Kinder mit Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom: Eine sozialpädeagogische Fallanalyse


Diplomarbeit, 2001

149 Seiten, Note: 0


Leseprobe

1
Inhaltsverzeichnis
Vorwort ... 3
A
Theoretischer Teil ... 6
A.1 Einleitung ... 6
A.2 Terminologie ... 8
A.3 Symptomatik ... 11
A.4 Begleiterscheinungen des ADS ­ Syndroms ... 19
A.4.1 ADS und Freundschaft ... 20
A.4.2 ADS, Selbstwertgefühl und Depression ... 22
A.5
Positive Verhaltensweisen von ADS ­ Kindern und die
Kreativität der ADS ­ Psyche ... 26
A.6 Diagnose ... 29
A.6.1 Die ICD ­ 10 Diagnose des ADS ­ Syndroms ... 32
A.6.2 Die DSM ­ IV ­ Diagnose des ADS ­ Syndroms .. 33
A.6.3 Diagnose ­ Fragebögen ... 37
A.6.4 EEG ­ Auffälligkeiten ... 40
A.7 Ätiologie ... 40
A.7.1 Stichworte zur Geschichte der Ursachenforschung
von ADS ... 40
A.7.2 Resultate des Bemühens um die Ätiologie von ADS
43
A.7.3 Das Ätiologiemodell ,,defizitäre
Informationsverarbeitung" ... 46
A.8 Therapie ... 49
A.8.1 Medikamentöse
Therapie ... 54
A.8.2 Spieltherapie ... 58
A.8.3 Familientherapie und familiäre Therapie ... 60
A.8.4 Verhaltenstherapie und strukturiertes
Verhaltensprogramm ... 67
A.8.5 Festhaltetherapie ... 75
A.8.6 Ergotherapie ... 78
A.8.7 Weitere
Therapieformen ... 79
A.9
Der Umgang mit ADS ­ Kindern im familiären Alltag
oder: ... Verhandeln statt streiten
80
B
Eine sozialpädagogische Fallanalyse ... 84
B.1 Einleitung ... 84

2
B.2 Fallgeschichte des R. ... 85
B.2.1 Zentrale Aussagen des psychiatrischen
Gutachtens vom 04.12.1997 ... 85
B.2.2 Aussagen der Mutter zur Vorgeschichte von R.
mit
Kommentar ... 86
B.2.3 Interview der Mutter zu R.´s Verhalten mit
Kommentar ... 90
B.2.4 Ankreuzen der OptiMind ­ Checkliste für
Vorschulkinder durch die Mutter mit Kommentar
93
B.2.5 R.´s
Fernsehgewohnheiten ... 96
B.3 Beobachtungen, Beobachtungsraster und analytische
Kommentare ... 98
B.3.1 Einleitung ... 98
B.3.2 Fünf Beobachtungen im Kindergarten vom 15.06.
bis
22.06.2001 ... 99
B.3.3 Beobachtungsraster und analytischer Kommentar
106
B.3.4 Beobachtungen der Verfasserin während eines
Ausflugs mit
der Pfiff Klasse am 09.07.2001 ... 108
B.3.5 Beobachtungsraster und analytischer Kommentar
111
B.3.6 Beobachtungen während des Besuchs von R. bei
der
Verfasserin ... 111
B.3.7 Beobachtungsraster und analytischer Kommentar
117
B.3.8 R.´s bildliche Darstellung des Besuches bei der
Verfasserin ... 123
B.3.9 Analytischer
Kommentar ... 124
B.3.10 Beobachtungen der Kindergartenleiterin zum
Verhalten
von
R. ... 125
B.3.11 Beobachtungsraster und analytischer Kommentar
127
C
Schlussteil ... 128
C.1 Schlussbetrachtung ... 128
C.2 Literaturverzeichnis ... 139
C.3 Anlage
1 ... 143
C.4 Anlage
2 ... 1472
C.5 Erklärung über die selbständige Abfassung der
Diplomarbeit O ... 149

3
V o r w o r t
Das Aufmerksamkeitsdefizit ­ Syndrom ist eine der
häufigsten psychischen Störungen, unter der Kinder
leiden.
Die Symptomatik beeinflusst nicht nur die Entwicklung des
Kindes, sondern ebenso das Selbstwertgefühl des Kindes,
das Familienleben, die Schulleistungen und die sozialen
Beziehungen.
Während meiner beiden studienbegleitenden Praktiken an
einer Krankenhauschule und in einem Schulkindergarten
habe ich Kinder kennengelernt, die u.a. unter diesem
Syndrom leiden.
Ich erinnere mich dabei an meine erste Begegnung mit
einem ADS ­ Jungen der Kinderklinik Siegen:
Ein Junge von neun Jahren war neu ins Krankenhaus
eingeliefert worden, und montags kam er zum ersten Mal zu
uns in die Krankenhausschule.
Er zappelte herum, stand ständig von seinem Platz auf,
redete dazwischen und konnte sich kaum auf die Aufgaben
konzentrieren.
Es vergingen einige Tage, bis er eines Morgens völlig
verändert zum Unterricht erschien. Er war ruhiger,
aufmerksamer, weniger impulsiv und konnte daher auch
schneller arbeiten.
Ursache für das veränderte Verhalten war die Gabe von
Psycho ­ Stimulanzien der Amphetamingruppe.
Aufgrund dieser Erfahrung nahm ich mir vor, mich
eingehender mit diesem Thema auseinander zusetzen. Wie
kann, so kam mir in den Sinn, ,,Chemie" derartige Wunder
bewirken? Gibt es keine Alternativen zur Medikation?
Um das herauszufinden, schien es mir unumgänglich, mir
Basisdaten anzueignen, und ich hatte die Idee, ein ADS
betroffenes, also verhaltensauffälliges Kind über einen
längeren Zeitraum und in unterschiedlichen Situationen zu
beobachten bzw. zu begleiten.
Zur Vorbereitung nahm ich an zwei Seminaren zur ADS ­
Problematik teil, um mich hinsichtlich des theoretischen
Hintergrunds in Kenntnis zu setzen.

4
In meiner Diplomarbeit gebe ich im ersten Teil einen
Gesamtüberblick zum ADS ­ Syndrom; im zweiten Teil
schildere ich meine Beobachtungen und meine Erfahrungen
bezüglich eines siebenjährigen Jungen aus einem
Kindergarten.

5
Erklärung der Abkürzungen
Folgende Abkürzungen werden in der Arbeit verwendet:
ADS
Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom
ADD
Attention Deficit Disorder
AD / HD
Aufmersamkeitsdefizit -/
Hyperkinetische ­ Dysfunktion
AD / HS
Aufmerksamkeitsdefizit -/
Hyperkinetisches ­ Syndrom
HKS
Hyperkinetisches Syndrom

