Der Einsatz computergestützter Lernmedien in der betrieblichen Aus- und Weiterbildung


Diplomarbeit, 1999

73 Seiten, Note: 2.3


Leseprobe

Der Einsatz computergestützter Lernmedien in der betrieblichen Aus- Weiterbildung

Universität Gesamthochschule Kassel Fachbereich Wirtschaftswissenschaften

Einleitung

1.1 Problemstellung: Lebenslanges Lernen?

In einer Volkswirtschaft, in der das Innovationsklima als Standortvorteil im internatio- Wettbewerb immer weiter an Bedeutung gewinnt, gilt die Nutzung der vorhandenen Erfahrungen zur Entwicklung neuen Wissens als entscheidender Faktor. 1 Auch im betrieblichen Bereich gilt vielfach das Wissen der Mitarbeiter als entscheidender Produktionsfaktor. 2

Die Halbwertszeit des Wissens sinkt immer weiter: Die des Schulwissens liegt bei etwa 20 Jahren, die des Ausbildungswissens bei etwa 10 Jahren, die des EDV-Wissens wird nur auf 8 bis 14 Monate geschätzt. 3 Dadurch wird „Lernen auf Vorrat“ immer schwieriger, „Just-In-Time-Learning“ soll eine Wissensüberfrachtung vermeiden und gleichzeitig für die Aneignung von aufgabenbezogenem Wissen 4 sorgen. „Lebenslanges Lernen“ lautet das Schlagwort für Arbeitnehmer, die ihren Arbeitsplatz sichern oder sich auf zukünftige Beschäftigungen vorbereiten wollen, aber auch für Arbeitgeber, die ihr „Human Capital“ durch Weiterbildung erhalten und verbessern wollen. 5

Inzwischen setzen zahlreiche Unternehmen computergestützte Lernmedien ein, um die Aus- und Weiterbildung ihrer Beschäftigten zu verbessern und zu erleichtern. 6

Computergestützte Lernmedien bieten gegenüber traditionellen Seminaren verschiedene Vorteile: Von ihnen kann eine besondere Motivation ausgehen, da sie sich einzig auf ihren Benutzer konzentrieren, während der Lehrer in einem traditionellen Seminar seine Aufmerksamkeit auf viele Teilnehmer verteilen muß. Dort kann beispielsweise nur eine Person die vom Lehrer gestellte Frage laut beantworten, so daß eine Rückmeldung er-

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folgt. Im computergestützten Lernmedium muß dagegen jede Frage beantwortet werden und es gibt zu jeder Antwort ein Feedback. 7

Im Gegensatz zum traditionellen Unterricht ist der Lernende bei einem computerge- Lernmedium also permanent gefordert. Nicht der Lehrer, sondern der Lernende muß in Aktion treten. Er konsumiert den Lernstoff nicht, sondern muß dem Lernmedium mitteilen, welche Lektion er erwartet, welchen Lernweg er nutzen will. Dadurch kann kein „Abschalten“ erfolgen, die Konzentration wird erhöht und der Lerneffekt verstärkt. So werden Lernzeiten und damit Zeiten, in denen der Mitarbeiter nicht arbeiten kann, reduziert. 8

Die Anonymität der computergestützten Lernmedien führt zwar zu dem Problem, daß der Lernende eine stärkere Selbstdisziplin mitbringen muß. 9 Sie hat aber auch den Vorteil, daß er ungehindert seine Defizite und Fehler zugeben kann, ohne negative Reaktionen seines Lehrers oder seiner Mitschüler zu befürchten. Diese Anonymität kommt besonders den Lernenden zugute, die in traditionellen Seminaren zu den stillen, unsicheren Teilnehmern gehören. 10 Diese müssen sich zudem nicht an das - für sie meist zu hohe - Tempo der Gruppe anpassen und können nicht verstandene Lektionen beliebig oft wiederholen. 11

