Die Rolle der Geldpolitik in Währungskrisen - Implikationen einer neuen Modellgeneration


Diplomarbeit, 2003

61 Seiten, Note: 1.7


Leseprobe

Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität
BONN
D I P L O M A R B E I T
Thema:
Die Rolle der Geldpolitik in Währungskrisen ­
Implikationen einer neuen Modellgeneration
Referent: Prof. Dr. Manfred J.M. Neumann
Vorgelegt von
cand. rer. pol. Boris Heyden
Abgabetermin: 29. September 2003

Inhaltsverzeichnis
1.
Einleitung ... 1
2. Währungskrisenmodelle
... 2
2.1 Zahlungsbilanzkrisen und spekulative Attacken ­
Modelle der ersten Generation ...
2
2.2 Die Rolle selbsterfüllender Erwartungen ­
Modelle zweiter Generation ...
4
2.3 Modelle erster und zweiter Generation im Licht jüngster Währungskrisen..
7
3.
Währungskrisen bei unvollständigen Finanzmärkten ...
8
3.1 Die Rolle hoher Fremdwährungsverbindlichkeiten und der
Kreditbeschränkung des Unternehmenssektors ­
Das Währungskrisenmodell von Aghion, Bacchetta und Banerjee ...
9
3.1.1 Annahmen des Modells ...
9
3.1.2 Geld- und Kreditmarkt ...
10
3.1.3 Die Währungskrise ­
Mögliche Entwicklung von Wechselkurs und Einkommen ...
14
3.1.4 Diskussion des Modells ...
15
3.2 Können Krisen durch die Geldpolitik verhindert werden? ­
Implikationen des Modells von AGHION et al. 2000a ...
16
3.2.1 Die Rolle der Geldpolitik, wenn die Kreditbeschränkung vom
Realzins abhängt ­
warum eine restriktive Geldpolitik erforderlich ist ...
17
3.2.2 Modifikation: Implikationen, falls die Kreditbeschränkung vom
Nominalzins abhängig ist ...
20
4.
Empirische Ergebnisse zur Frage nach der angemessenen Geldpolitik
in Währungskrisen ...
21
4.1 Der Zusammenhang von Zins und Wechselkurs ...
22
4.1.1 KRAAY 2000 ­ Wechselkursstabilisierung während
spekulativer Attacken ...
22
4.1.2 GOLDFAJN/GUPTA 2003 ­ Reale Aufwertung durch Aufwertung
des nominalen Wechselkurses oder durch höhere Inflation? ...
24
4.1.3 FURMAN/STIGLITZ 1998 ­ Der Zusammenhang von Zins und
Wechselkurs in ausgewählten Entwicklungsländern ...
27

4.2 Geldpolitik während der Asienkrise ...
28
4.2.1 DEKLE/HSIAO/WANG 1998 ­ Nominale Aufwertung und hohe
Nominalzinsen ...
28
4.2.2 GOULD/KAMIN 1999 ­ Einfluß der Geldpolitik auf den realen
Wechselkurs ...
31
4.3.1 GOLDFAJN/BAIG 1998 ­ Umkehrung der Unterbewertung
durch nominale Aufwertung? ...
34
4.4 Zusammenfassung ...
36
5.
Schlußfolgerungen ...
38
Literaturverzeichnis ...
40
A.1 Graphischer Anhang ...
42
A.2 Tabellarischer Anhang ...
46
A.3 Mathematischer Anhang ...
51
Erklärung ...
54

