Familientherapie auf systemischer Basis


Diplomarbeit, 2000
203 Seiten, Note: 2

Leseprobe

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Einleitung

Die Familie als primäre Sozialisationsinstanz des Kindes hat aufgrund der vielfältigen sozialen Funktionen in den Erziehungs-, Bildungs- und Ausbildungsprozessen eine herausragende Bedeutung, die Horkheimer (1936) folgendermaßen beschreibt:

„Unter den Verhältnissen, welche die seelische Prägung des größten Teils aller Individuen sowohl durch bewußte als durch unbewußte Mechanismen entscheidend beeinflussen, hat die Familie eine ausgezeichnete Bedeutung. Die Vorgänge in ihr formen das Kind von seinem zartesten Alter an und spielen bei der Entfaltung seiner Fähigkeiten eine ausschlaggebende Rolle. So wie im Medium dieses Kreises die Wirklichkeit sich spiegelt, erfährt das Kind, das in ihm aufwächst, ihren Einfluß. Die Familie besorgt, als eine der wichtigsten erzieherischen Mächte, die Reproduktion der menschlichen Charaktere, wie sie das gesellschaftlich erfordert“ (ebd.; zit. n.: Bohrhardt, 1999, 14).

Muss (1999) bezeichnet die Familie sogar als die Lebensform, die „die effektivste kör- emotionale, soziale und intellektuelle Entwicklung von Kindern gewährleistet“ (ebd, 116). So liegt die Vermutung nahe, dass eine gestörte Entwicklung des Kindes im Zusammenhang mit den familiären Bedingungen steht. Bereits Freud wies auf die Bedeutung der Familie für den Kranken hin: „`Vor allem anderen wird sich unser Interesse den Familienverhältnissen der Kranken zuwenden´ (...)“ (Freud, zit. n.: Buchholz) und verdeutlicht das frühe Interesse von Therapeuten an der familiären Situation. So wird auch die Ursache von Verhaltensstörungen (nach dem pädagogischen Erklärungsansatz) als wesentlich durch familiäre Bedingungen beeinflusst gesehen: „(...) Verhaltensstörungen sind das Ergebnis eines Interaktionsprozesses (Wechselwirkungen) zwischen dem genetisch einzigartigen Kind oder Jugendlichen mit seinen individuellen Tendenzen und seinen ganz spezifischen Gegebenheiten in der Umwelt auf verschiedenen Systemebenen“ (Myschker, 1999, 106).

Systemische Familientherapie als Medium der Transformation dysfunktionaler Familien und analog dysfunktionaler Verhaltensweisen erscheint in diesem Zusammenhang von großem Interesse für das professionelle pädagogische Handeln. Doch es stellt sich die Frage, wie sich ein familientherapeutischer Transformationsprozess gestalten soll, damit eine `dysfunktionale´ Familie zu einer `funktionalen Familie´ verändert wird. Wie lösen familiäre Interaktionsmuster dysfunktionale Verhaltensweisen bei ihren Familienmitgliedern aus? Wie ist es möglich, dass sich bei Geschwistern, die aus dem gleichen familiären Umfeld kommen, dysfunktionale Verhaltensweisen ausbilden, während ein anderes unauffällig erscheint? Wie kann Familientherapie den Anforderungen der heu-

Einleitung

(Rauchfleisch, 1997) alltäglich von der Boulevardpresse thematisiert wird, entsprechen? Diese und ähnliche Fragestellungen werden in der vorliegenden Arbeit anhand der Darstellung verschiedener familientherapeutischer Ansätze beantwortet. Aus der Vielzahl familientherapeutischer Theorien habe ich vier Schulen exemplarisch herausgegriffen.

Bei der Auswahl habe ich die folgenden beiden Kriterien berücksichtigt: Zum einen gelten die von mir ausgewählten familientherapeutischen Schulen als Pioniere ihrer Zeit und Richtung. Als klassische Ansätze der systemischen Familientherapie bilden sie das Fundament der weiteren Entwicklung der Familientherapie bzw. der systemischen Therapie. Zum anderen entwickelte sich im Laufe der 80er Jahre des letzten Jahrhunderts aus einer Initialzündung Paul Dells auf dem Züricher Kongress 1981 die Familientherapie zur eigentlich systemischen Therapie, dessen Gegenstand, in Abhängigkeit zur jeweiligen Schule, nicht mehr ausschließlich die Familie als solches ist (vgl. Ludewig, 1996). Die Weiterentwicklung der systemischen Therapie weist große Binnenunter-

schiede auf, so dass Deissler (2000) sogar davon spricht, dass es „ (...) systemische Therapie als einheitliches Verfahren (...) es nie gegeben hat, (...) es nicht gibt, und es auch in der Entwicklung und weiteren Ausdifferenzierung nicht geben wird “ (ebd., 126). Gleichzeitig zeigten andere Therapien wiederum Bestrebungen, mit Familien zu arbeiten (vgl. Ludewig, 2000, Interview). Die ausgewählten familientherapeutischen Schulen erscheinen unter der Berücksichtigung, dass sie die thematischen Anforderungen nach „Familientherapie auf systemischer Basis“ bestmöglich erfüllen. Aus der Thematik der vorliegenden Arbeit und dem zugrunde liegenden Ansatz ergibt sich folgende Grobgliederung:

Im ersten Teil sollen Familie als Institution und ihre Entwicklung zu pluralistischen Familienformen, ihrem Funktionswandel sowie heutige soziale Bedingungen als Gegenstand der Familientherapie vorgestellt werden.

Im zweiten Teil werden Grundlagen und Entwicklung der systemischen Konzeption und ein Überblick über die verschiedenen systemischen Schulen dargestellt. Im Mittelpunkt steht hier die Darstellung von vier exemplarisch herausgegriffenen Familientherapieschulen: Die psychoanalytische Familientherapie nach Richter und nach Stierlin, die

Einleitung

Der vorliegenden Arbeit liegen die seit dem 1. August 1998 gültigen Regeln der neuen deutschen Rechtschreibung zugrunde, mit Ausnahme der wörtlich übernommenen Zitate. Weiterhin verwende ich aus stilistischen Gründen bei Personenangaben, die sich inhaltlich auf beide Geschlechter beziehen, die männliche Form.

Einführung in die Thematik

2.1 Einführung in die Thematik

Seit Gründung der Bundesrepublik Deutschland wurde die Frage nach „Wandel und Kontinuität der Familie“ immer wieder gestellt (vgl. Nave-Herz, 1988, 5). Nach Rauchfleisch (1997) wird „in den Massenmedien wie auch in der Fachliteratur (...) seit vielen Jahren das Lamento über „den Zerfall der Familie“ angestimmt.“ (ebd., 7) Nachfolgend soll die Familie und deren Entwicklung als Gegenstand der Familientherapie untersucht werden. Aus Gründen der Umfangsbeschränkung werden zentrale Themen exemplarisch herausgegriffen.

Der Begriff `Familie´ (lat. familia- Hausgenossenschaft, Dienerschaft) ist in seiner Definition abhängig von den verschiedenen historischen Epochen und deren Rechtsgrundlage. Die definitorische Bestimmung der Familie soll anhand eines historischen Einblickes in die Entwicklung der Familie erörtert werden.

