Tourismusinduzierte Mobilität von Arbeitskräften in Tansania. Das Fallbeispiel Sansibar


Diplomarbeit, 2002
110 Seiten, Note: 1.3

Leseprobe

II
6. Tourismusinduzierter Mobilitätsprozess in Sansibar ... 44
6.1. Akteure des Mobilitätsprozesses ... 44
6.1.1. Demographische Merkmale der Akteure ... 44
6.1.2. Merkmale der Sozioökonomik von Akteuren und Betrieben ... 49
6.2. Determinanten des Mobilitätsprozesses... 57
6.2.1. Individuelles Verhalten und Qualifikation der Akteure... 57
6.2.2. Push-Faktoren in den Abwanderungsregionen ... 61
6.2.3. Pull-Faktoren in der Zuwanderungsregion ... 65
6.2.4. Intervenierende Hindernisse ... 66
6.3. Raumzeitliche Entwicklung des Mobilitätsprozesses ... 68
6.3.1. Pioniermigration... 69
6.3.2. Sekundärmigration... 70
6.3.3. Raumzeitliches Modell des Mobilitätsprozesses ... 74
7. Konsequenzen des tourismusinduzierten Mobilitätsprozesses... 77
7.1. Sozioökonomische Konsequenzen... 77
7.2. Ökologische Konsequenzen... 82
TEIL C: SCHLUSSTEIL... 84
8. Schlussfolgerung und Empfehlung ... 85
9. Deutsche und englische Zusammenfassung ... 89
9.1. Zusammenfassung ... 89
9.2. Summary ... 90
10. Literaturverzeichnis ... 92
11. Anhang... c

III
Verzeichnis der Abkürzungen
Abb. Abbildung
ATR African Travel Ressource
Bd. Band
BMZ Bundesministerium
für
wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung
BOT Bank
of
Tanzania
BSP Bruttosozialprodukt
bzw. beziehungsweise
ca. circa
CCM Chama Cha Mapinduzi (= Partei der Arbeit)
C Celsius
CIA
Central Intelligence Agency
CUF Civic
United
Front
DA Diplomarbeit
d.h. das
heisst
DSM Dar es Salaam
e.V. eingetragener
Verein
et. al. et. alii (=und andere)
etc. etcetera
f folgende
Seite
FDI
Foreign Direct Investment
ff folgende
Seiten
ggf. gegebenenfalls
GR Geographische
Rundschau
GTZ Gesellschaft für technische Zusammenarbeit
H Heft
HIAP Handeni Integrated Agroforestry Project
Hrsg. Herausgeber
ILO International
Labour
Organization
IWF Internationaler
Währungsfond
k. A. keine Angabe
Kap. Kapitel
km Kilometer
km
2
Quadratkilometer

IV
NBS National Bureau of Statistics
OECD Organization for Economic Cooperation and Development
o. J. ohne Jahresangabe
o. O. ohne Ortsangabe
o. T. ohne Titel
pers. persönlich
PKE Pro-Kopf-Einkommen
S. Seite
SAP Strukturanpassungsprogramm
sog. sogenannt
Tab. Tabelle
TFS touristischer
formeller Sektor
TIS touristischer
informeller
Sektor
TRP Tanga Regional Profile
TSh tansanischer
Schilling
TUI Touristik
Union
International
u. Ä. und Ähnliches
u.a. unter
anderem
UNO United Nations Organization
UNPO Unrepresented Nations and Peoples Organization
URL Uniform Resource Locator
USD United States Dollars
u. U. unter Umständen
Vgl. vergleiche
Vol. Volume
WB Weltbank
WTO World
Tourism
Organization
WTTC World Travel & Tourism Council
z.B. zum
Beispiel
ZIPA Zanzibar Investment Promotion Agency

V
Verzeichnis der Abbildungen und Karten
Abb. 1: Mobilität ...16
Abb. 2: Haupttypen von Wanderungsmodellen...18
Abb. 3: Push-Pull-Modell, nach LEE (1966) ...21
Karte 1: Lage der Untersuchungsregion und der Befragungsorte...24
Abb. 4 : Souvenirverkäufer in Nungwi...29
Karte 2: Geographische Lage Sansibars ...31
Abb. 5: Klimadiagramm Sansibar...32
Abb. 6: Anteil der Sektoren (%) am BSP Sansibars...38
Abb. 7: Internationale Touristenankünfte in Sansibar (1985 ­ 2001) ...39
Abb. 8: Hotel- Wegweiser in Kiwengwa ...40
Abb. 9: Alter der Beschäftigten des TIS ...44
Karte 3: Herkunftsorte der Beschäftigten nach Regionen in Tansania ...46
Abb. 10: Schulbildung der Beschäftigten im TIS ...50
Abb. 11: Vorherige Tätigkeit der Beschäftigten im TIS...51
Abb. 12: Beschäftigte pro Einkommensklasse (in USD pro Tag)...52
Abb. 13: Verwendung der Ersparnisse ...54
Abb. 14: Tätigkeiten der Beschäftigten im TIS ...55
Abb. 15: Beschäftigte je Einkommensklasse...60
Abb. 16: Entwicklung von Tourismus und Zuwanderung ...68
Abb. 17: Restaurant für touristische Arbeitskräfte in Kiwengwa...72
Abb. 18: Raumzeitliche Entwicklung des tourismusinduzierten Mobilitäts-prozesses
Sansibars (in Anlehnung an VORLAUFER):...75
Abb. 19: Migrantensiedlung
,,Kibanda Ugali
" in Kiwengwa...78
Verzeichnis der Tabellen
Tab. 1: Übersicht der touristischen Agglomerationen Sansibars...41
Tab. 2: Charakteristika der Akteure des tourismusinduzierten Mobilitätsprozess ...49
Tab. 3: Durchschnittliche Lebenshaltungskosten der Beschäftigten im TIS ...53
Tab. 4: Beschaffenheit der Betriebe ...56
Tab. 5: Motivation für räumliche und soziale Mobilität ...58
Tab. 6: Tätigkeit der Beschäftigten des TIS nach Herkunft...59
Tab. 7: Indikatoren für Push- und Pull-Faktoren ausgewählter Regionen: ...62
Tab. 8: Charakteristika von Pionier- und Sekundärmigranten ...73

