Familie - Büro - Heilanstalt

Die gesellschaftliche Gewalt als Ursache von Schizophrenie in Heinar Kipphardts „März“


Hausarbeit, 2010

16 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Die Familie als Repräsentation der Gesellschaft

2. Schule, Fabrik, Bundeswehr

3. Die Anstalt als Spiegel der Gesellschaft

Fazit: Die gesellschaftliche Gewalt als zentrales Thema

Erklärung

Literaturverzeichnis

Einleitung

Im Roman „März“, welcher 1976 von Heinar Kipphardt verfasst wurde, geht es um den schizophrenen Alexander März, welcher aufgrund seiner Krankheit mehr als 15 Jahre in der Heilanstalt Lohberg verbringt. Jedoch geht es in dem Buch kaum um die Auswirkungen seiner Schizophrenie oder den Krankheitsverlauf an sich, vielmehr wird eine Ursachenforschung betrieben, die sich letztendlich als ausgereifte Gesellschaftskritik präsentiert.

In der folgenden Arbeit soll nun auf die verschiedenen gesellschaftlichen Institutionen wie Familie, Schule, Arbeit und schließlich die Psychiatrie Lohberg, die Alexander März in seinem Leben zu durchlaufen hatte, eingegangen werden und untersucht werden, welche Missstände dabei zu dem Ausbrechen der Schizophrenie geführt haben. Ein besonderer Fokus soll dabei auf die Fragestellung geworfen werden, wie sich diese Sozialisationsinstanzen gleichen oder die Erfahrungen, die März in ihnen gesammelt hat, gar wiederholen. Ist in dem Roman zum Beispiel die Familie ein Repräsentant der gesamten Gesellschaft oder stellt sie ganz unterschiedliche Ansprüche an März und es kommt dadurch zum Ausbruch der Krankheit?

1. Die Familie als Repräsentation der Gesellschaft

Bei der Erforschung der Ursache der Krankheit in dem Kapitel „Rekonstruktion einer vorklinischen Karriere“ ist sich März gewiss, dass sein soziales Umfeld in Form von dem Vater, der Mutter und seiner Schwester Ursula der Hauptgrund seiner Schizophrenie sei, „schließlich die Familie sei Ursprung des Wahnsinns.“ (M 39)1

Sein Therapeut Kofler vermeidet es jedoch monokausale Erklärungen für die Schizophrenie seines Patienten abzugeben, doch auch er ist sich sicher, dass die „Verursachungen […] sicher im Feld zwischenmenschlicher Beziehungen gesucht werden“ (M 166) müssen. Nicht zu bestreiten ist jedenfalls, dass Kipphardt der Beschreibung der Familienkonstellation von März einen großen Raum in seinem Roman zusteht und immer wieder auf das Verhältnis zwischen Sohn und Eltern zurückkommt.

Der Vater, ein Polizeibeamte, der bereits seit der ersten Betrachtung seines Sohnes kurz nach der Geburt enttäuscht von ihm ist, da er an einer körperlichen Missbildung in Form einer Hasenscharte leidet, baut nie ein inniges Verhältnis zu ihm auf. Er hält ihn durch die übertrieben starke Fürsorge der Mutter für verweichlicht und versucht dem, durch strenge Disziplinierungsmaßnahmen und körperliche Gewalt entgegenzuwirken. Besonders bezeichnend sowohl für die Wertvorstellungen des Vaters, als auch für dessen harte Erziehung ist eine Sprachübung, die er mit März durchführt, um die fehlerhafte Lautbildung, bedingt durch dessen Hasenscharte entgegenzuwirken. So beginnt er: „Ar-beit und Fleiß, das sind die Flü-gel“ (M 21). Doch März schafft es nicht den Erwartungen des Vaters zu genügen und so beklagt dieser sich bei Dr. Kofler.

