Zu: Oswald Spengler: Der Untergang des Abendlandes


Essay, 2002
9 Seiten, Note: sehr gut

Leseprobe

Oswald Spengler: Der Untergang des Abendlandes.

Umrisse einer Morphologie der Weltgeschichte, 2 Bde., München 1918/1922

Wenn sich je ein Titel von seinem Buch löste – um zum geflügelten Wort zu werden –dann im Fall Spenglers. Sein Werk, so vieldeutig wie universal, stellt keinen geringeren als den im ersten Satz formulierten Anspruch: In diesem Buch wird zum ersten Mal der Versuch gewagt, Geschichte vorauszubestimmen.[1]

Oswald Spengler, 1880 in Blankenburg/Harz geboren, entwickelt schon früh Monumentalphantasien. In Schulheften finden sich Notizen über imaginäre Reiche – Einträge zur Bevölkerungsdichte bis hin zur Verfassung. Er entwickelt Chronologien und Historien, es geht um Entscheidungskämpfe, um die Neuordnung Europas und der übrigen Welt. Seine Begeisterung für Literatur und Philosophie führt zu regelrechten Leseobsessionen. Er verschlingt bereits in jungen Jahren große Teile der Weltliteratur und zeigt sich vor allem von der Philosophie Schopenhauers und Nietzsches nachhaltig beeindruckt. Sein Studium der Mathematik und Naturwissenschaft schließt er 1904 mit einer Dissertation über Heraklit ab. Hier benutzt Spengler bereits Motive des Werdens und Vergehens und deutet den Untergang der antiken Aristokratie als „vollkommen zu Ende gedachtes System des Relativismus.“[2] Nachdem das Erbe seiner Mutter ihn finanziell unabhängig macht hat, gibt er den Lehrberuf auf und läßt sich in München als freier Schriftsteller nieder. Doch statt Anschluß an die Münchener Avantgarde sucht er deren Gegnerschaft. In selbstgewählter Einsamkeit, zwischen Sensibilität und Vermessenheit, beginnt Spengler sein Werk. Die Krise von Agadir, die Deutschland weitgehend politisch isolierte, sieht er als geistigen Wendepunkt, als „Typus einer historischen Zeitwende, die innerhalb eines großen historischen Organismus von genau begrenzbarem Umfange einen biographisch seit Jahrhunderten vorbestimmten Platz hatte“[3] ; sie wird für ihn zum Kairos.

Spenglers Werk will Diagnose und Prognose sein. In einem Brief an einen Verleger spricht er von „einer vollständigen Analyse der menschlichen Kultur“.[4] Er will mehr als Zivilisationskritik aus einem Zeitgefühl heraus. Spenglers neue Methode soll es möglich machen, Geschichte in ihren noch nicht abgelaufenen Stadien vorauszusagen. Der erste Band, der 1918 erscheint, trägt den Untertitel „Gestalt und Wirklichkeit“. Hier geht es Spengler darum, die Formensprache der großen Kulturen darzulegen, ihre Wurzeln und die Grundlagen ihrer Symbolik aufzuzeigen. Im weiteren versucht er einen Vergleich der Kulturen untereinander. Im zweiten Band, der 1924 mit dem Untertitel „Welthistorische Perspektiven“ erscheint, wird versucht, die Tatsachen des wirklichen Lebens und die historische Praxis zu beschreiben. Schließlich wird eine Quintessenz der geschichtlichen Erfahrung angeboten.

