Ideologische Einflüsse auf die Arbeit innerhalb der Musikalischen Früherziehung an den Musikschulen in der BRD und der DDR der 70er Jahre

Exemplarische Gegenüberstellung und Vergleich der Lehrpläne in Ost- und Westdeutschland


Bachelorarbeit, 2011
54 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

0. Einleitung

1. Musik in unterschiedlichen politischen Systemen
1.1. Beziehungskomplex Musik - Politik
1.2 Musik im politischen System der DDR und der BRD

2. Skizze der Geschichte der Musikschulen und der Musikalischen Früherziehung
2.1 Entwicklung der öffentlichen Musikschulen in Deutschland
2.2 Entwicklung der Musikalischen Früherziehung

3. Exemplarische Gegenüberstellung und Vergleich des „Curriculums Musikalische Früherziehung: Musikschulfassung“ und des „Rahmenprogramms für die musikalische Bildung und Erziehung im Vorschulalter an den Musikschulen der DDR“
3.1 Exemplarische Gegenüberstellung
3.1.1 Rahmenprogramm für die musikalische Bildung und Erziehung im Vorschulalter an den Musikschulen der DDR
3.1.2 Curriculum Musikalische Früherziehung: Musikschulfassung
3.2 Exemplarischer Vergleich der Lehrprogramme unter dem Gesichtspunkt ideologischer Einflüsse

4. Fazit

5. Literatur- und Quellenverzeichnis

0. Einleitung

Innerhalb dieser Arbeit soll ein erster Versuch unternommen werden mögliche Einflüsse ideologischer wie politisch-ideologischer Art auf die Arbeit der musikalischen Früherziehung an den öffentlichen Musikschulen in den beiden deutschen Staaten, der BRD und der DDR in den 70er Jahren, über den exemplarischen, qualitativen Vergleich der jeweiligen Lehrprogramme auszumachen.

Aufgrund der enormen Komplexität und Vielschichtigkeit dieses Themenfeldes kann diese Arbeit keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben. Gleichzeitig erfordert ein solch differenziertes Themenfeld den Einbezug vor allem geschichtlich-politischer Hintergründe, die im Rahmen dieser Arbeit nur grob dargestellt werden können, für das Verständnis und die Einordnung der Untersuchungsgegenstände jedoch unabdingbar sind. Auch musste auf die genauere Inhaltsanalyse der in den Lehrprogrammen gelisteten Lieder und Instrumentalstücke aufgrund zeitlicher- sowie struktureller Zwänge einer solchen Arbeit verzichtet werden, was wiederum einen idealen Anknüpfungspunkt für zukünftige Arbeiten bieten kann.

Ausgehend von der Hypothese, dass die Musikalische Früherziehung in der DDR einen signifikant höheren Grad ideologischer Durchdringung aufweist als die der BRD, soll analysiert werden ob und inwiefern sich unterschiedliche Weltanschauungen und die damit verbundenen politischen Handlungen innerhalb verschiedener politischer und gesellschaftlicher Systeme in der Musikpädagogik im Allgemeinen und der Musikalischen Früherziehung in der BRD und der DDR im Einzelnen am Beispiel der jeweiligen Lehrprogramme geäußert haben. Das erste Kapitel befasst sich mit dem grundlegenden Verhältnis von Musik zur Politik und bildet gleichsam den geschichtlichen Rahmen, innerhalb dessen die Analyse der Untersuchungsgegenstände erfolgt. Das zweite Kapitel gibt einen abrissartigen Überblick über die geschichtliche Entwicklung der öffentlichen Musikschulen sowie dem Gebiet der Musikalischen Früherziehung bis in die 70er Jahre hinein.

Darauf aufbauend erfolgt im dritten Kapitel die exemplarische Gegenüberstellung und der ideologiekritische Vergleich der Lehrprogramme für Musikalische Früherziehung der BRD und der DDR.

