Gibt es eine GAY-Szene in Darmstadt?


Hausarbeit, 2008

25 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Richard Florida - “The Creative Class”

3. Das Phänomen der “Szene”

4. Die Verödung der “Gay - Szene” in Darmstadt
4.1) Das FrauenKulturZentrum
4.2) Der Schlosskeller
4.3) Die “3- Klang Bar”
4.4) Das “Queer”

5. Fazit

6. Anhang

7 Literaturverzeichnis

Einleitung

I define tolerance as openness, inclusiveness and diversity to all ethnicities, races and walks of life. (Florida 2005, S.37)

Im Rahmen des Soziologie-Seminars “Creative Industries and the City” begannen wir, uns mit der Darmstädter „Gay-Szene“ auseinander zu setzen. Auf der Grundlage von Richard Floridas Theorie der „Creative Class“, in der u.a. von einem „Gay-Index“ die Rede ist (ausführlicher, siehe Kapitel 1), stellten wir uns die Frage, ob es überhaupt eine solche „Szene“ in Darmstadt gibt, wo genau diese zu finden ist und wie sie von verschiedenen Seiten gesehen wird. Dazu recherchierten wir zunächst alle möglichen Orte der Stadt, die einen Treffpunkt für Homosexuelle darstellen, um dann einige ausgewählte „locations“ zu besuchen. Dort wurden Interviews mit Veranstaltern und Besuchern durchgeführt (siehe auch Anhang).

Um eine theoretische Grundlage zu schaffen, werden wir zunächst kurz auf Richard Floridas Theorie der „Creative Class“ eingehen und uns mit dem „Szene“-Begriff nach Ronald Hitzier auseinandersetzen.

Im nächsten Schritt besuchten wir die uns bekannten Szeneläden Darmstadts. Wir teilten jedem Betreiber einen schriftlichen Fragebogen aus, der dem der Besucher sehr ähnlich ist. Lediglich Frage 4 hat eine andere Sichtweise. Im Kapitel 3 sind alle uns bekannten Szeneläden aufgeführt. Wir haben uns nicht nur auf schriftliche Interviews konzentriert, sondern nutzten auch das Instrument der Beobachtung in Form einer Raumanalyse. Das erste Interview wurde in Form einer Zusammenfassung geschrieben, das aus der Beantwortung des schriftlichen Interviews und einem Gespräch besteht. Die beiden Mitarbeiterinnen des Schlosskellers bekamen ebenso die schriftlichen Fragebögen zur Vorbereitung mit. Hinzu kommt ein Gespräch mit beiden und das Jubiläumsheft des Schlosskellers aus dem Jahre 2006. Es dient als Quelle für die bewegte Geschichte des Gewölbekeliers. Das „Queer“ und das „3 Klang“ wurden jeweils durch eine Vermischung der Fragen des Fragebogens und einem direkten Gespräch interviewt.

Zum Schluss verbinden wir die Theorie mit der Praxis und beschäftigen uns kurz mit der Frage „Wie verorten sich Angehörige der freien Szene in ökonomischer, sozialer, politischer und räumlicher Hinsicht in Darmstadt?“

2. Richard Florida - „The Creative Class“

ln seinem Buch “The Rise of the Creative Class” (2002) untersucht der US- amerikanische Ökonom Richard Florida am Beispiel der USA die Beziehung von Kreativität, Kultur und ökonomischem Wachstum. Es gelingt ihm zu beweisen, dass Kreativität als Standortfaktor maßgeblich am ökonomischen Wachstum beteiligt ist, wenn nicht sogar den wichtigsten Wachstumsfaktor darstellt! Florida entwickelt hierbei die so genannte „Creative Class“ als Initiatoren des wirtschaftlichen Wachstums. Die „Creative Class“ definiert Florida folgendermaßen: „The distinguishing characteristic of the Creative Class is that its members engage in work whose function is to create meaningful new forms." (Florida 2005, S.34).

