Zur Bedeutung der eigenen Familie für Bewohnerinnen und Bewohner eines Altenheims - eine empirische Untersuchung


Examensarbeit, 2000

87 Seiten, Note: 2


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

I. Rahmen und Hintergrund der Untersuchung
I.1 Demographische Angaben
I.2 Der Umzug ins Heim
I.3 Leben im Heim
I.4 Die Beziehung zu den Angehörigen

II. Stand der Forschung

III. Die eigene Vorgehensweise
III.1 Auswahl und Begründung der Untersuchungsmethode
III.2 Methodische Probleme
III.3 Die konkrete Durchführung
III.4 Die Auswertung des Materials

IV. Auswertung der eigenen empirischen Ergebnisse
IV.1 Die Interviewpartner
IV.1.1 Übersicht über die Interviews
IV.1.2 Frau M. B.
IV.1.3 Herr J. H.
IV.1.4 Frau R. H.
IV.1.5 Frau A. I.
IV.1.6 Frau E. S.
IV.1.7 Herr H. V.
IV.2 Analyse und Interpretation ausgewählter thematischer Aspekte
IV.2.1 Die Rolle der Familie bei der Entscheidung zum Heimeinzug
IV.2.2 Die Veränderung der Beziehung zur Familie durch den Heimeinzug
IV.2.3 Die Einstellung zum Leben der Kinder
IV.2.4 Die Beziehung zu den Enkelkindern
IV.2.5 Die sozialen Kontakte außerhalb der Familie
IV.2.6 Die Einschätzung der eigenen Bedeutung in der Familie
IV.2.7 Zusammenfassung
IV.3 Bezug zum Forschungsstand

Schlußbemerkungen

Literaturverzeichnis

Anhang: Interviewleitfaden

Einleitung

„„ Wir besuchen dich, so oft es geht, Franz. Glaub uns bitte. Es ist das Beste f ü r dich. Und wenn du dich erst einmal eingelebt hast, wirst du dich sehr wohl f ü h- len. “ Die T ü r klappte, und meine Nichte Anne und ihr Mann Klaus hatten das Zimmer verlassen. Ich sah mich um. Vier Schritte geradeaus und dreieinhalb quer. “

Bereits bei diesen wenigen einleitenden Sätzen des Romans „Bis dann“ von Roswitha Quadflieg (1994: 9) über den Einzug von Franz Saum in ein Altenheim ahnt der Leser, dass die Nichte Anne sich kaum um ihren Onkel kümmern und ihn nur an besonderen Festtagen kurz besuchen wird. Franz stirbt - wie sich schon früh im Roman andeutet - völlig vereinsamt wenige Monate nach seinem Heim- einzug.

Die Handlung des Romans spiegelt deutlich die Klischees wider, die auch in unse- rer Zeit noch das öffentliche Bild der Altenheime bestimmen. Altenheimbewohner und Bewohnerinnen1 sind offensichtlich funktionslos, einsam und von ihrer Fami- lie abgeschoben worden. Aber entspricht diese Vorstellung auch der Realität? Ist jeder Altenheimbewohner gleichzeitig jemand, der seiner Familie zu sehr zur Last gefallen ist und daher nun von ihr getrennt leben muss? Kann das Altenheim nicht ein neues Zuhause werden, das den Bewohnern neue Lebensqualität vermittelt?

In der vorliegenden Arbeit soll untersucht werden, welche Bedeutung die Familie im Leben der Altenheimbewohner hat. Diese Thematik kann man aus sehr unter- schiedlichen Blickwinkeln bearbeiten. Man könnte - ausgehend von einer histori- schen Betrachtung der Familie - die Rolle der alten Menschen in unserer Gesell- schaft und ihre Stellung in der heutigen Familie beleuchten. Es wäre aber auch denkbar, lediglich die heutige Gesellschaft zu betrachten und z.B. die Lebenssitu- ation von älteren Menschen in einem Heim mit der von Menschen zu vergleichen, die noch in ihrer eigenen Wohnung leben. Ebenfalls möglich ist eine auf statistische Erhebungen beschränkte Arbeit, die z.B. die Besucherzahlen oder die sozialen Kontakte von Heimbewohnern quantitativ auszählt.

Der Ansatz, mit dem diese Arbeit Aussagen zur Bedeutung der Familie für Alten- heimbewohner machen möchte, ist allerdings ein ganz anderer. Es soll versucht werden, über wenige unstandardisierten, direkte Einzelinterviews mit Bewohnern eines Altenheims im münsterländischen Osterwick (Kreis Coesfeld) einige mögli- che Beziehungsmuster zwischen Altenheimbewohnern und ihrer Familie aufzu- zeigen.

Es sollen also keine statistisch meßbaren Ergebnisse ermittelt, sondern eine qualitativ ausgerichtete Erhebung angelegt werden, die einzelne Interviewaussagen analysiert und interpretiert, um sie schließlich theoretisch zu verdichten. Folglich ist das Ziel der Arbeit aufzuzeigen, wie unterschiedlich (oder vielleicht auch wie gleich) das Verhältnis zwischen Altenheimbewohnern und der Familie sein kann und welche Faktoren dieses Verhältnis beeinflussen und prägen.

Keine Berücksichtigung finden dabei rechtliche und finanzielle Einflüsse, wie z.B. die Pflegeversicherung, da eine Aufarbeitung z.B. der Finanzierung des Heimplatzes nur mit Hilfe der Interviews nicht geleistet werden kann.

Vorangestellt sind der eigentlichen empirischen Untersuchung zunächst im ersten Kapitel der Arbeit einige Überlegungen zum Leben im Altenheim. Diese sollen den Rahmen der eigenen empirischen Untersuchung aufzeigen und gleichzeitig notwendiges Wissen zum Thema vorstellen. Die Inhalte dieses Kapitels bilden bei der späteren Auswertung der Interviews eine wichtige Grundlage.

Im zweiten Kapitel werden dann bisherige wichtige Forschungsergebnisse zum Thema vorgestellt. Ausgehend von diesen Resultaten sollen weiterführende Fragestellungen angesprochen werden, die in der folgenden eigenen Untersuchung aufgegriffen werden.

Das methodische Vorgehen (Auswahl der Interviewpartner, Erstellung des Inter- viewleitfadens etc.) wird im dritten Kapitel beschrieben. Gleichzeitig soll es nochmals die Auswahl der Untersuchungsmethode begründen und mögliche Prob- leme aufzeigen.