1. Einleitung
Wie sollte sich die Geldpolitik in Währungskrisen verhalten? Daß diese Frage ein
unter Ökonomen kontrovers diskutiertes Thema ist, zeigt beispielsweise die Erfah-
rung aus der Asienkrise: während der IMF auf die Notwendigkeit von Zinserhöhun-
gen zur Wechselkursstabilisierung hinwies, unterstrich die Worldbank die negativen
Wirkungen hoher Zinsen auf Investitionen und Einkommen.
Um die Kernfrage dieser Arbeit, die Frage nach der angemessenen Geldpolitik in
Währungskrisen, beantworten zu können, wird das Modell von AGHION et al. 2000a,
das den Währungskrisenmodellen der sog. dritten Generation zugeordnet wird, her-
angezogen, und es werden konkrete Implikationen für die Geldpolitik in einer Wäh-
rungskrise abgeleitet.
Ein sich anschließender empirischer Teil setzt die auf theoretischer Grundlage basie-
renden Implikationen einer empirischen Prüfung aus, um so einschätzen zu können,
ob sich die theoretischen Ergebnisse durch die empirischen Befunde bestätigen las-
sen.
Das nun folgende zweite Kapitel stellt die Währungskrisenmodelle der ersten und
zweiten Generation vor, woran sich dann die Darstellung eines Modells der dritten
Generation, das Modell von AGHION et al. 2000a, anschließt und die aus diesem
Modell folgenden Implikationen für die Geldpolitik herausgearbeitet werden. In Kapi-
tel 4 werden sechs empirische Studien zur Frage nach dem Zusammenhang von
Geldpolitik und Wechselkurs vorgestellt, von denen sich drei mit der Geldpolitik zur
Asienkrise beschäftigen, dies sind die Arbeiten von DEKLE et al. 1998,
GOULD/KAMIN 2000 und GOLDFAJN/BAIG 1998. Dagegen liegen den Arbeiten von
KRAAY 2000, GOLDFAJN/GUPTA 2003 und FURMAN/STIGLITZ 1998 eine größe-
re, regionenübergreifende Auswahl von Ländern zugrunde.
Das letzte Kapitel bietet eine kurze Zusammenfassung der Ergebnisse dieser Arbeit.
1

2. Währungskrisenmodelle
Die Krisen in den letzten Jahren ­ EWU (1992/93), Mexiko (1994/95), Asienkrise
(1997/98), um nur einige wenige zu nennen ­ zeigen die Notwendigkeit geeigneter
Modelle, um Währungskrisen vorherzusagen und daraus geeignete Maßnahmen für
die Politik ableiten zu können. Auf Eichengreen geht die Unterteilung der Modelle in
,,erste" und ,,zweite Generation" zurück (vgl. KRUGMAN 1999); beiden Modellen ist
gemeinsam, daß sie von einem System fester Wechselkurse ausgehen und staatli-
ches Handeln in den Vordergrund stellen.
Im nun folgenden Teil werden diese beiden Modellgenerationen in ihrer Standardver-
sion kurz vorgestellt.
2.1
Zahlungsbilanzkrisen und spekulative Attacken ­ Modelle der ersten Ge-
neration
Die hier nun vorzustellende erste Modellgeneration geht auf die Arbeiten von
KRUGMAN (1979) und FLOOD/GARBER (1984) zurück, die im wesentlichen die Un-
vereinbarkeit einer sehr expansiven Geld- und Fiskalpolitik mit einem System fixierter
Wechselkurse hervorheben.
Die Finanzierung eines staatlichen Budgetdefizits durch kontinuierliche Ausdehnung
der Geldmenge führt in einer offenen Volkswirtschaft zu Devisenabfluß und macht
eine ständige Devisenmarktintervention der monetären Autorität erforderlich, um die
festgelegte Parität aufrechtzuerhalten. Die rational handelnden Akteure können ab-
sehen, daß dieses Wechselkursregime aufgegeben werden muß, wenn die Frem d-
währungsreserven der Zentralbank erschöpft sind, und eine Abwertung dann unver-
meidlich wird. Die Absicht der Akteure ist somit, Spekulationsgewinne durch den
Verkauf heimischer Devisen zu erzielen, die durch die unvermeidliche Abkehr vom
Festkurssystem mit sich anschließender Abwertung absehbar sind.
Das Standardmodell der spekulativen Attacken beschreibt eine kleine offene Volks-
wirtschaft, die ihren Wechselkurs gegenüber dem Ausland, i.e. eine große offene
Volkswirtschaft, fixiert hat. Das Geldangebot werde durch die Zentralbank gesteuert
und sei durch die zwei Vermögenstitelarten der Zentralbank, i.e. Kredite und interna-
tionale Reserven, gedeckt und lasse sich in log-linearisierter Darstellung (vgl.
FLOOD/MARION 1999, S. 3, insb. Fußnote dazu) schreiben als:
2