6
A Theoretischer Teil
A.1 E i n l e i t u n g
Der Verfasserin der vorliegenden Arbeit hat insbesondere
ein aus dem Rahmen der gängigen ADS- Literatur fallendes
Buch imponiert, und zwar die ,,Praktische Lebenshilfe für
aufmerksamkeitsgestörte Kinder und Jugendliche" von Thom
Hartmann, Haupttitel: ,,Eine andere Art, die Welt zu
sehen. Das Aufmerksamkeits ­ Defizit ­ Syndrom" (
7
2000).
Thom Hartmann ist selbst ADS- Betroffener, und wenn man
zwischen den Zeilen seines Buches zu lesen versteht oder
nur die Kapitelüberschriften des Inhaltsverzeichnisses
Revue passieren lässt, dann kommt man zu dem Schluss,
dass Hartmann den ,,glänzenden und flexiblen Verstand"
(Kapitel 7) ADS ­ auffälliger Personen sowie den ,,Edison
­ Faktor: Hunter, die die Welt veränderten" (Kapitel 11)
ins Zentrum seiner Überlegungen stellt und gleichsam
nebenbei behandelt, ,,wie aus einer `Störung` wieder eine
Fertigkeit wird" (Kapitel 4). ,,Hunter" sind ADS ­
betroffene Personen, die sich ,,in einer Welt von
Farmern" (Kapitel 10) befinden. (Das Kapitel 1:
,,Terminologie" und das Kapitel 2: ,,Symptomatik" der
vorliegenden Arbeit beschäftigen sich ausführlicher mit
Hartmanns `Jäger ­ Hypothese`).
Im Klappentext des Buches von Hartmann bescheinigen
Hallowell, MD, und Ratey, MD, dass Thom Hartmann,
,,anders, als das Syndrom nur als lähmende Krankheit zu
skizzieren, veranschaulicht, dass ADS durchaus mit
Kreativität, hoher Leistungskraft und meist erfolgreicher
Anpassungskraft assoziierbar ist." Und Popkin, Gründer
und Präsident der Active Parenting Publishers in
Marietta, Georgia, hebt im Vorwort zu Hartmanns Buch
hervor, dass ,,der Zustand des Jägers in einer
Gesellschaft von Farmern ... keine Störung im
eigentlichen Sinne darstellt" und dass Hartmann ,,den
Wert jedes einzelnen Menschen unterstreicht" (Hartmann,

7
7
2000, S. 11 f.). Wie Hartmann die ,,andere Art, die Welt
zu sehen" und sich in ihr zu verhalten darstellt, mag
folgendes Beispiel zeigen:
,,Es gibt da ein altes Modell über ,,horizontale" und
,,vertikale" Problemlösungsstrategien: Wenn ein
vertikaler Problemlöser an eine Tür kommt, die klemmt
oder abgeschlossen ist, wird er immer stärker dagegen
drücken, anklopfen, auf sie eindreschen und sie
schließlich eintreten. Umgekehrt würde ein horizontaler
Problemlöser andere Wege suchen, um in das Haus zu
kommen, z.B. nach geöffneten Fenstern oder anderen Türen
suchen. Sicher ist das eine starke Vereinfachung, dennoch
zeigt sie den Unterschied zwischen einer ,,strategisch ­
linearen" und einer eher ,,beliebig ­ zufälligen"
Weltsicht. Kreative Menschen fallen häufig in die
letztere Kategorie. Sie sind normalerweise diejenigen,
die sich neue Lösungswege für alte Aufgaben oder zur
Überwindung alter Probleme ausdenken."
Hartmann,
7
2000, S. 72
Zur Verdeutlichung dessen, was Hartmann intendiert, die
Meinung des Philosophen Thomas H. Macho. In dem Buch ,,Das
Prinzip Heilung" äußert er die Ansicht, dass ,,zum
`Krankheitssymptom` gerät, was Menschen als fremd an sich
selbst erkennen" (Macho/ Achenbach, 1983, S. 35 ff.).
Zur Erfahrung eines Fremden am eigenen Leibe sind
beispielsweise ,,unkontrollierbare Symptome zu rechnen"
(ebd.). Und dann die entscheidenden Sätze: ,,Fremdheit an
mir selbst ist nicht stumm. Die Wahrnehmung von eigener
Fremdheit gleicht einem stetigen Selbstgespräch ... . Das
Fremde wird nicht eingemeindet; im Gegenteil: seine
unerhörte Fruchtbarkeit muss gegen alle Attacken
verteidigt werden. Philosophische Praxis (d.i. eine in
Bergisch ­ Gladbach gegründete Praxisvariante) ergreift
Partei für das Fremde, nicht, um es in einer bestimmten
Gestalt (etwa als Symptom) festzuhalten, sondern um
gerade seine Verwandlung zu ermöglichen" (ebd. S. 37).

8
Die Verfasserin ist der Ansicht, dass genau das im
Kapitel 4 von Hartmanns Buch: ,,Wie eine `Störung` wieder
eine Fertigkeit wird", zur Sprache kommt (Hartmann,
7
2000, S. 43-53). ,,In der Praxis", so wäre mit dem
Karlsruher Philosophen Sloterdijk zu ergänzen, ,,wird die
Idee verpönt, dass Krankheit, zu gegebener Zeit, eine
notwendige und wahrhaftige Beziehung eines Individuums zu
sich selbst und ein Ausdruck seiner Existenz sein kann"
(Sloterdijk, 1983, S. 630 f.). Diese Einstellung bzw.
diesen therapeutischen Grundansatz teilt die Verfasserin,
und darin liegt der Grund, dass dem Therapiekapitel der
vorliegenden Arbeit ein größerer Umfang zugemessen wird.
Eine erfolgversprechende Therapie hätte die Aufgabe: aus
einer ,,Störung" eine Fertigkeit werden zu lassen ­ so
Hartmann; die unerhörte Fruchtbarkeit des Fremden am
eigenen Leib gegen alle Attacken zu verteidigen ­ so
Macho; ,,Krankheit", zu gegebener Zeit, als eine
notwendige und wahrhaftige Beziehung eines Menschen zu
sich selbst zu sehen ­ so Sloterdijk. Diese Grundsätze
bzw. diese Uminterpretation von ,,Krankheit" wären
mittels der in Kapitel 7 dargestellten Therapieformen
bewusst zu machen bzw. zu verwirklichen, und zwar auf der
Basis, ,,den Wert eines jeden einzelnen Menschen zu
unterstreichen". (Popkin über Hartmann, in: Hartmann,
7
2000, S. 12).
A . 2 T e r m i n o l o g i e
Einen Einblick in die Beziehungsgeschichte und die
Verhaltensbeschreibung dessen, was man heutzutage ADS
nennt, geben Hallowell/ Ratey (2000, S. 30 ff.) im ersten
Kapitel ihres Buches ,,Zwanghaft zerstreut oder die
Unfähigkeit, aufmerksam zu sein" (Originalausgabe
,,Driven to Distraction" ,1994). Die beiden Autoren
weisen darauf hin, dass ADS bekannt ist, ,,seit es
überhaupt Kinder gibt" (ebd. S. 30), dass es aber bis in
unsere Zeit als, `schlechtes Benehmen` gekennzeichnet,
mit ,,Vom- Teufel ­ besessen ­ Sein" und mit ,,moralischer