Orts- und zeitunabhängige Weiterbildung bietet nicht zuletzt Kostenvorteile gegenüber dem klassischen Seminar 12 , weil nach der Anschaffung des Lernmediums beliebig viele Personen ohne weitere Kosten beispielsweise für Lehrer, Räume, Fahrt- oder Übernachtungskosten geschult werden können. Dagegen scheint die Entwicklung computergestützter Lernmedien aus ökonomischer Sicht nur begründet, wenn eine hohe Teilnehmerzahl an Personen geschult werden soll. 13

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Für den Arbeitnehmer stellt Lebenslanges Lernen zunächst eine Herausforderung dar: Von ihm wird erwartet, daß er selbständig und arbeitsbegleitend lernt; die Bringschuld wird in eine Holschuld umgewandelt. „Dazu müssen sie einerseits befähigt sein oder sich befähigen, und dazu müssen ihnen andererseits handhabbare Möglichkeiten eröffnet werden.“ 14

1.2 Zielsetzung: Qualitätskriterien für computergestützte Lernmedien

Zahlreiche Unternehmen und Organisationen versuchen, sich auf dem wachsenden Aus- Weiterbildungsmarkt zu etablieren. 15 Das Angebot an Computer Based Trainings, Hypermedia-Kursen, Intelligenten Tutoriellen Systemen oder Simulationen, die im Internet angeboten werden, scheint zunächst unüberschaubar. Die Probleme bei der Auswahl eines geeigneten Lernmediums liegen jedoch weniger bei der Findung als bei der Beurteilung der computergestützten Lernmedien. In der Regel liegen nur ungenaue Beschreibungen vor, die eine solche Beurteilung nicht ermöglichen.

Besondere Probleme entstehen beim Einsatz computergestützter Lernmedien meist da, wo Lernen im sozialen Kontext stattfindet und eine individuelle Betreuung notwendig ist. Daher muß „der Einsatz von Technik insbesondere diese Lernsituationen unterstützen ...“ 16 .

Inwiefern sie dies tun und andere wichtige Kriterien erfüllen, ist jedoch umstritten: Schlagworte wie Multimedialität, Virtualität, Flexibilität und Interaktivität werden von fast allen Lernprogrammen für sich beansprucht, obwohl ihre Bedeutung oft unklar ist.

Die vorliegende Arbeit versucht, qualitative Kriterien zu entwickeln, an denen sich die geeigneten von den eher ungeeigneten Lernprogrammen unterscheiden lassen.

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1.3 Vorgehensweise

Der Fokus dieser Arbeit liegt auf computergestützten Lernmedien, die über das Internet beziehungsweise das World Wide Web angesteuert werden. Dieses gilt als die optimale Schnittstelle der Zukunft, da es besonders im Bereich der Interaktivität Möglichkeiten bietet, die beispielsweise bei CD-ROM-basierten Systemen nicht gegeben sind. 17

Für diese Lernmedien sollen im zweiten Kapitel Qualitätskriterien entwickelt werden. Dabei geht es vor allem um die Herleitung und Beschreibung dieser Kriterien, die Überprüfung verschiedener Lernprogramme auf die Erfüllung der Kriterien unter Berücksichtigung ihrer jeweiligen Einsatzzwecke würde den vorgegebenen Rahmen sprengen. Daher soll nur an LearningSpace, einer groupwarebasierten Lernumgebung, eine exemplarische Anwendung und Überprüfung der Kriterien erfolgen.

Im dritten Kapitel werden die Funktionen und das Konzept von LearningSpace be- und ein typischer Kursbesuch wird simuliert. Besonders hier waren vor allem englischsprachige Texte verfügbar, die in frei übersetzter Form Eingang in die Arbeit gefunden haben.