Er spricht von einem “super-creative core”, also einer Kemgruppe, die u.a. Wissenschaftlerlnnen, Ingenieurinnen, Professorinnen, Dichterinnen, Schriftstellerinnen, Künstlerinnen, Schauspielerinnen, Designerlnnen und Architektinnen umfasst. Um diese Kerngruppe herum, ebenfalls zur „Creative Class“ gehörend, befinden sich Fachleute, die beispielsweise im „High-Tech-Sektor“, in der Finanzdienstleistung oder im „Business-Management“ an innovativen Lösungen für diverse Probleme in der „knowledge-intensive industry“ (Florida 2005, S.34) suchen. Dabei geht Florida davon aus, dass die Menschen, die dort arbeiten, einen höheren Bildungsgrad besitzen. Allerdings betont Florida immer wieder, dass in allen Menschen ein kreatives Potential steckt, es aber nur einer Teilgruppe gelingt, das kreative Potential in bezahlte Arbeit umzusetzen. Genauer gesagt waren 1999 in den USA 38,8 Millionen Beschäftigterer „Creative Class“ (vgl. Florida 2005, S.4).

Nun stellt sich die Frage, was macht eine Stadt bzw. eine Region zu einem „Creative Center“ (Florida 2005, S.35)? Florida geht davon aus, dass ökonomischer Erfolg auf drei Gundpfeilem, er nennt sie die „3 Ts“, basiert: Technologie, Talent und Toleranz!. Toleranz wird hier als Offenheit und Vielseitigkeit gegenüber allen ethnischen Gruppen, Rassen und Lebensweisen definiert, Talent bedeutet einen Bachelor­Abschluss und höher und Technologie ist das Zusammenwirken von hohem Innovationsgrad und einer hohen technologischen Konzentration in einer Region (vgl. Florida 2005, S.37). Nur die Region/Stadt, die alle drei „Ts“ aufweisen kann, kann zu einer „Hochburg“ der „Creative Class“ werdend Florida schreibt, dass nicht das Jobangebot für die „Creative Class“ entscheidend ist, um in eine Stadt zu kommen, sondern die „quality of place“; '/ .

Wie schon erwähnt spielt hierbei die Vielseitigkeit und Toleranz (Diversity) eine große Rolle: „Places that are open and possess low barriers to entry for people gain creativity advantage from their ability to attract people from a wide range of backgrounds.” (Florida 2005, S.39).

Um die Attraktivität einer Region für die „Creative Class“ zu messen, entwickelt Florida verschiedene Indizes: den „Gay-Index“ und den „Bohemian-Index“. Er entwickelte den „Bohemian-Index“, um die Anzahl der Schriftstellerinnen, Designerlnnen, Musikerlnnen, Schauspielerinnen, Malerinnen, Fotografinnen und Tänzerinnen einer Region zu „messen“.

Der „Gay-Index“ stellt für Florida eine gute Messlatte für das „Diversity-Potential“ einer Region dar. Manche Städte scheinen besonders beliebt bei der homosexuellen Bevölkerungsgruppe zu sein. Florida stellt fest, dass der „Gay-Index“ stark in Zusammenhang mit der Konzentration der „High-Tech-Industry“ steht.

Der „Gay-Index“ brachte uns auf die Idee, die „Gay-Szene“ in Darmstadt zu untersuchen.

Nach dieser kurzen Zusammenfassung der Theorie Richard Floridas, wollen wir zunächst noch auf den „Szene“-Begriff eingehen, bevor wir zur Auswertung der Interviews kommen.

3. Das Phänomen der „Szene“

Szenen, auf der Basis jugendlichen Sprachgebrauchs und unter Berücksichtigung einschlägiger theoretischer Literatur (v.a. Irwin 1977 und Schulze 1992) - vorläufig - idealtypisierend definiert, sollen heißen: Thematisch fokussierte kulturelle Netzwerke von Personen, die bestimmte materiale und/oder mentale Formen der kollektiven Selbststilisierung teilen und Gemeinsamkeiten an typischen Orten und zu typischen Zeiten interaktiv stabilisieren und weiterentwickeln. (Hitzier 2005, S.20)

Wenn wir uns mit der Frage auseinandersetzen, ob es in Darmstadt eine „Gay­Szene“ gibt, muss zunächst geklärt werden, was man/wir überhaupt unter dem Begriff der „Szene“ verstehen.

