Der Schichtgradient der Mortalität bezeichnet das international wohlbekannte Phänomen eines höheren Mortalitätsrisikos unterer sozialer Schichten. Die vorliegende Arbeit diskutiert zum einen unterschiedliche Erklärungsansätze und deren methodische Implikationen. Zum anderen wird mittels aktueller Mortalitätsdaten überprüft werden, ob sich für die unterschiedlichen theoretischen Erklärungsansätze ? auch unter multivariater Modellierung - eine empirische Bestätigung finden lässt. Als Datenbasis dient das bundesdeutsche "MONICA-Projekt Augsburg" mit zwei 1984/85 und 1989/90 im Raum Augsburg durchgeführten Querschnitterhebungen sowie einem Mortalitäts-follow-up aus den Jahren 1997/98. Der Datensatz umfasst insgesamt 7.268 Personen im Alter von 25 bis 74 Jahren mit deutscher Staatsangehörigkeit. Die empirischen Analysen stützen die Vermutung, dass der Schichtgradient der Mortalität mehr auf monetärer Deprivation und einem ungesünderen Lebensstil als auf belastende Arbeitsbedingungen zu basieren scheint.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
1.1 Entdeckungszusammenhang
1.2 Fragestellung und Untersuchungsgegenstand
1.3 Forschungslogik und Konzeptspezifikation
2. Theoretische Überlegungen und aktueller Forschungsstand
2.1 Theoretische Modelle der Morbidität und Mortalität
2.2 Epidemiologische Großstudien und ihr Beitrag zur Fragestellung
2.3 Forschungsstand zu möglichen Einflußgrößen der Mortalität
2.3.1 Vertikal-strukturierende Einflußgrößen
2.3.1.1 Soziale Schicht
2.3.1.2 Bildung
2.3.1.3 Einkommen
2.3.1.4 Berufliche Stellung
2.3.2 Horizontal-strukturierende Einflußgrößen
2.3.2.1 Geschlecht
2.3.2.2 Konfession
2.3.2.3 Alter
2.3.2.4 Familienstand
2.3.2.5 Genetische und biologische Faktoren
2.3.2.6 Wohnort
2.3.3 Lebensstilstrukturierende Einflußgrößen
2.3.3.1 Body-Mass-Index und Adipositas
2.3.3.2 Tabakkonsum
2.3.3.3 Passivrauchen
2.3.3.4 Alkoholkonsum
2.3.3.5 Physische Aktivität
2.3.3.6 Schlafdauer
2.3.3.7 Netzwerkdichte und –qualität
2.3.3.8 Streß
2.3.3.9 Inanspruchnahmeverhalten
2.3.4 Medizinische Kontrollvariablen
2.3.4.1 Gesundheitszustand
2.3.4.2 Hypertonie
2.3.4.3 Diabetes mellitus
2.3.4.4 Cholesterinparameter
2.3.4.5 Pulsfrequenz
2.4 Anmerkungen zu aktuellen Forschungsdefiziten
2.5 Zusammenfassung
3. Hypothesen
3.1 Systematisierung möglicher Einflußgrößen auf die Mortalität
3.2 Hypothesen zu möglichen Einflußgrößen auf die Mortalität
3.3 Zusammenfassung
4. Daten und Methoden
4.1 Datengrundlage
4.1.1 Das WHO-MONICA-Projekt
4.1.2 Konstruktion der Datengrundlage
4.1.3 Variablenkonstruktion und Verteilungskontrolle
4.1.3.1 Vorbemerkungen zur Codierung der Variablen
4.1.3.2 Vertikal-strukturierende Variablen
4.1.3.3 Horizontal-strukturierende Variablen
4.1.3.4 Lebensstilstrukturierende Variablen
4.1.3.5 Medizinische Kontrollvariablen
4.1.3.6 Abhängige Variablen
4.1.4 Externe Validierung
4.2 Methoden
4.2.1 Analysenmethoden zum Beziehungsgefüge zwischen Lebensbedingungen und Lebensstil
4.2.2 Multivariate Verlaufsdatenanalyse
4.3 Daten- und Methodenrestriktionen
4.4 Zusammenfassung
5. Empirische Analysen
5.1 Analysen zum Schichteinfluß
5.1.1 Ergebnisse
5.1.2 Interpretation
5.2 Analysen zum Geschlechtseinfluß
5.2.1 Ergebnisse
