Aspekte der Theorie moralischer Entwicklung nach Lawrence Kohlberg


Vordiplomarbeit, 2003

38 Seiten, Note: 1.0


Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Die Theorie der moralischen Entwicklung nach Lawrence Kohlberg
2.1 Grundlagen der Theorie
2.1.1 Philosophische und psychologische Vorannahmen
2.1.2 Anknüpfung an Jean Piaget
2.2 Kohlbergs Definition von Moral
2.3 Die Stufen der moralischen Entwicklung
2.3.1 Definitorische Merkmale von Stufen
2.3.2 Die Unterstufen A und B
2.3.3 Die Stufen der sozialen Perspektivenübernahme
2.4 Kohlbergs Methode zur Ermittlung moralischer Urteile
2.5 Die Problematik von moralischem Urteilen und Handeln
2.5.1 Definitionsmöglichkeiten moralischen Handelns
2.5.2 Das Modell der Beziehung von moralischem Urteilen und Handeln
2.5.3 Weitere Untersuchungen zur Untermauerung der Thesen
2.5.4 Untersuchungen zur Rolle der Ich-Kontrollen
2.5.5 Überblick über Kohlbergs theoretische Position

3. Zusammenfassung

4. Anhang

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Wie kommt jemand dazu, es sich zur Lebensaufgabe zu machen, nach einer universellen Moral zu suchen? In Bezug auf Lawrence Kohlberg (1927-1987) kann man diese Frage wie folgt beantworten: Sein Interesse für Fragen der Moral wird schon zur Schulzeit geweckt, u.a. durch die Lektüre des Buches „Die Brüder Karamasow“, in dem moralische und religiöse Fragen aufgeworfen werden. Nach der Schulzeit macht er einige Erfahrungen, die in ihm die Frage nach einer universellen Moral aufwerfen: „Gab es eine universelle Moral, oder waren alle moralischen Entscheidungen relativ, das heißt von der Kultur oder von den eigenen persönlichen und gefühlsmäßigen Neigungen abhängig?“[1]. Um Antworten auf seine Fragen zu finden, studiert er zunächst Philosophie, dann Psychologie. Im Rahmen seiner Dissertation zur Entwicklung einer Moral beim Individuum beginnt er 1955 mit Untersuchungen zu diesem Thema. Dabei ist er der Ansicht, dass diese Forschung von Annahmen und Definitionen der Moralphilosophie ausgehen müsse. Stark beeinflusst wird er dabei von Jean Piaget (1896 – 1980), der 1932 erste empirische Untersuchungen zu diesem Thema durchführte.

Der folgende Text geht auf einige Aspekte des Kohlbergschen Ansatzes ein, die einen guten Einblick in sein Denken und seine Arbeit ermöglichen. Begonnen wird mit einem kurzen Umriss der Theorie und einigen theoretischen Überlegungen, die ihr zugrunde liegen. Anschließend soll das Stufenmodell der moralischen Entwicklung dargestellt werden. Es folgt eine Skizzierung seiner Methode zur Ermittlung moralischer Urteile. Das Hauptaugenmerk dieser Arbeit gilt der Frage, wie Kohlberg mit seinem Ansatz die Problematik bzw. das Verhältnis von moralischem Urteilen und Handeln analysiert und interpretiert hat und auf dieser Grundlage auch Voraussagen über das Handeln eines Individuums machen kann. Dieses wird in Kapitel 2.5 behandelt. Zum Schluss wird das zuvor Gesagte zusammengefasst und kurz auf die Kritik eingegangen, die an Kohlbergs Ansatz geübt wurde und wird.

