Computereinsatz an Schulen für geistig Behinderte als angemessenes Medium für Spiel- und Lernprozesse

Unterricht in der Vor- und Unterstufe in zwei Klassen im Vergleich


Examensarbeit, 2000
65 Seiten, Note: 3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

1 Einleitung
1.1 Motivation zum Thema
1.2 Strukturierung der Arbeit

2 Überlegungen zum Begriff der geistigen Behinderung

3 Zur Legitimation des Computereinsatzes in der Schule für Geistigbehinderte
3.1 Kritikpunkte zum Computereinsatz
3.2 Positive Argumente für den Computereinsatz
3.3 Zusammenfassung und Anmerkungen

4 Einsatzmöglichkeiten des Computers im Unterricht der Schule für Geistigbehinderte
4.1 Der Computer als Unterrichtgegenstand
4.2 Der Computer als Unterrichtsmedium
4.3 Computerspiele / Spielen am PC
4.4 Zusammenfassung

5 Aspekte zum Computereinsatz in der Vor- und Unterstufe
5.1 Förderschwerpunkte und Ziele des Unterrichts der verschieden Schulstufen
5.2 Einsatzfaktoren für den PC in der Vor- und Unterstufe
5.3 Erkenntnisse

6 Computereinsatz in der Praxis der Vor- und Unterstufe: Vergleich zweier Klassen
6.1 Vorgehensweise
6.2 A-Schule B-Stadt
6.2.1 Rahmenbedingungen
6.2.2 Der Computereinsatz im Unterricht
6.2.3 Gespräch mit dem Klassenlehrer
6.3 D-Schule E-Stadt
6.3.1 Rahmenbedingungen
6.3.2 Der Computereinsatz im Unterricht
6.3.3 Gespräch mit dem Klassenlehrer
6.4 Vergleichende Zusammenfassung

7 Reflexion

Literaturverzeichnis

Persönliche Gespräche

Glossar

Vorwort

Es hat ein multimediales Zeitalter begonnen, wobei wir uns wahrscheinlich erst am Anfang befinden, wenn man sieht wie unglaublich schnell sich die heutige Technik entwickelt. Der Computer ist in den letzten Jahren immer mehr zu einem Volksmedium geworden und spielt fast in jedem Bereich des alltäglichen Lebens eine Rolle. Aber wie sieht es im Bereich der Schule aus? Es werden Stimmen laut, die behaupten, dass das Lernen an einem Computer, mit Tönen und Musik, Bildern und Videosequenzen, Schrift und Sprache, wesentlich effektiver ist, als das herkömmliche Lernen, da der Schüler seinen individuellen Lernweg einschlagen kann. Ist dies wirklich so?

Natürlich ist es von Vorteil, dass die vielfältigen Arten der Informationsvermittlung auf einem einzigen Medium, dem Computer, interaktiv dargeboten werden können. Dieses eröffnet enorme Möglichkeiten, wenn pädagogisch sinnvoll damit umgegangen wird. Mit dieser Arbeit will ich die Chancen eines sinnvollen Computereinsatzes in der Schule aufzeigen und anhand zweier Schulklassen untersuchen, wie die Möglichkeiten in der Praxis genutzt werden. Dabei steht die Frage im Mittelpunkt, ob sich der Einsatz des Computers schon in der Vor- und Unterstufe der Schule für Geistigbehinderte eignet.

Ich möchte mich an dieser Stelle bei den Schulleitern der A-Schule und der D-Schule bedanken, die es mir ermöglicht haben, in den jeweiligen Klassen zu hospitieren, vor allem aber bei den Klassenlehrern Herrn C. und Herrn F., die mich während dieser Zeit sehr hilfsbereit und kooperativ unterstützt haben. Ebenso richtet sich mein Dank an die Schüler beider Schulen, für die freundliche Aufnahme in ihre Gemeinschaft.

Zu guter Letzt möchte ich mich noch für die Unterstützung jeglicher Art bei meiner Familie und ganz besonders bei meiner Freundin Stephanie bedanken.

1 Einleitung

1.1 Motivation zum Thema

Die Motivation, eine Arbeit zum Themenkomplex Computereinsatz bei Menschenmit einer geistigen Behinderung zu erstellen, wurde aufgrund eigener Erfahrungen mit dem Computer geweckt. Erst seit wenigen Jahren befasse ich mich selbst mit diesem Medium und bin seitdem fasziniert von den Möglichkeiten, die es in vielfältiger Form bietet.

