Seminarbeiträge zu Nietzsches "Zur Genealogie der Moral"


Seminararbeit, 2011

21 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

0. Thema, Titel und Untertitel in Nietzsches Text

1. Hinführende Frage zur zentralen Frage

2. Methode und Wert Nietzsches philosophischer Aussaat und Ernte

3. Potential und Funktionen moralischer Werte

4. Lesen als Grasen und Wiederkäuen

5. Literaturangaben

0.Thema, Titel und Untertitel in Nietzsches Text

Nietzsche erläutert in seiner Vorrede zu seinem Text „Zur Genealogie der Moral“[1], worum es ihm in seiner Streitschrift (so der Untertitel[2] ) gehen wird. Der Untertitel kündigt uns einen Kampf an. Das soll heißen, wir erwarten von Nietzsche keine rein objektive Perspektive auf das Problem und keine sachliche Argumentation. Wir seien vorgewarnt: Nietzsches Leben ist zentral für den Text. Dass er emotional reden wird, daraus macht Nietzsche keinen Hehl. Denn von der Frage, die er behandeln will, fühlt er sich, wie er behauptet, schon seit seiner Jugend[3] und immer wieder im Laufe seines Lebens persönlich betroffen, was er auch in seinen früheren Texten bereits deutlich macht[4].

Auch will er nicht d i e Genealogie der Moral schreiben, er schreibt lediglich einen Beitrag, einen Entwurf z u einer solchen[5]. Was er zu sagen hat, sagt er, so die Meinung des Seminarleiters, in einem vorbereitenden, vorläufigen Gestus. Nietzsche sähe sich nicht als objektiven Beobachter, der von einer neutralen Perspektive aus die Ursprünge der Moral zurückverfolgen und aufdecken könnte. Er wüsste sich immer schon hineinverstrickt in diese Geschichte, in diese Entwicklung, über die er nachdenken will, die er hinterfragen will. Nicht nur ginge es ihm um die Frage nach dem Ursprung, den Bedingungen und der Entwicklung der Moral, es ginge ihm um eine Kritik und in Folge um eine Relativierung des Wahrheitsanspruchs moralischer Werte. Zentral sei daher die Frage, welchen Wert moralische Werturteile überhaupt für uns Menschen haben[6].

1. Hinführende Frage zur zentralen Frage

Im ersten Abschnitt klagt Nietzsche darüber, dass uns (den Menschen) Ernst und Zeit fehlen für das Leben, das Erleben. Unsere Erlebnisse und Erfahrungen seien uns nur nachträglich und verfälscht zugänglich. Er zitiert Jesu Bergpredigt aus dem Evangelium nach Matthäus, Kapitel 6, Vers 21 herbei, wenn er schreibt, „wo euer Schatz ist, da ist auch euer Herz“[7]. Vielleicht ist es eine etwas gewagte Interpretation der Autorin, wenn sie fragt: Geht es Nietzsche hier in diesem ersten Abschnitt seiner Vorrede nicht bloß darum, mit der Frage „wer sind wir eigentlich?“[8] (mit dieser Frage nach unserer Identität) zu der Frage hinzuführen, um die es dann in seiner Schrift „Zur Genealogie der Moral“[9] in erster Linie gehen soll? Denn (so meine, aber vermutlich nicht nur meine These) wer wir sind, erfahren wir erst, wenn wir uns unserer Handlungen und unserer Motive, unserer Werte bewusst werden. Die Frage nach unserer Identität führt uns unweigerlich zur Frage: Welche Entscheidungen treffen wir? Nach welchen Grundsätzen handeln wir? Unser Herz, unser Leben, unser Bewusstsein, unsere Identität ist (das heißt, bildet sich) da, wo unser Schatz ist. Da, wo wir agieren, wo wir handeln, dort erleben wir, wir wer sind. Dort, wo unser Schatz ist, da handeln wir, da haben wir Wichtiges zu tun, da spielt sich unser Leben ab. Das, was uns wichtig und wertvoll ist, prägt unser Leben, unsere Identität. Wenn wir aber noch nicht gefragt (noch nicht hinterfragt) haben, was uns wichtig ist, was unsere Werte sind, woher sie kommen und was sie uns bedeuten und wert sind, wissen wir auch nicht, wer wir sind. Das heißt, zuerst fragt uns Nietzsche, ob wir eigentlich wissen, wer wir sind, und er beantwortet uns die Frage gleich und sagt, wir hätten keine Ahnung, wer wir sind; und weil das so ist und wir keine Ahnung haben, drängt sich die nächste Frage, die zentrale Frage in Nietzsches Text nahezu auf: Wonach handeln wir? Wie bewerten wir unsere Handlungen? Was ist uns ein Schatz, was ist uns ein Gut, was ist gut? Zugegeben, diese These, dass sich Identität einer ritualisierten Praxis verdankt, dass es erst wiederholte Handlungen sind, die unsere Rolle, unsere Identität konstruieren und festigen, war Nietzsche vermutlich nicht so im Ohr, wie sie vielleicht vielen von uns heute vielleicht dank der Gender Studies (und der Autorin im Moment vor allem dank Judith Butler[10], aber auch Jacques Derrida[11] ) im Ohr klingt. Aber wenn es in diesem ersten Abschnitt nicht gleich um Fragen der Moral geht, wenn Nietzsche hier zuerst auch die Rolle der Philosophen thematisiert (und wir die Rolle der Philosophinnen mitbedenken wollen, auch wenn Nietzsche diese vielleicht noch nicht bedacht hat, weil man sich philosophierende Frauen im 19. Jahrhundert noch schwer vorstellen konnte[12] ), dann deshalb (so meine These), weil diese Frage nach unserer Identität unweigerlich zur Frage nach unseren Handlungsmaßstäben und Werturteilen hinführt.