Das vierte Kapitel liefert schließlich zunächst einen Überblick über die Inter- viewpartner, vorgestellt werden einige persönliche Daten und die grundsätzliche Haltung gegenüber der Familie. In den folgenden Abschnitten werden dann einige inhaltliche Aspekte, die sich aus den Interviews ergeben haben, ausführlich vorge- stellt. Hierbei spielt der Vergleich der Aussagen der unterschiedlichen Gesprächs- partner eine wichtige Rolle. Abschließend werden die eigenen Ergebnisse mit dem im zweiten Kapitel vorgestellten Forschungsstand in Verbindung gebracht.

Im Anhang findet sich der sog. „Interviewleitfaden“, der bei den Interviews lediglich als Hilfestellung diente, aber keinesfalls zwingend in der Reihenfolge oder Vollständigkeit „abgearbeitet“ wurde. Die genauen Gespräche mit den Bewohnern und Bewohnerinnen sind in der Arbeit nur auszugsweise zitiert, ihre Niederschrift kann aber gerne eingesehen werden.

I. Rahmen und Hintergrund der Untersuchung

Bevor im weiteren Verlauf der Arbeit zumeist empirische Befunde im Vordergrund stehen, wird in diesem einleitenden Kapitel erörtert, was es für den einzelnen bedeutet, in ein Heim zu ziehen, welche Gründe es für einen solchen Umzug gibt, welche langfristigen Folgen dieser hat und welche Rolle in dieser Lebensphase die Familie spielt bzw. im Idealfall spielen sollte.

I.1 Demographische Angaben

„Im Juni 1992 gab es (...) in der BRD 660.048 Heimplätze und insgesamt 8181 Alteneinrichtungen (Altenwohnheime, Altenheime, Altenpflegeheime). Diese Einrichtungen waren zu 95% ausgelastet. Zu diesem Zeitpunkt lebten 595.700 ältere Menschen (65+n) in Heimen“ (Prahl/Schroeter 1996: 159).

Im allgemeinen Sprachgebrauch wird häufig von dem Altenheim als Sammelbe- griff für alle Institutionen der geschlossenen Altenhilfe gesprochen. Diese Verein- fachung berücksichtigt allerdings nicht, dass es die im Zitat bereits angesproche- nen unterschiedlichen Heimformen gibt. Es existiert die Differenzierung zwischen Altenwohnheimen, Altenheimen und Pflegeheimen (s. z.B. Majce 1978: 265). In der vorliegenden Arbeit sollen sich alle Überlegungen aber - wenn nicht aus- drücklich vermerkt - auf das Altenheim beziehen. Das Altenheim ist - so Zim- mermann (1977: 36) - eine Einrichtung für heim- aber nicht dauerhaft pflegebe- dürftige Menschen. D.h. das Altenheim bietet eine vollständige hauswirtschaftli- che Versorgung und pflegerische Hilfestellungen bzw. vorübergehende Pflege im Krankheitsfall. In den reinen Altenheimen leben nach der Heimstatistik des Bun- desministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (1999) derzeit etwas weniger als 100.000 Menschen.

Diese absolute Zahl scheint sehr gering zu sein. Auch der relative Anteil der über 65jährigen, von ca. 5% (s. Graber-Dürrow 1999: 16), die in einer Institution leben, ist auf den ersten Blick sehr niedrig. Allerdings ist zu berücksichtigen, dass der Anteil der „institutionalisierten“ Alten mit zunehmendem Alter steigt. D.h. je älter der einzelne Mensch wird, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit für ihn, in ein Heim zu ziehen bzw. ziehen zu müssen.

Außerdem ist aufgrund der Bevölkerungsentwicklung, also dem zunehmenden Anteil alter Menschen in unserer Gesellschaft, sicherlich mit einem starken An- stieg der Altenheimplätze in der Zukunft zu rechnen (s. Prahl/Schroeter 1996: 159).

„Noch immer ist die Ansicht weit verbreitet, in „früheren Zeiten“ hätten die alten Menschen ihren „Lebensabend“ im Kreis ihrer Familie, bei Kindern und Enkeln verbracht. Dieser Mythos von der „Drei-Generationen-Familie“ in einem Haushalt ist historisch längst widerlegt“ (Walter 1995: 159). Aus diesem Mythos folgert man dennoch gemeinhin, dass jeder, der in ein Altenheim zieht, vereinsamt ist und keine Familie hat, die sich um ihn kümmern will oder kann. Obwohl diese Aussage sicherlich so nicht zu verallgemeinern ist, wird sie in der Tendenz von zahlreichen Untersuchungen bestätigt. Es „zeigt sich, daß Heimbewohner nicht nur weitaus häufiger alleinstehend sind, sondern auch seltener Kinder haben, d.h. in der Familie ist nicht nur ein geringeres Pflegepotential vorhanden, sondern es ist im Vergleich zu in Privathaushalten lebenden alten Menschen auch ein gerin- geres Maß an Sozialkontakten zu erwarten“ (Graber-Dünow 1999: 18)2.

Nicht mehr tragbar ist sicherlich das Vorurteil, Altenheimbewohner seien häufig verarmte Menschen. Man fin det heutzutage alle Bevölkerungsschichten in den Heimen. Auf die finanzielle Situation und daran angrenzende Probleme, wie etwa die Pflegeversicherung, soll im Rahmen dieser Arbeit aber nicht eingegangen werden, sie werden nur, wenn es bei der inhaltlichen Interpretation der Interviews notwendig wird, aufgegriffen.

I.2 Der Umzug in ein Heim

Es ist sicherlich unumstritten, daß der Umzug in ein Altenheim in jedem Fall ein tiefer Einschnitt in die Lebensgeschichte ist. „Der faktische Umzug in ein Altenheim ist für viele alte Menschen ein schockierendes und ihr Gefühlsleben belastendes Ereignis“ (Munnichs/Janmaat 1976: 47).

Im Leben jedes alternden Menschen kommt es zu zahlreichen einschneidenden Veränderungen, wie z.B. die berufliche Pensionierung, der Partnerverlust oder die sich verschlechternde Gesundheit (s. Geuß 1990: 31f). Diese Lebenskrisen führen zum einen zu einer subjektiv unterschiedlich empfundenen Verschlechterung der Lebenssituation, Gründe dafür sind z.B. die Abnahme sozialer Kontakte in der Berufswelt oder verringerte Mobilität; zum anderen aber auch zu einem neuen Bild innerhalb der Gesellschaft. „So wird Alter als ein Stadium schlechter Ge- sundheit, fehlender körperlicher sowie geistiger Beweglichkeit, finanzieller Unsi- cherheit, persönlicher Isolierung und Einsamkeit gesehen, vielfach bereits als ein vorverlegtes Ausscheiden aus der Gesellschaft“ (Zimmermann 1977: 4).