2. Die Theorie der moralischen Entwicklung nach Lawrence Kohlberg

Im Laufe seiner über 30 Jahre lang andauernden Arbeit hat Lawrence Kohlberg seine Theorie der Entwicklung des moralischen Urteils aufgestellt, in deren Mittelpunkt universelle Stufen des moralischen Denkens stehen. Es handelt sich dabei um eine kognitive Entwicklungstheorie, die davon ausgeht, „daß kognitive Strukturen Resultate der Interaktion zwischen Organismus und Umwelt sind“[2]. Kognitive Strukturen stellen für ihn die Regeln dar, wie Erfahrungen verbunden und Informationen verarbeitet werden. Sie sind Muster, die allen Menschen gemeinsam sind und aus denen Entscheidungen hervorgehen[3]. Die qualitativen Unterschiede zwischen den kognitiven Strukturen bezeichnet Kohlberg als kognitive Stufen, die „verschiedene Denkweisen in bezug auf zwischenmenschliche Konfliktsituationen“[4] repräsentieren. Auf jeder Stufe herrscht ein eigenes Gerechtigkeitsdenken bzw. ein eigenes Verständnis von Gerechtigkeit, das dort als richtig angesehen wird.

Es ist darauf hinzuweisen, dass sich seine Theorie ausschließlich auf die Gerechtigkeitsmoral bezieht, womit aber nicht gesagt werden soll, dass Kohlberg seine Vorgehensstrategie für die einzig geeignete hält. Er sieht durchaus, dass es auch andere Wege gibt, den Moralbereich zu erforschen, jedoch hat er diese Eingrenzung für sinnvoll gehalten, da die Gerechtigkeit aus moralphilosophischer Sicht den Kern der Moral darstelle. Außerdem ist er in seinem Leben oft mit Fragen der Gerechtigkeit und mit Ungerechtigkeit konfrontiert worden, was wahrscheinlich ebenfalls ausschlaggebend für seine Einschränkung auf die Gerechtigkeitsmoral ist.

Kohlberg entwickelt eine bestimmte Methode, um zu allgemeinen Strukturen des Denkens zu gelangen. Eine besonders wichtige Rolle spielen bei dieser Methode moralische Dilemmata, die zum einen Ausgangspunkte der Theorie und zum anderen ein Teil seines Erhebungsverfahrens zur Ermittlung der individuellen moralischen Stufe sind. Auf das Verfahren wird später eingegangen. Sein Ziel ist es, durch die Befragung von Probanden zu moralischen Dilemmata zu einer Struktur der Rechtfertigung in den Antworten der Befragten vorzudringen, um so die moralische Denkstruktur eines Individuums zu erschließen. Ein wesentlicher Aspekt in der Theorie ist also das bewusste moralische Entscheiden der Befragten.

2.1 Grundlagen der Theorie

2.1.1 Philosophische und psychologische Vorannahmen

Dieser Ansatz basiert auf bestimmten psychologischen und philosophischen Vorannahmen.

Als kognitiv orientierter Entwicklungspsychologe schließt Kohlberg sich auf der einen Seite dem psychologischen Denken des Chicagoer Funktionalismus an, der von John Dewey, James Rowland Angell und Harvey A. Carr vertreten wurde, auf der anderen Seite dem Gedanken der Entwicklung, der in der Philosophie von Peirce, James, Santayana und Dewey vertreten, doch erst bei Jean Piaget richtig ausgeprägt wurde. Außerdem spielen Philosophen wie Sokrates, Platon, Aristoteles, Mill, Rawls, Habermas und besonders Immanuel Kant eine wichtige Rolle.

Kohlbergs Arbeit ist zwischen zwei Polen angesiedelt. Auf der einen Seite geht es um die philosophische Theorie universeller Gerechtigkeit[5], wobei er auf Denker wie Sokrates, Kant, Rawls und Habermas zurückgreift, auf der anderen Seite um die Psychologie, für die - wie für jede seriöse Wissenschaft - etwas nur so lange gültig ist, wie es der wissenschaftlichen Überprüfung standhält. Auch Kohlberg überprüft und revidiert seine Ergebnisse immer wieder, was zum Beispiel auf seine spezielle Vorgehensweise zurückzuführen ist. Er fasst verschiedene Theorien in einem Ansatz zusammen, „d.h. zu einer Anzahl von Annahmen und Forschungsstrategien, die einer Vielzahl spezifischer Theorien der sozialen und kognitiven Entwicklung gemeinsam sind“[6]. Dabei verknüpft er nicht nur psychologische Theorien, sondern auch pädagogische, soziologische und ethnologische, bzw. philosophische Annahmen mit empirisch-psychologischen und ethnologischen. Sein Vorgehen ist demnach interdisziplinär, was die Theorie zu seiner Zeit stark umstritten machte.