1. Musik in unterschiedlichen politischen Systemen

1.1. Beziehungskomplex Musik - Politik

Unbestritten ist die Wirkung der Musik auf die Psyche und Physis des Menschen. Zu allen Zeiten haben sich Menschen in den unter- schiedlichsten Kulturen und Gesellschaftsformen der Musik zum Ausdruck von Trauer und Freude, Äußerung und Vermittlung von Gefühlen, Unterhaltung sowie Förderung der Gemeinschaft bedient. Genauso aber kann sie öffentlich zu repräsentativen Zwecken ver- wendet werden. Die Wirkungsmacht von Musik bezieht sich damit nicht allein auf emotionale und emphatische Momente, sondern auch bzw. darüber auf den öffentlichen und repräsentativen Raum. In dieser Funktion kann sie gleichermaßen kulturelle Identität stiften, Macht- und Staatssystem unterstützen oder untergraben sowie der politischen Positionierung und Artikulierung dienen.

Spätestens an dieser Stelle muss das Verhältnis zwischen Musik und Politik näher spezifiziert werden.

Im Hinblick auf den politischen Gebrauch von Musik in Deutschland, speziell der Gattung des Liedes lassen sich geschichtlich unter anderem die Beispiele des „Palästinaliedes“ (Walter von der Vogel- weide), des Reformationsliedes „Eine feste Burg ist unser Gott“, der deutschen Nationalhymne sowie der Kampflieder von Hans Eisler aus den 1920er Jahren, deren Texte auf eine direkte politische Wirkung zielen1, nennen.

Der politische Gehalt dieser Lieder wird also vom Text getragen bzw. die politische Botschaft durch ihn vermittelt. Dies wiederum lässt vermuten, dass die Musik als reine musikalische Struktur betrachtet und völlig losgelöst vom Text politisch neutral ist.

Da aber Musik, in welcher Form auch immer, das Produkt ihres Schöpfers ist, kann sie, ungeachtet ihrer politischen oder nichtpolitischen Intention, nie völlig neutral sein:

„Der Komponist […] richtet seinen Schaffensvorgang an einer potenziellen Hörerschaft aus, deren Erwartungen ihm in etwa gegenwärtig sind. Und selbst wenn er sich nur von seinem künstlerischen Gewissen leiten läßt, arbeitet er inmitten seiner Zeit und Umgebung, denn „künstlerisches Gewissen“ ist ein Geflecht von Normen, die überpersönlich und somit „gesellschaftlich bedingt“ sind.“ (Tibor Kneif, 1977, S. 14)

Musik bzw. das musikalische Produkt seiner Schöpfer ist demnach, wenn nicht gleich politisch an sich, so doch zumindest immer von politischen Faktoren beeinflusst, die in unterschiedlichen Gesellschafts- formen, in denen die Komponisten leben und arbeiten, präsent und für diese unterschiedlich stark prägend sind. Dies gilt sowohl für den textlichen Inhalt des Werkes, als auch für die Wahl der Stilrichtung und kompositorischer Mittel/Techniken, deren sich der Komponist bedient. Musik ist demzufolge immer von politisch-gesellschaftlichen Faktoren beeinflusst.

Nicht weniger von Bedeutung ist in diesem Zusammenhang das Potenzial der politischen wie ideologischen Funktionalisierung bzw. Instrumentalisierung von Musik. Als besonders anschauliches Beispiel hierfür gilt die politische Rolle der Musik in der faschistischen Diktatur des Nationalsozialismus ab 1933, dem Jahr der Machtübernahme der nationalsozialistischen Partei (NSDAP) um Adolf Hitler als Reichs- kanzler.

Sich ihrer kommunikativen, gleichermaßen aber auch manipulativen Kraft bewusst, wurde die Musik von den nationalsozialistischen Macht- habern einerseits als systemgefährdend gefürchtet und im Zuge dessen als „entartete“2 Musik gebrandmarkt, die es zu vernichten galt, anderer- seits aber auch systematisch für die propagandistische Erziehung, für die Ideologisierung der Massen sowie deren kollektive Identitätsbildung3 instrumentalisiert.

Dies geschah vor allem in dem Bereich der zentral, staatlich gelenkten Erziehung, in der neben der bewussten Formung Jugendlicher nach den Grundsätzen der nationalsozialistischen Weltanschauung, der Musikerziehung in Form der Musischen Erziehung eine besonders wichtige Rolle zugeschrieben wurde4.

