Die Komplexität des Simplicissimusromans ist bereits in vielen Untersuchungen erwähnt worden. Das sich der bedeutendste deutsche Roman der Barockzeit jedem Versuch einer einfachen Auslegung verschließt, ist aus diesem Grunde unumstritten. Diese Arbeit soll nun einen Einblick in die Diskussion um den Stellenwert der Religion in Grimmelshausens umfangreichsten Werk geben. Um das Themenfeld weiter einzuschränken, beschäftigt sie sich eingehend und, soweit dies möglich ist, ausschließlich mit der Einsiedlerthematik, die vor allem im sechsten Buch, der Continuatio, eine zentrale und vieldiskutierte Stellung einnimmt. Eine weitestgehend textimmanente Darstellung der Einsiedlerepisoden soll als Einstieg in die Untersuchung dienen. Dabei setzt die Arbeit grundsätzlich Strellers Feststellung voraus: „Es ist ein religiöses Konzept, was dem Simplicissimus und seinen Folgeschriften zugrundeliegt.“ 1 Des weiteren wird, ebenfalls auf der Basis der ausgewählten Episoden versucht, eine Einordnung der christlichen Lehre in Grimmelshausens Werk in die geistesgeschichtliche Situation der Zeit zu leisten. Ziel der Arbeit ist es, Forschungsstand und Diskussion zu diesem Thema darzustellen und gegebenenfalls kritisch Stellung zu beziehen Auf eine Untersuchung der Konfessionalität Grimmelshausens, wie viele Autoren sie anstreben, wird in diesem Zusammenhang verzichtet.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Untersuchung der Einsiedlerepisoden
2.1 Simplicius beim Einsiedel im Spessart
2.2 Die Mooskopfeinsiedelei
2.3 Die Kreuzinselepisode
3. Historische Grundlagen einer Deutung
3.1 Gesellschaft im 17. Jahrhundert
3.2 Literatur im 17. Jahrhundert
a) Die erbauliche Funktion barocker Romane
b) Der mehrfache Schriftsinn
4. Der Simplicissimus im Spiegel des barocken Schrifttums
4.1 Spirituelle Hermeneutik im Simplicissimusroman
4.2 Der Simplicissimus: Ein niederer Roman?
5. Die Funktion des Einsiedlerphänomens im Simplicissimusroman
6. Die Continuatio als Schluss des Simplicissimus – Grimmelshausens Bekenntnis zum Skepizismus?
7. Die Rückkehr des Helden in späteren Werken
8. Fazit
9. Literatur
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht die zentrale Bedeutung der Einsiedlerthematik im „Simplicissimus“ von Grimmelshausen. Sie geht der Forschungsfrage nach, inwiefern die Einsiedlerepisoden ein religiöses Konzept widerspiegeln und welche Funktion diese für die Entwicklung des Romanhelden sowie für die Deutung des Werkes im Kontext des barocken Schrifttums einnehmen.
- Analyse der Einsiedlerepisoden im Simplicissimus
- Einordnung der christlichen Lehre in die geistesgeschichtliche Situation des 17. Jahrhunderts
- Untersuchung der Continuatio als Leseanleitung nach dem mehrfachen Schriftsinn
- Diskussion des Skeptizismus im Werk Grimmelshausens
- Stellenwert der Rückkehr des Helden in späteren Werken
Auszug aus dem Buch
2.1 Simplicius beim Einsiedel im Spessart
Nach der Plünderung des elterlichen Hofes, gerät der Knabe Simplicius in die Obhut seines, wie sich an späterer Stelle herausstellt, leiblichen Vaters. Zu diesem Zeitpunkt wird Simplicius als die personifizierte Unwissenheit und Naivität dargestellt. Nicht einmal von der christlichen Lehre hat er zu diesem Zeitpunkt gelernt, abgesehen von einer stark verstümmelten und nur rezitierten Version des Vaterunser. Er beschreibt seinen Zustand in seiner späteren Lebensbeschreibung selbst: „... dann ich kennete weder Gott noch Menschen, weder Himmel noch Höll, weder Engel noch Teufel, und wußte weder gutes noch böses zu unterscheiden: ... Ja ich war so perfekt und vollkommen in der Unwissenheit, das mir unmüglich war zu wissen, daß ich so gar nichts wußte“2 Er erfährt somit die erste Lehre seines Lebens durch den Eremiten, der die Aufnahme des Knaben, sowie seine christliche Erziehung nicht nur als Pflicht, sondern als Geschenk Gottes ansieht.