Absoluter Inbegriff dieser negativen Stereotypen, die die Gesellschaft von alten Menschen hat, ist das Altenheim. Das Altenheim hat grundsätzlich ein negatives Image (s. Lehr 1996: 323), es stellt ein „Antimodell unserer Gesellschaft“ (Reimann 1994: 148) dar, in der Werte wie Individualismus, Freiheit und Aktivität eigentlich im Mittelpunkt stehen.

Mit dem Umzug ins Altenheim werden aber gerade diese Werte eingeschränkt, was bereits durch das Wort „Heimaufnahme“ angedeutet wird (s. Mun- nichs/Janmaat 1976: 47). Jeder Bewohner muss sich der Hausordnung unterord- nen, was einen „Verlust an Autonomie“ und das „Gefühl, Kontrolle über die Situ- ation zu verlieren“ vermittelt (Lehr 1996:332). Prahl und Schroeter (1996: 178) betonen, dass viele Aktivitäten des täglichen Lebens plötzlich wegfallen, so z.B. der Gang zum Bäcker oder das Gespräch mit dem Postboten. Dies beinhaltet zum einen den Wegfall vieler sozialer Rollen (z.B. die des Kunden in der Bäckerei), zum anderen aber gleichzeitig auch eine Reduzierung der sozialen Kontakte. Als besonders schmerzlich wird dabei oft die Aufgabe der vertrauten Umgebung emp- funden, welches z.B. auch das Zurücklassen der eigenen Möbel umfaßt.

Für den alternden Menschen, der sich auch in seiner vertrauten Umgebung einem immer stärkeren Funktionsverlust ausgesetzt fühlt, ist das Altenheim aufgrund dieser negativer Konsequenzen zumeist mit einem absolut negativem Bild behaf- tet. „„Endstation“, „Wartesaal vor dem Tod“, „lebensgeschichtliche Sackgasse“ oder „Sterbeknast“ sind die wenig freundlichen Umschreibungen“ (Prahl/Schroeter 1996: 154).

In vielen Köpfen herrscht auch heute noch das Vorurteil, in ein Heim zieht nur der alte Mensch, der Streit mit seiner Familie hat, so dass diese nicht bereit ist, ihn zu pflegen; „eine Unterbringung im Heim wird daher so interpretiert, als ob hier der alte Mensch von seiner Familie vernachlässigt bzw. abgeschoben worden sei“ (Zimmermann 1977: 140). Dies löst bei vielen Alten ein Schamgefühl beim Heimeinzug aus. „Mögen sie sich selbst auch gar nicht von den Angehörigen ver- stoßen fühlen, so setzen sie diese Deutung doch bei der Umwelt voraus und fühlen sich so in ihrer Entscheidung gehindert“ (Arbeitsgruppe Alternsforschung Bonn 1971: 110). Diese Problematik tritt allerdings nicht nur bei den zukünftigen Be- wohnern selbst auf, sondern belastet häufig auch die Angehörigen sehr stark (s. Miltenburger/Werner 1992: 439), dies soll im Zusammenhang mit den Schuldge- fühlen bei Angehörigen an späterer Stelle thematisiert werden.

Es bleibt aber festzuhalten, daß ein Großteil der alten Menschen heutzutage zu- mindest vor ihrer Pflegebedürftigkeit nicht mit der jüngeren Generation unter ei- nem Dach leben will. Lehr (1996: 274) bezeichnet dies nach Tartler als „innere Nähe durch äußere Distanz“, während Rosenmayr und Köckeis (1965: 117) diese Lebensform des räumlich getrennten Zusammenlebens „Intimität auf Abstand“ nennen. Auf der einen Seite führt jede Generation sein eigenes selbstbestimmtes Leben, auf der anderen Seite hat man ein gutes Verhältnis und kann in Notfällen auf die Hilfe des anderen zurückgreifen. Im Falle der Pflegebedürftigkeit stehen viele alte Menschen dann aber vor dem Dilemma, dass sie gerne von Angehörigen gepflegt werden, aber gleichzeitig niemandem zur Last fallen wollen.

Somit wird die Entlastung der Angehörigen häufig als positivste Konsequenz beim Umzug ins Heim gesehen. Weitere positive Folgen sind die Hilfen im All- tag, die das Heim professionell bieten kann, eine bessere Grundversorgung z.B. durch regelmäßige Mahlzeiten, neue soziale Kontakte und die Möglichkeit zu Aktivitäten, besonders zu Gruppenaktivitäten (s. Prahl/Schroeter 1996: 178).

Im folgenden sollen nun die konkreten Gründe für den Umzug in ein Altenheim vorgestellt werden. Es ist dabei zu bedenken, dass der Umzug oft nicht geplant ist, d.h. von dem alten Menschen auch nicht bewußt gewollt wird. Es handelt sich um einen „Dringlichkeitsfall“ (Munnichs/Janmaat 1976: 48), bei dem sich der neue Bewohner weder informieren noch im Vorfeld mit der Situation auseinanderset- zen konnte. Auslöser ist zumeist die Überweisung aus dem Krankenhaus.

Majce (1978: 271f) nennt in seiner Auswertung verschiedener Untersuchungen zum Thema „Altenheim“ drei Hauptgründe für den Umzug. Für die meisten Be- wohner ist eine Krankheit oder eintretende Pflegebedürftigkeit der Auslöser, um in ein Heim zu ziehen. Die Gründe, warum sie nicht zuhause gepflegt werden, sind dabei wiederum sehr unterschiedlich. Entweder ist eine Pflegeperson nicht existent3 oder diese ist aufgrund von Berufstätigkeit oder psychischer Belastung nicht fähig, die Pflege zu leisten. „Die Wohnverhältnisse stellen den zweiten we- sentlichen Faktor dar“ (Majce 1978: 271), so wird z.B. oft ein fehlender Aufzug zu einem unüberwindbaren Hindernis. „Alleinsein, Einsamkeit, insbesondere nach dem Verlust des Ehepartners, läßt sich insgesamt an die dritte Stelle setzen“ (Ma- jce 1978: 272). Die Bewohner verbinden den Umzug mit der Hoffnung, im Heim neue soziale Kontakte knüpfen zu können.

