Die Todesanzeige - eine Gattungsanalyse

Chronologische Motivationsveränderung eines Kommunikationsmittels?


Magisterarbeit, 2011
132 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Danksagung

Vorwort

Einleitung

I Fragestellung, Vorgehensweise, Überblick, Technik
1 Gegenstand der Arbeit
2 Fragestellung im Detail
3 Inhaltliche Vorgehensweise
4 Theorie und Technik

II Gattungsanalyse – Todesanzeige: Geschichte, Formen, Merkmale, neue Tendenzen
1 Historische Bedingungen, Voraussetzungen, Entwicklung der Todesanzeige
2 Klassifikation
2.1 Nachruf
2.2 Gedenkanzeige
2.3 Danksagung
3 Die Todesanzeige im Detail
3.1 Merkmale der Textsorte Todesanzeige
3.2 Funktionen der Textsorte Todesanzeige
4 Die Todesanzeige – neue Tendenzen, Ausprägungen, Nova -Enttabuisierung
4.1 Tabubruch
4.2 Neue, besondere Formen der Todesanzeige

Zusammenfassung

III Schlusswort

Literaturverzeichnis

Anhang: Quellennachweise der aufgeführten Grafiken

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildungsverzeichnis

Abb. 1: TA(I) Franz Wächter

Abb. 2: TA (II) Annelies Tittmann

Abb. 3: TA (III) Nachruf

Abb. 4: TA (IV) Gedenkanzeige

Abb. 5: TA(V) Danksagung

Abb. 6: TA(I) reduziert auf den Trauerrand

Abb. 7: TA(II) mit Absätzen und Freiflächen

Abb. 8: TA(VI) Bruch mit Absätzen und Freiflächen

Abb. 9: TA(VII) Annonce gänzlich farblich gestaltet

Abb. 10: TA(II) bewusst gewählte Typographie

Abb. 11: TA(II) reduziert auf den Vorspruch

Abb. 12: TA(I) reduziert auf den Vorspruch

Abb. 13: TA(I) reduziert auf Ehrung und Würdigung

Abb. 14: TA(I) reduziert auf die Namensnennung des Toten

Abb. 15: TA(II) reduziert auf die persönlichen Daten

Abb. 16: TA(IX) kuriose Symbolik

Abb. 17: TA(X) Anzeige als Gesamtgrafik

Abb. 18: SYM(I) Kreuz

Abb. 19: SYM(II) Rose

Abb. 20: SYM(III) geknickter Halm

Abb. 21: SYM(IV) "Betende Hände" von Albrecht Dürer

Abb. 22: SYM(V) Natursymbolik

Abb. 23: SYM(VI) Symbol des Bergbaus

Abb. 24: SYM(VII) Symbol der Jäger

Abb. 25: SYM(VIII) Symbol der Fleischer

Abb. 26: SYM(IX) Zeichen der Freimaurer

Abb. 27: SYM(X) Eisernes Kreuz

Abb. 28: TA(I) reduziert auf das Symbol

Abb. 29: TA(I) reduziert auf den Trauertext

Abb. 30: TA(II) reduziert auf den Trauertext

Abb. 31: TA(XI) historische Anzeige von 1820

Abb. 32: TA(II) reduziert auf die Todesumstände

Abb. 33: TA(I) reduziert auf die Todesumstände

Abb. 34: B(I) Synonyme für "sterben"

Abb. 35: TA(III) Trauertext für ehemaligen Mitarbeiters

Abb. 36: TA(II) Auflistung der Hinterbliebenen

Abb. 37: TA(I) reduziert auf organisatorische Hinweise

Abb. 38: TA(XIII) Suizid als Todesursache

Abb. 39: TA(XII) Bekenntnis zur Homosexualität

Abb. 40: TA(XIV) Drogenmissbrauch als Todesursache

Abb. 41: TA(XV) Drogenmissbrauch als Todesursache

Abb. 42: TA(XVI) Sammelanzeige für Personen, die an AIDS verstarben

Abb. 43: TA(XVII) Werbung des ehemaligen Arbeitgebers

Abb. 44: TA(XVIII) Werbung des ehemaligen Arbeitgebers

Abb. 45: TA(XIX) Werbung des ehemaligen Arbeitgebers

Abb. 46: TA(XX) Werbung des ehemaligen Arbeitgebers

Abb. 47: TA(XXI) Anzeige des ehemaligen Arbeitgebers

Abb. 48: TA(XXII) Anzeige des ehemaligen Arbeitgebers

Abb. 49: TA(XXIII) Todesanzeigewird für politische Zwecke genutzt

Abb. 50: TA(XXIV) Todesanzeige mit politischer Gesinnung der Toten

Abb. 51: TA(XXV) politisch eingefärbt Todesanzeige

Abb. 52: TA(XXVI) Anzeige für ehemaliges HIAG-Mitglied

Abb. 53: TA(XXVII) vorgefertigte Selbstanzeige

Abb. 54: TA(XXVIII) vorgefertigte Selbstanzeige

Abb. 55: TA(XXIX) vorgefertigte Selbstanzeige

Abb. 56: TA(XXX) einstige Ehe wird betrauert

Abb. 57: TA(XXXI) Vehikelanzeige

Abb. 58: TA(XXXII) Todesanzeige für Jesus von Nazareth

Abb. 59: TA(XXXIII) kuriose Gestaltung

Abb. 60: TA(XXXIV) kuriose Gestaltung

Abb. 61: TA(XXXV) kuriose Gestaltung

Abb. 62: TA(XXXVI) Tieranzeige

Abb. 63: TA(XXXVII) Tieranzeige

Abb. 64: TA(XXXVIII) Gedenkanzeige für verstorbenen Mann

Abb. 65: TA(XXXIX) Sammelanzeige für Sternenkinder

Abb. 66: B(II) Gedenktafel für Tot- und Fehlgeburten

Abb. 67: B(III) Todesanzeige als Heckscheibenaufkleber

Danksagung

Leider lässt sich eine wahrhafte Dankbarkeit mit Worten nicht ausdrücken.

Johann Wolfgang von Goethe

Einen Versuch wage ich trotzdem:

Danken möchte ich in erster Linie meiner Familie. Seit nunmehr siebenjährigem Studium seid ihr mir immer noch wohlgesonnene Financiers, beständiger Kummerkasten, unaufhörlicher Motivationscoach, tatkräftiger Umzugshelfer und so vieles mehr – DANKE.

Weiterhin möchte ich meinem Partner und all meinen Freunden, Verwandten und Bekannten danken, die, ob sie wollten oder nicht, zu Helfern dieser Arbeit (gemacht) wurden. Ihr habt Zeitungsartikel, Todesannoncen, Büchervorschläge etc. für mich gesammelt; Gemütsstimmungen unterschiedlichster Art ertragen; mit mir Themen diskutiert und mich trotz allem nie allein gelassen – DANKE.

Letztlich gilt mein Dank meinen Korrektoren: Herr Prof. Dr. Gerhard Meiser und Frau Dr. Marlis Anders-Sailer. Sie haben mich nicht nur vom ersten Tag an durch ein 14 Semester andauerndes Studium begleitet, sondern standen mir darüber hinaus bei dieser nun alles abschließenden Arbeit stets hilfreich zur Seite – DANKE.

Vorwort

Die vorliegende wissenschaftliche Arbeit zur Erlangung des akademischen Grades Magister/tra Artium beschäftigt sich mit einem Thema, welches sowohl Interesse, Verwunderung, als auch ein gewisses Maß an Ablehnung bei den Personen weckte, die davon erfuhren. Deshalb möchte ich an dieser Stelle mit Nachdruck kenntlich machen, dass ich mit entsprechender Sensibilität, Achtung und der nötigen Pietät vorgegangen bin, welche diese komplexe Thematik verlangt.

Eine Anonymisierung der aufgeführten Todesannoncen, Danksagungen und Nachrufe war aus juristischer Sicht nicht nötig, da alle Anzeigen und Artikel bereits in Tageszeitungen, Zeitschriften und Büchern abgedruckt wurden. Lediglich Traueranschrift, Spendenkonto und explizite Informationen hinsichtlich des Beerdigungsprozederes habe ich aus Datenschutzgründen retuschiert.

Weiterhin ist die den Hauptteil dominierende Gattungsanalyse nur dann zweckmäßig, wenn anhand von unverfälschtem Material gearbeitet werden kann, denn insbesondere Titel, Namen, Geburts- und Sterbedaten etc. sind für die Untersuchung der vermeintlichen Motivationsveränderung ausschlaggebend.