Genauer gesagt: Er will erstens die Philosophie und die Wissenschaft verbinden, denn schon bei seiner Untersuchung für die Dissertation ist ihm bewusst, dass er ihre Ziele und Konzepte in der Moralphilosophie finden würde, denn diese zeigt, was Menschen meinen, wenn sie Wertbegriffe verwenden. Ein wertfreies Vorgehen hält er bei seinem Anliegen für nicht möglich.

Zweitens verbindet er die Theorie mit der Empirie. Beim Aufbau seiner Theorie geht er empirisch vor, denn die Stufen werden aufgrund empirischer Untersuchungen gebildet. Er geht zum einen induktiv vor, da er von dem Urteil einzelner Befragter auf ein Muster schließt, welches allen zugrunde liegt, zum anderen auch deduktiv, denn es fließen auch theoretische Vorannahmen in seine Untersuchungen ein.

Diese Verbindungen bezeichnet Kohlberg mit dem Begriff ‚bootstrapping’, zu deutsch ‚wechselseitiges Festschnüren’. Damit vergleicht er sie mit einem Schnürsenkel, der zunächst getrennt, beim Binden jedoch wieder verknüpft wird. Dieses ‚bootstrapping’ sieht wie folgt aus: Aufgrund empirisch-psychologischer und ethnologischer Daten stellt er philosophische Behauptungen auf, und mit philosophischen Annahmen definiert und interpretiert er psychologische, ethnologische und pädagogische Daten. Daraus resultiert eine ‚spiralförmige Zirkularität’ von Theorie und Daten.

Als Ausgangspunkte seiner Theorie dienen ihm weiterhin der symbolische Interaktionismus und der Strukturalismus, aus denen sich der „Genetische Strukturalismus“ ergibt. Dieser stellt fest, dass die Struktur des kindlichen Geistes eigenständig ist.

In seinem Ansatz hält er es für wichtig, die mentale Kompetenz zu untersuchen, nicht nur die Performanz. Die Unterscheidung von Kompetenz und Performanz übernimmt er von Noam Chomsky und verwendet sie für seine Theorie. Als Kompetenz wird bei Kohlberg „das höchstmögliche Entwicklungsniveau, das einem Individuum [...] zur Verfügung steht, und mit Performanz das tatsächliche, in einer konkreten Situation erreichte Niveau“[7] bezeichnet.

Kohlbergs Methode soll allgemeine Merkmale der Entwicklung aufdecken, die er ebenfalls nach Chomsky als ‚deep structures’ bezeichnet. Diese sind zwar bei seinen Befragungen in den Antworten enthalten, müssen jedoch durch Analysen herausgearbeitet werden. Da Menschen nicht immer auf der höchstmöglichen Stufe, also gemäß ihrer Kompetenz urteilen, muss das Interview das fortgeschrittenste Urteil der Person ermitteln.

2.1.2 Anknüpfung an Jean Piaget

Wie bereits erwähnt beginnt Kohlberg 1955 mit den Untersuchungen für seine Dissertation zur moralischen Entwicklung von Kindern. Piaget hat dabei großen Einfluss auf ihn.

Piaget beobachtete in seinen Untersuchungen das Verhalten von ca. 100 Kindern und führte Interviews mit ihnen durch. Gegenstand seiner Beobachtungen war das Murmelspiel der Kinder, wobei er besonders auf die Anwendung der Regeln und das Bewusstsein der Kinder über diese achtete. Aus seinen Beobachtungen konnte er vier Stadien der Anwendung von Regeln und drei Stadien des Regelbewusstseins unterscheiden. Er kam zu dem Schluss, dass auf eine prämoralische Stufe zwei Moraltypen folgen, nämlich eine heteronome und eine autonome Moral. Bezogen auf die Regeln heißt das, dass sie erst von außen, etwa von den Erwachsenen übernommen werden, bis sie dann das „Ergebnis eines auf Gegenseitigkeit beruhenden freien Entschlusses“[8] darstellen. Sie werden schließlich also selbst gestaltet, so dass die anfängliche Heteronomie der Autonomie weicht. Diese Typen der Moral sind in Kohlbergs Theorie wiederzufinden.

