Der Erhalt freiberuflicher nichtärztlicher Heilmittelerbringer auf dem Gesundheitsmarkt

Spezialisierung, Diversifizierung, Kooperation


Bachelorarbeit, 2011

54 Seiten, Note: 1,6


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungs- und Tabellenverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1 Aufbau und Ziele der Arbeit

2 Die freiberuflichen nichtärztlichen Heilmittelerbringer im deutschen Gesundheitswesen
2.1 Rechtliche Rahmenbedingungen
2.2 Aufgaben der freiberuflichen nichtärztlichen Heilmittelerbringer
2.3 Die Position der freiberuflichen nichtärztlichen Heilmittelerbringer im deutschen Gesundheitswesen

3 Veränderte Bedingungen am Gesundheitsmarkt und deren Einflüsse auf die freiberuflichen nichtärztlichen Heilmittelerbringer

4 Spezialisierung, Diversifizierung, Kooperation als Möglichkeiten zur Stabilisierung und Stärkung der freiberuflichen nichtärztlichen Heilmittelerbringer am Gesundheitsmarkt
4.1Spezialisierung
4.1.1Primärspezialisierung
4.1.2Problemspezialisierung
4.1.3Zielgruppenspezialisierung
4.1.4Chancen und Risiken der Spezialisierung
4.1.5Auswirkungen einer Spezialisierung auf das Praxismanagement einer freiberuflichen nichtärztlichen Einrichtung im deutschen Gesundheitswesen
4.2 Diversifizierung
4.2.1Diversifizierungstheorie
4.2.2Der ressourcentheoretische Ansatz
4.2.3Chancen und Risiken der immateriell verbundenen Diversifizierungsstrategie für die freiberuflichen nichtärztlichen Heilmittelerbringer am Beispiel einer logopädischen Praxis
4.2.4Auswirkungen der immateriell verbundenen Diversifizierung auf das Praxismanagement der freiberuflichen nichtärztlichen Heilmittelerbringer
4.3 Kooperation
4.3.1Kooperationstheorie
4.3.2Chancen und Risiken von Kooperationen für die freiberuflichen nichtärztlichen Heilmittelerbringer
4.3.3Chancen und Risiken der horizontalen Kooperation
4.3.4Chancen und Risiken der diagonalen Kooperation
4.3.5Kooperation und deren Einfluss auf das Praxismanagement der freiberuflichen nichtärztlichen Heilmittelerbringer

5 Spezialisierung, Diversifizierung, Kooperation – drei zukunftsweisende Strategien zum langfristigen Erhalt der nichtärztlichen Heilmittelerbringer am Gesundheitsmarkt?
5.1 Die Spezialisierungsstrategie und ihre Optionen zur Gewinnmaximierung, Existenzsicherung, Verbesserung der Wettbewerbsposition und praxisnahen Implementierung
5.2 Die Diversifizierungsstrategie und ihre Optionen zur Gewinnmaximierung, Existenzsicherung, Verbesserung der Wettbewerbsposition und praxisnahen Implementierung
5.3 Die Kooperationsstrategie und ihre Optionen zur Gewinnmaximierung, Existenzsicherung, Verbesserung der Wettbewerbsposition und praxisnahen Implementierung

6 Fazit

7 Ausblick

Literaturnachweis

Abbildungs- und Tabellenverzeichnis

Abb. 1: Das Dreiecksverhältnis im deutschen Gesundheitswesen

Abb. 2: Inflation und Grundlohnsummensteigerung

Abb.3: Mögliche Kooperationspartner und –ebenen für die freiberuflichen nichtärztlichen Heilmittelerbringer im deutschen Sozial- und Gesund- heitswesen

Tabelle 1:

Gegenüberstellung der Strategien und deren Optionen zur Gewinnmaximierung, Existenzsicherung, Verbesserung der Wettbewerbsposition und praxisnahen Implementierung

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 Aufbau und Ziele der Arbeit