Einleitung

Zur Vollendung des Menschen gehört auch der Tod; denn auch er gehört zur Bestimmung, das heißt zur Natur des Menschen.

Ludwig Feuerbach

Der Tod ist ein unbeherrschbarer, allgegenwertiger Aspekt des Lebens, mit dessen Eintreten wir Menschen seit Anbeginn der Zeit permanent rechnen müssen. Waren es einst bei den Primitiven die Jagd auf Großwild, (aus heutiger Sicht) banale Verletzungen oder Krankheiten, Umwelteinflüsse und dergleichen mehr, so sind es heute u.a. Verkehrsunfälle, Sport- und Arbeitsunfälle, der Missbrauch von (illegalen) Genussmitteln und Suizid welche zum Tod eines Menschen führen. Es wird ersichtlich, dass durch die gesellschaftliche Weiterentwicklung und die damit verbundenen technischen Neuerungen gänzlich veränderte Motive für das Ableben einer Person entstanden sind. Sah man sich in der einen Genration mit kriegsbedingter Arbeitslosigkeit und Hungersnöten konfrontiert, sind es in einer Folgegeneration möglicherweise Herz-Kreislauf- oder Viruserkrankungen, die als Hauptgrund für den Tod einer Person genannt werden. Diese stetige Veränderung der Todesursache ist eine logische Konsequenz des ebenso beständig anhaltenden Wandels, in dem sich der Mensch befindet. Selbstverständlich geht damit ebenfalls die Einstellung, die die Bevölkerung zum Tod einnimmt einher, denn gleichsam der anderen aufgezählten Sachverhalte hat auch sie sich in Anbetracht der fortlaufenden Epochen verändert.

Diese Haltungsmodifikation soll den Ausgangspunkt der vorliegenden Arbeit bilden. D.h., ich möchte einleitend darstellen, welche Position der Mensch vor Christi Geburt gegenüber dem Tod einnahm und wie sich die Haltung über die Jahrhunderte hinweg bis hin zum heutigen Tag gewandelt hat, um resultierend die Konsequenzen, die eine Einstellungsveränderung immer mit sich bringt, aufzuzeigen. Im vorliegenden Fall sollen exemplarisch die Auswirkungen auf die Gestaltungsmerkmale der Textsorte Todesanzeige veranschaulicht werden, die sich als Bestandteil kommunikativer Gattungen vor knapp 260 Jahren in Deutschland entwickelte. Die Entscheidung, derartige Umbrüche mit Hilfe der Todesanzeige zu belegen, war naheliegend, denn in keiner anderen Anzeigenform wird das (sich ständig ändernde) Verhältnis zwischen Mensch und Tod transparenter vorgeführt als in dieser.

In ihren Anfängen diente sie ausschließlich der Organisation und Umstrukturierung von geschäftlichen Angelegenheiten und Handel im Allgemeinen, wenn es zum Eintritt eines Sterbefalls in diesem Metier kam. Dadurch erschien die Todesanzeige eher selten, denn ihr Zweck unterlag der reinen Informationspflicht gegenüber Kollegen und Kompagnons im kaufmännischen Sektor – private Inserate für Familienmitglieder waren zu diesem Zeitpunkt noch unüblich. Sie wies keinerlei Merkmale der äußeren Gestaltung auf, wurde inmitten vieler anderer Annoncen abgedruckt und war somit eher unscheinbar. Und heute? Heute erscheinen Sterbefälle in einer gesonderten, eigens für sie eingerichteten Rubrik – den Familienanzeigen – der ortsansässigen Tageszeitung; dick eingerahmt von einem schwarzen Trauerrand und oftmals mit einem Symbol versehen, informieren sie den Rezipienten, wer in den vergangen Tagen verstarb. Viele Elemente haben sich demzufolge in den vergangenen Jahren drastisch verändert oder sogar erst entwickelt; denn heutzutage inseriert jeder zweite Hinterbliebene eine entsprechende Anzeige für den jeweiligen Verstorbenen, wodurch ein deutlicher Wandel im Bereich der Anzeigenaufgabe ausgemacht werden kann.

Exakt diese Veränderung stellt die zu untersuchende These der Arbeit dar: kann innerhalb der Todesanzeige eine chronologische Motivationsveränderung seitens der Inserenten nachgewiesen werden oder nicht? Und wenn ja, woran kann diese Modifizierung belegt werden und wie kam es dazu?

Die im Hauptteil angesetzte Analyse wird zeigen, wie es zur Herausbildung der ordinären Todesanzeige kam und welche Neuerungen dabei entstanden. Dabei wird weiterhin zu sehen sein, dass es nicht nur die Todesanzeige ist, die sich stetig wandelt, sondern dass sich gleichsam in den letzten Jahren Unterkategorien dieses Anzeigenformats gebildet haben: Danksagung, Nachruf und Gedächtnisanzeige. Auch die Vorstellung dieser drei Annoncen dient der Beweisführung, dass eine Veränderung in puncto Sinn und Zweck bei der Inserierung von Todesanzeigen stattgefunden hat bzw. immer noch stattfindet.

Nachfolgend werde ich anhand von zwei ausgewählter Annoncen die dreizehn charakteristischsten Gestaltungsmittel der gegenwärtigen Todesanzeige abbilden und erklären, wodurch nicht nur die jeweiligen Veränderungen im Bereich Sprache und Design erläutert werden, sondern auch die neu entstandenen Aufgaben und Funktionen der Todesannonce Erwähnung finden. Denn auch wenn die klassische Todesanzeige als Textsorte des öffentlichen Raums immer einem gewissen Regelwerk und gesellschaftlichen Konventionen unterworfen ist, so ist es ja genau diese Öffentlichkeit die sich stets verändert und mit ihr auch die Todesanzeige. Diese Annahme soll das Ziel der Arbeit sein – zu beweisen, dass sich auf Grundlage diverser gesellschaftlicher Entwicklungen, Neuerungen, Umbrüche und dergleichen mehr folglich auch die vom Menschen geschaffenen Texte modifizieren; sie letztlich Spiegelbild unserer sich beständig verändernden Gefühls- und Erlebenswelt sind.

I Fragestellung, Vorgehensweise, Überblick, Technik

1 Gegenstand der Arbeit

Die allgemeinhin jedem bekannte Todesanzeige, welche von Hinterbliebenen in der örtlichen Tageszeitung inseriert wird, soll den Untersuchungsgegenstand der vorliegenden Arbeit bilden. Um die später im Hauptteil angesetzte Analyse dieses Kommunikationsmittels besser zu veranschaulichen, habe ich mich insbesondere für zwei Todesanzeigen – im fortlaufenden Text TA(I) und TA(II) - entschieden. TA(I) wurde am 20. Februar 2011 in der Hildesheimer Allgemeine Zeitung (HAZ) für den Landwirt Franz Wächter aufgegeben, wohingegen TA(II), die Todesanzeige für Annelis Tittmann, einer Sammlung aufbewahrter Erinnerungsstücke eines meiner Familienmitglieder entstammt. TA(II) befand sich lediglich als ausgeschnittene Zeitungsannonce in besagtem Sammelsurium und kann daher in puncto Erscheinungsdatum und Quelle nicht näher definiert werden.

Dass TA(I) der HAZ entstammt, hat keinerlei Bewandtnis. Vielmehr ist es dem Zufall zuzuschreiben, dass ich mich für eine Anzeige aus dieser Zeitung entschieden habe, da ich mehrere Zeitungen, sowohl aus dem niedersächsischen, als auch aus dem sächsischen Raum zur Auswahl hatte. Familienmitglieder, Freunde und Bekannte wurden gebeten, Todesannoncen aus ihren ortsansässigen Zeitungen aufzubewahren und mir zukommen zu lassen, wodurch sich ein gewisses Sortiment an Printmedien aus diesen beiden Bundesländern ergab.

