Sprachliche Selbstdarstellung in Umweltberichten der chemischen Industrie. Zur Verwendung der Begriffspaare Sicherheit und Schutz sowie Risiko und Gefahr


Magisterarbeit, 1999

110 Seiten, Note: 1.5


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

1 Einleitung

2 Umweltberichte als Gegenstand sprachwissenschaftlicher Betrachtungen
2.1 Interessenabhängiger Umgang mit Sprache
2.2 Vorhandene Untersuchungen zur Problematik
2.3 Begriffseinordnungen

3 Charakterisierung der Umweltberichte
3.1 Warum nimmt die Zahl der Umweltberichte seit einigen Jahren stark zu?
3.2 Abfälle, Emissionen, Gefahr und Risiko - Worum geht es in den Umweltberichten?

4 Die Methode der Korpuserstellung
4.1 Grundlage: Ein onomasiologisches Paradigma
4.2 Die praktische Ausführung
4.3 Sinn und Nutzen der Arbeitsweise

5 Die Auswahl der Berichte

6 Auswertung des Korpus
6.1 Vorgehen
6.2 Übersicht zu Stichwörtern und lexikalischen Elemente des Korpus
6.2.1 Liste der in allen vier untersuchten Berichten vorkommenden Stichwörter
6.2.2 Liste der weiteren in den untersuchten Berichten vorkommenden Stichwörter
6.2.3 Liste der nur in einem Bericht und dort auch nur einmal vorkommenden lexikalischen Elemente
6.3 Kampf mit Wörtern: Das „Begriffe besetzen“
6.4 „Begriffe besetzen“ in der Politik
6.5 „Begriffe besetzen“ in den Umweltberichten: Die Hochwertwörter Schutz und Sicherheit und ihre Vereinnahmung
6.6 Die semantische Aufladung bestimmter Stichwörter
6.7 Das Wortfeld „Gefährliche Situationen in einem Chemiebetrieb“
6.7.1 Theoretische Annäherung an den Begriff Wortfeld
6.7.2 Die Einteilung der Stichwörter in drei Gruppen zum Wortfeld „Gefährliche Situationen in einem Chemiebetrieb.“
6.7.3 Häufigkeit und Gruppenzugehörigkeit der Stichwörter des Wortfeldes
6.7.4 Euphemismen unter den Stichwörtern
6.8 Besonderheiten der einzelnen Berichte
6.8.1 Der BASF-Umweltbericht
6.8.2 Der Henkel-Umweltbericht
6.8.3 Der Schering-Umweltbericht
6.8.4 Der SOLVAY-Umweltbericht

7 Schlußbetrachtung

8 Literaturverzeichnis

Zeitschriften und Zeitungen:

Zeitschriften:

Imagebroschüren:

Quellenmaterial/Untersuchte Umweltberichte:

9 Anhang
9.1 BASF-Umweltbericht 1997, Werk Ludwigshafen
9.2 Henkel-Umweltbericht
9.3 Schering-Konzern-Umweltbericht
9.4 Solvay-Umweltbericht

Anhang

BASF-Umweltbericht: Text-Korpus

Stichwörter, lexikalische Elemente und Kontexte

Henkel-Umweltbericht: Text-Korpus.

Stichwörter, lexikalische Elemente und Kontexte

Schering-Umweltbericht: Text-Korpus

Stichwörter, lexikalische Elemente und Kontexte

Solvay-Umweltbericht: Text-Korpus

Stichwörter, lexikalische Elemente und Kontexte

Was sich sagen läßt, läßt sich klar sagen,

und worüber man nicht sprechen kann,

darüber muß man schweigen.

Ludwig Wittgenstein, Tractatus logico-philosophicus

Vorwort

„In einem Chemiebetrieb gibt es weder Explosionen, noch giftigen Müll!“ Mit dieser Tatsache mußte ich mich abfinden, wenn es darum ging, für Kunden der chemischen Industrie Texte für Anzeigen, Image-Broschüren, Umweltberichte usw. zu entwerfen - eine Aufgabe, die ich während meiner Arbeit als Texter für eine Werbeagentur zu lösen hatte. So stand ich einige Male vor Problemen: Was denn nun schreiben, wenn zum Beispiel ein neuer Hochdruckfeuerlöschring installiert wird? Eine teure Leistung für mehr Sicherheit. Das möchte öffentlichkeitswirksam mitgeteilt werden, die Öffentlichkeit dürfte sich aber zu Recht fragen, wofür Technik gebraucht wird, die schon sprachlich durch Wörter wie Feuer und löschen unvermeidlich auf etwas hinweist, was es ja gerade nicht geben soll - Gefahren und Risiken. Es galt, sprachlich zu vermeiden, was nicht sein durfte. Also heißt es „bei einem Vorfall, Störfall, Fall des Falles, bei einer Betriebsstörung.“

Unbefriedigt mit diesen Schöpfungen, war es naheliegend zu schauen: Wie machen es die anderen? Sie haben prinzipiell auch keine eleganten Lösungen zu bieten haben, stellte sich heraus. Teilweise fiel mir nun der eigentümliche Umgang mit dem Vokabular auf: Einerseits finden sich Freisetzung, Relevanz und Auswirkung, andrerseits aber auch Explosion und Katastrophe. So wurde mein Interesse geweckt, bestimmte „Phänomene“ intensiver zu untersuchen: Die Idee zu dieser Arbeit war geboren.

1 Einleitung

Die Betrachtung und Diskussion der Thematik Umwelt/Ökologie ist heute alltäglich geworden und umfaßt alle gesellschaftlichen Bereiche. Ein Blick in Richtung Presse, aber auch zu anderen Medien, zeigt:

„Das Besondere an diesem Thema ist seine Karriere, die es in den vergangenen zwanzig Jahren von den journalistischen Ressorts „Aus aller Welt“, „Vermischtes“ u. ä. über die wissenschaftsjournalistischen Rubriken „Aus Forschung und Technik“ u.ä. auf die politischen Seiten und bis in die Leitartikel katapultiert hat.“[1]

Für diese Fokussierung gibt es zwingende Gründe. Bedrohung und Zerstörung der natürlichen Umwelt und schließlich der Lebensgrundlagen der Menschheit haben ein Ausmaß angenommen, das nicht mehr ignoriert werden kann.

Fast alle Wissenschaften sind inzwischen mit der Bewältigung ökologischer Probleme beschäftigt. Auch die Sprachwissenschaft kann ins Spiel kommen, zum Beispiel wenn es darum geht, bei ökologischen und umweltpolitischen Themen auf der Ebene der Sprache zwischen Information, Meinungsbildung bis hin zur Manipulation unterscheiden zu wollen.

