Freihandelszonen in Nicaragua: Humane Arbeitsbedingungen oder Profit? Ist ein Ausgleich zwischen den Interessen der Arbeitgeber und Arbeiterinnen in den nicaraguanischen Maquilas möglich?


Diplomarbeit, 2005

209 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Universität Passau
Wissenschaftliche Arbeit zur Erlangung des Diplomgrades im Studiengang
Sprachen, Wirtschafts- und Kulturraumstudien (Diplom-Kulturwirt)
Freihandelszonen in Nicaragua:
Humane Arbeitsbedingungen
oder
Profit?
Ist ein Ausgleich zwischen den Interessen der
Arbeitgeber und Arbeiterinnen in den
nicaraguanischen Maquilas möglich?
Lehrstuhl für Anthropogeographie
Eingereicht von:
Tina Schmidt
Fachsemester: 09
Fächergruppe: D
Iberoromanischer Kulturraum
Sommersemester 2005

Inhaltsverzeichnis
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Inhaltsverzeichnis
Tabellenverzeichnis...iv
Abbildungsverzeichnis...iv
Abkürzungsverzeichnis...vi
Vorwort...1
0. Einleitung...3
1. Freihandelszonen ­ zwischen gesellschaftlicher Entwicklung und
Neokolonialismus ...5
1.1 Freihandelszonen im globalen Kontext...5
1.1.1 Definition und wesentliche Charakteristika von Freihandelszonen und
Maquilas...6
1.1.2 Auswirkungen von Freihandelszonen ­ Chancen und Risiken...8
1.1.2.1 Auf das Gastland...9
1.1.2.2 Auf die Maquilas...12
1.1.2.3 Auf die Arbeiter...13
1.1.3 Organisation der Arbeit in den Maquilas...19
1.2 Freihandelszonen in Nicaragua...20
1.2.1 Sozio-ökonomische Situation in Nicaragua...21
1.2.1.1 Bevölkerung...21
1.2.1.2 Wirtschaft...22
1.2.1.3 Beschäftigungssituation...24
1.2.2 Heutiger Entwicklungsstand und erwartete Entwicklung der
nicaraguanischen Freihandelszonen...25
1.2.2.1 Rechtlicher Rahmen...25
1.2.2.2 Aktuelle sozio-ökonomische Situation der nicaraguanischen
Freihandelszonen...26
1.2.2.3 Ausblick...29
1.2.3 Auswirkungen der nicaraguanischen Freihandelszonen...31
1.2.3.1 Auf das Land...31
1.2.3.2 Auf die Maquilas...32
1.2.3.3 Auf die Arbeiterinnen...33
2. Arbeitsbedingungen und ihre Auswirkungen ­ zwischen Humanität
und Wirtschaftlichkeit...34
2.1 Vertretbare Arbeitsbedingungen ­ internationale und nationale Kriterien...34
2.1.1 Allgemeine internationale Anforderungen an Arbeitsbedingungen ­
die Forderungen der ILO...35
2.1.2 Nationale Anforderungen an Arbeitsbedingungen ­ die nicaraguanische
Arbeitsgesetzgebung...37
i

Inhaltsverzeichnis
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2.2 Mangelhafte Arbeitsbedingungen ­ Auswirkungen auf das Wohlbefinden
des Arbeiters und die Produktivität...39
2.2.1 Auswirkungen von Arbeitsbedingungen auf das Wohlbefinden des Arbeiters...40
2.2.1.1 Belastungs-Beanspruchungs-Konzept nach ROHMERT /
RUTENFRANZ (1975)...41
2.2.1.2 Ausgewählte Belastungen und mögliche Beanspruchungen mit
ihren Folgen...42
2.2.1.3 Negative psychische Beanspruchungsfolgen...49
2.2.2 Auswirkungen von Arbeitsbedingungen auf die Produktivität...54
2.2.2.1 Leistungsfähigkeit...55
2.2.2.2 Leistungsbereitschaft...58
2.2.2.3 Konsequenzen von Beanspruchungsfolgen für Leistungsfähigkeit
und -bereitschaft...63
2.2.2.4 Abwesenheit...64
2.2.2.5 Unterbrechungen...65
2.2.3 Weitere Auswirkungen von Arbeitsbedingungen auf das Unternehmen ­
Folgekosten...66
3. Innenansichten ­ die Arbeits- und Produktionsbedingungen in
den nicaraguanischen Maquilas aus Sicht der Unternehmensvertreter
und Arbeiterinnen...68
3.1 Methodik der Datenerhebung ­ die Interviews in Nicaragua...70
3.2 Arbeits- und Produktionsbedingungen ­ die Sicht der Unternehmensvertreter. .70
3.2.1 Gründe für die Ansiedlung in Nicaragua...71
3.2.2 Im Allgemeinen positiv dargestellte Gegebenheiten...72
3.2.3 Im Allgemeinen negativ dargestellte Gegebenheiten...76
3.2.4 Zusammenhang zwischen Arbeitsbedingungen und Produktivität...79
3.3 Arbeits- und Produktionsbedingungen ­ die Sicht der Arbeiterinnen...81
3.3.1 Gründe für die Arbeit in den Maquilas...82
3.3.2 Arbeitsbedingungen in den Maquilas und ihre Auswirkungen auf das
Wohlergehen der Arbeiterinnen...83
3.3.2.1 Arbeitszeit und Überstunden...83
3.3.2.2 Arbeitsorganisation und Entlohnung...87
3.3.2.3 Arbeitsmittel...92
3.3.2.4 Arbeitsumgebung und Arbeitsschutzmittel...93
3.3.2.5 Beziehung zu Vorgesetzten...99
3.3.3 Arbeitsbedingungen in den Maquilas und ihre Auswirkungen auf die
Produktivität...104
3.3.3.1 Leistungsfähigkeit...105
3.3.3.2 Leistungsbereitschaft...109
3.3.3.3 Abwesenheit...112
3.3.3.4 Unterbrechungen...113
3.3.4 Selbstkritik der Arbeiterinnen...115
ii

Inhaltsverzeichnis
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4. Innenansichten ­ Gegenüberstellung der Aussagen von
Arbeiterinnen und Unternehmensvertretern im Kontext der
Studien des MEC...118
4.1 Repräsentativität der Untersuchung ­ Unternehmen und Arbeiterinnen im
Vergleich zur allgemeinen Situation...118
4.1.1 Untersuchte Maquilas im Vergleich zu anderen Maquilas...118
4.1.2 Aussagen der Arbeiterinnen im Vergleich zur allgemeinen Situation von
Maquila-Arbeiterinnen...123
4.1.2.1 Positive Auswirkungen der Freihandelszonen auf die Arbeiterinnen...125
4.1.2.2 Negative Auswirkungen der Arbeitsbedingungen auf die
Arbeiterinnen...125
4.2 Wahrnehmung von Unternehmensvertretern und Arbeiterinnen -
Gegenüberstellung...135
4.2.1 Bezüglich der Arbeitsbedingungen ...135
4.2.2 Bezüglich der Produktivitätsvoraussetzungen ...138
5. Innenansichten ­ Gegenüberstellung der Aussagen der
Arbeiterinnen und der nicaraguanischen Arbeitsgesetze...141
6. Zusammenfassung ­ humane Arbeitsbedingungen oder Profit?...144
6.1 Gutes Investitionsklima und schlechte Arbeitsbedingungen ­ Maquilas
in Nicaragua...144
6.2 Einseitige Darstellung durch die Unternehmensvertreter ­ Suche nach
den Ursachen...146
6.2.1 Darstellungen seitens der Unternehmensvertreter im Vergleich mit
persönlichen Erfahrungen der Verfasserin sowie weiteren Informationen...146
6.2.2 Aussagen der Unternehmensvertreter im globalen Kontext...149
6.3 Missachtung der Gesetze ­ vermeintliche Quelle von Profit...153
6.4 Bestehende Arbeitsbedingungen ­ Auswirkungen auf die Produktivität...154
6.4.1 Leistungsfähigkeit...154
6.4.1.1 Arbeitsplatz, Arbeitsmittel und Arbeitsumgebung...154
6.4.1.2 Qualifikation...156
6.4.1.3 Gesundheit...156
6.4.2 Leistungsbereitschaft...162
6.4.2.1 Autonomie und Eigenverantworlichkeit...162
6.4.2.2 Partizipation und Identifikation...162
6.4.2.3 Verhältnis zu Vorgesetzten sowie Anerkennung und Feedback...163
6.4.2.4 Entlohnung...164
6.4.2.5 Arbeitszeitgestaltung...165
6.4.2.6 Hygiene im Unternehmen...166
6.4.2.7 Langfristige Arbeitsplatzsicherheit...166
6.4.2.8 Gesundheit...166
iii

Inhaltsverzeichnis
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6.5 Profit durch inhumane Arbeitsbedingungen ­ der unternehmerische
Fehlschluss...167
6.6 Profit und humane(re) Arbeitsbedingungen ­ keine Träumerei: der
Fall Cupid Foundations...170
6.7 Fazit...176
6.8 Ausblick...177
Fotoanhang...viii
Quellenverzeichnis...xvi
Literaturverzeichnis...xvi
Internetquellen...xxiii
CD-ROM...xxv
Persönliche Mails...xxvi
Persönlich übermittelte Dokumente...xxvi
Vorträge...xxvi
Sonstige Quellen...xxvi
Liste der Interviews...xxvii
Tabellenverzeichnis
Tabelle 1:
In der Literatur vertretene Meinungen über die Auswirkungen von
Freihandelszonen auf das Gastland...11
Tabelle 2:
In der Literatur vertretene Meinungen über die Auswirkungen von
Freihandelszonen auf die Maquilas...13
Tabelle 3:
In der Literatur vertretene Meinungen über die Auswirkungen von
Freihandelszonen auf die Arbeiter...18
Tabelle 4:
Herkunftsländer der Unternehmen der Freihandelszonen...27
Tabelle 5:
Interviewte Unternehmensvertreter...71
Tabelle 6:
Unternehmen der interviewten Arbeiterinnen...81
Tabelle 7:
Untersuchte Unternehmen im Vergleich zum Durchschnitt der Maquilas...119
Tabelle 8:
Studien des Movimiento de Mujeres 'María Elena Cuadra' über die
Qualität der Maquila-Arbeitsplätze...124
Tabelle 9:
Gegenüberstellung der Wahrnehmungen von Unternehmensvertretern
und Arbeiterinnen...135
Tabelle 10:
Gegenüberstellung der Gesetze und der Aussagen der Arbeiterinnen...141
Abbildungsverzeichnis
Abbildung 1: Arbeitsprozess in der Maquila...19
Abbildung 2: Entwicklung des durchschnittlichen nationalen Einkommens
(Manufakturindustrie) im Vergleich zur Entwicklung des statistischen
Warenkorbes für Managua...22
iv

Inhaltsverzeichnis
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Abbildung 3: Entwicklung des nicaraguanischen Außenhandels...23
Abbildung 4: Nicaraguanische Handelsbilanz 2003 ...23
Abbildung 5: Allgemeine Beschäftigungssituation 2001...24
Abbildung 6: Staatlich garantierte Anreize für die Unternehmen der Freihandelszonen...26
Abbildung 7: Aufteilung der Maquilas nach Wirtschaftszweigen (2004)...27
Abbildung 8: Beschäftigung in den nicaraguanischen EPZs nach Branchen (2004)...28
Abbildung 9: Anzahl der in den Freihandelszonen tätigen Unternehmen (1998-2010)...30
Abbildung 10: Entwicklung der Arbeitsplätze in den Freihandelszonen...30
Abbildung 11: Kernarbeitsnormen der ILO...36
Abbildung 12: Wesentliche von Nicaragua unterzeichnete ILO-Konventionen...36
Abbildung 13: Ausgewählte Artikel der nicaraguanischen Maquila-Verordnung...39
Abbildung 14: Zusammenhang zwischen Belastungen und Beanspruchungen nach
ROHMERT (1984)...42
Abbildung 15: Zusammenfassung der Auswirkungen von Belastungen auf die
Produktivität...67
Abbildung 16: Arbeitsbedingungen, die aus Sicht der Arbeiterinnen das Wohlbefinden
beeinträchtigen ...104
Abbildung 17: Arbeitsbedingungen, die aus Sicht der Arbeiterinnen die Produktivität
beeinträchtigen...115
Abbildung 18: Anzahl der Überstunden pro Woche in den nicaraguanischen Maquilas...126
Abbildung 19: Art der Überstunden in den Maquilas...126
Abbildung 20: Einschätzung der Produktionsvorgabe durch die Arbeiterinnen...127
Abbildung 21: Art der Bezahlung der Überstunden ...129
Abbildung 22: Beziehung zwischen Aufsehern und Arbeiterinnen ...132
Abbildung 23: Von den Arbeiterinnen persönlich erlebte und beobachtete Gewalt...133
Abbildung 24: Arbeitsbedingungen und Produktivität aus Sicht der befragten
Unternehmen...138
Abbildung 25: Arbeitsbedingungen und Produktivität aus Sicht der Arbeiterinnen...139
Abbildung 26: Unternehmerischer Fehlschluss...168
v

Abkürzungsverzeichnis
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Abkürzungsverzeichnis
BIP
Bruttoinlandsprodukt
BMA
Bundesministerium für Arbeit und Sozialordnung
CNZF
Comisión Nacional de Zonas Francas
(Nationale Kommission der Freihandelszonen)
dt.
deutsch
EPZ
Export Processing Zone
GATT
General Agreement on Tariffs and Trade
(Allgemeines Zoll- und Handelsabkommen)
ILO
International Labour Organization
(Internationale Arbeitsorganisation)
INEC
Instituto Nacional de Estadísticas y Censos
(Nationales Statistik- und Volkszählungsinstitut)
MEC
Movimiento de Mujeres Trabajadoras y Desempleadas 'María Elena Cuadra'
(Bewegung arbeitender und arbeitsloser Frauen 'María Elena Cuadra')
NGO
Non Governmental Organization
(Nichtregierungsorganisation)
o.A.
ohne Angaben
o.J.
ohne Jahr
o.O.
ohne Ort
o.S.
ohne Seitenangabe
sp.
spanisch
UNCTAD
UN-Konferenz für Welthandel und Entwicklung
UNIDO
United Nation Industrial Development Organisation
(UN-Organisation für industrielle Entwicklung)
WEPZA
World Economic Processing Zones Association
WHO
Word Health Organization
(Weltgesundheitsorganisation)
WTO
World Trade Organisation
(Welthandelsorganisation)
vi