„[…] eine musisch orientierte Musikpädagogik hatte - wenn auch unbeabsichtigt - mit ihrem Ideal einer Gemeinschafts- erziehung und Charakterformung den Boden für die Nationalsozialistische Erziehungsideologie bereitet.“ (Wilfried Gruhn, 1993, S. 253)

Das in den zwanziger Jahren, unter anderem von Fritz Jöde und Georg Götsch entwickelte Konzept der Musischen Erziehung, der „[…] ganzheitliche[n] Menschenbildung,[der] Gemeinschaftserziehung und [der] Erziehung zu einer neuen Sittlichkeit[…]“5 durch und mit Musik stellte sich mit ihrem Fokus auf das vermeintlich unpolitische Gemein- schaftsideal als äußerst anfällig gegenüber propagandistischer Funktionalisierung dar:

„Für die Erziehung in den Bünden, in der Staatsjugend, in der Reichswehr, in den Wehrverbänden der SA., der SS und des Stahlhelm ist die musische Erziehung zur Notwendigkeit geworden. Aus der wehrhaften Übung allein kann der soldatische Geist nicht erwachsen: Wehrhaftigkeit vollendet sich erst im Seelischen, in Haltung und Ethos, in Ehre, Hingebung und Gefolgschaftstreue. Dahin führt aber zu- sammen mit der leiblichen Übung erst die musische Erziehung durch die Formgewalt der rhythmischen Künste.“ (Ernst Krieck, 1933, Vorwort)

Vergleicht man Krieck’s Ausführung über die Unabdingbarkeit eines derart ideologisch aufgeladenen und militarisierten Begriffes der Musischen Erziehung und hält man den Versuch Hermann Kaisers, die rein musikpädagogische Relevanz dieses Begriffes zu fassen, nämlich: „Musiken erzeugen seelische Spannungen und Erregungen, die sich in Handlungsantrieben entladen“6 dagegen, so widerspricht er der grund- sätzlichen pädagogischen Relevanz nicht. Vielmehr nutzt er diesen Begriff, um den erzieherischen Einsatz von Musik zu propagandistischen Zwecken zu legitimieren.

Mit der Hitlerjugend (HJ) und ihrem „[…] Ziel, alle Kinder und Jugendlichen nationalsozialistisch „auszurichten“ und zu „prägen“, um sie zu zuverlässigen Gliedern des NS-Staates und der „Volks- gemeinschaft“ zu erziehen […]“7 und der Reichsjugendführung (RJF), die mit Neuinterpretationen, gemäß der nationalsozialistischen Welt- anschauung, umfangreich bestehendes Material wie Liederbücher und - blätter, Dienstanweisungen, musikpädagogische und wissenschaftliche Schriften normierten, wurde eine einheitliche, kontrollierbare, musi- kalische Ausrichtung forciert8.

Führt man sich schließlich die ideologische Vereinnahmung populärer und über die nationalen Grenzen hinaus anerkannter deutscher Komponisten wie beispielsweise Ludwig van Beethoven und Richard Wagner, die auf außenpolitischer Ebene zu Instrumenten der Selbst- darstellung und Repräsentation der Diktatur des National-sozialismus umfunktionalisiert worden waren, vor Augen, so zeigt sich eine systematische, politische und ideologische Durchdringung und Funktionalisierung der Musik auf allen Ebenen, vor allem aber auf der der Erziehung, da vornehmlich Kinder und Jugendliche in ihrem noch nicht abgeschlossenem Entwicklungsstadium generell leichter zu beeinflussen sind als das erwachsene Individuum, dessen Persön- lichkeit in der Regel voll entwickelt und daher mit rein musikalischen Mitteln schwerer zu beeinflussen ist.

Nach dem Zusammenbruch des deutschen Reiches 1945 und der bedingungslosen Kapitulation der deutschen Wehrmacht sowie der in der Berliner Erklärung9 erfolgten Übernahme der Regierungs- bzw. Staatsgewalt durch die vier Siegermächte, Großbritannien, USA, Frankreich und die Sowjetunion, einigten sich diese unter anderem auf die, im Potsdamer Abkommen10 gemeinsam entwickelten politischen Grundsätze der Entnazifizierung, Demokratisierung und Entmilita- risierung Deutschlands. Diese sollten innerhalb der zuvor in den Berliner Erklärungen festgelegten Besatzungszonen gleichermaßen umgesetzt werden, wobei die Gestaltung dieser Umsetzung und die weitere politische Entwicklung der Besatzungszonen nicht zuletzt durch gänzlich unterschiedliche politische und weltanschauliche Dispositionen der politisch demokratisch organisierten Westmächte einerseits und der sozialistisch ausgerichteten UdSSR andererseits den Ländern selbst überlassen und daher sehr unterschiedlich ausfiel.