Vorliegende Untersuchung hat Umweltberichte der chemischen Industrie zum Gegenstand und bewegt sich damit auf einem wenig bearbeitetem Terrain, denn die Form der Umweltberichte istrelativ neu.[2] Dahinter steht, daß erstmals einige der tatsächlichen und vermeintlichen Verursacher ökologischer Probleme in breitem Maße für und mit der Öffentlichkeit kommunizieren. Die chemische Industrie hatte das Feld Umwelt/Ökologie lange Zeit ihren „Gegnern“ (Umweltschutzgruppen), Vermittlern (Regierung) oder Beobachtern (Presse) überlassen.

In den Umweltberichten bieten sich zwei große Bereiche für die Betrachtung an: Zum einem das Thema Umgang mit Schadstoffen bzw. die Verringerung von umweltschädigenden Emissionen, zum anderen die Frage der Sicherheit der chemischen Industrie bzw. umgekehrt betrachtet die Handhabung von Risiken und Gefahren.

Diese Arbeit beschränkt sich auf die Untersuchung der Darstellung von Risiko und Gefahr bzw. Schutz und Sicherheit. Zum einen, weil eine zusätzliche Behandlung des weiten Feldes Schadstoffe/Emissionen den Rahmen sprengen würde, zum anderen, weil es zu letztem Punkt noch am ehesten Material gibt (siehe 2.2. Vorhandene Untersuchungen zur Problematik).

Die Unterscheidung zwischen Gefahr/Sicherheit und Schadstoffen/ Emissionen soll erklärt werden, um dem Einwand entgegenzuwirken, daß Gifte, Schadstoffe, Müll und Emissionen ja auch eine Bedrohung darstellen. Gifte, wie sie in Kauf genommen werden (müssen?) als „reguläre“ Abwässer, Abgase und Abfall sind im Zusammenhang der vorgenommenen Unterscheidung als langfristige Gefahr zu sehen, die über den „Umweg Umwelt“ erst indirekt wirksam werden - als zunehmende Luft- und Gewässerverschmutzung beispielsweise. Das senkt anfangs „nur“ die Lebensqualität und weitet sich erst später zur existentiellen Bedrohung aus. Das soll anders gesagt heißen: Bei einer Explosion, unsachgemäßen Umgang mit Chemikalien im Werk, Transportunfällen, veralteten Anlagen usw. treten Risiken auf, die spontan und direkt Menschen bedrohen. Diese Art von Sicherheit bzw. Gefahr ist in vorliegender Arbeit gemeint.

Unter onomasiologischen Gesichtspunkten wurde dazu ein Korpus angelegt, das anschließend im wesentlichen nach semantischen Kriterien ausgewertet wurde. Die Materialfülle, die mit dem Korpus vorliegt, konnte schließlich nicht erschöpfend analysiert werden.

Zentraler Punkt bei der Auswertung war, ob und wie mit Hilfe der Umweltberichte versucht wird, bestimmte Begriffe wie Schutz und Sicherheit zu besetzen oder bestimmte Wörter semantisch aufzuladen. Dabei konnte ein Wortfeld „Gefährliche Situationen in einem Chemiebetrieb“ erstellt werden, daß die Verwendung bzw. Nichtverwendung bestimmter Wörter plausibel erklären kann.

Die Annahme, daß das Ziel der Kommunikation der chemischen Industrie im Aufbau eines positiven Image bestehe, war „begleitende und erkenntnisleitende“ Arbeitshypothese der Untersuchung.

2 Umweltberichte als Gegenstand sprachwissenschaftlicherBetrachtungen

2.1 Interessenabhängiger Umgang mit Sprache

Die Beschäftigung mit Texten, deren Absender die chemische Industrie selbst ist, den sogenannten Umweltberichten, scheint aus folgendem Punkt lohnenswert: Die chemische Industrie muß sich mit einem angenommenen oder tatsächlich bestehenden negativen Image auseinandersetzen. Ein hinreichender Grund, Dinge ins rechte Licht zu rücken, sie möglicherweise positiver darzustellen, als sie wirklich sind.

„Das Problem solcher Selbstdarstellungen liegt auf der Hand: nicht nur, wie berichtet wird, sondern auch worüber (und worüber nicht), entscheidet allein das Unternehmen. Dem psychologischen Druck, Positives zu berichten, vielleicht sogar noch besser darzustellen, kritische Bereiche der Unternehmenstätigkeit dagegen herunterzuspielen oder überhaupt zu verschweigen, ist damit natürlich Tor und Tür geöffnet.“[3] Und HAß gibt unter dem Hinweis der zunehmenden Politisierung des Themas Umwelt die „Interessengebundenheit im Gebrauch sprachlicher Ausdrucksmittel“[4] zu bedenken. Der Verdacht, daß sich mit Sprache unschöne ökologische Entscheidungen und Handlungsweisen verschleiern lassen, dürfte sich mindestens seit dem Fall des „Entsorgungsparkes“ (WELT vom 22.1.1976) bestätigt haben. Damals hatte diese „euphemistische Vokabel, die eher an ein Lunapark-Vergnügen als an einen für eine Millionen Jahre strahlenden Atomfriedhof erinnere“ (DIE ZEIT vom 16. 5. 1975, S. 46), für Aufregung gesorgt.[5] Vorsicht bei der Begegnung mit Wörtern aus der Umweltdiskussion war seitdem geboten und begleitete zum Beispiel die ganze Auseinandersetzung um die Atomenergie.

In einem Beitrag von BRESSER wird das sarkastisch auf den Punkt gebracht: „Sprache als Beruhigungsmittel, Worte als Tranquilizer, Sedativsubstantive, Valiumverben. Noch bevor das erste Atomkraftwerk in Deutschland ans Netz ging, wurde das besänftigende Vokabular in die öffentliche Diskussion eingespeist: Um saubere Energie handele es sich, allenfalls mit einem theoretischen Restrisiko. Wenn etwas schiefginge, dann wär’s höchstens ein Störfall.“[6]

Ob nun Interessengebundenheit beim Gebrauch von Sprache oder Verschleierung von Tatsachen, vieles hängt von der Perspektive und dem Standpunkt ab. Das Glas ist halb leer oder halb voll: Beides ist wahr. Mit bewertenden Aussagen sollte man daher auf jeden Fall vorsichtig sein.

Unter dem Sachzwang, Rechenschaft ablegen zu müssen und noch dazu in einem positiven Sinn, werden Umweltberichte also unter einer Rahmenbedingung erstellt, die sich sprachlich niederschlagen müßte. Insofern ist die Frage zu stellen, zu welchen sprachlichen Auffälligkeiten das führt. Der Blick dieser Arbeit ist dabei vor allem auf semantische Phänomene gerichtet, das heißt, eher auf die Inhaltsseite und weniger auf die Formseite der sprachlichen Zeichen. Welche Probleme im Rahmen dieser Arbeit nicht untersucht werden konnten, und wo sich daher Anschlußmöglichkeiten für weitere Analysen ergeben, wird zu Anfang des Abschnittes „Auswertung“ erläutert.