Anhand von TA(I) und TA(II) – ich habe mich für zwei Anzeigen entschieden, da es nicht möglich war, alle zu untersuchenden Merkmale an nur einer gegenwärtig erschienenen Annonce auszumachen – möchte ich mich im Teil Gattungsanalyse – Todesanzeige: Geschichte, Formen, Merkmale neue Tendenzen den inneren und äußeren Gestaltungsmerkmalen widmen, deren Untersuchung wiederum Aufschluss über die Veränderung innerhalb der Todesanzeige geben soll. Durch die Analyse der historisch bedingten Modifikationen können dann Rückschlüsse auf eine vermeintliche chronologische Motivationsveränderung seitens der Anzeigenaufgeber gezogen werden, deren Betrachtung ja die Basis dieser Arbeit darstellt.

2 Fragestellung im Detail

Der Tod ist seit Anbeginn der Zeit ständiger Begleiter des Menschen; doch hat sich unser Verhältnis zu ihm ebenso stetig verändert. Ein Phänomen, anhand dessen dieser Wandel klar verdeutlicht und nachvollzogen werden kann, ist die Todesanzeige. Denn trotz ihres erst 260-jährigen Bestehens, hat sie nicht nur eine formale, sondern auch eine inhaltliche Metamorphose durchlebt, wie die anschließende Gattungsanalyse zeigen wird. Durch die Veränderungen auf stilistischer und sprachlicher Ebene kann, wie bereits erwähnt, eine Herleitung erfolgen, inwieweit sich das Bestreben und die Absicht die sich hinter der Aufgabe eine Todesanzeige verbergen, gewandelt haben. Besonderes Augenmerk liegt dabei auf insgesamt dreizehn Gestaltungsmerkmalen der Todesannonce: Trauerrand, Schrift, Freiflächen, farbliche Gestaltung, Symbol, Motto, persönliche Daten des Toten, Todesumstände, Trauertext, organisatorische Hinweise, die Namensnennung des Toten, die Hinterbliebenenauflistung und die Ehrungen, die dem Toten zuteilwerden. Einige von ihnen sind seit 1753 – dem Erscheinungsjahr der ersten nachweisbaren Todesanzeige in einer deutschen Tageszeitung – vorhanden, andere haben sich erst entwickelt. Dabei ist es für mich von Interesse herauszufinden, warum haben sich bestimmte Merkmale herausgebildet, welche Rückschlüsse lassen sich dabei auf die Gesellschaft, ihre Einstellung zum Tod und die Motivation bei der Inserierung schließen und wie kam es zur Entstehung spezifischer Gestaltungsmittel?

Des Weiteren werden im Zuge der Untersuchung die jeweiligen Funktionen für die entsprechenden Konsumentengruppen Rezipient, Hinterbliebene und der Tote per se aufgeschlüsselt, so dass gezeigt werden soll, welche Aufgaben die Todesanzeige einst hatte und welcher Vielzahl an Faktoren sie sich heute stellen muss. Auch durch das Aufführen dieser Veränderungen möchte ich verdeutlichen, mit welcher Absicht Inserenten bzw. Hinterbliebene heute eine entsprechende Anzeige in der Zeitung veröffentlichen, ob sich diese im Laufe der 260 Jahre wirklich verändert hat und welcher Zweck sich hinter so manch einer Todesanzeige zum gegenwärtigen Zeitpunkt tatsächlich verbirgt.

Zusammengefasst dienen alle Analysen und die damit einhergehenden Fragestellungen einzig dem Zweck der Beweisführung, ob es tatsächlich eine chronologische Motivationsveränderung des Kommunikationsmittels Todesanzeige gibt oder nicht. Demgemäß dienen die vorab getätigten Untersuchungen ausschließlich der Bestätigung oder im konträren Fall der Widerlegung der zu bearbeitenden These.

3 Inhaltliche Vorgehensweise

Nach dem ich im Abschnitt I Fragestellung, Vorgehensweise, Überblick, Technik meinen Untersuchungsgegenstand, die der Arbeit zugrunde liegende These und alle weiteren für die Analyse notwendigen Aspekte erläutert habe, möchte ich zuerst einige Überlegungen zum Thema Tod und Gesellschaft; Tod in der modernen Gesellschaft und Veränderung der öffentlichen Einstellung zum Tod anstellen. Diese Ausführungen sind, wie vorab bereits erwähnt, nützlich da sich eine modifizierte Haltung gegenüber des Sterbeprozesses gleichsam auf die Absichten des Inserenten bei der Anzeigenaufgabe auswirkt und sich diese letztlich in den inhaltlichen Bausteinen der Todesanzeige belegen lässt. Um aber Veränderungen (ganz gleich welcher Art) innerhalb der Annonce sichtbar zu machen, muss auch etwas zu den historischen Bedingungen gesagt werden, unter denen sich die Todesanzeige entwickelte. Denn ohne zu veranschaulichen, aus welchen Bestandteilen die Todesannonce von 1753 bestand und in wie weit sich die Elemente in den vergangenen 260 Jahren veränderten, kann auch nicht dargelegt werden, welche Unterschiede zum heutigen Zeitpunkt im Vergleich zur damaligen Anzeigenform bestehen.

Im darauffolgenden Kapitel sollen die Klassifikationen der Rubrik Familienanzeigen aufgeführt und kurz vorgestellt werden. Damit möchte ich zeigen, dass es nicht die Todesanzeige per se ist, die sich verändert, sondern dass gleichzeitig auch gänzlich neue Formen entstanden sind, mit denen ein Hinterbliebener sowohl gesellschaftlichen Erwartungen gerecht wird, als auch persönlichen Dank, Erinnerung und Trauer zum Ausdruck bringen kann. Der Zweck dieser Ausführung besteht darin, mit Nachdruck zu veranschaulichen, dass sich die menschliche Beziehung zum Tod und dem Sterbeprozess im Allgemeinen verändert hat, wodurch Anzeigenformen entstehen, bei deren Motivation eine (zu beweisende) Interessenverschiebung im Vergleich zu 1753 stattfand.

Anschließend erfolgt die eigentliche Analyse der dreizehn Gestaltungsmerkmale, deren Ziel die Darstellung der jeweiligen Unterschiede und den daraus resultierenden Erkenntnissen in Hinblick auf die These der chronologischen Motivationsveränderung ist. Wie ich dabei genau vorgehe, welche Techniken ich anwende und aus welcher Perspektive ich mich der Untersuchung nähere, soll im anschließenden Abschnitt erklärt werden.

Jedes der einzelnen Mittel der äußeren und inneren Gestaltung verfolgt spezifische Absichten, die sich unterschiedlich auf jeweilige Rezipientengruppen auswirken. So wird im entsprechenden Kapitel Funktionen der Textsorte Todesanzeige zu lesen sein, welche Folgen das Rezipieren von Todesanzeigen für den Leser hat, welche Funktion sie für den Hinterbliebenen beinhaltet und inwiefern sie sogar für den Verstorbenen gewisse Aspekte birgt.

Dass die klassische Todesannonce im Zeitraum von 260 Jahren diverse Veränderungen durchlebte, sich Inhalte, Motivation der Inserenten, Gestaltung, Sprache und mit ihr verbundene Zwecke veränderten, sollen abschließend ebenfalls die Abschnitte zum Thema Tabubruch und Neue, besondere Formen der Todesanzeige belegen. Dabei gilt es, explizit die Nova vorzustellen, welche sich dominierend auf den momentanen Anzeigenmarkt auswirken. So wird zu lesen sein, dass mit einstigen Tabuthemen – bspw. der Homosexualität – gebrochen wurde, dass sich mittels technischer Neuerungen im Bereich der Gestaltung ganz neue Möglichkeiten eröffnen und dass sich vor allem die Absichten der Inserenten auf ein ganz neues Terrain begeben haben.

Damit einher gehen die Chancen, die den Hinterbliebenen seit geraumer Zeit durch das Internet offeriert werden. Diese Neuen, besonderen Formen der Todesanzeige, haben nichts mehr mit der ordinären, in einer Tageszeitung inserierten Anzeige im althergebrachten Sinn gemein und sollen daher lediglich als Ausblick in dieser Arbeit vorgestellt werden. Angehörige nutzen das Potenzial des Internets, weil ihnen damit Wege der Trauerverarbeitung aufgezeigt werden, die es bis dato nicht gab. Bspw. wird Eltern die eine Totgeburt zu beklagen haben, auf virtuellen Friedhöfen heute die Perspektive geboten, letztlich doch ein Grab für ihr Kind einzurichten, obwohl es ihnen in der Realität durch den Gesetzgeber verwehrt blieb. Auf diese Weise entstehen nicht nur neue Orte der Trauer, gleichsam erschließen sich Trauergruppen, die sich nunmehr weltweit vernetzen und folglich miteinander kommunizieren können, wodurch Trauer, Trauerarbeit und der Status der Hinterbliebenen ganz neue Dimensionen annimmt.