Diese Gegensätze trugen mit der Bildung der „Tri-Zone“11 als Vorläufer der Bundesrepublik auf westlicher Seite und der Aufkündigung des Bündnisses seitens der UdSSR auf östlicher Seite zur zunehmenden Zweiteilung Deutschlands bei und manifestierten sich schließlich im sog. „Kalten Krieg“12.

1.2 Musik im politischen System der DDR und der BRD

Mit der am 07 Oktober 1949 erfolgten Konstituierung des „Deutschen Volksrates“ als „provisorische Volkskammer“ und dessen Annahme der ersten Verfassung der Deutschen Demokratischen Republik13 entstand die DDR auf dem Gebiet der vorherigen sowjetischen Besatzungszone (SBZ).

Die Konstituierung der Bundesrepublik Deutschland in ihrer Form der parlamentarischen Demokratie erfolgte nach der Verabschiedung des Grundgesetzes durch den parlamentarischen Rat im Mai 1949 zwei Monate früher am 14 August 1949 mit den ersten Wahlen zum deutschen Bundestag. Als stärkste Partei ging dabei die CDU/CSU unter dem später ernannten Kanzler Konrad Adenauer hervor, die mit der FDP und DP koalierte14.

Im Unterschied zum Mehrparteiensystem innerhalb der BRD war das politische System der DDR nach sowjetischem Vorbild durch eine autokratische Ein-Parteien-Herrschaft15 gekennzeichnet, wobei das Staatssystem einer Volksrepublik entsprach.

Eine zentrale Rolle in der politischen Führung der DDR kam der „Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands“ (SED), die aus dem Zusammenschluss der „Kommunistischen Partei Deutschlands“ (KPD) und der „Sozialdemokratischen Partei Deutschlands“ (SPD) schon im April 194616 hervorging, zu.

Diese sollte sich im Verlauf der Verhärtung des Ost-West-Konfliktes und dem Mauerbau, der die DDR nun auch physisch von der BRD trennte und zugleich die zunehmende Abwanderung der eigenen Bürger stoppen sollte, „mit Unterstützung der Sowjets […] zur alles beherrschenden Partei, wobei der Einfluss ehemaliger Sozial- demokraten mehr und mehr zurückgedrängt wurde […]“ entwickeln17. Weiterhin verstand sie sich mit ihrem Vorbild der sowjetischen KPdSU18, dem sozialistisch ausgerichteten Staat der DDR dienend, als führende Kraft der sozialistischen Gesellschaft, aller Organisationen der Arbeiterklasse und der Werktätigen sowie der gesellschaftlichen und staatlichen Organisationen19.

„Die Deutsche Demokratische Republik ist ein sozialistischer Staat der Arbeiter und Bauern. Sie ist die politische Organisation der Werktätigen in Stadt und Land unter der Führung der Arbeiterklasse und ihrer marxistisch-leni- nistischen Partei “ (Die Verfassung der DDR vom 06. April 1968, Fassung vom 07. Oktober 1974, Artikel 1)

Dieser durch die Verfassung gesicherte und legitimierte Führungs- anspruch der SED mit ihrer Ausrichtung zum Marxismus-Leninismus, der in diesem Rahmen den Sozialismus als „[…] historische Zwischen- etappe, die sich nach der Überwindung des Kapitalismus bis zur Erreichung des Kommunismus als Endziel der Geschichte gesetzmäßig ergeben sollte […]“20 erstreckte sich auch auf das Kulturleben und damit auch auf die Musik.

