Dieses Konzept entstand zur Absicherung der fachlichen Seite in interdisziplinärer Zusammenarbeit mit einem Logopäden, der stimmtherapeutische Erfahrung hat. Es stellt die Grundlage für einen Workshop dar, den ich in naher Zukunft im Lehrerkollegium unserer Schule mit ihm gemeinsam durchführen werde.
Ich selbst bin freiberuflicher Sprecher für diverse Medien, habe aber neben einer Sprecherziehung nicht die Qualifikation (geschweige denn die Intention), Stimmprobleme mit dieser Arbeit zu therapieren.
Mein Schwerpunkt liegt in der Sensibilisierung der Lehrer für ihre Stimme und deren Gebrauch. Ich möchte mit diesem Konzept auf das meiner Meinung nach wichtigste Medium des Lehrers (die Stimme) eingehen und Informationen über ihren möglichen Gebrauch und ihre Grenzen beratend anbieten.
Somit ist es fast kein Wunder, dass die Anzahl der stimmbeeinträchtigten Lehrer mit 50% bis 70% (vgl. Hammann 2001, S. 29) recht hoch liegt. Viele Lehrer schreiben die Stimmprobleme Erkältungen zu (Symptom rauer Hals etc.), obwohl der falsche Gebrauch der Stimme die eigentliche Ursache darstellt. Zahlreiche HNO-Ärzte verstärken diese Sichtweise durch medikamentöse Behandlung (z.B. Antibiotika), ohne dadurch die Ursache zu bekämpfen und ohne die Patienten an Stimmtherapeuten/Logopäden zu überweisen.
Andere Lehrer resignieren und nehmen es hin, dass die Beeinträchtigung oder auch der hin und wieder auftretende gänzliche Verlust der Stimme zum Berufsbild Lehrer dazugehört.
Hier setzt mein Konzept an, denn ich möchte darüber aufklären, wie Stimmprobleme entstehen können und welche Möglichkeiten es gibt, diesen entgegenzuwirken (in Form von Tipps, Hilfen, exemplarischen Übungen oder Weiterleitung an therapeutische Institutionen). Darüber hinaus stelle ich die Bedeutung des Mediums Stimme und deren Wirkung auf die Schülerschaft dar. Mein Ziel ist nicht, dass alle Lehrer eine schön klingende Stimme bekommen. Vielmehr sollen sie dafür sensibilisiert werden, was ihrer Stimme gut tut und was nicht, damit sie eine funktionstüchtige Stimme darstellt.
Dieses Konzept beinhaltet nicht die minutiöse Planung eines Workshops. Der Schwerpunkt liegt in der Auseinandersetzung mit dem Thema, der Bereitstellung sämtlicher Informationen, die zur Durchführung des Workshops nötig sind und einer Verlaufsplanung des Workshops. Somit kann jeder, der dieses Konzept anwenden möchte, aus den vorhandenen Informationen auswählen und seinem Bedingungsfeld angemessene Schwerpunkte anbieten.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Stimme des Lehrers