,,Arbeitsgestaltung verfolgt zwei wesentliche Ziele:
die Förderung der Gesundheit der arbeitenden Menschen (Humanität)
und die Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen
(Wirtschaftlichkeit)."
(SCHULTETUS 2000, S.1)
vii


Vorwort
__________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________
V
ORWORT
Der Ursprung der vorliegenden Arbeit liegt im Jahr 2002. In diesem Jahr absolvierte ich ein
Praktikum bei der Frauenorganisation Movimiento de Mujeres 'María Elena Cuadra' in
Managua, Nicaragua. Das Ziel dieser Organisation ist es, die Arbeitsbedingungen in den
nicaraguanischen Freihandelszonen in Zusammenarbeit mit den Arbeiterinnen der dort
angesiedelten Unternehmen zu verbessern.
In den drei Monaten, in denen ich täglich mit den Arbeiterinnen der so genannten Zonen in
Berührung kam, lernte ich sie und ihre Probleme immer besser kennen. Dabei entwickelte ich
eine tiefe Bewunderung für diese Frauen, die ­ oftmals allein erziehend ­ mit unglaublicher
Kraft und großem Durchhaltevermögen die Arbeitsbedingungen in den Maquilas ertragen, um
ihr Leben und das ihrer Familien zu finanzieren. Mich faszinierte, dass sie bei all dem
persönlichen Leid, von dem sie mir berichteten, noch immer so herzliche und lachende
Menschen waren, die ihr Schicksal zwar beklagten, Unabwendbares aber gleichzeitig mit
Selbstironie hinnahmen.
Ich begann zu überlegen, wie die Arbeitsbedingungen in den Zonen zur Steigerung des
Wohlbefindens der Arbeiterinnen verbessert werden könnten, ohne dass dies die
unternehmerischen Ziele belasten und somit die Arbeitsplätze gefährden würde. Es stellte sich
mir die Frage, ob es nicht einen Weg gäbe, gleichzeitig Arbeiterinnen und Unternehmer
zufrieden zu stellen. Meine Überlegungen brachten mich zu dem Schluss, dass es am
sinnvollsten und eventuell auch praktikabelsten wäre, wenn die Arbeitgeber selbst von einer
Verbesserung der Arbeitsbedingungen profitierten. Ob dies möglich ist, sollte Inhalt der
vorliegenden Arbeit werden.
Während eines Forschungsaufenthaltes in Nicaragua von Juni bis August 2004 führte ich
zahlreiche Interviews, um die Sichtweisen der Unternehmer und der Arbeiterinnen kennen zu
lernen. Dabei wurde mir bewusst, dass nicht nur die Arbeiterinnen Probleme haben, sondern
dass auch die Unternehmer bzw. Unternehmensvertreter in dem Spannungsfeld zwischen Profit
und öffentlichem Druck stehen. Es schien, als befänden sie sich unter dem konstanten Zwang,
die wahren Arbeitsbedingungen in ihren Unternehmen verbergen zu müssen. Auch diese
Erfahrung bestätigte mich in meinem Vorhaben zu untersuchen, ob es nicht eine ,,Lösung" gibt,
die für alle Beteiligten von Vorteil ist.
1

Vorwort
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An dieser Stelle möchte ich vor allem den Arbeiterinnen dafür danken, dass sie mir ­ häufig
ohne mich zuvor schon einmal gesehen zu haben ­ so bereitwillig und offen Auskunft gaben und
niemals Angst hatten, dass ich diese Informationen gegen sie verwenden könnte. Ebenso möchte
ich meinen Dank den Vertretern der jeweiligen Unternehmen aussprechen, die sich regelmäßig
mehr Zeit nahmen als zuvor von ihnen eingeplant, um mir in langen Gesprächen ihre
Sichtweisen darzustellten und mir ihre Unternehmen zu zeigen. Des Weiteren gilt mein Dank
Emilio NOGUERA, Justiziar der Corporación Nacional de Zonas Francas, der mir sowohl den
Großteil der Interviews mit den Unternehmensvertretern als auch das Fotografieren in den
Unternehmen ermöglichte. Schließlich möchte ich mich besonders bei Sandra RAMOS, Leiterin
der Frauenorganisation Movimiento de Mujeres 'María Elena Cuadra', und ihren
Mitarbeiterinnen bedanken, ohne deren Unterstützung die vorliegende Arbeit nicht möglich
gewesen wäre.
2

0. Einleitung
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0. E
INLEITUNG
Seit der Abwahl der Revolutionsregierung im Jahr 1990 versucht das Land Nicaragua immer
intensiver, an der Globalisierung teilzuhaben. Im Vordergrund steht hierbei die Liberalisierung
des Marktes und die Anwerbung ausländischer Investoren. Ein Mittel in diesem Streben nach
wirtschaftlicher Entwicklung sind die Freihandelszonen, in denen sich unter
produktionsfreundlichen Bedingungen vor allem ausländische Unternehmen (Maquilas)
ansiedeln, die für den Weltmarkt produzieren. Während die Investoren einerseits Arbeitsplätze
schaffen, werden andererseits die Arbeitsbedingungen in den Maquilas von der nationalen
Frauenorganisation Movimiento de Mujeres Trabajadoras y Desempleadas 'María Elena
Cuadra', der nicaraguanischen Presse und ausländischen Nichtregierungsorganisationen stark
kritisiert.
Da die in den Freihandelszonen geschaffenen Arbeitsplätze für einen Großteil der Bevölkerung
lebenswichtig sind, die in den Maquilas beschäftigten Frauen aber offenbar gleichzeitig unter den
dortigen Arbeitsbedingungen leiden, ist zu überprüfen, ob es eine Möglichkeit gibt, die
Arbeitsplätze zu erhalten bzw. auszubauen und gleichzeitig die Arbeitsbedingungen zu
verbessern.
Die zentrale Frage dieser Arbeit ist, ob das Streben einerseits der Arbeitgeber nach Profit
und andererseits der Arbeiterinnen nach Wohlergehen durch verbesserte
Arbeitsbedingungen ­ zwei Ziele, die auf den ersten Blick konträr erscheinen ­ vereinbar
sind. Wäre dies der Fall und könnte dies den Unternehmern vermittelt werden, so wäre
anzunehmen, dass sie freiwillig weitreichende Verbesserungen bezüglich der
Arbeitsbedingungen vornehmen würden, um hiervon letztlich selbst zu profitieren.
Im Mittelpunkt dieser Arbeit stehen die Wahrnehmungen der Unternehmer und der
Arbeiterinnen. Wie nehmen sie als Hauptakteure die Bedingungen in den Maquilas wahr?
Welche Auswirkungen haben die Arbeitsbedingungen auf die Arbeiterinnen, auf ihre
Produktivität und somit auf den Profit der Unternehmen?
Um diese Fragen zu beantworten, wurden auf Seiten der Arbeiter nur Frauen interviewt. Grund
hierfür war einerseits, dass der Großteil der Beschäftigten in den nicaraguanischen
Freihandelszonen Frauen sind.
1
Andererseits wurden nur sie befragt, weil sie schlechten
1
Laut der nicaraguanischen Frauenorganisation MOVIMIENTO DE MUJERES 'MARÍA ELENA CUADRA'
(MEC) waren 2004 ca. 85% der Beschäftigten in den Maquilas Frauen (vgl. RAMOS LÓPEZ, PÉREZ DIAS,
LEGALL 2003-2004, S.4).
3

0. Einleitung
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Arbeitsbedingungen am wenigsten ausweichen können und dementsprechend am meisten
darunter leiden: In einer Vielzahl der Fälle sind sie allein erziehend und somit häufig allein
verantwortlich für das Wohlergehen ihrer Kinder und können auf Grund dieser zusätzlichen
familiären Verantwortung weniger schnell den Verlust ihres Arbeitsplatzes riskieren.
2
Ihre
männlichen Kollegen dagegen geben bei zu hoher negativer Beanspruchung eher ihre Arbeit auf
als die Frauen und entziehen sich nicht selten ihrer familiären Verantwortung.
Aufbau der Arbeit
Die vorliegende Arbeit verknüpft das Thema 'Freihandelszonen' mit dem Thema
'Arbeitsbedingungen'. Da die Auswirkungen der Arbeitsbedingungen in den nicaraguanischen
Maquilas auf die Arbeiterinnen und auf die Produktivität untersucht werden sollen, wird
zunächst das Phänomen 'Freihandelszone' im Allgemeinen und folgend im Speziellen für
Nicaragua genauer erläutert. Im sich anschließenden Kapitel wird dann dargestellt, was unter
vertretbaren Arbeitsbedingungen zu verstehen ist und welche Auswirkungen bestimmte
Arbeitsbedingungen auf Mensch und Produktivität ­ zunächst ohne direkten Bezug zu der Arbeit
in den Freihandelszonen ­ haben können. Das darauf folgende dritte Kapitel stellt die
Wahrnehmung der Unternehmen und der Arbeiterinnen in den nicaraguanischen
Freihandelszonen bezüglich der Arbeitsbedingungen und deren Auswirkungen dar und vergleicht
die Standpunkte der zwei Akteure. Im abschließenden Kapitel werden dann die theoretischen
Grundlagen mit den Aussagen der Interviewpartner verknüpft, um die anfangs gestellte Frage für
den Fall der nicaraguanischen Freihandelszonen zu beantworten.
Weitere Anmerkungen
Da sowohl die Interviews als auch ein Großteil der Literatur auf Spanisch sind, mussten die
hieraus verwendeten Zitate übersetzt werden. Der durch die Übersetzung unvermeidbare Verlust
an Authentizität musste zugunsten einer leichteren Lesbarkeit der Arbeit hingenommen werden.
Bis auf drei der Frauen, die mit ANONYM A bis C bezeichnet werden, haben mir alle
Arbeiterinnen ohne Zögern ihren Namen genannt und mir erlaubt, ihn zu verwenden. Dennoch
wurden die Namen aller Arbeiterinnen anonymisiert, um die Frauen zu schützen.
Die Zitate aus den Interviews wurden zur besseren Übersicht mit dem Kürzel 'Z+Nr.'
durchnummeriert. So bedeutet beispielsweise 'Z23' Zitat Nummer 23. Wird im Text auf ein Zitat
oder eine Aussage verwiesen, welche(s) nicht nummeriert ist, so wird die jeweilige Seitenzahl in
dieser Arbeit hinzugefügt, zum Beispiel: MARÍA (Abs.15, S.33).
2
Vgl.: Movimiento de Mujeres 'María Elena Cuadra' (MEC) (2002), S.19, sowie MEC (2003), S.15.
4

1. Freihandelszonen ­ zwischen gesellschaftlicher Entwicklung und Neokolonialismus
______________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________
1.
F
REIHANDELSZONEN
­
ZWISCHEN
GESELLSCHAFTLICHER
E
NTWICKLUNG
UND
N
EOKOLONIALISMUS
Untersuchungsgegenstand dieser Arbeit sind die Arbeitsbedingungen in den Unternehmen der
nicaraguanischen Freihandelszonen und ihre Auswirkungen auf das Wohlbefinden des
Menschen und seine Produktivität. Um jedoch einerseits die Arbeitsbedingungen in diesen
Unternehmen nachvollziehen zu können und andererseits die Intensität ihrer Auswirkungen zu
erfassen, ist es zunächst nötig, eine genauere Vorstellung davon zu bekommen, was
Freihandelszonen sind. Beginnend werden daher in diesem Kapitel die weltweit anzutreffenden
Charakteristika von Freihandelszonen dargestellt. In der Folge sollen dann die nicaraguanischen
Freihandelszonen und die Voraussetzungen im Land genauer betrachtet werden.
1.1
Freihandelszonen im globalen Kontext
Freihandelszonen sind eine weltweit bekannte und ebenso gelobte wie insbesondere bzgl. der
Arbeitsbedingungen stark kritisierte Produktionsform. Um die Hintergründe der vorliegenden
Untersuchung verstehen zu können, sollen in diesem Kapitel zunächst grundlegende Begriffe
definiert und ein Überblick über die wesentlichen Merkmale von Freihandelszonen gegeben
werden. Danach werden die in der Literatur beschriebenen Auswirkungen der so genannten
Zonen ­ unter Berücksichtigung der vorherrschenden Meinungen ­ auf das Gastland, die
Unternehmen und die Arbeiter dargestellt. Schließlich soll zum besseren Verständnis späterer
Ausführungen der Arbeitsablauf in den Unternehmen der Freihandelszonen kurz skizziert
werden.
5

1. Freihandelszonen ­ zwischen gesellschaftlicher Entwicklung und Neokolonialismus
______________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________
1.1.1
Definition und wesentliche Charakteristika von Freihandelszonen und Maquilas
,,Freihandelszonen sind ein gut abgegrenzter industrieller Raum, der eine Enklave
des freien Handels bezüglich der Zoll- und Handelsbestimmungen des Landes
darstellt und wo ausländische und nationale Firmen, die hauptsächlich für den
Export produzieren, von einer Reihe finanzieller und steuerlicher Anreize
profitieren."
(DAVID 1996, S.5)
Durch die industrielle Ausdehnung von Unternehmen
3
in den Industriestaaten seit dem Zweiten
Weltkrieg und eine allmähliche Liberalisierung der globalen Märkte verstärkte sich in den
letzten Jahrzehnten die wirtschaftliche Konkurrenz und somit der Druck auf Unternehmen,
international wettbewerbsfähig zu bleiben. Um möglichst billig produzieren zu können,
begannen immer mehr Unternehmen, ihre Produktion
4
in Entwicklungsländer
5
zu verlegen, in
denen die Produktionskosten wesentlich niedriger sind. Dieser Trend hält ­ gerade in Zeiten
wirtschaftlicher Rezession ­ bis heute an. Durch die Zerlegung des Produktionsprozesses in
Teilschritte ist es möglich, lohnintensive Fertigungsbereiche auszulagern und somit Kosten zu
senken und die Flexibilität zu erhöhen. Bevorzugte Investitionsländer sind in der Regel
Entwicklungs- und Schwellenländer, in denen billige, ausreichend qualifizierte und
disziplinierte Arbeitskräfte vorhanden sind.
6
Oft desillusioniert von importsubstituierenden Wirtschaftsmodellen oder dem alleinigen Export
von Rohstoffen, versuchen Entwicklungs- und Schwellenländer, ihrerseits von den sich
verändernden globalen Wirtschaftsstrukturen zu profitieren.
7
In diesem Sinne versuchen die
Länder, Investoren mit attraktiven Angeboten anzuziehen. Hierzu schaffen sie extraterritoriale
,,Enklaven
8
innerhalb eines Landes" (BUSCH 1992, S.5), so genannte Freihandelszonen
(ebenso: Freie Produktionszone (FPZ), Wirtschaftssonderzone, Sonderwirtschaftszone, Export
Processing Zone (EPZ), (Industrial) Free Zone, etc.). Diese Enklaven sind in der Regel durch
3
Der Begriff 'Unternehmen' wird in dieser Arbeit dem Begriff 'Betrieb' gleichgestellt. Das Unternehmen ist somit
eine ,,örtliche, technische und organisatorische Einheit zum Zwecke der Erstellung von Gütern" (vgl. GABLER
WIRTSCHAFTSLEXIKON (1994), Bd.1, 7, S.447, 3431).
4
Die 'Produktion' ist ,,der von Menschen gelenkte Entstehungsprozess von Produkten" (GABLER WIRT-
SCHAFTSLEXIKON 1994, S.2655). Unter 'Produktion' soll in dieser Arbeit darüber hinaus der Ort der Pro-
duktion verstanden werden, d.h. die Produktionshalle(n).
5
Unter dem Begriff 'Entwicklungsländer' sollen in dieser Arbeit die so genannten Entwicklungsländer
verstanden werden.
6
Vgl.: Liebau, Wahnschaffe (1990), S.17; Renzi (1996), S.35; DGB Bildungswerk (1996), S.7-8; Werner, Weiss
(2001), S.334; Bovensiepen (2004) sowie Süddeutsche Zeitung (2004)
7
Vgl.: Tiano (1994), S.11. Freihandelszonen gibt es heute vor allem in China, Südostasien, Mittelamerika und
Osteuropa (vgl. WERNER, WEISS 2001, S.190).
8
Ursprünglich waren Freihandelszonen räumlich abgegrenzt. Mittlerweile gibt es jedoch Fälle, in denen export-
orientierte Firmen von den typischen Vorteilen von Freihandelszonen profitieren ohne physisch in einer Zone
angesiedelt zu sein (vgl. MADANI 1998).
6

