Tammy erzählt... mein Leben als Lesehund


Fachbuch, 2011

28 Seiten


Leseprobe

Vorwort

Dieses Handbuch ist offensichtlich kein “wissenschafliches” Werk. Was Tammy “erzählt” basiert auf Erfahrungen, die für Nachahmer sehr wertvoll sein können. Es ist meine Hoffnung, dass dies so sein wird, weil “Projekt Lesehund” ein wichtiger Beitrag ist, als Hilfe für Kinder und Jugendliche auf vielen Ebenen. So ist das mit dem tiergestützten Lernen. Es kann das Leben eines Kindes für seinen ganzen Werdegang positiv beeinflussen, wie beim Fall Anna, oder nur dieser kleine Moment “Lesen macht doch Spaß” - von einem Schüler erlebt.

Ich möchte mich an dieser Stelle bedanken bei den ersten Pioneer-Teams: Gabi mit Schorsch, Angelika mit Basto und Karin mit Lillie. Ihre Hingabe für Lesehund dauert noch an. Auch ein Dankeschön an Graham Ford, Dr. Ursula Rothenhöfer, Eva Bader und Werner Grobholz für ihre großzügige Hilfe; an die Vereine “Tiere helfen Menschen e.V.” und “Streichelbande” e.V. für ihre Unterstützung, und besonders an Anna für die Gelegenheit, das Lesehund-Prinzip auszuprobieren und zu verbreiten.

KG

Hier erzählt Tammy – 5 Jahre alt, Golden Retriever Hündin - wie sie zusammen mit ihrem „Frauchen“ zum ersten Lesehund Team in München wurde. Die Texte in den grauen Kästchen sind von „Frauchen“ geschrieben.

“ Mein Name ist Tammy - ich bin ein Hund.

Ich bin einer der ersten Lesehunde.

Das erste Lesehund-Kind hieß Anna. “

Und so fing die erste Lesehund-Geschichte an :

Vor einigen Jahren ging ich jede Woche in das Kinderheim St. Josef in München. Es waren neun Kinder, die in der Kinderheimgruppe wohnten, die ich besuchte und die mich jeden Montag Nachmittag mit Streicheleinheiten überhäuften. Einige Kinder hatten Angst vor Hunden, haben aber durch mich diese Angst ganz schnell verloren. Bei schönem Wetter spielte ich mit ihnen auf dem Schulhof Ball oder wir gingen zusammen in den Park.

Alle liebten mich. Es gab aber ein Mädchen, dem ich besonders viel bedeutete. Anna. Anna war ein wenig ungeschickt und besuchte die Förderschule. Sie konnte kaum lesen und noch schlechter schreiben. Und das mit neun Jahren! Ihre Schulbeurteilungen waren sehr schlecht. Als mein Frauchen von der Erzieherin im Heim erfuhr, dass mein Lieblingskind nicht ordentlich lesen konnte, erinnerte Frauchen sich an eine Begegnung, die sie einige Jahre zuvor in den USA hatte.

Frauchen war auf Besuch bei ihrem Sohn im Bundesstaat Oregon. Als sie dort im Supermarkt einkaufen war, gab es einen Tisch mit Informationen über verschiedene Formen von tiergestützter Therapie. Es wurden Flyers ausgehändigt mit der Bitte um Spenden für den Verein, der sich dort präsentierte. Mein Frauchen nahm einen Flyer mit und zwar über “Dog Reading”, eine Art Tier-Besuchsdienst, wovon sie noch nie gehört hatte.

Schon seit mehreren Jahren hatte Frauchen in verschiedenen Altenheimen Besuchsdienst mit mir und vorher mit meinem Vorgänger Buddy gemacht. Es gefiel uns, die alten Leute jede Woche zu besuchen und ihnen dadurch eine Freude zu machen. Es gab auch Besuchsdiensthunde, die ebenso behinderte Kinder wie auch Erwachsene besuchten.

Aber “Dog Reading”?

Davon hatte mein Frauchen noch nie etwas gehört! Im Flyer wurde erzählt, wie Kinder mit Leseschwierigkeiten ihre Angst vor dem Vorlesen in der Schule dadurch verloren, dass sie regelmäßig einem Hund vorlasen. Viele Kinder in diesem Programm wurden auch bessere Schüler, hatten plötzlich großes Interesse am Lesen und überhaupt machte ihnen die Schule endlich mehr Spaß.

Es gibt einige Vereine mit über Tausend aktiven “Teams” in Canada und in den U.S.A., die in Schulen und Büchereien gehen und “Dog Reading” anbieten.

Wir waren neugierig, was passieren würde, wenn Anna jede Woche 20 Minuten mit mir auf dem Boden sitzen und mir eine Geschichte vorlesen würde.