9
Schwäche, die bestraft werden muss" (ebd. S. 31), in
Zusammenhang gebracht wird. Erst im 20. Jahrhundert sei
es als Krankheit angesehen worden, die nach ärztlicher
Behandlung verlange. Wer das Syndrom zuerst definiert
habe, sei nicht zu ermitteln. ,,Anerkennung gebührt jedoch
dem englischen Kinderarzt George Frederic Still, der im
Jahr 1902 in Vorlesungen am Royal College of Physicians
einige Kinder aus seiner Praxis beschrieb, die schwer
lenkbar waren, Zeichen von Regellosigkeit (`lawlessness`)
und mangelnder Willenshemmung (`inhibitory volition` )
erkennen ließen und im allgemeinen ,,laut, verlogen und
eigensinnig waren" (ebd.). Still vermutete, dass dieses
Verhalten nicht auf elterliches Versagen oder moralische
Schlechtigkeit beruhte, sondern genetisch bedingt oder
Folge eines Geburtsschadens war, eine ungeheuer ,,radikale
Auffassung für seine Zeit" (Holowenko,
4
1999, S. 17).
In den zwanziger und dreißiger Jahren des 20.
Jahrhunderts wurde `Geburtsschaden` mit `Hirnschaden`
(brain damage) kombiniert. Derart ,,hirngeschädigte
Kinder" behandelte man in diesen Jahrzehnten erstmals
und erfolgreich mit Stimulanzien (Amphetamine) (vgl. ebd.
S. 18).
Dann tauchten neue Begriffe auf, z.B. ,,organische
Triebhaftigkeit" (organic drivenness) und MCD, d.h.
,,minimale zerebrale Dysfunktion" (minimal brain
dysfunction). Ein weiterer revolutionärer Schritt in der
Bezeichnungsgeschichte ist mit Stella Chess in Verbindung
zu bringen. Sie veröffentlichte nämlich 1960 erste
Untersuchungen zum ,,hyperkinetischen Syndrom des
Kindesalters" (hyperactive child syndrome), die ­ und
das markiert den Wendepunkt ­ die
,,Hyperaktivitätssymptomatik aus jeglichem gedanklichen
Zusammenhang mit einem etwaigen Hirnschaden herauslösten.
Für Chess war die Symptomatik Teil einer `physiologischen
Hyperaktivität`, deren Ursachen man nicht in der Umwelt,
sondern in biologischen Faktoren zu suchen hatte" (ebd.
S. 32).
In den 70er Jahren untersuchte u.a. Virginia Douglas die
Symptome, ,,die mit Hyperaktivität einhergingen ..., und

10
es ist weitgehend auf ihre Arbeit zurückzuführen, dass
das Syndrom 1980 in den USA in ADD (Attention Deficit
Disorder) umbenannt wurde" (ebd.).
Spallek verweist darauf, dass die Amerikaner ,,schon
damals zwischen einer Aufmerksamkeitsstörung mit und ohne
Hyperaktivität unterschieden" (Spallek, 2001, S. 8). Die
Kinder mit Hyperaktivität werden der Bezeichnung ADHD,
bzw. AD / HD d.h. Attention Deficit Hyperactivity
Disorder, zugeordnet.
In Deutschland sprach man vom ,,hyperkinetischen Syndrom"
(HS) bzw. vom ,,hyperkinetischen Syndrom ohne
Hyperaktivität" (vgl. Neuhaus,
5
1999, S. 17),
mittlerweile hat sich aber die Bezeichnung ADS
(Aufmerksamkeitsdefizit ­ Syndrom) mit und ohne
Hyperaktivität durchgesetzt, eine Bezeichnung, die auch
die Verfasserin der vorliegenden Diplomarbeit in ihren
Ausführungen verwendet.
Es sei erwähnt, dass in der deutschen ADS ­ Literatur
z.T. unterschiedliche Klassifikationen verwandt werden.
Z.B. ist von Aufmerksamkeits ­ Defizit ­ Hyperaktivitäts
­ Störung (ADHS) die Rede.
Aust ­ Claus / Hammer bevorzugen ,,Aufmerksamkeits ­
Störung mit und ohne Hyperaktivität", ADS mit
Hyperaktivität und ADS ohne Hyperaktivität,
`Zappelphilippe` und `Träumer` mit Aufmerksamkeits ­
Defizit ­ Syndrom (vgl. Aust ­ Claus/ Hammer,
4
2000, S.
9).
Spallek (2001, S. 8) verwendet überwiegend die
Bezeichnung ADS, differenziert zuweilen jedoch
hyperaktive und hypoaktive Form des ADS (ebd., S. 19).
Döpfner et al. (
2
2000, S. 3) benutzen keine Abkürzungen
und unterscheiden zwischen "hyperkinetischen" und
,,oppositionellen Verhaltensauffälligkeiten", die sie als
,,Wackelpeter" und ,,Trotzkopf" personifizieren.
Eine vergleichsweise gänzlich andere Terminologie mit
einem von der gängigen ADS ­ Literatur abweichenden
Sinngehalt gebraucht der Amerikaner Thom Hartmann in
seinem Buch `Attention Deficit Disorder: A Different
Perception`, zu Deutsch: `Eine andere Art, die Welt zu

11
sehen. Das Aufmerksamkeits ­ Defizit ­ Syndrom` (
7
2000).
Bereits der Buchtitel gibt zu verstehen, dass Hartmann
dem ADS eine `unterschiedliche Perzeption` bzw. eine
,,andere Art, die Welt zu sehen" parallelisiert. ADS ist
keine ,,Störung" und keine ,,Auffälligkeit" und schon gar
nicht mit einer ,,Krankheit" gleichzusetzen. Ein ADSler
sieht vielmehr die Welt als `Hunter`, als `Jäger`. Er
befindet sich als Hunter in einer Welt von `Farmern`, und
er besitzt Eigenschaften, die in frühen Jäger ­ und
Sammlergesellschaften überlebenswichtig waren. Erst als
die menschliche Gesellschaftsordnung zunehmend bäuerlich
wurde, erwiesen sich diese Eigenschaften, die Hartmann
als Stärken vorstellt, als mehr und mehr fehl am Platz.
Offenbar hatten und haben diese ,,Menschen zur falschen
Zeit die richtigen Fertigkeiten" (Popkin im `Vorwort` zu
Hartmann,
7
2000, S. 12). Menschen mit einem ADS sind
somit, laut Hartmann, die genetischen Erben der Jäger aus
prähistorischer Zeit. Und ADS ist weder als Mangel noch
als Störung einzustufen, es ist lediglich anachronistisch
und ,,frustrierend" (ebd.) (vgl. die ausführliche
Darstellung von Hartmanns `Jäger`- Hypothese und die
Gegenüberstellung von `Hunter` und `Farmer` in der
Einleitung zur `Symptomatik` in Kap. 3 der vorliegenden
Arbeit).
A . 3 S y m p t o m a t i k
Ein Überblicken bereits der Inhaltsverzeichnisse von ADS-
Literatur hinterlässt hinsichtlich der Anzahl und der
Gliederungsbemühungen ADS- spezifischer Symptome einen
verwirrenden Eindruck, was u.a. darauf zurückzuführen
ist, dass die Gliederungskonzepte dem spezifischen
Schwerpunkt des vom jeweiligen Autor Behandelten
zugeordnet sind. Für ein extremes Beispiel in dieser
Hinsicht stehen Passagen in Thom Hartmanns Buch ,,Eine
andere Art, die Welt zu sehen", das 2000 in der 7.
Auflage erschienen ist. In dieser Veröffentlichung
vertritt er - wie im `Terminologie` - Kapitel skizziert -

12
die These, dass ,,Menschen mit ADD die Erben der Jäger
sind". Er meint damit, dass die charakteristischen
Verhaltensmerkmale, die man unter dem Begriff ADS
zusammenfasst, in prähistorischen Jäger- und
Sammlergesellschaften überlebenswichtig waren. Insofern
sollte man, was ADS- Betroffene angeht, nicht von
Verhaltensstörung oder gar Krankheit sprechen, sondern
das ADS als ,,eine ererbte Kombination von Fähigkeiten,
Fertigkeiten und Persönlichkeitsmerkmalen (sehen), die
einem Jäger, Krieger oder Fährtensucher zum Erfolg
verhelfen kann" (Spallek, 2001, S. 12). Hartmanns
,,Jäger- Hypothese" beruht auf einem Vergleich ,,der
klassischen ADD- Symptome mit der Auflistung der
Eigenschaften eines guten Jägers". Dieser Vergleich
zeigt ihm ,,eine fast perfekte Übereinstimmung"
(Hartmann, 2000, S. 36). Und entsprechend dieser
Übereinstimmung fällt seine ,,Gliederung" bzw. Auflistung
der ADS- Charakteristika aus, die er in der Spalte
,,Wesenszug in der `Störungs`- Sichtweise" des folgenden
Diagramms dargestellt hat:

13
Eine neue Sichtweise auf ADD: keine Störung, sondern ein
durch natürliche Anpassung entstandener Wesenszug
Wesenszug in der
,,Störungs"- Sichtweise
Leicht abzulenken
Kurze
Aufmerksamkeitsspanne;
können sich aber über
lange Zeit hinweg
ungeheuer intensiv
konzentrieren.
Schlechte Planer,
unordentlich,
chaotisch und impulsiv
(übereilte
Entscheidungen)
Verzerrtes Zeitgefühl:
keine Vorstellung
davon, wie lange es
dauern könnte, eine
bestimmte Aktion
auszuführen.
Ungeduldig
Können schlecht Wörter
in Konzepte umwandeln
und umgekehrt. Können
u.U. auch
Leseschwächen haben.
Haben Probleme, die
Anweisungen anderer zu
befolgen.
Tagträumer
Handeln, ohne die
Konsequenzen zu
bedenken.
Ziemlich ungehobelte
Umgangsformen.
Wie sich dies aus
der Sicht der
,,Hunter" präsentiert
Überwachen ständig
die Umgebung
Können sich ohne
jede Verzögerung
sofort auf die Jagd
begeben.
Flexibel: bereit,
Strategien schnell
abzuändern
Unermüdlich: können
lange Strecken
durchstehen, aber
nur, wenn sie ,,auf
einer heißen Spur"
sind und ein Ziel
verfolgen.
Ergebnisorientiert.
Sind sich beinahe
schmerzhaft bewusst,
ob sie sich dem Ziel
im Augenblick nähern
oder nicht.
Visuelle / konkrete
Denkweisen, sehen
ein erreichbares
Ziel klar vor sich,
auch wenn ihnen
dafür noch die Worte
fehlen.
Unabhängig
Langweilige Aufgaben
öden sie an; sie
lieben neue Ideen,
Aufregungen, ,,die
Jagd", das Verfolgen
einer ,,heißen Spur".
Sind willens und in
der Lage, Risiken
auf sich zu nehmen
und der Gefahr ins
Auge zu blicken.
,,Keine Zeit für
Feinheiten, wenn es
darum geht,
Entscheidungen zu
fällen!"
Im Gegensatz dazu der
Wesenszug der
,,Farmer"
Nicht leicht von der
augenblicklichen
Aufgabe abzulenken
Können eine stetige,
verlässliche Bemühung
aufrechterhalten.
Sind ordentlich und
wohlorganisiert. Sie
haben
Langzeitstrategien und
halten sich daran.
Sie sind sich der Zeit
und der Zeitpläne
bewusst, sie bekommen
ihre Aufgaben
rechtzeitig fertig,
sie legen ein stetiges
Arbeitstempo vor,
haben gutes
,,Durchhaltevermögen".
Geduldig. Sind sich
darüber im klaren,
dass ,,gut Ding Weile
haben will". Sind
bereit zu warten.
Sind viel eher in der
Lage, Ziele zu
verfolgen, die im
Augenblick nicht
leicht zu sehen sind.
Teamfähig.
Konzentriert. Gut bei
der genauen weiteren
Durchführung, achten
auf Details, ,,kümmern
sich ums Geschäft".
Sorgfältig und
sorgsam: ,,Erst
schauen, dann
springen."
Umsorgen andere,
schaffen und fördern
die Werte der
Gemeinschaft, spüren,
ob etwas von Dauer
sein wird.

14
aus:
Hartmann,
2000, S. 37
Weitaus transparenter und geordneter erscheint
demgegenüber beispielsweise das Differenzierungskonzept
von Döpfner et al.. Ihrem Buch ,,Wackelpeter und
Trotzkopf" (2000), das in dichotomischer Weise
,,hyperkinetische" und ,,oppositionelle
Verhaltensauffälligkeiten" unterscheidet und diesen
beiden Grundproblemen sogenannte ,,Kernbereiche" (a.a.O.,
S. 11) zuweist, lässt sich folgendes Schema entnehmen:
Hyperkinetische Verhaltensauffälligkeiten
Aufmerksamkeits-
impulsives
ausgeprägte und Konzentra-
Verhalten
Unruhe
tionsschwächen
(vgl. a.a.O., S. 11)
oppositionelle Verhaltensauffälligkeiten
Nichtbeachten
Wutausbrüche
und
dominierendes,
von Regeln
aggressives
u. aggressives
und Grenzen
Verhalten gegenüber
Verhalten
Eltern und anderen
gegenüber
Erwachsenen
gleichaltrigen
außerhalb der
Familie
(vgl. a.a.O., S. 36)

15
Der Nachteil dieser einprägsamen Gliederung besteht
jedoch darin, dass sie nicht alle Aspekte resp. Symptome,
z.B. die positiven Verhaltensweisen von ADS- Kindern oder
Hypoaktivität, in den Blick nimmt.
Oberbegriffe in ihrer Gliederungskonzeption verwendet
z.B. auch Spallek (2001, S. 5 f.), d.h. eine Überblick
bietende Ordnungsvorstellung ist gewährleistet. Den
zentralen Oberbegriffen subsumiert sie Unterbegriffe, die
nahezu das ganze Spektrum ADS- bezüglicher Aspekte
enthalten.
Nicht nachzuvollziehen aber ist ihr Gliederungsprinzip,
das, ebenfalls dichotomisch angelegt, nach numerisch ­
quantitativen Maßstab zwischen ,,Merkmalen, die immer
vorhanden sind" und solchen, die ,,vorhanden sein
können" (Spallek,
3
2001, S. 5) bzw. zwischen ,,obligaten"
und ,,fakultativen Symptomen" (2001, S. 5) unterscheidet;
Eine ,,Störung der Wahrnehmung" beispielsweise muss nicht
ständig vorhanden sein (
3
2001, S. 5), um als ADS- Kind
eingestuft zu werden. Es gelten andere Diagnosekriterien
(vgl. Kap. 6.2). Außerdem gehört, was sie als ,,Störung
der Gedächtnisbildung" (ebd.) bezeichnet, wohl
zutreffender in das Kapitel `Ätiologie`.
Holowenko (
4
1999, S. 27) bevorzugt ein 4- gliedriges
Differenzierungsmodell und kommt zu folgender Einteilung:
Überblick über Symptomatik und Verlauf von AD / HS
Primäre Symptome
Unaufmerksamkeit
Impulsivität
Hyperaktivität
Sekundäre Symptome
Verhaltensschwierigkeiten
Schlechte schulische Leistungen
oder Lernschwierigkeiten
Schlechte Beziehungen zu
Gleichaltrigen
Niedriges Selbstwertgefühl

16
Kognitive Defizite
Unfähigkeit zu anhaltender
Aufmerksamkeit und zur Hemmung
impulsiver Reaktionen auf Aufgaben
oder in sozialen Situationen, bei
denen konzentrierte, auf sich
gerichtete Denkanstrengungen
gefordert werden.
Häufigkeit
Die Zahlen in den Berichten über
das Auftreten weisen gewaltige
Diskrepanzen auf; demnach werden
ca. 0,03 Prozent der Schulkinder
in Großbritannien mit
Psychostimulanzien behandelt,
verglichen mit einem Prozent in
Australien und drei Prozent in den
USA. Allerdings rührt die
Verwirrung zum Teil von der
Tatsache her, dass in den
verschiedenen Ländern
unterschiedliche diagnostische
Kriterien für eine Definition der
Störung gelten.
aus:
Holowenko, S. 27
Hallowell/ Ratey, um nur eine letzte aus der Vielzahl der
Möglichkeiten von Differenzierungen zu nennen, halten
sich an die diagnostischen Kriterien nach dem
psychiatrischen Standardwerk DSM ­ III ­ R (Diagnostic
and Statistical Manual, 3. revidierte Auflage), die in
Tabelle 1 ihres Buches abgedruckt sind:
,,Eine Störung von mindestens sechsmonatiger Dauer, bei
der nicht weniger als acht der folgenden Symptome
auftreten:
1. Zappelt häufig mit Händen oder Füßen oder rutscht
auf dem Stuhl hin und her (kann bei Heranwachsenden
beziehungsweise Erwachsenen auf das Gefühl
motorischer Unruhe beschränkt sein).