2.2 Vorhandene Untersuchungen zur Problematik

Es existieren einige textlinguistische und semantische Analysen, die sich mit speziellen sprachlichen Formen im Bereich Umwelt/Ökologie befassen. Zum Beispiel behandelt das Lexikon „Brisante Wörter“ (1989) in einem Kapitel Wortschatz zum Thema Umweltschutz und gibt dabei die typischen Verwendungen der Begriffe an. Eine Wortschatzbetrachtung findet sich auch bei HAß (1989) in „Interessenabhängiger Umgang mit Wörtern in der Umweltdiskussion“. Sie vergleicht den Gebrauch von Müll versus Abfall in Nachschlagewerken und Lexika.

Ebenfalls Müll versus Abfall untersucht BLÜHDORN (1991) in Behördentexten und weiteren Publikationen, wobei solche der Industrie dabei nur marginal vorkommen.

JUNG (1995) behandelte in seinem Beitrag „Umweltdebatten“ Aspekte des öffentlichen Sprachgebrauchs in umweltpolitischen Diskussionen und fügte außerdem ein Stichwortverzeichnis bei.

Die genannten Artikel beziehen sich also vornehmlich auf Texte der Umweltbewegung, politischer Institutionen und der Presse und sind meist älteren Datums. Hinzukommt - und das ist durchaus plausibel -, daß die zugrundeliegenden Texte, z.B. die der Umweltschutzgruppen, bestenfalls unabhängig, oftmals aber konträr eingestellt sind gegenüber einer Industrie, die unmittelbar und stets mit Umwelt/Ökologie in Verbindung gebracht wird: die chemische Industrie.

Weiterhin finden sich zahlreiche Werke[7], in denen das Thema Umwelt/Ökologie für die Wirtschaft aus dem Blickwinkel Marketing und Unternehmensführung behandelt wird. (Hervorheben sollte man HOPFENBECKs qualitativ sehr gute „Öko-Kommunikation“.) Hauptaugenmerk gilt hier den Zielen und dem Nutzen ökologieorientierter Unternehmensführung und Berichterstattung. Wenig beachtet wurden jedoch wie in ähnlichen Publikationen rein sprachliche Aspekte der Darstellung. Auch eine Schrift des Instituts für Ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW)[8], in der Umweltberichte bewertet und verglichen wurden, behandelt sprachliche Aspekte unter dem Punkt „Kommunikative Qualität“ nur am Rande.

Nützliche Arbeiten lassen sich dort finden, wo Untersuchungen zur Sprache in der Politik gemacht wurden[9]. Dort liegen ähnliche Sachverhalte vor: Dinge werden interessenabhängig und zielorientiert unterschiedlich ausgedrückt. „Der Wortschatz der Umweltdiskussion hat einiges mit politischem Wortschatz gemeinsam. Die politische Bedeutsamkeit und Strittigkeit vieler Umweltthemen führt dazu, daß die beteiligten Parteien, Meinungs-, Interessen- und insofern auch Sprechergruppen verschiedene Ausdrücke als „ihre“ Bezeichnungen für einen Sachverhalt bevorzugen ... Mittels dieser Ausdrücke konkurrieren Sprecher in der öffentlichen Diskussion um eine bestimmte Sehweise einschließlich bestimmter Bewertungen eines Sachverhalts;“[10]

BestimmteErscheinungen im Bereich Politik wurden durch die entsprechenden Autoren beschrieben, zum Beispiel als „Begriffe besetzen“. Ihre Ergebnisse lassen sich als Grundlage dieser Arbeit verwenden, wenn es um die Einordnung der erstellten Textkorpora geht. Das heißt, daß die Auswertung unter dem Gesichtspunkt „Begriffe besetzen“ zu interessanten Erkenntnissen führt, die im nachhinein die Parallelen zur Politik bestätigen.

2.3 Begriffseinordnungen

Der Begriff Umweltbericht verlangt die Erklärung seiner beiden Wortbestandteile:

Als Umwelt kann zum einem die „Unternehmensumwelt“, zusammengesetzt aus „ökologischer, sozialer, technologischer und wirtschaftlicher Umweltsphäre“[11] verstanden werden.

Außerdem und eher im allgemeinverständlichen Sinne ist Umwelt die ökologische bzw. natürliche Umwelt im Sinne des Ökosystems. Ökologie wiederum bezeichnet „die gesamte Wissenschaft von den Beziehungen des Organismus zur umgebenden Außenwelt“[12]

Umwelt bericht als Begriff führt weiter zur Frage, inwieweit es sich wirklich um einen Bericht handelt. Der übliche Umweltbericht ist eher eine Kombination aus Statements, Faktenauflistung, Interviews, Beschreibungen neuer Prozesse und Produkte und natürlich dann auch Berichten,zum Beispiel über die geleistete Arbeit. Aufgrund dieses „bunten Arrangements“ dürfte der Umweltbericht schwer als einheitliche Textklasse oder -sorte zu fassen sein.

3 Charakterisierung der Umweltberichte

3.1 Warum nimmt die Zahl der Umweltberichte seit einigen Jahren stark zu?

1988 veröffentlichte die BASF ihren ersten Umweltbericht. Auf der Umweltkonferenz in Rio de Janeiro wurde 1992 das Leitbild des „Sustainable Development“, der nachhaltig zukunftsverträglichen Entwicklung, als gemeinsames Ziel der internationalen Völkergemeinschaft entwickelt.

Heute hat nahezu jedes größere Unternehmen in Deutschland eine regelmäßige Publikation zum Thema Umweltschutz, das heißt, welche Auswirkungen die Tätigkeit des Unternehmens auf die Umwelt hat und was entsprechend zu ihrem Schutz getan wird.

„Bis Anfang 1998 hatten in Deutschland rund 250 Unternehmen einen Umweltbericht veröffentlicht. Betrachtet man die vergangenen zehn Jahre, läßt sich eine wahrhaft rasante Entwicklung feststellen. Mit Einführung des EG-Öko-Audit-Systems im Jahr 1995 sind eine Vielzahl von Umwelterklärungen hinzugekommen. Die Zahl der deutschen Standorte, die am EG-Öko-Audit-System teilnehmen und damit zur Veröffentlichung einer Umwelterklärung verpflichtet sind, ist von 47 in 1995 auf 1091 bis Ende 1997 angestiegen.“[13]

Insbesondere bei der chemischen Industrie gehört der jährliche Umweltbericht inzwischen zum guten Ton. Grundlage für die „Berichterstattung“ sind meist die Leitlinien des Verbandes der Chemischen Industrie e. V. (VCI): Als Initiative „Responsable Care“, Verantwortliches Handeln, werden Ziele und Aufgaben der chemischen Industrie auf den Punkt gebracht und öffentlich gemacht.

