Wilhelm Hauff - Das kalte Herz: Ein Exposé


Essay, 2011
6 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Das Märchen „Das kalte Herz“ von Wilhelm Hauff, erstmals erschienen 1827, handelt vom armen Köhler Peter Munk, der mit seinem Stand und seinen damit verbundenen finanziellen Mitteln nicht zufrieden ist und sich einen Ausweg aus dieser Situation bei Waldgeistern sucht. Der erste Waldgeist, das Glasmännlein (das auch „Schatzhauser“ genannt wird), gewährt ihm drei Wünsche, wobei das Glasmännlein den dritten ablehnen kann, wenn es ihn für töricht hält. Peter Munk nutzt die ersten beiden Wünsche für materielle Güter, getrieben vom Neid auf drei wohlhabende aber geizige Handwerker. Nach einer Phase der Misswirtschaft sucht er Hilfe beim zweiten Waldgeist, dem Holländer-Michel, welcher das Herz des Köhlers gegen unermesslichen Reichtum eintauscht. Schließlich erkennt Peter Munk, dass er durch den Verlust seines Herzens zwar von jeglichen materiellen Sorgen befreit wurde, aber auch die Freuden des Lebens verloren hat, und nutzt den dritten Wunsch des Glasmännleins, um durch eine List sein Herz wiederzuerlangen.

Ruhe, Beschaulichkeit, Ordnung, Innerlichkeit, Mäßigung, der Rückzug aus dem Politischen und eine tendenziell konservative Geisteshaltung. Diese der Biedermeierzeit zugeordneten Attribute sollen im Folgenden in der Erzählung Hauffs aufgezeigt werden, um somit eine Zuordnung zur entsprechenden Literaturepoche zu legitimieren.

Besonders in den Vordergrund tritt die Tugend der Mäßigung, bzw. ihr Gegenteil, die Gier. Peter Munk ist zu Beginn des Märchens ein aufrichtiger Köhler, der sein Handwerk von seinem Vater gelernt hat und dessen Erbe angetreten. Doch er ist unzufrieden und beneidet jeden anderen Menschen, der wohlhabender scheint. Dies reicht von den Flözern („Auch die Flözer auf der andern Seite waren ein Gegenstand seines Neides“1 ) bis hin zu den drei reichen Gestalten aus dem Wirtshaus, die zum einen alle genügend Geld, und zum anderen auch noch diverse Begabungen haben, auf die er neidisch ist. Es ist die Summe dieser Eigenschaften, „was Peter gern erreichen würde“2: Der dicke Ezechiel „galt für den reichsten Mann in der Runde“3, den langen Schlunker beneidet er wegen seiner „ausnehmenden Kühnheit“4 und den Tanzboden-König, weil er „am besten tanzte weit und breit.“5 Doch diese Charaktere haben allesamt einen offensichtlichen und großen Makel, der als „Hauptfehler“6 bezeichnet wird, und zwar ihren „unmenschlichen Geiz.“7 Hier erkennt man eine Vorschau auf das Leben von Peter Munk, nachdem er die beiden Waldgeister besucht hatte. Er wird sogar mehr monetäre Möglichkeiten und gesellschaftliche Fähigkeiten durch die Magie der Waldgeister erlangt haben, aber genauso wird der „Hauptfehler“, der bei diesen drei Charakteren schon stark ausgeprägt ist, bei Peter Munk noch gravierender hervortreten. Allerdings kommt dieser erst zum Vorschein, als Munk sein Herz an den zweiten Waldgeist verkauft und damit erneut den Zugang zu Reichtum hat, welcher jedoch diesmal scheinbar unerschöpflich ist.

Das Glasmännlein und der Holländer-Michel bilden zwei Antipode in der fantastischen Erzählung. Die erste Figur ist als moralische Instanz zu sehen: Sie appelliert an die christlichen Tugenden und versucht, Peter Munk in der Wahl seiner Wünsche vor Hochmut und Müßiggang zu warnen.8 Der Holländer-Michel hat eine dunkle und kriminelle Vergangenheit und reißt die Menschen ins Unglück, denen er durch den Tausch mit ihren Herzen unermesslichen Reichtum schenkt. Das erinnert an den „Teufelspakt“9, wie er in Goethes Faust vorkommt. Peter Munk verkauft mit seinem Herz seine Seele für irdische Genüsse. Die Gier und der Neid, die durch das Fehlen des Herzens ausgelöst werden, treiben ihn erst dazu, seine eigene Mutter, die offenbar Not leidet, weil ihr Sohn sie nicht mehr unterstützt, nicht in seinem Haus aufzunehmen, obwohl er einen beachtlichen Wohlstand angesammelt hatte. Er bezeichnet sie gar als „das alte Weib“10, das ihm am meisten Beschwerde mache. Schließlich gipfelt dieser Neid darin, dass er seine eigene Frau umbringt, da sie entgegen seiner Anordnung einem Bettler Almosen gibt. An diesem Höhepunkt ist der Waldgeist Glasmännlein anwesend, der sich als ebendieser Bettler verkleidet hatte.