5.2.2 Interpretation
5.3 Analysen zum Konfessionseinfluß
5.3.1 Ergebnisse
5.3.2 Interpretation
5.4 Analysen zum Familienstandseinfluß
5.4.1 Ergebnisse
5.4.2 Interpretation
5.5 Analysen zum Wohnorteinfluß
5.5.1 Ergebnisse
5.5.2 Interpretation
5.6 Analysen zum Netzwerkeinfluß
5.6.1 Ergebnisse
5.6.2 Interpretation
5.7 Zusammenfassende Analysen zur Mortalität (Gesamtbetrachtung)
5.7.1 Ergebnisse
5.7.2 Interpretation des Gesamtzusammenhanges
6. Schlußfolgerungen und Überlegungen zum Verwertungszusammenhang
Zielsetzung & Themen der Dissertation
Die vorliegende Dissertation untersucht den Zusammenhang zwischen soziologischen Lebensbedingungen, dem individuellen Lebensstil und der Mortalität. Ziel der Arbeit ist es, die absolute und relative Bedeutung grundlegender soziologischer Dimensionen (wie Schichtzugehörigkeit, Geschlecht, Alter, Konfession und Netzwerkstruktur) für das Sterberisiko zu erhellen, wobei der Einfluss des Lebensstils (insbesondere Alkohol- und Tabakkonsum) sowie medizinischer Kontrollvariablen unter Anwendung multivariater Verlaufsdatenanalysen auf Basis der WHO-MONICA-Daten explizit berücksichtigt wird.
- Analyse sozialer Ungleichheit in Mortalitätsprozessen
- Einfluss des Lebensstils auf die Lebenserwartung
- Methodische Verfeinerung von Mortalitätsmodellen durch Einbeziehung der Mesoebene
- Untersuchung der Wirkungsmechanismen zwischen Lebensbedingungen und Sterblichkeit
- Kausalanalyse auf Basis epidemiologischer Langzeitdaten (MONICA-Projekt)
Auszug aus dem Buch
2.3.1.2 Bildung
Grundsätzlich läßt sich Bildung einerseits als Akkumulation kulturellen Kapitals sowie andererseits als eine Investition in Humankapital verstehen (Becker, 1998; Bourdieu, 1983). Darüber hinaus korreliert das Bildungsniveau hoch mit dem Einkommen sowie mit der beruflichen Stellung. Weiterführende Erklärungsansätze, die eng mit der Höhe des verfügbaren ökonomischen Kapitals (Pro-Kopf-Einkommen, Haushaltseinkommen) verknüpft sind, werden deswegen gesondert unter Abschnitt 2.3.1.3 behandelt und deswegen hier nicht weiter berücksichtigt. Gleiches gilt für die berufliche Stellung, die vor allem durch die unmittelbaren Arbeitsplatzbedingungen auf die Morbiditäts- und Mortalitätsrisiken wirkt.
Die beiden Ansätze zur Erklärung eines expliziten Bildungseffektes (kulturelles Kapital versus Humankapital) unterscheiden sich wie folgt: Unter dem Einfluß der marxistischen Kapitaltheorie wurde der Terminus ‚kulturelles Kapital’ von Bourdieu für den Erwerb und die Internalisierung kultureller Wissensbestände und Verhaltensstandards geprägt (Bourdieu, 1983). Darunter fallen zum einen eher direkte Bildungseffekte wie etwa medizinische Wissensbestände (zur Hygiene und zu Krankheiten und deren Prophylaxe), die Antizipation gesundheitsrelevanten Verhaltens (Auswirkungen von Tabakkonsum, Ernährungsgewohnheiten) und funktionaler Analphabetismus bezüglich ärztlicher Anweisungen und präventiver Maßnahmen. Zum anderen bewirkt kulturelles Kapital eher indirekte Effekte wie etwa die durch Bildung erworbene Befähigung zur Selbstdisziplinierung bezüglich gesundheitsschädlicher Verhaltensweisen, Handlungskompetenz bei persönlichen Belastungssituationen (Becker, 1998; Maas et al., 1997).