4 Theorie und Technik

Bereits im Vorwort habe ich mich zum mitunter brisanten Thema des Datenschutzes geäußert, wobei ich es an dieser Stelle abermals aufgreifen möchte. Vom juristischen Standpunkt aus betrachtet, ist eine Anonymisierung der von mir abgebildeten Todesanzeigen nicht notwendig, weil alle hier aufgeführten Annoncen bereits in Zeitungen und Büchern veröffentlicht wurden und so für die Allgemeinheit jeder Zeit einsehbar sind. Trotz dessen habe ich mich entschlossen, sowohl Bankverbindungen, entsprechende Kontoinhaber und Geldinstitute, als auch explizite Adressen der Beerdigungsinstitute, Friedhöfe und der Hinterbliebenen aus der Anzeige zu entfernen. Diese Entscheidung beruht auf der Annahme, dass jeder Mensch ein Recht auf seine Privatsphäre und die nötige Pietät bezüglich des inserierten Trauerfalls hat; und da ich zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch nicht abschätzen kann, welche Personen diese Arbeit lesen werden und wie diese mit den entsprechenden Daten umgehen, erfolgte die besagte Retuschierung.

Neben der Entfernung der oben genannten Angaben, habe ich im Hauptteil mit Hilfe eines gängigen Bildbeabeitungsprogramms weitere Änderungen an den Todesannoncen vorgenommen. D.h., dass ich je nach zu bearbeitender Kategorie entweder TA(I) oder TA(II) als Beispiel abbilde, sie aber in ihrer Erscheinung Kapitel entsprechend verändert und angepasst habe. Zum besseren Verständnis: erfolgt eine Erläuterung zum Symbol und dessen Funktionen innerhalb der Anzeige, so habe ich alle anderen Elemente aus der Annonce entfernt. Folglich verfahre ich ebenso in allen anderen Abschnitten, die sich mit Aufgaben und Wirkungen der jeweiligen Gestaltungsmittel beschäftigen.

Mit dieser Vorgehensweise orientiere ich mich an Petra MÖLLER, die mit ihrer Dissertation Todesanzeige – eine Gattungsanalyse aus dem Jahr 2009 eine der theoretischen Grundlagen dieser Arbeit bildet. Auch sie hat je nach zu untersuchender Kategorie das dafür vorgesehene Abbild einer Todesanzeige angepasst bzw. nur auf das zu untersuchende Element reduziert. Diese Art der Darstellung erachte ich deshalb als sinnvoll, da es dem Betrachter die Konzentration auf diesen Bestandteil der Anzeige vereinfacht und er nicht von anderen Gestaltungsmerkmalen irritiert oder abgelenkt wird.

Maßgeblich zur Bildung der zu untersuchenden These haben NÖLLKEs und SPRANGs Aus die Maus. Ungewöhnliche Todesanzeigen und der Nachfolger Wir sind unfassbar. Ungewöhnliche Todesanzeigen beigetragen. Auch wenn der (trivialen) Unterhaltungsliteratur entstammend, hatte das Lesen der darin enthaltenen Anzeigen ein Nachdenken über Sinn und Zweck von Todesanzeigen zur Folge. Durch den Kauf weiterer Bücher – RUPPERTs Eingegangen in die ewigen Jagdgründe, MADERs Es ist echt zu bitter usw. – bestätigte sich der anfängliche Verdacht, dass die heutige Todesannonce von Motivationen seitens der Inserenten bestimmt wird, die es in der Form vor 260 sicherlich nicht gegeben hat. Und so habe ich diese Arbeit zum Anlass genommen, mich dem Kommunikationsmittel Todesanzeige zu widmen und die Annahme der chronologischen Motivationsveränderung aus sprachwissenschaftlicher Sicht zu belegen. In diesem Zusammenhang möchte ich auf einen wesentlichen Punkt hinwiesen und zwar worauf ich in der vorliegenden Arbeit gänzlich verzichte. Abstand nehmen möchte ich von Bewertungen der abgebildeten Anzeigen und demgemäß auch Wertungen bezüglich der Art und Weise, wie die jeweiligen Inserenten bei der Gestaltung ihrer Annonce vorgegangen sind. Diese Untersuchung ist aus einem rein wissenschaftlich-objektiven Blickwinkel verfasst, welche Kritik, Bloßstellung oder gar Verlachen der Anzeigenaufgeber absolut ausschließt.

Nachdem ich oberhalb erklärt habe, auf welche Art ich mich dem Untersuchungsgegenstand nähere, welche Fragestellungen ich bearbeite, wie ich dabei vorgehen werde etc., möchte ich wie angekündigt nachfolgend einige Aussagen zum Thema Welche Einstellung hat der Mensch zum Tod und wie gestaltet sie sich in der heutigen Gesellschaft treffen. Daran soll folglich verdeutlicht werden, dass sich insbesondere das permanent verändernde Verhältnis, das der Mensch zum Tod pflegt, stark auf die textsortenspezifische Darstellung der Todesannonce und deren inhaltliche Aspekte ausübt.

Die Einstellung zum Tod

Seit jeher nehmen der Tod und die damit verbundenen Prozedere eine besondere Stellung in der menschlichen Gedankenwelt ein – keiner weiß, wann die Reise beginnt und wohin sie führt. Antworten findet man zuhauf in den unterschiedlichsten Religionen und Glaubensgemeinschaften. Da ist die Rede von Widergeburt, Karma, Jenseits, Nirwana u.v.m, doch eine allgemeingültige Antwort auf die Frage Was passiert nach dem Tod ? bleibt speziell für Atheisten bis dato aus. Diese beständige und nicht abzuwendende Unwissenheit verunsichert so manchen, gibt Raum für Spekulationen und zeigt der Menschheit doch immer wieder ihre Grenzen auf. So vieles haben wir zu beherrschen gelernt, haben neue Technologien entwickelt, ferne Länder entdeckt, es sogar bis in den Weltraum geschafft und doch bleibt uns eines bis heute verwehrt – die Macht über Leben und Tod. Wie genau sich dieses Streben nach Herrschaft entwickelt hat und welche unterschiedlichen Positionen wir gegenüber dem Tod im Laufe der Jahrhunderte einnahmen, soll nun das folgende Kapitel näher erläutern.

Die Geburt eines Menschen ist ein freudiges Ereignis, denn ein neues Mitglied trägt zur Vergrößerung, Stärkung und somit auch zum Erhalt der Gruppe bei. Entsprechend konträr verhält es sich bei einem Todesfall; damals wie heute:

Das Verhalten der Primitiven bei einem Todesfall – es sei denn der Tod eines unterprivilegierten Gesellschaftsmitgliedes oder eines Fremden – zeigt äußere Beunruhigung und Verstörtheit. Die Einheit der Gruppe, ihr Fortbestand scheinen in Frage gestellt, insbesondere natürlich, wenn ein Führer gestorben ist. Die Kohäsion der Gruppe ist in einem bestimmten Punkte gebrochen, die Interaktionsmuster sind in Unordnung geraten. (FUCHS 1969: S. 28)

Die Glaubensfrage stellte sich zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Es war für den damaligen Menschen nicht von Interesse, nach welchen Kriterien er wie sein Leben gestaltete, um letzten Endes ins Himmelreich auffahren zu können. Für ihn ging es einzig und allein um die Bewahrung und Sicherung der eigenen Art und da war der Tod eines Mitgliedes kein Trauerfall im herkömmlichen Sinne, sondern der Verlust eines Gehilfen bei Verteidigung und Jagd. Demnach wurde nicht der Tod selbst als Bedrohung empfunden, sondern die Bedrohung bestand für die Gruppe darin, einen Teil zu verlieren, dessen Unterstützung man dringend benötigte.

Eine Umkehrung dieses Unsicherheitsgefühls entstand mit dem Aufkommen von Religion und Glauben, welche dafür verantwortlich waren, dass a) den Toten eine immense Macht zugesprochen wurde[1], b) sich Riten und Prozedere, sowohl für die Zeit kurz vor, als auch nach dem Eintritt des Todes entwickelten[2] und c) Regeln entstanden, nach denen ein Gläubiger leben sollte[3].