Weiterhin unterschied Piaget drei Phasen des Gerechtigkeitsbegriffs, der ja auch bei Kohlberg eine zentrale Rolle spielt. Zuerst ist das gerecht, was die Eltern erwarten, dann hat die Gleichheit Vorrang vor der Autorität, und schließlich wird der Gleichheitsgedanke relativiert.

Die Kinder in Piagets Untersuchung waren zwischen 3 und 11 Jahre alt. Kohlberg macht es sich in seiner Dissertation zur Aufgabe, weiter als Piaget zu gehen und die Entwicklung des moralischen Urteilens im Jugendalter zu analysieren. Schon zu dieser Zeit benutzt er Dilemmata, die er von anderen Autoren übernimmt, und findet damit bei Jugendlichen typische Denkstrukturen, so wie Piaget sie bei den Kindern fand. Diese Muster stellt er als qualitative Stufen dar und fügt somit Piagets Stufen drei weitere hinzu. Allerdings ist ihm klar, dass er damit noch keine universelle Theorie geschaffen hat.

2.2 Kohlbergs Definition von Moral

Bevor auf das Stufenmodell der moralischen Entwicklung eingegangen wird, soll zunächst dargestellt werden, wie Kohlberg den Begriff der Moral definiert. Die Moral beinhaltet für ihn zwar Gefühle und Gedanken, jedoch macht erst das moralische Urteil eine Handlung moralisch. In ein moralisches Urteil fließen normative Entscheidungen ein, die vorgeben, welches Handeln verpflichtend oder richtig sein soll[9]. „Moralische Urteile sagen uns, was wir in Situationen tun sollten, in denen von verschiedenen Personen vertretene Forderungen miteinander in Konflikt stehen.“[10]. Trifft man in einer solchen Situation eine Entscheidung, orientiert man sich dabei oft an normativen, also maßgebenden Prinzipien und an den Folgen der Entscheidung für die beteiligten Personen. Es geht dabei also um Gerechtigkeitsfragen. Außerdem bezieht sich Kohlbergs Theorie auf eine bestimmte Kategorie eines ethischen Urteils, nämlich auf die individuelle Entwicklung des deontischen Urteils, welches sich auf Rechte und Pflichten bezieht.

Ein moralisches Urteil soll – idealtypisch betrachtet – also in einer Konfliktsituation zu einer moralischen und gerechten Handlung führen.

2.3 Die Stufen der moralischen Entwicklung

Da die Ergebnisse seiner Dissertation noch keine allgemeingültige Theorie darstellen, führt er seine Untersuchungen weiter. 1955 beginnen die Befragungen von 72 amerikanischen männlichen Jugendlichen, mit der Zeit kommen noch einige weitere dazu. Damit entwickeln sich die anfänglichen Untersuchungen zu einer Längsschnittstudie, in der die Teilnehmer im Zeitraum von 1960 bis 1977 mehrmals befragt werden. Alle Befragten antworten auf neun moralische Dilemmata, die er zum Teil selbst entwickelt und zum Teil Vorlagen entnimmt. Das Stufenmodell bzw. die Theorie kann aufgrund dieser Untersuchungen durch ständige Re-Interpretation und Re-Analyse der Daten mit neuen Auswertungsverfahren wiederholt revidiert, verbessert und verfeinert werden.

Es umfasst sechs Stufen, die drei Hauptebenen zugeordnet werden. In diesen drei Ebenen gibt es also jeweils zwei Stufen, wobei die zweite fortgeschrittener und besser organisiert ist als die erste.