Das deutsche Gesundheitssystem befindet sich in einem, für alle Akteure auf dem Gesundheitsmarkt, konsequenzreichen Wandel. „ Seit 1977 (Kostendämpfungsgesetze 1977/1981) ist die Gesundheitspolitik intensiv damit befasst, die ständig wachsenden Ausgaben und die damit verbundenen Beitragssatzsteigerungen im Gesundheitswesen in den Griff zu bekommen“ (Lohmeier 2010: 10). Mehr Wettbewerb unter den Dienstleistern sowie die Entfernung von nachweislich nicht effektiven Behandlungsansätzen aus dem Leistungskatalog der Krankenkassen sind nur zwei Beispiele politisch gewollter Reformen. Durch die Interventionen der Gesetzgebung wächst der Ökonomisierungsdruck auf die Heilmittelerbringer. Die gesundheitspolitischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen aller Akteure im Gesundheitssektor haben und werden sich zukünftig verändern. Besonders vom Wandel im Gesundheitswesen betroffene Berufsgruppen sind die freiberuflichen nichtärztlichen Heilmittelerbringer, wie z. B. die Physiotherapeuten, Ergotherapeuten und Logopäden. Bedingt durch ihre Stellung im deutschen Gesundheitssystem fehlt es ihnen an politischer Einflussnahme. Angehörige dieser Berufsgruppen fürchten um ihre Existenz. „Wir haben dramatische Einbrüche…“, so Lucas Rosenthal Geschäftsführer des Bundesverbandes für Logopädie (Jessen 2006).

Aktuellen Meldungen zu Folge befindet sich jedoch die „ Gesundheitswirtschaft derzeit im Aufwind“ (Bräuninger, Rakau 2010: 1). „Die Gesundheitsbranche in Deutschland ist eine Wachstumsbranche und gilt als zentrales Handlungsfeld der Wirtschafts-, Beschäftigungs- und Innovationspolitik“ (Evans, Schalk 2008: 25).Mit einem Anteil am Bruttoinlandsprodukt von nahezu 11% bzw. derzeit etwa 260 Mrd. Euro ist der Gesundheitsmarkt der größte und zugleich expansivste Wachstums- und Beschäftigungsmotor aller deutschen Branchen“ (Goldschmidt, Hilbert 2009: 12).

Veränderungen in Unternehmen jeder Branche sind unerlässlich, um im Wettbewerb bestehen und flexibel auf dynamische Rahmenbedingungen reagieren zu können. Die Angehörigen der genannten Berufsgruppen fürchten um ihre Existenz, obwohl sie Akteure in einer Wachstumsbranche sind. Sie sind also gefordert, ihre Grundannahmen der bisherigen Unternehmensstrategie zu prüfen und neue Bilder einer Unternehmensidentität zu entwickeln, um weiterhin auf dem Gesundheitsmarkt bestehen zu können (vgl. Nagel 2009: 1). Doch welche Möglichkeiten haben die freiberuflichen nichtärztlichen Heilmittelerbringer? Zeigt sich doch selbst der Berufsverband für Logopädie in seinen Strategieempfehlungen für seine Mitglieder zunächst widersprüchlich:

- „…die Entwicklung der Fallzahlen in einzelnen Störungsbereichen, zum Beispiel die aufgrund der demographischen Entwicklung zu erwartende Zunahme neurologisch bedingter Sprech- und Sprachstörungen bei Erwachsenen, sprechen für eine Spezialisierung in der Logopädie“ (vgl. dbl e.v. 2011)
- „Seit mehreren Jahren schon empfiehlt der Deutsche Bundesverband der Logopäden seinen Mitgliedern, sich neben der klassischen logopädischen Diagnostik und Therapie weitere berufliche Standbeine zu erobern…“ (Bundesfreiberuflerkommission 2011: 46)
- „Die Kooperation mit einem Praxisnetz leistet einen Beitrag zur Existenzsicherung“ (vgl. dbl e.v. 2011)

Die Arbeit setzt sich mit den Möglichkeiten auseinander, die Spezialisierungs-, Diversifizierungs- und Kooperationstheorien zum langfristigen Erhalt freiberuflicher nichtärztlicher Heilmittelerbringer am Gesundheitsmarkt beitragen können. Dazu werden die Grundlagen der jeweiligen Theorien erörtert. Die Managementrelevanz ergibt sich durch Änderung der Geschäftslogik und einem tiefgreifenden, die gesamte Einrichtung betreffenden Veränderungsprozess (vgl. Baum 2009: 20-21).