VI
Vorwort
Die Idee zu dieser Diplomarbeit entwickelte sich während eines Praktikums bei der GTZ
im Handeni Integrated Agroforestry Project (HIAP) in Tansania, das ich im Frühjahr 2001
absolvierte. Während dieses Aufenthalts führte ich eine Erhebung über die sozio-
ökonomischen Veränderungen der im Projektgebiet lebenden Maasai, im Hinblick auf ihr
Mobilitätsverhalten durch. Eines der Ergebnisse war, dass ein Großteil der jungen Be-
völkerung aus dem ländlich geprägten Distrikt abwandert. Um Einkommen zu erwirtschaf-
ten, zieht es überraschend viele der Arbeitskräfte nach Sansibar. Die damals befragten
Personen berichteten davon, dass Sansibar, seit einigen Jahren ein ,,Paradies" sei -- vor
allem in finanzieller Hinsicht.
Seit den 1990er Jahren boomt die Tourismusindustrie in Sansibar, was weitreichende
sozioökonomische Veränderungen sowohl vor Ort als auch in anderen Regionen auslöst.
Diese Ergebnisse weckten in mir das Interesse, die Thematik der Mobilität von Arbeits-
kräften direkt am Ort des Geschehens zu beleuchten.
So reiste ich im März dieses Jahres für zwei Monate wieder nach Tansania, um eine Er-
hebung zur Mobilität von Arbeitskräften im Tourismusgewerbe Sansibars durchzuführen.
Der Fokus lag dabei im touristischen informellen Sektor, da hier die meisten Migranten zu
finden sind.
Während meines Feldaufenthalts führte ich zahlreiche Interviews mit Souvenirverkäufern,
Fremdenführern und anderen Beschäftigten des touristischen informellen Sektors, die mir
einen umfangreichen Einblick in ihr ,,
business
" ermöglichten. Des Weiteren erhielt ich auf-
schlussreiche Informationen von verschiedenen touristischen und behördlichen Ein-
richtungen auf Sansibar.
Wesentliche Unterstützung bei der Vermittlung von Kontakten und bei der Organisation
dieses Forschungsvorhabens erhielt ich von Dr. Stefan Gössling (Wissenschaftlicher Mit-
arbeiter am Institut für Kulturgeographie an der Universität Freiburg), sowie in Sansibar
vom Institute of Marine Sciences (Zweigstelle der University of Dar es Salaam). Die hier
tätigen Mitarbeiter standen mir hilfreich zur Seite bei den Formalitäten der Forschungs-
erlaubnis sowie der Erkundung des Untersuchungsgebietes. Namentlich erwähnen möchte
ich hier vor allem Dotto Salum Mbega, die mir nicht nur bei Übersetzungsproblemen zur
Verfügung stand, sondern auch bei manch anderem (kulturellem) Missverständnis.
Ohne diese Kontakte wäre eine Durchführung des in dieser Diplomarbeit diskutierten
Projektes nicht möglich gewesen. Deshalb gilt mein besonderer Dank den genannten
Personen.
Für Unterstützung und aufbauende Worte, die ebenso entscheidend zum Gelingen der
vorliegenden Arbeit beigetragen haben, möchte ich mich bei meiner Familie und meinen
Freunden bedanken.
Gießen, im Oktober 2002
Ute Schulz

1
TEIL A:
THEMATISCHE UND METHODISCHE GRUNDLAGEN

A. THEMATISCHE UND METHODISCHE GRUNDLAGEN
1. Einleitung
1.1. Relevanz des Themas
Der Tourismussektor hat sich in den letzten Jahren zu einem der wichtigsten globalen
Wirtschaftsmotoren von Wohlstand und Arbeitsplätzen entwickelt. Mit einem weltweiten
Umsatz von jährlich etwa 480 Mrd. USD stellt die Tourismusbranche die größte Export-
industrie der Welt dar; die Zahl der Arbeitsplätze liegt bei schätzungsweise 250 Mio.
(WTTC, 2000). Da es sich beim Tourismus um ein Gut mit elastischer Nachfrage handelt,
d.h., dass mit steigendem Einkommen die Nachfrage nach Tourismus überproportional
steigt (HEMMER 2002, S.283), kann im Allgemeinen für die nächsten Jahre mit einem
weiteren Anstieg des Reiseaufkommens gerechnet werden. Selbst die Ereignisse des 11.
September 2001 in den USA werden langfristig gesehen den Tourismusboom nicht
bremsen können (VESTER, 2001).
1
Mit der Zunahme von Fernreisen in den letzten Jahren ist auch das internationale
Touristenaufkommen in Entwicklungsländern
2
gestiegen. So hat sich die Zahl inter-
nationaler Touristenankünfte in Afrika seit den 1980er Jahren verdreifacht und beträgt
heute rund 30 Mio. (WTO, 2000). In jedem dritten Entwicklungsland ist der Tourismus die
Haupteinnahmequelle für Devisen (ADERHOLD et. al., 2000, S. 3).
Vielen Entwicklungsländern wird von der Weltbank und anderen internationalen Orga-
nisationen eine Entwicklungsstrategie durch Tourismus empfohlen, um eine Wohlstands-
steigerung zu erreichen. Die vorrangigen ökonomischen Ziele dieser Strategie sind die
Steigerung der Deviseneinnahmen, die Schaffung von Arbeitsplätzen und daraus result-
ierend ein Wachstum der Einkommen.
Auch in Tansania wurde das Potential des Tourismus für die Entwicklung des Landes
erkannt und die Förderung dieses Wirtschaftssektors im Entwicklungsplan ,,Vision 2025"
zu einem der wichtigsten Ziele erklärt:
,,Tansania... provide a range of touristic
opportunities, including game viewing, safari and beach holidays... However this potential
has not been fully exploited... The main challenge is to harness and utilize more
effectively the tourist potential to generate income, employment and foreign exchange
earnings"
(PLANNING COMISSION, 2000).
1
Inwieweit die jüngsten Terroranschläge des 12. Oktober 2002 den Ferntourismus beeinflussen
werden, bleibt abzuwarten.
2
Im Allgemeinen bezeichnet der Begriff
Entwicklungsland
ein Land, welches im Vergleich zu den
Industrieländern weniger weit entwickelt ist (LESER, 1997, S. 174). Vgl. auch Kapitel 2.1.

