Der 1942 in einem kleinen Ort in Kärnten, Österreich, geborene Schriftsteller Peter Handke gehört in die Reihe der Autoren, die es Ende der sechziger Jahre in Deutschland mit ihrem Interesse an Rock-, Popmusik und -Kultur nicht auf der Ebene der privaten Auseinandersetzung bewenden ließen, sondern diese Elemente ganz bewußt in ihre Literatur aufnahmen. Er und Schriftstellerkollegen wie Rolf Dieter Brinkmann, Wolf Wondratschek et al folgten in diesem Punkt der amerikanischen Pop-Literatur. „Die neuen Anti-Götter, Anti-Helden, Nach-Götter und Nach-Helden entsteigen den Welten des Jazz, des Rock, der Schlagzeilen und der Comics, der alten Filme"1 konstatierte 1968 der amerikanische Literaturprofessor Leslie A. Fiedler in seinem Freiburger Vortrag zur Standort- und programmatischen Schwerpunktbestimmung der neuen postmodernen Literatur. Ein sinnvoller Zugang zum Verständnis dieser neuen Haltung läßt sich nur auf dem Hintergrund der folgenden literarischen und gesellschaftlich-kulturellen Entwicklungen und Zustände erreichen.
Inhaltsverzeichnis
A. Der Hintergrund der literarischen und gesellschaftlich-kulturellen Entwicklungen, die zu einer literarischen Rezeption von Popularkultur führten
1. Die Tradition der Beats, deren literarische Verfahren in mehrfacher Hinsicht richtungweisend für die Handkegeneration waren
2. Die sozio-kulturellen Voraussetzungen zur literarischen Rezeption von Popularkultur
3. Die Bedeutung der Rezeption von Popularkultur für die Literatur (BRD)
B. Die Arten der Musik in den Schriften Peter Handkes
1. Rock Pop Beat
1.1. Die Musikbox
1.2. Rockmusik im Theaterstück und Hörspiel
1.3. Objets trouvés, Cut-up Collagen et al aus dem Bereich der Rockmusik
1.4. Rockzitate als Motto
1.5. Rockzitate im Text
1.5.1. in Übersetzung
1.5.2. im Originalzitat
1.6. Rocksongs als Identifikationslieder
1.7. Probleme und Perspektiven der literarischen Integration von Rock/Popmusik
2. Muzak - Musik im Alltag - Gebrauchsmusik
3. Schlager
4. Karawanenmusik
5. Musik und Glück
C. Ausklang
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Rolle und Funktion der Rock- und Popmusik sowie weiterer Musikformen in den Schriften Peter Handkes. Ziel ist es aufzuzeigen, wie Handke Motive und Elemente dieser Musikrichtungen als literarische Mittel einsetzt, um die Bewusstseinszustände seiner Protagonisten zu klären und die Realität in seinen Werken abzubilden.
- Die literarische Verarbeitung von Rock- und Popkultur als Rezeption amerikanischer Einflüsse.
- Die Bedeutung spezifischer Musiktechnologien wie der Musikbox für die Erzählstruktur.
- Die Funktion von Rocksongs als Zitate, Mottos und Identifikationshilfen in Handkes Texten.
- Die Abgrenzung und Verknüpfung von Rockmusik, Schlager und Muzak im literarischen Kontext.
- Das Spannungsfeld zwischen populärer Kultur und klassischer Hochliteratur bei Handke.
Auszug aus dem Buch
1.1. Die Musikbox
Mit dem Aufkommen des Rock ‘n' Roll begann auch die Blütezeit der Musikboxen, die man in den USA bereits seit den frühen dreißiger Jahren, in der Bundesrepublik erst ab Anfang der fünfziger Jahre kannte. Sie gehörte genauso notwendig in die Reihe der Zwänge und Erkennungszeichen der aufströmenden Rock 'n' Roll orientierten Jugend wie das Auto, das drive-in, der hamburger et al und erhielt Mitte der fünfziger Jahre in den USA, respektive Anfang der sechziger Jahre in der BRD einen ungeahnt hohen Stellenwert als Vermittlerfunktion zwischen Jugend und Popmusik, da sie neben dem Auto- und Kofferradio das teenagergerechteste Medium war, sich für wenig Geld über die anhaltend zunehmende Fülle von Neuerscheinungen auf dem Schallplattenmarkt zu informieren. Hauptfunktionsort der Musikbox waren Lokale, Eis-, Snack- und Kaffeebars.