17
2.
Hat Mühe, an seinem / ihrem Platz sitzen zu
bleiben, wenn die Umstände es verlangen.
3. Ist leicht ablenkbar durch Außenreize.
4.
Es fällt ihm / ihr beim Spiel oder in
Gruppensituationen schwer zu warten, bis er / sie
an der Reihe ist.
5. Platzt häufig mit der Antwort heraus, bevor die
Frage vollständig formuliert ist.
6.
Es fällt ihm / ihr schwer, Instruktionen von
anderer Seite konsequent zu befolgen.
7.
Es fällt ihm / ihr schwer, beim Arbeiten oder
Spielen über längere Zeit aufmerksam zu bleiben.
8.
Wechselt häufig die Tätigkeiten, ohne eine von
ihnen zu beenden.
9. Es fällt ihm / ihr schwer, still zu spielen.
10.
Redet häufig ohne Punkt und Komma.
11.
Unterbricht oder stört häufig andere.
12.
Macht häufig den Eindruck, er / sie höre gar nicht
zu, wenn man mit ihm / ihr spricht.
13.
Verliert häufig Sachen, die er / sie für Arbeiten
oder Aktivitäten in der Schule oder zu Hause
benötigt.
14.
Lässt sich häufig auf psychisch riskante
Aktivitäten ein, ohne die möglichen Folgen zu
bedenken."
Hallowell / Ratey,
2000, S. 302
Geht man von ,,zwanghaft zerstreut oder die Unfähigkeit,
aufmerksam zu sein" ­ so der Titel des Buches von
Hallowell / Ratey (2000) ­ aus, so scheinen die beiden
Autoren lediglich ,,Aufmerksamkeitsunfähigkeit" ­
übrigens ein Zusatz, der dem Originaltitel ,,Driven to
distraction" nicht gerecht wird ­ ins Zentrum der
Aufmerksamkeit zu rücken, ihre Ausführungen aber sind dem
dichotomischen Ansatz von ,,rastloser, hyperaktiver Suche
nach intensiver Stimulation" auf der einen und
,,geistesabwesendem Driften in einem Nebel der
Gleichgültigkeit" bzw. ,,Nervenkitzel" und ,,Tagträumen"
(ebd. S. 2) verpflichtet. In formaler Sichtweise

18
dichotomisch angelegt, entfernen sich die Aussagen
inhaltlich von einschlägiger ADS ­ Literatur.
Die Verfasserin der vorliegenden Arbeit geht, um im
Dschungel der Differenzierungsmannigfaltigkeit die
Orientierung nicht zu verlieren, in Anlehnung an
Holowenko (1999, S. 27) und Döpfner et al. (
2
2000, S. 18)
aus von drei ,,Primärsymptomen" bzw. ,,Kernbereichen",
nämlich
Unaufmerksamkeit
Hyperaktivität
Impulsivität
denen sie ,,zusätzliche Symptome" anfügt. Daraus ergibt
sich folgende Übersicht:
Primärsymptome
Unaufmerksamkeit (Konzentrationsschwäche, Hans ­
Guck ­ in - die­Luft... Träumer, Hypoaktivität ...)
Hyperaktivität (exzessive motorische Unruhe, Zappel
- Philipp, ,,Unersättlichkeit von Aktivitäten und
Wünschen") Spallek,
3
2001, S. 20
Impulsivität (Handeln auf den ersten Impuls hin;
unbeherrschtes, unberechenbares Verhalten; keine
Regeln beachtend, waghalsig ...)
Zusätzliche Symptome:
(nach Spallek,
3
2001, S. 40 ff.):
Zwanghafter Rededrang
Aggressivität (gilt für hyper- als auch für
hypoaktive Kinder)
Oppositionelles Verhalten ( Verweigern einer
Anweisung oder Bitte, Wutausbrüche und
Tobsuchtsanfälle ..., Ängstlichkeit)
Trödelverhalten
Mangelnde Organisation
Störung der Koordination, des Körpergefühls, der
Schmerz- und Temperaturempfindung
Teilleistungsschwächen = ,,Schwäche einer

19
umschriebenen Hirnfunktion bei sonst normaler
Intelligenz" (ebd. S. 57) , z.B. Lese-
Rechtschreib ­ Schwäche
Einnässen, Einkoten
Störung der Sprachentwicklung
Eingeschränkte Frustrationstoleranz
Irritierbarkeit
Stimmungsschwankungen
Unfähigkeit, aus Fehlern und Erfahrungen zu lernen
Mangelnde Selbstkritik
Mangelhafter Bezug zur Realität
Paradoxe Reaktionen auf Beruhigungs- und
Aufputschmittel (vgl: Das Therapiekapitel dieser
Arbeit; Bsp.: Coca ­ Cola macht ruhig und müde, ein
Beruhigungsmittel aufgeregt und aggressiv)
Die Auflistung der Symptome ist zugeschnitten auf die
Thematik der Fallanalyse eines ADS- Kindergartenkindes,
so dass z.B. Punkte wie `ADS in der Pubertät` oder
`Symptome des Erwachsenen ADS" (Spallek, 2001, S. 6) den
Rahmen des zu Behandelnden sprengen. Diese Punkte kommen
nicht oder nur indirekt zur Sprache.
A . 4 B e g l e i t e r s c h e i n u n g e n d e s A D S ­ S y n d r o m s
In Bezug auf die Thematisierung der Begleiterscheinungen
des ADS ­ Syndroms beschränkt sich das vierte Kapitel auf
die Punkte ,,ADS und Freundschaft" und ,,ADS,
Selbstwertgefühl und Depression".
Zu beiden Bereichen finden sich eindrucksvolle
Fallbeispiele in dem in 5. Auflage erschienenen Buch von
Cordula Neuhaus mit dem Titel ,,Das hyperaktive Kind und
seine Probleme" (
5
1999). Auf zwei ihrer
Fallschilderungen und einige Analysen wird die
Verfasserin zurückgreifen.

20
A.4.1ADS und Freundschaft
Wie Begleiterscheinungen des ADS ­ Syndroms entstehen
können, sei anhand folgender Episode gezeigt, die Neuhaus
schildert:
,,Eine Fünfzehnjährige äußert sich in einer Runde von
drei anderen Mädchen, die sich über Denkspiele
unterhalten, folgendermaßen: ,,Ich spiele auch gern,
am liebsten Tischtennis." Die anderen lachen
irritiert und denken bei sich ,,wie kann man so blöd
sein". Dabei hatte die Jugendliche nur gerade
anhand des Wortreizes ,,Spielen" impulsiv ihr Hobby
mit ins Gespräch gebracht."
Es ist so, als ob die Fünfzehnjährige ,,ohne
zwischengeschaltetes Denken" (ebd.) etwas sagt. Von
,,Denkspielen" ist die Rede, und blitzschnell assoziiert
sie ,,Tischtennisspielen" und das Gefühl, das sie dabei
hat. Und das äußert sie spontan, obwohl es nicht in den
Kontext passt. ,,Die Gedanken springen. Die Person mit dem
ADS gerät ... von einer Assoziation zur anderen" (ebd.
S. 62). Man denkt an Freuds Definition von `Denken` als
einem ­ dem Sinn nach ­ ,,Probehandeln mit reduzierter
Energiebesetzung". Dieses ,,Probehandeln" ist bei der
Fünfzehnjährigen gleichsam ausgefallen; was ihr in den
Kopf kommt, wird ohne Rücksicht auf Verluste und impulsiv
in Sprache umgesetzt.
Aber ,,die Impulsivität schafft Probleme" (ebd. S. 61).
Die drei anderen Mädchen geraten in
Verhaltensverlegenheit, sie ,,lachen irritiert und denken
bei sich `wie kann man so blöd sein`" (ebd.). Dass die
drei Mädchen möglichst wenig Kontakt mit der
Fünfzehnjährigen haben wollen, die die Spielregeln
themenzentrierter Unterhaltung nicht kennt oder nicht
beachtet, liegt auf der Hand. Eine Person, mit der sie
sich möglicherweise blamieren können oder werden, taugt
sicher nicht zur Freundin.