A. THEMATISCHE UND METHODISCHE GRUNDLAGEN
3
Für das Jahr 2002 wird für den Tourismussektor in Tansania die zweithöchste Wachs-
tumsrate neben dem Bergbausektor erwartet (PRESIDENT`S OFFICE, PLANNING AND
PRIVATISATION, 2002). Da die Tourismusindustrie relativ arbeitsintensiv produziert und
somit mehr Arbeitsplätze schaffen kann als andere Industrien, eignet sie sich gut, einen
Teil der erwerbsfähigen arbeitslosen Bevölkerung in Tansania zu absorbieren. Mehr als die
Hälfte der tansanischen Arbeitskräfte sind zwischen 15 und 29 Jahren alt (PLANNING
COMMISSION DSM, TANZANIA, 2001). Dieser Trend wird auch in den nächsten Jahren
weiter bestehen.
Der Tourismus in Tansania stellt besonders für die autonome Region Sansibar einen
wichtigen Wachstumsmotor für Beschäftigung und Wohlstand dar. Auf der Hauptinsel der
Region, Unguja
3
wird der Ausbau des Tourismussektors seit Mitte der 1980er Jahre als
Alternative zum Export von Nelken forciert und hat heute bereits einen Anteil von fast
25% am Bruttosozialprodukt der Inselregion (GÖSSLING, 2001a). Ausmaß und Form der
dortigen Entwicklung des Tourismus haben weitreichende Implikationen für die
Arbeitsmärkte vor Ort, aber auch in anderen Regionen. Dem großen Arbeitsplatzangebot
des Tourismusgewerbes steht ein noch größeres Überangebot an Arbeitskräften der
lokalen Bevölkerung, das besonders bei den 15- bis 25-Jährigen sehr groß ist, gegenüber.
Zusätzlich kommen immer mehr Migranten vom Festland Tansanias und aus dem
benachbarten Kenia um in diesem boomenden Wirtschaftssektor Sansibars zu arbeiten.
Hinsichtlich der hohen Arbeitslosigkeit sowie einer jährlichen Bevölkerungswachstumsrate
von 3% in Sansibar ist es fraglich, ob das Überangebot an Arbeitskräften durch den
Tourismus wirklich beseitigt werden kann. Problematisch ist dabei vor allem, dass die
touristischen Arbeitsplätze größtenteils von zugewanderten Arbeitskräften, die vom
Festland Tansanias und aus dem Ausland stammen, beansprucht werden. Seit Ende der
1990er Jahre hat besonders der Informelle Sektor der Tourismuswirtschaft verstärkt
Arbeitskräfte aus externen Regionen angezogen. Zumeist jugendliche Arbeitssuchende
betätigen sich hier als Souvenirhändler, Fremdenführer, Anbieter von Bootstouren,
,,Schlepper", Taxifahrer, Prostituierte und Künstler. Die vom expandierenden Tourismus
ausgelöste interregionale Mobilität von Arbeitskräften hat sowohl sozioökonomische als
auch ökologische Folgen für den Zuwanderungsraum und für die Abwanderungsräume.
3
Die Region Sansibar besteht aus zwei Inseln, Unguja und Pemba. In der internationalen Literatur
wird für die Hauptinsel Unguja die Bezeichnung Sansibar verwendet. Deshalb wird auch in dieser
Arbeit diese gebräuchliche Form beibehalten, wobei (wenn nicht kenntlich gemacht) nur die
Hauptinsel und nicht die gesamte Region gemeint ist.

A. THEMATISCHE UND METHODISCHE GRUNDLAGEN
4
1.2. Ziel und Aufbau der Arbeit
Da tourismusinduzierte Mobilität von Arbeitskräften in der wissenschaftlichen Diskussion
über die Auswirkungen des Entwicklungsländertourismus in jüngster Zeit nur wenig Be-
achtung gefunden hat, soll mit dieser Arbeit ein weiterer Beitrag dazu geleistet werden.
Dabei soll der Zusammenhang zwischen der Mobilität von Arbeitskräften und der Ex-
pansion des Tourismus in Entwicklungsländern beleuchtet werden.
Die unten aufgeführte Fragestellung ist in den Bereich der geographischen Entwicklungs-
forschung, welche ein Teilgebiet der Wirtschafts- und Sozialgeographie darstellt, ein-
zuordnen. Sie befasst sich mit Problemen von Entwicklung und Unterentwicklung, wobei
Prozesse in Industrieländern ebenso wie in Ländern der "Dritten Welt" im Mittelpunkt der
Betrachtung stehen (Vgl. DITTRICH et al., 1998).
In dieser Arbeit geht es speziell um die raumwirksamen Einflüsse des tourismusinduzier-
ten Mobilitätsprozesses von Beschäftigten im (informellen) Tourismusgewerbe Sansibars.
Ziel dieser Arbeit ist es, den Zusammenhang zwischen Tourismus und Mobilität von
Arbeitskräften in Tansania speziell für die Region Sansibar aufzuzeigen und hinsichtlich
der Ursachen und Auswirkungen zu untersuchen. Daraus leitet sich die Hauptfrage der
vorliegenden Diplomarbeit ab:
Inwieweit beeinflusst die Entwicklung des Tourismussektors Sansibars die
räumliche und die soziale Mobilität von Arbeitskräften, und welche Kon-
sequenzen ergeben sich daraus?
Diese Frage beinhaltet folgende Teilbereiche, die im Laufe der Arbeit erläutert werden
sollen:
Tourismussektor speziell in Entwicklungsländern (Kap. 2 )
Mobilität von Arbeitskräften (Kap. 3)
Entwicklung dieser beiden Aspekte in Tansania (Kap. 5)
Zusammenhang beider Entwicklungen bzw. Prozesse (Kap. 5 und 6)
Konsequenzen (Kap. 7).
Des Weiteren soll auch dieser Frage nachgegangen werden:
Kann der Tourismussektor Arbeitsplätze schaffen, die dem Qualifikations-
profil der Erwerbsbevölkerung Tansanias bzw. Sansibars entsprechen und
somit einen optimalen Beitrag zur Entwicklung der Region leisten?

A. THEMATISCHE UND METHODISCHE GRUNDLAGEN
5
Um diese Frage zu beantworten muss die Beschäftigtenstruktur des Tourismussektors
hinsichtlich der spezifischen Qualifikationen der Arbeiter sowie der demographischen und
sozialen Merkmale analysiert werden (Kap. 6).
In Teil A der Arbeit werden zunächst die grundlegenden Aspekte von
,,Tourismus und
Entwicklung"
sowie
,,Mobilität und Entwicklung"
erläutert, um die Thematik des tourismus-
induzierten Mobilitätsprozesses von Arbeitskräften in die Entwicklungsländerforschung
einordnen zu können. Die Mobilität des Faktors Arbeit, die durch die Schaffung einer
Vielzahl von Arbeitsplätzen in der expandierenden Tourismusindustrie ausgelöst wird, hat
weitreichende Folgen für die Bevölkerung. Dabei sind Auswirkungen dieser Entwicklung
nicht nur in der touristischen Region, sondern auch in den Regionen, aus denen die
Arbeitskräfte für die aufstrebende Tourismusindustrie mobilisiert werden, zu erkennen.
Die positiven wohlstandssteigernden Effekte der Arbeitsplatzbeschaffung werden häufig
durch Probleme überlagert. Diese können z.B. hinsichtlich des Wohnungsangebots, der
Ver- und Entsorgung, der Infrastrukturausstattung, des Angebots an natürlichen Ressour-
cen, der Veränderung von Lebensgewohnheiten, Konflikten zwischen lokalen und zuge-
wanderten Personen sowie Brain-Drain
4
in den Abwanderungsregionen auftreten.
Außerdem wird in Teil A auch noch auf die Methodik eingegangen, die dem Hauptteil B
der Diplomarbeit zugrunde liegt.
Teil B beginnt mit einer räumlichen Einführung in die touristische Destination Sansibar,
wobei der Fokus auf der Bedeutung des Tourismus liegt.
Anschließend wird eine Analyse des tourismusinduzierten Mobilitätsprozesses durch-
geführt. Diese orientiert sich am Push-Pull-Modell von LEE (1966), welches auf der
Theorie der interregionalen Mobilität von Arbeitskräften basiert (SCHÄTZL, 1996, S. 99ff).
Dabei werden folgende vier Kategorien von Faktoren, die LEE als die entscheidenden
Faktoren beim Prozess der Wanderung identifizierte, betrachtet:
· Faktoren im Herkunftsgebiet (z.B. ökonomische, ökologische, soziale Variablen)
· Faktoren im Zielgebiet (z.B. ökonomische, ökologische, soziale Variablen)
· Intervenierende Hindernisse (z.B. Distanz, rechtliche Grundlagen)
· Persönliche Faktoren (z.B. Bildungsgrad, Fähigkeit, Lebenszyklus).
Es geht also hier im Wesentlichen um die Beantwortung der Fragen:
4
Unter Brain-Drain versteht man die Abwanderung ausgebildeter Arbeitskräfte in eine andere
Region (Vgl. HEMMER, 2002, S. 326).