In den Schriften Peter Handkes nimmt die Musikbox eine wichtige Rolle ein. Das läßt sich schon an der Häufigkeit erkennen, mit der er sie in seinen Büchern als wiederkehrendes Motiv vorkommen läßt; eine Vorliebe übrigens, die er mit dem Filmemacher und Freund Wim Wenders teilt. Bereits in seinem in den Jahren 1965 und 1966 entstandenen zweiten Roman Der Hausierer, zu dem der Kriminalroman das literarische Grundmuster lieferte, gehört eine Musikbox in die Reihe der einzelnen Gegenstände der alltäglichen Wirklichkeit, die, da sie der Geschichte dienen, beschrieben werden. Vor dem Mord erfahren wir „Der Greifer im Musikautomaten wandert auf und nieder, ohne bis jetzt eine Platte zu fassen.“ Noch sind die Verhältnisse geordnet und die Wahrnehmung der Wirklichkeit ungestört. Dann geschieht der Mord und mit ihm der Abbruch dieser vorher vermittelten Wirklichkeit. „Niemand kümmert sich in diesem Augenblick um den Musikautomaten“, der, ungeachtet der durch den Mord eingetretenen Veränderungen, die vorher geltende, geordnete Wirklichkeit fortsetzt. Bevor der Täter zu einem Geständnis kommt, wartet er „atemlos ... auf den ersten Ton aus dem Musikautomaten“, da die Musik, von der wir an anderer Stelle des Romans bereits erfahren haben, daß sie seine Bewegungen erleichtert, ihm auch das Sprechen leichter machen wird.
Zusammenfassung der Kapitel
A. Der Hintergrund der literarischen und gesellschaftlich-kulturellen Entwicklungen, die zu einer literarischen Rezeption von Popularkultur führten: Dieses Kapitel erläutert den Einfluss der amerikanischen Pop-Literatur und der Beat-Generation auf die deutsche Literatur der späten sechziger Jahre.
B. Die Arten der Musik in den Schriften Peter Handkes: Hier werden detailliert die verschiedenen musikalischen Einflüsse bei Handke analysiert, von der Bedeutung der Musikbox über Rockzitate bis hin zu Gebrauchsmusik, Schlager und Karawanenmusik.
C. Ausklang: Das abschließende Kapitel resümiert die zentrale Bedeutung der Musik als Ausdrucksmittel und atmosphärisches Element in Handkes Werk, das oft als Mittel zur Selbstfindung oder zur Vermittlung von Glück dient.
Schlüsselwörter
Peter Handke, Rockmusik, Popkultur, Beat-Generation, Musikbox, Literaturanalyse, Pop-Literatur, Identifikation, Schlager, Muzak, Gegenkultur, Intertextualität, Moderne, Bewusstseinsbildung, Alltagskultur.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Magisterarbeit untersucht die Rolle der Musik, insbesondere von Rock- und Popmusik, in den schriftstellerischen Werken von Peter Handke.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zu den Schwerpunkten zählen die literarische Integration von Popularkultur, die Funktion von Musik als Bedeutungsträger für Handkes Protagonisten und die kritische Analyse der Musikbox als Motiv.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das primäre Ziel besteht darin aufzuzeigen, wie Handke Musik nutzt, um Bewusstseinszustände zu klären, Atmosphäre zu schaffen und eine Verbindung zwischen alltäglicher Wirklichkeit und literarischer Reflexion herzustellen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit analysiert Handkes Texte anhand von inhaltlichen Beispielen, vergleicht sie mit den entsprechenden musikalischen Vorlagen und bezieht diskographische Daten mit ein.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden verschiedene Musikarten (Rock/Pop, Muzak, Schlager, Karawanenmusik) analysiert und deren spezifische Funktion in ausgewählten Romanen, Erzählungen und Theaterstücken aufgezeigt.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Peter Handke, Musikbox, Popmusik, Rockzitate, Identifikation und literarische Moderne charakterisiert.
Welche Rolle spielt die Musikbox in Handkes Frühwerk?
Sie fungiert als alltäglicher Gegenstand, der oft eine geordnete Wirklichkeit widerspiegelt, oder dient als Vermittler von emotionaler Befreiung für die Protagonisten.
Wie unterscheidet sich die Nutzung von Musik in den späten Schriften?
In den späteren Werken zeichnet sich ein Trend zu einer eher versteckten, indirekten, d.h. übersetzten Verflechtung der Musik in den literarischen Kontext ab.
Warum integriert Handke explizit Musiktitel in seine Texte?
Dies dient dazu, Zeitlichkeit zu dokumentieren und die Bewusstseinswirklichkeit mit ihren Widersprüchen durch ein modernes, den Lesern bekanntes Medium direkt darzustellen.
Gibt es eine negative Bewertung von Musik bei Handke?
Ja, Musik kann auch negativ konnotiert sein, etwa als Muzak in Supermärkten, wo sie als Instrument zur Konsumanreizung und psychischen Belastung wahrgenommen wird.
- Quote paper
- Gabriele Eschweiler (Author), 1983, Die Rolle der Musik in Peter Handkes Schriften, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/185127