„Ich habe mir viel Mühe gegeben, nichts anmerken zu lassen, aber verantwortlich für ihn war ich, die Frau war blind. Habe ich früh geübt, Sprachübungen, sogar den Lehrer zugezogen, Turngeräte gekauft, Reck im Hof, Geräteturnen, dass er Körperbeherrschung lernt. Ist aber nicht viel bei rausgekommen, war nicht, was ich mir unter einen Jungen vorgestellt habe, immer so verdrückt, verträumt, verstockt […] (M 28).

So muss März täglich mit schweren Strafen für sein abweichendes Verhalten rechnen. Er wird beispielsweise „mitsamt dem Bett in die Besenkammer gestellt“ (M 26) und es wird regelmäßig auf ihn „eingeprügelt“ (M 31).

Der Vater von März ist somit ein typischer Repräsentant der damaligen nationalsozialistischen Gesellschaft und legt dadurch Wert auf die oben dargestellten klassischen deutschen Tugenden, wie Gehorsam, Härte, Disziplin und Reinlichkeit. Das Durchexerzieren dieser gesellschaftlichen Anforderungen an den jungen März, der diesen durch sein feinfühligeres Wesen nicht gerecht zu werden vermag, kann durchaus als eine Ursache für den Krankheitsausbruch gesehen werden.

Die Mutter März´ stellt in diesem Sinne das Gegenteil ihres Mannes in der Erziehung des Sohnes dar. Sie umsorgt ihn von Geburt an übertrieben stark, nachdem sie feststellen musste, wie abweisend die Umgebung auf das Kind mitsamt seiner körperlichen Missbildung reagiert, für sie aber „war Alexander was Besonderes.“ (M 25) Der Vater berichtet von dieser „Verzärtelung“ (M 25) wie folgt: „Die Frau, Herr Doktor, hat doch niemanden an ihn herangelassen, dass er sich nicht erkältet, dass er sich nicht ansteckt […] sie ist ja nur so hinund hergeflattert, nur das Kind.“ (M 25) Dies führt nicht nur dazu, dass der Vater, welcher sich durch die starke Mutter-Sohn Bindung ausgegrenzt fühlt, eine noch stärkere Antipathie gegen seinen Sohn entwickelt, sondern auch, dass der Sohn sich mehr und mehr eingeengt fühlt, wie er selbst in folgendem Gedicht beschreibt:

„Die Mutter

Die Mutter ist eine Milch

Eine schöne warme.

Aber in der man ertrinkt.“ (M 14)

Doch trotz der starken Liebe, die die Mutter für den Sohn empfindet, schafft sie es nicht, ihn vor der der Gesellschaft zu verteidigen und ihn stolz als diesen besonderen Menschen, für den sie persönlich ihn hält, zu präsentieren. Stattdessen versucht sie, seine fehlerhafte Aussprache zu verstecken, wenn Besuch ins Haus kommt und lehrt ihm, dann nicht zu sprechen. März sucht die Schuld für seine Krankheit in solchen Situationen und so beschreibt er sie in einem Aufsatz wie folgt:

„Anleitung zur erfolgreichen Erniedrigung oder Die Kunst einen anderen verrückt zu machen. Wenn er am Abend gerufen wird, Gäste zu begrüßen, dabei aber nicht sprechen soll, ist das eine verrückt machende Aufgabe für jeden daran beteiligten in jeder Hinsicht verlogen. […] Ein Kind ist ja so leicht verrückt zu machen. Kaum hat es sehr mühselig zu sich gefunden, wird ihm das sich schon abhanden gebracht. Was wir Gehirnwäsche nennen, das ist die gewöhnliche Erziehung.“0

Thomas Anz ist in seiner Abhandlung „Gesund oder krank?“ überzeugt, dass Kipphardt durch das Darstellen solcher verwirrenden Situationen auf die Doppelbindungstheorie der Schizophrenieforschung anspielt.