Schlussendlich erkennt Peter Munk, dass sein Leben durch seine Geldgier und Herzlosigkeit am Abgrund steht. Er bereut seine Taten und bittet mit seinem letzten Wunsch das Glasmännlein, dass er sein Herz wiederbekommen möge. Durch einen Trick des Glasmännleins überlistet Munk den Holländer-Michel und erhält sein pochendes Herz zurück. Das Glasmännlein hat nun Mitleid mit ihm und verspricht, ihm zu helfen, wenn er „nur wüsste, dass dir dein Leben recht leid tut.“11 Da der ehemalige Köhler nun nicht mehr gierig ist, erhält er seine Frau zurück und kann fortan wieder in seiner ursprünglichen Profession ein bescheideneres Leben fristen. Dieses Szenario ist der typische Aufbau eines Märchens. Der Protagonist, der zu Beginn der Geschichte einen schweren Fehler begangen hat, erkennt ihn in letzter Sekunde und kann sich mit Unterstützung der guten Macht (dem Glasmännlein) aus der Gewalt der bösen Macht (dem Holländer-Michel) befreien. Er bereut, und dies „rettet ihn“12 letztendlich. Am Ende der Erzählung steht nun die Erkenntnis und die Moral von allem: „Es ist doch besser zufrieden zu sein mit wenigem, als Gold und Güter haben, und ein kaltes Herz.“13 Um es in den biedermeierschen Kontext zu stellen, kann man sagen, dass die sonst vielbeschriebene Ruhe, Beschaulichkeit, Ordnung, Innerlichkeit und Mäßigung nicht während der ganzen Erzählung besteht. Vielmehr gilt es, durch das Märchen diesen Zustand wiederherzustellen. Munk ist durch eine Reihe von Prüfungen und Fehlschlägen gegangen, erreicht jedoch endlich einen Zustand, bei dem er zwar weniger irdisches Vermögen hat, jedoch zufrieden und glücklich ist. An dieser Stelle ist auch Kritik am Kapitalismus herauszulesen. Alle wohlhabenden Figuren in dem Werk haben ihr Herz und somit ihre Seele und ihr Empfinden beim Holländer-Michel eingetauscht: Ezechiel, der Tanzboden-König, der Oberförster, sechs Kornwucherer, acht Werbeoffiziere und drei Geldmäkler.14 Der Flözer, bei dem Peter Munk für eine Nacht unterkommt und der ihm die Geschichte des Holländer- Michels erzählt, hält treffend dazu fest: „Jetzt, seit so viel Geld im Land ist, sind die Menschen unredlich und schlecht.“15

In Bezug auf die Innerlichkeit kann ein klarer Bezug zu dem Motiv des „kalten Herzens“ hergestellt werden. Wo vorher Emotionen waren, wo Peter Munk als ein empfindsamer junger Mann beschrieben wird, der um seine Außenwirkung bemüht ist und mehr aus sich machen möchte, der seine Zeit nutzt zum „Nachdenken über sich und andere“16, dort ist durch das „kalte Herz“ nichts mehr geblieben. Emotionen werden nicht zugelassen, da er nichts mehr fühlen kann. Die vorherige Innerlichkeit von Peter Munk ist mit dem Einpflanzen des kalten Herzens sprichwörtlich gestorben.

Neuhaus sieht in dieser Geschichte nicht den Bestand der biedermeierlichen Idylle gegeben, sondern findet gar eine gewisse Ironie darin, wie beispielsweise in einer letzten Szene, bei der sich die Tannenzapfen, die das Glasmännlein dem Sohn von Munk als Pate schenkt, in Gold verwandeln.17 Es ist dem zuzustimmen, jedoch sollte hier noch hervorgehoben werden, dass das Fehlen dieser Idylle gerade eine Bejahung dieser Geisteshaltung ist. Peter Munk durchlebt zahlreiche Phasen, in denen er mit dem Vorhandenen nicht zufrieden ist, obwohl es ihm an nichts mangelt. Er sündigt, indem er gierig, geizig und faul ist und lebt in der Folge als skrupelloser Kapitalist.

[...]


1 Hauff 2007: 6.

2 Neuhaus 2002: 131.

3 Hauff 2007: 6.

4 Ebd.

5 Ebd.

6 Ebd. :7.

7 Ebd.

8 Vgl.: Hauff 2007: 22-23.

9 Neuhaus 2002: 133.

10 Hauff 2007: 40.

11 Ebd.: 51.

12 Neuhaus 2002: 135.

13 Hauff 2007: 53.

14 Ebd.: 35.

15 Ebd.: 12.

16 Ebd.: 5.

17 Neuhaus 2002: 134.

Ende der Leseprobe aus 6 Seiten

Details

Titel
Wilhelm Hauff - Das kalte Herz: Ein Exposé
Hochschule
Philipps-Universität Marburg  (Institut für Neuere deutsche Literatur)
Veranstaltung
Literatur der Biedermeierzeit
Note
1,3
Autor
Jahr
2011
Seiten
6
Katalognummer
V184377
ISBN (eBook)
9783656091660
Dateigröße
532 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Wilhelm Hauff, Das kalte Herz, Biedermeier, Biedermeierzeit, Biedermeierepoche, Glasmännlein, Peter Munk, Schatzhauser, Waldgeist, Holländer-Michel, Beschaulichkeit, Mäßigung, Innerlichkeit, Teufelspakt, Herzlosigkeit, Idyll, biedermeierliches Idyll
Arbeit zitieren
Carlos Steinebach (Autor), 2011, Wilhelm Hauff - Das kalte Herz: Ein Exposé, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/184377

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