Ob Nietzsche hier mit „uns“[13] alle Menschen meint oder die Philosophen im Besonderen wird nicht ganz deutlich, es lässt sich aber vermuten, dass es vor allem um die Philosophen geht, die alles mögliche zu erkennen versuchen, aber gerade in Bezug auf sich selber, das heißt, bei der Selbsterkenntnis und ihrem eigenen Erleben scheitern. Eine Bewusstwerdung scheint problematisch oder fast unmöglich. Nietzsche formuliert es als einen Zwang: „Wir bleiben uns eben nothwendig fremd, wir verstehn uns nicht, wir müs s e n uns verwechseln (...).“[14]

2. Methode und Wert Nietzsches philosophischer Aussaat und Ernte

In den nächsten Abschnitten erzählt Nietzsche, dass ihn das hier behandelte Thema schon lange herumtreibt, dass er sich dazu auch schon in anderen Schriften geäußert hat (was bereits angesprochen wurde[15] ). Eine gewisse Ironie lässt sich jedoch m.E. schwerlich überhören, wenn Nietzsche daran erinnert, dass Philosophen kein Recht haben, eine subjektive Meinung zu vertreten und sich nicht darum scheren, ob ihre Erkenntnisse, die angeblich so ganz und gar allgemein gültig sein sollen, dann tatsächlich für irgendjemanden relevant sind.[16] Nietzsche verwendet als Metapher Bäume und Früchte. Die Philosophen bringen Erkenntnisse hervor, gleich wie ein Baum Früchte hervorbringt und sich nicht darum kümmern muss, wer die Früchte ernten, brauchen und genießen kann.[17] Ob die Erkenntnisse der Philosophen schmecken, scheint ihnen völlig egal zu sein, scheint egal sein zu müssen.

Nietzsche behauptet weiters, dass seine Gedanken wertvoll seien schon allein deswegen, weil er sie immer und immer wieder habe, weil sie ihn nicht jetzt zufällig plagten, sondern ihn schon in Jugendtagen beschäftigt hätten und ihn immer noch quälen würden. Lange schon denke er „über die Herkunft unserer moralischen Vorurtheile“[18] nach und er habe schon früh unterschieden zwischen (erstens) theologischen Behauptungen, welche die Ursache des Guten und des Bösen außerhalb und jenseits der Welt, z.B. bei Gott suchen, und (zweitens) moralischen Fragen, welche nach den Bedingungen suchen, unter welchen sich der Mensch im Hier und Jetzt, das heißt, in der Welt, seine Werte konstruiert.[19] Seine Methode sei daher nicht theologisch oder metaphysisch. Er behauptet, er arbeitete historisch, philologisch und psychologisch. Er untersuche die Geschichte, die Sprache und die psychischen Voraussetzungen, welche die Ausbildung der geltenden Werte beeinflusst haben.[20]