1. Freihandelszonen ­ zwischen gesellschaftlicher Entwicklung und Neokolonialismus
______________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________
Zäune vom Umland getrennt und gehören zum Zollausland.
9
In der vorliegenden Arbeit sollen
vor allem die Begriffe 'Freihandelszone' (bzw. 'Zone') sowie 'Export Processing Zone' (EPZ)
verwendet werden.
Nach dem Ursprung der Freihandelszonen 1950 in Irland und dem Bau von Zonen in
Nordmexiko und Asien Ende der 60er Jahre empfahlen sowohl die UN-Organisation für
industrielle Entwicklung (UNIDO) als auch die UN-Konferenz für Welthandel und Entwicklung
(UNCTAD) den Entwicklungsländern den Bau von Freihandelszonen als ,,erfolgversprechendes
Instrument zur Industrialisierung" (DGB Bildungswerk 1996, S.3).
10
Den in den Zonen angesiedelten Unternehmen werden heute weitreichende Vergünstigungen
eingeräumt.
11
Zu den wichtigsten Vorteilen gehören
­
großzügige Steuerbefreiungen (z.B. Befreiung von Unternehmens- und Einkommenssteuer),
­
zollfreier Import von Rohstoffen, Maschinen und Halbfertigprodukten,
­
meist freier Devisen- und Kapitalverkehr zwischen den Zonen und dem Ausland,
­
eine flexible Handhabung des nationalen Arbeitsrechtes sowie
­
geringe Umweltauflagen.
12
Darüber hinaus stellt der Staat die nötige Infrastruktur in den Zonen. Energie und Wasser
werden zu Vorzugspreisen an die Unternehmen abgegeben.
13
Die EPZs ermöglichen den Gastländern die Förderung der Exportfertigung, ohne jedoch
Handelsbeschränkungen und Zölle, die die nationale Industrie schützen, aufheben zu müssen.
14
Die größtenteils ausländischen Unternehmen, Zulieferfirmen von Weltmarktunternehmen (auch
transnationale Unternehmen
15
genannt), sind hauptsächlich in der auf Export spezialisierten
Massenproduktion in der Textil- und Bekleidungsindustrie sowie der Elektronikindustrie tätig.
In Lateinamerika nennen sich diese Weltmarktfabriken, in denen die Lohnveredelung von
Vormaterial stattfindet, Maquila oder Maquiladora
16
. Die Arbeit in diesen Produktionstätten ist
9
Vgl.: ILO (1988), S.5; Liebau, Wahnschaffe (1990), S.4, sowie Altenburg, Walker (1995), S.102.
10 Vgl.: DGB Bildungswerk (1996), S.4-5, sowie Wick (2000), S.3.
11 Vgl.: DGB Bildungswerk (1996), S.6-7.
12 Vgl.: Liebau, Wahnschaffe (1990), S.4; DGB Bildungswerk (1996), S.6; Madani (1998) sowie Siemers (2000),
S.22.
13 Vgl.: Bolin (1990), S.36, sowie Liebau, Wahnschaffe (1990), S.4.
14 Vgl.: Lim (1990), S.102.
15 ,,[...] unter einer transnationalen Unternehmung [kann man] einen Organisationstyp verstehen, der in ausgewähl-
ten [...] Ländern mit Direktinvestitionen (Vertriebseinheiten, Produktionsstätten) tätig ist und sich durch regio-
nale Differenzierung an die jeweiligen (Landes-) Gegebenheiten anpasst." (GABLER WIRTSCHAFTSLEXI-
KON 1994, Bd.7, S.3300). In der Literatur wird 'transnationale Unternehmung' häufig synonym mit 'multinatio-
naler Unternehmung' verwendet (vgl. GABLER WIRTSCHAFTSLEXIKON 1994, Bd.7, S.3300).
16 Das Wort 'maquila' bzw. 'maquiladora' kommt aus dem Arabischen (makila) und bezeichnet den Anteil von
Mehl oder Öl, den der Müller für das Mahlen behalten durfte (vgl. THE FREE DICTIONARY 2003). Das Wort
'maquila' ist die Abkürzung von 'maquiladora' (vgl. MAQUILA SOLIDARITY NETWORK o.J.). Die
7

1. Freihandelszonen ­ zwischen gesellschaftlicher Entwicklung und Neokolonialismus
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in der Regel ,,in extremer Weise tayloristisch
17
durchorganisiert" (ALTENBURG ET AL. 1998,
S.67). Da geringer Technologieeinsatz und hohe Arbeitsintensität die Maquilas kennzeichnen,
können die Unternehmen bei sich verändernden Produktionsbedingungen schnell und
problemlos ihren Standort in Länder mit günstigeren Konditionen verlegen.
18
Ein wesentliches Merkmal von Freihandelszonen ist der hohe Anteil von jungen und
alleinstehenden weiblichen Arbeitskräften: 75-80% der Beschäftigten sind Frauen.
19
Ebenso ist
eine hohe Fluktuationsrate der Arbeiter ein weltweit beobachtetes Phänomen in den
Freihandelszonen.
20
1.1.2
Auswirkungen von Freihandelszonen ­ Chancen und Risiken
Die Meinungen über die wirtschaftlichen und sozialen Auswirkungen von Freihandelszonen
sind sehr konträr.
21
Je nach Betrachter werden diese Auswirkungen sowohl weitgehend positiv
als auch überwiegend negativ beurteilt. Beispielhaft sollen hier Wirtschaftsverbände,
Großunternehmer, Regierungen von Entwicklungsländern, Nichtregierungsorganisationen
(NRO)
22
und Gewerkschaften als wichtige Stimmen in der Diskussion um Freihandelszonen
genannt werden.
Ob eine Freihandelszone letztlich den Erwartungen gerecht wird, hängt neben der Einstellung
des Betrachters zu den Freihandelszonen von regionalen Aspekten ab (hat das Land
beispielsweise ein gutes Bildungssystem, werden sich höherwertige Industriezweige in den EPZs
ansiedeln). Bei der folgenden Darstellung der positiven und negativen Auswirkungen von Zonen
muss somit beachtet werden, dass die Wertungen in der Literatur je nach untersuchtem Land und
Verwendung der Begriffe ist vor allem von der Gegend abhängig: 'Maquila' ist der zentralamerikanische Be-
griff, das Wort 'maquiladora' wird eher in Mexiko verwendet. Während 'maquila' und 'maquiladora' normaler-
weise ,,formell geregelte Arbeitsverhältnisse" (persönliche Mail von Roland KÖPKE vom 25.01.05) impliziert,
wird der Begriff 'sweatshop' als Oberbegriff für jegliche Art von Billiglohnbetrieben verwendet. Dies bedeutet,
dass unter diese Bezeichnung auch kleine informelle Arbeitsstätten und die verschiedenen Formen der Heim-
industrie fallen (vgl. persönliche Mail von Roland KÖPKE vom 25.01.05). Nach GITLI (1997, S.122) sind
'sweatshops' Arbeitsstätten, wo die Mehrheit der Arbeitsrechte verletzt, sehr schlechte Löhne gezahlt und viele
Überstunden gemacht werden.
17 Frederick Winslow Taylor (1856-1915) sah vor, die Produktivität menschlicher Arbeit durch deren Zerlegung
in kleinste Einheiten zu steigern. Hierdurch sollte die einzelne Arbeitseinheit ,,schnell und repetitiv zu wieder-
holen" (GABLER WIRTSCHAFTSLEXIKON 1994, Bd.7, S.3242) sein. Der Arbeiter sollte keine bzw. nur
geringe Denkvorgänge leisten müssen.
18 Vgl.: Khokhloc (1983), S.1927; Altenburg et al. (1998), S.67; Köpke (1998), S.24; Siemers (2000), S.22; Wick
(2000), S.3; Werner, Weiss (2001), S.29, 38, 192, 334, sowie MEC (2002), S.1.
19 Vgl.: Schmidt, Stöckigt (1990), S.35. Die ILO gibt an, dass bis zu 90% der Beschäftigten in Freihandelszonen
Frauen sind (vgl. ILO 2002).
20 Vgl.: Pérez Sáinz (1999), S.120, sowie ILO (2002).
21 Vgl.: Warr (1989), S.65.
22 Die englische Bezeichnung für eine NRO ist Non Governmental Organization (NGO). Da die englische Be-
zeichnung gängiger ist, wird in der Folge die Abkürzung NGO genutzt.
8