Neben diesen auf der Hand liegenden Hauptgründen gibt es noch zahlreiche indi- viduellere Motivationen für den Umzug. Prahl und Schroeter (1996:177) nennen in diesem Zusammenhang noch präventive Überlegungen, den Wunsch, nieman- dem zur Last fallen zu wollen und den mehr oder weniger empfundenen Druck der Angehörigen. „In wenigen Fällen wurden familiäre Probleme ausdrücklich als Gründe für die Unterbringung genannt“ (Zimmermann 1977: 156)4.

Zieht ein alter Mensch also in ein Altenheim, ist dies - wie die vorangegangenen Überlegungen gezeigt haben - ein tiefer Bruch in seiner Lebensgeschichte, der es plötzlich verlangt, ein völlig anderes Leben zu führen. Der gesamte Tagesablauf ist nun anders strukturiert, der Bewohner kann viele Hilfen z.B. in pflegerischen

Bereich in Anspruch nehmen, außerdem werden ihm viele alltägliche Arbeiten wie z.B. das Einkaufen oder Kochen abgenommen. Dies bedeutet aber auch viel zusätzliche Zeit, die selbständig ausgefüllt werden muss (s. Munnichs/Janmaat 1976: 49).

Häufig wird behauptet, die Sterblichkeit sei in Altenheimen aufgrund der schwierigen Anpassung für die Bewohner in den ersten Monaten besonders hoch. Fraglich ist in diesem Zusammenhang jedoch, ob die erhöhte Mortalitätsrate, die tatsächlich in verschiedenen Untersuchungen nachgewiesen werden konnte, in Zusammenhang mit dem Umzug steht. „Vielmehr wäre genauer zu prüfen, ob nicht aufgrund von der hohen Vulnerabilität der Personen der Tod auch außerhalb des Heimes eingetreten wäre“ (Prahl/Schroeter 1996: 179).

Dennoch ist natürlich unbestritten, daß die Tage und Wochen nach dem Umzug eine schwierige Lebensphase sind, in denen die alten Menschen Hilfe und Unter- stützung brauchen. Zahlreiche Faktoren können sich in diesem Zusammenhang positiv auf die Anpassung auswirken. Eine große Rolle spielen Merkmale, die in der Persönlichkeit des Bewohners selbst liegen wie z.B. die kognitiven Fähigkei- ten, das Aktivitätsniveau und die Sozialkontakte. Desweiteren erleichtern positive Erwartungen, ein geringes Maß an Veränderungen und die Heimumgebung, also z.B. die Entfernung zu den nahestehenden Angehörigen die Eingewöhnungsphase (s. Graber-Dünow 1999: 35). Es ist außerdem von Bedeutung, ob der Heimeinzug geplant und freiwillig war oder ob der alte Mensch zu diesem Schritt durch äußere Umstände gezwungen wurde. Bei geplanten Eintritten in das Heim ist nicht nur die grundsätzliche Einstellung zum Heim positiver, zumeist ist auch der Informa- tionsstand über die Einrichtung z.B. durch vorherige Besuche und Gespräche bes- ser (s. Lehr 1996: 329).

Interessant ist die Erkenntnis, dass sich Frauen besser einleben als Männer. Frau- en zeigen sich - so Untersuchungen von Ursula Lehr (1996: 329) - schon nach wenigen Wochen positiv überrascht von der Heimatmosphäre. „Die von uns un- tersuchten Frauen hoben lobend die Ordnung, die Sicherheit und die empfundene Stabilität hervor. (...) Die von uns untersuchten Männer zeigten sich jedoch zö- gernder in der Eingewöhnung und empfanden einen gewissen „Freiheitsverlust“ als besonders einschneidend“ (Lehr 1996: 329).

Der wichtigste Faktor, der den Erfolg der Eingewöhnung maßgeblich mitbe- stimmt, ist aber sicherlich das Verhalten der Angehörigen in dieser Zeit. Hier ist auf der einen Seite die Angehörigenarbeit der Altenheime zu nennen (s. z.B. Mo- ser 1995), die im Rahmen dieser Arbeit aber nicht weiter thematisiert werden soll. Auf der anderen Seite steht die Beziehungsarbeit, die von den Angehörigen aus- geht. Die Beziehung z.B. zum Vater oder zur Mutter ist durch dessen Einzug nun nicht mehr von Versorgung, also z.B. durch Pflegetätigkeiten, gekennzeichnet, sondern kann frei von alltäglichen Belastungen neu aufgebaut werden. So kann der Angehörige zu einer wichtigen Stütze für den Bewohner in seiner neuen Le- benswelt werden. Dieser Zusammenhang soll im vierten Abschnitt dieses Kapitels nochmals ausführlicher dargestellt werden, da er besonders für den empirischen Teil der Arbeit von großer Bedeutung ist.

I.3 Leben im Heim

Jedes Altenheim ist eine Institution „im Sinne der Begriffsbestimmung, nämlich ein gesellschaftlich sanktioniertes Verhaltensmuster mit dem impliziten oder expliziten Zweck, die „Lösung“ eines oder mehrerer sozialer Probleme auf Dauer zu stellen“ (Majce 1978: 261). In der Institution „Altenheim" ist die gesellschaftliche Aufgabe die Versorgung alter, pflegebedürftiger Menschen.

Für die Bewohner bedeutet das Leben in der Institution auf der einen Seite „Si- cherheit, Ordnung, Orientierung und Stabilität“ (Prahl 1996: 165), auf der anderen Seite „schränken Institutionen auch Freiheiten ein, normative Bestimmungen sind einzuhalten“ (Prahl 1996: 165). Die persönliche Einengung durch eine Institution nimmt zu, je „totaler“ eine Institution wird. Die „Totalität“ einer Institution kann man an den Merkmalen, die die „totale Institution“ nach Goffmann (1981) ausma- chen, ablesen. Solche Merkmale sind z.B. „eine Zusammenballung von Men- schen, die zusammen wohnen, einer formalen Organisation unterstellt sind, spezi- fische Kommunikations- und Interaktionssysteme besitzen und mehr oder weniger von der übrigen Umwelt abgetrennt sind“ (Tews 1979: 341). Viele Altenheime müssen heute leider noch als totale Institutionen verstanden werden, da zumeist die „rationelle, kostensparende Versorgung und Betreuung des Bewohners obers- tes Ziel ist“ (Witterstätter 1999: 136). „Hier gibt es dann für alle feste Weck- und Essens- und Schlafzeiten, bestehen bestimmte Ausgangsverbote“ (Witterstätter 1999: 136) usw..