r
d
m
+
=
1)
(Gl.
.
Dabei wird angenommen, daß d mit einer konstanten Rate von
wächst.
Die Geldnachfrage hänge negativ vom Nominalzins ab (vgl. ebd., S. 3):
)
(
2)
(Gl.
i
p
m
-
=
-
,
wobei m den Logarithmus der Geldmenge und p den Logarithmus des Preisniveaus
darstellen.
Es gelte die absolute Kaufkraft-Parität
e
p
p
+
= *
3)
(Gl.
,
dabei stellen p* das logarithmierte ausländische Preisniveau und e den logarithmier-
ten Wechselkurs in Preisnotierung dar. Der Nominalzins erfülle die ungedeckte Zin-
sparität, was sich als
°
+
=
e
i*
i
4)
(Gl.
darstellen läßt. Hier bezeichnet i das inländische, i* das ausländische Zinsniveau,
und die Wachstumsrate des Wechselkurses, die bei perfekter Voraussicht der er-
warteten Kursänderung entspreche.
Eine Währungskrise wird in diesem Modell erklärt durch eine expansive Fiskalpolitik
mit der Folge eines anhaltenden und wachsenden staatlichen Budgetdefizits, das
durch eine expansive Geldpolitik finanziert wird (vgl. FUHRMANN/CEPOK 2003).
Die erhöhte Geldmenge wirkt tendenziell zinssenkend, und Arbitragegeschäfte auf
dem Devisenmarkt setzen den Wechselkurs unter Druck. Um die fixierte Parität auf-
recht halten zu können, muß die Zentralbank am Devisenmarkt intervenieren und
durch den Verkauf ihrer Reserven den Wechselkurs stützen. Die Spekulanten wis-
sen, daß in einer Situation ständig abfließender Reserven eine Aufgabe des Fixkur s-
systems unvermeidlich ist. Diese Schlußfolgerung läßt sich mit Hilfe der obigen Gle i-
chungen bestätigen: Aus der Kombination der Gleichungen
(1) bis (4) läßt sich die
Gleichgewichtsbedingung ermitteln:
*)
(
*
5)
(Gl.
i
e
p
r
d
-
=
-
-
+
.
Bei fixen Variablen des Auslands p* und i* sowie fixiertem Wechselkurs folgt, daß bei
3