Kommunikation mit der Öffentlichkeit und innerhalb des Unternehmens wird seit langem betrieben. Beispiele sind Werbung und Öffentlichkeitsarbeit (PR). Um letztere geht es hier. Man spricht statt von PR heute auch gern von Unternehmenskommunikation, was an den Zielen der PR-Arbeit[14] nichts ändert:

- Informationen bereitstellen.
- Dialog- und konfliktfähiges Meinungsklima herstellen.
- Transparenz der Unternehmensziele schaffen.
- Glaubwürdigkeit und Kompetenz des Unternehmens vermitteln.

Im Internet-Auftritt von Hoechst las sich das beispielsweise so (das Unternehmen ist inzwischen Teil eines neuen Konzerngebildes): „Ziel der Unternehmenskommunikation ist es, mit einer offensiven Kommunikationsarbeit nach innen wie nach außen ein Klima des Verständnisses, der Glaubwürdigkeit, der Akzeptanz und des Vertrauens zwischen Hoechst, seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern und seinem Umfeld aufzubauen.“[15]

Es besteht da aber noch ein gewisses Problem, daß bei allen kommunikativen Absichten und Zielen der Unternehmen nicht übersehen werden darf:

„... Überzeugende Öffentlichkeitsarbeit auf dem Gebiet des Umweltschutzes ist heute weniger einer Frage der Texte in Anzeigen und Hochglanzbroschüren als Transparenz und Offenheit im Dialog mit der Öffentlichkeit, denn es besteht kein Mangel an Informationen, für den, der sie haben will, sondern an Glaubwürdigkeit.“[16]

Was das konkret für die Kommunikation zum Thema Umwelt/Ökologie bedeutet, wird weiter unten ausführlicher behandelt.

Unternehmenskommunikation in einer völlig neuen Dimension kann seit Mitte der 90er Jahre verzeichnet werden. Ursachen, Inhalt und Tragweite dieser Entwicklung werden erst langsam nachvollzogen, sollen in ihrer Allgemeinheit auch hier nicht zur Debatte stehen. Teil der massiven und massenhaften Unternehmenskommunikation ist die Beschäftigung mit Fragen der Umwelt/ Ökologie. Für die Wirtschaft, insbesondere die chemische Industrie, stellt dieser Bereich einen sehr zentralen Punkt dar. Warum?

Ein Hauptfaktor sieht HOPFENBECK in den zunehmend kritischer werdenden Konsumenten, für die: „ ... Interesse und Engagement in Umweltfragen inzwischen eine Dimension erlangt haben, daß praktisch jedes Unternehmen, gleich welcher Branche, Überlegungen anstellen muß, wie es diesem Informationsbedürfnis entgegenkommen und seine eigene Position erläutern kann.“[17]

Die Bedeutung der Thematik klang schon etwas an. Im folgenden eine kurze systematische Darstellung der Ursachen[18], die alle mit dazu beitragen, daß am Thema Umwelt/Ökologie kein Unternehmen der chemischen Industrie vorbeikommt:

- Die Unternehmen müssen soziale Verantwortung übernehmen: Umwelt ist nicht mehr unbeschränkte Ressource, verschiedenste Interessengruppen machen ihr Recht auf eine intakte Umwelt geltend.
- Das Vertrauen der Öffentlichkeit muß erhalten bzw. zurückgewonnen werden.
- Auf dem Kapitalmarkt ist die zunehmende Verknüpfung der ökologischen und wirtschaftlichen Performance der Unternehmen wichtiges Kriterium für Aktionäre, Gläubiger, Banken usw.
- Die Gesetzgebung wird immer strenger - mit negativen (Image-)Folgen bei Nichteinhalten; seit 1993 besteht in der EU eine Verordnung zum Umweltmanagement und Umweltbetriebsprüfung. Sie sieht auch Umweltberichte vor.
- Konkurrenzdruck: Wenn ein Unternehmen Informationen veröffentlicht, sind andere zur Nachahmung gezwungen.
- Die Wettbewerbsposition wird gestärkt, da es zu positiven Reaktionen auf umweltgerechtes Verhalten bis hin zu öffentlichen Auszeichnungen kommt.
- Die Gefahr juristischer Klagen und Prozesse macht Vorbeugen notwendig.

In ähnlicher Form analysieren auch andere Autoren[19] die Ursachen für die Zunahme der Umweltberichte.

Die Gründe, nicht nur umweltverträglich zu produzieren sondern auch „laut“ darüber zu berichten, werden durch harte Zahlen verstärkt:

Die entstehenden Umweltschäden schätzt das Fraunhofer Institut allein in Deutschland auf jährlich 600 Mrd. DM.[20]

85 % der Öffentlichkeit machen die chemische Industrie für die weltweite Umweltverschmutzung verantwortlich, 75 % begrüßen eine strengere Regulierung dieser Industrie.[21] Und in der Tat ist die chemische Industrie weltweit immer wieder in die negativen Schlagzeilen geraten. (Bhopal, Seveso, Sandoz am Rhein etc.)

Natürlich sollte man nicht den positiven Beitrag der Chemie zur Lebensqualität der Menschen vergessen, aber reine Werbekampagnen sind nutzlos, wenn das Vertrauen in diese Industrie und ihre Produkte fehlt oder zerstört wurde. Aus diesem Handlungszwang heraus hat sich die chemische Industrie zu Transparenz und offener Informationspolitik bekannt und versucht, diese umzusetzen. Wirkungsvoll scheinen dabei Umweltberichte zu sein.

3.2 Abfälle, Emissionen, Gefahr und Risiko - Worum geht es inden Umweltberichten?

Der Ausgangspunkt für Umweltberichte ist also in der aufgezeigten Notwendigkeit zu suchen, daß die Öffentlichkeit über Unternehmensangelegenheiten hinsichtlich Umwelt/Ökologie informiert werden will und muß.

Worüber berichtet denn nun ein Unternehmen in einem Umweltbericht? Was sind die Hauptaspekte?

Die Basis für die Aufbereitung des Themas aller Publikationen kann man in den bereits erwähnten Leitlinien des VCI explizit nachlesen.

Hier die 6 Punkte in Kürze: Umweltschutz, Anlagensicherheit, Arbeitssicherheit, Transportsicherheit, Produktverantwortung, Dialog. Gemeint ist damit eine Selbstverpflichtung, zu genannten Themen das maximal Mögliche zu tun.