Die Folgen, die solche Einschränkungen für das Individuum haben, bezeichnet man als Institutionalisierungseffekte. Schmitz-Scherzer et al. (1978: 13) nennen sechs konkrete Effekte, die sich in verschiedenen Untersuchungen für Altenheim- bewohner herausgestellt haben: eine Verringerung der Kontakte und des Aktivi- tätsniveaus, eine Verschlechterung des Selbstbildes, der Lebenszufriedenheit und der Zukunftsaussichten und zuletzt eine Verkürzung der Zeitperspektive. Witter- stätter (1999: 136) teilt die Folgen der Institutionalisierung in drei Bereiche: die Bewohner werden zunehmend passiver, hilfloser und verlieren den Realitätsbe- zug.

Lind (1991: 248) betont in seinen Ausführungen, dass diese Institutionalisierungseffekte von den Heimen selbst zunehmend „in Richtung auf eine Entinstituionalisierung des Dienstesystems im Sinne der Anpassung an vertraute Wohnverhältnisse“ verringert werden. Dennoch ist nicht zu bestreiten, dass bereits die soziale Aufgabe, die ein Altenheim zu erfüllen hat, und das Zusammenleben mit anderen alten Menschen Folgen für den einzelnen Bewohner haben muss, die auch durch entinstitutionalisierende Maßnahmen nicht zu beheben sind.

Besonders belastend ist dabei für den Bewohner, dass seine soziale Rolle in der Institution „im wesentlichen durch seine Abhängigkeit charakterisiert“ (Prahl/Schroeter 1996: 187) ist. Dies gilt sowohl für die alltägliche pflegerische und hauswirtschaftliche Versorgung als auch für die sozialen Kontakte. Zumeist ist der Bewohner durch gesundheitliche Einschränkungen so immobil, dass er auf Besuche von außen passiv warten muss und soziale Kontakte zur Familie, aber auch zu Freunden und Bekannten nicht mehr aktiv gestalten kann. So wird jede Beziehung asymmetrisch.

Um zu verstehen, wie Bewohner die aufgezeigten Folgen empfinden bzw. wie sie mit ihnen umgehen, kann man gerontologische Theorien betrachten. Dies soll an dieser Stelle nur vereinfachend am Beispiel der beiden Haupttheorien - der Disengagement- und der Aktivitätstheorie - geschehen. Die Vertreter der Disengagementtheorie, die von dem Wunsch der Alten nach Rückzug ausgehen (s. Steven 1992: 125), halten die Institutionalisierungseffekte sicherlich für unbedenklich bzw. vom alten Menschen nicht als negativ empfunden.

Im Gegensatz dazu ist das Leben aus Sicht der Aktivitätstheorie in einem Heim mit einer Verschlechterung der Lebensqualität verbunden, da Lebenszufriedenheit in diesem Theorem mit der eigenen Aktivität korreliert. Bereits diese beiden kont- rären Auffassungen zeigen, dass „jede globale Zuordnung von Rollenaktivität und Zufriedenheit unzulässig ist“ (Lehr 1996: 267), vielmehr ist immer eine individu- elle Betrachtung notwendig.

Will man also Aussagen über die Lebenszufriedenheit der Bewohner machen, muss man auf der einen Seite die Einzelfälle betrachten, um Faktoren wie Schulbildung, Biographie, Krankheiten usw. berücksichtigen zu können, auf der anderen Seite darf man aber auch nicht Probleme übersehen, die sich durch die spezielle Lebenssituation im Heim ergeben.

An anderer Stelle wurde bereits erläutert, dass alte Menschen - besonders Alten- heimbewohner - in unserer Gesellschaft mit negativen Stereotypen behaftet sind. Dieses Fremdbild der Heimbewohner hat leider auch Einfluß auf ihr Selbstbild. Viele alte Menschen schränken sich z.B. bei Freizeitaktivitäten ein, „weil das „dumm“ aussehen könnte, weil andere darüber lächeln“ (Lehr 1996: 307). Diese Tatsache und auch die faktisch vorhandenen körperlichen Einschränkungen füh- ren dazu, dass sich der größte Teil des Lebens für die Bewohner im Heim selbst abspielt. Prahl und Schroeter (1996: 180) zitieren aus einer Untersuchung von Closs und Kempe (1979): „87% ihrer Wachzeit verbringen die Bewohner inner- halb des Hauses oder im dazugehörigen Außenbereich (Garten).“ Als logische Konsequenz ergibt sich, dass sich besonders „das Ausmaß der gebotenen Anre- gungen, die Vielfalt der möglichen Abwechslung innerhalb eines Heimes als be- sonders bedeutsam“ (Arbeitsgruppe Alternsforschung Bonn 1971: 112) erweist.

Durch Veranstaltungen oder die Übernahme von Aufgaben im Haus kann eine positive Unterstützung gegeben werden.

Diese Unterstützung wird allerdings von Außenstehenden häufig überbewertet, wie auch die neuen sozialen Kontakte zum Pflegepersonal. So geben z.B. in der Berliner Altersstudie (Mayer/Baltes 1996: 314) nur 9% der Heimbewohner an, „emotionale Hilfe vom Pflegepersonal erhalten zu haben“.

Ein konkretes Problem, welches die Lebenszufriedenheit vieler Heimbewohner einschränkt, ist die große Entfernung zwischen Heim und ehemaligem Wohnort. Durch große Entfernungen ist natürlich die Besuchshäufigkeit wesentlich gerin- ger, Kontakte zu Bekannten, die nicht mobil sind (z.B. durch eigene Alterskrank- heiten), brechen sogar ganz ab. Daher ist besonders für kinderlose Heimbewohner die Nähe zum Wohnort bedeutsam, da sich ihre sozialen Kontakte häufig auf Nachbarn und Freunde dieser Wohngegend beschränken (s. Arbeitsgruppe Al- ternsforschung Bonn 1971: 119). Aber auch bei Bewohnern mit Kindern ist eine deutliche Korrelation zwischen Nähe des Heims zur vertrauten Umgebung und Lebenszufriedenheit zu erkennen (s. Arbeitsgruppe Alternsforschung Bonn 1971: 119), wobei bei ihnen der Wohnort der Kinder zusätzlichen Einfluß hat.

Auf die Frage, wie der einzelne Heimbewohner solche - zumeist negativen - Fak- toren bewältigen kann, nennen Prahl und Schroeter (1996: 179f) zahlreiche sog. Coping-Strategien, die im folgenden kurz erläutert werden, da sie besonders für den empirischen Teil dieser Arbeit, also die Auswertung der Interviews eine große Rolle spielen werden.