1. Freihandelszonen ­ zwischen gesellschaftlicher Entwicklung und Neokolonialismus
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in Abhängigkeit von den Erwartungen der jeweiligen Interessensgruppe an eine Freihandelszone
geschehen.
In der Folge sollen die verschiedenen Meinungen von Befürwortern und Gegnern zu den
Auswirkungen von Freihandelszonen auf das Gastland, die Arbeiter und die Unternehmen
dargestellt werden.
1.1.2.1 Auf das Gastland
Positive Auswirkungen
Viele Entwicklungs- und Schwellenländer sowie Vertreter der Freihandelszonen sehen in den
EPZs ein effektives Industrialisierungsinstrument im Sinne der neoliberalen Wirtschaftspolitik.
Sie argumentieren, dass durch die ausländischen Direktinvestitionen Devisen ins Land gebracht
werden und durch die Exportorientierung neben einer Verbesserung der Handelsbilanz auch eine
Integration in die Weltwirtschaft
23
erzielt wird. Oft gelten Zonen als Wachstumspol für die
wirtschaftliche Entwicklung des Landes. Befürworter sind der Ansicht, dass EPZs durch den
Spin-Off-Effekt
24
den Import von Know-How ebenso ermöglichen wie den Transfer von
Technologie
25
(u.a. Qualifikation von Arbeitskräften, Produkt- und Produktionstechnologie). Die
Nachfrage von Vorprodukten auf dem lokalen Markt ermöglicht ihrer Meinung nach darüber
hinaus eine Verflechtung der Zonen mit der nationalen Wirtschaft und fördert deren
Entwicklung. Des Weiteren sind die Zonen für viele Regierungen ein geeigneter Ansatz zur
Lösung des Problems hoher Arbeitslosenzahlen. Eine Verbesserung der Beschäftigungssituation
durch die Schaffung von direkten und indirekten Arbeitsplätzen hat wiederum positive
Auswirkungen auf die nationale Kaufkraft und hebt den Lebensstandard.
26
Befürworter von Zonen sind überzeugt, dass Freihandelszonen nicht statisch sind, sondern einer
fortlaufenden Entwicklung unterliegen: Durch Diversifizierung und Spezialisierung entwickeln
sie sich von primitiven Kleidungsproduzenten über die Montage von elektronischen Geräten zu
modernen Forschungseinrichtungen. Besonders in den
Maquilas transnationaler
23 Vgl.: Haywood zitiert in World Economic Processing Zones Association (WEPZA 2004). Robert HAYWOOD
(WEPZA 2004), Direktor der WEPZA, belegt diese Ansicht mit der Tatsache, dass zwischen 1993 und 1996 in
Ländern mit einem geringen mittleren Durchschnittseinkommen der Export um 72% gewachsen ist, wenn in
diesen Ländern Zonen vorhanden waren. In Ländern ohne Zonen ist dagegen der Export im gleichen Zeitraum
nur um 1% gestiegen.
24 Unter Spin-Off-Effekt wird hier die Möglichkeit eines Entwicklungslandes verstanden, von den Zonen ausge-
hend eine eigenständige Entwicklung voranzutreiben (vgl. KÖPKE 1998, S.26).
25 Technologietransfer bedeutet die Übertragung von u.a. technischem Wissen, Ausrüstung , Maschinen, Kapital
oder Bildung zwischen Unternehmen innerhalb eines internationalen Unternehmens oder zwischen Industrie-
und Entwicklungsländern (vgl. GABLER WIRTSCHAFTSLEXIKON 1994, Bd.7, S.3251).
26 Vgl.: ILO (1988), S.73, 77; Warr (1989), S.71; Köpke (1998), S.26; Liebau, Wahnschaffe (1990), S.5-15; Pena
(1990), S.2; Altenburg, Walker (1995), S.102; Madani (1998); Hartrott (2001), S.1, sowie MEC (2003).
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Elektronikunternehmen, sagen sie, werden häufig moderne Produktionstechnologien verwendet,
die hinsichtlich der Gesundheits- und Sicherheitsstandards Fabriken in den USA entsprechen.
27
Weil Zonen nach der Ansicht von HAYWOOD (zitiert in WEPZA 2004) letztlich einer der
stabilsten Sektoren in einem Entwicklungsland sind, werden diese das jeweilige Land in die
Zukunft führen. Zusammenfassend urteilt HAYWOOD (zitiert in WEPZA 2004): ,,[...] zones
are not enclaves, but leaders in the economy", die wegweisend sein können in der Verbesserung
von Produktivität
28
und angesichts der Achtung der Würde des Menschen ein Vorbild sind.
29
Negative Auswirkungen
Kritiker von Freihandelszonen sehen, abgesehen von der Schaffung von bezahlten
Arbeitsplätzen, im Allgemeinen keine positiven Auswirkung auf das Land. Sie sind der Ansicht,
dass diese Art der Öffnung der Wirtschaft weder bedeutende Deviseneinnahmen bringt noch
Spin-Off-Effekte hervorruft.
30
Die einzigen nennbaren Deviseneinnahmen sind nach SIEMERS
(2000, S.22) vor allem die Löhne der Beschäftigten sowie die Mieteinnahmen aus den
Fabrikanlagen. Ebenso profitiert das Land nur in geringem Maße von den Gewinnen der
transnationalen Unternehmen, da diese ihre Gewinne meist unbeschränkt ins Ausland
transferieren können. Auch der Transfer von Wissen und Technologie wird kritisch gesehen.
Besonders die Bekleidungsindustrie, die durch arbeitsintensive, aber einfache Tätigkeiten
gekennzeichnet ist, führt zu keinem wesentlichen Technologietransfer. Darüber hinaus kommen
spezialisierte Fachkräfte meist aus dem Heimatland des Unternehmens und werden nicht vom
lokalen Arbeitsmarkt rekrutiert.
31
Gerade in Ländern, in denen die Vorprodukte hauptsächlich importiert und die Endprodukte
wieder exportiert werden, ist eine Verflechtung mit dem nationalen Markt nicht gegeben. Außer
einigen Dienstleistungen, wie z.B. Transport, werden wenige weitere Produkte oder
Dienstleistungen im Land nachgefragt. Der erhoffte ,,Gründerboom außerhalb der Freien
Produktionszonen" (KÖPKE 1998, S.26) bleibt somit aus.
32
27 Vgl.: United Nations Centre on Transnational Corporations (1990), S.3; Tiano (1994), S.26; Köpke (1998),
S.26, sowie Haywood zitiert in WEPZA (2004).
28 Unter 'Produktivität' wird die ,,Ergiebigkeit der betrieblichen Faktorkombinationen" (GABLER WIRT-
SCHAFTSLEXIKON 1994, Bd.6, S.2671) verstanden. Die Produktivität ist das Verhältnis von input zu output.
Hierzu zählt unter anderem die Arbeitsproduktivität
(vgl. GABLER WIRTSCHAFTSLEXIKON 1994, Bd.6,
S.2671).
29 Vgl.: Haywood zitiert in WEPZA (2004).
30 Vgl.: Altenburg, Walker (1995), S.111.
31 Vgl.: Siemers (2000), S.22.
32 Vgl.: ILO (1988), S.73, sowie Köpke (1998), S.26.
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Tabelle 1:
In der Literatur vertretene Meinungen über die Auswirkungen von Freihandelszonen auf das Gastland
Vermeintlich positive Auswirkungen
Vermeintlich negative Auswirkungen
EINBINDUNG IN DEN WELTMARKT
EPZs als Industrialisierungsmodell
·
Marktöffnung
·
Integration in den Weltmarkt
·
Exportorientierung
EINBINDUNG IN DEN WELTMARKT
Eingehen weitreichender Abhängigkeiten
·
der Regierungen von multinationalen Unter-
nehmen
·
der Maquila-Industrie vom Weltmarkt
DEVISEN
Deviseneinnahmen
·
Vorteil für nationale Wirtschaft
DEVISEN
Geringe Deviseneinnahmen
·
Transfer von Gewinnen ins Ausland
SPIN-OFF-EFFEKT
Spin-Off-Effekt: Zone als Wachstumspol
·
Import von Know-How
·
Technologietransfer
·
Verflechtung mit der nationalen Wirtschaft
SPIN-OFF-EFFEKT
Spin-Off-Effekt: nicht vorhanden
·
kein Technologie- oder Know-How-Transfer
·
keine Unternehmensgründungen außerhalb der
Zonen
·
keine Verflechtung mit nationaler Wirtschaft
BESCHÄFTIGUNGSEFFEKT
Schaffung von direkten und indirekten Arbeitsplätzen
·
in der Folge: Kaufkraftsteigerung
BESCHÄFTIGUNGSEFFEKT
Schaffung von Arbeitsplätzen, aber Arbeitslosigkeit
bei Abwanderung der Fabriken
STABILITÄT DES SEKTORS
EPZ als stabilster Sektor der nationalen Wirtschaft
STABILITÄT DES SEKTORS
Maquilas können mit Leichtigkeit und schnell den
Standort wechseln
·
Folge: Politik durch Drohung mit
Arbeitsplatzabbau eventuell erpressbar
AUSWIRKUNGEN AUF NATIONALÖKONOMIE
Diversifizierung und Spezialisierung der Zonen
AUSWIRKUNGEN AUF NATIONALÖKONOMIE
Industrielle Monokultur
Tabelle: eigene Darstellung
Quelle: Kapitel 1.1.2.1 der vorliegenden Arbeit
Nach Ansicht der Kritiker werden mit dem Aufbau von Freihandelszonen weitreichende und
negativ wirkende Abhängigkeiten eingegangen. Sie befürchten, dass Regierungen leicht zum
Spielball transnationaler Unternehmen werden können, da diese durch ihre globale und
finanzielle Machtposition das Gastland leicht zu Zugeständnissen zwingen können.
Dementsprechend werden nicht nur legale Zugeständnisse der Regierungen (wie z.B. das
Erlassen von Steuern) in die Standortwahl einbezogen, sondern auch illegale Spielräume vom
Gastland erwartet, wie beispielsweise die laxe Überprüfung der Einhaltung der Arbeitsgesetze
oder die Duldung des Unterlaufens von ökologischen Auflagen.
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Darüber hinaus können Weltmarktfabriken ihre Produktion problemlos in andere Länder
verlagern, wenn im Gastland Lohn- oder Sozialkosten steigen, und in einem solchen Fall
erhebliche innenpolitische Probleme hervorrufen. Andererseits sind die in den Entwicklungs-
und Schwellenländern angesiedelten Maquilas in besonderem Maße vom Weltmarkt abhängig:
Gerade in Ländern mit einseitiger Produktionsstruktur können globale Nachfrageschwankungen
verheerende Auswirkungen auf die nationale Beschäftigungsstruktur haben.
33
In diesem Sinne
kritisiert das UN-CENTRE ON TRANSNATIONAL CORPORATIONS (1990, S.3):
,,A number of
zones [developed] into industrial monocultures, rather than into [...] well balanced and highly
diversified industrial parks."
Die oben stehende Tabelle 1 fasst die unterschiedlichen Meinungen bezüglich positiver bzw.
negativer Auswirkungen auf das Gastland nochmals zusammen.
1.1.2.2 Auf
die
Maquilas
Positive Auswirkungen
Mit einer Investition in den Freihandelszonen in Entwicklungs- und Schwellenländer verfolgen
und erreichen die Unternehmen wesentliche Vorteile. Von großer Bedeutung für die
arbeitsintensive Produktion in den Maquilas sind ­ wie bereits angedeutet ­ vor allem das
niedrige Lohnniveau in den Gastländern, die von den Regierungen eingeräumten Vorteile (vgl.
Kapitel 1.1.1) sowie die oftmals geringen Umweltauflagen. Neben diesen legalen Vorteilen
profitieren die Unternehmen wie bereits erwähnt auch von den illegalen, aber von der Regierung
geduldeten Spielräumen. So entspricht beispielsweise die oftmals lockere Handhabung der
Arbeitsgesetzgebung den unternehmerischen Zielen der Kostenminimierung und Flexibilität.
34
Darüber hinaus spielt für die Unternehmen die geographische Lage des Gastlandes eine nicht zu
unterschätzende Rolle. Die Nähe zum Absatzmarkt und daraus resultierende kurze
Transportwege erlaubt es ihnen, auf Veränderungen in der Nachfrage schnell reagieren zu
können. Ebenso nutzen transnationale Unternehmen Freihandelszonen, um die für ihr
Heimatland bestehenden Handelshemmnisse (z.B. Einfuhrverbote, überhöhte Importzölle oder
-kontingente) zu umgehen und somit auf wichtige Märkte vorzudringen. Die Bereitstellung von
Zonen ermöglicht den Investoren darüber hinaus die kostengünstige Nutzung moderner, speziell
auf die Exportproduktion ausgelegter Infrastruktur, die den landesüblichen Durchschnitt
33 Vgl.: Altenburg et al. (1998), S.98; Köpke (1998), S.56-59, sowie Arroyo Picard (2004).
34 Vgl.: ILO (1988), S.3; Müller (1995), S.20; Köpke (1998), S.59; Bolin (1990), S.36; Larudee, Koechlin (1999),
S.420-421, sowie Siemers (2000), S.22.
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übersteigt und es den Investoren erlaubt, die Produktion ohne Zeitverlust und größere
vorausgehende Investitionen aufzunehmen.
35
(Vgl. Tabelle 2).
Negative Auswirkungen
Die Investition in Entwicklungs- und Schwellenländern hat für die Unternehmen keine
weitreichenden negativen Auswirkungen. Allein die mitunter soziale und politische Instabilität
in diesen Ländern sowie kulturelle Differenzen können nachteilig auf die Produktion wirken.
Genannt werden können hier vor allem Streiks, die die Lieferung der Waren, die Fertigung
selbst oder die Anreise der Arbeiter und somit die Produktion ver- bzw. behindern. Darüber
hinaus können kulturell unterschiedliche Einstellungen und Sprachbarrieren gewisse negative
Auswirkungen auf eine reibungslose Produktion haben.
36
(Vgl. Tabelle 2).
Tabelle 2:
In der Literatur vertretene Meinungen über die Auswirkungen von Freihandelszonen auf die Maquilas
Positive Auswirkungen
Negative Auswirkungen
KOSTEN
Kostenersparnis u.a. durch
·
geringe Löhne
·
steuerliche Vorteile
·
billige Dienstleistungen
KOSTEN
Zusätzliche Kosten bzw. Verluste u.a. durch
·
soziale und politische Instabilität
HANDELSBESCHRÄNKUNGEN
Umgehen von Handelsbeschränkungen
SPIELRÄUME
Nutzung von legalen und illegalen Spielräumen zur
Gewinnsteigerung
INFRASTRUKTUR
Infrastruktur ist vorhanden und billig nutzbar
KULTURELLE DIFFERENZEN
1. Sprachliche Barrieren
2. Kulturell unterschiedlicher Hintergrund von
Belegschaft und Unternehmensführung
Tabelle: eigene Darstellung
Quelle: Kapitel 1.1.2.2 der vorliegenden Arbeit
1.1.2.3 Auf die Arbeiter
Wie schon angedeutet sind auch die Auswirkungen auf die Arbeiter nicht grundsätzlich gut oder
schlecht. Ob die Arbeit in den Zonen als positiv oder negativ bewertet wird, hängt nicht zuletzt
davon ab, ob sie mit anderen Tätigkeiten im Gastland (z.B. im informeller Sektor / in der
35 Vgl.: ILO (1988), S.3; Bolin (1990), S.36; Walka (1990), S.52; Haywood (1991), S.6; Köpke (1998), S.12, so-
wie ILO (2002).
36 Vgl.: ILO (2002).
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Landwirtschaft) oder den Gegebenheiten in anderen Ländern (Fabriken in Industriestaaten)
verglichen wird. Darüber hinaus sind beispielsweise die Arbeitsbedingungen in den einzelnen
Maquilas von der Unternehmensleitung sowie der wirtschaftlichen Sparte, in der das
Unternehmen tätig ist, abhängig. Laut FERNÁNDEZ-KELLY (1983b, S.105) sind
beispielsweise die Arbeitsbedingungen und die Aufstiegschancen in der Elektronikindustrie
besser als in der Bekleidungsindustrie.
Positive Auswirkungen
Die wichtigste, meist auch von Kritikern positiv bewertete Auswirkung von EPZs, ist die
Schaffung von Arbeitsplätzen.
37
Hierbei wird vorrangig die direkte Beschäftigung in den Zonen
betrachtet, was jedoch nicht bedeutet, dass nicht auch die indirekte Beschäftigung die oftmals
kritische Situation auf dem nationalen Arbeitsmarkt entspannt. Die Beschäftigung in den
Maquilas ist für viele Menschen in urbanen Gegenden die einzige Subsistenzmöglichkeit.
Darüber hinaus bedeutet eine Tätigkeit in den Weltmarktfabriken besonders für die hohe Anzahl
von weiblichen Arbeitern
38
oft zum ersten Mal in ihrem Leben ökonomische Selbstständigkeit.
Das eigene Einkommen, welches häufig höher ist als im informellen bzw. landwirtschaftlichen
Sektor, und die Tatsache, beschäftigt zu sein, bringt den Frauen gesellschaftliches Ansehen und
fördert ihre Emanzipation. In diesem Sinne ist für viele Frauen auch die soziale Integration in
der Fabrik besonders wichtig.
39
In Befürworterkreisen gelten Freihandelszonen als Orte, wo Arbeiter Qualifikationen erlangen
und weitergebildet werden. Auch sind sie bezüglich der Arbeitsplatzqualtität überzeugt, dass die
Beschäftigung in den Zonen oft besser ist als in der Binnenindustrie. So besteht ihrer Ansicht
nach beispielsweise in den meisten EPZs Sozialversicherungsgarantie und die Arbeitsumgebung
sowie die Maschinen in den Weltmarktfabriken sind moderner als außerhalb der Zonen.
40
Dem
Vorwurf mangelnder Einhaltung von Arbeitsrechten entgegnet HAYWOOD (zitiert in WEPZA
2004) mit dem Argument, dass die Zonen durch vorbildliche Arbeitsnormen sogar den
Gastländern bei der Erstellung funktionierender Arbeitsgesetze helfen können. Dank der
37 Nach Ansicht der NGO MOVIMIENTO DE MUJERES TRABAJADORAS Y DESEMPLEADAS 'MARÍA ELE-
NA CUADRA' (MEC) (2003, S.3) in Managua, Nicaragua, haben Freihandelszonen generell keine weiteren
Vorteile als den puren Beschäftigungseffekt.
38 Die überwiegende Beschäftigung von Frauen in den Zonen wird einerseits damit begründet, dass Frauen ge-
schicktere Hände haben als Männer. Andererseits gilt die These, dass Frauen fügsamer sind und weniger über
die Arbeit klagen bzw. gegen sie protestieren als ihre männlichen Kollegen (vgl. DGB BILDUNGSWERK
1996, S.30).
39 Vgl.: Schmidt, Stöckigt (1990), S.58; Köpke (1998), S.74; Pérez Sáinz (1999), S.120; Hartrott (2001), S.23;
ILO (2002) sowie MEC (2002), S.8.
40 Vgl.: ILO (1996), S.92; Altenburg et al. (1998), S.40; Köpke (1998), S.25, 74; Pérez Sáinz (1999), S.122, 126,
sowie ILO (2002).
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Globalisierung
41
und der Entstehung von Freihandelszonen ist es laut dem Direktor der WEPZA
dazu gekommen, dass in den meisten Teilen der Welt Arbeitgeber ihre Arbeiter heutzutage nicht
mehr als Sklaven betrachten. (Vgl. Tabelle 3).
Negative Auswirkungen
,,Zulieferfertigung birgt die Gefahr, dass Arbeitsstandards aufgeweicht werden,
insbesondere wenn das Motiv für die Auslagerung von Wertschöpfungsschritten
ausschließlich die niedrigeren Lohn- und Lohnnebenkosten beim Zulieferer sind."
(ALTENBURG ET AL. 1998, S.15)
Auch wenn die positiven Auswirkungen der Freihandelszonen auf die nationale
Beschäftigungssituation allgemein anerkannt sind, ist die Qualität der Arbeitsplätze eines der
umstrittensten Themen im Rahmen der Freihandelszonendebatte.
In den Maquilas werden vor allem junge Frauen zwischen 15 und 25 Jahren eingestellt, die mo-
bil, belastbar und flexibel sind. Unter 'flexibel' verstehen die Verantwortlichen in den Maquilas
die permanente Bereitschaft, in den Zonen zu arbeiten. Die Frauen sollen möglichst allein-
stehend und kinderlos sein. BURCKHARDT (2003, S.21) erklärt die hohe Beschäftigung von
Frauen in den Maquilas damit, dass diese ,,gehorsamer, williger, nicht so aufmüpfig [sind] oder
sich leichter ausbeuten lassen." Vielfach wird die Ansicht vertreten, dass Frauen auf Grund ihrer
Rolle in der Gesellschaft (u.a. Verantwortung für Kinder) eher verwundbar sind und somit für
einen geringeren Lohn als Männer arbeiten und seltener in Interessensvertretungen mitwirken.
42
Ein weiterer von Kritikern vorgebrachter Punkt ist darüber hinaus die Diskriminierung der
Frauen in den Zonen. Neben Fällen von Schikane, sexueller Belästigung und Demütigung
werden sie in Bezug auf Lohn, (finanzielle) Unterstützung, Schwangerschaft und
Schwangerschaftskontrollen, Mutterschaftsurlaub, Arbeitszeiten und in ihrer Rolle als Hausfrau
und Mutter benachteiligt. Vor diesem Hintergrund erscheint der wesentliche Grund für die
Investition der Multinationalen in Entwicklungsländern die leichte Ausbeutung billiger
weiblicher Arbeitskräfte zu sein.
43
Auch die Tatsache, dass von einigen Regierungen eine laxe Handhabung des Arbeitsrechtes
geduldet wird,
44
hat Nachteile für die Arbeiter. In vielen Zulieferunternehmen liegt die
41 Unter 'Globalisierung' soll hier die grenzüberschreitende Tätigkeit von Unternehmen verstanden werden, die die
Nutzung von ,,Wettbewerbsvorteilen weltweit mittels [der] Ausnutzung von Standortvorteilen und [der] Erzie-
lung von economies of scale" (GABLER WIRTSCHAFTSLEXIKON 1994, Bd.3, S.1383) ermöglicht.
42 Vgl.: Köpke (1998), S.79, sowie Siemers (2000), S.23.
43 Vgl.: Fernández-Kelly (1983a), S.219; Schmidt, Stöckigt (1990), S.38; Köpke (1998), S.79; ILO (2002) sowie
Burckhardt (2003), S.21.
44 Vgl.: Köpke (1998), S.59, sowie MEC (2003), S.5. Die laxe Handhabung ist zwar nicht rechtmäßig, jedoch ist
diese Tatsache bekannt und wird gemeinhin mit ,,allgemein gutem Investitionsklima" (KÖPKE 1998, S.59) um-
schrieben.
15