Es soll gezeigt werden, inwieweit diese Theorien auf die besondere Situation der freiberuflich nichtärztlichen Heilmittelerbringer übertragbar sind.

In einem ersten Punkt werden Stellung und Rahmenbedingungen freiberuflicher nichtärztlicher Heilmittelerbringer im deutschen Gesundheitswesen beschrieben.

Es folgt die Darstellung der veränderten Bedingungen am Gesundheitsmarkt und die Auswirkungen auf Heilmittelerbringer.

In einem weiteren Abschnitt werden Möglichkeiten wie Spezialisierung, Diversifizierung und Kooperation zur Stärkung der freiberuflichen nichtärztlichen Heilmittelerbringer am Gesundheitsmarkt erörtert sowie die Auswirkungen auf das bestehende Praxismanagement aufgezeigt.

In einer abschließenden kritischen Würdigung wird untersucht, inwieweit sich Spezialisierung, Diversifizierung und Kooperation tatsächlich als langfristige Lösungsmöglichkeit zur Stabilisierung und Stärkung freiberuflicher nichtärztlicher Heilmittelerbringer anbieten.

Zur besseren Verständlichkeit wird in der vorliegenden Arbeit die maskuline Schreibweise gewählt.

2 Die freiberuflichen nichtärztlichen Heilmittelerbringer im deutschen Gesundheitswesen

Akteure im deutschen Gesundheitswesen, die als nichtärztliche Heilmittelerbringer bezeichnet werden, sind laut dem Gesundheitsbericht für Deutschland von 1998 Angehörige der Berufsgruppen:

- Ergotherapeuten
- Hebammen
- Heilpraktiker
- Physiotherapeuten
- Psychotherapeuten
- Sprachtherapeuten (Logopäden, Atem-, Sprech- und Stimmlehrer)
- Musiktherapeuten
- Diätassistenten
- Masseure (med. Bademeister)
- Medizinischer Fußpfleger
- Heileurythmisten

Die vorliegende Arbeit bezieht sich vornehmlich auf die Praxen der Ergotherapeuten, Physiotherapeuten und Logopäden, da diese unter sehr ähnlichen Bedingungen auf dem Gesundheitsmarkt agieren.

Nach Abschluss der Berufsausbildung können die ergotherapeutischen, physiotherapeutischen und logopädischen Fachkräfte einen Antrag auf Kassenzulassung bei den GKV stellen. Die Voraussetzungen zum Betreiben einer freiberuflichen nichtärztlichen Einrichtung sind in den Zulassungsbestimmungen der Spitzenverbände der Krankenkassen geregelt (vgl. AOK Bremen 2009). Es handelt sich hierbei stets um eine persönliche und raumbezogene Erlaubnis zur Abgabe von Heilmitteln. Liegt eine Kassenzulassung vor, werden die Therapeuten auf ärztliche Verordnung hin in ihren Einrichtungen tätig (vgl. Lohmeier 2010: 7). Ihre Leistungen am Patienten werden durch die gesetzlichen und privaten Krankenkassen vergütet. „Die Höhe der Vergütung wird derzeit zwischen den Vertretern der gesetzlichen Krankenkassen und den zuständigen Berufsverbänden ausgehandelt“ (Lohmeier 2010: 7). Nach § 71 Abs. 3 SGB V gilt hier die gesetzliche Höchstgrenze in Höhe der vom Bundesgesundheitsministerium jährlich ermittelten Grundlohnsummensteigerung. Die Grundlohnsumme ist die durchschnittliche Veränderungsrate der beitragspflichtigen Einnahmen aller Mitglieder der Krankenkassen je Mitglied.