A. THEMATISCHE UND METHODISCHE GRUNDLAGEN
6
Wer sind die Akteure des Mobilitätsprozesses? und
Was veranlasst die Akteure zu wandern?
Die Erhebung dieser Variablen bezieht sich auf den Touristischen Informellen Sektor
(TIS), da gerade in diesem Sektor Sansibars bisher kaum gesicherte Zahlen über die Be-
schäftigung vorliegen und davon auszugehen ist, dass im TIS allgemein die meisten
Arbeitsmigranten zu finden sind (Vgl. VORLAUFER, 1999, S. 687).
Eine Beschreibung des raumzeitlichen Prozesses soll klären, ob es verschiedene Phasen
der Zuwanderung z.B. hinsichtlich der Berufs- und Altersgruppen sowie der Intensität gibt
und in welchem Zusammenhang diese Phasen mit der Entwicklung des Tourismussektors
in Sansibar stehen.
Des Weiteren werden die aus dem tourismusinduzierten Mobilitätsprozess resultierenden
sozioökonomischen und ökologischen Konsequenzen erläutert, welche sowohl in der Zu-
wanderungsregion Sansibar als auch in den Abwanderungsgebieten zu erkennen sind.
Im Teil C schließlich werden die Schlussfolgerungen gezogen. Dabei sollen der tourismus-
induzierte Mobilitätsprozess und dessen Konsequenzen hinsichtlich des Beitrags zum Ent-
wicklungsprozess Tansanias bewertet und mögliche Maßnahmen aufgezeigt werden.
Ferner enthält Teil C auch eine Zusammenfassung in Deutsch und in Englisch sowie ein
ausführliches Literaturverzeichnis und Ergänzungen in Form eines Anhangs.
1.3. Literaturübersicht
Tourismus und Entwicklung
Die wissenschaftlichen Veröffentlichungen über Tourismus sind in den letzten Jahren stark
angestiegen, so dass es bei dieser Fülle an Literatur oft Überschneidungen gibt. Für die
vorliegende Arbeit wurde VORLAUFER (1996) sowie das Lehrbuch ,,Wirtschaftsprobleme
der Entwicklungsländer" von HEMMER (2002) als Einstiegs- und Grundlagenliteratur ver-
wendet, da sie einen guten Überblick hinsichtlich des Zusammenhangs von Entwicklung
und Tourismus vermitteln. Während VORLAUFER speziell den Entwicklungsländer-
Tourismus behandelt, wird bei HEMMER das gesamte Spektrum der Entwicklungs-
länderforschung behandelt.

A. THEMATISCHE UND METHODISCHE GRUNDLAGEN
7
Weitere grundlegende Literatur in diesem Bereich findet sich bei ADERHOLD et al. (2000),
GORMSEN (1997) und insbesondere, im Hinblick auf nachhaltige (ökologische)
Entwicklung durch Tourismus mit regionalem Schwerpunkt Tansania, in diversen Fach-
zeitschriftenartikeln von GÖSSLING (2001).
Mobilität von Arbeitskräften im Entwicklungsprozess
Die Grundlagenliteratur hinsichtlich von Mobilitäts- und Migrationstheorien wurde
hauptsächlich aus den bevölkerungsgeographischen Werken von BÄHR (1997) sowie
KULS/KEMPER (2000) entnommen. Ergänzungen hierzu, insbesondere auch bezüglich der
sozialwissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Thema Mobilität und Migration,
wurden der Literatur von SZELL (1972), GORMSEN (1993), ALBRECHT (1972) und FRANZ
(1984) entnommen. Spezielle Literatur hinsichtlich des Problembereichs der touris-
musinduzierten Mobilität von Arbeitskräften findet sich fast ausschließlich bei VORLAUFER,
der diese Thematik u.a. intensiv für Sri Lanka, Mexiko und Kenia untersuchte. Dabei
waren besonders die Beispiele aus Kenia wegen der regionalen Nähe zu Tansania am
aufschlussreichsten.
Methodik
Für die methodische Vorgehensweise sind die Werke von SCHÄTZL (2000), KROMREY
(1998) sowie SCHNELL et al. (1995) maßgeblich gewesen, wobei letzteres am häufigsten
herangezogen wurde.
Landeskundliche Literatur über Tansania und Sansibar
Einen guten Überblick über verschiedene landeskundliche Themen, wie z.B. Naturraum
und Bevölkerung, gibt GABRIEL (2000), der insbesondere für die Ausarbeitung des
Kapitels 5 verwendet wurde. Die Landeskunde Ostafrikas von HECKLAU (1989) konnte
besonders für die Bevölkerungsgeschichte herangezogen werden. Überdies fanden sich in
zahlreich-en Internetquellen landeskundliche Angaben, wobei die umfangreichsten
Informationen speziell zu Sansibar auf der Homepage
www.allaboutzanzibar.com
zu
finden waren.