einer Erhöhung von d ­ durch schuldenfinanzierte Staatsausgabenerhöhung ­ die
Reserven r um den gleichen Betrag sinken müssen.
Zur Ermittlung des genauen Zeitpunktes der spekulativen Attacke ist der ,,Schatten-
wechselkurs" von zentraler Bedeutung. Der Schattenwechselkurs ist derjenige
Wechselkurs, der vorherrschen würde, wenn die Reserven der Zentralbank erschöpft
wären, und die Zentralbank keine weiteren Devisenmarktinterventionen zur Stützung
der festgelegten Parität durchführen könnte. Die Spekulanten wissen, daß sie einen
sicheren Gewinn realisieren können, indem sie zu einem Zeitpunkt attackieren, zu
dem der Schattenwechselkurs größer ist als der fixierte Wechselkurs. Die verschie-
denen Spekulanten versuchen, ihren Konkurrenten in der Attacke möglichst zuvorzu-
kommen, so daß der Zeitpunkt der Attacke derjenige ist, bei dem der Schattenwech-
selkurs genau der fixierten Parität entspricht. Es werden somit Wechselkursaus-
schläge durch einen ,,spekulativen Wettbewerb" (FLOOD/ MARION 1999, S. 6) ver-
hindert. Dadurch, daß das Budgetdefizit mit einer konstanten Rate zunimmt, wächst
der Wechselkurs nach der Attacke ebenfalls mit dieser konstanten Rate
1
, und bei
Gültigkeit der Zinsparität
2
folgt, daß auch der Nominalzins zum Zeitpunkt der Attacke
ansteigt, was die zukünftige Abwertung reflektiert.
Das neue Gleichgewicht auf dem Geldmarkt wird bestimmt durch das reduzierte
Geldangebot in Höhe des Verlustes der Reserven sowie einer reduzierten Geld-
nachfrage aufgrund des gestiegenen Nominalzinses.
2.2 Die
Rolle
selbsterfüllender
Erwartungen ­ Modelle zweiter Generation
Waren im Modell der ersten Generation noch Attacken auf die Reserven der zentrale
Auslöser einer Währungskrise, so steht in den sog. Modellen zweiter Generation, die
in ihrer ursprünglichen Version auf der Arbeit von OBSTFELD (1994) basieren, das
Kalkül eines rational handelnden Entscheidungsträgers im Mittelpunkt, der unter Ab-
wägung von Kosten und Nutzen entscheidet, ob er das Festkursregime aufrechter-
hält oder eben verläßt. Dabei gehen in seine Entscheidung die vorherrschenden
Fundamentaldaten sowie die Erwartungen der Spekulanten ein, die in diesem Modell
selbsterfüllenden Charakter einnehmen können. Die Abkehr vom Festkurssystem ist
1
Dies folgt auch wieder aus Gleichung (5), mit der Annahme, daß i* und p* fixiert sind und aufgrund
der Tatsache, daß nun die Reserven r null betragen, da wir uns im Zeitpunkt nach der Attacke befin-
den.
2
Vgl. Gleichung 4.
4

somit nicht die unausweichliche Folge einer Inkonsistenz von Geld- und Fiskalpolitik,
sondern wird hervorgerufen durch den Anreiz positiver Effekte, die durch eine Ab-
wertung entstünden.
Zur Veranschaulichung dieser Modellgeneration wird ein einfaches Modell darge-
stellt, das aus JEANNE 2000 entnommen ist und einen politischen Entscheidungs-
träger modelliert, in dessen Kalkül die Aufrechterhaltung des Fixkurssystems und die
Arbeitslosigkeit eingeht. Im Gegensatz zum vorherigen Abschnitt wird jetzt davon
ausgegangen, daß die Zentralbank eine Sterilisierungspolitik durchführen kann, d.h.
sie kann den Effekt auf die monetäre Basis, der durch die Intervention am Devisen-
markt entsteht, durch Offenmarktgeschäfte kompensieren, so daß die monetäre Ba-
sis durch Devisenmarktoperationen nicht verändert wird (vgl. MISHKIN 1998, S.
505ff.).
Es wird angenommen, daß im Falle einer Aufgabe der fixierten Parität die Abwertung
d beträgt, und aus der Gültigkeit der Kaufkraftparität folgt, daß Gleiches auch für die
Inflationsrate gelten muß (vgl. dazu (Gl. 3)). Die Entscheidung der Regierung, ob sie
abwertet oder nicht, hänge von den Konsequenzen dieser Entscheidung auf die Ar-
beitslosigkeit ab, die durch die um Erwartungen erweiterte Phillipskurve gegeben sei:
(
)
e
U
U
-
-
=
1
2
(Gl.6)
.
U
2
und U
1
bezeichnen
die Abweichung der Arbeitslosigkeit von ihrem natürlichen Ni-
veau in den Perioden 1 und 2 und der Ausdruck
(
)
e
-
die unerwartete Inflation.
Die hier dargestellte Phillipskurve beschreibt den negativen Zusammenhang zwi-
schen Arbeitslosigkeit und unerwarteter Inflation: Bei unerwarteter Inflation sinkt der
Reallohn, da der Nominallohn nur die erwartete Inflation berücksichtigt, so daß ein
positiver Effekt auf die Beschäftigung entsteht. Der politische Entscheidungsträger
minimiere seine Verlustfunktion
Der Minimierung liegt die Annahme zugrunde, daß die Regierung in der zweiten Pe-
riode über die Aufrechterhaltung des Festkurssystems entscheidet und dabei die Ar-
( )
.
7)
(Gl.
2
2
C
U
L
+
=
5