Für einen Umweltbericht eignen sich diese Punkte gut als „Skelett“, das mit „Fleisch“ versehen werden muß. So wird es auch meistens gemacht, was an der Gliederung der Berichte zu sehen ist; Einige Seiten sind also dem Thema Produktverantwortung gewidmet, andere der Transportsicherheit usw. Inhaltlich wurden die abstrakten Aspekte angereichert mit konkreten Beispielen, wie das jeweilige Unternehmen die Selbstverpflichtung ernst nimmt, welche Ergebnisse zu verzeichnen sind und wo noch Probleme bewältigt werden müssen: Henkel berichtet auf Seite 30, wie ein neues Membran-Verfahren die Abfallmenge reduziert und unterstreicht die Vorteile durch den Vergleich mit einem herkömmlichen Verfahren. BASF thematisiert auf Seite 13 die modernisierte Feuerwehrleitstelle, die schnelleres Reagieren im Notfall ermöglicht. Alle Berichte enthalten ähnliche Beispiele in Menge. Die Aufbereitung sieht dabei folgendermaßen aus: Zu den Fakten werden Bilder, Statements und Tabellen hinzugefügt, die die Glaubwürdigkeit erhöhen bzw. als Beweis dienen sollen.

Auf der abstrakten Ebene können erstrebenswerte und wertvolle integrative Bestandteile der Unternehmenspolitik noch recht einfach positiv formuliert werden: Zum Einsatz für Sicherheit und Schutz von Mensch und Natur, der Übernahme von Verantwortung für das Handeln usw. lassen sich unendlich viele Worte machen. Im Detail muß jedoch oftmals über negativ konnotierte Inhalte und Tatsachen geschrieben werden: Das heißt, wenn zum Beispiel Aufwendungen und Leistungen für die sichere Funktion einer Anlage vorgestellt werden, ist der Hintergrund ja der, Risiken und Gefahren zu minimieren. Entweder, weil schon etwas passiert ist und ein weiteres, unverändertes Betreiben der Anlage unverantwortlich wäre oder prophylaktisch, weil die Öffentlichkeit wachsamer wird, die Gesetze es demnächst verlangen werden usw. Daß bei solchen Darstellungen trotzdem kein negativer Eindruck entsteht, ist die Schwierigkeit beim Verfassen der Umweltberichte.

An Gefahr, Unfall und Risiko gibt es kein Vorbeikommen, und spätestens dann tritt der Fall des Falles ein,wenn über nicht erreichte Ziele, Unfälle im Werk usw. berichtet wird. Das tun die meisten Unternehmen in den Umweltberichten auch relativ ehrlich. Daß einige Karten offen gezeigt werden, ist in sofern nicht verwunderlich, da man diesen Angriffspunkt von vornherein ausschließen möchte - in einer Kommunikation, die einen offenen und ehrlichen Dialog als Maßstab nimmt.

Unter dem Strich hat der Umweltbericht für das Unternehmen die Aufgabe, über Umwelt- und Sicherheitsaspekte so positiv wie möglich zu berichten, die unangenehmen Tatsachen so geschickt wie möglich darzubieten, am besten gefährliche Klippen weitläufig zu umschiffen. Letzteres ist ein Kritikpunkt, der unter dem Stichwort „Ärgerliche Beispiele“ in der Broschüre „Umweltberichte und Umwelterklärungen“ (Institut für ökologische Wirtschaftsforschung) aufgegriffen wird.[22]

4 Die Methode der Korpuserstellung

4.1 Grundlage: Ein onomasiologisches Paradigma

Bei der Korpuserstellung läßt sich folgende Tatsache nutzen: Es ist klar, welche Inhalte vermittelt werden sollen. Die zu untersuchende Thematik wird in den Leitlinien „Verantwortliches Handeln“ des Verbandes der Chemischen Industrie mit folgenden vier immer wiederkehrenden Wörtern ins Zentrum gerückt: Sicherheit, Schutz, Risiko und Gefahr.[23] Diese Wörter enthalten als sprachliches Zeichen im Sinne von Saussure[24] Formseite (Ausdrucksseite) und Inhaltsseite. Die Inhaltsseite ist hier von Interesse, denn auf ihrer Basis ist in den Umweltberichten zu suchen. Sicherheit, Schutz, Risiko und Gefahr werden daher als Begriffe verstanden, da Begriffe die Inhaltsseite eines sprachlichen Zeichens kennzeichnen. Diese Auffassung scheint zwar allgemein üblich zu sein, sie zu belegen ist jedoch nicht ganz einfach. Vorsicht beim Umgang mit dem Begriff Begriff ist das, was am ehesten dazu finden ist bzw. der Hinweis auf „zahlreiche wie problematische Ansätze zum Begriff Begriff “.[25]

Mit der Definition „Terminus für mentale Informationseinheiten, die in der Interaktion mit der Umwelt durch Abstraktion und Klassifikation entstehen“ kommt man der Inhaltsauffassung nahe.[26] „Mentale Informationseinheit“ steht für Konzepte, in der wir Wissen über die Welt abspeichern.[27] Das Lexikon der Sprachwissenschaft ergänzt zu Begriff die „in der Semantik geläufige Gleichsetzung mit Bedeutung und Sinn“.[28]

Da die Inhalte feststehen, wurde ein onomasiologisches Herangehen für die Korpuserstellung gewählt. Die Lexik, die zum Schluß vorliegen soll, gehört zu einem onomasiologischem Paradigma. „Ein onomasiologisches Paradigma ist eine Klasse von lexikalischen Elementen, die allesamt zu einem vorgegebenen Begriff passen. Mit ‘Begriff’ wählen wir eine neutrale Angabe für die Vorgabe eines Inhaltes, an dem die Inhalte der im Paradigma versammelten lexikalischen Elemente Anteil haben müssen.“[29]

Begriff wurde gerade nochmal im oben angesprochenen Sinne erläutert. Und als lexikalisches Element ist ein „sprachliches Zeichen, das dem Wortschatz angehört“[30], zu verstehen.

Bei onomasiologischen Paradigmen ist die „recht liberale Auslegung der Zuordnungsfrage“ von Vorteil. „So bestehen, was die Formebene betrifft, weder Wortartgrenzen noch eine enge Auslegung von ‘lexikalischem Element’.“[31] Wenn sie Anteil an den vier zentralen Begriffen haben, enthält das Korpus folglich Substantive, Verben und Adjektive. Das sollte nicht als Problem gesehen werden, sondern kann gleich die Grundlage der anschließenden Sortierung sein.

Kurz zusammengefaßt: Zu den Begriffen (Inhalten) Sicherheit, Schutz, Risiko und Gefahr werden alle zugehörigen lexikalischen Elemente herausgesucht, das sind diejenigen Elemente, die „Anteil“ an den Begriffen haben. Sicherheit, Schutz, Risiko und Gefahr sind bei der eigentlichen Erfassung selbst auch lexikalische Elemente.