In den Praxen der genannten Heilmittelerbringer ist es durchaus üblich Mitarbeiter zu beschäftigen. Gegenüber den Krankenkassen ist der freiberufliche Einrichtungsinhaber verpflichtet, über die Qualifikationen der therapeutischen Arbeitnehmer Rechenschaft abzulegen (vgl. Lohmeier 2010: 7).

2.1 Rechtliche Rahmenbedingungen

„Das Sozialgesetzbuch legt fest, dass die gesetzlichen Krankenversicherungen und die Ärzte eine ausreichende, zweckmäßige und wirtschaftliche Versorgung der Versicherten erarbeiten müssen (§92 SGB V)“ (Lohmeier 2010: 11)[1]. Die Heilmittelrichtlinie (die letzte überarbeitete Version wird zum 01.07.2011 gültig) ist eine daraus entstandene Norm. Diese Norm regelt fachlich und inhaltlich das Verordnungsverhalten der Ärzte. „Ein wesentlicher Bestandteil der Heilmittelrichtlinien ist der Heilmittelkatalog. Dieser beschreibt welche Heilmittel in welchen Mengen bei bestimmten Diagnosen im Regelfall zu einer medizinisch angemessenen und wirtschaftlichen Versorgung führen“ (Lohmeier 2010: 11)[2]. Im Heilmittelkatalog sind die „therapeutischen Anwendungen“ der nichtärztlichen Heilmittelerbringer verortet. Nur aufgrund der Verortung im Heilmittelkatalog werden die Leistungen der Ergo-, Physiotherapeuten und Logopäden von den gesetzlichen und privaten Krankenkassen vergütet.

„Zusätzlich wurden am 01.01.2006 erstmalig die Richtgrößen eingeführt. Die Richtgrößen werden zwischen den einzelnen kassenärztlichen Vereinigungen und den gesetzlichen Krankenkassen vereinbart. Sie sind eine Art ökonomisches Steuerinstrument. Ein Verordnungsdurchschnitt wird dabei als Obergrenze von Heilmittelausgaben für eine Arztpraxis festgelegt. Die Richtgrößen werden jeweils zum Jahresbeginn neu angepasst. Überschreitet der Arzt seine Richtgröße um mehr als 15 % droht eine Wirtschaftlichkeitsprüfung, bei Überschreitung von 25 % ein Regress von Seiten der Krankenkassen. Der Mediziner hat allerdings die Möglichkeit sich über Praxisbesonderheiten zu rechtfertigen“ (Lohmeier 2010: 11)[3].

2.2 Aufgaben der freiberuflichen nichtärztlichen Heilmittelerbringer

Auf Grundlage der Heilmittelrichtlinie und unter Berücksichtigung des Heilmittelkataloges, dürfen die zuständigen niedergelassenen Kassenärzte eine Verordnung über Ergo-, Physiotherapie und Logopädie ausstellen (vgl. Lohmeier 2010: 8). „ Mit diesem Rezept in den Händen, hat der Patient derzeit freie Behandlerwahl zwischen den zugelassenen Praxen auf dem Gesundheitsmarkt“ (Lohmeier 2010: 8).

Bezugnehmend auf den Informationsdienst für Physiotherapeuten (2010) können die Aufgaben der nichtärztlichen Heilmittelerbringer wie folgt beschrieben werden:

Aufgabe der Ergotherapeuten ist es, durch ihre Behandlungen Menschen zu unterstützen, deren Handlungsfähigkeiten eingeschränkt oder von eingeschränkter Handlungsfähigkeit bedroht sind. Im Vordergrund steht die (Wieder-) Erlangung der motorischen, geistigen, psychischen und sozialen Selbstständigkeit. Statistisches Zahlenmaterial über freiberuflich wirkende Ergotherapeuten stand der Autorin leider nicht zur Verfügung.

