Das Thema dieser Hausarbeit ist die Entstehung des türkischen Nationalstaates als Folge des Untergangs des osmanischen Vielvölkerreiches. Das Osmanische Reich entwickelte sich innerhalb von nur zwei Jahrhunderten von einem der vielen anatolischen Kleinfürstentümer türkischer Hirtennomaden zu einer Großmacht, die den Gang der Geschichte Europas und der Welt entscheidend mitbestimmte. Im ersten Themenblock soll der Untergang „des bedeutendsten Staatswesens eines Turkvolkes“ näher beleuchtet werden. Leitfrage soll dabei sein, welche Gründe für den Untergang verantwortlich waren. Sind es in erster Linie äußere Einflüsse gewesen? Oder waren es innere Probleme in der Struktur des Reiches? Die Möglichkeit, dass sich diese beiden Faktoren überlagert haben, soll ebenfalls in Betracht gezogen werden. Betont werden muss dabei schon jetzt, dass zur Mitte des 19. Jahrhunderts die reichsten und am weitesten entwickelten Gebiete des Osmanischen Reiches im europäischen Teil lagen. Weiterhin lebten in diesen Gebieten annähernd 50 Prozent der gesamten Bevölkerung. Über den Zwischenschritt der Entstehung der jungtürkischen Bewegung soll schließlich der Verlauf des Ersten Weltkrieges, der für die Zukunft des türkischen Nationalstaates weitreichende Folgen haben sollte, dargelegt werden. Dabei werden vor allem die Entwicklungen zwischen dem Diktatfrieden von Sèvres und dem Kompromissfrieden von Lausanne ausführlich aufgearbeitet, um so die Konstituierung der türkischen Republik nachvollziehen zu können. Im abschließenden Schritt wird schließlich die innere Entwicklung der Türkei unter ihrem Gründer Mustafa Kemal Atatürk in den ersten Jahren nach dem Vertrag von Lausanne aufgezeigt. Dafür sollen vor allem die wichtigsten Prinzipien von Atatürks Politik erklärt werden, um daraus abschließend auch die Probleme und Komplikationen der Staatsgründung ableiten zu können.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Der Untergang des Osmanischen Reiches
2.1 Der äußere Zerfall des Reiches bis zum Ersten Weltkrieg
2.2 Zerfall im Inneren - Reformen und ihre Wirkung
2.3 Das Aufkommen der jungtürkischen Bewegung bis 1914
3. Der Erste Weltkrieg und die Folgen
3.1 Kriegsverlauf und innere Entwicklungen
3.2 Von Sèvres nach Lausanne
3.3. Exkurs: Minderheitenproblematik
4. Die Genese des türkischen Nationalstaates
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die historische Transformation des Osmanischen Reiches zu einem modernen türkischen Nationalstaat. Dabei wird analysiert, wie innere Reformprozesse, der Zusammenbruch des Vielvölkerstaates infolge des Ersten Weltkrieges und die anschließende Neuordnung durch Mustafa Kemal Atatürk das Fundament der heutigen Republik bildeten.
- Ursachen für den Niedergang des Osmanischen Reiches (äußere und innere Faktoren)
- Die Rolle der jungtürkischen Bewegung und die politische Entwicklung bis 1914
- Die Auswirkungen des Ersten Weltkrieges und der Übergang von Sèvres nach Lausanne
- Die Rolle Mustafa Kemal Atatürks und die Transformation zum laizistischen Staat
- Umgang mit Minderheiten und ethnische Konflikte in der Transformationsphase
Auszug aus dem Buch
2.1 Der äußere Zerfall des Reiches bis zum Ersten Weltkrieg
Der Untergang des Osmanischen Reiches begann symbolisch bereits im Jahre 1683 mit der vernichtenden Niederlage in der Schlacht am Kahlenberg während der zweiten Türkenbelagerung Wiens gegen das deutsch-polnische Heer. Damit fand die Jahrhunderte andauernde osmanische Expansion ihr Ende und das Reich sah sich fortan in der Defensive.