Anna war von der Idee begeistert, als Frauchen sie fragte, ob sie mir vorlesen möchte. Bei unserer ersten Sitzung “las” sie mir aus einem Märchenbuch vor. Ich hörte aufmerksam zu, nur ist Frauchen ziemlich schnell dahintergekommen, dass mir Anna manche Passagen aus dem Buch auswendig erzählte. Gelesen hatte sie die Sätze nicht. Frauchen fragte Anna, ob sie wirklich gelesen hat, worauf Anna mit “nein” antwortete – die Buchstaben waren zu klein, sagte sie. Sie kannte die Geschichte schon sehr gut und konnte sie erzählen, ohne die Buchstaben zu lesen.

Daraufhin sind Frauchen und ich in die Stadt gefahren und in ein ganz großes Buchgeschäft gegangen. Wir suchten ein Buch mit ganz großen Buchstaben, mit vielen Bildern auf jeder Seite und wenig Text.

Die Kinderbuchabteilung war riesig. Aber trotz reicher Auswahl fanden wir nichts, was für Anna´s Lese-Anfang geeignet war. Bücher für kleine Kinder waren nicht richtig, da solche Bücher den Kleinen immer vorgelesen werden. Die Buchstaben waren zu klein, die Geschichten zwar niedlich, aber die Texte für einen Anfänger entweder zu komplex, oder babyhaft. Die Geschichten für Erstklässler waren auch zu klein gedruckt und hatten zu viele Sätze auf jeder Seite. Absolut ungeeignet für ein Kind wie Anna, das so lange schlechte Erfahrungen mit solchen Büchern gemacht hat und mit ihnen überhaupt nichts anfangen konnte.

Was tun?

Na ja, wenn es gar nichts gibt, was man gebrauchen kann, dann muss man einfach selber etwas machen!

Und so wurde das erste “Lesehund” - Buch geschrieben.

Das erste Buch umfasste 10 DIN A4-Seiten. Auf jeder Seite war mindestens ein Foto (Frauchen hatte schon längst angefangen, mich mit den Kindern zusammen zu fotografieren), und die Wörter waren in ganz großen Buchstaben gedruckt, pro Seite ein Satz. Die Kinder konnten dieses Heft in ca. 20 Minuten vorlesen, meinte Frauchen.

Anna konnte – mit mir ganz eng kuschelnd sowie mit Frauchens Hilfe – die erste Geschichte vorlesen. Sie las sehr langsam, aber ich hörte mit viel Geduld zu. Anna freute sich so sehr, ein Buch mit einer Geschichte von mir und sich im Kinderheim vorlesen zu dürfen, dass sie noch mehr davon lesen wollte. Dass sie diese Geschichte (mit ein wenig Hilfe von Frauchen, das ist erlaubt) bewältigen konnte, machte sie mächtig stolz! Ich bekam auch viele Leckerlis von Anna nach der Sitzung, und bald freute ich mich besonders über meine neue Rolle als Lesehund. Allerdings war es nicht mit nur einer Geschichte getan. Jede Woche musste Frauchen eine neue Geschichte schreiben, mit neuen Bildern. Es machte ihr Spaß, Geschichten für Anna und mich zu schreiben.

Sie hat jedesmal die Buchstaben etwas kleiner gemacht, die Texte länger, die Wörter allmählich schwieriger - aber immer nur ein bisschen. Es war wichtig, dass Anna nicht entmutigt wurde. Aber das passierte nicht. Ihr Können wuchs von Woche zu Woche. Es vergingen vielleicht 5 Monate, bis es am Ende des Schuljahres Zeugnisse gab. Es schien ein Licht in Anna´s Schulleben aufgegangen zu sein. Wo sie vorher schwache Leistungen in fast allen Fächern zeigte, hatte sie nun überraschenderweise Leistungssteigerungen erreicht. Ihr Interesse und ihre Teilnahme am Unterricht waren viel besser, ihre Motivation war ganz offensichtlich gewachsen.

Ich war ganz stolz auf Anna !

Anna fing jetzt selbst an, den kleineren Kindern in ihrer Kinderheimgruppe abends vorzulesen. Und zwar, aus dem Fundus an Geschichten, den mein Frauchen für sie geschrieben hatte und die Anna schon längst auswendig konnte. Im darauf folgenden Schuljahr machte Anna ihre eigenen Fotos und schrieb Geschichten dazu. Mein Frauchen musste ihr natürlich dabei helfen, aber bald konnte Anna sie selber ganz gut schreiben.

Und schon waren mein Frauchen und ich ein Lesehund-Team. Das erste Lesehund-Team in München. Mein Frauchen dachte, vielleicht könnten wir unser Konzept Lesehund / “Dog Reading” an einer Schule anbieten … ?

