Arno Schmidt galt zeitlebens als schwieriger Mensch. Viele hielten ihn für einen eigensinnigen Egozentriker und weltfremden Eigenbrötler. Er hatte den Ruf eines starrköpfigen Sonderlings, eines besserwisserischen Einzelgängers und widerborstigen
Menschenverachters, der sein selbst verordnetes Außenseitertum bewusst und gezielt kultivierte, dessen rechthaberische Überheblichkeit und aufdringliches Imponiergehabe im Umgang mit anderen Menschen zu seinem unverwechselbaren Markenzeichen geworden war. Sein extremer, offen zur Schau gestellter Individualismus wirkte befremdend. Das Bild von Arno Schmidt, das sich bei vielen seiner Anhänger und Kritiker herauskristallisierte, war das
eines unermüdlichen, von einem unbarmherzigen Leistungsethos angetriebenen Vielarbeiters, eines Workaholics, der schonungslos seine Energiereserven ausbeutete und sich ganz und gar in den Dienst einer eigenwilligen Auffassung von Literatur stellte.
Arno Schmidt war stolz auf seine umfassende, autodidaktisch erworbene Bildung und strebte nach mathematisch-präziser Erfassung der Wirklichkeit. Er erwies sich als intellektgesteuerter
Solipsist, dessen Weltbild durch seine fundierten Kenntnisse in Mathematik und Physik, Astronomie und Astrophysik bestimmt wurde, für den eine moderne Welterkennung nur auf naturwissenschaftlicher Grundlage möglich und der ständig damit beschäftigt war, seine Wahrnehmungen und Beobachtungen von der Welt bis ins kleinste
Detail hinein mit akribischer Gewissenhaftigkeit zu notieren, zu sammeln, zu ordnen und zu katalogisieren.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
Der Mensch Arno Schmidt
Naturwissenschaftlich fundiertes Weltbild
Der typische Arno-Schmidt-Protagonist
Äußere und innere Wirklichkeit und ihre sprachliche Darstellung
Besonderheiten der Schmidtschen Erzähltechnik und Anforderungen an den Leser
Authentizität der Versprachlichung
Dualismus: Individuum und Gesellschaft
Skeptizismus, Geschichtspessimismus, Pazifismus und Atheismus
Opposition als Lebensmaxime
Kritische Reaktionen der Leser und Rezensenten
Unterscheidung von biografischem und literarischem Ich
Verhüllung des biografischen Ichs
Der Mensch Arno Schmidt - Versuch einer "Bekanntschaft"
Schwierige Kindheit
Schulzeit in Görlitz und Freundschaft mit Heinz Jerofsky
Ungeselligkeit, Hochmut und Arroganz
Bewusstsein geistiger Überlegenheit
Freundschaf mit Eberhard Schlotter
Arno Schmidts "Bezugslandschaft"
Sehnsucht nach ländlicher Zurückgezogenheit
Begeisterung für Zahlen, Daten und Fakten und extremer Leistungswille
Schmidtsche Physiognomie
Wertschätzung der unscheinbaren Dinge
Arno Schmidt als Autor - Außenseiter oder Avantgardist?
Neuanfang mit 35
Unter dem Druck eines enormen Arbeitspensums
Geschichtspessimismus im "Leviathan"
Besserwisserische Distanz
Arno Schmidts Prosatheorie
Spaltentechnik des Typoskriptromans
Dreispaltigkeit in "Zettel's Traum"
Etym-Theorie: Arno Schmidt als "Wortweltenerbauer"
Die Bedeutung des Unbewussten
Der Pocahontas-Skandal
Das Hermann-Kasack-Gutachten
Arno Schmidts Goethe-Kritik
Mensch oder Künstler?
Arno Schmidt und seine literarischen Alter Egos
Das Verhältnis Autor - Erzähler - Leser
Kritiker und Befürworter Arno Schmidts
Grundmuster des Schmidtschen Alter Egos
Enthymesis
Gadir
Schwarze Spiegel
Brand's Haide: ein literarisches Selbstporträt
Die Umsiedler
Das Steinerne Herz
Schaffung eines geistigen Freiraums
Die Gelehrtenrepublik: ein fragwürdiges Paradies
Rückzug ins Private
Die Inszenierung des Ich-Erzählers als geistiger Siegertyp
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die komplexe Verschränkung von biografischen Elementen und literarischer Fiktion im Werk von Arno Schmidt. Ziel ist es zu analysieren, wie der Autor sein eigenes Leben und seine spezifische Persönlichkeitsstruktur in seine fiktiven Protagonisten projiziert und welche poetologischen Mittel er nutzt, um diese als "literarische Alter Egos" zu inszenieren.