A. THEMATISCHE UND METHODISCHE GRUNDLAGEN
8
2. Tourismus in Entwicklungsländern
2.1. Grundlegende Begriffe
Zur Verständlichkeit und zur Abgrenzung der Thematik sind zunächst einige Definitionen
notwendig. Der bereits unter Punkt 1.1. verwendete Begriff
Entwicklungsland
wird in
der wissenschaftlichen Diskussion unterschiedlich interpretiert. Je nachdem, welche
normative Gesinnung zu Grunde liegt, kann Entwicklung ökonomisches Wachstum oder
auch gerechtere Einkommensverteilung bedeuten. Laut Bundesministerium für
wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ, 2000; S. 292ff) weist die
überwiegende Zahl der Entwicklungsländer folgende gemeinsame Merkmale auf:
unzureichende
Nahrungsmittelversorgung
niedriges Pro-Kopf-Einkommen (PKE)
schlechter Gesundheitszustand
zu wenig Bildungsmöglichkeiten
hohe Arbeitslosigkeit
niedriger Lebensstandard
extrem ungleiche Verteilung der
vorhandenen Güter
Dualismus von traditionellem und
modernem Sektor
Kapitalmangel für Investitionen
hohe Auslandsverschuldung und Verfall
der Exporterlöse.
Es gibt verschiedene Klassifizierungen, um Länder nach ihrem Entwicklungsstand einzu-
ordnen. Am häufigsten wird die Länderklassifizierung der Weltbank, bei der ausschließlich
das PKE als Indikator für den Entwicklungsstand betrachtet wird, herangezogen
5
. Dabei
teilt sie die Länder in folgende Ländergruppen ein:
· Länder mit niedrigem Einkommen (> 756 USD),
· Länder mit mittlerem Einkommen (756- 9.265 USD) und
· Länder mit hohem Einkommen (< 9.265 USD).
Nach dieser Einteilung handelt es sich bei Tansania mit einem PKE von 260 USD (BOT
2002) um die Kategorie ,,Länder mit niedrigem Einkommen", die häufig als
,,Least
Developed Country"
bezeichnet werden.
Der Begriff
Tourismus
beinhaltet nach der Definition der WTO
,,alle Aktivitäten von
Personen, die an Orte außerhalb ihrer gewohnten Umgebung reisen und sich dort zu Frei-
zeit-, Geschäfts- oder bestimmten anderen Zwecken aufhalten"
(HENSCHEL, 2002, S. 2).
5
Die Länderklassifizierungen der Vereinten Nationen (UNO) sowie der OECD berücksichtigen in
ihren Kriterienkatalogen neben dem PKE auch noch gesellschaftliche und ökologische Entwick-
lungsindikatoren (Vgl. HEMMER, 2002, S. 43f; SCHÄTZL, 2000, S. 28f).

A. THEMATISCHE UND METHODISCHE GRUNDLAGEN
9
Das Tourismusangebot eines Raumes besteht aus einem ,,primären" Angebot, welches
naturräumliche und sozioökonomische Faktoren
umfasst, sowie dem ,,abgeleiteten" An-
gebot (Vgl. Kap. 5). Unter Letzterem wird das
Tourismusgewerbe
eines Landes ver-
standen, welches die folgende Bereiche beinhaltet (VORLAUFER, 1996, S. 128):
Beherbergungs- und Restaurationsgewerbe,
Souvenir-, Photo-, und Bekleidungshandel,
innerstaatliches Verkehrsgewerbe sowie
Anbieter von Sport-, Freizeit- und Reisemöglichkeiten.
Hinsichtlich der Art des Betriebes kann zwischen dem touristischen informellen Sektor
(TIS) und dem touristischen formellen Sektor (TFS) unterschieden werden. Die Inter-
national Labour Organization (ILO) ordnet dem Informellen Sektor alle betrieblichen
Aktivitäten zu, bei denen sich die Handelnden staatlicher Kontrolle entziehen und somit
über keinen staatlichen Schutz oder Unterstützung verfügen (Vgl. ESCHER, 1999, S. 658).
Der TIS weist nach VORLAUFER (1999, S. 686f) folgende Merkmale auf:
Kleinbetriebe mit weniger als 10 Beschäftigten, oft 1-Personen-Betriebe
überwiegend junge Beschäftigte unter 30 Jahren
häufig keine Lizenz für den Betrieb
hoher Anteil (bis zu 90%) an Migranten
niedrigeres Durchschnittseinkommen als im TFS
Ausübung von mehr als einem Job
geringe Kapitalkraft
keine geregelten Umweltstandards (z.B. Abfall- und Abwasserentsorgung).
Beide Sektoren weisen Verflechtungen sowohl untereinander als auch mit anderen Sek-
toren der Volkswirtschaft und der Weltwirtschaft auf.
2.2. Auswirkungen des Entwicklungsländer-Tourismus
2.2.1. Wirtschaftliche Auswirkungen
Der Tourismus stellt für eine Vielzahl von Entwicklungsländern einen wichtigen Wirt-
schaftsfaktor dar (Vgl. Anhang 1). Bei einer Entwicklungsstrategie durch Tourismus
stehen Ziele zur Verbesserung der Zahlungsbilanz, der Schaffung von Arbeitsplätzen, Ein-
kommenssteigerungen sowie der Abbau räumlicher und sozialer Disparitäten im Vorder-
grund.

A. THEMATISCHE UND METHODISCHE GRUNDLAGEN
10
Insbesondere in den Entwicklungsländern, in denen Engpässe der Faktorausstattung
vorherrschen, ist das vorrangige Entwicklungsziel dieser Volkswirtschaften, die knappen
Faktoren, wie z.B. Kapital, so einzusetzen, dass eine optimale und nachhaltige Pro-
duktionsstruktur erreicht werden kann. Nach dem Faktor-Proportionen-Theorem von
Heckscher und Ohlin sollte sich ein Land auf die Produktion derjenigen Güter und Dienst-
leistungen spezialisieren, die relativ reichlich vorhanden sind und deshalb relativ kosten-
günstig eingesetzt werden können (Vgl. HEMMER, 2002, S. 278). Da die Tourismus-
wirtschaft im Vergleich zu anderen Branchen sehr arbeitsintensiv produziert und das be-
nötigte Kapital durch internationale Tourismuskonzerne einfließt, können die beiden ge-
nannten Aspekte hervorragend miteinander verbunden werden.
Zudem bieten die naturräumlichen und kulturellen Faktoren dieser Länder ein
konkurrenzfähiges standortgebundenes touristisches Angebot, das nicht in anderen
Ländern produziert werden kann (VORLAUFER, 1996, S. 133).
Deviseneinnahmen
In den letzten Jahren hat sich in vielen Entwicklungsländern der Trend, eine Tourismus-
förderungspolitik zur Verbesserung der Devisenposition zu betreiben, verstärkt. Die
höchsten Wachstumsraten tourismusbezogener Deviseneinnahmen der letzten zwanzig
Jahre sind in den Ländern Uganda (44%), Tansania (38,5%), Madagaskar (28,2%),
Ghana (27,8%) und Kuba (25,2%) zu verzeichnen (ADERHOLD et al., 2000, S.23). Der
Export touristischer Dienstleistungen hat in den meisten Fällen zu einer Verbesserung der
Devisenposition der betreffenden Länder geführt, wobei anzumerken ist, dass die De-
viseneinnahmen aus dem Tourismus in vielen Entwicklungsländern meist weitaus höher
als aus anderen Wirtschaftszweigen sind. Bei der Beurteilung der positiven Effekte
touristischer Deviseneinnahmen sind zum einen die Nettodeviseneinnahmen und zum
anderen deren Verwendung zu betrachten. So können staatliche Einkommen aus dem
Tourismus für soziale Dienste oder andere wohlfahrtssteigernde Maßnahmen für die
gesamte Bevölkerung eingesetzt werden und somit einen positiven Entwicklungsbeitrag
zur Volkswirtschaft leisten.
Im Allgemeinen gilt, dass die Nettodevisenposition umso größer ausfällt, je weiter ent-
wickelt das betreffende Land ist, weil mit zunehmendem Entwicklungsstand mehr nachge-
fragte Vorleistungen aus der inländischen Produktion bereitgestellt werden können
(HEMMER, 2002, S. 282f).