Im Vorfeld zu dieser Arbeit habe ich mich an mehreren Schulen für Geistigbehinderte in meinem Wohnumfeld (Kreis Wesel/Recklinghausen) erkundigt, ab welcher Klassenstufe bei ihnen der Computer im Unterricht eingesetzt wird. Nur bei wenigen dieser Schulen war dies schon in der Vor- und Unterstufe der Fall, bei fast allen jedoch ab der Mittelstufe. Dieses Resultat hat mich überrascht und wirft die Frage auf, warum die jüngsten Schüler oft noch nicht an dieses Medium heranführt werden.

Diese Frage stellt zwar die Grundlage dieser Arbeit dar, jedoch werden hier nicht die Gründe zusammengetragen, warum die meisten Schulen den Computer nicht in der Vor- und Unterstufe einsetzen, sondern es soll anhand zweier Klassen dargestellt werden, wie der PC in diesem Altersbereich anwendbar ist.

Hiermit wird das Ziel verfolgt, aufzuzeigen, wie der Computer in den Unterricht mit einbezogen werden kann und was die Kinder dabei lernen können. Die übergeordnete Frage, ob der Computereinsatz bei Kindern mit einer geistigen Behinderung zur individuellen Lebensbewältigung beitragen kann, soll immer im Hinterkopf behalten werden.

Sicherlich stellt der gezeigte Computereinsatz in den Klassen nicht repräsentativ die Situation für Schulen insgesamt dar, dennoch wird der Leser ein aufschlussreiches Bild, über die Arbeit an zwei verschiedenen Sonderschulen erhalten.

Die Ergebnisse werden dann bei der Beurteilung helfen, wie sinnvoll der Einsatz des Computers in der Vor- und Unterstufe ist.

Eventuell kann diese Arbeit auch manchen Schulen oder Lehrern als Anregung dienen, den Computereinsatz im Vor- und Unterstufenbereich aus einem anderen Blickwinkel zu sehen und sich somit unterstützend auf ihre eigene praktische Arbeit auswirken.

1.2 Strukturierung der Arbeit

Die Arbeit gliedert sich in einen Teil mit theoretischen Grundlagen und in einen praktischen Teil, bei dem der Vergleich einer Vor- und einer Unterstufenklasse im Mittelpunkt steht.

Die theoretischen Grundlagen werden weitestgehend auf alle Altersstufen bezogen, da es das Ziel ist, einen Überblick über die facettenreichen Einsatzmöglichkeiten des Computers zu geben, um darauf aufbauend der Fragestellung nachzugehen, welche Aspekte in der Vor- und Unterstufe zu realisieren sind, bzw. welche Gesichtspunkte, anhand der Darstellung der Arbeit in den Klassen, in der Praxis realisiert werden.

Ich halte es daher für notwendig, auch Aspekte wie z.B. die Bedeutung des Computereinsatzes im Hinblick auf die spätere Arbeits- und Berufswelt der Schüler mit einfließen zu lassen, auch wenn dies vordergründig noch nichts mit dem Einsatz in der Vor- und Unterstufe zu tun hat, denn die Arbeit soll auch die generelle Diskussion über die Notwendigkeit dieses Mediums in der Schule für Geistig-behinderte mit einbeziehen.

Als erster Schritt wird in Kapitel zwei zunächst mein Menschenbild beschrieben, bzw. Gedanken zu der Definition des Begriffs der geistigen Behinderung gemacht, um als Arbeitsgrundlage zu dienen.

Der Einstieg in die Thematik des Computereinsatzes beginnt mit einem Überblick über die Argumente der Kritiker, die gegen den Einsatz des Computers in der Schule für Geistigbehinderte sind, sowie den Rechtfertigungen der Befürworter. Diese Pro & Contra Diskussion wird grundlegende Aspekte beinhalten, um die Frage der Legitimation in der Schule für Geistigbehinderte im Allgemeinen zu beantworten. Prinzipiell baut die Arbeit aber auf dem Standpunkt auf, dass der Computereinsatz grundsätzlich zu befürworten ist. »Die Computerrevolution ist vorbei, sie hat längst gewonnen.« 1

Das vierte Kapitel beschäftigt sich mit den vielfältigen Einsatzmöglichkeiten des Computers im Bereich der Schule für Geistigbehinderte. Weiterhin wird der Blick auf die unterschiedlichen Arten von Programmen und Software gerichtet, sowie Lernziele vorgestellt, die mit Hilfe des PCs verfolgt werden können. Dieses Kapitel soll einen weit gefächerten Überblick geben, was eigentlich alles mit dem Computer im Unterricht möglich ist.

Im fünften Kapitel wird dann daraufhin untersucht, welche der vorgestellten Möglichkeiten des Einsatzes auch für Schüler der Vor- und Unterstufe in Frage kommen. Hierzu werden die Förderschwerpunkte in den einzelnen Schulstufen verglichen und dann die erforderlichen Voraussetzungen für die unterschiedlichen Anwendungsbereiche geprüft.