2.2 Historischer Abriss: Die Entwicklung von der

Großfamilie zur industriellen Kleinfamilie

Zur Zeit des antiken Roms zählten gemäß der Patria potestatis alle Personen und mate- Güter, die zum Haus gehörten, zur Familie. Im Mittelalter erweitert sich der Begriff um alle Personen, die von einem Haus, einer Burg, einem Schloss oder einem Fürstentum abhängig waren. Familie wurde nicht mehr auf die reine Blutsverwandtschaft bezogen, sondern bezeichnete eine Konsum-, Arbeits- und Wirtschaftseinheit, was Gestrich (1999) auch als „große Haushaltsfamilie“ beschreibt. Mit der Ablösung des Klassizismus zur Wende des 19.Jahrhunderts, wandelte sich die Welt - und Lebensanschauung, insbesondere das Ehe- und Familienkonzept. Verstand man zuvor Ehe als einen Kontrakt gegenseitiger Verpflichtungen, basierend auf Rationalität sowie religiöse und rechtliche Kanonisierung, setzte sich nun ein säkularisiertes Verständnis von Ehe und Familie durch: Die romantische Beziehung wurde zum Leitbild und die gegenseitige Liebe der Ehepartner das Fundament der bürgerlichen Familie. Als Krönung der Romantisierung der Ehe kam es zu einer Polarisierung der Geschlechtercharaktere: Passivität, Emotionalität und Mütterlichkeit galten als begehrenswerte weibliche Attribute; Aktivität, Rationalität und Berufsorientierung als we-

Historischer Abriss: Die Entwicklung von der Großfamilie zur industriellen Kleinfamilie

jedoch ökonomische Engpässe und bedingten die bäuerlichen Mehrgenerationshaushalte im 20.Jahrhundert. (So lebten laut Gestrich (1999) noch in den 60er des 20. Jahrhunderts 50% der bäuerlichen Familie in Drei- oder Mehrgenerationshaushalten, während der Bundesdurchschnitt bei 7% lag.)

Im Großbürgertum lässt sich das Bild des `ganzen Hauses´ bzw. der Großfamilie wiederfinden. (Die Haushalte hatten hier den Charakter von Wirtschaftshöfen und Gesinde oder Dienstboten galten als Statussymbol.)

Im Laufe der 20er des 20. Jahrhunderts entfachte durch den Einfluss der USPD und KPD die Ehereformdiskussion in der Arbeiterschaft: Die traditionellen patriarchalischen Strukturen der Ehe wurden angegriffen und man forderte die Kamaradschaftsehe. Diese demokratischen und emanzipatorischen Tendenzen wurden in der NS-Zeit wieder unterdrückt und statt dessen wurden die alten patriarchalischen Strukturen verfestigt. Die Erwerbstätigkeit der Frau galt als Verfehlung ihrer Bestimmung als Ehefrau und Mutter, um das rassenpolitisch erwünschte Ziel der hohen Fertilitätsrate zu erfüllen. Als Konsequenz des politischen Missbrauchs der Familie wurde sie 1949 durch die Konzeption als Intimsphäre institutionalisierter Privatheit geschützt: „Ehe und Familie stehen unter dem besonderen Schutz der staatlichen Ordnung“ (Art.6 Absatz 1, des GG, zit. n.: Stober, 2000, 137).

Historischer Abriss: Die Entwicklung von der Großfamilie zur industriellen Kleinfamilie

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2 Die Trennung von Unternehmen und Familie innerhalb der bäuerlichen Familienwirtschaft evozierte die Loslösung der Großfamilie als ideales Familienbild.

Historischer Abriss: Die Entwicklung von der Großfamilie zur industriellen Kleinfamilie

2.2.1 Die Ehebeziehung

Im 12. Jahrhundert rief die katholische Kirche die Ehe als eines der sieben Sakramente aus, womit die Ehe als traditionelle Grundlage der Familie eine religiöse Legitimierung erfuhr. Mit Bismarcks Einführung des Allgemeinen Landrechtes 1875 wurde die Zivilehe als alleingültige Eheform anerkannt und analog das Zerrüttungsprinzip 3 der Ehe eingeführt. Ehescheidungen, die schon um 1900 den Stand von 1960 erreicht hatten 4 , waren nun vor allem ein städtisches Phänomen. Nach Gestrich (1999) ist aus historischer Sicht die Höhe der Scheidungsrate weniger Ausdruck der Instabilität oder Stabilität der Ehebeziehung, als dass sie vielmehr die Ausgestaltung des Scheidungsrechts der jeweiligen Epoche widerspiegelt.

2.2.2 Die Eltern- Kind- Beziehung

Die Eltern-Kind-Beziehung zeigte durch die Jahrhunderte hindurch ein ambivalentes Verhältnis, das besonders in den unteren Schichten auftrat: Freude und emotionale Bindung einerseits, materielle Belastungen und Einschränkungen durch große Kinderscharen andererseits (ebd.).

Im gehobenen Bürgertum lassen sich ausgehend vom Mittelalter und insbesondere im 19./20.Jahrhundert mit der Entdeckung der Kindheit regelrecht empathische Beziehungen finden: In der romantischen Ära wurden Kinder als Pfand der Liebe betrachtet, anstelle einer funktionalisierten Betrachtungsweise früherer Epochen, in der Kinder der Zweck von Ehe bzw. Sexualität waren. Diese empathischen Empfindungen verstärkten sich auch in den Unterschichten mit den zunehmenden Möglichkeiten der Geburtenkontrolle 5 und sinkender Kindersterblichkeit (ebd.).

Familienkonzept der Kernfamilie: Rückblick auf die Entwicklung in den letzten zwanzig Jahren

2.3 Familienkonzept der Kernfamilie: Rückblick auf

die Entwicklung in den letzten zwanzig Jahren

In den vergangenen zwanzig Jahren ist der Bedeutungswandel der Familie immer mehr in den Mittelpunkt der Boulevardpresse gerückt (Rauchfleich, 1997). Einerseits durch sich häufende Berichte exotischer Lebensformen für Paar- und Familienbeziehung und andererseits durch Warnrufe vor der Auflösung der Familie: Cooper (1972) spricht sogar vom „Tod der Familie“ (vgl. Nave-Herz, 1988). Andere sprechen von einem soziodemographischen Wandel der Familie:

„Bei (...) nachzuzeichnenden Entwicklungen handelt es sich um einen stabilen und seit Ende der 70er Jahre sich verstetigenden Strukturwandel, der grosso modo auf eine Auflösung der `Normalfamilie, i.S. des kernfamilialen Haushalts eines Ehepaares mit seinen leiblichen Kindern´(Wingen, 1989)hinausläuft.“ (Bohrhardt, 1999, 52).

Bohrhardt macht seine Aussagen an vier soziodemographischen Wandlungen unserer Gesellschaft fest: 1. Rückläufige Heiratsneigung

Es scheint ein Bedeutungswandel der Heiratsmotive stattgefunden zu haben: Heutige Paare heiraten überwiegend wegen Kinderwunsches und weniger wegen emotionalen und sexuellen Bedürfnissen. 2. Sinkende Fertifitätsrate

Die Fertilitätsrate hat sich von 1938 zu 1997 nahezu halbiert: Jahreszahl Zahl der Lebendgeburten auf je 1000

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(vgl. Statistisches Bundesamt, FS1, R1, 1996, 32-37)

3. Zunehmende Scheidungsrate

Die Scheidungsrate hat 1998 einen neuen Höhepunkt erreicht: jede vierte Ehe wird geschieden (Statistisches Bundesamt, Wirtschaft und Statistik, 1999).

Familienkonzept der Kernfamilie: Rückblick auf die Entwicklung in den letzten zwanzig Jahren

4. Häusliche Abwesenheit der Mutter

Die Zahl der erwerbstätigen Mütter ist von 14% (1972) auf 51% (1992) gestiegen.(Statistisches Bundesamt, Bevölkerung und Erwerbstätigkeit, F1, R1, 1998) Ursachen des Bedeutungswandels sind nach Nave-Herz (1988): 1. Liberalisierung der Geschlechtsbeziehungen, 2. Zunahme vielfältiger Rollenbesetzung, 3. Mittel der Geburtenkontrolle (und analoge Entkopplung biologischer und medizinischer Elternschaft auf der sozialen Ebene), 4. Entwicklung des Sozialstaates (und damit Lockerung der individuellen Bindung an die Herkunftsfamilie, durch soziale Absicherung auf der rechtlichen Ebene). Die Veränderungen erfolgen jedoch in den einzelnen Dimensionen in unterschiedlicher Intensität und Geschwindigkeit:

„Ferner geht (..) aus allen berichteten Wandlungsprozessen hervor, daß zwar gesamtgesellschaftliche Veränderungen zu innerfamilialem Wandel führten, aber diese Transferwirkungen nicht im Sinne eines `Reiz- Reaktions- Schemas´ zu interpretieren sind (...), sondern daß durch die hohe Komplexität des Familiensystems gesamtgesellschaftliche Wirkungen sehr unterschiedliche innerfamiliale Verarbeitung erfahren, was zur gesteigerten gegenwärtigen Variation von Familienformen geführt hat.“ (Nave-Herz, 1988, 90)

Beck-Gernsheim (1998) begründet den Pluralismus der Lebens- und Familienformen der `postfamilialen Familie´ mit einem Spannungsverhältnis, das im Zuge der Individualisierung entstand: die Ambivalenz zwischen dem individuellen Anspruch auf eigenes Leben auf der einen und die Sehnsucht nach Bindung, Nähe und Gemeinschaft auf der anderen Seite. Die neue Vielfalt der Lebensformen soll, so Wieners (1999), diesen Lebensgestaltungswünschen gerecht werden und sie kritisiert die „Glorifizierung der traditionellen Kernfamilie“, als Blockade des Entfaltungsprozesses unterschiedlicher Familientypen.