Jeder neue geschichtsphilosophische Entwurf ist auch Reaktion auf vorangegangene. In dieser Hinsicht kann „Der Untergang des Abendlandes“ als Absage an traditionelle Geschichtsschreibung verstanden werden. Das „unglaubwürdig dürftige und sinnlose Schema“[5] – die herkömmliche Periodisierung in Altertum, Mittelalter und Neuzeit - verwirft Spengler zugunsten einer neuen Ordnung. Statt eurozentrischer Fokussierung soll eine Universalhistorie geleistet werden, die alle acht Hochkulturen (die arabische, indische, babylonische, mexikanische, chinesische, ägyptische, antike, abendländische) gleichberechtigt nebeneinander stellt und auf Analogien untersucht. Um wissenschaftlichen Ansprüchen zu genügen, setzt Spengler Prämissen, die in der Entwicklung seiner Methoden zum System ausgebildet werden. Eine zentrale Grundannahme geht davon aus, dass Kulturen wie die lebendige Natur durch eine „organische Logik“[6] beherrscht werden. Wie der Mensch durchlaufen sie die Stadien von Jugend, Aufstieg, Blütezeit, Verfall, die als „biographische Urformen“[7] nicht subjektiv, sondern „objektive Bezeichnungen organischer Zustände“[8] sind, wobei von einem Jahrtausend Lebensdauer einer Kultur ausgegangen wird. Der Analogieschluß ermöglicht es, die „organische Struktur“ der Kulturen freizulegen und mit der Deutung der „Formensprache“[9] Geschichte erkennbar zu machen. Der Parallelismus zwischen kultureller Entwicklung und allgemeinem Naturprozeß ermöglicht das Kriterium der Gleichzeitigkeit. Die Verlaufsformen der Kulturen stimmen in ihren Stadien überein. Auch wenn sie in verschiedenen Epochen beginnen und enden, so verlaufen sie doch nach den gleichen Zyklen, in diesem Sine also gleichzeitig. Das Prinzip der Gleichzeitigkeit wird zum Schlüssel, der den genetischen Code jeder Kultur lesbar und prognostizierbar macht. Um die Erscheinungen einer Kultur in ihrer Symbolik von der bloßen empirischen Faktizität zu unterscheiden, braucht es „physiognomischen Takt“[10], da die „Erscheinung nicht nur Tatsache für den Verstand, sondern auch Ausdruck des Seelischen ist“.[11] In seiner Formenlehre, der Morphologie der Weltgeschichte, geht es Spengler darum, Tatsachen zu verstehen - „was sie durch ihre Erscheinungen bedeuten, andeuten“[12] Sämtliche Lebensäußerungen einer Kultur werden durch die prägende Kraft des spezifischen Ursymbols bestimmt. Das Ursymbol ist „im Formgefühl jedes Menschen, jeder Gemeinschaft, Zeitstufe und Epoche wirksam und diktiert ihnen den Stil sämtlicher Lebensäußerungen.“[13] Unter dem Diktat des jeweiligen Ursymbols entfaltet sich eine Kultur, deren Gestaltungskraft in ihrem Endstadium, der Zivilisation, ermattet und in ein Dasein ohne innere Form zerfällt. Die Physiognomik soll die elementaren Prinzipien jeder Kultur - Ursymbol und Schicksalsidee - freilegen und in Einfluss und Wirkung verstehen.

[...]


[1] Spengler, Oswald: Der Untergang des Abendlandes. Umrisse einer Morphologie der Weltgeschichte. Nachdruck. München: Ch. Beck 1969, S. 3.

[2] Felken, Detlev: Oswald Spengler. Konservativer Denker zwischen Kaiserreich und Diktatur. München: Ch. Beck1988, S. 21.

[3] Ebd. S. 33.

[4] Wolff, Kurt: Briefwechsel eines Verlegers 1911-1963. Frankfurt a.M. 1966, S. 284.

[5] Spengler: UdA, S. 21.

[6] Ebd. S. 35.

[7] Ebd. S. 35.

[8] Ebd. S. 36.

[9] Ebd. S. 36.

[10] Ebd. S. 152.

[11] Spengler, UdA, S. 69.

[12] Ebd. S. 8.

[13] Ebd. S. 226.

Ende der Leseprobe aus 9 Seiten

Details

Titel
Zu: Oswald Spengler: Der Untergang des Abendlandes
Hochschule
Universität Siegen  (Geschichte)
Veranstaltung
Geschichtsbilder des 20. Jahrhunderts
Note
sehr gut
Autor
Jahr
2002
Seiten
9
Katalognummer
V18439
ISBN (eBook)
9783638227896
Dateigröße
448 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Oswald, Spengler, Untergang, Abendlandes, Geschichtsbilder, Jahrhunderts
Arbeit zitieren
Daniel Seibel (Autor), 2002, Zu: Oswald Spengler: Der Untergang des Abendlandes, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/18439

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