A. THEMATISCHE UND METHODISCHE GRUNDLAGEN
11
Arbeitsplätze und Einkommen
Aufgrund der relativ geringen Kapitalintensität und der relativ arbeitsintensiven
Produktionsstruktur des Tourismusgewerbes kann hier eine Vielzahl von Arbeitsplätzen für
die erwerbslose überwiegend junge Bevölkerung geschaffen werden. Um die Zahl der
touristischen Arbeitsplätze zu berechnen, wurde häufig in empirischen Studien der Be-
schäftigungskoeffizient
6
für das Hotelgewerbe errechnet, wobei die Ergebnisse je nach
Struktur des Beherbergungsgewerbes sehr verschieden ausfallen können. Während z.B.
der Beschäftigungskoeffizient für Alanya (Türkei) auf einen Wert zwischen 0,43 und 0,13
geschätzt wird, liegt er für Bali (Indonesien) bei etwa 0,8 (VORLAUFER, 1996, S.140). In
Luxushotels kann der Koeffizient aber auch deutlich über 1 liegen.
Neben der Quantität der Beschäftigungseffekte spielen aber auch Aspekte wie Saisonalität
der Arbeit, Entlohnung der Beschäftigten sowie Kosten von tourismusspezifischen
Qualifizierungsmaßnahmen einheimischer Arbeitskräfte eine Rolle. Die saisonalen Be-
schäftigungs- und Einkommensschwankungen werden häufig als negativ bewertet, weil
sie kein festes oder geregeltes Einkommen bieten und besonders in monostrukturell tour-
istischen Zentren durch ein Überangebot bzw. eine Unterauslastung der Beschäftigten in
der Nebensaison zum Tragen kommen. Diese jahreszeitlichen Ungleichgewichte können
jedoch auch positiv genutzt werden, wenn z.B. die touristische Saisonarbeit in die
Trockenzeit fällt, in der landwirtschaftlich Beschäftigte meist unterbeschäftigt sind. Die
Beschäftigung im Tourismussektor stellt in diesem Fall eher eine monetäre Ergänzung der
meist zur Subsistenz betriebenen Landwirtschaft dar. In den neuen Tourismusdes-
tinationen ist die lokale Bevölkerung meist wenig für das internationale Tourismus-
gewerbe qualifiziert, weshalb Arbeitskräfte mit tourismusspezifischen Qualifikationen aus
anderen Regionen des Landes oder Auslandes die neu geschaffenen Arbeitsplätze ein-
nehmen. Somit bleiben den Einheimischen nur wenige und zumeist gering qualifizierte
Tätigkeiten, bei denen sie kaum direkt mit den Touristen in Berührung kommen.
Neben den direkten Beschäftigungsmöglichkeiten des Tourismusgewerbes ergeben sich
auch wirtschaftliche Entwicklungseffekte in den vorgelagerten Wirtschaftszweigen, die im
Zeitablauf verschiedene Branchen schwerpunktmäßig betreffen. In der Aufbauphase der
Tourismusindustrie entstehen vor allem in der Bauwirtschaft Einkommen, während sich im
Laufe des Produkt-Lebenszyklus des Tourismusgewerbes die Einkommensimpulse schwer-
punktmäßig in die Agrar- und Nahrungsmittelindustrie verlagern (Vgl. ADERHOLD et al.,
2000, S. 33; VORLAUFER, 1996, S. 163ff).
6
Beschäftigtenkoeffizient für das Hotelgewerbe = Anzahl der Beschäftigten pro Hotelbett.

A. THEMATISCHE UND METHODISCHE GRUNDLAGEN
12
Räumliche Verflechtung
Die Wachstumseffekte bleiben im Allgemeinen nicht auf die touristische Region be-
schränkt, sondern werden durch die Verflechtung mit Räumen, aus denen Inputs (z.B.
Güter, Arbeitskräfte) in das Tourismuszentrum zufließen, auch in andere Regionen
7
trans-
feriert. Wenn es soweit kommt, dass auch in anderen Landesteilen Wachstumsgewinne
durch die Expansion der Tourismusindustrie festzustellen sind, hat sich der
Trickle-Down-
Effekt
8
eingestellt.
Die meisten Entwicklungsländer zeichnen sich durch sozioökonomische räumliche Dis-
paritäten aus. Die Tourismusindustrie bietet besonders gute Vorraussetzungen als
Instrument zur Abschwächung regionaler Disparitäten, weil sie meist periphere, land-
wirtschaftlich gering genutzte Standorte, wie z.B. Koralleninseln mit nährstoffarmen
Sandböden bevorzugt und somit in strukturschwachen Räumen als wirtschaftlicher
Wachstumspol wirken kann. Besonders Infrastrukturmaßnahmen, wie z.B. Straßenbau
und Energieversorgung, werden häufig von den staatlichen Einnahmen des Tourismus
und von den internationalen Tourismusunternehmen finanziert und tragen so zur
Entwicklung peripherer Regionen bei. Allerdings können diese positiven strukturellen
Effekte auch entfallen. Dies ist z.B. bei Touristensiedlungen, die weitgehend als Enklaven
ohne Einbindung in das regionale sozioökonomische Gefüge existieren, oder bei einer zu
starken Expansion des Tourismussektors zu erwarten.
Mobilität von Produktionsfaktoren
Im Zuge der Expansion des Tourismus ist häufig eine enorme sektorale und räumliche
Mobilität der drei ,,klassischen" Produktionsfaktoren Kapital, Arbeit und natürliche
Ressourcen festzustellen (VORLAUFER, 1996, S. 153). Der Faktor natürliche Ressourcen
ist relativ immobil und kann daher nur unter schwierigen Bedingungen von einer Region in
die andere transferiert werden. Arbeit und Kapital hingegen können relativ problemlos
mobilisiert werden und sind somit im Prozess der sozioökonomischen Entwicklung von
Regionen und der Abschwächung von Disparitäten eines Landes von größerer Bedeutung.
Da sich die Thematik dieser Arbeit mit den Arbeitskräften des Tourismusgewerbes
beschäftigt, soll hier vorrangig auf den Faktor Arbeit eingegangen werden.
Der Abfluss von Kapital oder Arbeit in den modernen Tourismussektor aus volkswirt-
schaftlich wichtigen Bereichen wie z.B. Fischerei- und Agrarwirtschaft kann negativ sein,
7
Dies können u. U. auch ausländische Regionen sein.
8
Der
Trickle-Down-Effekt
besagt, dass Wachstumsgewinne einer Region bzw. Industrie über die
Marktkräfte automatisch in andere (arme) Regionen bzw. Personenkreise durchsickern (Vgl.
HEMMER, 2002, S.95).