Familienkonzept der Kernfamilie: Rückblick auf die Entwicklung in den letzten zwanzig Jahren

Liebe und Ehe, Ehe und Sexualität, Sexualität und Elternschaft. 4. Wohlfahrtspolitische Rahmung

Die Wohlfahrtspolitische Rahmung unterscheidet sich in Anlehnung an Kaufmann (1933) durch drei Positionen: 1. die Position möglicher Staatsbegrenzung, 2. die Position einer selektiven Staatsverantwortung, 3. die Position einer umfassenden Staatsaufgabe.

Diese sozialstaatliche Entwicklung gibt „den Individuen (die Möglichkeit) ein Ausmaß an autonomer Lebensführung, das sie von familialen Bindungen weitgehend unabhängig macht- ein im historischen Vergleich völlig neuer Tatbestand“ (Kaufmann, 1933, zit. n.: Bohrhardt, 1999, 62).

Familienkonzept der Kernfamilie: Rückblick auf die Entwicklung in den letzten zwanzig Jahren

abhängigen Nachkommenschaft“ (Bohrhardt, 1999, 21).

2.3.1 Formen von Familien

Die Formen der Familie haben sich, wie bereits oben dargestellt, stark verändert. Nach- Tabelle über die familiäre Zusammensetzung soll einen schematischen Einblick in diese Entwicklung und geben: Familien nach ihrer Zusammensetzung 6

2,8

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9,4

10,1

2.3.1.1 Kernfamilie

Die 50er und 60er Jahren des letzten Jahrhunderts gelten als Höhepunkt der klassischen Familienkonstellation: Vater, Mutter und zwei Kinder. Diese Familienkonstellation wird nach Wieners (1999) immer noch als Standardfamilie verstanden und genießt in der Bevölkerung das hohe Ansehen einer „etabliertesten Lebensweise“ (vgl. ebd., 22f).

Familienkonzept der Kernfamilie: Rückblick auf die Entwicklung in den letzten zwanzig Jahren

Traditionelle Familie:

Die traditionelle Form der Familie ist durch klassische Aufgabenverteilung und Rollenklischees charakterisiert.

„In traditionellen Familien haben Väter und Mütter meistens eindeutige Aufgaben (...) ... Die traditionelle Art, in der Mütter sich um ihre Kinder kümmern, ist, daß sie sie füttern, anziehen, sauberhalten und mit ihnen schmusen. Die Väter verdienen traditioneller Weise das Geld außer Haus und wenn sie zu Hause sind, spielen sie mit den Kindern und unterhalten sich mit ihnen (...) sie die Väter zeigen weniger Gefühle, sind aber unterhaltsamer als die Mütter“ (Scarr, 1987, zit. n.: Wieners, 1999, 24f).

Diese Rollenvorstellungen sind keineswegs untypisch: So ergab eine EG-Untersuchung von 1987, dass in den alten Bundesländern 58% der befragten Männer sich `Nur-Hausfrauen´, 31% eine berufstätige Frau wünschten, 11% gaben keine Antwort (vgl. Wieners, 1999, 31). Laut Richter und Stachelbeck (1992) werden mit der Geburt des 1. Kinder alte Rollenschemata wieder lebendig 7 : die Frau als „emotionale Führerin der Familie“ (Oestreich, 1979) und der Mann als Ernährer der Familie 8

Familienkonzept der Kernfamilie: Rückblick auf die Entwicklung in den letzten zwanzig Jahren

2.3.1.2 Ein- Elternfamilie

Die Zahl der Ein- Elternfamilien hat infolge der steigenden Scheidungsraten 9 enorm zugenommen und hat sich mittlerweile als Standart etabliert.

Bis in die 70er Jahre hinein wurden Ein- Elternfamilien noch als `zerrüttete´ oder `desorganisierte´ Familien bezeichnet. Dies galt vor allem für Scheidungsfamilien, die von starkem sozialen Druck, Sanktionierungen und Diskriminierungen gepeinigt wurden 10 . Zur Zeit leben in der BRD 2,8 Mill. Ein- Elternfamilien, 1/6 aller Familienformen, (Statistisches Bundesamt, 99), von denen 85% allein erziehende Mütter und 15% al- 8 DerMann als Ernährer der Familie ist bereits im Familienrecht der BRD bis 1977 verankert : „Es gehört zu den Funktionen des Mannes, daß er grundsätzlich der Erhalter und Ernährer der Familie ist, während es die Frau als ihre vornehmste Aufgabe ansehen muß, das Herz der Familie zu sein“(Beck- Gernsheim, 1990, zit. n.: Wieners, 1999, 31).

Familienkonzept der Kernfamilie: Rückblick auf die Entwicklung in den letzten zwanzig Jahren

Leete (1978) definiert Familie wie folgt:

„`Eine Familie mit einem alleinerziehenden Elternteil besteht aus einem Vater oder einer Mutter ohne Partner und seinen / ihren Kindern unter 16 Jahren oder Kindern im Alter von 16-19 Jahren, die sich noch in schulischer Ausbildung befinden. Eltern, die mit einem Partner zusammenleben oder deren Kinder nicht mehr abhängig sind, werden nicht als alleinerziehende Eltern betrachtet´“. (Leete, 1978; zit. n.: Wieners, 1999, 37)

Entstehungsgeschichtlich gibt es drei Typen von Ein- Elternfamilien: 1. Geschiedene mit Kindern (ca. 45%): Ein Elternteil, der Inhaber des Sorgerechtes (in den meisten Fällen die Mutter), lebt mit den Kindern zusammen. Der andere Elternteil pflegt einen mehr oder minder intensiven und regelmäßigen Kontakt. 2. Verwitwete mit Kindern (ca. 40%): Ein Elternteil ist verstorben, aber der lebende Elternteil ist noch keine neue Partnerschaft eingegangen. 3. Frauen, mit unehelichen Kindern (ca. 15%) 11 : die Frauen leben mit ihren Kindern zusammen und sind auch später keine Ehe eingegangen (vgl. Rauchfleisch, 1997, 14). Nach Heiliger (1991) ist das Gelingen der Ein- Elternfamilie von Zeitpunkt, Ursache und Akzeptanz des Ein- Eltern- Statuses abhängig. Stetter (1977) erörtert, dass es von hoher emotionaler Bedeutung ist, inwieweit der Ein- Eltern- Status freiwillig gewählt wurde oder nicht. Nach Beck- Gernsheim (1998) wurde der Ein- Eltern- Status jedoch oftmals nicht selbst gewählt. Auswirkungen des Ein- Eltern- Status auf die Kinder

10 Durkheim (1921) bezeichnete die Ein- Elternfamilie als eine Lebensform, die zum anomischen Zustand der Gesellschaft führt.