Physiotherapeuten widmen sich in erster Linie den Menschen, die in ihrer motorischen Beweglichkeit Defizite aufweisen. Veröffentlichungen des Deutschen Bundesverbandes der Physiotherapeuten e. V. zufolge, waren am 30.06.2010 34.224 freiberufliche Physiotherapeuten in eigener Praxis tätig.

Das Berufsbild der Logopäden beinhaltet die Behandlung von Menschen mit Sprach-, Sprech-, Stimm- und Schluckstörungen. Im Vordergrund steht die Anbahnung oder Wiedererlangung der Kommunikationsfähigkeit. Rund 4.650 Mitglieder des Deutschen Bundesverbandes für Logopädie e. V. wirkten im Jahr 2010 in Deutschland als Freiberufler (vgl. dbl e. v. 2011).

2.3 Die Position der freiberuflichen nichtärztlichen Heilmittelerbringer im deutschen Gesundheitswesen

Seit April 2007 besteht in Deutschland die Krankenkassenpflicht. Somit ist die Gesamtbevölkerung Deutschlands Mitglied in einer gesetzlichen oder privaten Krankenversicherung. 2009 wurde der Gesundheitsfond eingeführt. Hier fließen alle Beiträge von Arbeitgebern, Arbeitnehmern, Rentenversicherungsträgern, sowie Steuerzuschüsse des Bundes zusammen. Hieraus erhält eine gesetzliche Krankenkasse für jede versicherte Person eine Pauschale, deren Höhe sich nach Alter, Geschlecht und Gesundheitszustand bemisst (vgl. Bundesministerium für Gesundheit 2011). Die freiberuflichen nichtärztlichen Heilmittelerbringer gehören zu den Akteuren im sogenannten „Dreiecksverhältnis“ des deutschen Gesundheitssystems, was sich wie folgt darstellt:

Die Mitglieder der gesetzlichen Krankenkassen zahlen anteilig Versicherungsbeiträge. Die gesetzlichen Krankenkassen müssen für ihre Versicherten eine ausreichende medizinische Versorgung bereitstellen (siehe Kapitel 1.1). Die Leistungserbringer erfüllen diese Aufgabe im Auftrag der Krankenkassen. D.h., die Versicherten nehmen medizinische Leistungen in Anspruch, die von den Leistungserbringern durchgeführt werden. Die Krankenkassen als Kostenträger vergüten diese Leistungen direkt an die Leistungserbringer. Die Abb. 1 visualisiert die, aufgrund der Thematik dieser Arbeit bewusst einfach gehaltene, Struktur des sogenannten Dreiecksverhältnisses im deutschen Gesundheitswesen.

Abb. 1: Das Dreiecksverhältnis im deutschen Gesundheitswesen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(eigene Darstellung in Anlehnung von Alerion Health Care o. J.)

Die freiberuflichen nichtärztlichen Heilmittelerbringer befinden sich als Akteure in einem stark hierarchisch geprägten System der Leistungserbringer . Sie handeln zwar im Rahmen ihrer Freiberuflichkeit eigenverantwortlich, sind aber dem verordnenden Arzt gegenüber weisungsgebunden. Der Arzt legt fest welche Heilmittel zur Anwendung kommen. Es kann sich hierbei z. B. um die Verordnung einer logopädischen Therapie oder Physiotherapie handeln. Weiterhin entscheidet er wie oft und lange die Behandlungen durchgeführt werden sollen. Liegt keine ärztliche Verordnung vor, dürfen die nichtärztlichen Heilmittelerbringer keine Leistungen im Rahmen der gesetzlichen Krankenversicherung am Patienten durchführen, selbst dann nicht, wenn der Versicherte (Patient) diese Behandlung wünscht.

