Ein Essay über John Rawls' "Theorie der Gerechtigkeit"


Essay, 2011
5 Seiten, Note: 2,3

Leseprobe

Über John Rawls' „Theorie der Gerechtigkeit"

von Patrick Bäumler

Mit dem 1979 veröffentlichten Buch „A Theory of Justice" beabsichtigte der US-amerikanische Philosoph John Rawls, eine Moralphilosophie zu erarbeiten, die ein Gegenmodell zum Utilitarismus erläutert, welcher bis dato vorwiegend als theoretische Grundlage der neueren Moralphilosophie galt.

Sein Buch, welches als eines der bedeutendsten Werke der politischen Philosophie des 20. Jahrhunderts. gilt, ist der Versuch, Kriterien anzugeben, nach denen sich beurteilen lässt, ob eine Gesellschaft in gerechter Weise eingerichtet ist oder nicht. Die Grundlage hierfür sind Gerechtigkeitsgrundsätze, die angeben, welche Rechte jedem Individuum in der Gesellschaft zustehen und wie soziale und wirtschaftliche Güter in einer Gesellschaft auf die in ihr lebenden Menschen zu verteilen sind. Und genau diese Verteilungen sollen auf gerechte Weise erfolgen.

Er stellt Grundsätze auf, die die Zuweisung von Rechten und Pflichten in Institutionen der Gesellschaft ermöglichen, und welche die richtige (bzw. gerechte) Verteilung der Früchte und der Lasten der Zusammenarbeit der Gesellschaft festlegen.

Rawls nimmt an, eine Gesellschaft ist eine in sich geschlossene Vereinigung von Menschen, die für ihre Beziehungen bestimmte Verhaltensregeln als bindend anerkennt und sich meist auch nach ihnen richtet. Weiter angenommen, beschreiben diese Regeln ein System der Zusammenarbeit, das dem Wohl seiner Teilnehmer dienen soll. Dann ist zwar die Gesellschaft ein Unternehmen zur Förderung des gegenseitigen Vorteils, aber eben nicht nur von Interessenharmonie, sondern auch von Konflikt geprägt.

Eine Interessenharmonie ergibt sich daraus, dass die Zusammenarbeit allen Teilnehmern der Gesellschaft ein besseres Leben ermöglicht, als wenn sie nur auf ihre eigenen Anstrengungen angewiesen wären.

Ein Interessenkonflikt ergibt sich daraus, dass es den Menschen nicht egal ist, wie die durch ihre Zusammenarbeit erzeugten Güter verteilt werden, denn jeder möchte selbstverständlich lieber mehr als weniger davon haben.

Um diese Konflikte fair zu lösen, stellt Rawls seine Grundsätze der sozialen Gerechtigkeit auf. Sie sollen die Zuweisung von Rechten und Pflichten in den grundlegenden Institutionen der Gesellschaft regeln und die richtige Verteilung der Früchte und der Lasten der gesellschaftlichen Zusammenarbeit festlegen.

Die Gerechtigkeit ist gemäß Rawls' Buch die erste Tugend sozialer Institutionen. Eine „noch so elegante und mit sparsamen Mitteln arbeitende Theorie muss fallengelassen werden oder abgeändert werden, wenn sie nicht wahr ist; ebenso müssen noch so gut funktionierende und wohlabgestimmte Gesetze und Institutionen abgeändert oder abgeschafft werden, wenn sie ungerecht sind."

Die Gerechtigkeitsgrundsätze sollen von freien, vernünftigen Menschen in ihrem eigenen Interesse und in einer Ausgangssituation der Gleichheit beschlossen werden. Diese Grundsätze sollen das Zusammenleben regeln. Diese Betrachtungsweise der Gerechtigkeitsgrundsätze nennt John Rawls „Theorie der Gerechtigkeit als Fairness". Diese „Gerechtigkeit als Fairness", bezeichnet, dass die Grundsätze der Gerechtigkeit in einer fairen Ausgangssituation festgelegt werden.