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Anwendung der nationalen Arbeitsgesetzgebung scheinbar im Ermessen des einzelnen
Unternehmers, in einigen Ländern wurde eine spezielle Arbeitsgesetzgebung, die auf die
Bedürfnisse der Weltmarktfabriken ausgerichtet ist, erlassen.
45
Laut KÖPKE (1998, S.74) sind
,,in den Freien Produktionszonen die formell garantierten Sozialstandards de facto außer Kraft
gesetzt". Darüber hinaus gibt es Fälle, in denen Regierungen bestehende Konventionen der
Internationalen Arbeitsorganisation (IAO)
46
angesichts der Freihandelszonen aufgekündigt
haben. Es kann somit gesagt werden, dass es viele Freihandelszonen gibt, in denen
Arbeitsbedingungen herrschen, die sowohl gesundheitsschädigend als auch menschenunwürdig
sind.
47
Die Arbeit in den Zonen ist zwar leicht zu erlernen, jedoch ist sie monoton und ermüdend.
Obwohl sie mindestens entsprechend dem gesetzlichen Mindestlohn vergütet werden muss, ist
es eine geläufige Praxis, die Löhne unterhalb des Mindestlohns zu zahlen oder den Lohn zum
Nachteil des Arbeiters falsch abzurechnen. Dies geschieht, obwohl schon der gesetzliche
Mindestlohn in vielen Ländern nicht im Verhältnis zu den hohen Lebenshaltungskosten steht
und somit der Grundbedarf durch die Maquila-Löhne oft nicht gesichert ist.
48
Für Bedenken sorgen, abgesehen vom Kritikpunkt der Löhne, vor allem Überstunden, die nicht
selten durch die Arbeitgeber direkt oder indirekt erzwungen werden und angesichts des
schlechten Arbeits- und Gesundheitsschutzes in den Fabriken regelmäßig zu Unfällen und
(chronischen) Gesundheitsschäden bei den Arbeitern sowie zu einem hohen
Arbeitskräfteverschleiß führen. Zu kritisieren sind darüber hinaus hohe Temperaturen in den
Produktionshallen sowie schlechte Lichtverhältnisse. Auch die Beschränkung des Trinkwassers
zur Verringerung der Toilettenpausen der Arbeiter wird beanstandet. Des Weiteren sind
Krankheiten und Unfälle in einer Vielzahl von Unternehmen durch mangelnde Hygiene und
Sicherheitsvorkehrungen bedingt. In dieser Hinsicht ist es für die Maquila-Arbeiter umso
verhängnisvoller, dass es meistens weder Kündigungsschutz noch Lohnfortzahlung im
Krankheitsfall gibt. Die gesetzlich vorgeschriebene Sozialversicherung wird von den
Unternehmen oft nicht gezahlt.
49
45 Vgl.: Pérez Sáinz (1999), S.128, sowie Wick (2000), S.4.
46 Der englische Bezeichnung für eine IAO ist International Labour Organization'(ILO). In dieser Arbeit soll die
gängige Abkürzung ILO genutzt werden.
47 Vgl.: Liebau, Wahnschaffe (1990), S.12, sowie ILO (2002).
48 Vgl.: DGB Bildungswerk (1996), S.28; Köpke (1998), S.59, 75; Wolpold-Bosien (2000), S.43; MEC (2002),
S.2, sowie Burckhardt (2003), S.19.
49 Vgl.: Schmidt, Stöckigt (1990), S.38; Köpke (1998), S.59-60, 75, 78; Pérez Sáinz (1999), S.124; Wolpold-Bo-
sien (2000), S.43; ILO (2002) sowie Burckhardt (2003), S.20.
16

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Ab einem Alter von ca. 30 Jahren ist der Arbeiter für die Maquila-Arbeit zu alt und wird
entweder entlassen oder gar nicht erst eingestellt.
50
Durch ein häufig anzutreffendes Überangebot an Arbeitskräften und die Einfachheit der
Aufgaben bilden die Arbeiter ,,das letzte, beliebig austausch- und ausbeutbare Glied der
globalen Wertschöpfungskette" (SCHOLZ 2000, S.268). Eine über lange Zeit gesicherte
Arbeitsstelle ist somit für viele Beschäftigte ebenso wenig gegeben wie berufliche
Aufstiegschancen. Dabei ist zu beachten, dass eine Kündigung bei vielen der Frauen zu einem
die Existenz bedrohenden Einkommensrückgang und zu sozialem Abstieg führt.
51
Darüber hinaus würde, wie bereits geschildert, ein mögliches Abwandern von Unternehmen in
andere Länder im Gastland zu einer immensen Verstärkung der Arbeitslosigkeit führen.
52
Des Weiteren sind in den in den Freihandelszonen angesiedelten Maquilas Gewerkschaften
regelmäßig verboten bzw. werden mit allen Mitteln bekämpft. Kollektivverträge werden häufig
verweigert.
53
(Vgl. Tabelle 3).
50 Vgl.: Burckhardt (2003), S.21.
51 Vgl.: Pérez Sáinz (1999), S.122, 126, sowie Hartrott (2001), S.20.
52 Vgl.: MEC (2003), S.3.
53 Vgl.: Köpke (1998), S.75. Das Thema Gewerkschaftsangehörigkeit bzw. eingeschränkte Gewerkschaftsfreiheit
in vielen Maquilas ist ein häufig diskutierter Kritikpunkt. Abgesehen von der Tatsache, dass sich junge Frauen
generell weniger von Gewerkschaften angesprochen fühlen als ihre männlichen Kollegen, besteht eine generelle
Tendenz hin zu einer Unterdrückung von gewerkschaftlichen Organisationen in den Unternehmen der Frei-
handelszonen. Obwohl die nationalen Gesetze Gewerkschaften meistens erlauben, besteht in den Maquilas fak-
tisch Gewerkschaftsverbot. In einer Vielzahl von Fällen reagieren Unternehmer mit Entlassungen auf die (ver-
suchte) Bildung von Gewerkschaften. Grund für die Unterdrückung der Gewerkschaften ist ein erwarteter wirt-
schaftlicher Nutzen: Ist das Unternehmen nicht auf Kooperation angewiesen, so können ungehindert Über-
stunden erzwungen und Löhne nicht bzw. nicht ausreichend gezahlt werden. Die Abwesenheit von Gewerk-
schaften ermöglicht den Unternehmen einen hohen Grad an Flexibilität zu Lasten der Arbeiter (vgl. KÖPKE
1998, S.80). Eine Arbeiterorganisation, deren Bildung von einigen Unternehmern ermutigt wird, sind die so ge-
nannten Organizaciones Solidaristas (Solidaritätsgemeinschaften). Über sie versuchen die Unternehmer, die
Arbeiter an das Unternehmen zu binden (vgl. PÉREZ SÁINZ 1999, S.127).
Obwohl die Diskussion um die Gewerkschaftsfreiheit ein wesentlicher Aspekt der Maquilaproblematik ist, soll
in dieser Arbeit nicht weiter auf Gewerkschaften eingegangen werden. Eine Auseinandersetzung mit ihnen
würde für die vorliegende Arbeit zu keinem zentralen Erkenntnisgewinn führen.
17

1. Freihandelszonen ­ zwischen gesellschaftlicher Entwicklung und Neokolonialismus
______________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________
Tabelle 3:
In der Literatur vertretene Meinungen über die Auswirkungen von Freihandelszonen auf die Arbeiter
Positive Auswirkungen
Negative Auswirkungen
ARBEITSPLÄTZE
Umfangreicher Beschäftigungseffekt
ARBEITSPLÄTZE
1. Qualitativ schlechte Arbeitsplätze
·
Arbeitsgesetzgebung wird nicht immer beachtet
·
erzwungene Überstunden
·
regelmäßig Gesundheitsschäden durch
Arbeitsbedingungen
·
hoher Arbeitskräfteverschleiß
·
kein Kündigungsschutz
2. Sogar Aufkündigung von ILO-Konventionen im
Rahmen von EPZs
3. Verschärfung des Problems der Arbeitslosigkeit
falls Unternehmen abwandern
WEIBLICHE ARBEITSKRÄFTE
Beschäftigung vor allem von in der nationalen
Wirtschaft häufig benachteiligten
weiblichen
Arbeitskräften
·
durch eigenes Gehalt oft erstmals ökonomische
Selbstständigkeit
·
Gleichberechtigung wird gefördert
WEIBLICHE ARBEITSKRÄFTE
Diskriminierung der Frau
·
bzgl. Beschäftigung, Lohn, Unterstützung,
Schwangerschaft, Mutterschaftsurlaub,
Arbeitszeit und Kindererziehung
·
durch Schikane und sexuelle Belästigung in
einigen Maquilas
WEITERBILDUNGSEFFEKT
Weiterbildung und Qualifikation der Arbeiter
WEITERBILDUNGSEFFEKT
Primitive Arbeit ohne Aufstiegschancen
LÖHNE
Löhne meist höher als in alternativen Beschäftigungen
im Land
LÖHNE
1. Löhne entsprechen oft nicht dem Mindestlohn
2. Löhne sichern regelmäßig nicht den Grundbedarf
SOZIALVERSICHERUNG
Es besteht Sozialversicherungsgarantie
SOZIALVERSICHERUNG
Sozialversicherung wird vom Unternehmer oft nicht
gezahlt
SICHERHEIT
Arbeitsumgebung moderner und sicherer als in
anderen Bereichen der nationalen Ökonomie
SICHERHEIT
Hygiene und Sicherheitsvorkehrungen mangelhaft
GEWERKSCHAFTEN
Feindliche Einstellung gegenüber / Verbot von
Gewerkschaften
Tabelle: eigene Darstellung
Quelle: Kapitel 1.1.2.3 der vorliegenden Arbeit
18