Familienkonzept der Kernfamilie: Rückblick auf die Entwicklung in den letzten zwanzig Jahren

verfügen weiterhin über ein größeres soziales Netz und Interaktionsfeld, wodurch sie vielfältige Sozialisationserfahrungen aufweisen. Ferner pflegen sie einen egalitären Erziehungsstil (Gutschmidt, 1993). Die Kinder wiederum zeigen ein außergewöhnlich geschlechtsunstereotypisches (Scarr, 1987), verantwortungsbewusstes, selbständiges und selbstbewusstes Verhalten (Gutschmidt, 1986) sowie größere Sensibilität für gesellschaftliche Diskriminierungen (Gutschmidt, 1993). Trotz dieser positiven Auswirkungen herrscht Einigkeit über die hohen psychischen Belastungen der Kinder und deren negative Auswirkungen auf die Gesamtkonstitution und -entwicklung (Rauchfleisch, 1997). 13

2.3.1.3 Wohngemeinschaft

Familienkonzept der Kernfamilie: Rückblick auf die Entwicklung in den letzten zwanzig Jahren

Wohngemeinschaften unterscheiden sich hinsichtlich ihrer Funktion: Wohngemeinschaften als `Freizeit´-Lebensform oder Übergangsphase für Gruppen (z.B. Studenten), Therapeutische Wohngemeinschaften mit der Unterscheidung von Team und Mitgliedern, Landkommunen mit einfachster Lebensweise (Selbstversorgung), Städtische Produktionsgemeinschaften (wie `Rössli´ (Stäfa) oder `Kreuz´ (Solothurn) in denen Leben und Arbeit geteilt wird (vgl. Hanhardt 1979; in: Wieners, 1999, 54).

2.3.1.4 Homosexuelle-Elternfamilie

Homosexuelle Elternschaft scheint ein Widerspruch in sich zu sein. Doch in der BRD leben ca. zwei Millionen lesbische Mütter und schwule Väter (Wieners, 1999, 64). Es ist laut Streib (1991) mit einem starken Anwachsen der Zahl homosexueller Eltern zu rechnen, Streib spricht sogar von einem „lesbischen Baby-Boom“. Die Kindern stammen meist aus vorherigen heterosexuellen Beziehungen 14 . Schwulen Paaren bleibt die Möglichkeit der `surrogate mother´ oder der sogenannten offenen Familie 15

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2.3.1.5 Nichteheliche Gemeinschaften

Nichteheliche Lebensgemeinschaften sind Paare unterschiedlichen Geschlechts, die nicht miteinander verwandt oder verheiratet sind, aber einen gemeinsamen Haushalt führen (vgl. Statistisches Bundesamt, 99).

Die Veränderung des familiären Status durch Eheschließung wird hier als eine Option gesehen. So beabsichtigen nach einer Studie des BMJFG (1985) 33% der in einer nichtehelichen Gemeinschaft lebenden, ihren jetzigen Partner u.U. zu heiraten, 38 % sind sich unklar und 28% lehnen eine Heirat mit ihrem derzeitigen Partner ab.

2.3.2 Die erwerbstätige Frau als Ausdruck der sich wan- Rollenverteilung

Als „ärgerliche Tatsache der Gesellschaft“ bezeichnete Dahrendorf (1961) die erwerbs- Frau, insbesondere die erwerbstätige Ehefrau und Mutter, denn der Status der Frau solle von der Familie statt von der beruflichen Stellung bestimmt werden (vgl. Nave-Herz, 1988, 118) 16 . Während der Hochblüte der traditionellen Kernfamilie (in den 50/ 60er Jahren) ist die Erwerbstätigkeit der Frau weithin verpönt: Die gesellschaftliche Moral legitimierte lediglich die Erwerbstätigkeit unverheirateter Frauen oder die Erwerbstätigkeit verheirateter Frauen unter dem Deckmantel der ökonomischen Notwendigkeit (die allerdings als Schande für den Mann galt): „`Single women must work; married women without children or grown-up children may work; married women with small children must not work´“ (International Social Science Journal, 1962, zit. n.: Na-

Familienkonzept der Kernfamilie: Rückblick auf die Entwicklung in den letzten zwanzig Jahren

6

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5

4

1976 3 1985 1995 2 1 0 beide Ehepartner Ehemannallein Ehefrauallein beide erwerbstätig erwerbstätig erwerbstätig Ehepartnernicht erwerbstätig

(Statistisches Bundesamt, 11/1996, 4)

16 Moers (1948) pointiert diese Aussage und rückt geschlechtspolarisierende Argumente in den Vorder- „`Der `natürliche´ Beruf der Frau -Hausfrau, Gattin, Mutter- läßt sich in gewisser Hinsicht nicht mit den Erwerbsberufen vergleichen. Er ist eben für die Frau die Erfüllung ihres ureigensten Seins, erbietet ihr die Möglichkeit, Körper und Seele so einzusetzen, wie es ihrer natürlichen Veranlagung - biologisch und auch seelisch- geistig gesehen- am besten entspricht. Die Erwerbsarbeit kann zwar (...) der Frau (...) angepaßt sein, aber wenn die Frau sich der Berufsarbeit ganz hingibt, so kann es doch vorkommen, daß (...) Grundanlagen und Kräfte nicht oder nicht voll zur Entfaltung gelangen.´“ (Moers, 1948; zit. n.: Nave-Herz, 1988)

Familienkonzept der Kernfamilie: Rückblick auf die Entwicklung in den letzten zwanzig Jahren

Weniger qualifizierte Berufe, geringere Stundenzahlen, eine weniger karriereorientierte Berufsmotivation sowie ungünstige Arbeitsbedingungen und schlechtere Bezahlungen sind die Kosten auf der beruflichen Seite des doppelgleisigen Lebens der berufstätigen Frau. Überforderung sowie permanente psychische und physische Überbelastung und „Spannungen zwischen primären und abstrakten Sozialbeziehungen“ (Schlesky, 1955), die Kosten auf der familialen Seite 18

Familienkonzept der Kernfamilie: Rückblick auf die Entwicklung in den letzten zwanzig Jahren

Die Befreiung von traditionellen Stereotypen und egalitären Sozialisationsbedingungen geben Kindern erwerbstätiger Mütter positive Impulse, die sich in einem hohen Selbstbewusstsein und geschlechtsunstereotypen Denken der Kinder äußern, so Hutter (1981). Borhardt (1999) hebt dagegen hervor, dass viele Befunde die negativen Auswirkungen mütterlicher Erwerbstätigkeit darlegen 19 , die aber, so Greenstein (1995) empirisch schwach oder, so Furstenberg (1995), untereinander widersprüchlich sind. Andere Untersuchungen wie der Kindersurvey der National Commission on Children (1991) aus den USA und hiesige repräsentative Langzeitstudien (Gottfried et al., 1994) deklarieren nur minimale oder keine signifikanten Unterschiede zwischen den Kindern berufstätiger Mütter und denen nicht berufstätiger Mütter (vgl. Bohrhardt, 1999, 67). Scarr (1987) betont, dass die infantile Entwicklung ein multikausales Geschehen ist, das durch die Veränderung eines Faktors, wie der maternalen Erwerbsarbeit, keine Veränderung der infantilen Sozialisationsbedingungen bewirkt, die wiederum eine Beeinträchtigung der infantilen Entwicklung auslösen könnten.

2.3.3 Scheidung und ihre Auswirkungen

„In Deutschland wurden im Jahr 1998 192 420 Ehen, 4 610 bzw. 2,5% mehr als 1997 (187 800) geschieden. Bundesweit ist hiermit ein neuer Höchststand erreicht“, so die Angaben des Statistischen Bundesamtes (Wirtschaft und Statistik, 12/99, Ehescheidungen, 934).

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Ehescheidungen in Deutschland

250.000

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200.000

150.000

100.000

50.000

0 1960 1965 1970 1975 1980 1985 1990 1995 1998

(vgl. Statistisches Bundesamt, Wirtschaft und Statistik, 12/99, Ehescheidungen, 934).

19 Weiterführende Literatur dazu bei von Vandell, 1991; Belsky/ Eggenbein, 1991; Menaghan/ Parcel, 1990; Desai et al., 1998 und Hoffman, 1989.

Familienkonzept der Kernfamilie: Rückblick auf die Entwicklung in den letzten zwanzig Jahren

Einigkeit herrscht jedoch über die hohen emotionalen, ökonomischen und gesell- Kosten 20 .

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2. Adaptives Verhalten

Bohrhardt (1999) erklärt Instabiliät familialer Beziehungen mit dem Ausbrechen aus der alten Familienvorstellung und der Neuorientierung an adäquateren Formen. Die hohen Scheidungszahlen deutet er entweder als Form der destruktiven Anpassung an die neuen gesellschaftlichen Entwicklungen oder als konstruktive Anpassung an die gesellschaftlichen Forderungen nach Differenzierung bzw. Arbeitsmarktteilung sowie nach Mobilität und rationaler Lebensgestaltung.