21
Keine Freunde gewinnt auch derjenige, der sich im
Kindergarten unangemessen und unangepasst verhält, wie
die Verfasserin bei ihren Beobachtungen erleben konnte.
Beschwerden wie ,,R. schubst mich immer! ­ R. lässt mich
nicht in Ruhe spielen! ­ R. hat meinen Turm kaputt
gemacht! ­ R. fährt mit seinem Dreirad immer gegen meins!
­ R. nervt, der soll weggehen!" ­ derartige Beschwerden
tragen sicher nicht dazu bei, Freunde zu gewinnen (vgl.
Kap. 3.1 im zweiten Teil dieser Arbeit).
Wo Impulsivität als Spielregelverstoß immer wieder in
Verhalten umgesetzt wird und wo sich ,,oppositionelle
Verhaltensauffälligkeiten" (vgl. Döpfner et al.,
2
2000,
S. 36) in aggressiver Form äußern, da ist die Chance
gering, nicht abgewiesen zu werden. ,,Sowohl
hyperkinetische als auch oppositionell auffällige Kinder
werden häufig von Gleichaltrigen abgelehnt, entweder weil
sie aufgrund ihrer hyperkinetischen Auffälligkeiten
ständig beim Spiel stören oder weil sie wegen ihrer
aggressiven Verhaltensweisen als Störenfriede empfunden
werden" (ebd. S. 51).
Sollte Freundschaft zustande kommen, so handelt es sich ­
laut Spallek ­ ,,fast immer ebenfalls um ADS ­ Kinder"
(Spallek,
3
2001, S. 78). Die Vermutungen, die Spallek im
Hinblick auf die Frage, warum das so ist, aufstellt,
nämlich ,,verminderte Schmerzempfindlichkeit" und
,,schlechtes Gedächtnis" (ebd.), klingen nicht sehr
überzeugend.

22
A.4.2ADS, Selbstwertgefühl und Depression
Viele ADS ­ Kinder entwickeln mit der Zeit Ängste und
Unsicherheiten und trauen sich weniger zu als andere
Kinder. Sie leiden unter mangelndem Selbstvertrauen, weil
sie häufig Ablehnung erfahren. Spallek hat in Erfahrung
gebracht, dass ,,selbst die liebevollsten Eltern nur zu
häufig an ihre Grenzen kommen und ihrem Kind
signalisieren, dass sie es manchmal nicht mehr mögen"
(
3
2001, S.79). Spallek schreibt: ,,In einem meiner
regelmäßig abgehaltenen Elternabende sagte eine Mutter,
sie sei froh, ihr Kind nicht schon umgebracht zu haben.
Ich war von diesem Geständnis erschüttert, noch
erschütterter war ich, als alle anderen Eltern ­ es waren
mehr als 20 ­ nickten. Bei einer solchen
Beziehungssituation darf es nicht verwundern, dass die
depressive Verstimmung bei vielen ADS- Kindern im
Vordergrund steht" (ebd.), und zwar insbesondere bei
hypoaktiver Ausprägung des ADS ­ Syndroms.
Aust ­ Claus / Hammer führen diesbezüglich Beispiele aus
Satzergänzungs ­ Tests an, die betroffen machen:
,,Samuel schreibt z.B. im Satzergänzungs ­ Test:
Keiner ­ will mit mir spielen
Ich bin ­ faul
Ich fühle mich ­ elend
Hoffentlich ­ finde ich auch mal einen Freund
Ich bin ­ schlecht
Ich wünsche ­ ich wäre nie geboren
Ich kann ­ nicht aufpassen
Immer ­ gibt es Ärger, Ärger, Ärger
Am liebsten ­ würde ich abhauen
Oder Catharina:
Am liebsten ­ wäre ich gut in der Schule
Ich bin ­ die Dümmste
Mein größtes Problem ­ ist die Träumerei

23
Am meisten wünsche ich mir ­ ein ganz normaler Mensch zu
sein
Ich möchte ­ auch mal eine gute Note schreiben"
Aust ­
Claus / Hammer,
4
2000, S. 90
Aust ­ Claus / Hammer äußern sich erstaunt darüber, ,,wie
ernst viele Kinder ihre Situation nehmen" und wie oft
sie über sich selbst traurig sind". Um damit fertig zu
werden bzw. um das zu überspielen, treten sie oft ,,als
Clown auf oder als `cooler Powerman`, aber meist haben
sie einen sehr sensiblen Kern" (ebd.). Ihre Gefühle und
Wünsche zeichnen sie so:

24
Abbildung 1 aus ,,Das ADS-Buch" ; Aust - Claus / Hammer; S.91
Als Abschluss dieses Kapitels ein auf den ersten Blick
harmloses Beispiel für ein Aufmerksamkeitsdefizit, für
Ablenkbarkeit bzw. Unkonzentriertheit, ein harmloses
Beispiel, das aber, tagtäglich wiederholt in einen
Teufelskreis geraten und in eine ,,Abwärtsspirale"
(Neuhaus,
5
1999, S. 71) münden kann.
,,Johannes, 11 Jahre, soll für die Mutter im Keller
einen Korb und die Keksdose holen. Den Auftrag hört
er nur halb. Eigentlich wollte er gerade in sein
Zimmer gehen, um an der Eisenbahn weiterzubauen. Auf
dem Weg in den Keller fällt sein Blick beim
Vorbeigehen ins Wohnzimmer auf das ferngesteuerte
Auto des Bruders, der gerade nicht da ist. Spontan
läuft er ins Wohnzimmer und beginnt an der
Fernbedienung herumzuspielen, der Auftrag ist
vergessen. Die Mutter ruft nach einigen Minuten,
wann sie denn mit den Sachen rechnen kann. Sie hört
den Jungen im Wohnzimmer und wird gleich ärgerlich,
weil er schon wieder nicht das getan hat, was sie
ihm gesagt hat."
Ebd. S. 66
,,Grundsätzlich", meint Neuhaus (ebd. S. 60), sind ADS ­
Kinder ,,aufnahmebereit und aufnahmefähig für fast
alles". Aber in der konkreten alltäglichen
Anforderungssituation verlaufen Aufnahmeprozess und
Umsetzung nicht abgestimmt aufeinander, sondern
,,punktuell und hüpfend". ,,Das Gehirn balanciert Input
und Output nicht richtig aus" (ebd.). Der
Wahrnehmungsstil von Johannes ist ,,hüpfend". Er
registriert zwar ,,alles und jedes", aber er beachtet nur
das ,,punktuell für (ihn) Wichtigste und Bedeutendste"
(ebd., S. 63). Noch in Gedanken mit dem für ihn Zentralen
beschäftigt, nämlich mit dem Weiterbau seiner Eisenbahn,
hört er nur mit halbem Ohr, was seine Mutter von ihm