1. Freihandelszonen ­ zwischen gesellschaftlicher Entwicklung und Neokolonialismus
______________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________
1.1.3
Organisation der Arbeit in den Maquilas
Die Arbeit in den Maquilas, vor allem in denen der Bekleidungsindustrie, ist überwiegend
tayloristisch organisiert (vgl. Kapitel 1.1.1).
54
Durch die weitreichende Aufgliederung des
Produktionsprozesses in einzelne, unterschiedliche Arbeitsschritte arbeiten die Beschäftigten in
der Regel wie am Fließband: Die einzelne Person übt während des ganzen Arbeitstages nur
einige wenige, sich ständig wiederholende Bewegungen aus (repetitive Arbeit
55
). In der
Bekleidungsindustrie kann dies bedeuten, dass ,,eine Textilarbeiterin immer wieder eine einzige
horizontale Naht für eine Aufnähtasche einer Jeanshose" (KÖPKE 1998, S.77) näht. Diesen
Arbeitsschritt wiederholt der einzelne Näher ,,einige hundert Mal am Tag" (DIRECCIÓN
GENERAL DE HIGIENE Y SEGURIDAD OCCUPACIONAL [p2002], o.S.).
Der Produktionsprozess
56
in der Maquila-Bekleidungsindustrie sieht im Allgemeinen so aus,
dass der Stoff zunächst zugeschnitten wird und dann die einzelnen Stoffteile in der Konfektion
zum Kleidungsstück zusammengenäht werden. Die Konfektion ist in Lateinamerika
beispielsweise in 'Líneas' (dt.: Linien) organisiert, d.h. das jeweilige Kleidungsstück wird von
einem Näher zum nächsten gegeben, damit dieser den nächsten Arbeitsschritt vollzieht. Durch
diese Organisation ist es den Unternehmern bei entsprechender Auftragslage möglich, das
Arbeitstempo zu beschleunigen. Ist das Kleidungsstück fertig, so wird es in einem weiteren
Schritt auf Fehler überprüft und es werden die Fadenreste sowie eventuelle Flecken entfernt.
57
Danach wird das Kleidungsstück gewaschen und getrocknet und in einem weiteren
Arbeitsschritt gebügelt. Schließlich wird es für die Verschickung verpackt.
58
(Vgl. Abbildung 1).
Abbildung 1: Arbeitsprozess in der Maquila
Abbildung: eigene Darstellung
Quelle: Dirección General de Higiene y Seguridad Ocupacional [p2002], o.S.
54 Vgl.: Altenburg et al. (1998), S.67.
55 Repetitive Arbeit wird von COX (1985, S.86) definiert als ,,work in which a discrete set of task activities are
repeated over and over again in the same order without planned interruptions by other activities or tasks. [...]
In many cases, the repetition in work is of a simple and unskilled set of actions."
56 Der Produktionsprozess kann je nach Bedarf abgewandelt werden, d.h. es wird beispielsweise nicht vor Ort
zugeschnitten oder gewaschen (eigene Beobachtung).
57 Vgl.: Anhang 1.
58 Vgl.: Köpke (1998), S.77-78, sowie Dirección General de Higiene y Seguridad Ocupacional [p2002], o.S.
19
Nähen
Kontrolle
Bügeln
Waschen
Verpacken
Zuschnitt

1. Freihandelszonen ­ zwischen gesellschaftlicher Entwicklung und Neokolonialismus
______________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________
Die Entlohnung erfolgt in der Regel nach einem Akkordsystem, bei welchem mindestens eine
bestimmte Menge pro Tag hergestellt werden muss. Wird diese Menge überschritten, wird meist
ein Aufschlag gezahlt, wird sie unterschritten, wird der Lohn gekürzt.
59
Der Arbeitsprozess wird ständig durch Überwachungspersonal kontrolliert. Um die Produktion
zu steigern und Disziplin herzustellen, wenden die Aufseher oft autoritäre Bestrafungen an,
nicht selten kommt es zu Gewalt gegenüber den Arbeitern. Diese Praktiken sind normalerweise
bekannt und akzeptiert, eine Strafverfolgung durch die nationalen Behörden findet in der Regel
nicht statt.
60
1.2
Freihandelszonen in Nicaragua
,,[...] die Investoren, die nach Nicaragua gekommen sind, sind gekommen, weil sie
glauben, dass Nicaragua irgendwie ein Land ist, in dem man Geschäfte machen kann."
(Z1: Interview mit Emilio NOGUERA
61
, 21.07.2004)
,,[...] die Arbeiter suchen gerade aus der Not heraus, eine Arbeit zu haben und
überleben zu können, eine Beschäftigung in den Unternehmen."
(Z2: Interview mit Emilio NOGUERA, 21.07.2004)
Zum Verständnis der Problematik der vorliegenden Arbeit soll zunächst mit Hilfe einiger sozio-
ökonomischer Daten ein Eindruck von der wirtschaftlichen Situation in Nicaragua vermittelt
werden. In der Folge sollen die bisherige Entwicklung, die heutige Situation und die mögliche
Weiterentwicklung der Freihandelszonen in Nicaragua sowie der rechtliche Rahmen, in dem sie
agieren, erläutert werden. Abschließend werden die wichtigsten Auswirkungen der Zonen
konkret auf Nicaragua, auf die Maquilas sowie auf die dort beschäftigten nicaraguanischen
Arbeiter dargestellt.
59 Vgl.: Köpke (1998), S.78.
60 Vgl.: Köpke (1998), S.78.
61 Emilio NOGUERA ist Justiziar der Corporación de Zonas Francas. Gleichzeitig arbeitet er für die Comisión
Nacional de Zonas Francas (CNZF). Die Corporación de Zonas Francas ist für die Verwaltung der Industrie-
parks verantwortlich, während die Comisión Nacional de Zonas Francas die Geschehnisse in den Zonen sowie
solche, die sie betreffen, lenkt und reguliert (vgl. persönliche Mail von Emilio NOGUERA vom 09.11.2004 so-
wie COMISIÓN NACIONAL DE ZONAS FRANCAS (2004)).
20

1. Freihandelszonen ­ zwischen gesellschaftlicher Entwicklung und Neokolonialismus
______________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________
1.2.1
Sozio-ökonomische Situation in Nicaragua
1.2.1.1 Bevölkerung
Nicaragua ist das zweitärmste Land Lateinamerikas. Die Republik hat ca. 5,5 Mio. Einwohner,
von denen zwei Drittel an der wirtschaftlich bedeutenden Pazifikküste leben. Die
nicaraguanische Gesellschaft ist sehr jung. Allein 30% der Bevölkerung sind jünger als 10 Jahre,
das durchschnittliche Alter liegt bei 17 Jahren. Obwohl die Kindersterblichkeit (vor dem fünften
Lebensjahr) 4,1% beträgt, liegt das Bevölkerungswachstum bei 2,6%. Mit 19 Jahren sind mehr
als 45% der Frauen schwanger oder haben bereits ein Kind. Die Lebenserwartung in Nicaragua
beträgt 68,7 Jahre.
62
45,1% der Bevölkerung lebten 2001 von weniger als einem US$ pro Tag. Während die reichsten
20% der Bevölkerung über 63,6% der Einkommen verfügen, liegt der Anteil der ärmsten 20%
bei 2,3% des Einkommens. Die ungleiche Einkommensverteilung hat zur Folge, dass 29% der
Bevölkerung unterernährt sind. Bezeichnend ist, dass der statistische Warenkorb
63
pro Monat ca.
2.466,70 Córdobas (C$)
64
(ca.157,38 US$) kostet, während die Mindestlöhne aller
Wirtschaftssektoren weit unter diesem Betrag liegen. Der Mindestlohn für den Freihandelssektor
lag im Mai 2004 beispielsweise bei 1.128,57 C$ (ca.72,00 US$).
65
Bezeichnend ist darüber
hinaus, dass die Inflationsrate seit Dezember 2001 kontinuierlich angestiegen ist. In den
Monaten Januar bis September 2004 lag sie bei knapp 8%. Während die durchschnittlichen
nationalen realen Löhne (Manufakturindustrie) von 1994 bis 2004 um 70,6% gestiegen sind, hat
sich der statistische Warenkorb, der stetig an die Preise angeglichen wird, zum Beispiel für die
Stadt Managua um 154,1% verteuert (vgl. Abbildung 2
66
).
67
62 Vgl.: Instituto Nacional de Estadísticas y Censos (INEC) (o.J.); Intemann et al. (1999), S.570; MEC (2002),
S.7; Auswärtiges Amt (2004) sowie Weltbank (2004).
63 Berechnung für die Hauptstadt Managua, Juli 2004. Der statistische Warenkorb berechnet sich aus 53 Produk-
ten (vgl. BANCO CENTRAL DE NICARAGUA 2004, S.20).
64 Die nicaraguanische Währung ist der Córdoba (C$).
65 Vgl.: United Nations Development Programme (UNDP) (2003), Angaben von 1998, 2000; Banco Central de
Nicaragua [p2003]; Ministerio del Trabajo (MITRAB) (2004) sowie Weltbank (2004). Wechselkurs im Mai
2004: 1 C$ entsprach 0.0638 US$ (vgl. YAHOO! FINANZEN 1994-2005).
66 Da Statistiken über Aspekte der Freihandelszonen im Allgemeinen gesondert und nicht von der Zentralbank
erhoben und verwaltet werden, waren für die in diesem Sektor geltenden Mindestlöhne keine verlässlichen
Angaben zu bekommen. Um jedoch eine Vorstellung von der Entwicklung der Mindestlöhne im Verhältnis zum
statistischen Warenkorb zu geben, wurden hier die Mindestlöhne des Manufaktursektors herangezogen, die
vermutlich ähnlich hoch sind wie die der EPZs und einer vergleichbaren Entwicklung unterliegen.
67 Vgl.: Banco Central de Nicaragua [p2003].
21

1. Freihandelszonen ­ zwischen gesellschaftlicher Entwicklung und Neokolonialismus
______________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________
Durch die große Armut vor allem in den ländlichen
Regionen kommt es zu Landflucht, was dazu führt, dass
in den urbanen Zentren die (illegalen) Elendsviertel
wachsen. Die ohnehin dürftige städtische Infrastruktur
ist bei weitem nicht mehr ausreichend.
68
Landesweit werden knapp 31% der Haushalte von
Frauen geführt, d.h. sie entscheiden über die Verteilung
und Verwendung der zur Verfügung stehenden
finanziellen Ressourcen. In Managua stehen 40,5% aller
Haushalte unter weiblicher Führung.
69
1.2.1.2 Wirtschaft
Das nicaraguanische BIP lag 2003 bei ca. 62.456,3 Mio.
C$ (ca. 4.159,6 Mio US$).
70
Das BIP pro Kopf betrug
754,2 US$. Die internationale Staatsverschuldung entsprach mit 6.595,8 Mio. US$ im gleichen
Jahr dem 1,5-fachen des BIP.
71
Mit einem Anteil von 23% am BIP stellt die Industrie trotz des Maquila-Sektors den bisher
unwichtigsten Sektor der nicaraguanischen Wirtschaft dar (Landwirtschaft: 32%,
Dienstleistungssektor: 45%).
72
Die nicaraguanische Handelsbilanz ist traditionell negativ. Während die Exporte (ohne Frei-
handelszone) von 1994 bis 2003 um das 1,8-fache stiegen, legten die Importe um das 2,2-fache
zu. Im Jahr 2003 lagen die Ausfuhren ohne Freihandelszone bei 604,5 Mio. US$, die Importe
bei knapp dem dreifachen Wert von 1.720,3 Mio. US$. Betrachtet man die Exporte der
Freihandelszonen, so haben sich deren Werte im gleichen Zeitraum von 37,3 Mio US$ (1994)
auf 433,7 Mio.$ (2003) verelffacht. Die Importe der EPZ entwickeln sich parallel zu den
Exporten.
73
(Vgl. Abbildung 3).
68 Vgl.: Coordinadora Civil para la Emergencia y Reconstrucción (1999).
69 Vgl.: INEC, Ministerio de Salud (MINSA) (2002), S.17-18.
70 Vgl.: Banco Central de Nicaragua [p2003]. Für die Umrechnung wurde der durchschnittliche Wechselkurs von
2003 verwendet: 1 C$ entsprach demnach 0,0666 US$ (vgl. YAHOO! FINANZEN).
71 Vgl.: Banco Central de Nicaragua [p2003].
72 Vgl.: Fischer Weltalmanach (2003), Spalte 607 (Daten von 2000).
73 Vgl.: Banco Central de Nicaragua [p2003].
22
Abbildung 2:
Entwicklung des durchschnittlichen na-
tionalen Einkommens (Manufaktur-
industrie) im Vergleich zur Entwicklung
des statistischen Warenkorbes für
Managua
Abbildung: eigene Darstellung
Quelle: Banco Central de Nicaragua [p2003]
19
94
19
95
19
96
19
97
19
98
19
99
20
00
20
01
20
02
20
03
20
04
0
250
500
750
1000
1250
1500
1750
2000
2250
2500
durchschnittl.
Mindestein-
kommen
statistischer
Warenkorb
Managua

1. Freihandelszonen ­ zwischen gesellschaftlicher Entwicklung und Neokolonialismus
______________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________
Es wird deutlich, dass vor allem die Importe an Bedeutung gewonnen haben und sich die
Handelsbilanz somit seit 1994 stark verschlechtert hat. Gleichzeitig ist erkennbar, dass der
Freihandelssektor auf Import- und Exportseite gleichmäßig wächst. Da die Bilanz der
Freihandelszonen positiv ist,
ist eine leichte Verbesserung
der Handelsbilanz auf Grund
des Maquila-Sektors zu
erkennen. (Vgl. Abbildung
4).
Die wichtigsten Handels-
partner (ohne EPZ) von
Nicaragua sind die zentral-
amerikanischen Staaten
74
mit
36% sowie die USA mit
33,4% aller Exporte. Die Importe kommen zu 24,7% aus den USA und zu 22,8% aus
Zentralamerika.
75
74 Gemeint sind Costa Rica, El Salvador, Guatemala und Honduras.
75 Vgl.: Banco Central de Nicaragua [p2003].
23
Abbildung 3: Entwicklung des nicaraguanischen Außenhandels
in Mio US$
Abbildung: eigene Darstellung *Die Abweichung zwischen 'Bilanz ohne EPZ' und 'Bilanz nur EPZ'
Quelle: Banco Central de Nicaragua [p2003] einerseits und 'Bilanz insgesamt' andererseits ist auf einen weiteren
Posten (in Häfen erworbene Güter) in der Bilanz zurück zu führen.
Export
ohne EPZ
Import
ohne EPZ
Export
nur EPZ
Import
nur EPZ
Bilanz
ohne EPZ
Bilanz
nur EPZ
Bilanz
insge-
samt*
-1250
-1000
-750
-500
-250
0
250
500
750
1000
1250
1500
1750
1994
1999
2003
Abbildung 4: Nicaraguanische Handelsbilanz 2003
in Mio US$
Die Abweichung zwischen 'Bilanz ohne Abbildung: eigene Darstellung
Freihandelszone' und 'Freihandelszone' Quelle: Banco Central de Nicaragua [p2003]
einerseits und 'Bilanz mit Freihandelszone' andererseits
ist auf einen weiteren Posten (in Häfen erworbene Güter) in der Bilanz zurück zu führen.
Handelsbilanz
ohne Frei-
handelszone
Freihandelszone
Handelsbilanz mit
Freihandelszone
-1500
-1000
-500
0
500
1000
1500
2000
2500
1720,3
300,9
2021,2
604,5
433,7
1049,1
-1115,8
132,8
-972,1
Importe
Exporte
Bilanz