2.1. Stimme als Medium
2.2. Bedeutung der Lehrerstimme für die Schüler
3. Ein medizinischer Exkurs
3.1. Was ist alles an der Stimmproduktion beteiligt?
3.2. Wie entsteht Stimme?
4. Die beeinträchtigte Stimme
4.1. Unterschiedliche Beeinträchtigungen der Stimme
4.1.1. Organisch bedingte Stimmstörung
4.1.2. Funktionelle Störungen der Stimme
4.2. Auswirkungen von Stimmstörungen
5. Tipps zur Vermeidung von Stimmstörungen (Stimmhygiene)
5.1. Bitte nicht räuspern
5.2. Bitte nicht flüstern
5.3. Alles was qualmt
5.4. Sehr heiße, sehr kalte und scharf gewürzte Speisen und Getränke
5.5. Ausreichend Flüssigkeit trinken
5.6. Luft im Klassenraum
5.7. Inhalieren
5.8. Medikamente
5.9. Haltung des Körpers
6. Tipps zum Sprechen
7. Planungs- und Organisationselemente für den Workshop
7.1. Vorüberlegungen
7.2. Aufbau des Workshops
8. Exemplarische Übungen zu ausgewählten Bereichen
8.1. Haltungsübungen
8.1.1. Die physiologische Sitzhaltung
8.1.2. Einnehmen der physiologischen Stehhaltung
8.2. Atemübungen
8.2.1. Wohin wird geatmet?
8.2.2. Hochatmung oder Bauchatmung?
8.2.3. Dosierung der Atemluft
8.3. Übungen zur Phonation, Entspannung und Lockerung
8.3.1. Vitalübungen (Gähnen, Seufzen, Summen)
8.3.2. Atemwurf
8.3.3. Froeschelsche Kau-Methode
8.3.4. Sirenenübung
8.3.5. Lockerung
9. Reflektion
9.1. Ausblick
Zielsetzung und Themen
Die Arbeit verfolgt das Ziel, Lehrer für die Bedeutung und den pfleglichen Umgang mit ihrer Stimme als wichtigstes professionelles Arbeitsmittel zu sensibilisieren. Angesichts einer hohen Prävalenz stimmlicher Beeinträchtigungen im Lehrerberuf soll ein theoretisches Konzept sowie praktische Handlungsanleitungen für einen präventiven Workshop entwickelt werden.
- Stimmphysiologie und Grundlagen der Stimmproduktion
- Ursachen und Auswirkungen von Stimmstörungen bei Lehrkräften
- Maßnahmen der Stimmhygiene im Schulalltag
- Methodik und Durchführung eines Stimm-Workshops für Kollegien
- Praktische Übungen zur Haltung, Atmung und Stimmkräftigung
Auszug aus dem Buch
3.2. Wie entsteht Stimme?
Zu Beginn steht die Intention zu sprechen oder zu singen. Dazu wird Energie benötigt, die in Form von Luft durch Mund und/oder Nase eingeatmet wird. Die Lungen werden vom Brustkorb und - physiologisch wichtiger - vom Zwerchfell geweitet, die Luft strömt durch die Luftröhre ein. Der wichtigste Muskel bei der Atmung ist das Zwerchfell, das quer zwischen Brust- und Bauchraum liegt. Bei der angestrebten „Bauchatmung“ senkt sich beim Einatmen das Zwerchfell ab, die vollen Lungen verdrängen dabei die Eingeweide, so dass die Bauchdecke sichtbar nach vorne tritt. Die Atmung ist übrigens die einzige lebenswichtige Körperfunktion, die wir willkürlich beeinflussen können (schneller, langsamer, flacher, tiefer atmen) (vgl. Stengel & Strauch 1996, S. 58). Wenn sich das Zwerchfell beim Ausatmen wieder entspannt, ziehen sich die Lungenbeutel wieder zusammen und die Luft gelangt zurück in die Luftröhre. Viele Menschen verlassen sich nicht darauf, dass die Luft von selbst reflexartig wieder einströmt (im Fachjargon reflektorische Atemergänzung genannt), sondern üben diese Muskeltätigkeit aktiv aus. Ein dabei zu hörendes Einatemgeräusch ist Zeichen einer pathologischen Atmung (vgl. Stengel & Strauch 1996, S. 62). Einige Menschen schnappen beim Sprechen regelrecht nach Luft, obwohl nachgewiesen wurde, dass die reflektorische Atemergänzung nur ca. 0,2 Sekunden dauert (Coblenzer & Muhar in Stengel & Strauch 1996, S. 62). Die Gründe sind zu lange Sprechphasen mit zuwenig Pausen beim Sprechen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Arbeit motiviert das Thema durch die hohe Relevanz von Stimmproblemen im Lehrerberuf und stellt die Entwicklung eines Workshop-Konzepts zur Prävention vor.
2. Die Stimme des Lehrers: Dieses Kapitel erläutert die Stimme als essentielles professionelles Werkzeug und geht auf die spezifischen stimmlichen Belastungen im Unterrichtsalltag ein.