beitslosigkeit sowie die Kosten der Aufgabe des Festkurssystems, beschrieben durch
die Variable C, zu berücksichtigen hat.
3
Wird keine Inflation erwartet, i.e.
0
=
e
,
beträgt die Verlustfunktion
(
)
C
d
U
L
+
-
=
2
1
, wenn die Regierung aus dem Festkurssystem aussteigt, und
( )
2
1
U
L
=
, falls nicht. In diesem Fall wäre es optimal das Festkurssystem beizube-
halten, wenn folgende Bedingung erfüllt ist:
Erwarten die Individuen dagegen, daß eine Abwertung stattfindet, i.e.
d
e
=
, ergibt
sich für die Regierung ein Verlust in der Höhe von
(
)
²
1
d
U
L
+
=
, wenn das Fest-
kurssystem beibehalten wird, und bei einer Abwertung ein Verlust von
( )
C
U
L
+
=
2
1
.
In dieser Situation wäre es optimal die Parität aufrechtzuerhalten, wenn
erfüllt ist.
Durch die Definition eines Fundamentaldatums der Ökonomie läßt sich analytisch
bestimmen, in welchen Situationen die Regierung für eine Freigabe des Kurses ent-
scheiden würde. Der fundamentale Wert der Ökonomie
lasse sich durch
beschreiben, so daß sich drei mögliche Szenarien ergeben können. Ein ,,guter" Zu-
stand, in dem
d
>
, ein ,,schlechter", charakterisiert durch
d
-
<
und schließlich
ein ,,intermediärer" Zustand, der sich durch
d
d
<
<
-
beschreiben läßt. Sowohl
im guten als auch im schlechten Zustand bildet sich ein eindeutiges Gleichgewicht;
im ersten Fall würde die Regierung die Parität aufrechterhalten, im letzten Fall wür-
de sie sich zur Freigabe des Kurses entscheiden. Liegt der intermediäre Zustand vor,
so sind sowohl Beibehaltung als auch Freigabe der Parität mögliche Gleichgewichte.
3
Die Variable
ist eine Dummyvariable, die den Wert 1 bei Aufgabe und 0 bei Aufrechterhaltung des
Festkurssystems annimmt.
d
U
d
C
-
>
-
1
2
8)
(Gl.
d
U
d
C
>
-
1
2
9)
(Gl.
1
2
(Gl.10)
U
d
C
-
=
6