3. Verschiebung der Ehefundamente

Eine weitere Hypothese sieht einen wesentlichen Faktor für den enormen Anstieg der Ehescheidungen in der Verschiebung der Fundamente der Ehe: Gründeten 1964 noch 52% auf ehegerechte Verhaltensweisen (Pflichtgefühl, Toleranz, etc.) und nur 9% auf Zuneigung, hat sich hier eine Verschiebung sichtbar gemacht. 1977 gründeten nur noch 7% auf ehegerechte Verhaltensweisen dahingegen 16% auf Zuneigung (vgl. Nave-Herz, 1988, 87ff). Nave-Herz (1988) macht weiterhin darauf aufmerksam, dass infolge der Entkopplung von Sexualität und Ehe sowie der moralischen Legitimierung unehelicher Lebensgemeinschaften immer mehr Paare wegen ihres Kinderwunsches heiraten. Siebel (1984) weist daraufhin, dass „Ehe und Familie in ihrer Sinnnvermittlungsfunktion auf eine Instrumentenrolle zur individuellen Bedürfnisbefriedigung eingeengt“ wurde. Schulz (1983) schreibt sogar:

„Von Familie im alten, traditionellen Sinn mit dem Verpflichtungscharakter einer Institution ist daher immer weniger zu sehen. Vom Standpunkt des scheidenden Individuums `paßt´ die Institution für die Befriedigung eigener Ansprüche oder sie -`paßt nicht´- dann empfindet man sie auch nicht mehr verbindlich.“(ebd.; zit. n.: Nave-Herz, 1988, 86)

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4. Doppeleffekt risikominimierender Strategien

Als Doppeleffekt risikominimierender Strategien deklariert Beck-Gernsheim (1998) folgendes Phänomen:

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Sie machen darauf aufmerksam, dass Probeehen ein um 40-60% erhöhtes Scheidungs- aufweisen. Grund hierfür ist die moralische Einstellung dieser Paare: Die Ehe wird vor der Eheschließung nicht als Sakrament empfunden und erfährt dementspre-

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Auswirkungen auf die Kinder

„Scheidungsweisen haben ja sowieso keine Chance“ (Kartte-Pfähler; zit. n.: Rauchfleisch, 1997, 11) und ähnliche Aussagen spiegeln die Klischeebilder des öffentlichen Diskurses wider, die auch teilweise in der Fachliteratur vertreten werden. Nach qualitativen Studien von Allison & Furstenberg sowie Zaslow reagieren Jungen tendentiell öfter mit Aggressionen und Mädchen häufiger mit Depressionen (vgl. Bohrhardt 1999, 70 ). Die Ursache von Verhaltensauffälligkeiten wird von verschiedenen Ansätzen erklärt. Von herausragender Bedeutung sind besonders: 1. Stresstheoretische Erklärungshypothese

(Die Belastungen in der Trennungs- und Nachtrennungsphase stören das psychische Gleichgewicht des Kindes, wodurch seine Bewältigungsfähigkeit strapaziert oder überschritten werden. Die Verhaltensauffälligkeiten sind adaptive Reaktionen des Kindes auf den Stressor oder, so Lazarus, als Bewältigungsstrategien (coping strategies) zu verstehen.)

2. Kontrolltheoretische Erklärungshypothese

(Die Quantität der Beaufsichtigung des Kindes ist durch die Abwesenheit einer Elternfigur eingeschränkt, wodurch die erzieherische Qualität abnimmt und negative Verhaltensentwicklungen des Kindes nicht verhindert werden können.) 3. Ressourcenansatz

(Nach Foa & Foa (1976) entspringen die Probleme des Kindes dem Verlust der sozialen Unterstützungsleistung.) 4. Sozialisationstheoretische Erklärungshypothese

(Die spezifischen Erfahrungen und Lernprozesse der parentalen Trennung, bzw. die ausbleibenden Lernprozesse, beeinträchtigen den Sozialisationsprozess des Kindes und begünstigen damit die Entwicklung von Verhaltensstörungen)

Familienkonzept der Kernfamilie: Rückblick auf die Entwicklung in den letzten zwanzig Jahren

familien findet. Aufgrund der Internalisierung der elterlichen Trennung werden die eigenen Lebens- und Selbstschutzstrategien höher eingestuft als soziale Bindungen 22 (vgl. Beck-Gernsheim, 1998, 42ff). Diese Bindungsunsicherheit führt zu „einem labilen, zwischen Extremen schwankenden, damit Enttäuschungen provozierenden Umgang mit Bindungen“ (Beck-Gernsheim, 1998, 43). Positive Interpretationen sprechen von einer erhöhten Sozial- und Konfliktfähigkeit der Kinder: Durch die elterliche Trennung lernen Kinder Verlusterfahrungen zu überwinden und das Trachten nach einem glücklichen und sinnerfülltem Leben nicht von einer Partnerbeziehung abhängig zu machen (vgl. Beck- Gernsheim, 1998, 44ff).

Allgemein lässt sich sagen, dass mit Hilfe einer Förderung der emotionalen Verarbeitung durch materielle Absicherung, gute Wohnverhältnisse und gute Betreuungsmöglichkeiten möglichen Sozialisationsdefiziten entgegenwirkt werden kann (Gutschmidt, 1993; Napp-Peters, 1985; Sander, 1989). Schneewind (1992) weist sogar darauf hin, dass langfristig, gesehen die psychische Entwicklung von Scheidungskindern positiver verläuft, als die von Kindern in stark konfliktbelasteten Familien. Grundmann (1982) geht davon aus, dass durch Kompensation oder weitere Beeinflussung im Lebenslauf die Erfahrung der elterlichen Trennung sich nicht zwangsläufig problematisch im individuellen Lebenslauf des Kindes niederschlagen muss. So gilt allgemein, dass die möglichen Auswirkungen von

„Rahmenbedingungen ... abhängig zu denken sind, nämlich etwa vom historischen Ort ihres Auftretens mit allen sozialen Bewertungen und politischen Erschwernissen und Erleichterungen, (...) von der individuellen Bedeutung, (...) oder auch von nur assoziierten Ereignissen , wie vorübergehenden ökonomischen Krisen“ (Bohrhard, 1999, 92).

Einleitung in die systemische Familientherapie

3.1 Einleitung in die systemische Familientherapie

Familientherapie wird nicht nur als eine neuartige Therapieform betrachtet, sondern als ein „`Bezugssystem, das (ähnlich wie das Paradigma der Psychoanalyse) auf signifikante Weise Daten enthüllt und neu ordnet, neue Bedeutungen schafft und wesentliche Perspektiven für die Forschung und Praxis eröffnet´“ (Stierlin/ Duss-von Wedt, 1976, 1; zit.n.: Brunner, 1996, 1). Laut Hoffman (1995) ist die Familientherapie eine Form der Kommunikationsforschung, dessen Gegenstand zwischenmenschliche Interaktionen und Beziehungen sind und dessen Grundannahme die Kontextabhängigkeit des menschlichen Verhaltens ist (Bateson 1972). So ist nach Maturana die Aufgabe der Familientherapie „`die Untersuchung der strukturellen Dynamik der Einzelnen und des Netzwerkes der Koordination von Aktionen der Mitglieder´“ (ebd., zit.n.: Bosch, 1989, 64). Textor (1998) entwickelte fünf Indikationskriterien der Familientherapie: 1. Negative Spannungen überwiegen. 2. Konflikte sind alltäglich geworden. 3. Die Familie erfüllt nicht mehr ihre Funktionen. 4. Individuelle Bedürfnisse der Familienmitglieder bleiben versagt. 5. Es liegen Störungen der Selbst- und Realitätswahrnehmung bei einem oder mehreren Familienmitgliedern vor.