Trat in einer Familie ein Sterbefall ein, so wurden Vorkehrungen getroffen, die es dem Toten nicht ermöglichen sollten, sich erneut Zugang ins Haus der Hinterbliebenen zu verschaffen.

Trauerarbeit ist auch Abwehr der Toten. Deshalb werden Maßnahmen ergriffen, die den Toten den Weg zurück ins Leben erschweren sollen, indem sie z.B. nicht aus der Tür sondern durch das Dach oder mit den Füßen nach vorne aus dem Haus gebracht werden. Die Totenwache dient dazu, den Toten zu kontrollieren. Leichenfesselung, Leichenverbrennung, Einsargung und andere Bestattungsmaßnahmen haben ursprünglich die Bedeutung einer magischen Abwehr. (FELDMANN 2004: S. 13)

Der Status, den ein Verstorbener besaß, kam dem eines Lebenden gleich, da Religion und Glaube zum damaligen Zeitpunkt eine zentralere Rolle im Leben der Bevölkerung einnahmen. Dadurch wurde den Toten eine Stärke und ein damit einhergehender Status verliehen, welche sich niemand anzufechten oder zu hinterfragen traute; und so ist es auch nicht verwunderlich, dass man noch bis 1811 Leichen vor Gericht als Kläger oder Angeklagte auftreten ließ[4]:

Noch 1690 wurde ein Hingerichteter in Celle vor Gericht gebracht, weil er während der Hinrichtung gottlose Reden geführt haben soll. Endlich muss noch an die Übung erinnert werden, einem Toten die Bestattung zu verweigern und ihn in Schuldhaft zu nehmen, wenn er in Schulden gestorben war. […] Aus diesem Auftreten des Toten als Rechtssubjekt oder Sanktionssubjekt bis in neueste Zeit läßt sich die Zähigkeit ersehen, mit der die Vorstellung vom lebenden Leichnam, vom Toten als machtvollem Agens sich gehalten hat. Die heute in Übungen stehenden Totenriten verraten davon und von der alten Angst vor den Toten noch immer einiges. (FUCHS 1969: S. 44)

Nach und nach verabschiedeten sich die Menschen von spezifischen Riten der Beisetzung. Nicht die Körperhaltung oder die Himmelsausrichtung des Leichnams waren entscheidend, sondern ob der Verstorbene ein, in den Augen seines Gottes, richtiges Leben geführt hat, denn nur dann erhält er die glaubensabhängige Entlohnung.

Der Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit wird bereits im 15. Jahrhundert mit Johannes von Tepls Der Ackermann aus Böhmen. Ein Streit- und Trostgespräch vom Tode eingeläutet.[5]

Zum ersten Male wird der Tod als Buße für die Erbschuld nicht mehr hingenommen: der Ackermann rechtet, verhandelt mit dem Tode, verurteilt und überführt ihn, als ob er nicht länger eine von Gott eingesetzte Gesetzlichkeit sei. Dieser Aufruhr, wiewohl am Ende des Streitgesprächs von Gott zurechtgerückt und in seine Schranken verwiesen, ignoriert im Kerne Gott, klagt den Tod als Instanz an und ruft zu seiner Bekämpfung programmatisch die Kräfte der ganzen Schöpfung auf. Programmatisch ist dieser Aufruf in der Tat: mit dem Aufstieg der bürgerlichen Schicht, mit dem Renaissance, Reformation, Aufklärung als Gestalten des Geistes verknüpft sind, wir der Tod aus dem transzendentalen Zusammenhang befreit, weltimmanenten Ursachen zugerechnet und damit virtuell durch weltimmanente Kräfte beherrschbar, wenigstens durchschaubar. Nicht mehr unabänderliches Schicksal und Richtspruch ist er, sondern Feind und Gegner, gegen den die Kräfte der Natur aufgeboten werden sollen. (ebd. S. 61)

Im Kontext dieses Veränderungsprozesses wird der Tod zunehmend als ein Bestandteil des Lebens begriffen, der von den Naturgesetzen gefordert aber nicht von höheren Mächten veranlasst wurde. Einst wütenden Geistern und Dämonen zugeschriebene Naturschauspiele lassen sich nunmehr erklären; denn stetig wachsendes Interesse an Naturwissenschaft und Technik unterstützten diese einschneidende Glaubensveränderung. Mit der Vielzahl an Neuerungen und Erkenntnissen wurden ebenso Fortschritte in der Medizin erzielt, die es fortan ermöglichten, bis dato todbringende Krankheiten oder Verletzungen zu heilen, so dass der Mensch eine größere Verfügungsgewalt bzw. Einflussnahme über Leben und Tod – insbesondere über sein eigenes Ableben – besitzt.

Die bisherigen Ausführungen zur Entwicklung des Verhältnisses von Mensch und Tod haben gezeigt, dass sich die als Bedrohung empfundene Macht des Todes verlagert hat. Das Grauen vor dem endgültigen Schluss begründet sich nicht mehr darin, ein unterstützendes Gruppenmitglied zu verlieren, oder nicht dem Glauben entsprechend gelebt zu haben; die Furcht besteht in der Sache selbst. Denn verändert hat sich die Einstellung zum Tod insbesondere durch die stetige Abnahme einer religiösen Glaubenszugehörigkeit, welche Hand in Hand mit einer zunehmend aufgeklärteren Bevölkerung geht, deren Interesse an der beständigen Weiterentwicklung von Wissenschaft und Technik nie abbrach. Die neu entstandene Haltung in puncto Ableben geht in der Neuzeit vor allem – wie der nachstehende Abschnitt Der Tod in der modernen Gesellschaft zeigt – mit Trauer, Trauerbewältigung, Ohnmachtsgefühlen und dergleichen mehr einher und hat mit der einst pragmatischen Ansicht der Primitiven nichts mehr gemein.

Diese Erkenntnis ist für den weiteren Verlauf der Arbeit dahingehend entscheidend, dass Unterschiede, Nova und Modifikationen innerhalb der Todesanzeige kenntlich gemacht werden sollen. Dazu ist es weiterhin wichtig, wie genau sich der Tod, bzw. die Todesbilder vor allem in der modernen Gesellschaft darstellen und welche Konsequenzen das auf die sprachliche Gestaltung der Todesanzeige hat, da diese wiederum Rückschlüsse auf die Motivation der Inserenten zulässt.

Der Tod in der modernen Gesellschaft [6]

Der Tod als Geschehen (nicht als Aktus) gehört auf gleiche Weise zu den allgemeinen Gesetzen der natürlichen Ordnung wie die Geburt. Tod soll von dieser normalisierenden Kategorisierung unter allgemeine und neutrale (und nur in letzterer Instanz von göttlicher Vorsehung regulierte) Naturgesetze her sein Grauen verlieren und die Möglichkeit würdiger Hinnahme eröffnen. (FUCHS 1969: S. 56)

Tod kommt aus natürlichen Ursachen, bedeutet Aufhören der biologischen Lebensprozesse, mit denen als ihrer Voraussetzung alle anderen Lebensprozesse gleichfalls enden. Was bleibt, ist ein Ding, die Leiche. (ebd. S. 73)

So abgeklärt-nüchtern wie FUCHS betrachtet der Großteil der heutigen Gesellschaft den Tod und die damit verknüpften Vorgänge nicht. Als positiv wird das Ableben einer Person nur dann angesehen, wenn sie zu Lebzeiten (krankheitsbedingt) sehr stark zu leiden hatte – denn nur dann wird der Tod als Erlösung wahrgenommen und gilt somit als gerechtfertigt. Jedoch bleibt das unheimlich anmutende Danach weiterhin ungeklärt und wahrscheinlich ist es genau diese Ungewissheit, die die für den Menschen einschüchternde Konstante darstellt. Eine Bekräftigung erfährt dieser Sachverhalt in der beharrlich anwachsenden Loslösung der Bevölkerung von den althergebrachten Weltreligionen. Stattdessen wird der Glaube an den einen Gott verstärkt abgelehnt und auf individuelle Weise nach Antworten auf Sinn-, Lebens- und Glaubensfragen – u.a. im Bereich des Okkulten oder Spirituellen – gesucht. Die Abkehr vom klassischen Glauben birgt jedoch weitere Folgen: Totenkult und traditionelle Trauerrituale gehen zunehmend verloren, da sie gegenwärtig als anstößig und nicht mehr zeitgemäß empfunden werden.