1. Präkonventionelle Ebene

Stufe 1: Orientierung an Strafe und Gehorsam

Auf dieser Stufe hat das Kind den Egozentrismus in seinem Denken überwunden. Es erkennt also, dass es außer seiner auch noch andere Perspektiven gibt und kann sich in diese bedingt versetzen. Im Falle eines Konfliktes wird die Sichtweise der Erwachsenen als richtig angesehen, denn sie setzen Regeln und bestimmen was richtig und falsch ist. Gehorsam ist Pflicht, da so Strafen vermieden werden, anderenfalls wird die Strafe als Konsequenz einer falschen Handlung akzeptiert. Bei richtigem Verhalten wird aber auch automatisch eine Belohnung erwartet. Es ist richtig zu vermeiden Menschen oder Sachen Schaden zuzufügen. Der Standpunkt ist egozentrisch, d.h. die Interessen anderer werden nicht berücksichtigt oder es wird nicht erkannt, dass diese von den eigenen verschieden sein können. Handlungen werden nicht nach der dahinterstehenden Absicht beurteilt, sondern „rein nach dem äußeren Erscheinungsbild“[11].

Stufe 2: Zweck- und Austauschorientierung

Hier werden die Erwachsenen nicht mehr als alleinige Quelle der Moral angesehen, denn die Kinder haben verstanden, „daß Moral etwas mit Gegenseitigkeit, mit Wechselbeziehungen zu tun hat“[12] ; diese Gegenseitigkeit wird aber noch sehr buchstäblich gesehen. Richtig ist das, was fair ist, also auf einem gleichwertigen fairen Handel beruht. Das Kind hat einen stark ausgeprägten Glauben an Gerechtigkeit. Es gilt die Devise „Wie du mir, so ich dir“ oder „Auge um Auge, Zahn um Zahn.“. Regeln werden nur dann befolgt, wenn das den Interessen einer Person dient. Als Grund dafür, das Richtige zu tun, wird die Befriedigung der eigenen Bedürfnisse und manchmal auch der Bedürfnisse anderer angesehen. Das Kind nimmt eine konkret-individualistische Perspektive ein, d.h. es kann zwischen den eigenen Interessen und denen des Anderen unterscheiden und erkennt, dass diese konfligieren können. Gerechtigkeit ist relativ.

2. Konventionelle Ebene

Stufe 3: „Good-Boy“ und „Good-Girl“ – Orientierung

Individuen auf dieser Stufe wollen den Erwartungen entsprechen, die andere Personen an ihr Verhalten stellen. Das, was die anderen meinen, ist moralisch richtig, „andere zu enttäuschen ist auch moralisches Versagen“[13]. Das Wohlergehen anderer wird zunehmend wichtiger. Den Bezugspunkt stellen Familie und Freunde dar, also die Primärgruppe des Individuums. Charakteristisch ist hier das bewusste Eingehen auf die Mitmenschen. Es herrscht ein Gruppendenken, durch welches sich die Person stark an den Standards der Bezugsgruppe und den Bedürfnissen ihrer Mitglieder orientiert. Außerdem wird viel Wert auf harmonische Beziehungen gelegt, und diese werden gepflegt, so dass man Vertrauen, Wertschätzung, Dankbarkeit und Zuneigung erfährt. Auf dieser Stufe kann man sich in andere hineinversetzen und somit deren Ansprüchen gerecht werden. Diese Personen sind allerdings auch leicht auszunutzen und durch ihre Abhängigkeit von anderen leicht verletzlich.

Stufe 4: „Law and Order“ – Orientierung

Das entscheidende Merkmal auf dieser Stufe ist die gesellschaftliche Perspektive: Das Denken geht über die Personen, die das Individuum direkt umgeben hinaus; die Person fühlt sich gegenüber der Sozialität verantwortlich. Gesetze und ihre Einhaltung werden als wichtig angesehen – außer, wenn sie mit anderen sozialen Pflichten und Rechten in Widerspruch stehen – da durch sie die soziale Ordnung aufrecht erhalten wird. Die soziale Ordnung sichert die Existenz der Gesellschaft. Im Vordergrund steht die Aufrechterhaltung der Gesellschaft, wodurch Gesetze unantastbar sind und eigene Interessen im Falle eines Konflikts untergeordnet werden müssen. Die Person nimmt hier den Standpunkt des Systems ein, welches die Regeln festlegt.

3. Postkonventionelle Ebene

Stufe 5: Orientierung am Sozialvertrag

Charakteristisch auf dieser Stufe ist die der Gesellschaft vorgeordnete Perspektive. Diese „geht davon aus, dass jedes soziale System zu dem Zweck besteht, seinen Mitgliedern Nutzen zu bringen, und nicht – umgekehrt – die Zweckbestimmung der Menschen im Dienste an der Gesellschaft läge“[14]. Die stark gesellschaftliche Orientierung ist überwunden.