4.2 Die praktische Ausführung

Kann das funktionieren? „Solch ein Vorgehen ist intuitiv sicherlich eingängig, die Probleme kommen ... beim Versuch der konkreten Ausführung.“[32] Das war dann auch der Fall. Es stellte sich als problematisch heraus, beim wort- und satzweisen Durchgehen der Berichte alle weiteren zum onomasiologischen Paradigma gehörenden lexikalischen Elemente zu finden. Die Frage war meistens: Gehört das betreffende lexikalische Element dazu oder nicht? Folgende Sichtweisen stellten sich als methodisch sinnvoll heraus und erklären, warum die in den Listen enthaltenen lexikalischen Elemente dorthin aufgenommen wurden:

Begriff/Inhalt muß zum einen immer bipolar gesehen werden: Das heißt, Sicherheit schließt Unsicherheit mit ein, wobei Gefahr außerdem eine direkte Opposition ist. Dazwischen liegen weitere lexikalische Elemente auf der Skala zwischen plus und minus, zum Beispiel Störfall, Notfall, Krise. Hier geht es somit ins Gebiet der Komponetialsemantik, im konkreten Beispiel wird mit dem distinktiven Sem +/- sicher gearbeitet. Natürlich kann dann die Vermischung der Wortarten nicht aufrechterhalten werden, aber eigentliches Prinzip ist das onomasiologische Paradigma. Die Komponetialsemantik ergibt letztendlich für einige lexikalische Elemente die Möglichkeit eines semantischen Profils, was aber erst bei der Auswertung ein Rolle spielen soll.

Weiterhin wurden auch lexikalische Elemente aufgenommen, die Ursache und Folge von Sicherheit, Schutz, Risiko und Gefahr sind, also Vorbeugen, Vermeiden, Bekämpfen und Schadensbegrenzen zum Inhalt haben. Dabei soll der sehr direkte Zusammenhang die Auswahl begründen bzw. anders gesagt: Es kann gar nicht genau bestimmt werden, wo die Begriffe Sicherheit, Schutz, Risiko und Gefahr beginnen und aufhören. Das ließe sich theoretisch zwar ermitteln, für den Zweck der Korpuserstellung soll diese intuitive Eingrenzung genügen. Nachträglich läßt sich anhand des Korpus auch erkennen, daß dieses Herangehen eine plausible Sammlung ergibt.Zum Korpus wurden also zum Beispiel zugezählt Brand, Feuer, Hilfe.

Vermieden werden sollte eine assoziative Zuordnung, da das Zugrundelegen assoziativer Felder ein zu unüberschaubares und komplexes Korpus ergeben würde. Das ist nicht immer gelungen, zum Beispiel tauchen die lexikalischen Elemente Angst und Alarm im Korpus auf. Nachträglich wurden solche Fälle nicht eliminiert, denn sie zeigen am Beispiel, wo die Schwächen des onomasiologischen Paradigmas liegen.

Ein Grenzfall bezüglich des onomasiologischen Pardigmas liegt auch immer dann vor, wenn Komposita, Kompositagefüge und Kollokationen aufgenommen wurden. Damit zu einigen Fragen der Kontexterfassung.

Mit aufgeführt in den im Anhang befindlichen Wortlisten ist jeweils der sprachliche Kontext, wenn dieser für die jeweiligen Elemente als relevant, bedeutungsverändernd oder formelhaft angsehen wurde. Diese Einschätzung war nach intensiver Beschäftigung mit den Umweltberichten durchaus möglich und läßt sich an den Beispielen auch nachvollziehen. Hier zur Erläuterung zwei Fälle:

a) „Wir verbessern permanent die Sicherheit unserer Anlagen.“

In diesem Fall sollte der Kontext berücksichtigt werden, denn sowohl verbessern als auch permanent lassen verschieden Schlüsse zu. Die Gesamtheit der Beispiele macht das erst richtig deutlich: Die Berichte bemühen sich um eine Darstellung à la „Alles wird ständig besser.“ und vermitteln nebenbei, absichtlich oder unabsichtlich, auf jeden Fall ehrlich: „Noch nicht alles ist so, wie es sein müßte oder könnte.“

b) „Mit diesem Umweltbericht soll dem Leser die Möglichkeit gegeben werden, sich über die konkrete Situation von Umweltschutz und Sicherheit ein Bild zu machen.“ Nur Umweltschutz und Sicherheit wurden registriert. Die Aussage des Satzes kann hinsichtlich der Ziele dieser Arbeit vernachläßigt werden.

Kontext im Sinne einer sprachlichen Umgebung fehlt auch dann, wenn die Belege isoliert in Überschriften und Tabellen vorkommen und dort entnommen wurden.

Keine Berücksichtigung finden konnten Formen der Wiederaufnahme eines Inhaltes bzw. lexikalischen Elementes: „Sicherheit wird bei uns groß geschrieben. Sie steht bei allen unseren Aktivitäten im Mittelpunkt.“ Während also der erste Beispielsatz aufgenommen wird, würde der zweite Satz bzw. das Sie nicht verwendet werden. Das ist eine Frage der Übersicht und Menge, und das Sie von der Form- bzw. Ausdruckseite betrachtet, ist für diese Arbeit nicht von Relevanz, sondern spielt bei einer textlinguistischen Untersuchung eher eine Rolle.

Ein wiederholtes Abgleichen der gefunden lexikalischen Elemente in den verschieden Broschüren garantierte, daß eventuell beim ersten Durcharbeiten eines Berichtes übersehene oder noch nicht als zum Feld dazugehörig eingestufte lexikalischen Elemente nachträglich noch aufgenommen werden konnten.

Eine übersichtliche Systematisierung der lexikalischen Elemente wurde nach Stichwörtern vorgenommen. Stichwörter entsprechen dem Lemma und das Vorgehen läßt sich somit als Lemmatisierung charakterisieren.

„Lemmatisierung in der linguistische Datenverarbeitung zielt darauf ab, den einzelnen Wortformen eine einheitliche Leitform zuzuordnen, unter der zusammengehörige Textelemente angeordnet werden. Lemmatisierung ist in diesem Sinne ein notwendiger Prozeß zur Herstellung von Indices, Konkordanzen, Wortlisten usw. zu größeren Textkorpora.“[33]

Dabei wurde nach Möglichkeit ein Substantiv als Stichwort gewählt, wenn mehrere Wortarten auftraten, die das gleiche Lexem[34] enthalten. Gefahr, gefährden, gefährlich stehen also unter dem Stichwort Gefahr. War kein Substantiv als Stichwort möglich, nimmt ein Verb diesen Platz ein (z. B. entzünden). Der Fall, daß sich lediglich ein Adjektiv als Stichwort finden ließ, trat nicht auf.

Unter den Stichwörtern werden alle weiteren lexikalischen Elemente aufgeführt, die sich als zugehörige Komposita, Kompositagefüge, Verben oder Adjektive diesem Stichwort zuordnen lassen.

Das Korpus enthält außerdem zu jedem Stichwort die komplette Übersicht, in welchem Kontext die zugehörigen lexikalischen Elemente auftreten.