Anschließend werden im vierten Kapitel grundsätzliche Überlegungen bezüglich der Entwicklung und Durchführung eines LearningSpace-Kurses angestellt. Dabei finden die zuvor entwickelten Qualitätskriterien Berücksichtigung. Diese Überlegungen werden auf ein Beispiel, einen Kurs für die Lehrveranstaltung Betriebswirtschaftslehre I an der Universität Gesamthochschule Kassel, angewendet und daraufhin auf einen Einsatz von LearningSpace in der betrieblichen Aus- und Weiterbildung übertragen. Dabei wurde auf die Erklärung der Schritte zum Ausfüllen des LearningSpace verzichtet, da diese in den Handbüchern zu LearningSpace erschöpfend behandelt werden. Die zur Verfügung stehende LearningSpace-Version 2.5 war englischsprachig.

Im fünften Kapitel werden die im Kapitel zwei entwickelten Qualitätskriterien auf LearningSpace angewendet, wobei auch mehrjährigen Erfahrungen mit LearningSpace einfließen.

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Abschließend findet eine qualitative Beurteilung von LearningSpace statt, die auch eine Einschätzung der zukünftigen Entwicklung beinhaltet.

Kriterien für computergestützte Lernmedien 6

2 Kriterien für computergestützte Lernmedien

Computergestützte Lernmedien sind Programme, die „für die Zwecke des rechnerunter- Lernens entwickelt und eingesetzt“ 18 werden. Sie enthalten „normalerweise den zu vermittelnden Lernstoff in kleineren, in sich abgeschlossenen Abschnitten ... sowie die Prüfungsfragen, die das System zur Überprüfung, wie weit der gelernte Stoff sicher erarbeitet wurde, stellt.“ 19 Im Folgenden werden Kriterien entwickelt, die auf solche Programme anwendbar sind, um ihre Qualität zu beurteilen.

Wichtigstes Kriterium und Voraussetzung für den erfolgreichen Einsatz computerge- Lernmedien ist die Übersichtlichkeit des Programmaufbaus und die leichte Erlernbarkeit der Bedienung. 20

Darüber hinaus muß erkennbar sein, daß der Lehrstoff nicht nur beispielsweise aus Bü- chern übernommen wurde, sondern die besonderen Möglichkeiten der computergestützten Lernmedien genutzt wurden: „Beispiele solcher Mehrwerte sind flexible Navigations- und Orientierungshilfen, Lernpfade, Interaktionskomponenten, Lernfortschrittskontrollen, Annotationsmöglichkeiten, Online-Hilfen sowie Schnittstellen zu synchronen und/oder asynchronen Kommunikationswerkzeugen, um bei Bedarf die Unterstützung eines Tutors in Anspruch nehmen oder mit anderen entfernten Lernern diskutieren zu können.“ 21

2.1 Zugang

Der Zugang zu den computergestützten Lernmedien über das Internet bietet sich in vie- Bereichen an, da leitungsgebundene und drahtlose Internetzugänge, also Zugänge über die Telefon-, Daten- oder Fernsehleitungen und über Funk- und Satellitenanbindungen, sowohl im privaten und im beruflichen Bereich als auch über die Universitäten eine immer weitere Verbreitung finden. 22 Allerdings werden die Zugangsschwierigkeiten oft unterschätzt: Der Lernende muß über eine ausreichende Hardwareausstattung

Kriterien für computergestützte Lernmedien 7

verfügen, außerdem sind die Kosten für die Arbeit On-Line immer noch sehr hoch. Da- wirkt sich die Möglichkeit, Off-Line zu arbeiten, positiv aus. Diese Möglichkeit kann beispielsweise durch den Einsatz von Replikation oder durch schnelles Herunterladen einzelner Lektionen gegeben werden.

2.1.1 Lernorte

Nach WAGNER lassen sich der betriebliche, schulische und private Lernortbereich unterscheiden. Beim betrieblichen Lernortbereich lassen sich wiederum die Lernorte Arbeitsplatz, Lernzentrum und arbeitsplatznaher Lernraum differenzieren. 23