Die politische Ideologie des Marxismus-Leninismus, die die SED als „[…] die von Marx und Engels begründete und von Lenin weiterent- wickelte wissenschaftliche Weltanschauung der Arbeiter-klasse, die von […] der Praxis des revolutionären Befreiungskampfes ständig berei- chert wird.“21 definierte, diente ihr als Grundlage und Richtschnur ihrer politischen Arbeit und der daraus resultierenden Entscheidungen und Beschlüsse.

Zuständig für die administrative Umsetzung der Beschlüsse der obersten Parteiführung der SED war der Ministerrat und die einzelnen Fachministerien, wobei ersterer direkt der Weisungsbefugnis des Politbüros22 des Zentralkomitees der SED23 unterstand. So wurde eine indirekte, zentralisierte Lenkung der Ministerien, hier des Ministeriums für Kultur, das unter anderem für die Entwicklung der einheitlichen Lehrpläne an den Musikschulen verantwortlich war und des Ministeriums für Volksbildung, das für die Lehrpläne innerhalb des Schulsystems ab der ersten Klasse, aber auch für Erziehungsfragen im vorschulischen Bereich, zuständig war, durch die SED und den staat- lichen Machtapparat gewährleistet.

Eine solche Abhängigkeit des Kultur- und Bildungswesens von Staat und Parteien schloss sich in der BRD durch die „pluralistische[…] und föderalistische[…] Gesellschaftsstruktur der Bundesrepublik, die auf die Vielschichtigkeit und Differenziertheit der Meinungsäußerungen eines freien Kulturlebens ausgerichtet ist […]“24, automatisch aus.

Im Hinblick auf die Erziehung in der DDR erhob die Partei den ideologischen Anspruch einer Heranbildung von Menschen, „die in Gemeinschaft mit anderen zu fähigen, gebildeten und überzeugten Erbauern des Sozialismus, zu wahrhaft sozialistischen Persönlichkeiten reifen.“25.Ein solches Vorhaben setzt eine entsprechende politische und weltanschauliche Disposition der Lehrkräfte an den allgemeinbildenden Schulen und der Erzieher im vorschulischen Bereich voraus:

[…] Es wird die Hauptaufgabe sein, den Erzieherinnen ein festes, wissenschaftliches, marxistisch-leninistisches Funda- ment für ihre Arbeit zu geben. Das Studium des Marxismus- Leninismus und der Sowjetpädagogik ist ein dringendes Erfordernis für alle Erzieherkräfte.“ (Mitteilungs-blatt des Ministeriums für Volksbildung im Land Thüringen vom 01.04.1951, zitiert nach: Günther Noll: Musik und die Staatliche Macht, S. 14)

Inhaltliche Vorgaben und Vorschläge für die musikalische Arbeit der ErzieherInnen in den Kindergärten enthielt das „Gesetz über das einheitliche sozialistische Bildungssystem“ der staatlichen Kommission zur Gestaltung des einheitlichen sozialistischen Bildungssystems26. Die in dem darauf aufbauenden Bildungs- und Erziehungsplan für den Kindergarten vorgeschlagenen Lieder für die Arbeit mit den Kindern bis zum sechsten Lebensjahr stammten ausschließlich von Komponisten, die in der DDR und den Ostblockstaaten27 gelebt und gewirkt haben:

„Die Kinder hören u.a. die Suite << Wir fahren mit der Eisenbahn >> von Gerhard Wohlgemuth28, << Kuchen- backen >> aus << Für Kinder >> von B é la Bart ó k29, den << Bauernmarsch >> aus dem Musizierbuch von Gerd Ochs30.“ […]

Der Bildungs- und Erziehungsplan empfiehlt die Kinderkantaten << Wachet auf, es krähte der Hahn >> von Helmut Bräutigam31, Fred Rodrian‘s32 Märchenerzählung << Das Wolkenschaf >> mit der Musik von Hans-Joachim Geisthard33 und Prokofjews34 musikalische Märchen << Peter und der Wolf >>.“ (Michel, Paul, S. 14 f)

Die Bevorzugung heimischer und östlicher Musiker und Komponisten, unter Ausklammerung ihrer westlichen Pendants ist als Präventivmaßnahme zu interpretieren, die jegliche Einflüsse der westlichen Hemisphäre mit ihren marktwirtschaftlichen, kapitalistischen und individualistischen Werten auf das kollektivistische, sozialistische System zu verhindern sucht.