Ein weiterer indirekter Effekt resultiert bei Gebildeteren aus dem oben erwähnten, tendenziell besseren Wissen über eine Krankheit, deren Heilungsmöglichkeiten und deren Folgen. Gerhardt sprich in diesem Zusammenhang von besseren „kognitiven Zugangschancen oder –barrieren zu medizinischer Versorgung“ (Gerhardt, 1991: 222). Dadurch kann sich auch die Angst vor dem weiteren Verlauf der Erkrankung reduzieren, die Erkrankung wird subjektiv nicht überbewertet, eine psychische Belastungssituation mit einer Beeinträchtigung vor allem der subjektiven, aber möglicherweise auch objektiven Gesundheit tritt seltener auf.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Erläutert den demographischen Kontext, das Forschungsdefizit bezüglich Mortalitätsdaten in Deutschland und die Zielsetzung der Arbeit.
2. Theoretische Überlegungen und aktueller Forschungsstand: Diskutiert existierende Modelle der Morbidität und Mortalität und den Stand der Forschung zu diversen Einflussgrößen.
3. Hypothesen: Systematisiert die Einflussgrößen und leitet konkrete Hypothesen zur Prüfung der Zusammenhänge ab.
4. Daten und Methoden: Beschreibt das verwendete Datenmaterial des WHO-MONICA-Projekts sowie die eingesetzten statistischen Verfahren (Verlaufsdatenanalyse).
5. Empirische Analysen: Präsentiert die Ergebnisse der Untersuchungen, gegliedert nach den zentralen Themenbereichen wie Schichteinfluss, Geschlecht, Konfession, Familienstand, Wohnort und Netzwerk.
6. Schlußfolgerungen und Überlegungen zum Verwertungszusammenhang: Diskutiert die Relevanz der Ergebnisse für sozialpolitische Fragen und die künftige Forschung.
Schlüsselwörter
Mortalität, Morbidität, soziale Ungleichheit, Lebensbedingungen, Lebensstil, WHO-MONICA-Projekt, Soziale Schicht, Gesundheit, Lebenserwartung, Verlaufsdatenanalyse, Risikofaktoren, Epidemiologie, Netzwerkstruktur, Prävention, Soziale Lage
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Dissertation im Kern?
Die Arbeit untersucht den Zusammenhang zwischen soziologischen Lebensbedingungen (wie Sozialschicht oder Geschlecht), dem individuellen Lebensstil und dem Sterberisiko (Mortalität).
Was sind die zentralen Themenfelder der Studie?
Die zentralen Themen sind soziale Ungleichheit bei der Sterblichkeit, der Einfluss von Lebensstilen wie Rauchen und Alkoholkonsum sowie die Bedeutung von sozialen Netzwerken und medizinischen Faktoren.
Welches Ziel verfolgt die Forschungsfrage?
Die Arbeit zielt darauf ab, die absolute und relative Bedeutung soziologischer Dimensionen für die Mortalität zu identifizieren und die Prozesse zu erhellen, die hinter makrosoziologischen Strukturen wirken.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es werden bivariate Tabellenanalysen und multivariate Verlaufsdatenanalysen (Ereignisanalyse) auf Basis von Daten des WHO-MONICA-Projekts eingesetzt.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil umfasst theoretische Überlegungen, die Darstellung des Forschungsstands zu Einflussgrößen, eine detaillierte Hypothesenbildung, eine Beschreibung der Datenkonstruktion sowie die empirische Analyse verschiedener sozialer Dimensionen.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Schlüsselbegriffe sind Mortalität, soziale Ungleichheit, Lebensstil, epidemiologische Daten, soziale Schicht und Netzwerkstruktur.
Wie wirkt sich der Familienstand auf die Mortalität aus?
Die Arbeit belegt tendenziell eine günstigere Risikostruktur für Verheiratete im Vergleich zu Nichtverheirateten, wobei Verwitwete und Geschiedene oftmals ein höheres Mortalitätsrisiko aufweisen.
Gibt es geschlechtsspezifische Unterschiede bei der Mortalität?
Ja, die Arbeit bestätigt die allgemein bekannte Übersterblichkeit von Männern und untersucht, inwieweit diese durch unterschiedliche Arbeitsbelastungen, Gesundheitsverhalten und Präventionsnutzung erklärt werden kann.
- Arbeit zitieren
- Dr. Sven Schneider (Autor:in), 2001, Lebensbedingungen, Lebensstil und Mortalität, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/186049