Im zweiten Teil der Arbeit wird auf der Basis der theoretischen Grundlagen, die Beziehung zur Praxis hergestellt, indem der Einsatz des Computers einer Vor- und einer Unterstufe zwei verschiedener Schulen für Geistigbehinderte vergleichend dargestellt wird.

Dabei fließen eigene Beobachtungen, sowie Gespräche mit den Lehrern in die Illustration der beiden Klassen mit ein.

In der Vorstufenklasse der A-Schule habe ich in vier aufeinanderfolgenden Wochen bei den entsprechenden PC-Stunden hospitiert, in der Unterstufenklasse der D-Schule konnte ich eine gesamte Woche am Unterricht teilnehmen. Diese Maßnahme war durch die unterschiedliche Anwendung des Computers im jeweiligen Unterricht notwendig. Eine detaillierte Beschreibung meiner Vorgehensweise bei diesem Vergleich, ist einleitend vor dem Kapitel zu finden.

Es soll weiterhin darauf hingewiesen werden, dass der Vergleich keinen empirischen Anspruch hat, sondern der praxisnahen Einbettung in die Gesamtthematik dient.

Im abschließenden siebten Kapitel wird im Zuge der Reflexion der theoretische und der praktische Teil miteinander verbunden. Die wichtigsten Aspekte meines Themas werden aufgearbeitet, um ein Gesamtresümee ziehen zu können, wobei jeweils Gedanken zu denkbaren Perspektiven eingearbeitet sind.

Da eine Arbeit zu diesem Themenbereich nicht ohne entsprechende Fachtermini auskommt, befindet sich im Anhang ein Glossar, indem die verwendeten Begriffe gesondert erklärt werden.

Ich möchte noch darauf hinweisen, dass diese Arbeit nach den Regeln der neuen deutschen Rechtschreibung angefertigt wurde. Außerdem verwende ich zur besseren Lesbarkeit die männliche Schreibweise, ohne damit eine Wertung verbinden zu wollen.

2 Überlegungen zum Begriff dergeistigen Behinderung

Eine Erläuterung des Begriffs geistige Behinderung ist mir wichtig, da hierdurch einerseits der angesprochene Personenkreis definiert wird und andererseits sich das Spezifische des Unterrichts mit Menschen mit einer geistigen Behinderung teilweise aus der Beschreibung ergibt. Dabei soll aber auf eine große Menge verschiedener Definitionen verzichtet werden und nur kurz die wichtigsten Ansichten genannt werden.

In Anbetracht der unzählbaren Mengen von Definitions- oder Klassifikations-versuchen von geistiger Behinderung wird deutlich, dass es eine letztendlich gültige Fassung nicht geben kann. Entscheidend ist immer, aus welchem Blickwinkel und von welchem Interesse geleitet geistige Behinderung betrachtet und bewertet wird. Die definitorischen Beurteilungen sind also von den jeweiligen Sichtweisen, Einstellungen und Beurteilungskriterien der Personen abhängig, die Begriffs-bestimmungen vornehmen.

Das Menschenbild des Mediziners, des Soziologens, des Psychologens, des Pädagogens oder auch der allgemeinen Gesellschaft spielen hier eine Rolle und sind somit für das Zusammenleben der Menschen mit und ohne Behinderungen von Bedeutung.

Die verschiedenen Wissenschaftler, ob nun aus der Sonderpädagogik oder aus anderen Fachdisziplinen, versuchen sich auch auf unterschiedlichen Ebenen an die Begriffe heranzutasten.

- Der sozialwissenschaftliche Ansatz bezieht sich insbesondere auf die gesellschaftlichen Bedingungssysteme.
- Der psychologische Ansatz konzentriert sich auf die Beschreibung der Entwicklung und Retardierung der Intelligenz, ist aber auch über diese ursprüngliche Verengung hinaus gewachsen und erstreckt sich heute mindestens ebenso zentral in den Bereich sozialen Anpassungs- und Lernverhaltens.2
- Aus der Medizin kommen wohl die ältesten Definitionsversuche. Es gibt auch hier keine einheitliche Definition in Anbetracht der Fülle von Behinderungserscheinungen. Bei diesen Begriffserklärungen von geistiger Behinderung wird von einem Intelligenzdefekt ausgegangen, wie z.B. bei dieser Definition:

„Geistige Behinderung: Oligophrenie, sog. Schwachsinn, allgemeine Bezeichnung für ätiologisch uneinheitlichen, angeborenen oder frühzeitig erworbenen Intelligenzdefekt.“ 3

Der Einfluss dieser negativen und auch unzureichenden Definitionen haben immer noch einen großen Einfluss auf alle Mitwirkenden, da besonders der medizinische Aspekt das Leben von Menschen mit einer geistigen Behinderung stark beeinflusst. Jedoch muss auch daran gedacht werden, dass die Medizin in physiologischen Angelegenheiten innerhalb der Behindertenarbeit eine wichtige Rolle spielt.