Heute findet nur noch selten eine Aufbahrung statt, auch Kondolenzbesuche von Nachbarn sind nicht mehr obligatorisch. Die soziale Umgebung erfährt in der Regel nur über Dritte oder die Anzeige von einem Todesfall und vermeidet eher den Kontakt zum Trauernden, anstatt ihn zu suchen. Oft fehlen verbindliche Strukturen und viele kollektive Rituale, so dass man eher individuell trauert. Todesanzeigen sind möglicherweise das einzige Ventil, um die Öffentlichkeit zu erreichen. (MÖLLER 2009: S. 36)

Aber nicht nur die Trauerrituale haben sich verändert, auch der Ort des Sterbens hat sich gänzlich verlagert. Führte man noch 100 Jahre zuvor Mehrgenerationenhaushalte, in denen Alt und Jung miteinander wohnten und sich gegenseitig unterstützen, so ist es heutzutage nicht unüblich, wenn sich die Kernfamilie mit dem Auszug der Kinder über den gesamten Erdball verstreut. Das macht es jedoch nahezu unmöglich, dass sich der Sterbeprozess innerhalb des Familienkreises vollzieht; gestorben wird heute in Krankenhäusern und Altenheimen, wodurch eine Begegnung bzw. ein Kennenlernen zwischen Mensch und Tod kaum mehr stattfinden kann. Sterben ist heute somit an Institutionen gebunden und vollzieht sich resultierend oft außerhalb des Familienkreises und ohne dass dieser – um sich in aller Ruhe zu verabschieden – rechtzeitig Kenntnis davon nimmt. In diesem Zusammenhang sind gleichsam die medizinischen Maßnahmen zu nennen, die im Falle eines bevorstehenden Ablebens eingeleitet werden, denn „Eine gigantische Reparaturindustrie (Medizin) wurde aufgebaut, der die Sorge für den Körper übertragen wurde.“ (FELDMANN 2004: S. 10) Diese Industrie hat die Aufgabe, Kranke und Verletzte zu heilen und ihnen zu neuer Lebensqualität zu verhelfen; und so ist es zu einer Selbstverständlichkeit geworden, dass einst den sicheren Tod bedeutende Krankheiten mit einem kleinen Stich in den Oberarm bereits im Kindesalter umgangen werden können. Auch kosmetische Eingriffe, die keinerlei medizinischer Notwendigkeit unterliegen – Botox-Injektionen, Gesichts- und Halsstraffungen, Liposuktionen etc. – ist man heute in der Lage, durchzuführen. Warum? Weil das Streben nach einem von der Gesellschafft ästhetisierten Schönheitsideal nicht abebbt; und dieses sieht, gekoppelt mit dem Anspruch an eine Leistungsgesellschaft vor, dass vorwiegend gesunde, junge und dynamische Menschen nutzbringend für die Allgemeinheit sind und da passen Alter und Krankheit nur schwer hinein.

Jugendlich, Gesund und voll vitaler Energien zu sein wird hier nicht schlicht als glücklicher Zustand derjenigen angesehen, die die Natur mit diesen Vorzügen begünstigt, sondern gewissermaßen als sittliche Pflicht für jedermann. Demzufolge gilt alt oder krank zu sein, ja, im Angesicht des Todes zu stehen nicht nur als Mißgeschick, sondern in gewisser Weise als sittliches Versagen. Eine sittliche Folge dieser Einstellung war, daß Alter, Krankheit und Tod immer mehr verborgen wurden. (BERGER 1976: S. 239)

Die von BERGER beschriebene Folge des Verbergens führte dazu, dass die Wissenschaft vermehrt von einer Verdrängung des Todes aus unseren Köpfen spricht.

So lassen sich die Inhalte von der These der Verdrängung des Todes folgendermaßen kurz zusammenfassen: Die Todeserfahrung ist heute ohne gesellschaftliche Anleitung, sie ist in die Beliebigkeit individueller Formwahl gestellt; über die Sterblichkeit des Menschen zu kommunizieren, ist durch eine Kommunikationshemmung versperrt, der Tod wird abgeschoben aus dem Gesichtskreis der Lebenden: ins Krankenhaus, in Altenheim, in die Sterbehalle, an das kommerzielle Bestattungsgewerbe. (FUCHS 1971: S. 178)

Die am Anfang angesprochene Unsicherheit, dass wir bis heute nichts über das Danach wissen, beunruhigt die Menschheit; es macht ihr Angst. Eine logische Reaktion sind Abwehrmechanismen, die sie entwickelt(e), um der unangenehmen Situation aus dem Weg zu gehen. Eine dieser Abwehrhaltungen ist die besagte Verdrängung,[7] deren negative Konsequenz jedoch ist, dass bei Eintritt eines echten Todesfalls Angehörige oftmals mit der Situation überfordert sind weil sie nie zuvor mit einem Todesfall konfrontiert waren und auch beileibe nicht gelernt haben, zu begleiten und Abschied zu nehmen.

Zusammenfassend kann für das vorliegende Kapitel festgehalten werden, dass der Tod, damals wie heute, durchaus als ein natürliches Ereignis begriffen wird – das Verhältnis zu ihm hat sich jedoch verändert.

Bei den Primitiven wuchs man mit der allgegenwärtigen Gefahr des (eigenen) Todes auf, da umweltbedingte Faktoren das Leben maßgeblich beeinflussten. So konnte man an Mangelernährung, bei der Jagd oder an kleinsten Verletzungen sterben, wobei Trauer um den Verlust des Gruppenmitgliedes aus Sorge um die Artsicherung bzw. deren Erhaltung bestand und nichts weiter. Als ebenso natürlich, obwohl schon durch religiöse Einflüsse determiniert betrachteten die Menschen den Tod von der Antike bis ins Mittelalter. Zwar war auch hier die Bevölkerung von ökologischen Aspekten abhängig, doch erfuhr der Tod in dieser Zeit eine durch den Glauben bedingte Aufwertung. Regeln, Riten und Totenkult bestimmten das Leben sowohl vor als, auch nach dem Tod und ein jeder war versucht diese, unter der Annahme dass einem nach dem Tod nur Gutes widerfährt, einzuhalten. Fest steht, dass in diesen Zeitaltern das bewusste Erleben von Tod und Sterben ebenso stattfand, wie noch einst vor der Geburt Christi. Die große Wende brach mit dem Übergang in die Neuzeit an, als dem Tod seine Allmachtsposition abgenommen wurde und man begann, durch technische Neuerungen im Bereich der Wissenschaften gegen ihn zu arbeiten, ihn hinauszuzögern und ihn eines Tages zu beherrschen. Durch die bereits aufgeführten gesellschaftlichen Veränderungen – Auflösung der Mehrgenerationenhaushalte, medizinische Weiterentwicklung, zunehmende Unabhängigkeit von Umweltfaktoren etc. – folgt die Konsequenz, dass der Tod eben nicht mehr ein Bestandteil unseres Alltags ist, dessen Prozess wir miterleben. Das führte bisweilen soweit, dass selbst bei der bloßen verbalen Kommunikation über das Sterben bei vielen Menschen eine Hemmung oder auch Abwehrhaltung entstanden ist, denn durch das ausbleibende Kennerlernen ist der Tod heute mit Gefühlen des Verlusts, der Trauer, Angst und Ohnmachtsgefühlen verbunden – aber keiner würde mehr auf die Idee kommen, einen Sterbefall emotional mit der Bedrohung der eigenen Art in Verbindung zu bringen.

Inwieweit sich diese Hemmungen sprachlich in der Todesannonce niederschlagen und welche Auswirkungen sie auf die Motivation der Anzeigenaufgabe haben, wird die nachstehende Hauptuntersuchung Gattungsanalyse – Todesanzeige: Geschichte, Formen, Merkmale, neue Tendenzen analysieren.