Beim Lernen am Arbeitsplatz ergeben sich Probleme bei der Ausstattung jedes einzel- Mitarbeiters mit der notwendigen Hard- und Software, besonders bei Arbeitsplätzen, an denen nicht üblicherweise rechnergestützt gearbeitet wird, wie in der Produktion. Außerdem ist es für die Mitarbeiter schwierig, Lernphasen zu definieren und in ihre anderen Arbeitstätigkeiten zu integrieren. 24 Als Lernzentren bezeichnet man Orte, die ähnlich wie traditionelle Schulungszentren einzig für die Unterstützung des - in diesem Fall computergestützten - Lernens bestehen. Beispielsweise bietet die Volkswagen AG ihren Mitarbeitern in Wolfsburg an, im „Open-Learning-Centre“ außerhalb der Arbeitszeit zusätzliche Qualifikationen zu erwerben. 25 Mit arbeitsplatznahem Lernraum sind Lernorte gemeint, an denen Lerninhalte verarbeitet werden, die in Zusammenhang zur Arbeitstätigkeit stehen, aber nicht räumlich an den Arbeitsplatz gebunden sind. 26

Im schulischen Lernortbereich finden computergestützte Lernmedien noch keine adä- quate Berücksichtigung. Gründe hierfür sind die mangelhafte Hardwareausstattung und die fehlende Medienkompetenz des Lehrkörpers. 27

Da einerseits die arbeitsfreie Zeit und andererseits die Anforderungen an Flexibilität und Mobilität der Mitarbeiter steigen, gewinnt der private Lernortbereich an Bedeutung. Auch das ständig günstiger werdende Preis-Leistungs-Verhältnis in der Computerbran-

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che trägt zu dieser Entwicklung bei. Im privaten Lernortbereich besteht die Möglich- zeitlich, räumlich und personell unabhängig zu lernen. 28

Viele Bildungseinrichtungen bieten im Rahmen von Distance Learning Fernkurse an, die auf den privaten Lernortbereich zielen. Mit Distance Learning bezeichnet man Kurse, bei denen die Teilnehmer nicht in einem bestimmten Raum anwesend sein müssen, um an dem Kurs teilzunehmen 29 ; ein räumlich unabhängiges Lernen wird ermöglicht. Zu Distance Learning zählen aber auch Telelearning und -teaching sowie Kurse, die ihre Inhalte über das Radio verbreiten. 30

Je nach Zugang zu den computergestützten Lernmedien können Medienbrüche auftre- Während beispielsweise bei dem Zugang über das Internet Tests On-Line durchgeführt werden und ein Ergebnis sofort vorliegt, wäre in einem CD-ROM-basierten Kurs ein Übungsheft denkbar, das ausgefüllt an den Bildungsträger zurückgesandt werden soll. Von dort werden die Ergebnisse erst nach der Korrektur mitgeteilt. Medienbrüche führen zu überflüssigen Arbeitsschritten und zeitlichen Verzögerungen.

2.1.2 Lernzeiten

Ein weiteres Kriterium bezüglich des Zugangs zu den computergestützten Lernmedien ist die Lernzeit. Zur Definition der „Virtuellen Universität“ gehört nicht nur die räumliche, sondern auch die zeitliche Unabhängigkeit. Diese ist beispielsweise bei Telelearning nicht gegeben. 31 Distributed Learning bezeichnet einen Typ von Distance Learning, der das Lernen zu jeder Zeit an jedem Ort ermöglicht. 32

2.2 Inhalt

Bei den meisten Lernenden wächst die Motivation mit dem Praxisbezug. Daher bieten sich Simulationen an, um das Gelernte anzuwenden; Aufgaben und Fragen sollten aus der Praxis stammen. 33 Die Darbietung der Inhalte sollte nicht nur fachlich richtig, son-

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dern auch verständlich sein. „Die Formulierungen sind kurz und prägnant statt weit- 34

2.2.1 Zielbestimmung

Vor dem Beginn einer Lektion sollte eine Zielbestimmung erfolgen. In dieser sollte dem Teilnehmer mitgeteilt werden, über welche Kenntnisse er nach der Lektion verfügen wird, wie lange die Arbeit an dieser Lektion voraussichtlich dauern wird 35 und welche Selbstkontrollmöglichkeiten oder Leistungsnachweise am Ende der Lektion stehen. So hat der Teilnehmer die Möglichkeit, das Lernmedium einzuschätzen und seine Arbeit zeitlich und inhaltlich zu planen 36 , das heißt, er kann einzelne Lektionen je nach Vorkenntnissen gründlicher durchlaufen oder sogar überspringen. Im Rahmen eines solchen „Vorworts“ sollten Hinweise auf eventuell erforderliches Begleitmaterial enthalten sein. 37