Mills stellt heraus, fast könne dieser Einsiedler ein christlicher Sokrates genannt werden, denn inmitten seiner Einsiedelei habe er sich den Sinn für die großen Fragen des Lebens kindlich bewahrt, und er begrüßt den Knaben als einen Boten des Menschentums, dem er, in seiner Weise von den Wirren der Zeit weggewannt, gläubig dienen will.3 „Die Maxime des Einsiedels heißt „bete und arbeite“; über irdische, menschliche Dinge jedoch schweigt er.“4 So erfährt Simplicius von seinem Lehrmeister zwar eine tugendhafte und vor allem christliche Lehre, die ihn jedoch keinesfalls auf die Welt vorbereitet.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Darstellung der religiösen Thematik und Einführung in die Einsiedlerthematik im Werk.
2. Untersuchung der Einsiedlerepisoden: Textimmanente Betrachtung der drei Einsiedlerstationen im Leben des Helden.
3. Historische Grundlagen einer Deutung: Einordnung der gesellschaftlichen und literarischen Gegebenheiten des 17. Jahrhunderts.
4. Der Simplicissimus im Spiegel des barocken Schrifttums: Analyse der spirituellen Hermeneutik und Gattungsfragen des Romans.
5. Die Funktion des Einsiedlerphänomens im Simplicissimusroman: Untersuchung der entwicklungsgeschichtlichen Bedeutung der Einsiedelei für den Romanhelden.
6. Die Continuatio als Schluss des Simplicissimus – Grimmelshausens Bekenntnis zum Skepizismus?: Diskussion der These einer skeptizistischen Weltsicht in der Continuatio.
7. Die Rückkehr des Helden in späteren Werken: Einordnung der weiteren Entwicklung des Helden in den Zyklus.
8. Fazit: Zusammenfassende Bewertung der religiösen Konzepte und Entgegnung zur Skeptizismus-Debatte.
9. Literatur: Verzeichnis der verwendeten Quellen und Sekundärliteratur.
Schlüsselwörter
Simplicissimus, Grimmelshausen, Einsiedlerthematik, Barock, Religionssatire, Continuatio, mehrfacher Schriftsinn, Allegorie, Lebenslauf, Weltabkehr, Skepizismus, christliche Lehre, Erlösung, Eremit, Ideologie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der zentralen Rolle der Einsiedlerthematik in Grimmelshausens Simplicissimus und deren Bedeutung für das religiöse Konzept des Werkes.
Welche Themenfelder stehen im Zentrum der Analyse?
Im Zentrum stehen die textimmanente Analyse der Einsiedlerepisoden, die historische Einordnung in das 17. Jahrhundert sowie die literarische Ausdeutung mittels barocker Hermeneutik.
Was ist das primäre Forschungsziel?
Das Ziel ist es, den Forschungsstand zur religiösen Dimension des Werkes darzustellen und zu belegen, wie die Einsiedlerepisoden zur Strukturierung des Romans beitragen.
Welche wissenschaftliche Methodik wird angewandt?
Die Arbeit nutzt eine textimmanente Analyse in Verbindung mit literaturwissenschaftlicher Forschung zur barocken Emblematik und Allegorik.
Welche Inhalte umfasst der Hauptteil?
Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse der Einsiedlerstationen, historische Exkurse sowie die interpretatorische Auseinandersetzung mit der Continuatio und der Gattungszugehörigkeit.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am stärksten?
Die Arbeit wird maßgeblich durch die Begriffe Einsiedlerthematik, religiöses Konzept, Barock, Allegorie und Skepizismus charakterisiert.
Welche Rolle spielt der Einsiedler als Vaterfigur?
Er fungiert als Lehrmeister, der dem Knaben eine reine, aber in der Welt unpraktikable christliche Lehre vermittelt, was zur Unzulänglichkeit des Helden beim Eintritt in die Welt beiträgt.
Wie wird die Continuatio im sechsten Buch gedeutet?
Sie wird überwiegend als eine Art Leseanleitung verstanden, die den Leser zur heilsgeschichtlichen allegorischen Deutung der vorangegangenen fünf Bücher anleitet.
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- Martin Kurth (Author), 2003, Das Motiv der Einsiedlerthematik in Grimmelshausens 'Simplicissimus', Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/18456