Es muss festgestellt werden, dass sich das Bild von Menschen, denen eine geistige Behinderung zugeschrieben wird, sich im Laufe der Geschichte immer wieder gewandelt hat und durch Veränderungen gekennzeichnet ist.

Seit den siebziger Jahren basieren die geänderten Einstellungen, auf dem Verständnis der geistigen Behinderung als Entwicklungsverzögerung, wobei man annimmt, dass sich eine weniger kompetente Person durch Hilfen einer kompetenteren weiterentwickeln kann, wenn diese beiden Personen zu einer gemeinsamen Tätigkeit zusammenfinden.4

Diese Sichtweise von geistiger Behinderung beurteile ich in Bezug auf das Vorhaben dieser Arbeit als hilfreich, denn sie impliziert für mich

- generell gleich bzw. ähnliche angelegte Lernprozesse und Interessen aller Menschen
- alle Menschen als gleichwertig und gleichartig anzusehen
- zugleich einen erhöhten Förderanspruch von Menschen mit einer geistigen Behinderung
- demzufolge auch die Zielsetzung der Hilfe als Entwicklungshilfe zur Selbständigkeit

Es könnte jetzt vielleicht der Eindruck entstanden sein, dass es nur eine Zeitfrage wäre, wann die geistige Behinderung zu überwinden sei. Deshalb muss festgestellt werden, dass es Entwicklungsspitzen gibt, welche die Gesamtentwicklung im Ganzen begrenzt.5

Meines Erachtens kann der Aspekt der Entwicklungsverzögerung, bei Berück-sichtigung der aufgeführten Grenzen, hilfreich sein, einen pädagogischen Ansatz zu finden, im Hinblick auf die Förderung von Menschen mit einer geistigen Behinderung.Diese Überlegungen sollen deshalb der Arbeit zu Grunde liegen.

3 Zur Legitimation des Computereinsatzes in der Schule für Geistigbehinderte

Der Einsatz des Computers im sonderpädagogischen Bereich wird heute prinzipiell akzeptiert, jedoch ist das Legitimationsproblem damit noch nicht aus der Welt. Da es auch im Hinblick auf das Thema dieser Arbeit um eine Legitimationsfrage geht, die sich speziell auf den Einsatz in der Vor- und Unterstufe bezieht, soll des weiteren eine Diskussion über die Argumente Pro & Contra aufgeführt werden.

3.1 Kritikpunkte zum Computereinsatz

Da auch in der neueren Literatur (z.B. STUDER/LUDER6 ) zu diesem Thema immer wieder auf die Kritikpunkte von HAGEMANN7 verwiesen wird, sollen diese hier vorgestellt werden. Es folgt zunächst eine Zusammenfassung der von HAGEMANN aufgestellten Kritikpunkte, aufgeteilt in drei Ebenen. Danach werden die einzelnen Punkte näher erläutert und mit dem jetzigen Stand des Computereinsatzes bei Menschen mit einer geistigen Behinderung verglichen.

Grundsätzliche Kritik:

- Der Computer ist behindertenfeindlich.
- Der Computer geht an den Bedürfnissen geistig behinderter Schüler vorbei.
- Alles, was der Schüler mit dem Computer lernen kann, kann er auch ohne ihn lernen.

Kritik an Art und Form des Einsatzes:

- Die Programme, die bisher entwickelt wurden, sind unzulänglich.
- Die Eingabegeräte sind für einen geistig behinderten Schüler zu kompliziert in der Anwendung.
- Ohne pädagogische Konzepte lässt sich keine Einsatzform rechtfertigen.

Kritik von Seiten der Theorie:

- Ohne eine wissenschaftstheoretische Überprüfung und Verwurzelung bleibt die Stellung des Computers im sonderpädagogischen Förderkanon unklar.
- Der Computereinsatz entspricht nicht dem ganzheitlichen Förderansatz und kommt nur vordergründig dem Normalisierungsprinzip nach.“8

Auf der Ebene der grundsätzlichen Kritik wird der Sinn des Einsatzes im Allgemeinen in Frage gestellt. Die ersten beiden Kritikpunkte der Computer sei behindertenfeindlich und er würde an den Bedürfnissen der Schüler vorbeigehen, können nach heutigem Stand wohl ohne weitgehende Erklärungen entkräftet werden. Einerseits ist er eher behindertenfreundlich, da er sich als unendlich geduldiger Übungspartner erweißt und andererseits können die Bedürfnisse und Fähigkeiten von Schülern mit einer geistigen Behinderung gar nicht so genau bestimmt werden, dass sich eine Aussage erübrigt, was an den Bedürfnissen vorbei geht und was nicht.