Das Modell zeigt zwei Möglichkeiten auf, die ein Festkurssystem zum Scheitern füh-
ren können: Auslöser können entweder schlechte Fundamentaldaten oder aber
selbsterfüllende Erwartungen sein, wenn sich die Ökonomie im intermediären Zu-
stand befindet. Sind die Fundamentaldaten schlecht, wird die Regierung abwerten,
da mit steigender Arbeitslosigkeit der Anreiz wächst, durch eine Abwertung mit fol-
gender Inflation und sinkendem Reallohn der Arbeitslosigkeit entgegenzuwirken. Be-
findet sich dagegen die Ökonomie im intermediären Zustand, so ist eine Abwertung
zwar möglich aber nicht sicher. In diesem Fall kann die Abwertung durch selbsterfül-
lende Erwartungen der Marktteilnehmer ausgelöst werden: Erwarten die Marktteil-
nehmer eine Abwertung, so wird sich diese Erwartung in einem höheren Nominallohn
widerspiegeln und aufgrund höherer Arbeitslosigkeit die Verlustfunktion der Regie-
rung ansteigen lassen, falls das Festkurssystem beibehalten wird. Bei entsprechend
hohem Niveau der Arbeitslosigkeit wächst dann tatsächlich der Anreiz für die Regie-
rung, das Festkurssystem zu verlassen. Hier erwarten die Marktteilnehmer eine Ab-
wertung, die eine solche Dynamik entfalten, so daß es tatsächlich auch zu einer Ab-
wertung kommt.
Für weitere Modifizierungen des Modells, wie z.B. Aufhebung der Annahme perfekter
Voraussicht, Endogenisierung der Ausstiegskosten oder die Rolle der Reputation
und Glaubwürdigkeit einer Regierung, sei der Leser auf den Literüberblick von
JEANNE 2000 verwiesen.
2.3 Modelle erster und zweiter Generation im Licht jüngster Währungskrisen
Währungskrisen, wie sie in Südostasien in den Jahren 1997/98 stattgefunden haben,
veranlaßten einige Ökonomen, die Notwendigkeit einer ,,dritten Modellgeneration" zu
proklamieren (vgl. KRUGMAN 1999). Ausgangspunkt dieser Forderung ist die Fest-
stellung, daß die Situation der südostasiatischen Länder auf den ersten Blick nur
schwer in das Erklärungsschema der Modelle der ersten und zweiten Generation zu
passen scheinen: weder waren in den meisten dieser Krisenländer exzessive Bud-
getdefizite und stark abnehmende Reserven bei den Zentralbanken zu beobachten
(vgl. MISHKIN 1999, S. 10ff.), noch befand sich die Arbeitslosigkeit auf einem Ni-
veau, das einen baldigen Ausstieg aus dem Festkurs-Regime befürchten ließ (vgl.
AGHION et al. 2000a, S. 1). Das scheint es nahezulegen, nach einer Modellgenera-
tion zu verlangen, die jene Rahmenbedingungen, die in den asiatischen Ländern
maßgeblicher Auslöser für die Krise waren, genauer berücksichtigt. Im Besonderen
7

ist in diesem Zusammenhang die Verschuldungssituation, insb. der hohe Anteil an
Verbindlichkeiten in ausländischer Währung sowie Vertrauensverluste von (ausländi-
schen) Investoren und der damit einhergehenden Folge eines sinkenden Kreditan-
gebotes für Unternehmen dieser Region, zu nennen.
Diesem Ruf nach der Notwendigkeit einer neuen Modellgeneration stehen einige
Ökonomen skeptisch gegenüber und verlangen dagegen eher in den Modellen erster
bzw. zweiter Generationen Modifikationen durchzuführen, um den Gegebenheiten
von Krisen in jüngster Vergangenheit besser Rechnung tragen zu können (vgl.
JEANNE 2000, S. 32 ff.).
Welcher Weg hier auch gegangen wird, so zeigt sich im Lichte der Asienkrise, daß
spezifische Unzulänglichkeiten im Bereich des Finanzsektors in den Währungskri-
senmodellen Berücksichtigung finden müssen, um eine bessere Beurteilung und
Prognose von Währungskrisen zu ermöglichen.
3.
Währungskrisen bei unvollständigen Finanzmärkten
Der Versuch, einen anderen Erklärungsansatz bzgl. der Einschätzung von Wäh-
rungskrisen zu wählen, wird durch eine neuere Modellfamilie, die Modelle der sog.
,,dritten Generation" unternommen, die den Blick auf Moral-Hazard-Probleme (COR-
SETTI et al. 1999), Schwächen der Finanzmärkte (CHANG/VELASCO 1998) oder
die Unternehmensbilanzen (KRUGMAN 1999) richten. Moral-Hazard-Probleme treten
dort auf, wo staatliche Garantien für Unternehmen und Banken übernommen werden
und damit eine Überschuldung auslösen können. Eine andere Sichtweise betrachtet
die ,,Zerbrechlichkeit der Finanzmärkte" als Auslöser für Krisen, In dieser Sichtweise
bewirkt eine pessimistischere Einschätzung eines Landes durch internationale Inve-
storen exzessive Kapitalabflüsse, die dann durch die entstehenden Liquiditätseng-
pässe das Land in eine selbsterfüllende Krise stürzen können (vgl. KRUGMAN 1999,
S. 5f.).
Modelle vom Typ KRUGMAN 1999 suchen Währungskrisen insb. durch den ,,Bilanz-
Effekt", dem sich Unternehmen mit einem hohen Anteil an Fremdwährungsverbind-
lichkeiten gegenübersehen, zu erklären: eine (hinreichend starke) reale Abwertung
führt dazu, daß der Anteil der Verbindlichkeiten in ausländischer Währung ansteigt,
so daß sich die Gewinnsituation der Unternehmen verschlechtert, bzw. Insolvenzen
wahrscheinlicher macht und damit eine bereits bestehende Krise noch verschärfen
kann.
8