1. Freihandelszonen ­ zwischen gesellschaftlicher Entwicklung und Neokolonialismus
______________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________
Die durchschnittliche Inflationsrate der Monate Januar bis September 2004 lag bei knapp 8%.
Seit Dezember 2001 ist die Inflationsrate kontinuierlich angestiegen.
76
1.2.1.3 Beschäftigungssituation
36,5% der Bevölkerung (2001) gehören zur wirtschaftlich aktiven Bevölkerung
77
. Nach Angaben
des INSTITUTO NACIONAL DE ESTADÍSTICAS Y CENSOS (INEC 2002, S.12)
78
sind hiervon
89,5% beschäftigt. Anzumerken ist, dass in Nicaragua derjenige beschäftigt ist, ,,der einer
wirtschaftlichen Tätigkeit nachgeht ­ auch wenn es nur für eine Stunde ist ­ und dafür ein
monetäres oder sachliches Einkommen erzielt" (INEC 2001, o.S.). Nur knapp die Hälfte
(48,3%) der wirtschaftlich aktiven
Bevölkerung ist voll beschäftigt, d.h. sie
arbeitet mindestens 40 Stunden in der
Woche und bekommt hierfür einen Lohn,
der wenigstens dem offiziellen Mindestlohn
entspricht. 10,5% der Bevölkerung befanden
sich 2001 in der 'offenen Arbeitslosigkeit'
79
,
12,4% waren unterbeschäftigt
80
. Für die
verbleibenden 28,8% der wirtschaftlich
aktiven Bevölkerung werden keine Angaben gemacht. Eventuell fallen sie in den Bereich der
'verdeckten Arbeitslosigkeit'
81
, die alle diejenigen erfasst, die nicht aktiv eine Beschäftigung
suchen. (Vgl. Abbildung 5).
82
Andere Quellen nennen für Nicaragua eine Arbeitslosigkeit und Unterbeschäftigung von ca. 50-
60%.
83
Generell liegt die urbane Arbeitslosigkeit leicht über der nationalen Arbeitslosigkeit.
84
Angesichts der problematischen Arbeitsmarktsituation suchen viele Nicaraguaner Zuflucht im
informellen Sektor. Bedeutend ist der Anteil an Frauen und Kindern, die so ihren
76 Vgl.: Banco Central de Nicaragua [p2003].
77 Vgl.: Die wirtschaftlich aktive Bevölkerung ist der Teil der Bevölkerung im arbeitsfähigen Alter, der entweder
arbeitet oder Arbeit sucht (vgl. INEC 2001, o.S.).
78 Dt: Nationales Statistik- und Volkszählungsinstitut.
79 Vgl.: Die offene Arbeitslosigkeit (desempleo abierto) umfasst alle diejenigen Arbeitsfähigen, die in der Woche
vor der Umfrage keine Arbeit hatten, jedoch aktiv gesucht haben (vgl. INEC 2001, o.S.).
80 Unterbeschäftigt sind alle, die nicht 40 Stunden pro Woche arbeiten und/oder nicht den offiziellen Mindestlohn
erhalten, obwohl ihre Produktivität den minimalen Vorgaben entspricht (vgl. INEC 2001, o.S.).
81 Hierunter fallen vor allem diejenigen, die entweder keine Initiative ergreifen, eine Arbeit zu finden, oder auf
bessere Perspektiven warten (vgl. INEC 2001, o.S.).
82 Vgl.: INEC (2001), o.S, sowie INEC (2002), S.12. Leider sind keine neueren Zahlen vorhanden, die die
Wirkung der ständig wachsenden Freihandelszonen widerspiegeln könnten.
83 Vgl.: Grupo Ese (2000); Nicaragua-Forum (2001)sowie Witness for Peace (o.J.).
84 Vgl.: INEC (o.J.).
24
Abbildung 5:
Allgemeine Beschäftigungssituation 2001
Abbildung: eigene Darstellung
Quelle: INEC (2002)
voll beschäftigt 48,30%
'offene Arbeitslosigkeit' 10,50%
unterbeschäftigt 12,40%
ohne Angaben 28,80%

1. Freihandelszonen ­ zwischen gesellschaftlicher Entwicklung und Neokolonialismus
______________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________
Lebensunterhalt verdienen.
85
In urbanen Gebieten lag 2002 der Anteil der Beschäftigten im
informellen Sektor bei 57,5%.
86
1.2.2
Heutiger Entwicklungsstand und erwartete Entwicklung der nicaraguanischen
Freihandelszonen
Um die Situation der Unternehmer und der Arbeiterinnen in den Freihandelszonen verstehen zu
können, soll im Folgenden ein Überblick über die rechtlichen Rahmenbedingungen und die
aktuelle Lage der Freihandelszonen in Nicaragua gegeben werden. Im Anschluss soll mit einem
kurzen Ausblick verdeutlicht werden, welche Wichtigkeit man dem Maquila-Sektor zuspricht.
1.2.2.1 Rechtlicher
Rahmen
Das 1991
87
speziell für die Freihandelzonen erlassene Gesetz der exportorientierten
Industriefreihandelszonen, Verordnung Nr. 46-91 versteht unter Freihandelszone "jede Fläche
des nationalen Staatsgebiets auf dem keine Bevölkerung wohnt und die, überwacht von der
Zollbehörde, speziellen Zollkontrollen unterliegt und als solche [Freihandelszone] von der
Exekutive deklariert wurde." (LEY DE ZONAS FRANCAS INDUSTRIALES DE
EXPORTACIÓN [1991], Art.1). Ziel ist es, in den staatlich sowie privat geführten
Freihandelszonen in- und ausländische Unternehmen anzusiedeln, die sich der Produktion von
Gütern und Dienstleistungen für den Export widmen und dadurch Arbeitsplätze schaffen. Des
Weiteren soll durch die Zonen der Außenhandel belebt und gestärkt, der Export von nicht
traditionellen Produkten gefördert sowie neue Technologie erworben werden. Da die Zonen aus
steuerlicher Sicht als außerhalb der Staatsgrenzen liegend betrachtet werden, muss das Gebiet
vor Aufnahme des Betriebs vollständig abgesperrt sein, damit der Zugang nur noch durch
autorisierte und von der Obersten Zollbehörde kontrollierte Eingänge
88
stattfindet.
89
Als Anreiz garantiert der nicaraguanische Staat den Unternehmen weitreichende steuerliche
Vorteile. Diese sind im bereits erwähnten Gesetz der exportorientierten
85 Vgl.: Coordinadora Civil para la Emergencia y Reconstrucción (1999).
86 Vgl.: INEC (o.J.)
87 Nach der sandinistischen Revolution und dem Sturz des Diktators Somoza 1979 stellten die elf seit 1976 ope-
rierenden US-Unternehmen in der einzigen Freihandelszone Las Mercedes ihre Tätigkeit für die Dauer der Re-
gierungszeit der Sandinisten weitestgehend ein. Erst seit dem Sieg der Oppositionspartei Unión Nacional Opo-
sitora (1990) und unter der neuen Präsidentin Violeta Barrios de Chamorro wurden die Freihandelszone im
Rahmen der Öffnung und Liberalisierung des Marktes wiederbelebt und erweitert. Wesentlich für die Frei-
handelszonen ist das am 13.11.1991 von Chamorro erlassene Gesetz der exportorientierten Industriefreihandels-
zonen, Verordnung Nr. 46-91, das bis heute Gültigkeit besitzt (vgl. DIETRICH 1988, S.178, sowie RENZI
1996, S.35, 36).
88 Siehe Anhang 2.
89 Vgl.: United Nations Centre on Transnational Corporations (1990), S.2, sowie Ley de Zonas Francas Indus-
triales de Exportación [1991], Art.2, 3, 5.
25

1. Freihandelszonen ­ zwischen gesellschaftlicher Entwicklung und Neokolonialismus
______________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________
Industriefreihandelszonen, Verordnung Nr 46-91 (LEY DE ZONAS FRANCAS INDUSTRIALES
DE EXPORTACIÓN, Decreto No. 46-91 [1991]), Artikel 20, festgehalten (vgl. Abbildung 6).
Abbildung 6: Staatlich garantierte Anreize für die Unternehmen der Freihandelszonen
1. In den ersten zehn Jahren werden 100% der Kapitalertragssteuern auf Gewinne, die in der Freihandelszone
erwirtschaftet wurden, erlassen. Ab dem elften Jahr sind dies 60%.
2. Erlass aller Steuern auf den Verkauf von Immobilien sowie auf den hierbei erwirtschafteten Kapitalgewinn,
solange die Immobilie bei Schließung des Unternehmens weiterhin gemäß den Regelungen der
Freihandelszonen genutzt wird.
3. Erlass der Steuern bei Gründung und Fusion sowie Änderung der Gesellschaftsform und der
Partnerschaftsverhältnisse. Ebenso Befreiung von Steuern auf Briefmarken.
4. Befreiung von allen Steuern, Zollabgaben und Verbrauchsteuern, die in Verbindung mit folgenden Importen entstehen:
Rohstoffe, Materialien, Geräte, Maschinen, Muster, Ersatzteile, Vorlagen, Formen und Zubehör, die dem Unternehmen
ermöglichen, in der Zone zu wirtschaften. Ebenso besteht die Befreiung von Steuern auf die Einrichtung und den
Betrieb von Firmenkantinen, Gesundheitsversorgung, medizinische Hilfe, Kinderbetreuung, Freizeitaktivitäten und
sonstigen Gütern, die den Bedürfnissen des Personals der Freihandelszone gerecht werden.
5. Erlass aller Zölle auf Transportmittel für Lasten, Personen sowie sonstige Dienstfahrzeuge für den regulären Gebrauch
im Unternehmen.
6. Erlass aller indirekten Steuern.
7. Erlass aller Gemeindesteuern.
8. Erlass aller Exportsteuern auf Produkte, die in der Zone erstellt wurden.
Abbildung: eigene Darstellung
Quelle: Ley de Zonas Francas Industriales de Exportación, Decreto No. 46-91 [1991], Art.20
Im Übrigen unterliegen alle Freihandelszonen und die in diesen tätigen Firmen den Gesetzen der
Republik Nicaragua.
90
1.2.2.2 Aktuelle sozio-ökonomische Situation der nicaraguanischen Freihandelszonen
,,Die Freihandelszonen sind in Nicaragua der dynamischste Sektor der nationalen
Wirtschaft. Sie spielen eine Hauptrolle im Prozess der industriellen Reaktivierung,
welches es ihr [der Wirtschaft] ermöglicht hat, sich in den Welthandel
einzubringen. In den letzten fünf Jahren waren die Unternehmen dieses Sektors, die
sich zu Schöpfern von Arbeit, Exporten, Devisen und zu Käufern lokaler
Dienstleistungen verwandelten, wichtige Entwicklungspole in den jeweiligen
Gemeinden."
(COMISIÓN NACIONAL DE ZONAS FRANCAS o.J.a, S.4)
Die Freihandelszonen sind der dynamischste Sektor der nicaraguanischen Wirtschaft. Heute sind
bereits 78 Unternehmen in 13 Freihandelszonen im ganzen Land tätig. Der Großteil der
Unternehmen kam 2004 aus den USA (21), Korea (18) und Taiwan (17)
91
. Acht Unternehmen
90 Vgl.: Ley de Zonas Francas Industriales de Exportación [1991], Art.20
91 ,,In den letzten Jahren erfolgte die Verlagerung von Produktionsstätten nicht mehr allein aus den klassischen In-
dustrieländern, sondern auch aus Taiwan und Südkorea, die erst vor wenigen Jahren zu wichtigen Produktions-
und Exportländern geworden waren, mittlerweile aber ebenfalls zu hohe Lohnniveaus aufweisen." (ALTEN-
BURG ET AL. 1998, S.49).
26

1. Freihandelszonen ­ zwischen gesellschaftlicher Entwicklung und Neokolonialismus
______________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________
waren nicaraguanischen Ursprungs (vgl. Tabelle 4). Beim Großteil der Maquilas handelt es sich
um ausgelagerte Fertigungsbereiche der US-Bekleidungsindustrie.
92
Tabelle 4:
Herkunftsländer der Unternehmen der Freihandelszonen
Herkunftsland
Anzahl
USA
21
Korea
18
Taiwan
17
Nicaragua
8
Mexico
4
Hong Kong
2
Italien
2
Guatemala
1
Holland
1
Honduras
1
Belize
1
Gesamt
76
Tabelle: eigene Darstellung
Quelle: Comisión Nacional de Zonas Francas (2004)
Der große Anteil asiatischer Unternehmen ist darauf zurück zu führen, dass Produkte aus
Taiwan und Korea bisher sehr hohen Einfuhrbeschränkungen in den USA unterlagen
93
und
durch die Produktion in Nicaragua der
Sprung auf den US-Markt ermöglicht
wurde.
94
Beliefert wird fast ausschließlich
der US-Markt (u.a. Wal-Mart, K-Mart,
Sears, Ralph Lauren Polo, J.C. Penney
etc.).
95
Die nicaraguanische
Maquila-Industrie
gehört zu den technologisch geringwertigs-
ten ihres Sektors: 45 Unternehmen (59%)
sind im Bereich der Kleidungsproduktion
92 Vgl.: Köpke (1998), S.9; Deutsch-Nicaraguanische Industrie- und Handelskammer (2003), S.4, sowie Comisión
Nacional de Zonas Francas (CNZF) (2004).
93 Am 01. Januar 2005 wurden die im Rahmen von GATT und WTO bestehenden Mengenbeschränkungen auch
für die asiatischen Länder abgeschafft (vgl. RENZI 1996, S.39; STADTLER 2004 sowie BARBOZA 2005,
S.1).
94 Vgl.: Altenburg, Walker (1995), S.103; Köpke (1998), S.26, sowie ILO (2002).
95 Vgl.: CNZF (o.J.b): Auflistung der in den nicaraguanischen Freihandelszonen produzierten Marken, erhalten in
persönlicher Mail von Emilio NOGUERA vom 29.11.2004.
27
Abbildung 7: Aufteilung der Maquilas nach
Wirtschaftszweigen (2004)
Zahlen in Klammern: Anzahl der Unternehmen
Abbildung: eigene Darstellung
Quelle: Comisión Nacional de Zonas Francas (2004)
59,21%
11,84%
3,95%
3,95%
2,63%
2,63%
2,63%
13,16%
Bekleidung (45)
Tabak (9)
Kartonkisten (3)
Autoteile (3)
Textilien (2)
Haushaltsgeräte
(2)
Stickerei (2)
Sonstige (10)