2.2.2 Lehrstoff

Bei computergestützten Lernmedien können sich - wie bei jedem anderen Medium - inhaltliche Probleme ergeben. Gründe hierfür sind unvollständige Daten, mangelhafte Relevanz der Daten, Informationsüberflutung oder das Gegenteil, „triviale, bedeutungslose, redundante Informationen“ 38 . Wie bei traditionellen Lernmedien sollten die enthaltenen Informationen sorgfältig ausgewählt werden.

Im Vergleich zu traditionellen Lernmedien liegt der Verdacht nahe, daß die Neuartig- der technologischen Möglichkeiten die Qualitätssicherung des Lehrplanes und der Ausbildung zu überschatten droht. 39

Dagegen liegen deutliche Chancen bei der inhaltlichen Zusammenarbeit in übergreifen- Lernallianzen. Hinter diesem Begriff verbergen sich Aufgabenteilungen unter den Lehrenden verschiedener Lehrstühle oder Abteilungen, die gemeinsam die Inhalte des Kurses erarbeiten. So können sie sich spezialisierend mit ihren Teilbereichen beschäfti-

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gen, ohne sämtliche Grundlagen einer Materie erarbeiten zu müssen. Kernkompetenzen und Synergieeffekte können dadurch genutzt werden. Gleiches gilt unter bestimmten Umständen für Seminararbeiten, die sich mit Teilbereichen eines Themas beschäftigen. Hier wurde beobachtet, „daß sich thematische Überschneidungen zwischen den Arbeiten minimierten und zu einer entsprechenden Gesamtarbeit verknüpft wurden.“ 40

2.2.3 Zusammenfassungen

Zur Wiederholung der wichtigsten Inhalte sollte eine Zusammenfassung am Ende einer Lektion stehen. Zur weiteren Vertiefung können Übungsaufgaben angeboten werden, die „in Fragedialogen nochmals die richtige Antwort ins Gedächtnis rufen.“ 41

2.2.4 Wissensfindung

Damit der Lernende die Möglichkeit hat, sich in den angebotenen Informationen zurechtzufinden, sollten Mittel zur Wissensfindung angeboten werden.

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Darstellung 1: Mittel zur Wissensfindung

Eine Suchfunktion, mit deren Hilfe flexibel nach einzelnen Begriffen gesucht werden kann, bietet die komfortabelste Möglichkeit, im Text einen gesuchten Begriff zu finden.

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Indexverzeichnisse enthalten dagegen nur eine eingeschränkte Anzahl an Begriffen, nach denen gesucht werden kann. Schlagwörter wiederum schaffen im Vergleich zur Indizierung einen größeren Überblick. Kategorien bieten keine flexible Suche, dagegen schaffen sie eine Übersicht über die angebotenen Inhalte. Inhaltsverzeichnisse sind unverzichtbar, da sie einen groben Überblick über alle angebotenen Lektionen geben.

2.3 Fragmentierung

Die Fragmentierung eines Lernmediums ist die Aufteilung des Lehrstoffes in einzelne Sequenzen und die Art der Verbindung dieser Sequenzen. Sie bestimmt die Reihenfolge und die Art des Lernens.

Eine grundsätzliche Unterscheidung der Fragmentierung kann zwischen Autoren- und Lernersteuerung getroffen werden. Von den traditionellen auf die computergestützten Lernmedien wurde die Autorensteuerung nahtlos übertragen, das heißt, daß dem Lernenden ein oder mehrere Lernwege aufgezeigt werden, denen er folgen muß. Der Mehrwert computergestützter Lernmedien liegt jedoch in der größeren Flexibilität, die dem Lernenden angeboten werden kann, um sich sein „eigenes „Instructional Set“ aus den verschiedenen Informationsbestandteilen zusammenstellen“ 42 zu können.