Ronald Hitzier hat in seinem Werk „Leben in Szenen“ zu Beginn eine theoretische Grundlage über Struktur und Eigenschaften des Phänomens der „Szene“ erarbeitet, auf die wir uns stützen wollen. Allerdings kommt in seiner Analyse die „Gay-Szene“ nicht vor und somit stimmt Hitzlers Analyse in manchen Punkten nicht mit unserem Verständnis von „Gay Szene“ überein (ausführlicher siehe unten).

Subjektivierungs-, Globalisierungs- und Pluralisierungsprozesse in der postmodernen Gesellschaft verändern zunehmend die klassischen Gesellungsformen wie Familie, Gemeinden, Vereine etc. Es entstehen neue Vergemeinschaftungsformen, welche nicht auf Traditionen, sondern auf der „Verführung hochgradig individualitätsbedachter Einzelner zur habituellen, intellektuellen, affektuellen und vor allem ästhetischen Gesinnungsgenossenschaff (Hitzier 2005, S.18) basieren, so genannte „posttraditionale“ Gemeinschaftungsformen. Unter Jugendlichen sind diese Formen der Vergemeinschaftung besonders zu entdecken. Bisher untersuchte die Jugendsoziologie diese Prozesse unter dem Stichwort der „Peer Groups“, wobei jedoch die neueren Strukturveränderungen durch u.a. die Verbreitung neuer Medien und eines Mobilitätszuwachses kaum beachtet werden konnten. Der Begriff der „Szene“ dagegen erfasst die technischen Innovationen und sozialen Wandlungsprozesse.

Hitzier definiert „Szenen" über diverse Struktureigenschaften:

1) „Szenen“ als Gesinnungsgemeinschaften, in denen Jugendliche ihre „Gesinnungsfreunde“ statt in Vereinen oder der Familie finden.
2) „Szenen“ sind thematisch fokussierte soziale Netzwerke, in denen ein zentrales Thema für die Aktivitäten der Szenegänger ausschlaggebend ist (z.B. eine Sportart, ein Musikstil, eine politische Idee).
3) „Szenen“ als kommunikative und interaktive (Teilzeit-) Gesellungsformen, in denen die ständige kommunikative Erzeugung und der Gebrauch von szenetypischen Symbolen, Zeichen und Ritualen Teil der Konstitution der eigenen Zugehörigkeit ist.
4) „Szenen“ als “Inszenierungsphänomene“, die sich für Außenstehende und Mitglieder nur insofern verfestigen, als dass sie „sichtbar“ (Kommunikation und Interaktion) sind.
5) Hitzier bezeichnet „Szenen“ als labile Gebilde. An diesem Punkt passt Hitzlers Beschreibung unserer Meinung nach nicht komplett zum Phänomen der „Gay­Szene“! Hitzier schreibt:
6) „Das Wir-(Bewusstsein) konstituiert sich eben nicht auf Grund vorgängiger gemeinsamer Standes- und Lebenslagen-Interessen, sondern auf Grund des Glaubens an eine gemeinsame Idee bzw. auf Grund der (vermeintlichen) Bestätigung der tatsächlichen Existenz dieser gemeinsamen Idee durch bestimmte Kommunikationsformen und/oder kollektive Verhaltensweisen. (...)

