Seit Ende der achtziger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts werden in Deutschland unter der Bezeichnung Quartiersmanagement oder Stadtteilmanagement Strategien diskutiert und umgesetzt, die darauf abzielen, die Abwärtsspirale zunehmender Desintegration in marginalisierten Stadtteilen zu unterbrechen und dem Desintegrationsprozess entgegen zu wirken. Der Autor stellt in seiner Arbeit die Frage, ob und inwiefern solche auf den Stadtteil bezogene Konzepte tatsächlich eine adäquate Antwort auf Desintegrationsprozesse in marginalisierten Stadtteilen darstellen. Zunächst wird diese Fragestellung konkret am Beispiel der praktischen Umsetzung eines Quartiersmanagementprojekts im Rahmen des Bund-Länder-Programms „Stadtteile mit besonderem Entwicklungsbedarf – die soziale Stadt“ am Kottbusser Tor in Berlin diskutiert. Um zu einer darüber hinaus reichenden gesellschaftsanalytisch fundierten Gesamtbeurteilung zu kommen, werden dann in einem weiteren Schritt die dem Quartiersmanagement-Ansatz explizit oder implizit zugrunde liegenden theoretischen Annahmen und der gesamtgesellschaftliche Kontext dieses Konzepts thematisiert. Vor allem die Vernachlässigung von Kategorien wie Macht, Herrschaft und Ungleichheit, die Tendenz zur Generierung neuer Exklusionsprozesse durch eine dem Ansatz inhärente Verschränkung von Sozial- und Ordnungspolitik und die Gefahr einer Instrumentalisierung zur Durchsetzung des „aktivierenden Sozialstaates“ im Sinne einer Flankierung neoliberal gefärbter Politik lassen den Quartiersmanagement-Ansatz trotz eines unbestreitbaren partiellen Demokratisierungsgewinns und einigen positiv zu beurteilenden pragmatischen Ansätzen zur Verbesserung der Lebenssituation von Menschen in marginalisierten Stadtteilen in einem eher kritischen Licht erscheinen.
Inhaltsverzeichnis
1 EINLEITUNG
2 DAS KONZEPT DES QUARTIERSMANAGEMENT
2.1 Ausgangslage und Problembeschreibung
2.2 Definition
2.3 Aufgaben und Handlungsfelder
2.4 Quartiersmanagement als intermediäre Instanz
2.5 Voraussetzungen für ein erfolgreiches Quartiersmanagement
3 QUARTIERSMANAGEMENT AM BEISPIEL KOTTBUSSER TOR IN BERLIN
3.1 Das Gebiet um das Kottbusser Tor
3.2 Zentrale Problemfelder
3.3 Management und Organisation
3.4 Entwicklungsziele und Handlungsschwerpunkte
3.5 Bewertung des Quartiersmanagement Kottbusser Tor
4 DAS KONZEPT DES QUARTIERSMANAGEMENT: VERSUCH EINER GRUNDSÄTZLICHEN BEWERTUNG
4.1 Umsetzung in der Praxis
4.2 Die theoretische Perspektive
5 FAZIT
Zielsetzung und Themen
Die Arbeit untersucht, ob das Konzept des Quartiersmanagements eine adäquate Antwort auf Prozesse der Desintegration in marginalisierten Stadtteilen bietet. Dabei wird analysiert, wie diese Strategien theoretisch fundiert sind und wie sie in der Praxis, am Beispiel des Kottbusser Tors in Berlin, umgesetzt werden.
- Grundlagen des Quartiersmanagement-Konzepts
- Prozesse der Desintegration und Segregation
- Strukturen und Arbeitsweisen des Quartiersmanagements
- Kritische Bewertung der Wirksamkeit und sozialer Auswirkungen
Auszug aus dem Buch
3.2 Zentrale Problemfelder
Von Beer und Musch werden die folgenden zentralen Problemfelder genannt:
(1) Die Konzentration von MigrantInnen und die daraus resultierenden Konflikte im Zusammenleben: In den 60er und 70er Jahren sind vor allem türkische Arbeitsmigranten mit ihren Familien in das Gebiet gezogen. Heute werden die Bestände des sozialen Wohnungsbaus vor allem mit ZuwanderInnen belegt, die hohe Ausgrenzungsrisiken und geringe Chancen für eine Arbeitsmarktintegration mitbringen. Flüchtlinge aus Bosnien-Herzegowina, aus dem Kosovo, arabische, kurdische, libanesische Flüchtlinge und Asylbewerber sowie Spätaussiedler zählen nach Beer und Musch zu dieser Gruppe. „Aus dem Modellgebiet wanderte der deutsche und türkische ‘Mittelstand’ ab. Die Armen, Älteren und ‘Verwurzelten’ blieben“ (Beer/Musch 2002: S. 59). Die Statistik weist einen Ausländeranteil von 55,2 % aus. Von „Experten“ wird der Anteil auf 80 % geschätzt. Die verbliebenen deutschen BewohnerInnen fühlen sich laut Beer und Musch als Minderheit und Opfer der Verhältnisse.