Als Struktur eines Lernmediums sind die lineare, die hierarchische und die vernetzte Fragmentierung am weitesten verbreitet. In der linearen Fragmentierung werden voneinander unabhängige Themenkomplexe zu einzelnen Lektionen zusammengefaßt. Der Lernende kann sich mit den Lektionen in der von ihm gewählten Reihenfolge befassen. Bei der hierarchischen Fragmentierung bauen die Lektionen aufeinander auf und sind daher in einer bestimmten Reihenfolge zu durchlaufen. Diese Art der Fragmentierung ist stark autorengesteuert. 43

In der vernetzten Fragmentierung stehen die Informationen zueinander in bezug. Das heißt, daß die Lektionen zwar unabhängig voneinander verständlich sein müssen, aber durchaus aufeinander aufbauen können. Der Lernende hat mit dieser Fragmentierung die Möglichkeit, seinen Lernweg selbständig zu steuern, Gebiete, die er bereits kennt, zu vernachlässigen und sich nur dorthin zu klicken, wo er neue und interessante Informationen erwartet. Hier ist also das größte Maß an Lernersteuerung erreicht.

Kriterien für computergestützte Lernmedien 12

Lineares und hierarchisches Lernen lehren dagegen logisches Denken und Schlußfolge- zu ziehen. Daher sind lineare und hierarchische Fragmentierung nicht überflüssig geworden.

Wenn die lineare Fragmentierung gewählt wird, können verschiedene Kriterien für die Entscheidung über die Reihenfolge der Themen herangezogen werden. Die Themen können chronologisch sortiert werden, wenn beispielsweise ein Begleitkurs stattfindet. Ebenso ist eine Sortierung nach Arbeitstechniken, beispielsweise nach Referaten, Tests, Vorlesungen und Hausaufgaben, denkbar. All diese Möglichkeiten stehen natürlich als Ergänzung für die hierarchische Fragmentierung offen, die aber grundsätzlich nach aufeinander aufbauenden Themen sortiert ist.

2.4 Multimedialität

Unter Multimedia versteht man Medien, die Informationen in verschiedenen Formen, wie Texte, Bilder, Modelle, Simulationen, Bewegtgrafiken, Filme, Sprache oder Musik, zu vermitteln versuchen. 44

Diese Veranschaulichung soll abstrakten Lernstoff verständlich machen 45 und dadurch den Lerneffekt verbessern. Dies gelingt aber nur, wenn das Lernmedium nicht mit Multimedia überfrachtet wird, sonst lenken die einzelnen Elemente voneinander ab, anstatt sich zu ergänzen. Informationen sind lediglich redundant, also doppelt vorhanden, ohne Mehrwerte zu bieten.

Beim Einsatz von Multimedialität muß also entschieden werden, welche Inhalte mit Schrift, Sprache, Bild oder Musik vermittelt werden können und wie diese Medien miteinander sinnvoll kombiniert werden. 46 Grundsätzlich gelten konkrete Sachverhalte als leichter verwertbar als abstrakte Inhalte. Auch logische oder zeitliche Aussagen sowie Definitionen lassen sich in Textform klarer darstellen. 47

Der Lernende muß über einen Rechner verfügen, der ihn in die Lage versetzt, die ver- multimedialen Elemente zu nutzen. Dies ist beispielsweise im akustischen Bereich in Form von Soundkarte und Lautsprecher noch keine Selbstverständlichkeit.

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Außerdem wird der Zugriff über das Internet durch den Einsatz von Multimedia lang- da die einzelnen Elemente - vor allem Video- und Audiosequenzen - teilweise beachtliche Dateigrößen erreichen. Das führt, je nach Zugangsgeschwindigkeit, dazu, daß die Kosten für die Arbeit im Internet steigen, oder die Elemente nahezu unbrauchbar werden, wie es beispielsweise bei den Videosequenzen der Tagesschau 48 beobachtbar ist.