3. Potential und Funktionen moralischer Werte

In den weiteren Abschnitten spricht Nietzsche von seinen (nicht nur fiktiven) Gegnern, an die er seine Streitschrift richtet, von einem Text (von Paul Rée), gegen den Nietzsche Widerstände in sich fühlt, und er nennt seinen Lehrer Schopenhauer und dessen Mitleidsethik, gegen die und deren Tradition er schon lange skeptisch war[21]. Hier näher auf Schopenhauer einzugehen, würde – und nun kommt der in jeder wissenschaftlichen Arbeit schönste (...!) aller Sätze – den Rahmen derselben sprengen.

Laut Nietzsche hat Moral sowohl positives, als auch negatives Potential (und die Autorin stimmt Nietzsche schon allein aufgrund ihrer persönlichen Erfahrungen in diesem Punkt zu, auch wenn persönliche Erfahrungen in unserer traurigen Wissenschaft nicht immer so gefragt sind.) In widersprüchlichen Paaren beschreibt Nietzsche, welche Funktionen Moral einnehmen kann: Sie kann sein: Symptom oder Maske, Krankheit oder Heilmittel, sie kann fördernde oder auch hemmende Wirkung haben.[22] Das Hauptproblem ist aber, in den moralischen Werten immer etwas Verbindliches, Gegebenes, Allgemeingültiges zu sehen und sie nicht in ihrer historischen Entwicklung, als etwas historisch Gewachsenes zu verstehen. Erst wer erkennt, dass unsere Werte einer geschichtlichen Entwicklung unterliegen, erkennt ihre Veränderbarkeit, ihre Relativität. Das heißt nicht, dass Nietzsche Werte grundsätzlich ablehnen oder abschaffen will, aber er betont, die Notwendigkeit diese zu hinterfragen, diese einer Kritik zu unterziehen.

4. Lesen als Grasen und Wiederkäuen

Schließlich erwartet Nietzsche von seinen Lesern, wie er in den letzten beiden Abschnitten deutlich macht, dass wir nicht nur in seinen Schriften grasen, sondern uns tief verwunden oder verzücken lassen[23], sie brav wiederkäuen und uns dabei nicht für das Blaue, sondern mehr für das Graue interessieren sollen.[24] Das könnte heißen, dass wir keine Prognosen ins Blaue hinein machen sollen und uns nicht in metaphysischen, transzendentalen Argumentationen verlieren sollen, sondern unsere Aufmerksamkeit den grauen Fakten und Tatsachen, der grauen Vergangenheit, das heißt, der geschichtlichen Entwicklung widmen sollen, dass wir die „Kunst der Auslegung“[25] an seinen Texten üben sollen, die dank ihrer „aphoristischen Form“[26] sich gegen eine schnelle, einfache Lektüre sperren.

Unklar bleibt m.E., warum ausgerechnet der moderne Mensch das Wiederkäuen nicht beherrschen würde und warum das Wiederkäuen nicht auch in seiner Problematik beschreiben wird. Nietzsche setzt hier einen moralischen Imperativ, den wir durch das von ihm zuvor Gesagte eigentlich nur sofort wieder relativieren können. Es mag Situationen geben, da ist das Wiederkäuen mehr als angebracht, aber es gibt auch Situationen, wo es eben nicht reicht, in grauen Tatsachen und Vergangenheiten zu grasen und diese gemütlich wiederzukäuen, sondern es auch Situationen geben kann, in denen es gerade zu gefordert ist, sich im Blauen des Himmels, das könnte heißen, sich in eine Utopie zu wagen. Deshalb, so meine These, würde es vielleicht helfen, sich mit Nietzsche hier über Nietzsche lustig zu machen und die Ironie zu betonen, die über all jenen schwebt, die nichts Besseres zu tun haben, als in einer traurigen Wissenschaft das wiederzukäuen, was andere vor ihnen schon hundert Mal ausgespuckt und ausgesagt haben. Muss denn wirklich alles wiederholt werden, damit es verstanden wird und wir Neues daran anknüpfen können? Reicht es nicht, wenn wir schon beim Lesen Wiederkäuen, müssen wir denn dann auch noch schreibend, das wiederholt Wiedergekäute zum hundertsten Mal vor uns und für andere auskotzen?[27]

[...]