25
will. Neuhaus schlägt vor, dieses Wahrnehmungsverhalten
als ,,Aufmerksamkeitsinkonsistenz" oder
,,Aufmerksamkeitsvariabilität" (ebd. S. 60) zu
kennzeichnen, denn ,,defizitär" ist die Aufmerksamkeit ja
lediglich im Vergleich mit `normaler`
Aufmerksamkeitszuwendung, also relativ ausgedehnter
,,Daueraufmerksamkeitsspanne" (ebd.).
Im Falle von Johannes wäre vielleicht von
,,Aufmerksamkeitssprüngen" oder ,,Aufmerksamkeitswechsel"
zu reden. Jedenfalls hat er Schwierigkeiten, ,,sich selbst
richtig zu `überwachen`, erst einmal innerlich kurz
`abzustoppen` und ganz kurz zu überlegen" (ebd.). Das
kann er nicht, genauso wenig wie die Fünfzehnjährige, von
der in 4.1 die Rede war. Johannes Aufmerksamkeit ,,hüpft"
vom Auftrag seiner Mutter zurück zum Vorhaben
`Eisenbahnweiterbau`, die Anweisung der Mutter behält
aber vorerst noch vorrangige Steuerfunktion, denn,
Johannes ist auf dem Weg in den Keller. Da ,,fällt sein
Blick beim Vorbeigehen ins Wohnzimmer" (ebd. S. 66), und
spontan beschäftigt er sich mit dem ferngesteuerten Auto
seines Bruders. Johannes ist ,,offen für alles ­ im Hier
und Jetzt" (ebd. S. 61), er ist ,,reizoffen, lebt nur im
Augenblick ..., eine Wahrnehmung jagt die andere"
(ebd.). Sich selbst kann Johannes nicht überwachen. Er
verfügt ja nur über ,,punktuell Wahrgenommenes" (ebd. S.
64), alle Wahrnehmungen scheinen ihm ,,gleich wichtig".
Johannes Mutter ist enttäuscht und ärgerlich, schon
wieder hat Johannes nicht getan, was sie von ihm wollte.
Möglicherweise rügt sie Johannes daraufhin, und das
,,hypersensible und impulssteuerungsschwache Kind" gerät
in ein ,,hohes Erregungsniveau". Seine ,,Emotion schlägt
heftige Wellen" (ebd. S. 65). Weitere Misserfolge sind
vorprogrammiert, denn ,,sinnvolle und angepasste
Leistungen kann jeder Mensch nur auf einem mittleren
Erregungsniveau erbringen" (ebd.).
Möglicherweise verteidigt sich Johannes und ,,entwickelt
Vermeidungsstrategien wie ... ein Diskutieren über das
Wieso, Warum und Weshalb" (ebd. S. 67). Möglicherweise
lenkt er ab durch ,,Herumerkaspern und Clownen. Und auf

26
diese Vermeidungsstrategien reagiert das Umfeld wiederum
negativ, die Grundstimmung sinkt weiter", Unsicherheit
oder Wut nehmen zu. ,,Ein weiterer Misserfolg ist dadurch
unvermeidbar. Reaktionen des Umfeldes führen nun oft zu
Aggression, verzweifeltem Weinen oder depressiver
Verstimmung" (ebd.). Johannes ist in einen perfekten
Teufelskreis.
Festzuhalten ist, was die Literatur zum ADS ­ Syndrom
durchzieht: Das Verhalten von Kindern wie Johannes mag
als ,,ungehorsam", ,,unerzogen", ,,trotzig" oder
,,oppositionell" erscheinen; tatsächlich aber ist davon
auszugehen, dass die Kinder
1. unter ihrer ,,hohen Reizoffenheit, ihrem
Ausgeliefertsein und dem für sie selbst so schwer
steuerbaren Verhalten leiden" und dass diese
Verhaltensauffälligkeiten
2. aus der Perspektive des Kindes z.T. als ,,Anpassungs-
und Bewältigungsversuche verstanden werden können" (vgl.
Wolff, Internet, S.3).
A . 5
P o s i t i v e V e r h a l t e n s w e i s e n v o n A D S ­ K i n d e r n
u n d d i e K r e a t i v i t ä t d e r A D S ­ P s y c h e
Cordula Neuhaus (
5
1999) beantwortet die Frage ,,Nur
Defizite und Störungen?" mit `Nein` und verweist auf
,,zwei sehr positive Eigenschaften, die wirklich bei jedem
dieser Kinder / Jugendlichen / Erwachsenen auffallen:
Es besteht eine spontane und ausgeprägte
Hilfsbereitschaft und Fürsorglichkeit, wenn die
Hilfsbedürftigkeit eines Menschen gesehen wird.
Es besteht ein ausgeprägter Gerechtigkeitssinn, nicht nur
für sich selbst, sondern auch für andere" (S. 40).
Neuhaus nennt außerdem als positiv die ,,ausgeprägte Tier
­ und Naturliebe", das Interesse und die Offenheit für
alles und jedes, die mitreißende
,,Begeisterungsfähigkeit", Empathie und Gutmütigkeit.

27
,,Bei Entschuldigung des Gegenübers erfolgt sofortiges
Wiedereinlenken, nachgetragen wird dann nichts" (ebd. S.
41).
Mit Thom Hartmann (
7
2000), Hallowell / Ratey (2000), Aust
­ Claus / Hammer (
4
2000), Spallek (
3
2001) und vielen
anderen ADS ­ Autoren hebt Neuhaus ,,die Kreativität und
den Erfindungsgeist" (ebd. S.42) ADS ­ betroffener
Personen hervor. Aust ­ Claus / Hammer bescheinigen ,,die
tollsten Einfälle und eine beeindruckende Phantasie"
(
4
2000, S. 119).
Von berühmten Wissenschaftlern, Musikern, Politikern,
Schriftstellern und Schauspielern ist bekannt, dass ihre
Persönlichkeitsmerkmale eindeutig ADS ­ typisch waren
bzw. sind. Als phantasiebegabte, ideenreiche und
schöpferische ,,Hunter in einer Welt von Farmern"
(Hartmann,
7
2000, S. 104 ff.), die mit ihren innovativen
und originellen Ideen ,,die Welt veränderten" (ebd. S.
116), nennt Hartmann u.a. Thomas Alva Edison, Benjamin
Franklin, Ernest Hemingway (vgl. ebd. S. 116 ff.).
ADS, assoziativer Denkstil und Kreativität scheinen
zusammenzugehören. ,,Einige Züge der ADS ­
Geistesverfassung" ­ so Hallowell / Ratey (2000, S. 268)
­ ,,begünstigen Kreativität".
Was aber Kreativität fördert, ist Folgendes:
1. ,,Menschen mit ADS haben eine höhere Toleranz für Chaos
als die meisten Menschen. So dekonzentriert, wie sie
sind, von allen Seiten mit Reizen bombardiert, unfähig,
sich gegen Belangloses abzuschirmen, stecken Menschen mit
ADS ständig im Chaos ... . (Aber) indem man diese
Spannung aushält, verhilft man vielleicht etwas Neuem zum
Dasein" (ebd.).
2. Eins der Primär ­ bzw. Kernsymptome (s.o. Kap.3) von
ADS ist Impulsivität. Und Kreativität ist nichts ,,anderes
als Impulsivität, in die richtigen Bahnen gelenkt" (ebd.
S. 269).
3. Menschen mit ADS haben die Fähigkeit, ,,zeitweilig
stark fokussieren beziehungsweise hyperfokussieren zu
können" (ebd.). Insofern halten Hallowell / Ratey den
Ausdruck ,,Aufmerksamkeitsschwäche" für eine