Hier wird erkannt, dass Menschen oder Gruppen unterschiedliche Werte und Normen vertreten, bzw. dass es eine Relativität zwischen den Normen und Werten von Menschen oder Gruppen gibt, mit denen man sich im Sinne des Sozialvertrages arrangieren sollte. Diese Individuen sind sich zwar noch ihrer Verpflichtung gegenüber dem Gesetz bewusst, es steht aber trotzdem die Achtung vor Leben und Freiheit im Vordergrund, auch wenn dadurch Gesetze übertreten werden.

Stufe 6: Gewissens- und Prinzipienorientierung

Auf dieser von Kohlberg postulierten höchsten Stufe der Moral orientieren sich Individuen an selbstgewählten, universalen, ethischen Prinzipien, aus denen man alle gesellschaftlichen Ordnungen ableiten kann. Ein Beispiel dafür ist Kants Kategorischer Imperativ – ein Gerechtigkeitsprinzip.

Das Individuum nimmt die „Perspektive eines moralischen Standpunktes“[15] ein und erkennt, „dass jeder Mensch seinen (End-) Zweck in sich selbst trägt und entsprechend behandelt werden muß“[16]. Es urteilt autonom und nach seinem Gewissen.

Empirisch konnte nicht nachgewiesen werden, dass es diese höchste Stufe der Moral wirklich gibt, denn in seiner Längsschnittstudie kann Kohlberg keine Antwort dieser Stufe zuordnen. Außerhalb der Längsschnittstudie weist er Personen wie Martin Luther King und Gandhi dieses Urteilen zu. In späteren Stufenbeschreibungen und im Auswertungshandbuch werden keine zwei Stufen des postkonventionellen Niveaus unterschieden, theoretisch hält er jedoch an der sechsten Stufe fest. Die Existenz der Stufen 1 bis 5 sei hingegen nachweisbar.

Kohlberg macht zu den Stufen keine konkreten Altersangaben. Man kann jedoch sagen, dass auf der präkonventionellen Ebene die meisten Kinder bis zum Alter von 9 Jahren, aber auch einige Jugendliche und mehrere jugendliche und erwachsene Straftäter denken. Auf der konventionellen Ebene befinden sich die meisten Jugendlichen und Erwachsenen und nur sehr wenige Erwachsene ab dem 20. Lebensjahr erreichen die postkonventionelle Ebene.

[...]


[1] Kuhmerker, Gielen, Hayes 1996, S.23 (Rechtschreibung wie in den Zitaten beibehalten)

[2] Heidbrink 1991, S.24

[3] vgl. Oser, Althof 1992, S.44

[4] Kuhmerker u.a. 1996, S.32

[5] vgl. Garz 1996, S.33

[6] ebd. 1996, S.35

[7] Heidbrink 1991, S.48

[8] ebd., S.15

[9] vgl. Kuhmerker 1996, S.39

[10] ebd. 1996, S.39

[11] Kohlberg zitiert nach Oser, Althof 1992, S.64

[12] ebd., S.55

[13] ebd., S.56

[14] ebd., S.60

[15] Kohlberg zitiert nach Althof, Noam, Oser 1996, S.132

[16] ebd., S.132

Ende der Leseprobe aus 38 Seiten

Details

Titel
Aspekte der Theorie moralischer Entwicklung nach Lawrence Kohlberg
Hochschule
Universität Duisburg-Essen  (Diplom Erziehungswissenschaften)
Note
1.0
Autor
Jahr
2003
Seiten
38
Katalognummer
V18493
ISBN (eBook)
9783638228282
ISBN (Buch)
9783638645638
Dateigröße
591 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Aspekte, Theorie, Entwicklung, Lawrence, Kohlberg
Arbeit zitieren
Dipl.-Päd. Sandra Brämik (Autor), 2003, Aspekte der Theorie moralischer Entwicklung nach Lawrence Kohlberg, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/18493

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