Die faire Ausgangsposition für die Einigung auf Gerechtigkeitsprinzipien ist der sogenannte Urzustand. Es handelt sich um ein Gedankenexperiment, welches nötig ist um gerechte Grundsätze zu beschließen. Der Urzustand ist kein historischer Zustand sondern ein rein hypothetischer. Für diesen Zustand stellt Rawls diverse Voraussetzungen, welche gegeben sein müssen, um zu einem fairen Ergebnis zu führen.

Als oberste Voraussetzung stellt er die Annahme, dass die Menschen im Urzustand gleich seien. Das bedeutet, sie haben bei der Wahl der Grundsätze alle die gleichen Rechte; jeder kann Vorschläge machen; Gründe für sie vorbringen usw.

Eine weitere Voraussetzung soll gewährleisten, dass die Regeln genau eingehalten werden. Den Teilnehmern wird ein Gerechtigkeitssinn zugestanden. Diese Bedingung soll die Gültigkeit des Ergebnisses im Urzustand gewährleisten. Jederversteht die beschlossenen Grundsätze und handelt nach ihnen - egal wie sie ausfallen. Sind die Grundsätze anerkannt, so sollen sich alle darauf verlassen können, dass jeder sie einhält.

Damit niemand die Gerechtigkeitsprinzipien auf seine eigenen Verhältnisse zuschneiden kann, fehlen den Personen im Urzustand bestimmte Informationen. Rawls nennt diesen Zustand „Schleier des Nichtwissens". Vor allem kennt niemand seinen Platz in der Gesellschaft, seine Klasse oder seinen Status; ebenso wenig seine natürlichen Gaben (wie z.B. Talente, die er geerbt hat), seine Intelligenz, Körperkraft usw. Auch kennt niemand seine Vorstellung vom Guten, die Einzelheiten seines Lebensplanes, nicht einmal die Besonderheiten seiner Psyche (Einstellung zum Risiko oder Neigung zu Optimismus/Pessimismus). Darüber hinaus setzt Rawls noch voraus, dass die Parteien die besonderen Verhältnisse in ihrer eigenen Gesellschaft nicht kennen (ihre wirtschaftliche und politische Lage, den Entwicklungsstand ihrer Zivilisation und Kultur).

Während die Menschen im Urzustand keine einzelnen Tatsachen kennen, ist die Kenntnis allgemeiner Tatsachen zugelassen. Sie verstehen politische Fragen und die Grundzüge der Wirtschaftstheorie, ebenso die Grundfragen der gesellschaftlichen Organisation und die Gesetze der Psychologie des Menschen. Sie sollen alle allgemeinen Tatsachen kennen, die für die Festsetzung von Gerechtigkeitsgrundsätzen von Bedeutung sind.

Die Menschen im Urzustand sind außerdem vernünftig. Von einem vernünftigen Menschen wird angenommen, dass er ein System von Präferenzen bezüglich der ihm offenstehenden Möglichkeiten hat. Er bringt sie in eine Rangordnung nach ihrem Nutzen für seine Zwecke. Er setzt sich für die Punkte ein, die möglichst viele von seinen Wünschen erfüllen und eine möglichst gute Aussicht auf erfolgreiche Verwirklichung bieten.

Zusätzlich nimmt John Rawls an, dass vernünftige Menschen keinen Neid kennen.

Die Menschen im Urzustand haben kein Interesse an den Interessen anderer. Sie zeichnen sich durch gegenseitiges Desinteresse aus. Gefühle wie Sympathie, Antipathie, Liebe, Hass, Neid, gibt es nicht.

Obwohl die Personen im Urzustand ihre Vorstellung vom Guten nicht kennen, wissen sie dennoch, dass es bestimmte Grundgüter gibt, die notwendig sind, um ihre Vorstellung vom Guten (egal wie es aussieht) zu realisieren.