Die Position der freiberuflichen nichtärztlichen Heilmittelerbringer ist folglich geprägt von Abhängigkeiten, die sich zusammenfassend ausdrücken, in:

- der unter Kapitel 2 erwähnten, fehlenden Einflussnahme auf die Höhe der Vergütungsverhandlungen
- der unter Kapitel 2.1 beschriebenen Verortung der Tätigkeit im Heilmittelkatalog und den darauf bezogenen Richtgrößen sowie
- der Position im konfliktträchtigen Spannungsfeld zwischen den Bedürfnissen der Patienten und dem ärztlichen Auftrag.

3 Veränderte Bedingungen am Gesundheitsmarkt und deren Einflüsse auf die freiberuflichen nichtärztlichen Heilmittelerbringer

Wie bereits in Kapitel 1 erwähnt, ist die Gesundheitspolitik seit 1977 darum bemüht, die ständig wachsenden Ausgaben und die damit verbundenen Beitragssatzsteigerungen im Gesundheitswesen zu steuern (vgl. Lohmeier 2010: 10). Der überwiegende Teil der erwachsenen Bevölkerung erfährt die Auswirkungen der Reformen z. B. durch höhere Kostenbeteiligung bei Inanspruchnahme von Heilmitteln. Hier sind u. a. die Praxisgebühr, die Rezeptgebühr, die 10%ige Selbstbeteiligung bei Leistungen der nichtärztlichen Heilmittelerbringer zu nennen. Ebenso spürbar werden die Reformen durch bestimmte Medikamente, die nicht mehr auf Rezept erhältlich sind, sondern vom Patienten selbst, zum vollen Preis getragen werden müssen. Aber es gibt ebenfalls Bestrebungen in den Reformen, deren Auswirkungen nicht nur kostensenkend wirken, sondern auch bei richtiger Umsetzung, Vorteile für die Bundesbürger beinhalten können. Durch die jüngsten Gesundheitsreformen soll eine indikationsorientierte, ganzheitliche Versorgung für die Patienten aufgebaut werden. Sie ist abhängig vom Krankheitsbild. Sie reicht von der Prävention, über die akut medizinische Versorgung, bis hin zur ambulanten oder stationären Rehabilitation. Geplant ist hier also eine Versorgung, die dem Patienten unnötige Wege, Wartezeiten und Doppeluntersuchungen ersparen sowie vorausschauend und langfristig die individuellen Umstände berücksichtigen soll – die sogenannte „integrierte Versorgung“ (vgl. Röttger-Liepmann 2009: 5-8). Die Erkenntnis, dass integrierte Versorgungsstrukturen die beste Versorgung der Patienten sowie die optimale Nutzung der Ressourcen im Gesundheitswesen gewährleisten, erfordert Veränderungen auf struktureller Ebene (vgl. Walkenhorst, Klemme 2008: 181). Strukturveränderungen im Gesundheitswesen bedingen die Notwendigkeit der Entwicklung neuer Konzepte.

Auch der durch die Gesundheitsreform angetriebene Wettbewerb kommt einigen Menschen in Deutschland zugute. So ist es z. B. nicht mehr nur den Mitgliedern einer privaten Krankenversicherung vorbehalten eine ambulante Sprechstunde im Krankenhaus in Anspruch zu nehmen, sondern ebenso den gesetzlich Versicherten.

Für die freiberuflichen nichtärztlichen Heilmittelerbringer werden ein deutlicher Umbruch hin zu strukturellen und konzeptionellen Veränderungen sowie eine zunehmende Wettbewerbsintensität spürbar. Aber es ist nicht nur der verstärkte Wettbewerb der den Blick auf die Zukunft der Praxisinhaber trübt. Durch die Bindung der jährlichen, maximalen Leistungsvergütungserhöhung an die durchschnittliche Grundlohnsummensteigerung schrumpfen die Einkommen der freiberuflichen nichtärztlichen Heilmittelerbringer drastisch. Die Grundlohnsummensteigerung lag innerhalb der vergangenen acht Jahre sechs Jahre deutlich unterhalb der Teuerungsrate, wie z. B. im Jahre 2007. Zu dieser Zeit betrug die Teuerungsrate 2,3% (vgl. Dithmarscher Landeszeitung 2011) und die Grundlohnsummensteigerung 0,64% (vgl. Bundesministerium für Gesundheit 2011) (siehe Abb. 2). Zusätzlich steigen die jährlichen Ausgaben zur Erfüllung der gesetzlichen Anforderungen und Auflagen der Krankenkassen zum Betreiben einer nichtärztlichen Praxis. Auch Steffen Salutzki kam 2010 im Rahmen seiner Diplomarbeit an der Hochschule für Ökonomie & Management in Berlin zu dem Schluss „…, dass der freiberufliche Heilmittelerbringer im geltenden Regelungsgeflecht kaum eine realistische Chance hat, im Rahmen seiner Unternehmensführung angemessene Preise für seine Leistungen zu erzielen.“