[1] Vgl. Nietzsche, Friedrich: Zur Genealogie der Moral. Eine Streitschrift. (Vorrede 1-8). In: KSA 5 hg.v. Giorgio Colli und Mazzino Montinari, S. 247-256.

[2] Vgl. ebd. GM (= Zur Genealogie der Moral), S. 245.

[3] Vgl., ebd., S. 249.

[4] Vgl., ebd., S. 248. (Nietzsche erwähnt hier seinen Text, der zwischen 1876 und 1877 entstand und den Titel „Menschliches, Allzumenschliches. Ein Buch für freie Geister“ trägt.

[5] Vgl., ebd., S. 245.

[6] Vgl., ebd., S. 250-253.

[7] Vgl., ebd., S. 247. (Nietzsche zitiert Jesus und seine Bergpredigt, welche zitiert wird bei Matthäus 6,21. Vgl. auch auf: http://alt.bibelwerk.de/bibel/ (April 2011)

[8] Vgl. ebd., S. 247.

[9] Vgl. Nietzsche, Friedrich: Zur Genealogie der Moral. Eine Streitschrift. (Vorrede 1-8). In: KSA 5 hg.v. Giorgio Colli und Mazzino Montinari, S. 245-412.

[10] Vgl. Butler, Judith: Das Unbehagen der Geschlechter. Aus dem Amerikan. von Kathrina Menke. Frankfurt/Main 2006. Und: Butler, Judith: Hass spricht. Zur Politik des Performativen. Aus dem Englischen von Kathrina Menke und Markus Krist. Frankfurt/Main 2006.

[11] Vgl. Derrida, Jacques: Limited Ink. Hg. v. Peter Engelmann. Wien 2001. Und: Derrida, Jacques: Signatur Ereignis Kontext. In: Peter Engelmann (Hg.) Randgänge der Philosophie. Wien 1988.

[12] Vgl. Doyé, Sabine (Hg.): Philosophische Geschlechtertheorien. Ausgewählte Texte von der Antike bis zur Gegenwart. Hg. und eingeleitet von Sabine Doye´, Marion Heinz und Friederike Kuster. Stuttgart 2002.

[13] Nietzsche, Friedrich: Zur Genealogie der Moral. Eine Streitschrift. (Vorrede 1-8). In: KSA 5 hg.v. Giorgio Colli und Mazzino Montinari, S. 247-248.

[14] Ebd., S. 247-248.

[15] Vgl. Fußnote 4 und 5 in dieser Arbeit.

[16] Vgl., ebd., S. 248.

[17] Vgl., ebd., S. 249.

[18] Ebd., S. 248.

[19] Vgl., ebd., S. 249.

[20] Vgl., ebd., S. 249-250.

[21] Vgl., ebd., S. 250-252.

[22] Vgl. Nietzsche, GM, S. 253.

[23] Vgl., ebd., S. 255.

[24] Vgl. ebd. S. 254-256.

[25] Ebd., S. 255.

[26] Ebd. S. 255.

[27] So ist es traurig, dass das hier Wiedergekäute nicht einmal wert sich, sich auf irgendeiner Internetseite als Seminararbeit verkaufen zu lassen, weil die Kurzübung dafür, wie der Name schon sagt, einfach zu kurz ist. Aber immerhin der Seminarleiter hat hoffentlich ein gutes Gefühl, weil er sich wieder einmal davon überzeugen kann, dass er seinen Studierenden noch etwas lernen kann, weil er ganz sicher den einen oder anderen Zitierfehler entdecken wird. Im Übrigen sei ihm aber herzlich gedankt, für die Disziplin, die er beim Lesen und Verstehen einfordert.

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Seminarbeiträge zu Nietzsches "Zur Genealogie der Moral"
Hochschule
Universität Wien  (Philosophie)
Veranstaltung
Seminar Nietzsches "Zur Genealogie der Moral"
Note
2,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
21
Katalognummer
V184800
ISBN (eBook)
9783656102977
ISBN (Buch)
9783656102700
Dateigröße
498 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
seminarbeiträge, nietzsches, genealogie, moral
Arbeit zitieren
MMag. phil. MMag. theol Renate Enderlin (Autor), 2011, Seminarbeiträge zu Nietzsches "Zur Genealogie der Moral", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/184800

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