3. Ein medizinischer Exkurs: Hier werden die physiologischen Grundlagen der Atmung und Stimmbildung vereinfacht dargestellt, um ein Verständnis für die Funktionsweise des Stimmorgans zu schaffen.
4. Die beeinträchtigte Stimme: Es erfolgt eine Unterscheidung zwischen organischen und funktionellen Stimmstörungen sowie eine Analyse der beruflichen Folgen für Lehrkräfte.
5. Tipps zur Vermeidung von Stimmstörungen (Stimmhygiene): Das Kapitel bietet eine praxisnahe Zusammenstellung von Verhaltensweisen zur Gesunderhaltung der Stimme.
6. Tipps zum Sprechen: Hier werden konkrete Anregungen zur stimmökonomischen Gestaltung des Sprechens im Unterrichtsalltag gegeben.
7. Planungs- und Organisationselemente für den Workshop: Dieses Kapitel liefert einen Leitfaden für die praktische Durchführung eines Lehrer-Workshops.
8. Exemplarische Übungen zu ausgewählten Bereichen: Eine Sammlung praktischer Übungen zu Haltung, Atmung, Phonation und Entspannung bildet den Kern dieses Teils.
9. Reflektion: Abschließend werden die Herausforderungen bei der Umsetzung eines solchen Konzepts diskutiert und Impulse für eine verbesserte Lehrerausbildung gegeben.
Schlüsselwörter
Lehrerstimme, Stimmhygiene, Stimmbildung, Stimmstörung, Prävention, Workshop-Konzept, Atmung, Bauchatmung, Stimmphysiologie, Berufssprecher, Lehrerausbildung, Sprecherziehung, Stimmbelastung, funktionelle Dysphonie, Lehrergesundheit.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der hohen Belastung der Lehrerstimme im Berufsalltag und entwickelt ein Konzept zur präventiven Sensibilisierung von Lehrkräften für einen stimmschonenden Gebrauch.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Die Schwerpunkte liegen auf der Stimmphysiologie, den Ursachen von Stimmstörungen, praktischen Tipps zur Stimmhygiene sowie der Konzeption und methodischen Gestaltung von Workshops für Lehrerkollegien.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, Lehrer für den Wert ihrer Stimme zu sensibilisieren und ihnen praxisnahe Werkzeuge zur Vermeidung von Stimmproblemen an die Hand zu geben, um langfristig die Gesundheit und Leistungsfähigkeit im Lehrerberuf zu sichern.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine konzeptionelle Arbeit, die auf Literaturrecherche, statistischen Daten zu Stimmstörungen bei Berufssprechern und der interdisziplinären Zusammenarbeit mit logopädischem Fachwissen basiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in theoretische Grundlagen zur Stimmentstehung, die medizinische Klassifikation von Stimmstörungen, sowie einen umfangreichen Praxisteil mit Übungen zur Haltung, Atmung und Lockerung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Kernbegriffe sind Lehrerstimme, Prävention, Stimmhygiene, Berufssprecher, Lehrerausbildung und funktionelle Dysphonie.
Warum ist die Unterscheidung zwischen "Bauchatmung" und "Hochatmung" für Lehrer so wichtig?
Die Bauchatmung ist ökonomisch und unterstützt eine entspannte Stimmbildung, während die Hochatmung zu muskulären Verspannungen im Halsbereich führt, was eine gepresste Stimme zur Folge hat und Stimmstörungen begünstigt.
Welche Rolle spielt die Einbindung eines Logopäden bei der Workshop-Planung?
Der Autor betont, dass für die Durchführung der Übungen fachliche Expertise notwendig ist, um Fehlbelastungen zu vermeiden und eine korrekte Ausführung der stimmtherapeutischen Basisübungen zu gewährleisten.
- Quote paper
- Frank Becker (Author), 2003, Täglich im Einsatz und doch kaum beachtet - ein Konzept zur Sensibilisierung der Lehrer für ihren Stimmeinsatz, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/18577