- Analyse der Persönlichkeitsstruktur Arno Schmidts anhand biografischer Quellen.
- Untersuchung der poetologischen Konzepte (Prosatheorie, Spaltentechnik, Etym-Theorie).
- Dekonstruktion des literarischen Alter Egos in ausgewählten Schlüsselwerken.
- Kritische Betrachtung der Beziehung zwischen Autor, Erzähler und Leserschaft.
- Reflexion über die Rolle Schmidts als Außenseiter oder Avantgardist der Nachkriegsliteratur.
Auszug aus dem Buch
Der typische Arno-Schmidt-Protagonist
Diese Sammelwut des Autors Arno Schmidt führte zu den gigantischen Anhäufungen von Assoziationen, Anspielungen, Zitaten, Bemerkungen, Kommentaren, Einschüben und Ergänzungen, die er in seine Werke eingearbeitet hat. Kein Wunder also, dass die ständig wiederkehrende literarische Hauptfigur Arno Schmidts die eines Geometers (Landvermessers) ist, der sich nach topografisch exakt gezeichneten Karten und Plänen orientiert und dessen größte Leidenschaft - man könnte, wie auch beim Autor selbst, von einer Obsession sprechen - alte kartografische Dokumente, historische Planentwürfe, vergilbte Skizzen und statistische Daten sind, die er in angestaubten Folianten literarischer Archive und historischen Staatshandbüchern findet. Diese literarischen Gestalten sind Schlüsselfiguren seines Denkens. Sie repräsentieren einen auf äußerste Genauigkeit und lückenlose Realitätserfassung ausgerichteten, übersteigerten Individualismus, dessen Leidenschaft zum Programm und zur Richtschnur ihres Lebens geworden ist.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Einführung in die komplexe Persönlichkeit und das Werk Arno Schmidts sowie Darlegung der zentralen Fragestellung dieser Untersuchung.
Der Mensch Arno Schmidt: Porträt Schmidts als Außenseiter, der ein hochkonzentriertes, oft als schwierig empfundenes Individualistentum pflegte.
Naturwissenschaftlich fundiertes Weltbild: Darstellung von Schmidts Streben nach präziser, naturwissenschaftlicher Welterfassung und seiner autodidaktischen Bildung.
Der typische Arno-Schmidt-Protagonist: Untersuchung der wiederkehrenden Figur des Geometers und der sammelnden, detailbesessenen Hauptfiguren.
Äußere und innere Wirklichkeit und ihre sprachliche Darstellung: Analyse von Schmidts Abkehr vom konventionellen Erzählen hin zur Abbildung von Bewusstseinsströmen.
Besonderheiten der Schmidtschen Erzähltechnik und Anforderungen an den Leser: Erläuterung der "dehydrierenden" pointillistischen Schreibweise und der Herausforderungen für die Rezeption.
Authentizität der Versprachlichung: Untersuchung von Schmidts Integration regionaler Dialekte und Soziolekte zur Erhöhung der Realitätsnähe.
Dualismus: Individuum und Gesellschaft: Darstellung des Konflikts zwischen dem sensiblen Einzelgänger und einer kleinkarierten, verständnislosen Umwelt.
Skeptizismus, Geschichtspessimismus, Pazifismus und Atheismus: Erörterung der ideologischen Grundhaltungen, die Schmidts Werk maßgeblich prägen.
Opposition als Lebensmaxime: Analyse der bewussten Außenseiterposition als Triebfeder des literarischen Schaffensprozesses.
Kritische Reaktionen der Leser und Rezensenten: Übersicht über die polarisierende Wirkung von Schmidts Texten auf zeitgenössische Kritiker.
Unterscheidung von biografischem und literarischem Ich: Methodische Abgrenzung zwischen dem Autor und seinen literarischen Figuren.
Verhüllung des biografischen Ichs: Betrachtung von Schmidts widersprüchlichem Umgang mit der Preisgabe privater Informationen.