Auf den dritten Punkt, dass alles, was der Schüler mit dem Computer lernen kann, auch ohne ihn lernen kann, soll folgendes erläutert werden.

Der Computer wird von seinen Kritikern als überflüssig bezeichnet. Bereiche, in denen eine Förderung mit dem Computer möglich wären, wie z.B. die Verbesserung der visuellen Wahrnehmung, der Auge-Hand-Koordination oder der Ursache-Wirkung-Erfahrung, werden schon durch den herkömmlichen Unterricht ausreichend abgedeckt. Dasselbe gilt für den Bereich der Kulturtechniken. Für den Computer bleibt, so die Kritiker, nichts übrig, denn in Bereichen in denen der Mensch mit einer geistigen Behinderung noch zusätzliche Hilfe benötigt, wie der Umgang mit sich selbst und mit seinen Mitmenschen, kann der Computer nichts beisteuern.9 Letzteres mag zutreffen, dennoch lässt sich fragen:

“Kann ein Medium ausgeklammert werden, nur weil es früher auch ohne es ging und ein augenblicklicher Handlungsbedarf innerhalb einer realen pädagogischen Problemstellung scheinbar nicht vorliegt?“ 10

Natürlich nicht. Hätte der Mensch schon immer so gehandelt, dann würde es in der heutigen Schule auch kein Fernsehgerät, keinen Overhead-Projektor, keinen Videorecorder usw. geben. Wenn man sich noch einmal die Aussage, »Die Computerrevolution ist vorbei, sie hat längst gewonnen.« 11, in Erinnerung ruft, zeigt dies deutlich, dass die grundsätzliche Kritik nicht mehr aufrecht erhalten wird. Es kann vielmehr festgestellt werden, dass anstatt der Überlegung, ob der Computer in der Schule für Geistigbehinderte eingesetzt werden sollte, die Diskussion, wie er eingesetzt werden kann, in den Vordergrund getreten ist.

Auf der Ebene der Kritik an Art und Form des Einsatzes wird im Prinzip der Einsatz eines Computers in der Schule für Geistigbehinderte befürwortet, jedoch wird die Art und Weise bemängelt, wie der Computer in dieser Schulform verwendet wird.

In erster Linie muss zu dem Standpunkt, dass die Programme, die bisher entwickelt wurden, unzulänglich sind, festgestellt werden, dass sich dies bis heute nicht entscheidend verändert hat.

„Das Problem [...] ist eher ein Software- als ein Hardwareproblem, denn es gibt kaum geeignete Programme für diese Schulen.“ 12

Diese mangelnde Anzahl an Software für Menschen mir einer geistigen Behinderung zeigt sich auch, wenn man in der SODIS-Datenbank (Softwaredokumentations- und Informationssystem, welches Informationen über Unterrichtssoftware sammelt und bewertet) recherchiert. Aus diesen Gründen werden auch heute noch vielfach Programme eingesetzt, die ursprünglich für Lernbehinderte entwickelt wurden. Dabei handelt es sich größtenteils um Übungsprogramme mit Drillcharakter zur Förderung der Kulturtechniken Lesen, Schreiben und Rechnen.

Sicherlich wären Programme am besten geeignet, die speziell für Schüler mit einer geistigen Behinderung entwickelt werden. Trotzdem sollten deshalb m.E. aber nicht alle anderen verfügbaren Lernprogramme als unzulänglich für den Einsatz an der Schule für Geistigbehinderte bezeichnet werden. Viele dieser Programme können mit leichter Hilfestellung und etwas Phantasie seitens des Lehrers auch von Schülern mit einer geistigen Behinderung genutzt werden.

Auch im Sinne der Integration von Menschen mit einer geistigen Behinderung in unsere Gesellschaft ist ein reflektierter Einsatz von Software aus anderen Bereichen, im Rahmen der Möglichkeiten und Fähigkeiten der Schüler, durchaus zu begrüßen.