II Gattungsanalyse – Todesanzeige: Geschichte, Formen, Merkmale, neue Tendenzen

Bislang konnte ich ermitteln, dass sich im Zuge gesellschaftlicher Weiterentwicklung gleichsam das Verhältnis zwischen Menschheit und Tod weitestgehend gewandelt hat. Vom Ableben als Artbedrohung, über gottgewollte Fügung, hin zum bis heute Unbeherrschbaren hat die Einstellung zum Sterbeprozess viele Stationen durchlaufen. Diese gesellschaftlichen Haltungsmodifikationen können u.a. in Todesanzeigen sprachlich belegt werden, da selbst im erst 260 Jahre andauernden Entstehungszeitraum bemerkenswerte Veränderungen nachweisbar sind. Doch soll die anstehende Gattungsanalyse keine ordinäre chronologische Abhandlung werden; vielmehr möchte ich Zu Beginn erläutern, was eine Todesanzeige überhaut ist, wie sich selbige entwickelt hat und letztlich welche Merkmale der inneren und äußeren Gestaltung seit Anbeginn vorhanden und welche erst hinzugekommen sind. Des Weiteren werden die besagten Gestaltungsmerkmale einzeln aufgeführt und von mir hinsichtlich ihrer Funktion innerhalb der Todesanzeige und dem Hinweis auf eine mögliche Motivationsveränderung der Inserenten untersucht.

Gattung […] Als historisch entstandene literar. Struktur- und Organisationsformen fassen die G.en die Vielfalt der Erscheinungsweisen von Literatur (Dichtung) auf der Grundlage formaler Analogie sowie gemeinsamer Eigenschaften […] in Gruppen zusammen. Eine G. vermag sowohl die nur der Gruppe gemeinsamen Eigenschaften […] als auch die Eigenarten der einzelnen Fälle […] einzuschließen. Sie erstreckt sich also von der konkreten gegenständl. Gesamtheit der Formen bis zum davon abgezogenen G.begriff. (TRÄGER 1986: S. 174)

Basierend auf dem von LUCKMANN entwickelten Konzept der Kommunikativen Gattung, ordnet gleichsam MÖLLER die Todesanzeige diesem Modell zu.

Als kommunikative Gattungen werden Formen der Kommunikation bezeichnet, deren Verlauf ebenfalls einem vorgegebenen Muster folgt. Während nämlich manche kommunikativen Vorgänge spontan erfolgen, gibt es andere, in denen der Handelnde einem Gesamtmuster folgt, in welchem die Zusammenfügung einzelner kommunikativer Elemente vorgezeichnet ist. Das heißt, dass die Interagierenden ähnlich wie die auf eine Textsorte zurückgreifenden Verfasser sich in einer voraussagbaren Typik an vorgefertigten Mustern ausrichten […]. Je stärker ein Handlungsmuster verfestigt ist, desto vorhersehbarer ist die Form des Handlungsverlaufs für die an der Kommunikation Beteiligten […]. (MÖLLER 2009: S. 64-65)

Und exakt auf diese Weise entstehen Traueranzeigen. Hinterbliebene kommen in die ungewohnte Situation, für ein verstorbenes Familienmitglied eine Anzeige aufzusetzen, wobei sie sich an feststehenden Mustern orientieren – formal, stilistisch, gesellschaftlich.

Textsorten oder Textarten, in die moderne Literaturwissenschaft eingeführte Bez. für alle Arten literar. fixierter Texte. Im Ggs. zu den formalen und intentionalen Bezeichnungen der an einer prinzipiellen Gattungstrias […] orientierten, auf poet. und fiktionale Texte zugeschnittenen Einteilungen der älteren Literaturwissenschaft versucht die Texttypologie der modernen Lit.wiss., Texte unter anderem nach funktionalen oder sozialen Kriterien zu klassifizieren, und Beurteilungskategorien auch für vormals außerhalb des literaturwissenschaftl. Interesses liegende Texte (Reklametexte, Reportagen, auch jurist. und wissenschaftl. Schriften) zu gewinnen. (zitiert nach SCHWEIKLE 1990: S. 460)

Die Todesanzeige ist demnach eine Textsorte bzw. Textart und wird in der Literatur u.a. wie folgt beschrieben:

Todesanzeigen sind ein traditioneller Bestandteil unserer regional- und Tageszeitungen. Es sind private offene Anzeigen, die für Verwandte, Freunde, Arbeits- und Teamkollegen, Vereinsmitglieder oder Sportkameraden aufgegeben werden. […] Todesanzeigen sind außer Kleinanzeigen die einzigen von Laien aufgesetzten Texte in Tageszeitungen. (MÖLLER 2009: S. 9)

Eine Todesanzeige soll allgemeinverständlich – also in deutscher Hochsprache – mitteilen, wer, wann, wo und unter welchen Umständen auch wie gestorben ist und wo man den Verstorbenen, einen Menschen so versteht sich von selbst, zur letzten Ruhe bettet. (RUPPERT 2008: S. 20)

Für die anschließende Analyse möchte ich mich nicht von Definitionen anderer Personen abhängig machen und arbeite demzufolge anhand einer von mir entworfenen Begriffserläuterung:

Todesanzeigen sind in erster Linie schriftlich fixierte Bekanntmachungen von Personen, die die Öffentlichkeit über den Tod von mindestens einem Lebewesen in Kenntnis setzten. Der Informationsträger ist dabei die Zeitung, wobei die Anzeigen gegen Bezahlung in einer gesonderten Rubrik erscheinen. Die essentiellsten inhaltlichen Bestandteile sind der Name des Verstorbenen und das Geburts- und Sterbedatum. Alle anderen Elemente sind fakultativ. Hinsichtlich der äußeren Gestaltung gibt es keinerlei Kriterien, an die der Inserent gezwungen ist, sich zu halten. Trauerrand, Größe, farbliche Gestaltung, Typografie etc. sind Merkmale, die der Angehörige selbst bestimmt, da sie von ästhetischem Empfinden und finanziellen Möglichkeiten abhängig sind. Der Leser ist demgemäß in der Lage, eine Todesanzeige auch als solche zu erkennen, wenn sie in den Familienanzeigen inseriert wurde und inhaltlich lediglich aus dem Namen des Toten und seinem Geburts- und Sterbedatum besteht.

Doch sind es vor allem die unverbindlichen Elemente der Annonce, die eine Vielzahl an Nebeninformationen beherbergen. So wird sich im Verlauf der Arbeit zeigen, dass zum gegenwärtigen Zeitpunkt die Todesbekanntgabe zunehmend in den Hintergrund verdrängt wird, während die Trauer der Hinterbliebenen verstärkt in den Vordergrund rückt, so dass der Focus bei der Anzeigenaufgabe folglich auf der Darstellung der eigenen Gefühls- und Erlebenswelt liegt.

Gleichzeitig orientieren sich Trauernde an gesellschaftlichen Vorgaben bzw. Erwartungen insofern, als dass sie sich ihren Emotionen entsprechend über den Verstorbenen äußern. Das bedeutet, dass jeder Zeitungsleser damit rechnet, einen bewegenden Trauertext vorzufinden, wenn er die Seite der Familienanzeigen aufschlägt. Der Rezipient wäre verstört, würde er eine kunterbunte Anzeige lesen, in der die Hinterbliebenenschaft voller Glückseligkeit die Allgemeinheit informiert, dass ihr Verwandter nun endlich verstorben ist. Demnach befindet man sich als Anzeigenaufgebender immer in der Position, den Verlust eines nahestehenden Menschen in angemessener, den öffentlichen Vorstellungen entsprechender Weise zu beklagen.

Was die formalen und stilistischen Richtlinien betrifft, so hat ein Inserent drei Informationsmöglichkeiten zur Auswahl: sein eigenes Gattungswissen[8] (vgl. MÖLLER 2009: S. 67), die Hilfe eines Beerdigungsinstituts oder die einer Anzeigenredaktion in Anspruch zu nehmen. Besonders die beiden letzten Unternehmen bieten dem Trauernden eine immense Auswahl an Rohmaterial, das je nach Bedarf mit persönlichen Angaben bestückt werden muss.

In den Prozessen zunehmender Arbeitsteilung und des Funktionsverlusts der Institution Familie haben Friedhof und Bestattungsgewerbe den Charakter eigener Funktionsbereiche gewonnen. […] Entscheidendes Kennzeichen dieser Funktionskreise ist, daß sie die ehemals meist durch die Familie vorgenommenen Handlungen als Dienstleistungen offerieren und gegen Zahlung ausführen. Der Prozeß der Übertragung der vom Todesfall geforderten Aktivitäten an das Dienstleistungsgewerbe wird im Allgemeinen als Kommerzialisierung beschrieben (und kritisiert). (FUCHS 1969: S. 167)

Außerordentlich anschaulich gibt der Bundesverband Deutscher Bestatter auf seiner Internetseite darüber Auskunft, wie eine Todesanzeige, eine Danksagung und ein Nachruf von den Angehörigen verfasst werden soll.[9] Dass beim Betrachten besagter Hilfestellungen der Vergleich mit der Aufbauanleitung eines Möbelstücks entsteht, liegt vermutlich daran, dass a) gewinnorientierte Institutionen keine absolute Individualität gewährleisten können; und b) die Todesanzeige letztlich nichts anderes ist – Stück für Stück gibt sie dem Leser logisch aufeinander folgende Informationen. Dabei kann sie sie Auskunft darüber erteilen, wer wann verstarb, unter welchen Umständen dies geschah, möglicherweise welcher Konfession der Tote angehörte, wann und wo die Beerdigung stattfindet und ob der Rezipient überhaupt dazu geladen ist oder nicht.