Grundgüter sind nach Rawls Dinge, von denen man annimmt, dass sie ein vernünftiger Mensch haben möchte. Wie auch immer die vernünftigen Pläne eines Menschen im Einzelnen aussehen mögen, es wird angenommen, dass es verschiedenes gibt, wovon er lieber mehr als weniger haben möchte. Die wichtigsten Arten der gesellschaftlichen Grundgüter sind Rechte, Freiheiten und Chancen sowie Einkommen und Vermögen.

Wie entscheiden nun die Teilnehmer einer unter den genannten Voraussetzungen abgehaltenen Tagung über Grundsätze? Unter den Bedingungen des Urzustands ist es Rawls' nach naheliegend, die Maximin­Regel als Entscheidungskriterium anzunehmen.

Die Maximin-Regel ordnet die gegebenen Alternativen nach den schlechtesten möglichen Ergebnissen: man soll jene wählen, deren schlechtest mögliches Ergebnis besser ist als das jeder anderen.

Rawls ist der Ansicht, dass die Personen sich auf folgende Grundsätze einigen würden:

Der erste Grundsatz besagt, dass jedermann das gleiche Recht auf das umfangreichste Gesamtsystem gleicher Grundfreiheiten hat, das für alle möglich ist.

Der Zweite, dass soziale und wirtschaftliche Ungleichheiten dann akzeptiert werden können, wenn sie zum Vorteil einesjeden sind und die damit verbundenen Positionen und Ämter für jeden offen stehen.

Weiter nimmt Rawls zwei Vorrangregeln als Grundlage an:

Die erste Vorrangregel (Vorrang der Freiheit) stellt die Gerechtigkeitsgrundsätze in eine lexikalische Ordnung. Demnach kann die Grundfreiheit nur eingeschränkt werden, wenn eine weniger umfangreiche Freiheit das Gesamtsystem der Freiheiten für alle anderen stärkt, oder weniger als die gleiche Freiheit für die davon Betroffenen annehmbar ist. Die Zweite Vorrangregel (Vorrang der Gerechtigkeit vor Leistungsfähigkeit und Lebensstandard) besagt, dass eine Chancen-Ungleichheit die Chancen der Benachteiligten verbessern muss.

John Rawls ist überzeugt, dass die Personen unter dem Schleier des Nichtwissens zu diesen Ergebnissen kommen würden. In der Realität lässt sich diese Annahme nur schwer nachweisen, da dieser Schleier des Nichtwissens wie erwähnt einen fiktiven Zustand darstellt. Vermutlich bleibt es in der realen Umsetzung schwierig sich voll und ganz auf die von ihm vorausgesetzten Faktoren, für eine faire Entscheidung einzulassen. Dennoch sind seine Ansätze durchaus plausibel und nachvollziehbar. Weitere Ansatzpunkte für Kritik bietet die Vorrangregel. Sie ist nicht empirisch belegt. Ein Mensch, der sich in einer extremen Notsituation befindet, wird mit seinen Grundrechten nicht viel anfangen können. So wird ein verhungernder Mensch nicht viel mit seiner Freiheit anfangen können, und diese vermutlich lieber gegen etwas zu Essen tauschen wollen.

Trotz einiger Kritikpunkte kann man sagen das „Eine Theorie der Gerechtigkeit" einen wichtigen und bis heute viel beachteten Beitrag zur politischen Philosophie darstellt. Das Werk liefert Denkansätze, die sich für jeden der sich mit dem Thema „Verteilungsgerechtigkeit" auseinandersetzt, als interessant herausstellen.

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Ende der Leseprobe aus 5 Seiten

Details

Titel
Ein Essay über John Rawls' "Theorie der Gerechtigkeit"
Hochschule
Mediadesign Hochschule für Design und Informatik GmbH München
Note
2,3
Autor
Jahr
2011
Seiten
5
Katalognummer
V184687
ISBN (eBook)
9783656096320
Dateigröße
377 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
John, Rawls, John Rawls, Theorie, der, Gerechtigkeit, Theorie der Gerechtigkeit, Essay
Arbeit zitieren
Patrick Bäumler (Autor), 2011, Ein Essay über John Rawls' "Theorie der Gerechtigkeit", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/184687

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