Zum Kritikpunkt, dass die Eingabegeräte für einen geistig behinderten Schüler zu kompliziert in der Anwendung sind, scheint nicht nachvollziehbar. Es gibt für den Computer eine Vielzahl unterschiedlicher Steuerungs- und Eingabemöglichkeiten. Mit den Cursor-Tasten am Keyboard, über die Maussteuerung, Touch-Pad, Trackball bis hin zum Joystick sind einige günstige und auch sehr unterschiedliche Möglichkeiten genannt. Für Schüler, die damit nicht zurechtkommen, sind heute noch andere, wenn auch etwas teurere Lösungen, möglich. Für jeden Menschen mit einer geistigen Behinderung, gleich welchen Grades, kann somit ein Eingabegerät für den Computer gefunden werden. 13

Dieser Kritikpunkt setzt voraus, dass alle Menschen mit einer geistigen Behinderung gleich sind, dabei ist wohl niemand in der Lage im vornherein zu entscheiden, was ein Mensch, mit welcher Behinderung auch immer, leisten kann und möchte. Das Leistungsvermögen darf deshalb nicht generalisiert werden, sondern jeder einzelne Schüler muss individuell betrachtet werden.

Dem Argument, dass sich ohne pädagogische Konzepte keine Einsatzform recht-fertigen lässt, muss natürlich zugestimmt werden. Das Ziel des pädagogischen Konzepts für den Einsatz des Computers an der Schule für Geistigbehinderte unterscheidet sich nicht von allgemeinen pädagogischen Grundsätzen. Hierbei wäre eine individuelle, ganzheitliche Förderung des Menschen zu nennen, die zu einer möglichst großen Selbständigkeit und Unabhängigkeit führen soll.

„Es liegt in der Verantwortung des Pädagogen zu erkennen, welche Ziele und Inhalte man mit dem Computer verfolgen kann, welche nicht hinreichend mit dem Computer erarbeitet werden können und welche in Ergänzung zum her-kömmlichen Unterricht dienen“.14

Die Verantwortung für einen vertretbaren Einsatz des Computers liegt also letztendlich beim Lehrer. Dabei ist die Auseinandersetzung mit der Materie eine wichtige Vorraussetzung, um die notwendigen Kenntnisse dieses Mediums zu erlangen.

Auf der Ebene der Kritik von Seiten der Theorie wird bezweifelt, dass der Computereinsatz in dieser Schulform mit den didaktischen und pädagogischen Grundgedanken der Geistigbehindertenpädagogik in Übereinstimmung gebracht werden könne. Der erste Aspekt, dass ohne eine wissenschaftstheoretische Über-prüfung und Verwurzelung die Stellung des Computers im sonderpädagogischen Förderkanon unklar bleibt, ist mittlerweile überholt, denn es sind inzwischen pädagogische Konzepte zum Computereinsatz entwickelt worden. Die vielseitigen Möglichkeiten, die mit den Einsatz des Computers verbunden sind, werden noch im Rahmen des nächsten Kapitels aufgezeigt.

Zu dem zweiten Aspekt, dass der Computereinsatz nicht dem ganzheitlichen Förderansatz entspricht und nur vordergründig dem Normalisierungsprinzip nachkommt, kann folgendes zusammengetragen werden.

Zunächst kann man feststellen, dass der Computer in der Schule nicht ganzheitlich eingesetzt werden kann, da er sich hauptsächlich zur kognitiven Förderung eignet.

Jedoch weist HAGEMANN auch auf die Vernachlässigung des kognitiven Bereichs durch den ganzheitlichen Förderansatz hin und sieht im Computer die Möglichkeit, dem Mangel an kognitiver Förderung entgegenzuwirken.

Der Computer sollte deshalb “[...] als ein Medium unter vielen vom Pädagogen in einen qualitativen, mehrdimensionalen und elementaren Förderansatz integriert werden […], ohne die Gesamtpersönlichkeit des Menschen aus dem Blick zu verlieren.”15

Der Computer kann also durchaus in der Schule eingesetzt werden, obwohl er nicht dem ganzheitlichen Förderansatz entspricht. Lernbereiche, die vom Computer nicht hinreichend abgedeckt werden, können schließlich auch durch andere Medien erschlossen werden.

Dem Argument, dass der Computer nur vordergründig dem Normalisierungsprinzip nachkommt, kann m.E. zugestimmt werden. Es ist nämlich nicht immer möglich, dem Schüler mit einer geistigen Behinderung den Computer auf die selbe Weise näher zu bringen, wie einem nicht behinderten Schüler.

Weiterhin kann der Computer dem Normalisierungsprinzip nicht gerecht werden da, die informationstechnische Grundbildung (ITG) einen großen Bereich des Computereinsatzes in Regelschulen einnimmt, welche aber in diesem Maße nicht auf die Schule für Geistigbehinderte übertragen werden kann. Dennoch bietet der Computer darüber hinaus noch genügend Möglichkeiten, die Menschen mit einer geistigen Behinderung nicht unbedingt überfordern müssen.