„Typische Coping-Strategien im Pflegeheim sind instrumentell-orientierte Strate- gien (z.B. Gespräch mit der Heimleitung bei Auftreten von Schwierigkeiten und Problemen), affektive Strategien (z.B. Ärger ohne aktives Handeln) oder auch der soziale Rückzug“ (Prahl/Schroeter 1996: 179f). Andere Bewältigungsmöglichkei- ten sind die widerspruchslose Anpassung oder auch die durchdachte Anpassung, bei der der Bewohner die Notwendigkeit der Unterordnung einsieht. Einige Be- wohner fliehen gedanklich vor der neuen Situation, um ihr so aus dem Weg zu gehen. Wieder andere Bewohner beginnen die gesamte Außenwelt zu ignorieren und sehen nur noch das Heim als Lebenswelt („Strategie der Kolonialisierung“ (Prahl/Schroeter 1996: 180)).

Für viele ist der Umzug ins Heim aber auch der Zeitpunkt, zu dem alle sozialen Kontakte außer die zur Familie abbrechen (s. Lehr 1983: 23ff). Die Angehörigen sind häufig die einzigen Personen, die im bereits beschriebenen asymmetrischen Verhältnis den Kontakt zum Heimbewohner aufrecht erhalten (s. Merker 1973: 16). Allerdings besteht die Gefahr, dass das häufig quantitativ verbesserte Verhältnis zu einer Verschlechterung der Qualität führen kann. Dieser und weitere Aspekte zur familiären Kontaktsituation sollen im folgenden vierten Abschnitt dieses Kapitels genauer betrachtet werden.

I.4 Die Beziehung zu den Angehörigen

Gesellschaftlich wird heute immer noch erwartet, dass die Pflege von alten Ange- hörigen von der Familie, d.h. zumeist von der Tochter übernommen wird. „Nicht zuletzt besteht bei vielen Menschen die Vorstellung, ein Heimaufenthalt komme nur in Betracht, wenn ein alter Mensch nicht mehr genügend in seine Familie in- tegriert sei“ (Zimmermann 1977: 140). Daher scheuen sich viele Angehörige und auch die Alten selbst vor einem Umzug ins Heim, da dieser angeblich fehlende Solidarität der Generationen zeigt. „Diese Angst findet sich besonders in ländli- chen Regionen, in denen die soziale Kontrolle noch weitaus größer ist“ (Graber- Dünow 1999: 26).

Folge dieser negativen Konnotationen sind bei Angehörigen von Heimbewohnern häufig Schuldgefühle. Sie leiden unter dem gesellschaftlichen Vorwurf, den alten Menschen „abgeschoben“ zu haben. Viele Angehörige glauben, ihre Entscheidung permanent rechtfertigen zu müssen (s. Miltenburger/Werner 1992: 445).

Allerdings ist Familienpflege in den heutigen gesellschaftlichen Strukturen nicht mehr zu erwarten (s. Arbeitsgruppe Fachbericht 1982: 388). Schelsky (1965) stellt in seinen Ausführungen „Alter und Familie“ schon fest, dass die Trennung der Generationen heute der von allen Generationen gewünschte Normalzustand ist. „Die Trennung der Gattenfamilie der Alten von der der erwachsenen und verhei- rateten Kinder wird also heute längst als normal empfunden und als Wert bejaht; die traditionelle größere Familie ist kein wünschenswertes Leitbild mehr“ (Schelsky 1965: 206).

Erst im Fall der Pflegebedürftigkeit wird diese Trennung oft gesellschaftlich nicht mehr als „normal“ verstanden. Lehr (1983) weist allerdings darauf hin, dass die nicht geleistete Familienpflege nicht auf einem „Nicht-Wollen“ der Angehörigen beruht, sondern zumeist Gründe hat, die mit dem von Schelsky angesprochenen gesellschaftlichen Wandel zusammen hängen. „Angesichts der größeren Mobili- tät, der größeren Entfernungen der Wohnorte, wie auch angesichts der zunehmend stärkeren Berufstätigkeit von Frauen läßt sich Pflege in der Familie bei uns heut- zutage nur in sehr begrenztem Maße einsetzen“ (Lehr 1983: 19).

Neben diesen gesellschaftlichen Gründen existieren im individuellen Einzelfall natürlich aber auch häufig persönliche Gründe, die eine Pflege in der Familie verhindern und zu einer Heimaufnahme führen. Beziehungsprobleme zwischen den Generationen treten nicht immer erst in der Pflegesituation auf, sondern sind oft Resultat des gesamten Lebens (s. Liß/Lübbert 1993: 11).

Dennoch ergeben sich viele Probleme erst mit dem Umzug ins Heim. „In vielen Fällen haben die Bewohner nach ihrem Heimeintritt Konflikte mit ihren Angehörigen auszutragen (Verkauf des Hauses, Erbstreitigkeiten, Wohnungsauflösung). Versteckt und auch offen wird der Vorwurf geäußert, ins Heim geschickt und im Stich gelassen worden zu sein“ (Prahl/Schroeter 1996: 193).

Der Angehörige steht also nach dem Umzug genau wie der Bewohner in einer schwierigen Situation. Auf der einen Seite ist er Vorwürfen der Gesellschaft und des alten Verwandten selbst ausgesetzt, auf der anderen Seite quält ihn oft selbst das schlechte Gewissen.

Mit diesen Schuldgefühlen gehen die Verwandten sehr unterschiedlich um (s. Graber-Dünow 1999: 152f). Einige versuchen die Konfrontation mit der Situation zu vermeiden, indem sie den alten Menschen z.B. selten besuchen. Ursachen für ein solches Verhalten sind z.B. die Angst vor der Institution „Altenheim“, dessen negatives Image bereits erläutert wurde, die Unsicherheit, mit dem Krankheitszustand des Alten umzugehen (s. Dieck 1987: 21) oder häufig auch die Konfrontation mit der eigenen Sterblichkeit beim Anblick der eigenen alternden Eltern (s. Radebold et al. 1989: 65). Das Vermeidungsverhalten kann die Schuldgefühle allerdings keinesfalls verringern.

Andere Angehörige versuchen, die instrumentelle Versorgung des Bewohners zu verbessern. Sie entwickeln z.B. eine hohe Anspruchshaltung an das Personal. „Daraus folgt, dass die Mitarbeiter häufig „nichts recht machen“ können“ (Graber-Dünow 1999: 153). Dies führt zum einen zu Konflikten zwischen Angehörigen und Personal, zum anderen kann dies aber auch zur Folge haben, dass die Angehörigen sich zu sehr auf instrumentelle Hilfen konzentrieren und dabei die emotionale Zuwendung vernachlässigen, die für den Bewohner selbst viel größere Bedeutung hat (s. Hörl/Rosenmayr 1994: 88).