Abb. 2:

Inflation und Grundlohnsummensteigerung

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Anstieg der Verbraucherpreise; Grundlohnsummensteigerung

(eigene Darstellung)

Quelle: Grachtrup, B. (2011); Quelle: Bundesministerium für Gesundheit (2011)

Weiterhin ist seit Einführung der Richtgrößen im Jahr 2006, ein deutlicher Rückgang der Verordnungsquantität zu verzeichnen. Laut der IFK-Wirtschaftlichkeitsumfrage aus dem Jahr 2008 ist der Gesamtumsatz einer Physiotherapiepraxis 2007 im Vergleich zu 2006 um 3,5 % gesunken. Die Autorin, selbst als freiberufliche Logopädin tätig, verzeichnete einen Umsatzverlust innerhalb der vergangenen fünf Jahre von 5,2 %.

„Viele Ärzte betonen, dass die nach den Richtgrößen zulässigen Verordnungsmengen im Bereich der Heilmittel nicht ausreichend sind, um Heilmittel-konform verordnen zu können. Viele scheuen auch bereits die Androhung einer Wirtschaftlichkeitsprüfung, auch wenn diese nicht zum Regress führt. Ärzte, denen ein Regress angedroht wird, weigern sich nicht selten, weitere Verordnungen auszustellen – unabhängig von der medizinischen Notwendigkeit“ (vgl. dbl e. v. 2006) . Aktuell wurden im Januar 2011, für das Jahr 2011, die Richtgrößen in Schleswig-Holstein im Vergleich zum Vorjahr 2010 um 1,5 % gesenkt (vgl. dbl Landesverband SH 2011).

Die vielfältigen Reformen haben dazu geführt, dass das deutsche Gesundheitswesen sich mit seinen Determinanten der freien Marktwirtschaft annähert. Die Entwicklung in Richtung Gesundheitswirtschaft und Ökonomisierung ist eindeutig erkennbar. Um den neuen strukturellen und konzeptionellen Anforderungen begegnen zu können, müssen sich die freiberuflichen nichtärztlichen Heilmittelerbringer zwangsläufig mit Themen auseinandersetzten, die in der freien Marktwirtschaft schon immer zum Erhalt eines Unternehmens notwendig waren und sind.

[...]


[1] vgl. dbl e. v. 2006

[2] vgl. dbl e. v. 2006

[3] vgl. dbl e. v. 2006

Ende der Leseprobe aus 54 Seiten

Details

Titel
Der Erhalt freiberuflicher nichtärztlicher Heilmittelerbringer auf dem Gesundheitsmarkt
Untertitel
Spezialisierung, Diversifizierung, Kooperation
Hochschule
Hamburger Fern-Hochschule
Note
1,6
Autor
Jahr
2011
Seiten
54
Katalognummer
V185003
ISBN (eBook)
9783656099857
ISBN (Buch)
9783656099710
Dateigröße
759 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
freiberufliche Heilmittelerbringer, Gesundheits- und Sozialmanagement, Heilmittelrichtlinie, Grundlohnsumme, Logopäden
Arbeit zitieren
Karin Lohmeier (Autor), 2011, Der Erhalt freiberuflicher nichtärztlicher Heilmittelerbringer auf dem Gesundheitsmarkt, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/185003

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