Zwar überlasten einige Aspekte, besonders in Bezug auf das Hintergrundwissen des Computers, den Menschen mit geistiger Behinderung, es sollte aber bedacht werden, dass für die Arbeit am Computer in den meisten Fällen gar kein Hintergrundwissen notwendig ist.

Die meisten Menschen in unserer Gesellschaft benutzen inzwischen Geräte oder Maschinen, deren Funktionsweise sie nicht vollständig erklären können. Trotzdem steht dort der Einsatz nicht zur Diskussion.

3.2 Positive Argumente für den Computereinsatz

Wie sich bei der Darstellung der Kritikpunkte gezeigt hat, müssen kritische Argumente nicht unbedingt negative Aspekte beinhalten. Es sind sogar in einigen Punkten positive Gesichtspunkte angeklungen, wie der Einsatz des Computers verbessert werden kann.

Die in der Literatur immer wiederkehrenden Argumente, die für einen Einsatz des Computers bei Menschen mit einer geistigen Behinderung sprechen, sollen hier zusammengefasst aufgeführt werden:

- Die häufig erwähnte Faszination und Motivation die vom PC ausgeht.
- Die Möglichkeiten, zur inneren Differenzierung im Unterricht.
- Freude und Entstehung von Selbstvertrauen.
- Förderung von Konzentration und Ausdauer.
- Förderung von sozialer Interaktion und Kommunikation.
- Training der Feinmotorik.
- Die endlose Geduld und Objektivität des Computers als Trainingspartner.
- Die vielseitige Einsetzbarkeit des PCs.

Ein weiterer, übergeordneter Grund für den Einsatz ist, dass das Medium Computer eine hohe Bedeutsamkeit für das heutige Leben in unserer Gesellschaft hat. Deshalb darf es auch Menschen mit einer geistigen Behinderung nicht verwehrt werden, damit in Kontakt zu treten.

Die Computerisierung in den unterschiedlichsten Bereichen unseres alltäglichen Lebens hält immer mehr Einzug, wie z.B. Taschenrechner, Geldautomaten, von den unzähligen Chip-Karten ganz zu schweigen. Wir werden alle in immer stärkerem Ausmaß dieser Technik ausgesetzt, die von uns bestimmte Kompetenzen verlangt. Deshalb sollte auch Menschen mit einer geistigen Behinderung zumindest die Chance gegeben werden, sich nach ihren Möglichkeiten und Fähigkeiten damit auseinander zusetzen, um größtmögliche Handlungskompetenzen erwerben zu können.

Wenn die Blickrichtung auf die Zukunftsbedeutung des PCs für Menschen mit einer geistigen Behinderung geworfen wird, wird nämlich deutlich, dass auch deren Arbeitsplatz in der Werkstatt für Behinderte immer mehr durch den Einsatz von Computern bestimmt wird. In diesem Punkt unterscheidet sich die Entwicklung nicht vom offenen Arbeitsmarkt. Ein Beispiel für diese Entwicklung ist der nordrhein-westfälische BLK Modellversuch IKOG. Mittelpunkt dieser Untersuchung ist die Entwicklung von Software, die es Menschen mit geistiger Behinderung ermöglicht, CNC-Fräsmaschinen zu bedienen.16

Um aber wieder in den Bereich der Schule zurückzukommen, kann folgendes noch abschließend festgehalten werden. Wenn der Computer nicht mit dem Ziel eingesetzt wird, etwas über ihn selbst zu lernen, sondern mit seiner Hilfe andere Inhalte zu vermitteln, dann bietet er neue Chancen, weil er durch die vielen Variations- und Dokumentationsmöglichkeiten in multimedialer Form neue methodische Zugänge eröffnet.17

3.3 Zusammenfassung und Anmerkungen

Dass ich dem Einsatz moderner Technologien, in diesem Fall dem Computer, im Unterricht mit Menschen mit einer geistigen Behinderung eindeutig positiv gegenüberstehe, müsste in den Ausführungen deutlich geworden sein.

In diesem Kapitel wurden viele kritische Argumente behandelt, wobei jedoch eine Vielzahl der Aspekte nach heutigem Stand nicht mehr aufrecht zu erhalten sind. Eskonnten z.B. die Gesichtspunkte der grundsätzlichen Kritik hinreichend widerlegt werden.