Zu jedem Bericht sind alle dort auftretenden Stichwörter angegeben. Das Zusammenbringen der Stichwörter aller Berichte ergibt dann ein überschaubares Bild.

Der „Sonderfall“Schutz:

Zum Stichwort Schutz (gleichzeitig Begriff) sind dazugehörige lexikalische Elemente dann aufgeführt, wenn „der Mensch“ im Mittelpunkt der Aussage steht. Das ist wieder im Sinne von Sicherheit gemeint und geht zurück auf die schon erwähnte Unterscheidung von Gefahr/Risiko, die primär wirken, während Schadstoff/Emission „nur“ die Umwelt belasten und erst „sekundär“ den Menschen. Am Beispiel: Wenn es heißt: Erfolge beim Gewässerschutz durch weniger Abwasser, dennwurde Gewässerschutz nicht festgehalten. Dagegen erfolgte bei dem zahlreich vorkommenden Kompositagefüge Sicherheit, Gesundheits- und Umweltschutz eine Aufnahme in das Korpus, weil durch Sicherheit und Gesundheit hier der Mensch im Zentrum der Aussage steht. Außerdem ist in dieser typischen Formulierung Umweltschutz der Kontext für Sicherheit.

4.3 Sinn und Nutzen der Arbeitsweise

Die onomasiologisch ausgerichtete Korpuserstellung erwies sich in der Praxis als brauchbar und bewirkte eine vollständige Auflistung aller jeweils angegebenen lexikalischen Elemente inklusive einer weitestgehenden Kontexterfassung, teilweise bis zur Satzebene. Die weitestgehende Kontexterfassung sollte Grundlagen für die Bewertung und Einordnung der Belege schaffen.

Aufgrund der empirischen Daten lassen sich Aussagen zur Menge der lexikalischen Elemente machen und typische Wortarten (so zeigt sich, daß überwiegend Substantive vorkommen), charakteristische Verwendung der lexikalischen Elemente, wiederkehrende Formeln und Bildungen (Kollokationen) bestimmen.

Weiterhin können die verschiedenen Berichte auch miteinander verglichen werden.

Darauf aufbauend erfolgt der Nachweis, daß die chemische Industrie in den Umweltberichten versucht, die Begriffe Sicherheit und Schutz zu besetzten.

Später könnte unter diesem Gesichtspunkt untersucht werden, wie Umweltberichte auf die Leser wirken. Denn ob das „Begriffe besetzen“ Erfolg hat, läßt sich bisher nicht sagen.

Indirekt angesprochen ist hier auch die Verständlichkeitsforschung.

Ein Nachteil der vorliegenden semantisch orientierten Untersuchung ist, daß sie größere Kontexte bzw. die Gesamttext-Ebene vernachläßigt. Auch wird nicht eingegangen auf das Zusammenspiel von Text und Bild oder die Wirkung einer Kombination von beschreibenden, metaphorischen oder im Extremfall inhaltsleeren Textbausteinen und harten (Zahlen)-Fakten.

Diese Punkte sind aber vor allem dann interessant, wenn von der Rezipientenseite her geforscht wird und Fragen zur Wirkung und zum Verständnis gestellt werden. Das war aber nicht Ziel der Arbeit, sondern die Beschreibung und Bewertung aus einer onomasiologischen und semantischen Sicht.

5 Die Auswahl der Berichte

Die Tatsache, daß sehr viele Unternehmen der chemischen Industrie Umweltberichte herausgeben, bedeutete, daß Kriterien zu einer Auswahl gesucht werden mußten. Zu Hilfe kam dabei die schon erwähnte Broschüre des Instituts für Ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW)[35], auf der die weiter unten stehende Tabelle basiert, sowie ein Artikel der Zeitschrift Capital[36]. Beim IÖW, aber auch im Capital-Heft, werden Umweltberichte nach unterschiedlichen Aspekten analysiert und bewertet: Nach Punkten (0-500) werden vier Noten verteilt,„sehr gut“, „gut“, „ausreichend“ und„nicht ausreichend“ und der Rang von 1 bis 56 ermittelt. Das Prädikat „sehr gut“ erhält kein Umweltbericht der chemischen Industrie.

Vier Berichte wurden ausgewählt: Die Umweltberichte der Unternehmen BASF, Henkel, Schering und Solvay. Um möglichst breitgefächertes Material zu bekommen, handelt es sich um Berichte, die relativ unterschiedlich bewertet wurden:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Zum Vergleich: Der beste Umweltbericht im Ranking stammt vom Axel Springer Verlag, erhielt 407 Punkte („sehr gut“) und hinsichtlich sprachlicher und optischer Qualität 48 Punkte von 50.

Die Bewertung muß jedoch differenziert gesehen werden. Obwohl der BASF-Bericht nur auf Rang 43 landet, hat er die meisten Punkte der ausgewählten Berichte, was sprachliche und optische Qualität betrifft. Aber auch dazu noch ein Hinweis: dieses Kriterium setzt sich aus den Punkten „Informationswert der Überschriften“, „Lebendige Schreibe“, „Schnelle Erfaßbarkeit der Inhalte“, „Generelle Attraktivität“, „Qualität der Bilder“, „Qualität der Grafiken“ und „Typographie“ zusammen. Das heißt, möglicherweise haben die Bilder und gute Überschriften schlechten Stil etc. wettgemacht. Insofern kann der anschließende Vergleich ausgewählter sprachlicher Phänomene ein interessantes und vom Ranking divergierendes Bild ergeben.

Die bescheidene Zahl von vier Berichten mußte aufgrund des vorgegebenen Rahmens dieser Arbeit hingenommen werden. Weitere Berichte könnten jedoch analog zum vorgestellten Verfahren jederzeit analysiert werden.

Im Endeffekt handelt es sich um Umweltberichte namenhafter, großer Unternehmen. Bei diesen sollte man annehmen, daß eine gewisse Professionalität im Spiele ist. Wie groß die Unterschiede trotzdem sind, zeigt schon das Ranking des IÖW bzw. der Zeitschrift „Capital“. Daher könnte einen noch differenzierteren Eindruck die Betrachtung auch von Berichten kleinerer Unternehmen liefern.

6 Auswertung des Korpus

6.1 Vorgehen

Um einen Eindruck von den ermittelten lexikalischen Elementen zu geben, werden unter 6. 2. zunächst Übersichten gegeben. Die erste Übersicht zeigt sämtliche in allen vier Berichten vorkommenden Stichwörter mit den zugehörigen lexikalischen Elementen. Die zweite Übersicht enthält die weiteren, aber nicht in allen vier Berichten auftretenden Stichwörter und die ihnen zugehörigen lexikalischen Elemente. Drittens weist eine Übersicht alle die Stichwörter auf, die nur in einem Bericht und auch dort nur einmal auftraten.