Eine detailliertere Beschreibung der jeweiligen Komponenten erfolgt im Kapitel 3 Die Todesanzeige im Detail.

Die Analyse bezieht sich auf insgesamt dreizehn repräsentative Elemente, die ich als die prägnantesten und aufschlussreichsten Glieder einer Todesanzeige erachte. Zur bildlichen Verdeutlichung sollen primär zwei Todesannoncen unterstützend herangezogen werden, wobei weitere Todesanzeigen Erwähnung finden. Im weiteren Verlauf der Arbeit werden die Annoncen mit TA(I) und fortlaufender Nummerierung bezeichnet, obgleich eine Bildbearbeitung die Aufzählung nicht beeinflusst.[10] D.h., wenn TA(I) als Bezeichnung für die Anzeige von Franz Wächter gewählt wurde und diese immer wieder in verschiedenartiger Bearbeitung auftritt, bleibt die Beschriftung TA(I) permanent bestehen.

TA(I) wurde für den Landwirt Franz Wächter am 22.02.2011 in der Hildesheimer Allgemeine Zeitung[11], in der Rubrik Familienanzeigen inseriert. Dass die Wahl auf eine Anzeige aus dieser Zeitung fiel, kann dem Zufallsprinzip zugeschrieben werden: Familienmitglieder, Freunde und Bekannte aus dem Raum Niedersachsen, Brandenburg und Sachsen wurden gebeten, Todesanzeigen zu sammeln und mir zu schicken. Demnach beruht die Entscheidung für TA(I) darauf, dass in dieser Traueranzeige ein Großteil der zu bearbeitenden Faktoren auftreten. Gleiches gilt für TA(II) – inseriert für Annelis Tittmann. Diese Anzeige wurde als ausgeschnittenes Erinnerungsstück von einem Familienmitglied aufbewahrt und mir für diese Arbeit überlassen. Folglich kann ich an dieser Stelle keine Auskunft in puncto Zeitung und Erscheinungsdatum geben.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: TA(I) Franz Wächter

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2: TA (II) Annelies Tittmann

1 Historische Bedingungen, Voraussetzungen, Entwicklung der Todesanzeige

Der Tod eines Menschen ist für gewöhnlich nicht ausschließlich für dessen Kernfamilie von Belang, sondern betrifft oftmals auch außenstehende Personen. Das können ehemalige Klassenkammeraden, Vorgesetzte, Arbeitskollegen, Vereinsmitglieder, Freunde, entfernte Bekannte und dergleichen mehr sein. All die gilt es über den Verlust in Kenntnis zu setzten. Doch beschränkt sich die Information nicht ausschließlich auf die Bekanntgabe über das Ableben der Person; es müssen noch weitere Anweisungen erfolgen: wann ist derjenige gestorben, wo wird er beerdigt, wann findet die Beisetzung statt, werden Blumengestecke, Kränze oder stattdessen Spenden erbeten usw. Diese Informationspflicht nimmt dem Angehörigen heute die Todesanzeige ab. Man stelle sich vor, wie umständlich es wäre, jeden einzelnen anzurufen oder schriftlich über den Tod des Verwandten aufzuklären und wie schnell man Gefahr läuft, jemanden zu vergessen.

Noch vor Entstehung der Todesannonce – besonders in ländlichen Gegenden – übernahmen der Leichenbitter und die wöchentliche Predigt die Aufgabe, den Tod eines Menschen publik zu machen.

Leichenbitter, die es bis in die 1970er Jahre gab, wurden von der Familie des Verstorbenen beauftragt, von Haus zu Haus zu gehen, die Mitbürger von dessen Dahinscheiden zu unterrichten und gleichsam zum Begräbnis einzuladen.[12] Weiterhin war es nicht unüblich, dass der Leichenbitter auch dafür verantwortlich war, die Leiche für die Beerdigung vorzubereiten, den Leichenschmaus zu organisieren, die Gäste willkommen zu heißen und diese später zu verabschieden.[13]

Die Leichenbitter sagten formelhaft, meist ohne zu grüßen, ohne anzuklopfen und ohne das Haus zu betreten, die Neuigkeit auf. Eingeleitet mit: ″Mit jedem Tag stirbt unser Leben!/Wir müssen das Geleit bald geben/ dem, den man trägt die Grabes-Bahn/ die Zeit des Todes Abgeschickter/ klopft Armer oder Reich-Beglückter/ bey einem wie beym andern an.″ Dann folgte der Name des Verstorbenen und die Einladung zum Begräbnis. Das unterlassene Anklopfen wurde durch das Schlagen mit einer Gerte oder Rute an die Tür ersetzt. Dieser Brauchtum sollte dafür sorgen, dass der Tod keinen Zutritt zum Haus erhielt.[14]

In Zeiten eines vorherrschenden Analphabetentums war der Leichenbitter eine absolute Notwendigkeit, denn ohne ihn wäre die gesamte Arbeit rund um das anstehende Bestattungsprozedere auf die Angehörigen zurückgefallen. Diese Vorgehensweise der vergüteten Hilfestellung ist der heutigen Anzeigenfunktion nicht unähnlich. Die Hinterbliebenen bezahlen dafür, dass ein spezifischer Text erscheint, dessen Aufgabe es ist, die Öffentlichkeit über den Tod eines Familienmitgliedes zu informieren. In der Anzeige ist dann in der Regel zu lesen, wer zu welchem Zeitpunkt verstarb und wann die Beerdigung stattfindet.

[...]


[1] Vor allem in den östlichen Religionen (Buddhismus, Hinduismus, Universismus) ist der Glaube an die Macht der Toten und deren Einfluss auf das Leben ihrer Hinterbliebenen auch heute noch vorhanden.

[2] Bspw. der Erhalt von Sterbesakramenten vor Eintritt des Todes; oder das Ankleiden des Leichnams mit einem Totenhemd

[3] Bspw. die Zehn Gebote

[4] vgl. FUCHS 1969: S. 44

[5] vgl. ebd. S. 60

[6] Es ist anzumerken, dass sich dieser Abschnitt ausschließlich auf den europäischen bzw. mitteleuropäischen Kulturkreis bezieht.

[7] vgl. NASSEHI 1989: S. 158

[8] Erfahrungsbedingt weiß jeder Mensch (ab einem gewissen Alter), wie eine Todesanzeige gestaltet und aufgebaut ist; und welche Informationen sie vermitteln soll.

[9] Nachzulesen auf: http://www.bestatter.de/bdb2/pages/trauerfall/todesanzeigen.php

[10] Leider war es nicht möglich, eine Todesanzeige zu finden, in der gänzlich alle zu analysierenden Komponenten nachzuweisen sind. Demzufolge habe ich mich für TA(I) und TA(II) entschlossen, da beide in ihrer Gesamtheit alle Elemente widerspiegeln.

[11] Im fortlaufenden Text als HAZ geführt.

[12] vgl. GRÜMER 1994: S. 68.

[13] vgl. http://www.suite101.de/content/der-tod-wird-verkuendet---einstige-rituale-a82803

[14] ebd.

Ende der Leseprobe aus 132 Seiten

Details

Titel
Die Todesanzeige - eine Gattungsanalyse
Untertitel
Chronologische Motivationsveränderung eines Kommunikationsmittels?
Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg  (Orientalisches Institut)
Note
1,7
Autor
Jahr
2011
Seiten
132
Katalognummer
V184542
ISBN (eBook)
9783656094494
ISBN (Buch)
9783656094128
Dateigröße
19189 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
todesanzeige, gattungsanalyse, chronologische, motivationsveränderung, kommunikationsmittels
Arbeit zitieren
Anna Stöhr (Autor), 2011, Die Todesanzeige - eine Gattungsanalyse, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/184542

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