Ein erfolgreicher Umgang mit den Schuldgefühlen der Angehörigen und somit eine emotional für beide Seiten befriedigende Beziehung ist nur dann möglich, wenn beide bzw. alle Generationen lernen, die neue Situation zu akzeptieren, d.h. die neue Rollenverteilung anzunehmen.

Für die Heimbewohner bedeutet das, dass sie die Unabhängigkeit der Kinder an- erkennen und gleichzeitig auch die eigene zunehmende Abhängigkeit annehmen. Walter (1995) bezeichnet das Ziel der Entwicklung der Alten als „parentale Rei- fe“. „Die „parentale Reife“ ist dann erlangt, wenn alte Eltern neue Formen des Austauschs mit den erwachsenen Kindern gefunden haben“ (Walter 1995: 163). Sie müssen lernen, ein partnerschaftliches Verhältnis zu ihren Kindern und auch Enkeln aufzubauen und sich nicht als Respektsperson verstehen. „Wo sich Groß- eltern (...) mit dem Leben und Weiterkommen ihrer Kinder und Enkel identifizie- ren können und wollen, haben sie eine größere Chance auf ein positiveres Erleben ihres Alters“ (Koolmann 1993: 366).

Die Kinder bzw. die junge Generation muss sich zunächst von den Eltern ablösen, um dann eine gleichberechtigte Beziehung aufzubauen. Dies wird von Walter als „filiale Reife“ (1995: 162) bezeichnet. Eine solche Entwicklung bedeutet auch, dass die junge Generation die alten Menschen „trotz ihrer Gebrechlichkeit achten und sie nicht geringschätzig als Halb- oder Ganzinvaliden ansehen“ (Mun- nichs/Janmaat 1976: 62). Die Heimbewohner sollen von ihren Angehörigen trotz eventueller körperlicher und geistiger Einschränkungen als gleichgestellte Partner verstanden werden.

Werden diese beiden Reifeprozesse vollzogen, ist eine Beziehung möglich, die die neuen Rollen5 der Generationen berücksichtigt, und somit von Gleichberechtigung und hoher emotionaler Qualität geprägt ist. Ein solches Verhältnis ermöglicht die Überwindung von Schuldgefühlen auf Seiten der Angehörigen.

Eine viel größere Bedeutung als für die Jungen hat das Verhältnis zwischen den Generationen aber für die ältere Generation. Es besteht eine sehr hohe Korrelation zwischen der Qualität der familiären Beziehungen und der Lebenszufriedenheit im Alter. „Die Beziehung zu den Kindern ist auch im Altenheim von einem alles übertreffenden Einfluß auf das Wohlbefinden des alten Menschen“ (Mun- nichs/Janmaat 1976: 64). Die Familie bekommt für viele alte Menschen eine so große Bedeutung, „zumal sie als einziger Interaktionsbereich auch unabhängig von den spezifischen Fähigkeiten und Interessen des einzelnen fortbestehen konn- te“ (Schulz 1979: 23). Untersuchungen von Lehr (1996: 324) haben gezeigt, dass gute Beziehungen zu den Angehörigen, d.h. zumeist zu den Kindern, auch die Einstellung zum Altenheim positiv beeinflussen.

Die konkrete Unterstützung, die die Angehörigen für den Bewohner leisten, kann sehr unterschiedlich sein. Der alte Mensch kann durch die Besuche der Verwandt- schaft seinem doch häufig eintönigen Alltag entfliehen: „in der Anteilnahme an den Erlebnissen der Angehörigen findet er (...) das nötige Gegengewicht zur rela- tiven Ereignislosigkeit des einen Alltags im Heim“ (Miltenburger/Werner 1992: 446). Neben dieser „unterhaltenden“ Funktion der Familie benötigen zahlreiche Heimbewohner auch konkrete Unterstützung bei der Bewältigung von Lebenskri- sen. Wie bereits an anderer Stelle erörtert ist der alte Mensch vielen einschneiden- den Ereignissen ausgesetzt (z.B. Pensionierung, Tod des Partners), die er nur mit Hilfe von engen sozialen Beziehungen verarbeiten kann. Hier kann man familiären Beziehungen eine größere Rolle zuschreiben als jedem anderen sozialen Kontakt (Merker 1973: 13). Damit bieten die Angehörigen also „gleichzeitig Halt und oft auch Lebenssinn“ (Lind 1991: 249).

Einen Ersatz für familiäre Beziehungen können andere soziale Beziehungen z.B. zu Nachbarn und Freunden kaum bieten. Die Qualität solcher Beziehungen ist selten so eng und vertraut wie zu nahen Verwandten (s. Merker 1973: 15).

Abschließend ist festzuhalten, dass für die Bewohner nicht die Anzahl der Kon- takte, sondern deren Qualität von Bedeutung ist. Außenstehenden erscheinen Al- tenheimbewohner häufig vereinsamt, da sie nur zu wenigen Personen Kontakt haben. Diese objektiv meßbare Isolation ist allerdings nicht mit der subjektiv empfundenen Einsamkeit gleichzusetzen. Wenige emotionale Bindungen zu wich- tigen Bezugspersonen (zumeist zu den eigenen Kindern) sind für den alten Men- schen wichtiger als viele oberflächliche Kontakte z.B. zu Nachbarn, ehemaligen Arbeitskollegen etc.. Das sog. Makrosystem, also der politische und gesellschaft- liche Kontext verliert für den Bewohner an Bedeutung, er zieht sich in seine Mikroumwelt zurück, die zum größten Teil aus der eigenen Familie besteht (Zimmermann 1977: 123f).

Zusammenfassend läßt sich also sagen: „Daß die Qualität des Lebens im Alter noch mehr als in vorangegangenen Lebensphasen von familialer Integration abhängt, kann als bestätigt angesehen werden“ (Backes 1981: 169).

II. Stand der Forschung

Im folgenden Kapitel sollen die Ergebnisse empirisch ausgerichteter Arbeiten vorgestellt werden, die sich bereits mit dem Themenbereich „Altenheimbewohner und deren Familie“ beschäftigt haben. Keine Berücksichtigung finden in diesem Kapitel ausländische Untersuchungen (vgl. z.B. Townsend 1957), da sie nicht zu vergleichbaren Ergebnissen führen. Eine Ausnahme bildet dabei die Studie von Rosenmayr und Köckeis (1965), die in Wien durchgeführt wurde.