Im Anhang befinden sich jeweils unter den einzelnen Berichten die dort vorkommenden Stichwörter und zugehörigen lexikalischen Elemente sowie die mit ihnen vorgefundenen und aufgenommenen Kontexte.

Die Auswertung basiert auf zwei semantischen Theorien, die auf den konkreten Fall der Umweltberichte angewendet werden:

a) Für die Zentralbegriffe Sicherheit und Schutz ermöglicht das „Begriffe besetzen“ die Einordnung. Dabei werden die Parallelen zur Sprache in der Politik aufgezeigt und genutzt.
b) Für die Stichwörter, die Anteil an den Begriffen Gefahr und Risiko haben, wird unter dem Aspekt der semantischen Aufladung eine Auswertung versucht und anschließend gezeigt, daß diese Stichwörter zu einem Wortfeld gehören. Das Wortfeld wird in drei Gruppen von Stichwörtern gegliedert, wodurch Aussagen über die unterschiedliche Häufigkeit der Verwendung bestimmter Stichwörter in den einzelnen Umweltberichten gemacht werden können. Daraufhin werden die untersuchten Berichte miteinander verglichen.

[...]


[1] HAß (1989), S. 154

[2] Daher wird im ersten Teil der Arbeit auch der Charakterisierung der Umweltberichte relativ viel Raum gelassen.

[3] PFRIEM (1992), S. 51

[4] HAß (1989), S. 154

[5] JUNG (1995), S. 641, bemerkt zurecht, daß „ Entsorgungspark seitdem als ein Arte-fakt der Sprachkritik im öffentlichen Sprachbewußtsein“ fortlebe. Denn im offiziellen Diskurs spielte der Begriff nur „eine absolut marginale Rolle“, er wurde erst später „mythologisiert“.

[6] BRESSER (1993), S. 12

[7] zum Beispiel: BURGHOLD, Johannes A. (1990): Ökologisch orientiertes Marketing. Augsburg. KOESTERS, Winfried (1994): Umweltverhalten im Unternehmensbereich als abhängige Variable von politischem System und politischer Öffentlichkeit: Fallstudie an Hand ausgewählter Unternehmen der chemischen Industrie in Nordrhein-Westfalen. Mainz. LONGOLIUS, Stefan (1993): Eine Branche lernt Umweltschutz: Motive und Verhaltensmuster der deutschen chemischen Industrie. Berlin. SCHULZ, Thomas (1995): Ökologieorientierte Berichterstattung von Unternehmen. Bern.

[8] Umweltberichte und Umwelterklärungen. Ranking 1998. Zusammenfassung der Ergebnisse und Trends. IÖW-Publikation 18/98. Hrsg. v. CLAUSEN, Jens / FICHTER, Klaus / ALPERS, Annette. Berlin 1998.

[9] Zum Beispiel: KLEIN, Josef (Hrsg.) (1989): Politische Semantik: bedeutungsanalytische und sprachkritische Beiträge zur politischen Sprachverwendung. Opladen. LIEDTKE, Frank / WENGELER, Martin / BÖKE, Karin (Hrsg.) (1991): Begriffe besetzen: Strategien des Sprachgebrauchs in der Politik. Opladen. MOILANEN, Markku / TITULA, Liisa (Hrsg.) (1994): Überredung in der Presse. Texte, Strategien, Analysen. Berlin/New York

[10] STRAUß / HAß / HARRAS (1989), S. 403

[11] ULRICH (1987), S. 64ff.

[12] BROCKHAUS (1972), S. 700f.

[13] CLAUSEN / FICHTER / ALPERS (1998), S. 6

[14] FRANKENBERG (1989), S. 540

[15] Die Adresse www.hoechst.de existiert inzwischen nicht mehr.

[16] GASSERT (1992), S. 8

[17] HOPFENBECK (1994), S. 40

[18] Vgl. SCHULZ (1995), S. XXIII - XXVI

[19] Vgl. dazu WIELAND (1995), S. 10 - 19

[20] Wirtschaftswoche, 46 (1992), S. 14

[21] HAMPSON (1992), S. 1

[22] Vgl. dazu: CLAUSEN / FICHTER / ALPERS (1998), S. 24

[23] Im „Duden. Bedeutungswörterbuch.“ (MÜLLER, Hrsg.,1985) sind die Begriffe wie folgt definiert: Gefahr: Möglichkeit, daß jemandem etwas zustößt. Daß ein Schaden eintritt. Sinnverwandt: Bedrohung, Ernst, Gefährlichkeit, Unsicherheit, Gefährdung, Not Risiko: mit einem Vorhaben oder ähnlichem verbundenes Wagnis, möglicher negativer Ausgang bei einer Unternehmung, Möglichkeit des Verlustes, Mißerfolges Zur Erklärung von Sicherheit und Schutz siehe 6. 5.

[24] Vgl. SAUSSURE (1967), S. 76 ff.

[25] WELTE (1974), S. 99

[26] SCHWARZ / CHUR (1993), S. 218

[27] Vgl. SCHWARZ/CHUR (1993), S. 221

[28] BUßMANN (1990), S. 128

[29] LUTZEIER (1995), S. 101

[30] LUTZEIER (1995), S. 161

[31] LUTZEIER (1995), S. 103

[32] LUTZEIER (1995), S. 101

[33] BUßMANN (1990), S. 445

[34] BUßMANN (1990), S. 446: Lexem verstanden als „abstrakte Basiseinheit, des Lexikons auf Langue-Ebene, die in verschiedenen grammatischen Wortformen realisiert werden kann. Im weiteren Sinne auch synonym verwendet für Wort als lexikalische Einheit bzw. Element des Wortschatzes.“

[35] Umweltberichte und Umwelterklärungen. Ranking 1998. Zusammenfassung der Ergebnisse und Trends. IÖW-Publikation 18/98. Hrsg. v. CLAUSEN, Jens / FICHTER, Klaus / ALPERS, Annette. Berlin 1998.

[36] Capital (5/98): Der Shareholder-Value wird grün. S. 50 - 56

Ende der Leseprobe aus 110 Seiten

Details

Titel
Sprachliche Selbstdarstellung in Umweltberichten der chemischen Industrie. Zur Verwendung der Begriffspaare Sicherheit und Schutz sowie Risiko und Gefahr
Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
Note
1.5
Autor
Jahr
1999
Seiten
110
Katalognummer
V185385
ISBN (eBook)
9783668276246
ISBN (Buch)
9783869430140
Dateigröße
799 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
sprachliche, selbstdarstellung, umweltberichten, industrie, verwendung, begriffe, sicherheit/schutz, risiko/gefahr
Arbeit zitieren
Winfried Reßler (Autor), 1999, Sprachliche Selbstdarstellung in Umweltberichten der chemischen Industrie. Zur Verwendung der Begriffspaare Sicherheit und Schutz sowie Risiko und Gefahr, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/185385

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