Der Mensch Arno Schmidt - Versuch einer "Bekanntschaft": Annäherung an den Menschen hinter dem Werk durch biografische Analysen von Schardt.
Schwierige Kindheit: Untersuchung biografischer Hintergründe, die zur Entwicklung spezifischer Persönlichkeitsmerkmale beitrugen.
Schulzeit in Görlitz und Freundschaft mit Heinz Jerofsky: Beleuchtung früher sozialer Kontakte und der Neigung zur Instrumentalisierung von Freunden für Forschungszwecke.
Ungeselligkeit, Hochmut und Arroganz: Analyse der oft als unnahbar wahrgenommenen Persönlichkeitszüge des jungen Schriftstellers.
Bewusstsein geistiger Überlegenheit: Beschreibung von Schmidts Selbstbild innerhalb seines beruflichen Umfelds bei den Greiff-Werken.
Freundschaf mit Eberhard Schlotter: Untersuchung der prägenden Beziehung zum Maler Schlotter als Fenster zur Persönlichkeitsstruktur.
Arno Schmidts "Bezugslandschaft": Analyse der Bedeutung des Flachlands und des Nordens als essenzielle ästhetische Räume für Schmidt.
Sehnsucht nach ländlicher Zurückgezogenheit: Schilderung der Flucht aus der Großstadt und der Sehnsucht nach einem "Häuschen in der Heide".
Begeisterung für Zahlen, Daten und Fakten und extremer Leistungswille: Darstellung des unerbittlichen Arbeitsethos und der Obsession für statistische Genauigkeit.
Schmidtsche Physiognomie: Deutung von Fotografien als Spiegelbild einer angespannten, ernsten Persönlichkeit.
Wertschätzung der unscheinbaren Dinge: Untersuchung von Schmidts Sammelleidenschaft und der Bedeutung des Details für seine literarische Arbeit.
Arno Schmidt als Autor - Außenseiter oder Avantgardist?: Diskussion über die Einordnung Schmidts innerhalb der deutschen Nachkriegsliteratur.
Neuanfang mit 35: Betrachtung der Publikation des "Leviathan" als Wendepunkt seiner Karriere.
Unter dem Druck eines enormen Arbeitspensums: Darstellung der Selbstausbeutung zugunsten des literarischen Werks.
Geschichtspessimismus im "Leviathan": Analyse der düsteren Weltsicht in seinem ersten größeren Prosa-Werk.
Besserwisserische Distanz: Beschreibung von Schmidts Haltung gegenüber anderen Autoren der Nachkriegszeit.
Arno Schmidts Prosatheorie: Erläuterung der poetologischen Neuerungen und der komplexen Begrifflichkeiten.
Spaltentechnik des Typoskriptromans: Untersuchung der experimentellen Form von Werken wie "KAFF".
Dreispaltigkeit in "Zettel's Traum": Analyse der komplexen, hypertextähnlichen Struktur seines monumentalen Hauptwerks.
Etym-Theorie: Arno Schmidt als "Wortweltenerbauer": Beschreibung der sprachschöpferischen Methode des "Wortmetzes".
Die Bedeutung des Unbewussten: Untersuchung der Einflüsse Freudscher Theorien auf Schmidts Sprachspiele.
Der Pocahontas-Skandal: Analyse der juristischen Auseinandersetzung und deren Auswirkung auf Schmidts Selbstverständnis.
Das Hermann-Kasack-Gutachten: Darstellung der Verteidigung Schmidts durch bedeutende Literaturvertreter.
Arno Schmidts Goethe-Kritik: Analyse der oft unsachlichen, polemischen Auseinandersetzung mit dem "Geistesriesen".
Mensch oder Künstler?: Untersuchung der Entscheidung für das Werk und gegen das gewöhnliche Menschsein.
Arno Schmidt und seine literarischen Alter Egos: Zusammenführende Analyse der Identitätskonstruktion.
Das Verhältnis Autor - Erzähler - Leser: Reflexion über die Dominanz des Ich-Erzählers.
Kritiker und Befürworter Arno Schmidts: Darstellung der Spaltung der Leserschaft.
Grundmuster des Schmidtschen Alter Egos: Zusammenfassung der typischen Merkmale seiner Protagonisten.
