichende Analyse der funktionalen Parallelität zwischen der Protagonistin Ada, ihrem Piano und ihrer Tochter Flora. Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie die konsequente Selbstverwirklichung der Mutter zur notwendigen Bedingung für die eigenständige Entwicklung der Tochter wird und damit tradierte Mütterbilder in Frage stellt.
- Analyse der instrumentellen Funktionen von Piano und Flora für Ada.
- Untersuchung der asynchronen, parallelen Entwicklungsverläufe der Mediatoren.
- Deutung der Mutter-Tochter-Symbiose und deren schrittweise Auflösung.
- Einordnung der Analyseergebnisse in den wissenschaftlichen Mütter-Diskurs.
Auszug aus dem Buch
2.4. Nicht-intendierte Funktion
Parallel und in Verbindung mit Flora entfaltet die beschriftete Taste (als pars-pro toto des Pianos) eine nicht-intendierte Wirkung. Sie "verrät" Adas Festhalten am Ehebruch und ihre Unaufrichtigkeit in dieser Beziehung Stewart gegenüber. Somit wird sie zum Auslöser seiner Strafaktion, in deren Zuge er Ada verstümmelt und ein zweites Mal versucht sie zu vergewaltigen. In der musikalischen Begleitung durch das Leitthema bleibt das Piano während der gesamten Verstümmelungsszene vom Auspacken der Taste durch Stewart bis zur Einstellung, in der das Blut Adas auf Floras Kleid spritzt, symbolisch anwesend.
Die im vorherigen Abschnitt geschilderte Gleichsetzung von Ada und dem Instrument wird nun auch von Stewart nachvollzogen. Nachdem er ins Haus stürzt, entläd sich seine Aggression zuerst ungerichtet gegen den Tisch, an dem Ada sitzt (damit also zwar schon an sie, jedoch nicht unmittelbar). Sein zweiter Angriff gilt dem Piano, in das er seine Axt schlägt, woraufhin Ada hinzustürzt, um ihn davon wegzuziehen. In kontinuierlicher Steigerung verletzt er dann sie selbst, und zwar in weiterer Gleichsetzung mit der Taste und dem Piano, an der Hand, durch die sie sich daran anstelle einer Sprechstimme, ausdrückt. Die Erkenntnis dieser Wertigkeit wird von Stewart so destruktiv operationalisiert und krönt so seine ignorant-patriarchalische Denkungs- und Handlungsweise.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Vorbemerkung - Gedanken zu Ada: Hier werden die zentralen Charakterzüge Adas, insbesondere ihr Wille und ihre Stummheit als Protest gegen die patriarchalische Dominanz, eingeführt.
2. Das Piano - Bedeutung, Funktion, Entwicklung: Dieses Kapitel analysiert das Klavier als zentrales Kommunikationsmedium und Repräsentationsinstrument Adas sowie dessen funktionalen Wandel im Handlungsverlauf.
3. Die Beziehung Ada-Flora: Hier steht die symbiotische Mutter-Tochter-Beziehung im Fokus und wie diese als Schutz und Abwehr gegen die Außenwelt instrumentalisiert wird.
4. Schluß - Einordnung in den Mütter-Diskurs: Die Arbeit schließt mit der These, dass eine konsequente Selbstverwirklichung der Mutter die beste Voraussetzung für die Entwicklung des Kindes darstellt und konterkariert traditionelle Mütter-Mythen.
Schlüsselwörter
Das Piano, Jane Campion, Mutter-Tochter-Beziehung, Filmanalyse, Mütter-Diskurs, Symbiose, Identität, Patriarchat, Ausdrucksmittel, Kommunikation, Weiblichkeit, Selbstverwirklichung, Rollenbilder, Filmwissenschaft, narrative Analyse.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die Mutter-Tochter-Beziehung in Jane Campions Film "Das Piano" und untersucht, wie Ada McGrath ihr Instrument und ihre Tochter Flora als Werkzeuge ihrer Kommunikation und Abwehr einsetzt.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Untersuchung der Mutter-Tochter-Symbiose, die Bedeutung von Musik und Sprache als Ausdrucksformen sowie die kritische Reflexion tradierter Mütterbilder im 19. Jahrhundert.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es zu belegen, dass Adas rücksichtslose Selbstverwirklichung paradoxerweise den Weg für die eigenständige Entwicklung ihrer Tochter Flora ebnet, entgegen dem gesellschaftlichen Ideal der "opfernden Mutter".
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin nutzt eine immanente Text-, Bild- und Tonanalyse, um die narrative und symbolische Parallelität zwischen der Beziehung Adas zu ihrem Piano und zu ihrer Tochter Flora herauszuarbeiten.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung des Funktionswandels des Pianos sowie die detaillierte Analyse der symbiotischen Beziehung zwischen Ada und Flora unter Berücksichtigung ihrer wechselseitigen Beeinflussung.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem die "asynchrone Parallelität", der "Mütter-Diskurs", "instrumentelle Kommunikation", "symbiotische Degradierung" und die "Witch-Mother" als Gegenentwurf zur "guten Mutter".
Welche Rolle spielt das Piano in der Kommunikation Adas?
Das Piano dient Ada als "Stimme" und exklusives Ausdrucksmittel, mit dem sie innere Dialoge führt und sich der fremdbestimmten, patriarchalischen Außenwelt entzieht, bis es durch ihren Reifeprozess an Bedeutung verliert.
Wie wird das Ende des Films in Bezug auf Flora interpretiert?
Das Ende wird als erfolgreiche Lösung der Mutter-Tochter-Symbiose gewertet, die es Flora ermöglicht, sich als eigenständiges Individuum zu entfalten, während Ada eine neue Harmonie und Selbstbestimmtheit erreicht.
- Quote paper
- Dr. Holger Muench (Author), 1996, Nur die Rabenmutter ist eine gute Mutter. Vergleichende Analyse der Mutter-Tochter-Beziehung in Jane Campions "Das Piano", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/18432