In Europa entwickelte sich ein Bewusstsein, dass die Osmanen doch verwundbar sind. Die auf Initiative von Papst Innozenz XI. 1684 gegründete Heilige Liga aus Habsburg, Polen und Venedig, sowie ab 1686 auch Russland, verwickelte das Osmanische Reich in einen Dreifrontenkrieg, der große Gebietsverluste zur Folge hatte. Am schwersten wog der Verlust des wirtschaftlich starken Ungarn als Folge der Schlacht Mohács im Jahre 1687. Die Reihe der osmanischen Niederlagen wurde erst mit einem französischen Angriff gegen die Habsburger gestoppt. Der 1699 von England initiierte Friede von Karlowitz sollte schließlich den sogenannten Großen Türkenkrieg beenden. Als Folge des Friedensvertrages verloren die Osmanen Ungarn inklusive Siebenbürgen sowie große Teile der heutigen Ukraine.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Arbeit führt in die Fragestellung ein, ob innere oder äußere Faktoren für den Untergang des Osmanischen Reiches maßgeblich waren und wie daraus der türkische Nationalstaat hervorging.
2. Der Untergang des Osmanischen Reiches: Dieses Kapitel analysiert den schleichenden Bedeutungsverlust des Reiches durch militärische Niederlagen sowie die inneren Reformversuche (Tanzimat), die den Staat modernisieren sollten.
3. Der Erste Weltkrieg und die Folgen: Der Fokus liegt auf der Verwicklung des Reiches in den Ersten Weltkrieg, dem Kollaps und dem anschließenden Widerstandskampf, der in den Verträgen von Sèvres und Lausanne mündete.
4. Die Genese des türkischen Nationalstaates: Abschließend wird die Etablierung des kemalistischen Systems durch radikale Reformen, Säkularisierung und das Parteienverbot unter Atatürk beleuchtet.
Schlüsselwörter
Osmanisches Reich, Türkischer Nationalstaat, Mustafa Kemal Atatürk, Jungtürken, Erster Weltkrieg, Vertrag von Lausanne, Reformen, Säkularisierung, Laizismus, Minderheitenproblematik, Völkermord an Armeniern, Nationalismus, Niedergang, Transformation, Tanzimat
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht den historischen Prozess der Transformation des Osmanischen Vielvölkerreiches hin zur modernen, laizistischen türkischen Republik.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind der äußere Zerfall des Osmanischen Reiches, die Reformbestrebungen, die Rolle der Jungtürken, die Auswirkungen des Ersten Weltkrieges sowie die Staatsgründung durch Atatürk.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Ziel ist es zu klären, warum das Osmanische Reich unterging und wie Mustafa Kemal Atatürk die Türkei in einen säkularen Nationalstaat transformieren konnte.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer fundierten historisch-analytischen Literaturrecherche, um die politischen und gesellschaftlichen Entwicklungslinien nachzuzeichnen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil beleuchtet detailliert die Phasen des Zerfalls, die jungtürkische Bewegung, die militärischen Auseinandersetzungen im Ersten Weltkrieg und die anschließende Neuordnung durch den Vertrag von Lausanne.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Osmanisches Reich, Nationalstaat, Kemalismus, Säkularisierung, Laizismus und Minderheitenproblematik.
Welche Rolle spielte Ankara bei der Staatsgründung?
Ankara wurde als Hauptstadt gewählt, weil es zentral im Landesinneren lag, politisch unbelastet von der osmanischen Tradition war und sich die Landbevölkerung stärker mit der Stadt identifizieren konnte.
Wie werden die Reformen Atatürks im Fazit bewertet?
Der Autor ordnet die Reformen als radikalen Bruch mit der Vergangenheit ein und bezeichnet die zweite Phase des Kemalismus als eine Art "Erziehungsdiktatur".
- Quote paper
- Heiko Suhr (Author), 2008, Vom osmanischen Vielvölkerreich zum türkischen Nationalstaat, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/184986