Enthymesis: Analyse der pessimistischen Grundhaltung im Werk von 1946.
Gadir: Deutung des antiken Settings als Ort der geistigen Autonomie.
Schwarze Spiegel: Untersuchung der utopischen Isolation als Rückzugsort.
Brand's Haide: ein literarisches Selbstporträt: Analyse der autobiografischen Spiegelung in diesem Werk.
Die Umsiedler: Untersuchung der Parallelen zwischen dem Schicksal des Autors und seiner Protagonisten.
Das Steinerne Herz: Analyse der bürgerlichen Existenz als Ambivalenz in Schmidts Werk.
Schaffung eines geistigen Freiraums: Zusammenfassung der Flucht in die Isolation als zentrales Motiv.
Die Gelehrtenrepublik: ein fragwürdiges Paradies: Kritik an den utopischen Entwürfen Schmidts.
Rückzug ins Private: Fazit zur Flucht in die Zweisamkeit.
Die Inszenierung des Ich-Erzählers als geistiger Siegertyp: Zusammenfassung der zentralen Thesen dieser Untersuchung.
Schlüsselwörter
Arno Schmidt, Alter Ego, Nachkriegsliteratur, Prosatheorie, Zettel's Traum, Leviathan, Spaltentechnik, Geometer, Autodidakt, Außenseiter, Geschichtspessimismus, Atheismus, Poetologie, Individualismus, Literaturwissenschaft.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Wechselwirkung zwischen dem Leben des Autors Arno Schmidt und seinen fiktiven literarischen Figuren, den sogenannten "Alter Egos", um den Prozess der Selbstinszenierung im Werk zu ergründen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Mittelpunkt stehen die biografischen Grundlagen von Arno Schmidt, seine einzigartige Prosatheorie (insbesondere die Spalten- und Etym-Technik) sowie die Analyse seiner wiederkehrenden Protagonisten-Typologie.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, nachzuweisen, inwieweit Arno Schmidt seine eigene Persönlichkeit, seine Ideologien und seine Lebensumstände gezielt in seine literarischen Texte einfließen lässt und wie diese Inszenierung seine Rezeption beeinflusst.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?
Die Untersuchung basiert auf einer tiefgehenden Analyse der literarischen Primärtexte (vor allem Romane und Erzählungen) in Verbindung mit biografischen Quellen und Sekundärliteratur zur Einordnung des Autors.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine detaillierte biografische Analyse, die Untersuchung der spezifischen Erzähltechniken Schmidts, die Diskussion seiner Weltanschauung sowie eine Werkinterpretation der zentralen "Alter Ego"-Protagonisten.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Schlüsselbegriffe wie Arno Schmidt, Alter Ego, Poetologie, Spaltentechnik, Außenseiter, Individualismus und Nachkriegsliteratur fassen den inhaltlichen Fokus prägnant zusammen.
Warum betrachtet Schmidt "das Geometrische" als Kern seiner literarischen Identität?
Für Schmidt repräsentiert der Geometer oder Landvermesser den Menschen, der die Wirklichkeit akribisch vermisst und ordnet – eine Entsprechung zu seinem eigenen Bedürfnis nach Kontrolle, Exaktheit und distanzierter Beobachtung der Welt.
Was bedeutet die "Etym-Theorie" konkret für Schmidts Schreibstil?
Die Etym-Theorie bezeichnet Schmidts Verfahren, durch die Zerlegung und Neukombination von Wörtern auf akustischer und assoziativer Ebene – inspiriert durch Freud – neue Bedeutungsschichten und die "Sprache des Unbewussten" in die Prosa zu integrieren.
Inwiefern ist die Spaltentechnik mehr als nur ein experimentelles Stilmittel?
Die Spaltentechnik, besonders in "Zettel's Traum", fungiert als eine Vorwegnahme der modernen Hypertext-Struktur; sie zwingt den Leser zu einer aktiven, nicht-linearen Rezeption und spiegelt das dichotomische Weltbild des Autors zwischen "Oberwelt" und "Unterwelt" wider.
- Quote paper
- Hans-Georg Wendland (Author), 2012, Gelebtes und fiktives Außenseitertum - Der Mensch und Autor Arno Schmidt und seine literarischen Alter Egos, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/185026