„Damit sind typische und schizophren eingeschätzte Kommunikationsformen in der Familie gemeint, bei denen das Kind beziehungsweise das Opfer sich Anforderungen gegenüber gestellt sieht, die einander ausschließen und denen es daher unmöglich genügen kann.“2

Dies ist bei März vor allem insofern der Fall, als dass sich die beiden unterschiedlichen Erziehungsstile von Vater und Mutter widersprechen und zum Teil gegensätzliche Ansprüche an ihn formulieren. Trotz allem verfolgen beide letztendlich das gleiche Ziel. Sie wollen ihren Sohn trotz seiner körperlichen Missbildung als unauffälliges, wenn nicht sogar vorbildliches Mitglied der Gesellschaft heranziehen. Dabei nehmen sie jedoch letztendlich keinerlei Rücksicht auf die Besonderheit von März, die nicht nur in seiner körperlichen Andersartigkeit zu suchen ist, sondern in seiner sensiblen Wahrnehmung seiner sozialen Umwelt gegenüber. Die Angst vor der Andersartigkeit repräsentiert letztendlich auch das jüngste Mitglied der Familie, die Schwester Ursula oder, wie März sie zu pflegen nennt „Ist-sie-nicht-süß.“ (M 14) Sie selbst hatte im Gegensatz zu März „das glückliche Naturell, alles was man von ihr verlangte zu machen, ohne Scham und ohne dass ihre Person daran beteiligt war.“ (M 193) So entwickelte sie sich zwangsläufig zum Vorzeigekind, dass all dem entsprach, was die Gesellschaft der damaligen Zeit von einem Kind erwartete. Sie übernimmt diese Wertevorstellungen und bringt sie im Erwachsenenalter in ihre eigene Familie ein, während März in Lohberg untergebracht ist. In einem Brief an Doktor Kofler schreibt sie:

„Obwohl modern eingestellt, vermag ich den Zusammenhang zur Erkrankung meines Bruders nicht zu sehen, alles in meinem Elternhause war vollkommen normal, entsprach ordentlichen normalen Verhältnissen, und auch ich lebe als normale Frau in einer ganz normalen Familie glücklich und zufrieden. […] Ich empfinde es doch als eine große Beängstigung die Schwester eines unheilbar Geisteskranken zu sein und beobachtete tagelang meine Kinder. Gott sei Dank sind wir alle normal und gesund.“ (M 193)

Die fünfmalige Verwendung des Begriffes normal lässt jedoch aufhorchen und vermuten, dass das Familienleben eben nicht normal war und sie, auf ihren „unheilbar geisteskranken“ Bruder angesprochen, eine regelrechte Angst empfindet, dass sie selbst dadurch unangenehm auffallen könnte.

In diesem Roman ist die Familie also zweifellos als der Repräsentant der Gesellschaft anzusehen. Sie ist die erste Sozialisationsinstitution, die das Kind auf dem Weg als „ordentliches Mitglied“ in die Gesellschaft führt. Der Vater ist dabei zweifellos das Oberhaupt der Familie und hat letztendlich die volle Entscheidungsgewalt. Der Rest der Familie hat seinen Anweisungen zu folgen und wird gegebenenfalls durch physische und psychische Gewalt untergraben.

[...]


1 In der Arbeit werden Zitate aus dem Roman durch das Kürzel M und der entsprechenden Seitenzahl markiert. Zitate, die länger als 3 Zeilen und nicht in den Satz eingebunden sind, stehen zur besseren Übersicht frei.

2 Anz, Thomas: „Gesund oder krank?“ Stuttgart 1989. S. 100. 6

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Familie - Büro - Heilanstalt
Untertitel
Die gesellschaftliche Gewalt als Ursache von Schizophrenie in Heinar Kipphardts „März“
Hochschule
Philipps-Universität Marburg
Note
1,7
Autor
Jahr
2010
Seiten
16
Katalognummer
V184335
ISBN (eBook)
9783656090731
ISBN (Buch)
9783656090540
Dateigröße
514 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Heinar Kipphardt, März, Psychiatrie, Nervenheilanstalt, Irrenanstalt, Schizophrenie, Geisteskrankheit
Arbeit zitieren
Tina Hellwig (Autor), 2010, Familie - Büro - Heilanstalt, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/184335

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