Es gibt eine unüberschaubare Menge an Untersuchungen, die sich sehr allgemein mit dem Leben von Senioren in unserer Gesellschaft auseinandersetzen, wesentlich geringer ist allerdings die Zahl der Arbeiten, die sich ausschließlich mit alten Menschen in Heimen beschäftigen. Hier sind z.B. Arbeiten von Wildner et al. (1984) oder Thomae (1989) zu nennen, die sich mit der Lebenszufriedenheit und dem Alltag im Heim beschäftigen.

Untersuchungen, die sich mit dem Zusammenhang „Leben im Altenheim“ und „Kontakte zur Familie“ befassen, gibt es nur sehr wenige. Im folgenden sollen nun drei sehr wichtige dieser Untersuchungen in ihrer Vorgehensweise und ihren Ergebnissen in chronologischer Abfolge vorgestellt werden. Es handelt sich um die Arbeiten von Rosenmayr und Köckeis (1965), Fisseni (1977) und Spindler (1997).

Die Untersuchung von Leopold Rosenmayr und Eva Köckeis (1965) „Umwelt und Familie alter Menschen“ ist eine sehr bekannte und in anderer gerontologischer Literatur häufig zitierte Arbeit. 1956/57 wurde eine erste Erhebung in Wien durchgeführt, in der sowohl allein lebende alte Menschen als auch Heimbewohner zu ihrem Alltag befragt wurden. Im vorliegenden Zusammenhang ist allerdings nur die zweite Untersuchung aus dem Jahre 1960 von Bedeutung, die sich ausschließlich mit Heimbewohnern beschäftigt.

Insgesamt wurden 92 alte Menschen aus vier verschiedenen sog. Altersheimstät- ten Wiens befragt und beobachtet. In diesen Altersheimstätten leben die Bewoh- ner noch in einer eigenen Wohnung, es werden vom Personal aber viele Hilfen im Alltag angeboten. Die Wohnform entspricht also den in Deutschland bekannten Altenwohnheimen.

Anhand der Interview- und Beobachtungsergebnisse machen Rosenmayr und Kö- ckeis Aussagen zu ganz unterschiedlichen Themen, wie z.B. zu den „äußeren Le- bensumständen, der Wohnung, der Einrichtung und Umgebung“ (1965: 98). Das „Kernstück“ (1965: 98) der Untersuchung sind allerdings die Sozialbeziehungen der Bewohner.

Um die Sozialbeziehungen zu messen, wurden die gezielten Kontakte eine Woche lang gezählt. „Das sind in erster Linie Besuche, die in der Wohnung entweder des Befragten oder seiner Kontaktperson stattfinden, dann auch sonstiges beabsichtig- tes Zusammentreffen der beiden Personen“ (Rosenmayr/Köckeis 1965: 102). Zu- fällige Begegnungen, die nicht über ein kurzes Gespräch hinausgingen, wurden nicht berücksichtigt.

Die Messung fand sowohl durch Befragung der Bewohner als auch durch Beobachtungen der Versuchsleiter statt; man erhielt eine gute Übereinstimmung der Ergebnisse. Für jeden Kontakt wurde ein Punkt gezählt, jeder Bewohner hatte also am Ende der Woche eine bestimmte Punktzahl für seine Kinder, seine Enkelkinder, andere Verwandte, Bekannte etc.. Diese Werte konnten in der Auswertung miteinander verglichen werden.

Der Kontakt zu den Kindern bzw. Schwiegerkindern und Enkeln ist bei den meisten Bewohnern sehr gut, „die Mehrzahl sieht die Angehörigen zumindest einmal monatlich, während etwa ein Zehntel mehrmals wöchentlich mit jemandem von der Familie beisammen ist. Kontaktmangel besteht fast nur dann, wenn keines der Kinder in Wien lebt“ (Rosenmayr/Köckeis 1965: 104). Die Entfernung spielt also eine entscheidende Rolle bei der Anzahl der Kontakte.

Die Enkelkinder verstärken den Zusammenhalt der Familie. Bewohner, die sowohl Kinder als auch Enkelkinder haben, haben wesentlich häufiger Kontakt zu den Kindern als Bewohner, deren Kinder noch kinderlos sind (s. Rosenmayr/Köckeis 1965: 105).

[...]


1 Im folgenden werden die Bewohner und Bewohnerinnen des Altenheims mit der männlichen Bezeichnung „Bewohner“ zusammengefaßt. Dies ist besonders aufgrund des Frauenanteils in Altenheimen von ca. 75% (Prahl/Schroeter 1996: 159) keine besonders treffende Formulierung. Da der Ausdruck „Bewohnerinnen und Bewohner“ aber sehr häufig im Text gebraucht wird, er- scheint die Verkürzung „Bewohner“ eine deutliche Vereinfachung (sowohl für den Schreiber als auch den Leser) zu sein.

2 So ergab z.B. eine Untersuchung in Mannheimer Altenheimen, dass Heimbewohner nur zu 3-6% verheiratet sind, alte Menschen in Privathaushalten aber zu 42-47%; Heimbewohner haben nur zu 50% Kinder, alte Menschen in Privathaushalten zu 75% (s. Graber-Dünow 1999:18).

3 vgl. hierzu auch die vorangegangenen Ausführungen über die geringere Kinderzahl der Heimbe- wohner

4 Inwieweit diese seltenen Nennungen vielleicht auch auf sozialer Erwünschtheit bzw. Schamgefühl der Befragten beruhen, soll erst in der Diskussion um das Interview als Methode im dritten Kapitel erörtert werden und wird an dieser Stelle nicht berücksichtigt.

5 Der Begriff „Rolle“ ist an dieser Stelle nicht als funktionalistische Kategorie zu verstehen, son- dern beinhaltet auch die emotionale Bindung von Familienmitgliedern in sozialen Beziehungen.

Ende der Leseprobe aus 87 Seiten

Details

Titel
Zur Bedeutung der eigenen Familie für Bewohnerinnen und Bewohner eines Altenheims - eine empirische Untersuchung
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster
Note
2
Autor
Jahr
2000
Seiten
87
Katalognummer
V185461
ISBN (eBook)
9783656980506
ISBN (Buch)
9783867463553
Dateigröße
899 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
bedeutung, familie, bewohnerinnen, bewohner, altenheims, untersuchung
Arbeit zitieren
Christiane Althoff (Autor), 2000, Zur Bedeutung der eigenen Familie für Bewohnerinnen und Bewohner eines Altenheims - eine empirische Untersuchung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/185461

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