(2) Einkommensarmut und Ausgrenzungen vom Arbeitsmarkt: 40 % der Gebietsbewohner, Deutsche und Nichtdeutsche, leben von Sozialhilfe. Niedriges Bildungs- und Ausbildungsniveau sowie Sprachprobleme erschweren die Konkurrenz selbst um unsichere und schlecht bezahlte Arbeitsplätze und verbauen den Zugang zu Ausbildungsplätzen. Darüber hinaus lässt die stigmatisierende Adresse Kottbusser Tor Erfolgsaussichten bei Bewerbungen schwinden. Dies bildet nach Beer und Musch „den Nährboden für Resignation und Überschätzung, Stilisierung und Aggression bis hin zu einer fundamentalistischen oder nationalistischen Orientierung“ (Beer/Musch 2002: S. 59).
Zusammenfassung der Kapitel
1 EINLEITUNG: Einführung in die Problematik der Desintegration in marginalisierten Stadtteilen und Vorstellung des Quartiersmanagements als Strategie.
2 DAS KONZEPT DES QUARTIERSMANAGEMENT: Detaillierte Darstellung der theoretischen Grundlagen, Aufgabenbereiche und notwendigen Voraussetzungen für erfolgreiches Handeln.
3 QUARTIERSMANAGEMENT AM BEISPIEL KOTTBUSSER TOR IN BERLIN: Fallstudie zur praktischen Umsetzung, inklusive einer Bestandsaufnahme der Probleme und der organisierten Gegenmaßnahmen.
4 DAS KONZEPT DES QUARTIERSMANAGEMENT: VERSUCH EINER GRUNDSÄTZLICHEN BEWERTUNG: Kritische Reflexion der Praxisergebnisse und theoretische Einordnung des Quartiersmanagements in den Kontext neoliberaler Politik.
5 FAZIT: Abschließende Einschätzung, ob das Quartiersmanagement tatsächlich eine nachhaltige Lösung für städtische Desintegrationsprobleme darstellen kann.
Schlüsselwörter
Quartiersmanagement, Stadtteilmanagement, soziale Desintegration, Segregation, Soziale Stadt, Kottbusser Tor, soziale Ausgrenzung, Stadtentwicklung, Bewohneraktivierung, Sozialkapital, Arbeitsmarktintegration, Gemeinwesenarbeit, Bürgerbeteiligung, Marginalisierung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert, ob das Quartiersmanagement ein wirksames Instrument ist, um dem sozialen Abstieg und der Desintegration in benachteiligten Stadtteilen entgegenzuwirken.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Arbeit fokussiert auf Segregationsprozesse, die Rolle von Bewohnerbeteiligung, die Verschränkung von Sozial- und Ordnungspolitik sowie die theoretische Fundierung durch das Konzept des sozialen Kapitals.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist eine fundierte Bewertung, ob das Quartiersmanagement mehr ist als eine bloße Beruhigungsstrategie und ob es nachhaltige Lösungen für Armut und Ausgrenzung bietet.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Autor nutzt eine Kombination aus Literaturanalyse aktueller Studien und eine detaillierte Fallstudie des Modellgebiets Kottbusser Tor in Berlin zur empirischen Veranschaulichung.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil erörtert die Definition und Struktur des Quartiersmanagements, liefert eine detaillierte Analyse der Praxis am Kottbusser Tor und schließt mit einer grundlegenden kritischen Bewertung der theoretischen Ansätze.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Kernbegriffe sind Quartiersmanagement, soziale Segregation, Empowerment, Soziale Stadt, Bürgerbeteiligung und städtische Governance.
Wie bewertet der Autor den Erfolg des Modellprojekts Kottbusser Tor?
Der Autor erkennt zwar an, dass durch investive Maßnahmen eine gewisse Stabilisierung erreicht wurde, warnt jedoch davor, diese als Anzeichen für ein Ende der Armut oder des sozialen Abstiegs zu werten.
Welche Kritik übt der Autor an der Verbindung von Sozial- und Ordnungspolitik?
Er kritisiert, dass Sicherheitsmaßnahmen wie die Einrichtung von Conciergelogen oder Sicherheitsdiensten dazu führen können, bestimmte Bevölkerungsgruppen auszugrenzen und soziale Probleme eher zu verwalten als zu lösen.
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- Joachim Schmidt (Author), 2003, Quartiersmanagement: Eine adäquate Antwort auf Prozesse der Desintegration in marginalisierten Stadtteilen?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/18541