3.1.1 Systemische Konzeption

„Im allgemeinsten Sinn können wir Halls und Fagens Definition folgen, wonach ein System `ein Aggregat von Objekten und Beziehungen zwischen Objekten und ihren Merkmalen´ (...) ist, wobei unter den Objekten die Bestandteile des Systems, unter Merkmalen die Eigenschaften der Objekte zu verstehen sind und die Beziehungen den Zusammenhalt des Systems gewährleisten“,

so Watzlawick (1974, 116) zur Definition eines Systems. Nach Brunner (1996) ist die systemische Sichtweise durch ihren „holistischen Zugang, der das Insgesamt an interagierenden Elementen eines Systems ins Auge faßt“ (ebd., 9) gekennzeichnet, dessen Fundament die zirkuläre Kausalität des kybernetischen Regelkreises ist: „Elemente eines Systems sind so miteinander vernetzt, daß ihr funktionales Ineinandergreifen konstitutiv ist. Wir sagen, daß die Systemmitglieder miteinander kommuni-

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Kernfragen der Systemik nach von Schlippe und Schweitzer (1996) sind vor allem: 1.) Was ist Realität ? („ein System ist nicht ein Etwas, das dem Beobachter präsentiert wird, es ist ein Etwas, das von ihm erkannt wird“ (Maturana, 1982, 175; zit. n.: von Schlippe und Schweitzer, 1996, 86) 2.) Welche kausalen Beziehungen bestehen? (Soziale Prozesse zeichnen sich durch ihre Rekursivität aus (ebd.). 3.) Wie erzeugen wir anhand von Sprache und Rekursivität soziale Wirklichkeit ? („ Familiensysteme werden (...) angesehen (...) als sprachliche Systeme, in denen Mitglieder durch ihre Konversationen Bedeutungen erzeugen und so eine gemeinsame Darstellung der Wirklichkeit schaffen“ (ebd., 95). Zusammenfassend lässt sich mit Watzlawick (1972) sagen, dass „der so abgeleitete Begriff von Regeln in der Interaktion von Familien (...) vereinbarist mit der grundlegenden Definition eines Systems als stabil in bezug auf gewisse seiner Variablen, wenn diese Variablen die Tendenz haben, innerhalb bestimmter festgelegter Grenzen zu bleiben.sic“ (ebd., 128).

Aus Gründen der Umfangsbeschränkung werden nachfolgend nur die wichtigsten sys- Konzepte kurz dargestellt.

3.1.1.1 Offene und geschlossene Systeme

Es wird zwischen offenen und geschlossenen Systemen unterschieden. Offene Systeme besitzen nach Watzlawick (1974) dabei folgende Systemmerkmale: 1. Ganzheit „(...) und man kann sagen, daß sich Systeme immer durch einen relativen Grad von Ganzheit auszeichnen“ (ebd., 119). Der Ganzheit beinhaltet auch:

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1.) Übersummmation

„Ein System ist nicht einfach die Summe seiner Bestandteile; (...) Es ist vielmehr notwendig, die Eigenschaften der Teile im Interesse der Gestalt zu vernachlässigen und die Aufmerksamkeit der Kernfrage zuzuwenden, nämlich der Frage der Organisation“ (ebd.120). 2.) Einseitige Beziehung

Untersuchungsgegenstand ist der Einfluss des Senders auf den Empfänger, ohne Berücksichtigung von Rückkoppelungen. 24 2.) Rückkoppelung 25 3.) Äquifinalität 26

Die Geschlossenheit eines Systems, weist oben erwähnte Eigenschaften nicht auf. Ferner fungiert der familiäre Umgang mit persönlichen, emotionalen und intimen Beziehungen nach von Schlippe (1991) als Prüfstein für den relativen Grad der Geschlossenheit eines Systems.

3.1.1.2 Kybernetik

Die Erkenntnisse der Kybernetik kann als eine der vortrefflichsten Errungenschaften des letzten Jahrhunderts angesehen werden und verbindet sich mit dem Mathematiker Wieners 27 . Kybernetik bezeichnet „`das gesamte Gebiet der Kontroll- und Kommunikationstheorie´“ (Wieners, 1948; zit. n.: Simon et al., 1999, 192), und zwar lebender und technischer Systeme zugleich. Folgendes Zitat von Watzlawick (1972) verdeutlicht das kybernetische Prinzip hinsichtlich sozialer Systeme: „Das Verhalten jedes einzelnen Familienmitglieds hängt vom Verhalten aller anderen ab- alles Verhalten ist ja Kommunikation und beeinflußt daher andere und wird von diesen anderen rückbeeinflußt.“ (ebd., 128). Grundannahme der Kybernetik ist die Übertragbarkeit kybernetischer Prinzipien von Maschinen auf menschliche Prozesse und zwischenmenschliche Interaktio-

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folgendem Beispiel auf:

„Die ständige Änderung der Blickrichtung macht deutlich, daß sich zum Beispiel hinter märtyrerhafter Friedfertigkeit durchaus Aggressivität verbergen kann (weil sie massive Schuldgefühle mobilisiert), daß Macht sich als Ohnmacht, Egoismus als aufopfernder Altruismus zu erweisen vermag.“ (ebd., 20)

Man unterscheidet zwischen Kybernetik 1. und 2. Ordnung: Kybernetik1. Ordnung

Die Kybernetik 1. Ordnung umfasst „Phänomene wie Regulation, Informationsverarbeitung und -speicherung, Adaption, Selbstorganisation, Selbstreproduktion und strategisches Verhalten“ (ebd., 192). Kybernetik 2.Ordnung

Das Konzept der Kybernetik 2. Ordnung wurde ursprünglich von Ashby eingeführt und wird auch als `Kybernetik der Kybernetik´ bezeichnet. Er stellte fest, dass neben den kybernetischen Beziehungen des Systems, auch kybernetische Beziehung zwischen Beobachter und System existieren:

„lebende Systeme sindnicht nur in der Lage (...), ihre Verhaltensweisen auf kleine Veränderungen in ihrem Umkreis abzustimmen (wie der Körper zum Beispiel ein optimales Temperaturspektrum einhält, indem er schwitzt, wenn es heiß ist, und zittert, wenn es kalt ist), sondern sie sind oft auch in der Lage, den „Rahmen“ für Verhaltensweisen zu verändern (...)“ (Hoffman, 1995, 61).

Auswirkungen der Kybernetik 2. Ordnung zeigen sich nach Simon et al. (1999) im fol- Zitat:

„Für die Therapie relativiert die Kybernetik 2. Ordnung radikal die objektivistische diagnostische Idee, Therapeuten könnten „das Problem“ oder „den Konflikt“ valide identifizieren ebenso wie die entsprechende therapeutische Überzeugung, mit einer zielgenauen Intervention das Problem bzw. der Konflikt berechenbar treffen zu können. Innerhalb der Therapie zwingen die Erkenntnisse der Kybernetik 2. Ordnung zur Hinterfragung sowohl erkenntnisstheoretischer Voraussetzungen als auch diagnostischer und therapeutischer Prämissen. 29 “ (ebd., 193)

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3.1.1.3 Zirkularität

Unter Zirkularität verstehen Simon et al. (1999):

„Eine Folge von Ursachen und Wirkungen, die zur Ausgangsursache zurückführt und diese bestätigt oder verändert. Dasselbe gilt für die Prozesse des Argumentierens und logischen Schließens. Das einfachste technische Modell der Zirkularität ist der sogenannte Regelkreis, das begriffliche Gegenstück die „Gradlinigkeit“.“ (Simon et al., 1999, 351).

Bestreben der linear-kausalen Epistemologie ist die Suche nach Ursachen. Zirkuläre Epistemologie geht dahingegen von der Annahme aus, dass das Verhalten des Menschen von der Struktur seines komplexen transaktionellen Feldes bestimmt wird (von Schlippe, 1991). Nach Hoffman (1995) hat dies folgende Auswirkungen auf den therapeutischen Prozess: „Eine zirkuläre Epistemologie zwingt den Therapeuten, der Tatsache Rechnung zu tragen, daß er unvermeidlich Teil dieses größeren Feldes ist, ein nicht herauszulösendes Element dessen, was er zu verändern sucht.“ (Hoffman, 1995, 26). Beim zirkulären Denken findet ein Abstrahieren von Zeit statt: Synchrone bzw. schnell erfolgende Interaktionen bilden den Gegenstand der Betrachtung. Dabei kommen die Prinzipien der sogenannten Rekursivität, der Rückläufigkeit von Ursachen und Wirkungen zu ihrem Ausgangspunkt, ins Spiel.