Durch die Kritik an Art und Form des Einsatzes wurde indessen deutlich, dass in diesem Bereich weiterhin Verbesserungen nötig sind. Es ist immer noch das Angebot von Software bzw. Programmen, die den Bedürfnissen und Fähigkeiten der Menschen mit einer geistigen Behinderung gerecht werden, zu bemängeln. Dieses Angebot gilt es zu erweitern.

Der Kritik von Seiten der Theorie konnte nachgewiesen werden, dass der Computer-einsatz in dieser Schulform durchaus mit den didaktischen und pädagogischen Grundgedanken der Geistigbehindertenpädagogik in Übereinstimmung gebracht werden kann.

Es ist die Aufgabe eines verantwortungsvollen Pädagogen sich mit der stets verändernden Welt auseinander zu setzen, um den Schülern ein aktuelles Weltbild vermitteln zu können. Da der Computer unzweifelhaft zu der heutigen Welt dazugehört, rechtfertigt dies auch seinen Einsatz in der Schule. Dabei kann ihn seine vielseitige Einsetzbarkeit für ein sehr wertvolles Medium in der Hand des Lehrer werden lassen, wenn dieser ihn reflektiert im Unterricht benutzt.

Abschließend kann gesagt werden, dass die positiven Möglichkeiten die negativen aufwiegen, m.E. sogar klar dominieren, so dass der Computereinsatz an der Schule für Geistigbehinderte eindeutig gerechtfertigt ist.

4 Einsatzmöglichkeiten des Computers im Unterricht der Schule für Geistigbehinderte

Es lassen sich drei übergeordnete Formen bei der Verwendung des Computers im Unterricht unterscheiden. Dabei bieten sich die Möglichkeiten als Unterrichts-gegenstand, Unterrichtsmedium, oder als Sonderanfertigung an.

„Alle differenzierterenDarstellungen in Erfahrungsberichten, Konzeptionen oder sonstigen Entwürfen lassen sich auf diese Formen zurückführen.“ 18

Zur anschaulicheren Darstellung soll diese Übersicht dienen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung aus: HAGEMANN 1997, S. 136

Zur Funktion des Computers als Sonderanfertigung soll nur kurz angemerkt werden, dass er einerseits als Schreibhilfe dienen kann, z.B. bei Bewegungseinschränkungen, und andererseits eine Hilfe zur Kommunikation darstellen kann, wie bei der unterstützten Kommunikation (AAC) und der gestützten Kommunikation (FC). Diese Einsatzmöglichkeit ist aber nicht weiter bedeutend für das Thema der Arbeit, sollte aber nicht unerwähnt bleiben. Die Verwendungsformen als Unterrichts-gegenstand und vor allem als Unterrichtsmedium werden in den nächsten beiden Abschnitten näher vorgestellt. Als Ergänzung zu der Abbildung möchte ich weiterhin in diesem Kapitel auf den Einsatz des Computers als Spielgerät eingehen. Deshalb wird sich Punkt 4.3 mit den verschiedenen Computerspielen bzw. dem Spielen am PC beschäftigen.

[...]


1 Vgl. Pammer, 1999, S. 205

2 Vgl. Speck, 1990, S. 46

3 Pschyrembel, 1997

4 Vgl. Studer / Dias, 1995, S. 74

5 Vgl. Mühl, 1994, S. 29

6 Vgl. Studer / Luder, 1999, S. 195

7 Vgl. Hagemann, 1993, S. 335-347

8 Hagemann, 1993, S. 336

9 Vgl. Ebd., S. 339

10 Ebd., S. 338

11 Vgl. Pammer, 1999, S. 205

12 Dönhoff, 1999, S. 109

13 Vgl. Hagemann, 1993, S. 340

14 Blesch, 1995, S. 42

15 Hagemann, 1993, S. 343

16 Vgl. Neeb, 1997, S. 143-157

17 Vgl. Studer / Luder, 1999, S. 195

18 Hagemann, 1997, S. 136

Ende der Leseprobe aus 65 Seiten

Details

Titel
Computereinsatz an Schulen für geistig Behinderte als angemessenes Medium für Spiel- und Lernprozesse
Untertitel
Unterricht in der Vor- und Unterstufe in zwei Klassen im Vergleich
Hochschule
Universität zu Köln
Note
3
Autor
Jahr
2000
Seiten
65
Katalognummer
V185554
ISBN (eBook)
9783668287150
ISBN (Buch)
9783867464581
Dateigröße
720 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
computereinsatz, schulen, behinderte, medium, spiel-, lernprozesse, unterricht, vor-, unterstufe, klassen, vergleich
Arbeit zitieren
Michael Werner (Autor), 2000, Computereinsatz an Schulen für geistig Behinderte als angemessenes Medium für Spiel- und Lernprozesse, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/185554

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