Nun ist Szene-Engagement aber eben symptomatischerweise ein Teilzeit­Engagement. Dazwischen befinden sich Phasen der Engagiertheit in anderen Lebensbereichen, sei es in Ausbildung, Beruf, Familie oder einer anderen Szene. Während dieser Zwischenphasen ist das Bewusstsein der Zugehörigkeit zur eigenen Szene (vermutlich) nur latent vorhanden.“ (Hitzier 2005, S. 23 f)

Da Homosexualität nicht lediglich auf einer „Idee“ beruht, sondern als sexuelle i Orientierung unserer Meinung nach als eine Art „Lebenslagen-Interesse“ aufgefasst werden kann, welches Hitzier als Basis einer „Szene“ ausschließt, passt diese Beschreibung nicht unbedingt auf die „Gay-Szene“. Auch die Q ул Annahme, dass das Bewusstsein der Zugehörigkeit zur „Szene“ in anderen Lebensphasen nur latent vorhanden ist, wagen wir im Sinne eines homosexuellen Menschen zu bezweifeln! Während dies für Mitglieder diverser anderer „Szenen“ zutreffen mag, denken wir, dass das Bewusstsein der Zugehörigkeit zur „Gay-Szene“ für Homosexuelle durchaus stärker in andere ¡ Lebensbereiche, gerade auch in die oben genannten, einfließen kann (nicht muss!).

7) „Szenen“ benötigen typische, verlässliche Treffpunkte. Man kennt die Treffpunkte, an denen man gute Chancen hat, andere Szenemitglieder zu treffen. Nur so kann sich die Kultur der „Szene“ und das subjektive Zugehörigkeitsgefühl („Wir- Gefühl“) verfestigen und reproduzieren.

8) „Szenen“ konstituieren sich als Netzwerke von Gruppen, wobei sich diverse Gruppierungen auf der Basis gleicher Interessenslagen zu anderen Gruppierungen hin öffnen. Das Bewusstsein, nicht nur Gruppe, sondern auch

Teil der „Szene“ zu sein, ist durchaus vorhanden (vgl. insgesamt Hitzier 2005, S. 20 ff).

9) Essentielles Element der „Szenen“ ist das Event!

Event bedeutet hier eine vororganisierte Veranstaltung von „Szene-, y. Mitgliedern“ unter jeweils typischen „Szene-Kriterien“, die u.U. auch öffentlich organisiert wird. Das Phänomen des Events als „Highlight“ der (Darmstädter) „Gay-Szene“ wird uns in den Interviews immer wieder begegnen. Viele „Szenen“ tendieren auch im Sinne ihrer Events zur Kommerzialisierung. Hitzier spricht hierbei von einem positiven Aspekt, da Kommerzialisierung die finanziellen Potentiale einer „Szene“ vergrößert und Arbeitsmöglichkeiten für Jugendliche schafft. Dies mag sicherlich richtig sein, allerdings begegnen uns bei unseren Befragungen zur Darmstädter „Gay-Szene“ immer wieder Argumente gegen die Kommerzialisierung der „Szene“, wie sie beispielsweise in Frankfurt vollzogen wurdet

4. Die Verortung der „Gay-Szene“ in Darmstadt

Um herauszufinden, wo und wie sich Homosexuelle in Darmstadt treffen und bewegen, recherchierten wir zunächst im Internet. Auf der Seite www.darmstadt.gay- web.de findet sich ein Gesamtüberblick über Darmstadts Schwulen- und Lesben­Community (Bars, Gruppen, Vereine etc.). Insgesamt lässt sich feststellen, dass es in Darmstadt, beispielsweise im Vergleich zu Frankfurt, nicht sehr viele Anlaufpunkte und Veranstaltungen für Schwule und Lesben gibt.

Vier der wichtigsten Treffpunkte in Darmstadt haben wir besucht und dort Interviews mit Mitarbeitern und Gästen durchgeführt. Diese vier Anlaufstellen werden im Folgenden genauer vorgestellt:

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Gibt es eine GAY-Szene in Darmstadt?
Hochschule
Technische Universität Darmstadt  (Soziologie)
Veranstaltung
Creative Industries and the City
Note
2,0
Autor
Jahr
2008
Seiten
25
Katalognummer
V184810
ISBN (eBook)
9783656097372
ISBN (Buch)
9783656097501
Dateigröße
4240 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
eingescannter Text - das E-Book lässt sich nicht per Software durchsuchen
Schlagworte
Stadt und Raum Gay Schwul Szene
Arbeit zitieren
Joana Lissmann (Autor), 2008, Gibt es eine GAY-Szene in Darmstadt?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/184810

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