Aufbauend auf den zirkulären Prinzipien entwickelte sich die Regelungstheorie: Nach McFarland (1971) unterscheidet man zwischen Feedback- und Feedforward- Regelungen. Feedbackregelungen bezeichnen dabei einen zirkulären Prozess und eine geschlossene Schleife. Feedforwardregelungen hingegen einen linearen Prozess und eine offene Schleife (Tomm, 1994).

3.1.1.4 Autopoesie

Der Begriff der Autopoesie wurde ursprünglich von Maturana und Valera (1980, 1987) geprägt und bezeichnet Prozesse, mittels derer die Integrität und Organisation lebender Systeme erhalten wird.

Das Überleben eines Systems steht in Abhängigkeit

a) zu seinen aktuellen strukturellen Determinismen sowie

b) zu seiner Fähigkeit der adäquaten Strukturmodifikation zur Erhaltung der Kohärenz und Integrität (Simon et al., 1999), ohne eine Veränderung der systeminternen Organisation zu bewirken.

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3.1.1.5 Homöostase

Homöostase ist ein Gleichgewichtszustand, der mit Hilfe von Rückkopplungsmechanismen bestimmter Größen innerhalb eines Systems konstant bzw. innerhalb der vorgegebenen Grenzen konstant gehalten wird (vgl. Simon et al., 1999, 135). Von Schlippe (1991) definiert den Begriff der Homöostase wie folgt:

„Ein lebendes System ist ständig im Fluß, ständig im Übergang. Homöostase läßt sich mit Gleichgewicht übersetzen, ein Zustand, den jedes System anstrebt, jedoch nur kurze Zeit halten kann, weshalb v. Bertalanffy sic. (1972) auch den Begriff des Fließgleichgewichts vorschlägt.“ (ebd., 25)

Der Begriff wurde erstmals 1932 von Cannon im Rahmen physiologischer Untersu- eingeführt (insbesondere zur Konstanthaltung physiologischer Größen wie der Körpertemperatur). Jackson verwendete den Begriff der Homöostase 1957, um pathologische Systeme zu bezeichnen, deren Familieninteraktion sich durch einen Mangel an Flexibilität und Entwicklungsfähigkeit charakterisiern. Demnach ist die Familieninter-

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Reglers:

„`Nimm an, daß Leute in bestehenden Beziehungen als „Regler“ in der Beziehung zueinander funktionieren, und nimmt man einmal an, daß es die Funktion des Reglers ist, Veränderungen minimal zu halten, dann ergibt sich daraus der erste Grundsatz der menschlichen Beziehungen: wenn eine Person eine Veränderung in ihrer Beziehung zum anderen andeutet, wird sich der andere in einer Weise verhalten, die diese Veränderung so gering und gemäßigt wie möglich halten soll. ´“ (Haley, 1964; zitiert nach: Hoffman, 1995, 35).

Watzklawick (1972) kritisiert, dass es zwei unterschiedliche Definitionen von Homöo- gibt und bevorzugt daher den Begriff der Stabilität: „Aus Gründen größerer Klarheit ist es daher vorzuziehen, von der Stabilität eines Systems zu sprechen, die meist durch negative Rückkopplungsmechanismen erreicht wird.“(ebd., 134) 31 Von Schlippe & Schweitzer (1996) verweisen im Rahmen des Homöostasekonzeptes auf negative und positive Feedbackschleifen. Hierbei fungieren negative Feedbackschleifen als homöostatische Mechanismen zur Regulierung abweichenden Verhaltens (Ist- Wert) vom Ursprungswert (Soll- Wert). Positive Feedbackschleifen bewirken eine Intensivierung der bereits vollzogenen Abweichung vom Soll- Wert in Richtung Eskalation. Nach Tomm (1994) sind

„Beide Prozesse (...) wichtig, damit sich das System selbst in einem Fließgleichgewicht (Homöostase) halten kann, um dasselbe Endergebnis oder denselben Beziehungszustand zu erreichen, wenn ursprünglich von unterschiedlichen Bedingungen (Äquifinalität) ausgegangen wurde, und um Veränderung kontrolliert zu begleiten, damit bestimmte Ziele zu erreichen sind (Morphogenese). Demnach kann es in einer längeren Beziehung zu periodisch auftretenden Salven positiver Feedback-Regelungen kommen (Morphogenese), die von negativer Feedback-Regelung begrenzt wird (Morphostase).“(ebd., 20).

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3.1.1.6 Morphogenese und Morphostase

Das Konzept der Morphogenese wurde von Maruyama (1960) im Rahmen der Kybernetik eingeführt um Phänomene zu bezeichnen, die mittels positiver Feedbackprozesse „ursprünglich geringgradige Abweichungen von einem Gleichgewichtszustand so (..) verstärken können, daß ein überproportional starker Veränderungsprozess des Systems eingeleitet wird. Dieser kann schließlich zu neuen Strukturen führen.“ (Simon et al., 1999, 221). Das Konzept der Morphostase zeigt eine enge Verwandtschaft zum Konzept der Homöostase und der Kohärenz. Nach Simon et al. (1999) ist für das System eine Balance zwischen morphogenetischen und morphostatischen Prozessen funktional: „Beide Tendenzen sind notwendig. Die morphostatischen, um den Bestand des Systems zu erhalten, um Konstanz in einer sich wandelnden Umwelt zu bieten; die morphogenetischen erreichen Entwicklung, Veränderung und Bewegung und damit auch wiederum Anpassung an die gewandelte Umwelt.“ (von Schlippe, 1991, 24).

3.1.1.7 Pseudogegenseitigkeit

Der Begriff wurde ursprünglich von Wynne et al. (1958, 1961) eingeführt, um eine aufgesetzte harmonisch- liebevolle Familienatmosphäre zu beschreiben. Nach Hoffmann (1995) bezeichnet der Begriff der Pseudogegenseitigkeit die „klettenhafte Eigenschaft der Familie des Schizophrenen“ (ebd., 46) und vergleicht ihn mit Minuchins Begriff der „verstrickten“ Familie.“ Nach Simon et al. (1999) zeigen pseudogegenseitige Familien Störungen auf der Bindungsebene und der Selbst-Objekt-Differenzierung sowie starre Rollenstrukturen. Abweichendes Verhalten wird wegen seiner bedrohenden Momente ignoriert. Der Begriff der Pseudogegenseitigkeit wird in Abhängigkeit zur familientherapeutischen Richtung synonym verwendet: die verstrickte Familie bei Minuchin, Stö- rung der „Bezogenen Individuation 32 “ bei Stierlin, „intersubjektive Fusion“ bei Boszormenyi- Nagy sowie als „undifferenzierte Familien-Ich-Masse“ bei Bowen (ebd., 1999). Weiterhin lässt sich eine starke verwandtschaftliche Beziehung zu Batesons Double-bind-Theorie und dem Konzept der Schismogenese konstatieren.

3.1.1.8 Isomorphismus

Unter Isomorphismen versteht Hofstadter (1984) Musterübereinstimmungen, bei der

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Familientherapeutisch bedeutsam sind Isomorphismen zwischen unterschiedlichen Fa- insbesondere zwischen der Gegenwarts- und der Herkunftsfamilie eines Klienten.

3.1.1.9 Schismogenese

Der Begriff der Schismogenese wurde ursprünglich von Bateson 1935 geprägt und bezeichnet einen„`Differenzierungsprozeß der Normen individuellen Verhaltens, der sich aus der sich verstärkenden Interaktion zwischen Individuen ergibt´“ (Hoffman, 1995, 54). Bateson (1972) unterscheidet zwischen 1. Symmetrischen Beziehungen,

Die Handlungsweise von A löst eine Reaktion bei B aus, die wiederum die Handlungsweise von A verstärkt:

(...) members of group A exhibit behavior patterns A, B, C in their patterns with each other, but adopt the patterns X Y, Z in dealings with members of group B. Similary, group B adopt the patterns A, B, C, among themnselves, but exhibit X, Y, Z in dealing with group A.“ (Bateson, 1972, 68).