Es sollte hervorgehoben werden, daß der Erklärungsansatz dieser Modelle nicht
mehr vordergründig in der Hervorhebung des staatlichen Handels, bzw. der damit
verbundenen inkonsistenten Politik eines Festkurssystems besteht, sondern den
Blick eher auf bestehende Friktionen im Bereich der Finanz- und Kapitalmärkte lenkt.
Das in diesem Abschnitt verwendete Modell von AGHION et al. 2000a wählt einen
Erklärungsansatz, der, ähnlich dem Ansatz von KRUGMAN 1999, den Bilanz-Effekt
in den Vordergrund rückt. Es wird hier verwendet, da es aufgrund seiner konkreten
Implikationen für die Geldpolitik, die sich aus diesem Modell ergibt, die theoretische
Grundlage für die folgende empirische Diskussion bzgl. der Geldpolitik in Krisen dar-
stellt.
3.1 Die Rolle hoher Fremdwährungsverbindlichkeiten und der Kreditbe-
schränkung des Unternehmenssektors ­
Das Währungskrisenmodell von Aghion, Bacchetta und Banerjee
Das Modell von AGHION et al. 2000a hebt insbesondere die Rolle hoher Fremdwäh-
rungsverbindlichkeiten als Ursache für Währungskrisen hervor. Das Entstehen einer
Währungskrise wird wie folgt erklärt: Ein exogener Schock, z. B. Produktivitätsschock
oder eine erhöhte Risikoeinschätzung des Landes durch das Ausland, trifft auf die
Ökonomie. Bei Bestehen von Preisrigiditäten in der kurzen Frist führt eine Abwertung
der heimischen Währung zu erhöhten Auslandsverbindlichkeiten, da diese annah-
megemäß in ausländischer Währung denominiert sind, und damit zu sinkenden Ge-
winnen und niedrigeren Unternehmenswerten. Der gesunkene Unternehmenswert
macht es den Unternehmen schwieriger, sich auf dem Kapitalmarkt zu verschulden,
so daß aufgrund dieser Kreditbeschränkung die Investitionen sinken werden. In der
Folge wird das Einkommen zurückgehen, was die Geldnachfrage sinken läßt und
damit eine (weitere) Abwertung der Währung auslöst (vgl. AGHION et al. 2000a, S.
3).
3.1.1 Annahmen des Modells
Das Modell von AGHION et al. 2000a beschreibt eine kleine offene Ökonomie mit
unendlichem Zeithorizont, in der ein homogenes Gut von N identischen Unterneh-
men produziert wird. Die zentrale Annahme des Modells ist die der unvollständigen
Kapitalmärkte, die besagt, daß sich die Unternehmen einer Kreditbeschränkung ge-
9
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Details

Titel
Die Rolle der Geldpolitik in Währungskrisen - Implikationen einer neuen Modellgeneration
Hochschule
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn
Note
1.7
Autor
Jahr
2003
Seiten
61
Katalognummer
V185882
ISBN (eBook)
9783656990376
ISBN (Buch)
9783867467476
Dateigröße
829 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
rolle, geldpolitik, währungskrisen, implikationen, modellgeneration
Arbeit zitieren
Boris Heyden (Autor), 2003, Die Rolle der Geldpolitik in Währungskrisen - Implikationen einer neuen Modellgeneration, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/185882

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