So wurde auch in den Lehrplänen und Musikbüchern aller Schulstufen „in erster Linie das Musikschaffen von DDR-Komponisten berück- sichtigt, gefolgt vom proletarischen Musikschaffen (vor allem dem Arbeiterlied) […]“35, wobei Neue Musik aus dem westlichen Ausland kaum auftaucht36.

Gleiches galt für die Tanz- und Unterhaltungsmusik. Mit dem Hörverhalten der Jugendlichen, dass sich vermehrt an dem „Rock’n’Roll“ und „Swing“ ausrichtete der per Rundfunk auch im Staatsgebiet der DDR empfangen werden konnte, befürchtete man, dass sich diese Begeisterung für die amerikanische Musik auch auf den Osten übertragen könnte37. Um dem entgegenzuwirken, förderte man die heimische Tanzmusikproduktion bei gleichzeitigem Versuch, verstärkten Einfluss auf die Musikauswahl innerhalb der Radiosender, der Diskotheken und des Fernsehens zu nehmen. Dem folgend erließen 1958 die SED Parteigremien folgenden Erlass, der noch bis in die 80er seine Gültigkeit besaß:

„[…] Bei allen Veranstaltungen von Unterhaltungs- und Tanzmusik ist das Programm derart zu gestalten, daß mindestens 60 Prozent aller aufgeführten Werke von Komponisten geschaffen sind, die ihren Wohnsitz in der DDR, der Sowjetunion oder den Volksdemokratien haben.“ (Elimar Schubbe, 1972, S. 515)

Auf dieser Ebene war die Musik- und Interpretenauswahl innerhalb der BRD weniger von staatlichen und parteilichen Interessen beeinflusst, sondern viel mehr von ökonomischen Faktoren. Etablierte und populäre Künstler und Bands aus dem Ausland, wie beispielsweise die „Beatles“ boten der Musikindustrie Aussicht auf hohe Absatzzahlen durch den Verkauf von Schallplatten und Kassetten sowie Fanartikel und wurden so vermehrt auch im Rundfunk ausgestrahlt.

Neben den oben genannten politisch-ideologisch bedingten Regle- mentierungen in der DDR, die sich auf das gesamte Kulturleben erstreckten, wurde andererseits ein breit entfaltetes, öffentliches Konzert- und Musikleben durch hohe Subventionen staatlicherseits gewährleistet38. Zu nennen sind hier staatliche Ensembles wie das „staatliche Volkskunstensemble“, das „Ensemble der Nationalen Volksarmee“, das „Ensemble der Volkspolizei“ und die Ensembles der Gewerkschaften sowie die zahlreichen Musikwettbewerbe, Festivals, Folk-Feste und Konzertveranstaltungen, die einerseits ein differen- ziertes und durch niedrige Eintrittspreise der subventionierten Opern- und Konzerthäuser für alle Gesellschaftsschichten zugängliches Musikleben ermöglichten, andererseits aber auch „propagandistischen Zielen diente[n], [die] aus den allgegenwärtigen ideologischen Prä- missen der Partei- und Staatsführung“39 herrührten.

Klassische Musik betreffend standen auch die Kammermusikkonzerte, Klavier-, Sonaten- und Liederabende unter der Leitung und Organisation der staatlichen Künstleragentur und den regionalen Parteiinstitutionen, wobei Gleiches in der BRD die städtischen Kulturämter und private Musikagenturen übernahmen40.

[...]


1 Vgl. Helmut Rösing, 2007, S.18

2 „entartet“ bezieht sich hier vor allem auf die musikalische Moderne, die der Ideologie der Nationalsozialisten wiedersprach. Auch Werke „nicht-arischer“ Komponisten galten als „entartete Musik“

3 Vgl. Michael H. Kater, 2003, S.9

4 Vgl. Ulrich Günther, 1986, S.93

5 Erika Funk-Hennigs, 1980, S. 30

6 Hermann J Kaiser, 1998, S. 14

7 Ulrich Günther, 1986, S. 94

8 Vgl. ebd.

9 Die „Berliner Erklärungen“ vom 05.06.1945 beinhalteten die Verkündung der Übernahme der Regierungsgewalt des Deutschen Reiches sowie die Einteilung des Landes in vier Besatzungszonen durch die Siegermächte