Die Verhaltensweisen von A und B sind sich demnach ähnlich und verstärken sich ge- Wettrüsten im Kalten Krieg kann als Beispiel symmetrischer Beziehungen dienen. 2. Komplementären Beziehungen

Bei komplementären Beziehungen bedingt das Verhalten von A ein Verhalten von B, das quasi das ergänzende Gegenstück ist und umgekehrt (der Kranke ist krank und der Heiler heilt 33 usf.) (vgl. von Schlippe& Schweitzer, 1996). Nach Watzlawick et al. (1974) gibt es „In komplementären Beziehungen (...) zwei verschiedene Positionen: Ein Partner nimmt die sogenannte superiore, primäre Stellung ein, der andere die entsprechend inferiore, sekundäre.“(Watzlawick et al., 1974, 69).

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3. Reziproken Beziehungen

Bateson (1935, 1936) definiert die reziproke Beziehung als asymmetrisches Verhalten, wobei „das reziproke Muster ...(...) in sich selbst kompensiert und ausgeglichen wird und tendiert daher nicht zur Schismogenese.´“ (Bateson, 1935, 1936; zit. n.: Simon e al., 1999, 284).

3.1.1.10 Äquifinalität

Als Äquifinalität bezeichnet Simon (et al. (1999) mit Berufung auf Bertalanffy (1968) das Phänomen der Erreichung gleicher Ergebnisse trotz unterschiedlicher Ausgangspositionen. Das Pendant ist die Äquipotentialität: Bei gleicher Ausgangsposition werden unterschiedliche Wirkungen und Ergebnisse erzielt. 34 Reaktions- und Verhaltensweisen der Familie unterliegen dem Gesetz der Äquifinalität, so dass keine deterministischen Voraussagen über ihre Entwicklung getroffen werden können (ebd.). Nach Walsh (1982) kann auf diese Weise eine Familie in einer Stresssituation dysfunktional reagieren, während eine andere adäquat reagiert.

3.1.1.11 Kommunikation

„Die Kommunikationstheorie kann (...) als Grundlage aller familientherapeutischer Ansätze betrachtet werden. Familien sind soziale Systeme, und was sie zusammenhält und auseinanderfallen läßt ist Kommunikation“, so Simon et al. (1999. 169) und zeigt damit die Bedeutsamkeit der Kommunikationstheorie für die Entwicklung familientherapeutischer Ansätze auf. Aufgrund ihrer hohen Bedeutsamkeit sollen nachfolgend die kommunikationstheoretischen Grundpfeiler genauer betrachtet werden. Watzlawick (1974) stellte folgende metakommunikative Axiome auf:

1. Man kann nicht nicht kommunizieren.

(Watzlawick (1974) simplifiziert sogar seine Aussage in : „Man kann sich nicht nicht verhalten“ (ebd., 51). Kommunikationsstörungen stellen demnach Versuche dar, nicht zu kommunizieren. Kennzeichen solcher Versuche sind Fortgehen, Nicht-Bereitschaft

33 Willi (1976) spricht von Kollusion, wenn die Beziehungs- und Kommunikationsebene ausschließlich von komplementären Elementen beherrscht wird.

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2. Jede Kommunikation hat einen Inhaltsaspekt und einen Beziehungsaspekt. Der Beziehungsaspekt dominiert als Metakommunikation den Inhaltsaspekt. Die Sprache teilt immer Sachverhalte und Hinweise auf Beziehung bzw. die Informationsinterpretation mit. Sprache enthält somit eine Definition und Bewertung des anderen:

„sie die Kommunikation definiert also, wie der Sender die Beziehung zwischen sich und dem Empfänger sieht, und ist in diesem Sinn seine persönliche Stellungnahme zum anderen. Wir finden somit in jeder Kommunikation einen Inhalts - und einen Beziehungsaspekt“(Watzlawick, 1974, 53).

3. Die Natur der Beziehung ist durch die Interpunktionsabläufe 35 seitens derPartner bedingt (d.h. subjektive Bewertung und Deutung). Kommunikation lässt sich metaphorisch auf einen Fluss übertragen: Sie ist eine Kette von Ereignisfolgen und ist ständig im Fließen. Die subjektive Wirklichkeit ist ein Ergebnis von Interpunktionen und Beurteilungen des Kommunikationsablaufes. Interpunktionen werden individuell gefällt und unterbrechen die zirkuläre Kausalität der Beziehung: Jeder der beiden Kommunikationspartner bestimmt durch die Interpunktion seine persönliche Interpretation des Interaktionsanfangs, wodurch die Fähigkeit zum Perspektivwechsel minimiert wird 36 .

Watzlawick (1974) verdeutlicht die interpunktive Kommunikation 37 anhand eines Beispieles eines sich zurückziehenden Ehemannes und einer nörgelnden Frau: „Ein oft zu beobachtendes Eheproblem besteht z.B. darin, daß der Mann eine im wesentlichen passiv-zurückgezogene Haltung an den Tag legt, während seine Frau zu übertriebenem Nörgeln neigt. Im gemeinsamen Interview beschreibt der Mann seine Haltung typischerweise als einzig mögliche Verteidigung gegen ihr Nörgeln, während dies für sie eine (...) Entstellung (...) ist: daß nämlich der einzige Grund für ihre Kritik seine Absonderung von ihr ist“ (ebd., 58).

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4. Die Menschliche Kommunikation gliedert sich in Digitale Kommunikation

Kommunikation ist logisch, analytisch, abstrakt und spezialisiert. Die Modalitäten zeichnen sich durch einen komplexen und logischen Satzbau aus und Datenübermittlung steht im Vordergrund (vgl. von Schlippe, 1991, 33). Analoge Kommunikation

Kommunikation ist universell, symbolisch, ganzheitlich, komplex und vieldeutig. Die Modalitäten zeichnen sich durch eine vielseitige Semantik aus und die Beziehung wird definiert. Eine Negation ist nicht möglich (vgl. von Schlippe, 1991, 33).

5. Zwischenmenschliche Kommunikationsabläufe sind entweder symmetrisch oder komplementär, je nachdem ob die Beziehung auf Gleichgewicht oder Unterschiedlichkeit beruht. Bei einer stabilen symmetrischen Beziehung nehmen sich die Interaktionspartner als gleichwertig war. Bei einer komplementären Interaktion ergänzen sie sich gegenseitig in ihrer Unterschiedlichkeit. Hierarchie bzw. Über-/ Unterordnungsverhältnisse kennzeichnen diese Interaktionsform. 38

Simon (1995, 1999) vergleicht die Kommunikation mit einem Drehbuch (Skript), geschrieben aus Vergangenheit, Gegenwart sowie aktuellen und zukünftigen Ereignissen. Nach Cronen et al. (1979) resultiert die Vielschichtigkeit der Kommunikation aus den vielfältigen Interpretationsrahmen, mit deren Hilfe der Bedeutungsinhalt der Kommunikation zu erfassen versucht wird. Luhmann (1988) entwickelte ein Konzept der relativen Autonomie von sozialen, psychischen und biologischen Systemen: „`Menschen können nicht kommunizieren, nicht einmal ihre Gehirne können kommunizieren, nicht einmal das Bewußtsein kann kommunizieren. Nur die Kommunikation kann kommunizieren´“ (ebd.; zit. n.: von Schlippe & Schweitzer, 1996, 71) 39 Diese Autonomie beinhaltet folgende Implikationen für die systemische Therapie:

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1. Gefühle können nicht kommunizieren.

2. Menschen können sich nur verstehen, wenn die Kommunikation ihr eigenes psychisches System anregt. 3. Kommunikationsmuster sind unabhängig von den psychischen Zuständen kommunizierender Parteien. 4. Die systemische Therapie kann als kommunikative Therapie nur indirekt die biologische Ebene anregen 40 (vgl. von Schlippe & Schweitzer, 1996, 73f).

Ende der Leseprobe aus 203 Seiten

Details

Titel
Familientherapie auf systemischer Basis
Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen
Note
2
Autor
Jahr
2000
Seiten
203
Katalognummer
V185578
ISBN (eBook)
9783656981145
Dateigröße
1509 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
familientherapie, basis
Arbeit zitieren
Cornelia Greske (Autor), 2000, Familientherapie auf systemischer Basis, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/185578

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