1. Freihandelszonen ­ zwischen gesellschaftlicher Entwicklung und Neokolonialismus
______________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________
tätig. Des Weiteren wird vor allem Tabak (in neun Unternehmen) hergestellt.
96
(Vgl. Abbildung
7).
Angesiedelt sind die meisten Unternehmen in den urbanen Gegenden, wobei über 60% der
Unternehmen und 80% der Arbeitsplätze im Großraum Managua / Masaya liegen.
97
Insgesamt arbeiten 61.090 Menschen in den Zonen,
wobei gut die Hälfte in der staatlichen
Freihandelszone 'Las Mercedes' beschäftigt ist.
Obwohl nur knapp 60% der Unternehmen Bekleidung
produzieren, absorbiert dieser Zweig 75% der
Arbeiter.
98
(Vgl. Abbildung 8).
Angesichts der geschaffenen Arbeitsplätze sind die
taiwanesischen Unternehmen von besonderer
Bedeutung. Obwohl 2003 im Gegensatz zu den USA
oder Korea weniger Unternehmen aus Taiwan kamen (vgl. Tabelle 4), beschäftigten die
taiwanesischen Unternehmen mit 27.897 Personen knapp drei Mal so viele Arbeiter wie die US-
Unternehmen (9.792 Personen).
99
85% der Arbeiter in den Maquilas sind Frauen,
100
von denen
ca. 72,6% Kinder haben.
101
41,8,% der Frauen, die Kinder haben, sind alleinstehende Mütter.
102
Die Unternehmen in den nicaraguanischen Freihandelszonen haben in der Regel mit einer sehr
hohen Fluktuation zu kämpfen. Laut nicaraguanischem Arbeitsministerium liegt sie wöchentlich
bei bis zu 10% des Personals.
103
Im Vergleich zu den restlichen zentralamerikanischen Staaten ist die Arbeitskraft in Nicaragua
mit ­ je nach Berechnung ­ 0,85 US$ bzw. 0,40 US$ pro Stunde deutlich billiger.
104
Der
offizielle Mindestlohn liegt in den Zonen im Mai 2004 bei C$ 4,64 (ca. 0,30 US$) pro Stunde
96 Vgl.: CNZF (2004).
97 Vgl.: CNZF (2004).
98 Vgl.: CNZF (2004).
99 Vgl.: CNZF (2004).
100 Vgl.: Ramos López, Pérez Dias, Legall (2003-2004), S.4. Die Daten stammen aus einer Studie des MEC, bei
der im Jahr 2003/04 2.180 Arbeiter aus 17 Maquilas befragt wurden.
101 Vgl.: MEC (2002), S.18. Die Daten stammen aus einer Studie des MEC bei der 4.770 Arbeiter aus 17 Maquilas
befragt wurden.
102 Vgl.: MEC (2002), S.19. In der Folgestudie, dem Diagnóstico 2002-2003, geben jeweils ein Drittel der Frauen
an, allein erziehend zu sein, nicht allein erziehend zu sein oder einen Lebenspartner zu haben (vgl. MEC 2003,
S.15).
103 Vgl.: MITRAB (2003), S.16.
104 Reinventando Nicaragua (2003), S.9, sowie MITRAB (2003) zitiert in Deutsch-Nicaraguanische Industrie- und
Handelskammer (2003), S.10. Die Angaben variieren je nach Quelle. Grund ist vermutlich, welche Zuschläge in
die Berechnung einbezogen wurden (evt. Produktionszuschlag, Überstunden, etc.). Genauere Angaben zur Be-
rechnung sind nicht bekannt. Jedoch wird aus beiden Statistiken klar, dass das Lohnniveau weit unter dem der
übrigen zentralamerikanischen Staaten liegt.
28
Abbildung 8: Beschäftigung in den nica-
raguanischen EPZs nach Branchen (2004)
Abbildung: eigene Darstellung
Quelle: Comisión Nacional de Zonas Francas (2004)
75,00%
5,00%
0,80%
19,20%
Bekleidung
Tabak
Textil
Sonstige

1. Freihandelszonen ­ zwischen gesellschaftlicher Entwicklung und Neokolonialismus
______________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________
oder C$ 1.128,57 (ca.72,00 US$) pro Monat.
105,
Auf Grund der hohen Arbeitslosigkeit sind
Arbeitskräfte in ausreichender Menge vorhanden.
Für Investoren gilt Nicaragua derzeit als ein Land mit relativ hoher sozialer und politischer
Stabilität.
106
Darüber hinaus ist die Unterstützung der Investitionen durch die nicaraguanische
Regierung garantiert.
107
Über diese innenpolitischen Aspekte hinaus wird die räumliche Lage
Nicaraguas als wirtschaftlicher Vorteil angesehen, viele Unternehmen siedeln sich auf Grund der
geographischen Nähe zum US-Markt in Nicaragua an. Dieser Vorteil könnte besondere
Bedeutung erlangen, da zum 01. Januar 2005 die seit 1961 im Rahmen des GATT und der WTO
bestehende Mengenbeschränkungen für den Export von Textilien und Bekleidung aus
Entwicklungsländern in Industrieländer (kurz: Quoten) abgeschafft wurden und vor allem
Produzenten aus asiatischen Ländern mit billigen Produkten auf den US-Markt drängen
werden.
108
Im Gegensatz zu anderen (auch zentralamerikanischen Ländern) hatte Nicaragua
bisher den Vorteil, dass der Export von Textilien und Kleidung in die USA keinen
Mengenbeschränkungen unterlag.
109
1.2.2.3 Ausblick
Seit 1990 werben die nicaraguanischen Regierungen massiv für den Ausbau vorhandener und
den Bau neuer Freihandelszonen. Schon in den letzten Jahren ist die Anzahl der in den Zonen
angesiedelten Unternehmen rapide gestiegen: 1998 waren es 21 Unternehmen, 2004 schon 76.
Man rechnet damit, dass sich die Anzahl der Unternehmen bis zum Jahr 2010 nochmals mehr als
verdoppelt (vgl. Abbildung 9). Ziel ist es dabei, den nationalen Anteil an den Unternehmen zu
steigern.
110
105 Vgl.: MITRAB (2004). Im April 2004 kostete der statistische Warenkorb für Managua C$ 2.400,49 pro Monat
(vgl. BANCO CENTRAL DE NICARAGUA 2004, S.20). Wechselkurs im Mai 2004: 1 C$ entsprach 0,0638
US$ (vgl. YAHOO! FINANZEN 1994-2005).
106 Solche Aussagen müssen in Zusammenhang mit den sozialen und politischen Lagen der übrigen zentralame-
rikanischen Länder gesehen werden.
107 Vgl.: Deutsch-Nicaraguanische Industrie- und Handelskammer (2003), S.5.
108 Vgl.: Renzi (1996), S.39, sowie Südwind-Institut (2003). Der Text des Agreement on Textile and Clothing der
WTO kann unter http://www.wto.org/english/docs_e/legal_e/16-tex.pdf abgerufen werden.
China hält heute schon einen Anteil von 16% an den Bekleidungsimporten in die USA. Schätzungen gehen da-
von aus, dass sich dieser Anteil nach der Aufhebung der Quoten auf 50-70% erhöhen könnte. Fred Abernathy
vom Center for Textiles and Apparel Research in Harvard ist jedoch der Meinung, dass Händler aus den USA
weiterhin einen großen Teil ihrer Waren aus Lateinamerika und der Karibik beziehen werden (vgl. BARBOZA
2004, S.4).
109 Vgl.: CNZF (2004). Andere zentralamerikanische Länder unterliegen zumindest bei bestimmten Maquila-Pro-
dukten Beschränkungen (vgl. MEC 2002, S.10).
110 Vgl.: CNZF (2004).
29

1. Freihandelszonen ­ zwischen gesellschaftlicher Entwicklung und Neokolonialismus
______________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________
Zusätzlich zu den im März 2004
wirtschaftlich aktiven 13 Zonen mit einer
Produktionsfläche von 511.352m² befinden
sich weitere 13 Zonen mit einer Fläche von
211.289m² im Bau. Weitere Zonen sollen
geplant
werden,
sodass
die
Produktionsfläche bis zum Jahr 2010 auf
1.300.000m² steigen soll. Ziel ist es, das
aktuelle Exportvolumen bis zum gleichen
Jahr von 433.000 US$ (Stand: 2003) auf
1.100.000 US$ zu erhöhen.
111
Ein weiterer, besonders für die Zukunft
nicht zu unterschätzender Aspekt ist die Tatsache, dass Nicaragua laut der WTO nach 2010 das
einzige Land der Region sein wird, das weiterhin die steuerlichen Vorteile für die Ansiedlung
von Unternehmen in den Freihandelszonen bieten darf.
112
Von großer Bedeutung für das nicaraguanische Volk sind bei dieser Planung die Arbeitsplätze,
die geschaffen werden sollen. Schon in den letzten Jahren stieg mit der Anzahl der Unternehmen
die Anzahl der Arbeiter stetig an (vgl. Abbildung 10).
113
Ziel all dieser Aktivitäten ist es, den Freihandelssektor als Motor der wirtschaftlichen
Entwicklung des Landes weitreichend zu etablieren.
114
111 Vgl.: CNZF (2004).
112 Vgl.: CNZF (2004).
113 Vgl.: CNZF (2004).
114 Vgl.: Reinventando Nicaragua (2003), S.3.
30
Abbildung 10: Entwicklung der Arbeitsplätze in den Freihandelszonen
Abbildung: eigene Darstellung *geschätzte Daten
Quelle: Comisión Nacional de Zonas Francas (2004)
1992 1993 1994 1995 1996 1997 1998 1999 2000 2001 2002 2003 März
2004
2010
*
0
25000
50000
75000
100000
125000
150000
Arbeitnehmer
Abbildung 9: Anzahl der in den Freihandelszonen
tätigen Unternehmen (1998-2010)
Abbildung: eigene Darstellung * geschätzte Daten
Quelle: Comisión Nacional de Zonas Francas (2004)
1998 1999 2000 2001 2002 2003 März
2004
2010
*
0
25
50
75
100
125
150
175
Anzahl der Un-
ternehmen

1. Freihandelszonen ­ zwischen gesellschaftlicher Entwicklung und Neokolonialismus
______________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________
1.2.3
Auswirkungen der nicaraguanischen Freihandelszonen
Die Meinungen über die Auswirkungen der nicaraguanischen Freihandelszonen auf die nationale
Ökonomie und Gesellschaft sind gespalten. Obwohl bzw. gerade weil der Bau von Zonen eine
unglaubliche Dynamik erfährt, wird das Thema vermehrt diskutiert.
In der Folge soll auf die Auswirkungen von Freihandelszonen auf das Land Nicaragua, auf die
hier angesiedelten Unternehmen und auf die Beschäftigten der Maquilas eingegangen werden.
Das Thema 'Arbeitsbedingungen in den Freihandelszonen' soll auf Grund seiner Wichtigkeit für
diese Arbeit in einem gesonderten Kapitel behandelt werden.
115
1.2.3.1 Auf das Land
Positive Auswirkungen
Die wichtigste Auswirkung, die die Freihandelszonen auf das Land haben, ist ihr
Beschäftigungseffekt.
116
Wie bereits erwähnt verdreifachten sich die Maquila-Arbeitsplätze in
Nicaragua in den Jahren 1997 bis März 2004 um knapp 40.000 auf 61.090.
117
Nach Aussage der COMISIÓN NACIONAL DE ZONAS FRANCAS (CNZF) (2004)
118
ist über die
direkte Beschäftigung hinaus die Schaffung von indirekten Arbeitsplätzen ein wesentlicher
Verdienst der Freihandelszonen. Auf jeden direkt geschaffenen Arbeitsplatz kommen ca. drei
indirekte. Da hierüber hinaus die Comisión Nacional de Zonas Francas davon ausgeht, dass jede
so beschäftigte Person im Durchschnitt eine fünfköpfige Familie versorgt, kommt sie auf
1.211.280 Personen, die im März 2004 von den Freihandelszonen profitierten.
119
Angesichts der
angestrebten Entwicklung dieses Sektors ist zu erwarten, dass die Freihandelszonen vor allem in
den urbanen Gebieten die Arbeitslosigkeit stark senken werden.
Da, wie bereits erwähnt, die Aktivitäten der Zonen die Handelsbilanz verbessern und zu
erwarten ist, dass sich der Anteil der Exporte aus den Zonen an den Gesamtexporten vergrößern
wird, hat eine Expansion der Freihandelszonen für die nicaraguanische Wirtschaft höchste
Priorität. Schon der ehemalige Präsident Arnoldo Alemán
120
verfolgte ,,die Möglichkeit,
115 Vgl.: Kapitel 3.2 ff.
116 Vgl.: MEC (2002), S.7.
117 Vgl.: CNZF (2004).
118 Die Comisión Nacional de Zonas Francas (CNZF) ist das nationale Leit- bzw. Regulierungsorgan der Frei-
handelszonen. Sie entscheidet u.a. über die Zweckmäßigkeit neuer Zonen sowie die Reaktivierung alter und gibt
Empfehlungen an die nicaraguanische Regierung weiter. Die CNZF entscheidet über Verpflichtungen der sowie
Sanktionen gegen die Maquilas und nimmt an internationalen Verhandlungen teil, die die Zonen betreffen (vgl.
LEY DE ZONAS FRANCAS INDUSTRIALES DE EXPORTACIÓN [1991], Art.21-22).
119 Vgl.: CNZF (2004).
120 Arnoldo Alemán war nicaraguanischer Präsident von 1997-2001 (vgl. FISCHER WELTALMANACH 2003,
Spalte 608).
31
Ende der Leseprobe aus 209 Seiten

Details

Titel
Freihandelszonen in Nicaragua: Humane Arbeitsbedingungen oder Profit? Ist ein Ausgleich zwischen den Interessen der Arbeitgeber und Arbeiterinnen in den nicaraguanischen Maquilas möglich?
Hochschule
Universität Passau
Note
1
Autor
Jahr
2005
Seiten
209
Katalognummer
V186192
ISBN (eBook)
9783869438603
ISBN (Buch)
9783867469197
Dateigröße
2220 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
freihandelszonen, nicaragua, humane, arbeitsbedingungen, profit, ausgleich, interessen, arbeitgeber, arbeiterinnen, maquilas
Arbeit zitieren
Diplomkulturwirtin Tina Schmidt (Autor), 2005, Freihandelszonen in Nicaragua: Humane Arbeitsbedingungen oder Profit? Ist ein Ausgleich zwischen den Interessen der Arbeitgeber und Arbeiterinnen in den nicaraguanischen Maquilas möglich?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/186192

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