A. THEMATISCHE UND METHODISCHE GRUNDLAGEN
13
wenn dadurch langfristig Engpässe bei der Versorgung der Bevölkerung entstehen. Durch
das Hinüberwechseln der Arbeitskräfte von einem Sektor in den anderen Sektor können
aber auch positive Wirkungen auftreten, sofern der Faktor Arbeit aus überbesetzten
Wirtschaftszweigen abgezogen wird und somit überkommene entwicklungshemmende
sozioökonomische Strukturen verändert. Jene Annahme vertritt LEWIS (1954) in seiner
These des
,,unlimited supply of labour"
, das in Entwicklungsländern im Agrarsektor
vorliege und welches dazu genutzt werden könne, dem Dienstleistungssektor unbegrenzt
Arbeitskräfte zur Verfügung zu stellen (HEMMER 2002, S. 602ff).
Intensive räumliche Mobilitätsprozesse von Arbeitskräften sind speziell dann zu erwarten,
wenn der Tourismus in den peripheren Gebieten expandiert, in denen die Bevölkerungs-
zahl relativ niedrig ist und die Einheimischen nicht hinreichend qualifiziert sind (Vgl.
KULINAT/ STEINECKE, 1984, S. 166). Der Anteil der Migranten ist im Tourismusgewerbe
meistens erheblich höher als in anderen Wirtschaftszweigen und stellt hier häufig
gegenüber den lokalen Arbeitskräften die Mehrzahl dar (Vgl. VORLAUFER, 1996, S. 159f).
Ferner beobachtete VORLAUFER (1996, S. 159f) u.a. für Kenia und Sri Lanka, dass im
Zuge der Expansion des Tourismus in Entwicklungsländern die Land-Stadt-Wanderung
abnehme und stattdessen die Wanderungsströme überwiegend von den ländlichen Ge-
bieten in die neuen Tourismuszentren, die ehemalige Peripherie, verlaufen. Allerdings
nehme auch die Migration von Großstädten in die neuen Tourismuszentren, die sich im
Laufe der Zeit zu neuen Agglomerationsräumen entwickeln, zu. Bei einer exzessiven Zu-
wanderung in die Tourismusgebiete können ähnliche Probleme wie in den überbevöl-
kerten Metropolen, nämlich Engpässe der sozialen und technischen Infrastruktur, sowie
Umweltschädigungen auftreten.
2.2.2. Soziokulturelle Auswirkungen
Die zumeist positiven wirtschaftlichen Auswirkungen des Entwicklungsländertourismus
werden häufig durch negative soziokulturelle beeinträchtigt. In der Diskussion über
Entwicklungsländertourismus werden oft die negativen Wirkungen, insbesondere des Ver-
lustes der kulturellen Identität bzw. der Akkulturation durch einen westlichen Lebensstil,
bekräftigt. In diesem Zusammenhang wird häufig auch der Demonstrationseffekt
9
als
negative Wirkung des Tourismus dargestellt, obwohl er ebenso dem allgemeinen
9
Unter dem internationalen Demonstrationseffekt versteht NURKSE (1953) eine erhöhte Konsum-
neigung der Bevölkerung in Entwicklungsländern durch Nachahmung des westlichen Lebensstils
(Vgl. HEMMER, 2002, S, 185ff).

A. THEMATISCHE UND METHODISCHE GRUNDLAGEN
14
globalisierungsbezogenen Wandel durch z.B. verbesserte Kommunikations- und In-
formationstechnologien zu zuordnen ist.
Während Kritiker (Vgl. ADERHOLD et al., 2000, S. 36f) oft die Auflösung oder Kom-
merzialisierung der Kultur durch Tourismus beanstanden, betont VORLAUFER (1996, S.
203ff), dass kulturelle Identitäten gerade durch den Tourismus gestärkt werden können.
Ein Beispiel dafür ist das Minderheitsvolk der Maasai in Ostafrika, das erst durch den
Fernreisetourismus an Popularität und an Einfluss gegenüber den Regierungen gewonnen
hat. Negativ hingegen sind oft die nach westlichem Muster festgelegten Arbeitszeiten im
Hotelgewerbe, die sich nicht mit der Ausführung traditioneller oder religiöser Riten der
Bevölkerung vereinbaren lassen.
Durch das Tourismusgewerbe lassen sich aber auch positive Bildungseffekte bewirken; so
ermöglichen z.B. viele Betriebe den Beschäftigten, Fremdsprachenkenntnisse zu erwerben
und mit anderen Kulturen umzugehen. Des Weiteren können aus den Einnahmen des
Tourismusgewerbes (z.B. Steuerabgaben an die Regierungen) Bildungsmaßnahmen für
die Bevölkerung finanziert werden und somit zu einer Entwicklung auch der Be-
völkerungsteile beitragen, die nicht direkt am Tourismus beteiligt sind.
Besonders problematische Bereiche, die sich im Zuge touristischer Expansion häufig in
Entwicklungsländern finden lassen, sind Sextourismus und Kinderprostitution. Um die wirt-
schaftliche Existenz der Familie zu sichern, sehen sich viele Frauen und zunehmend auch
immer mehr Kinder gezwungen sich zu prostituieren, was gleichzeitig zum Verlust ihres
traditionellen Wertesystems führt.
Die soziokulturellen Wirkungen des Tourismus hängen letztlich von der Performance des
Tourismussektors hinsichtlich der Intensität sowie des Ausgabeverhaltens, des Alters, der
Herkunft, des sozialen Status und der Aktivitäten der Touristen in den Destinationen ab.
2.2.3. Ökologische Auswirkungen
Seit Ende der 1980er Jahre haben im Zuge der Nachhaltigkeitsdebatte zunehmend auch
die ökologischen Effekte des Tourismus an Bedeutung gewonnen. Da eine intakte Umwelt
die Grundlage für den Tourismus bildet, sehen heute auch die internationalen Tourismus-
agenturen, wie z.B. die TUI, in umweltverbessernden und schonenden Maßnahmen ein
wichtiges Betätigungsfeld, um die Qualität der Destinationen des Ferntourismus zu be-
wahren (TUI, 2001). So leisten ressourcenschonende Technologien in den touristischen
Betrieben einen Beitrag zur Umwelterhaltung. Dennoch gehen negative umwelt-
schädigende Wirkungen auf die natürlichen Ressourcen besonders von den großen meist