Probleme entstehen auch schon bei der Entwicklung oder Beschaffung der Elemente: Während sich inhaltliche Texte zu einem bestimmten Thema noch vergleichsweise einfach erstellen lassen, ist es ungleich schwerer, eine Grafik, eine digitale Videosequenz oder ein akustisches Dokument zur Thematik zu erstellen. Hier wachsen die Anforderungen in mehreren Teilbereichen: Die benötigte Hard- und Software zur Erstellung und Bearbeitung der Elemente muß beschafft und von einem entsprechend qualifizierten Mitarbeiter, der zumindest über pädagogische Grundkenntnisse verfügt, bedient werden.

2.4.1 Mehrkanaliges Lernen

Nach KLEINSCHROTH kann die Stärke multimedialer Lernsysteme in dem mehrkanaligen Angebot der Lernstoffe liegen. „Lernbiologen ... haben in vielen Untersuchungen bestätigt, daß eine multimediale Aufbereitung von Lernstoff Aufmerksamkeit, Ausdauer und Behalten fördert und daß der Organismus auf eine monomediale Aufbereitung mit Unlust reagiert.“ 49

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Sinnesorgan Informationsaufnahme Auge 10 000 000 Bits/Sekunde Ohr 1 500 000 Bits/Sekunde Tastsinn (Hände) 400 000 Bits/Sekunde Darstellung 2: Informationsaufnahme durch Sinne 50

Jede Art von Lernstoff wird durch einen unserer fünf Sinne aufgenommen. Die Darstel- zeigt, daß die größte Datenmenge über das Auge aufgenommen wird, gefolgt von

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der Aufnahme über das Ohr. Dies bedeutet indes nicht, daß die anderen Sinne nur eine untergeordnete Rolle spielen.

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Beim Lernen mit behalten wir und vergessen Ohr: Hören 20 Prozent Auge: Sehen 30 Prozent Mund: Sprechen 70 Prozent Hände: Tasten und Tun 90 Prozent Darstellung 3: Lerneffekte 51

Im Gegenteil ist der Lerneffekt - also das Behalten der aufgenommenen Daten - beim Lernen über das Hören oder Sehen schlecht. Das Erlernte wird besonders gut gespeichert, wenn der Inhalt des Aufgenommenen wiedergegeben wird, wie es beispielsweise bei einem Referat der Fall ist. Noch besser wirkt sich das Arbeiten mit dem neuen Wissen aus. Sind die Hände am Lernprozeß beteiligt, wird der beste Lerneffekt erreicht. 52

Eine Steigerung des Lerneffekts läßt sich durch mehrkanaliges Lernen erreichen, da hier mehrere Sinne gleichzeitig angesprochen werden. „Bereits durch die Kombination zweier Kanäle, Hören und Sehen, kann man den Lerneffekt fast verdoppeln.“ 53

2.4.2 Visualisierung

Unter Visualisierung versteht man die grafische Aufbereitung verbal beschriebener Informationen, um sie verständlicher zu machen. 54 Lehrende bedienen sich einer bildhaften Zeichensprache, die eine Modellbildung erleichtert. 55 Oft versuchen Wissenschaftler, „... Teile einer vorgefundenen, aber visuell nicht zugänglichen Realität abzubilden ...“ 56 .

Ende der Leseprobe aus 73 Seiten

Details

Titel
Der Einsatz computergestützter Lernmedien in der betrieblichen Aus- und Weiterbildung
Hochschule
Universität Kassel
Note
2.3
Autor
Jahr
1999
Seiten
73
Katalognummer
V185374
ISBN (eBook)
9783656980360
ISBN (Buch)
9783867463034
Dateigröße
1163 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
einsatz, lernmedien, aus-, weiterbildung
Arbeit zitieren
Petra Becker (Autor), 1999, Der Einsatz computergestützter Lernmedien in der betrieblichen Aus- und Weiterbildung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/185374

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