10 Bezeichnet das Ergebnis der Potsdamer Konferenz auf Schloss Cecilienhof in Potsdam nach Ende des zweiten Weltkrieges in Europa. Das Abkommen wurde am 02.08.1945 von den Siegermächten unterzeichnet

11 Dieser Begriff beschreibt die Zusammenlegung der französischen, amerikanischen und Britischen Zone

12 Kalter Krieg = Ost-West-Konflikt bezeichnet den Konflikt zwischen den Westmächten unter Führung der USA und dem Ostblock unter Führung der Sowjetunion zwischen 1945 und 1980, in dem es auf politischer, ökonomischer, technischer und militärischer Ebene um die Eindämmung und Zurückdrängung des Einflusses des jeweils anderen Lagers ging.

13 Vgl. Konrad Franke, 1987, S. 246

14 Vgl. Klaus Körner, 1987, S.86 ff

15 Langfristige, alleinige Regierungsgewalt einer Partei unter Ausschluss von Oppositionsparteien

16 Vgl. Konrad Franke, 1987, S. 241

17 Friedrich-Ebert-Stiftung : Zur Kulturpolitik in der DDR, 1989, S. 6

18 Kommunistische Partei der Sowjetunion.

19 Karl Wilhelm Fricke, 1982, S. 124

20 Thomas Meyer, 2008, S. 11

21 Heinz Göschel, 1979, S. 81

22 Das politische Büro des Zentralkomitees stellt das höchste politische Führungsgremium einer kommunistischen Partei dar. Seine Mitglieder werden vom Zentralkomitee der SED gewählt.

23 Das Zentralkomitee (ZK) war das höchste Organ in der Parteistruktur zwischen den Parteitagen. Dem Sekretariat des Komitees stand ein Generalsekretär vor. Dieser war gleichzeitig Vorsitzender des Politbüros.

24 Friedrich-Ebert-Stiftung : Zur Kulturpolitik in der DDR, 1989, S. 5

25 Kurt Hager, 1987, S. 11

26 Vgl. Paul Michel, 1972, S. 13

27 Sammelbegriff für die Sowjetunion und ihre Satellitenstaaten, die nach dem zweiten Weltkrieg unter sowjetischer Hegemonie gebunden waren.

28 Unter anderem Mitbegründer und Vorstandsmitglied des Komponistenverbandes der DDR

29 Ungarischer Komponist

30 Hallescher Komponist und Musikpädagoge

31 Zwickauer Komponist

32 Ab 1946 Mitglied der SED und der FDJ, von 1946 bis 1952 Arbeit als FDJ-Funktionär auf kulturpolitischem Gebiet

33 Arbeitete im Berliner Ensemble und später in der Musikproduktion des Rundfunks der DDR.

34 Russischer Pianist und Komponist

35 Rieger, Eva, 1986, S. 347

36 Vgl. Ebd.

37 Ebd., S. 345

38 Vgl. Günther Noll, 1997, S. 10

39 Ebd., S. 10

40 Vgl. Wolfgang R. Langenbucher, 1988, S.521

Ende der Leseprobe aus 54 Seiten

Details

Titel
Ideologische Einflüsse auf die Arbeit innerhalb der Musikalischen Früherziehung an den Musikschulen in der BRD und der DDR der 70er Jahre
Untertitel
Exemplarische Gegenüberstellung und Vergleich der Lehrpläne in Ost- und Westdeutschland
Hochschule
Hochschule für Musik und Theater Hannover
Note
1,3
Autor
Jahr
2011
Seiten
54
Katalognummer
V184546
ISBN (eBook)
9783656094470
ISBN (Buch)
9783656094104
Dateigröße
617 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Musikpädagogik, BRD, DDR, Ideologie, Musikalische Früherziehung, 1970, 70er, sozialismus, Musikschule, Musik, Rahmenprogramm, Curriculum, Musikgeschichte, Geschichte
Arbeit zitieren
Daniel Krist (Autor), 2011, Ideologische Einflüsse auf die Arbeit innerhalb der Musikalischen Früherziehung an den Musikschulen in der BRD und der DDR der 70er Jahre, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/184546

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