28
,,Fehletikettierung"; anstelle dessen sprechen sie ­ wie
Cordula Neuhaus (vgl. Kap. 4.2 der vorliegenden Arbeit) ­
von ,,Aufmerksamkeitsinkonsistenz". Sie schreiben:
,,Zwar trifft es zu, dass der Geist eines Menschen mit ADS
unterschweift, es trifft aber auch ebenso zu, dass er mit
Leidenschaft an einer Sache dranbleibt, wenn sie ihn
fesselt" (ebd.). Als Beispiel sei Edison genannt, der
ungefähr zehntausend Versuche brauchte, bis das
Experiment gelang. ,,Er interpretierte das so, dass es ihm
damit zehntausendmal gelungen sei, den falschen
Lösungsweg zu beschreiten" (Neuhaus,
5
1999, S. 43 f.).
4. Menschen mit ADS verfügen über das, was Russell
Barkley als ,,Hyperreaktivität" bezeichnete (vgl.
Hallowell / Ratey, 2000, S. 270). "Menschen mit ADS sind
ständig am Reagieren ... . In ihrem Inneren geht es
turbulent zu ... . Die ADS ­ Psyche ist immer in Bewegung.
(Und) diese Hyperaktivität steigert die Kreativität, weil
sie die Zahl der Kollisionen im Gehirn erhöht" (ebd.).
,,Die Zahl der Kollisionen im Gehirn" wird u.a.
zweifellos erhöht durch den assoziativen Denkstil des ADS
­ Gehirns. Dafür nehmen Aust - Claus / Hammer den
Physiker Isaak Newton (1643-1727) als Beispiel, von dem
folgendes berichtet wird:
,,Als Newton grübelte, was wohl den Mond auf seiner
Bahn hält, fiel ihm ­ laut der Legende ­ ein Apfel
auf den Kopf. Blitzartig sei ihm die Idee gekommen,
dass der kreisende Mond und der fallende Apfel
denselben Bewegungs ­ Gesetzen gehorchen könnten.
Dieser Einfall sei die Initialzündung für die
Formulierung des Gesetzes von der Erdanziehungskraft
gewesen."
Aust ­ Claus / Hammer,
4
2000, S. 119
Abschließend die Beschreibung eines liebenswert ­
schusseligen Menschen, der eindeutig als hypoaktiv
einzuordnen ist:

29
,,Er hatte schon früh den Ruf eines etwas sonderbaren
Menschen. Meist schien er tief in Gedanken versunken
zu sein. Immer wieder erwähnen Zeitgenossen seine
sprichwörtliche Zerstreutheit. Was sein Äußeres
betraf, so lachte man in Freundeskreisen darüber und
schalt ihn seiner vernachlässigten Kleidung und
seiner ungepflegten, struppigen Haare wegen. Ebenso
auffällig schien sein Gang. Entweder stolperte er,
oder er kam so zögernd daher, als habe er etwas
verloren. Rock, Halstuch und Strümpfe waren stets
irgendwie zerknüllt oder verschoben. Verneigungen
glückten ihm nie; wenn er eine gefüllte Teetasse ein
Stück weit zu tragen hatte, endete das meist in
einem Unglück. Seine Lehrer rühmten zwar seine
Intelligenz, entrüsteten sich aber über seine Art zu
lernen. Orthographie und Interpunktion beherrschte
der sonst sprachgewandte Schüler nur sehr
mangelhaft, und die Schrift ließ mehr als zu
wünschen übrig. Seine Studien brach er dann
vorzeitig ab...".
Es ist eine Beschreibung des bekannten Pädagogen
Heinrich Pestalozzi.
Aust ­ Claus / Hammer,
4
2000, S. 137 f.
A . 6 D i a g n o s e
Legt man die Begriffsdefinition, die der Pschyrembel
(
257
1994, S. 322) für ,,Diagnose" angibt, zugrunde,
nämlich ,,zweifelsfreie Zuordnung einer gesundheitlichen
Störung zu einem Krankheitsbegriff", dann gerät man in
Bezug auf ADS in Schwierigkeiten.
Denn erstens ­ so Hallowell / Ratey (2000, S. 295) ­ ,,ist
es im Grunde eine Sache des Beliebens, wo man die
diagnostische Grenzlinie zieht, wo das `normale`
Verhalten aufhört. Und doch, wie der britische Staatsmann

30
und Autor Edmund Burke (1729-1797) im Hinblick auf den
Unterschied zwischen Tag und Nacht bemerkte: ,,Wiewohl es
keine klare Grenzlinie zwischen Tag und Nacht gibt, würde
dennoch niemand bestreiten, dass ein Unterschied
besteht." Die Diagnose eines ADS ist eine
,,dimensionale" und nicht eine ,,kategoriale"
Angelegenheit, d.h.: das ADS bzw. die einzelnen Symptome
sind mehr oder weniger ausgeprägt. Die Kategorisierungen
,,ja" oder ,,überhaupt nicht" sind nicht anwendbar. (vgl.
Wolff, Internet ­ Abruf, siehe Anhang).
Holowenko: Die Diagnose ADS ergibt sich als ein
,,Kontinuum wie Höhe oder Gewicht und nicht als
kategorischer Zustand wie Schwangerschaft" (
4
1999, S.
25).
Zweitens kommt hinzu, dass ADS häufig in Verbindung mit
anderen emotionalen und Verhaltenstörungen auftritt. ,,Bis
zu 45% der Kinder mit AD/HS leiden mindestens unter einer
weiteren psychiatrischen Störung" (Holowenko,
4
1999, S.
24). Symptome wie Unaufmerksamkeit oder Impulsivität
können Begleiterscheinungen einer ganzen Reihe von
Problemen in der Kindheit sein. Und bei diesem Phänomen
der ,,Komorbidität" (ebd. S. 22) stellt sich z.B. die
Frage, ob ein Problem, das nichts mit ADS zu tun hat, bei
,,einem Kind (ohne ADS) ähnliches Verhalten wie bei einem
Kind mit ADS hervorruft" oder ,,ob ein Problem wie
Angstzustände die Ursache oder die Wirkung von
Schwierigkeiten mit ADS ist" (ebd. S. 24 f.). Spallek
(2001, S. 32 ff.) weist darauf hin, wie schwierig es ist,
differentialdiagnostisch eindeutige Zuordnungen zu
treffen, wenn zwei Erkrankungen eine Reihe von Symptomen
gemeinsam haben, wie beispielsweise ADS und Asperger ­
Syndrom oder ADS und Gilles de la Tourette ­ Syndrom.
Unerlässlich hinsichtlich einer verantwortlichen
Diagnosestellung ist auf jeden Fall eine körperliche,
eine psychiatrisch ­ neurologische und eine
psychologische Untersuchung. Auf keinen Fall aber ­ davor
wird in der Literatur durchgehend gewarnt ­ sollten
Eltern aus ihren Antworten im Beurteilungsbogen eine
eigene Diagnose ableiten.
Ende der Leseprobe aus 149 Seiten

Details

Titel
Kinder mit Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom: Eine sozialpädeagogische Fallanalyse
Note
0
Autor
Jahr
2001
Seiten
149
Katalognummer
V185701
ISBN (eBook)
9783656981398
ISBN (Buch)
9783867465786
Dateigröße
4243 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
kinder, aufmerksamkeits-defizit-syndrom, eine, fallanalyse
Arbeit zitieren
Simone Jäger (Autor), 2001, Kinder mit Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom: Eine sozialpädeagogische Fallanalyse, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/185701

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