A. THEMATISCHE UND METHODISCHE GRUNDLAGEN
15
internationalen Tourismusprojekten aus. Die riesigen Hotelanlagen weisen nicht nur einen
enormen Landschaftsverbrauch, sondern auch einen immens hohen Ressourcen- und
Energieverbrauch auf. So kann z.B. der Wasserverbrauch von Hotels, der oft ein
Vielfaches über dem Verbrauch der Bevölkerung liegt, zur Absenkung des Grund-
wasserspiegels und letztlich zu Problemen in der Wasserversorgung der Bevölkerung
führen (Vgl. GÖSSLING, 2001b, S. 56).
Auch das unangepasste Verhalten der Touristen kann negative ökologische Konsequenzen
haben; hier sei z.B. auf das übermäßige Tauchen in Korallenriffen verwiesen. Des
Weiteren resultieren speziell aus dem Ferntourismus schon bei der Anreise in die
Destinationen, Umweltbelastungen, da die Touristen fast ausschließlich mit dem Flugzeug
in die Tourismusgebiete reisen.
Die Erhaltung und Förderung von Natur- und Wildschutzreservaten durch den
internationalen Tourismus wird überwiegend positiv bewertet. Vor allem internationale
Tourismusanbieter erklären den Schutz dieser Gebiete, nicht zuletzt wegen des
touristischen Potentials, als einen der wichtigsten Bestandteile ihres ökologischen
Handelns in den Destinationen. Allerdings darf dabei nicht übersehen werden, dass die
Ausweitung von Schutzgebieten häufig die lokalen Nutzergruppen diskriminiert und ihre
Nutzungsräume einschränkt. Als Beispiel seien hier die Nationalparks Ostafrikas genannt,
die große Areale von Weidegebieten der Viehherden der Maasai umfassen, diese jedoch
von der Nutzung ausschließen.
Negative Umwelteffekte resultieren auch aus einer exzessiven tourismusinduzierten
Migration von Arbeitskräften, vor allem, wenn sie in ehemalige Peripheriegebiete mit
einem oft sehr labilen Ökosystem gerichtet ist.
Ob durch Tourismus ein positiver Entwicklungsbeitrag u.a. durch die Beseitigung räum-
licher und sektoraler Disparitäten erreicht werden kann, hängt letztlich von Form und Aus-
maß des Tourismusgewerbes sowie von der spezifischen Struktur einer Volkswirtschaft ab.
Bevor im Teil B der Arbeit speziell auf den Beitrag des tourismusinduzierten Mobilitäts-
prozesses von Arbeitskräften zur Entwicklung Tansanias eingegangen wird, sollen im Kap.
3 noch die theoretischen Grundlagen von Mobilität und Entwicklung erläutert werden.

A. THEMATISCHE UND METHODISCHE GRUNDLAGEN
16
3. Mobilität und Entwicklung
Mit fortschreitender Entwicklung einer Volkswirtschaft werden die Menschen mobiler. Das
Ausmaß an
Mobilität
kann somit als Indikator für den Entwicklungsstand eines Landes
angesehen werden. Für einen sich selbst tragenden und schnell verlaufenden Ent-
wicklungsprozess eines Landes sind geistige, soziale und räumliche Mobilität unverzichtbar
(HEMMER, 1988, S. 559).
3.1. Grundlegende Begriffe
Der Begriff Mobilität kann folgendermaßen untergliedert werden (Vgl. Abb. 1):
Abb. 1: Mobilität
Quelle: Eigene Darstellung nach GORMSEN verändert, 1993, S. 9.
Mobilität
Räumliche
Mobilität
Soziale
Mobilität
Migration
Zirkulation
Horizontale
Mobilität
Vertikale
Mobilität
permanent
temporär
Internationale
Migration
Binnen-
wanderung
Ortsumzug
Interregionale
Mobilität
Intraregionale
Mobilität

A. THEMATISCHE UND METHODISCHE GRUNDLAGEN
17
Wenn man Mobilität als Veränderung zwischen zwei Positionen auffasst, so ist Wanderung
bzw. Migration
10
eine Form von Mobilität (SZELL, 1972, S. 27). Auch ALBRECHT (1972,
S.23) setzt den Begriff Wanderung mit
geographischer Mobilität
gleich, wobei er
darunter
,,... zunächst die Ausführung einer räumlichen Bewegung, die einen vorüber-
gehenden oder permanenten Wechsel des Wohnsitzes bedingt, eine Veränderung der
Position also im physischen und im sozialen Raum"
versteht.
In dieser Arbeit geht es um die inter- und intraregionale
Mobilität
von Arbeitskräften
,
die von der Expansion des Tourismusgewerbes in Sansibar ausgelöst wird. Da mit der
Wanderung nicht nur der geographische Raum, sondern auch die soziale Umgebung
gewechselt wird, ist auch der Begriff
soziale Mobilität
gebräuchlich. Hierunter wird der
Stellungswechsel innerhalb eines Sozialsystems verstanden, wobei dies zum einen der
Auf- und Abstieg in der sozialen Schichtung (vertikal) sein kann und/oder die Positions-
veränderung des sozialen Beziehungsgefüges (horizontal).
Ein weiterer Begriff, der im Zusammenhang mit interregionaler Migration häufig genannt
wird, ist die
Selektivität
. Hierunter wird die Zusammensetzung der an der Wanderung
beteiligten Akteure, z.B. nach Alters- oder Berufsgruppen geordnet, verstanden
(GATZWEILER, 1975, S. 15). Im Allgemeinen können Binnenwanderungen in Entwick-
lungsländern nach den drei typischen Selektionscharakteristiken demographische,
bildungspolitische und wirtschaftliche Zusammensetzung differenziert werden (HAUSER,
1991, S. 216f).
3.2. Migrationstheorien und Migrationsmodelle
Die Migrationsforschung hat bisher eine Vielzahl von theoretischen Ansätzen und Modellen
hervorgebracht, die je nach Disziplin unterschiedliche Schwerpunkte haben. In den
Wirtschaftswissenschaften werden meist makro-analytische Ansätze, die auf dem Arbeits-
marktmechanismus beruhen, zur Erklärung der Migration herangezogen. Hingegen
werden in der Soziologie auf der Basis von Feldstudien Motivationen der Migranten,
Zusammenhänge zwischen räumlicher und sozialer Mobilität sowie auch zur Adaption der
Migranten in den Zuwanderungsgebieten untersucht. In der Geographie schließlich geht
es um die räumliche Reallokation von Menschen, wobei speziell in der neueren Antropho-
geographie räumliche Prozesse und Interaktionen im Mittelpunkt der Betrachtung stehen
(Vgl. JONES, 1990, S. 179).
10
In der Mobilitätsforschung werden die Begriffe Wanderung und Migration synonym verwendet.
Ende der Leseprobe aus 110 Seiten

Details

Titel
Tourismusinduzierte Mobilität von Arbeitskräften in Tansania. Das Fallbeispiel Sansibar
Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen
Note
1.3
Autor
Jahr
2002
Seiten
110
Katalognummer
V185826
ISBN (eBook)
9783668289208
ISBN (Buch)
9783867467032
Dateigröße
1874 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
tourismusinduzierte, mobilitätvon, arbeitskräften, tansania, fallbeispiel, sansibar
Arbeit zitieren
Ute Schulz (Autor), 2002, Tourismusinduzierte Mobilität von Arbeitskräften in Tansania. Das Fallbeispiel Sansibar, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/185826

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