Aber leider war das gar nicht so einfach !

Wir gingen zu verschiedenen Schulen in der Umgebung. Inzwischen hatten wir schöne Flyers drucken lassen, die von der tollen Wirkung von “Lesehund“ auf die Schulkinder erzählten. Jedes Sekretariat nahm unseren Flyer freundlich entgegen, aber die Schule zeigte kein Interesse. Wir hatten kein Glück, keine Schule in unserem Stadtteil wollte uns. Bis wir es bei einer neuen Privatschule probierten, die gerade ihre Pforten aufgemacht hatte. Die Rektorin der Montessori Schule zeigte sich sehr aufgeschlossen. Inzwischen waren wir schon drei Lesehunde-Teams. Meine zwei Kumpel, Schorsch und Basto, mit denen ich im Altenheim Besuchsdienst machte, haben mich mit ihren Frauchen unterstützt. Wir drei Teams fingen im neuen Schuljahr an.

Eine Einrichtung in einem anderen Stadtteil von München interessierte sich für Lesehund: eine Nachmittags-Betreuung für Schulkinder. Lilli, noch ein „Kollege“ vom Altenheim-Besuchdienst, hat dort mit ihrem Frauchen angefangen. Es kamen noch mehr Lesehunde und Schulen dazu. Meine Kollegen sind alle beliebt und die Kinder freuen sich, wenn “ihr” Lesehund zu Besuch kommt.

Das Projekt Lesehund wächst, Frauchen bekommt andauernd Anfragen, wie man ein Lesehund Team werden kann. Deswegen schreibe ich dieses Handbuch!

DER HUND IN DER SCHULE

Es ist so schön, ein Lesehund zu sein. Ich liege auf der roten Decke, werde gestreichelt von niedlichen Schulkindern und kriege ein Leckerli nachher vom Kind selbst, für´s Zuhören. Aber: der Weg dahin ist oft sehr stressig. Als Lesehund muss ich oft einige Treppen steigen, hinauf zum Lesehund-Zimmer. Und öfter, wenn gerade Pause ist, ist es sehr, sehr laut. Die Schüler stürmen die Treppe hinauf und manche auch hinunter, während ich und Frauchen versuchen, unseren Weg zum Lesehund-Zimmer zu finden. Viele Kinder wollen mich streicheln – was mir manchmal zu viel ist. Sie rufen: “...DARF ICH DEN HUND STREICHELN?” so laut wie sie können, da alle mich streichen wollen. Und die Kinder meinen, wer am lautesten schreit, darf streicheln. Wenn wir vorher schon über einen vollen Schulhof laufen müssen, um in das Schulgebäude zu kommen, ist es noch schlimmer: ein Fußball fliegt durch die Luft, alle laufen nach und manche achten gar nicht darauf, wohin sie laufen. Wenn ich im Lesehund-Zimmer bin, bin ich froh. Also, Vorsicht ist geboten, liebe Hundekollegen. Überlegt Euch das ganz genau, ob Ihr diesen Stress über Euch ergehen lassen wollt. Wenn es zu anstrengend für euch ist, dann lieber die Pfoten davon lassen, ein Lesehund zu werden.

Ein Lesehund muss alle Grundgehorsamkeiten kennen und einigermaßen beherrschen. Sitz, Platz, Komm … das sind die wichtigsten Befehle, die Ihr beherrschen sollt. Ich verrate euch einen Trick: Ich mache das alles nur, weil ich weiß, dass ich ein Leckerli bekomme. Ja ja, ich weiß, ein gut erzogener Hund muss das alles OHNE machen. Aber ich bin halt ein sehr stures Mädl! Außerdem bin ich so brav, dass das alles nicht so viel ausmacht. Und deshalb lieben die Kinder mich einfach so.

Aber auch ein großes Maß an innerer Ruhe müsst Ihr haben. Ihr müsst gut 90 Minuten ruhig liegen können, und zuhören.

[...]

Ende der Leseprobe aus 28 Seiten

Details

Titel
Tammy erzählt... mein Leben als Lesehund
Autor
Jahr
2011
Seiten
28
Katalognummer
V184659
ISBN (eBook)
9783656100836
ISBN (Buch)
9783656100829
Dateigröße
2636 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Lese-/Schreibschwäche Lernunterstützung, ehrenamtliche Arbeit mit Hunden, Schule, außerschulische Einrichtungen
Arbeit zitieren
Kimberly Ann Grobholz (Autor), 2011, Tammy erzählt... mein Leben als Lesehund, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/184659

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Tammy erzählt... mein Leben als Lesehund



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden