Die Entstehung des preußischen Regulativs über die Beschäftigung jugendlicher Arbeiter in Fabriken v. 9. März 1839


Hausarbeit, 2003
28 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhalt

1. Vorwort

2. Die Kindheit

3. Die Kinderarbeit
3.1 Die Kinderarbeit in den Waisenhäusern
3.2 Die Kinderarbeit im Heimgewerbe
3.3 Industrieschulpädagogik
3.4 Kinderarbeit als soziales Problem
3.5 Die Schulfrage

4. Die Entwicklung der Kinderschutzgesetzgebung

5. Ausweitung der Gesetzgebung

6. Kinderarbeit heute
6.1 Kinderarbeit heute
6.2 Erkenntnisse zur Kinderarbeit in Deutschland
6.3 Haltung von Eltern und Kindern zur Kinderarbeit

7. Nachwort

8. Literaturverzeichnis

1. Vorwort

Im Übergang von der feudalen zur bürgerlichen Gesellschaft im 19. Jahrhundert erlaubte es die Einführung von Maschinen viele Arbeiten durch Frauen und Kinder, die nur über geringe Muskelkraft verfügten, zu ersetzen. Es ergaben sich viele neue Möglichkeiten für die Beschäftigung von Kindern, so dass die Kinderarbeit sprunghaft anstieg. Als Folge kamen Fragen auf nach den Prioritäten in den Beziehungen von Staat – Gesellschaft – Unternehmen – Eltern zu dem Kind , das in der Fabrik arbeiten musste.

Welche Interessen gegenüber dem Kind waren vertretbar? Warum war Kinderarbeit im 19. Jahrhundert überhaupt so selbstverständlich?

Durfte der Staat nun, da das Verhältnis zwischen ihm und der Wirtschaft auf einer liberalen Basis organisiert ist, überhaupt eingreifen?

Behielt der Staat eine soziale Verpflichtung gegenüber dem Kind oder musste ihm nicht mehr an der Entwicklung der Industrie auf Kosten des Kindes gelegen sein?

Musste dem Staat die Sicherung der Subsistenz der Arbeiterfamilien und damit der sozialen Entlastung des Staates auf Kosten des Kindes wichtiger sein?

Hatte der Staat eine moralische Verpflichtung gegenüber dem sittlichen Zustand der

Kinder?[1]

Warum die Entwicklung zur Kinderschutzgesetzgebung erst so spät einsetzte und warum sie so schleppend vorankam soll im folgenden dargestellt werden.

Dabei spiegeln die geschilderten Verhältnisse und Vorgänge Zusammenhänge wider, obwohl sie lokalen Charakter haben; am Konkreten lasst sich das Grundsätzliche erläutern.[2]

2. Kindheit

Unsere heutige Vorstellung von Kindheit ist geprägt von einem jahrhundertelangem Entwicklungsprozess, in dessen Verlauf das Kind einen separaten Schonraum erhielt

„…den eine Gesellschaft ihren physisch, psychisch, und intellektuell noch nicht entwickelten Individuen einräumt, damit sie sich spielend und lernend, Erfahrungen sammelnd auf die mitwirkende Rolle im jeweiligen sozialen Bezugsrahmen vorbereiten können.“[3]

Die Geschichte der Kindheit zeigt bis heute eine zunehmende Separierung aus der Erwachsenenwelt. Rein äußerlich zeigt sich dies in Kinderkleidung, Kinderzimmern, Kinderspielen. Die Erfahrungen der Kinder ist eine andere als die der Erwachsenen, wobei vor allem der Faktor der Arbeit ausschließlich ein Bereich der Erwachsenen ist. Für Kinder werden eigene Institutionen wie Kindergarten und Schule geschaffen.

Dieses Verständnis von Kindheit kann sich jedoch nur auf einer Basis der materiellen Absicherung vollziehen. Dies war im 19. Jahrhundert keineswegs der Fall, sondern Kindsein bedeutete Misshandlung, Gewalt, Unterdrückung und Ausgeliefertheit durch die Erwachsenen, sei es durch die Eltern, Lehrer oder die Fabrikaufseher.[4]

Welchen Einfluss die ökonomischen Verhältnisse auf die Einstellung gegenüber Kindern hatte, macht folgende Quelle deutlich:

„Mir schnitt es jedes Mal ins Herz, wenn sie im Blatt las, daß der und jener kinderarmen Familie wieder ein kleines Kind gestorben sei, und dann ausrief: Nee, haben diese Leute Glück, haben die es schön, jetzt ist denen das Kind schon wieder gestorben, das wäre nun das sechste wenn sie bei denen noch alle lebten: die können alles mitmachen und unsereins ist geplagt, muß alles an die Kinder wenden und kann sich gar nichts bieten….Dazwischen Verwünschungen, harte Redensarten gegen die Kinder, Flüche und am Schlusse Tränen.“[5]

Diese Quelle steht stellvertretend für viele aus dieser Zeit.

Die Wohnverhältnisse prägen die Gestaltung des Familienlebens weitgehend. Es sind durchgehend katastrophale Wohnverhältnisse zu konstatieren, die Mehrheit der Abeiterfamilien im 19. Jahrhundert verfügte nur über eine Ein- oder Zweizimmerwohnung.

„ Zu dritt, viert und mehr quetschten sich groß und klein in einem Bett, zehn, fünfzehn in einer Kammer. Wie ein Alp lastete die Enge auf allen.“[6]

In dieser Enge spielte sich notgedrungen das gesamte Familienleben einschließlich Sexualität, Krankheit und dazu führende Konflikte ab. Die Kinder bekamen alles automatisch mit, ein Schonraum war so weder gegeben noch möglich.

3. Kinderarbeit

Kinderarbeit ist nicht erst eine Erfindung der industriellen Zeit, sondern Kinderarbeit hat es schon immer gegeben. Selbstverständlich war sie schon immer in der Landwirtschaft und in der Hausindustrie ( Handwerk ). Mit der Industrialisierung beginnt also schon die zweite Phase der Kinderarbeit. Auch ist Kinderarbeit nicht ausschließlich ein preußisches Phänomen, sondern findet sich auf der ganzen Welt.

Man sah die bereits vorhandenen Gesetze als ausreichend an, um die Kinder vor Ausbeutung zu schützen. Durch die allgemeine Armut wurde die Kinderarbeit als selbstverständlich angesehen.

Im Wandel der feudalen zur bürgerlichen Gesellschaft vollzogen sich tiefgreifende Veränderungen innerhalb der Familie, die auch nicht ohne Auswirkung auf das Kind blieben. Hauptsächliche Ursache war die Trennung von Produktion und Konsumtion, die vorher innerhalb des Hauses vereint waren, das heißt also die Arbeit verlagerte sich außerhalb der Familie, Berufs- und Privatsphäre wurden getrennt. Das Kind hatte in der hauseigenen Produktion einen eigenen Verantwortungs- und Verpflichtungsbereich, in welchen es durch Abschauen der Erwachsenen hineinwuchs. Durch die Auslagerung der Arbeitsstätte aus der häuslichen Gemeinschaft wurde das Kind zu einem zusätzlichen Kostenfaktor statt zu einer Arbeitskraft. Also musste nun auch die Arbeitskraft des Kindes verkauft werden, um die Subsistenzsicherung der Familie zu gewährleisten.[7] Die Einführung von Maschinen, die durch Tier- oder Wasserkraft getrieben wurden, erlaubte es, viele Arbeiten durch Frauen und Kinder, die nur über geringe Muskelkraft verfügten, ausführen zu lassen. Es ergaben sich neue Möglichkeiten für die Beschäftigung von Frauen und Kindern, so dass die Frauen- und Kinderarbeit sprunghaft anstieg. Die erwachsenen Männer wurden von Frauen und Kindern ersetzt, deren Lohn wesentlich geringer war als der der Männer. Einerseits brauchten die Eltern den Miterwerb der Kinder und Frauen, andererseits förderten sie dadurch die Lohndrückung. Der Lohn der Kinder betrug gewöhnlich ein Drittel bis ein Sechstel der Löhne von erwachsenen Männern. Diese geringe Bezahlung für dieselbe Arbeit kam den Unternehmern gelegen, um den Mehrwert zu erhöhen und um auf dem Markt konkurrieren zu können. Hinzu kam, dass mancherorts durch die einsetzende Mechanisierung viel Kapital benötigt wurde oder ein plötzlich einsetzender Bedarf an Arbeitskräften auf die Kinder als willkommene billige Arbeitskräfte zurückgreifen ließ. Häufig wurden dann die Männer entlassen. Ein weiterer Grund für die Kinderarbeit in den Fabriken war der, dass für gewisse Hantierungen an den Maschinen Kinderhände geeigneter waren als die Hände der Erwachsenen. So wurden sie beispielsweise zur Reinigung der Webstühle gebraucht. Außerdem waren sie noch lenkbarer, sie konnten den Ausbeutungsmethoden noch nicht den Widerstand entgegen setzen, durch den die erwachsenen Arbeiter oft die Absichten der Unternehmer durchkreuzten und konnten so leichter einer barbarischen Disziplin unterworfen werden.[8]

3.1 Kinderarbeit in den Waisenhäusern

Auch die Kinderarbeit in den Waisenhäusern fand positive Begrüßung von Staat, Gesellschaft und Kirchen. Kinderarbeit galt generell als pädagogisch wertvoll, Erziehungsziele, die man durch diese umgesetzt sah, waren Fleiß, Ausdauer, Ordnung, Gewissenhaftigkeit und Geschicklichkeit.

Sie war für die Selbstversorgung der Kinder gedacht, die unter strenger Aufsicht noch zu guter Disziplin und Gehorsamkeit führte.

Zunächst war der Tag in Unterricht, Arbeit und Andachtsstunden gesplittet.

Unter ständiger Aufsicht in “christlicher Demut und unbedingter Unterordnung und Fleiß,“ sollte „die natürliche Eigenwilligkeit des Menschen gebrochen“[9] werden. Es wurde gearbeitet und gebetet, um “der Bösartigkeit des Kindes entgegenzuwirken (..)“[10], während das Spiel verboten war.

Ab 1700 wurden bei Waisenhausneugründungen Manufakturen miteingeplant, die sich allerdings nicht lange bewährten, da der Ertrag nicht dem Gewünschten entsprach. Die Waisenhausmanufakturen wurden aufgegeben.

Man ging zum Vermietungssystem über. Die Waisenhauskinder wurden an Unternehmer verliehen, wo die Kinder unter strenger, zum Teil brutaler Aufsicht oft länger als zehn Stunden am Tag oder in der Nacht hart arbeiteten.[11]

3.2 Die Industrieschulpädagogik

Eine Hamburger Anordnung von 1788 versuchte Disziplinierung und kreatives Schaffen der Kinder miteinander zu verbinden, d. h. die Kinder von der monotonen Arbeit abzuhalten und sie lieber bei Handwerkern unterzubringen.

Zu diesem Zweck wurde das Sitzgeld eingeführt, das Kinder, die statt in der Manufaktur zu arbeiten, in die Armenschule kamen, mit 1 Schilling pro Tag belohnte.

Allerdings hielt sich die Schuldeputation nicht konsequent daran, sondern vermittelte Kinder aus der Armenschule an die Manufakturen.

Für die Hamburger Schulbehörde hatte der ökonomische Aspekt Vorrang vor dem

pädagogischen.

In Preußen war das noch stärker der Fall. Nicht kreative Vielseitigkeit, sondern die bald zur Verfügung stehende Arbeitskraft waren gefragt.

In der Realität waren Manufakturarbeit und Industrieschulpädagogik auf keinen gemeinsamen Nenner zu bringen. Es gab für die Kinder, die in den Manufakturen nur wenige Schulstunden erlebten, keine spezifische Pädagogik, die Arbeit und Lernen verbunden hätte.[12]

Die Kinder wurden in den Waisenhausmanufakturen grausam ausgenutzt.

Die Gemeinden waren froh, die Ausgaben für den Unterhalt der Waisenkinder zu sparen. Besonders in der Frühzeit der Maschinenindustrie, wo die Fabriken auf die Wasserkraft angewiesen und noch nicht in den großen Städten konzentriert waren, wo es oft für die Fabrikanten schwierig war, sich die nötigen Arbeitskräfte zu beschaffen, wurden solche Kinder scharenweise in die Fabriken geschleppt. Die Fabrikanten erhielten obendrein dafür noch ein Entgelt. Die Kinder wurden oft jahrelang wie Sklaven behandelt. Einen generellen Schutz für Kinderarbeiter gab es im 18. Jahrhundert nicht.

Vereinzelt gab es Erlasse, die Kinder nicht zu früh arbeiten zu lassen.

Zu eng war der technische Fortschritt mit der Kinderarbeit verbunden, die Qualität einer technischen Erfindung wird geradezu daran gemessen, ob ein 12jähriges Kind das ganze Werk in Gang halten kann oder nicht.[13]

Noch ehe die eigentliche Frühindustrialisierung begonnen hatte, waren in den Manufakturdistrikten die Degenerationserscheinungen auf Grund der Kinderarbeit sichtbar.[14]

[...]


[1] Vgl. Herzig, Arno: Kinderarbeit in Deutschland in Manufaktur und Protofabrik. In: Archiv für Sozialgeschichte,Bd.23, 1983, S. 350f.

[2] Vgl. Lange, Siegfried.: Zur Bildungssituation der Proletarierkinder im 19. Jahrhundert, 1978, S13

[3] Vgl. Lange, S.: Zur Bildungssituation der Proletarierkinder im 19. Jh., S.7

[4] Vgl. Flecken, Margarethe.: Arbeiterkinder im 19.Jahrhundert, 1981, S. 18

[5] Flecken, M.: Arbeiterkinder im 19. Jahrhundert, S.48f.

[6] Flecken, M.: Arbeiterkinder im 19. Jahrhundert, S.56

[7] Vgl. Flecken, M.: Arbeiterkinder im 19. Jahrhundert, S. 16

[8] Vgl. Kinderausbeutung und Fabrikschulen. In der Frühzeit des industriellen Kapitalismus. In: Erziehung und Gesellschaft, Materialien zur Geschichte der Erziehung , hrsg. von Prof. Dr. Robert Alt. Leipzig, 1958, S. 11

[9] Kuzsinki/Hoppe . In: Zum Aufbau der Jugendhilfe und Jugendarbeit in den neuen Bundesländern, Hrsg. Kress,D. 1983, S.13

[10] Blankertz :In Jugendhilfe, Hrsg. Jordan E. /Sengling,D., 1982, S.51

[11] Vgl. Herzig , A.: Kinderarbeit in Deutschland in Manufaktur und Protofabrik“. In:“ Archiv für Sozialgeschichte“, S.314ff.

[12] Vgl. Herzig, Arno: Kinderarbeit in Deutschland in Manufaktur und Protofabrik ( 1750 - 1850 ). In Archiv für Sozialforschung, S. 325ff.

[13] Vgl. Franz Xaver Herzer, Gesammelte nachrichten und Selbsterfahrungen durch Aufsuchung , Reinigung und mannichfalte Zubereitung deutscher Seiden- und Wollgewächse Kinder, und alte gebrechliche Personen zu ernähren, Regensburg 1795, S92,

[14] Vgl.Herzig, Kinderarbeit in Deutschland, S. 331

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Details

Titel
Die Entstehung des preußischen Regulativs über die Beschäftigung jugendlicher Arbeiter in Fabriken v. 9. März 1839
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main  (Geschichte)
Veranstaltung
Soziale Frage und Sozialpolitik im Deutschen Kaiserreich
Note
1,7
Autoren
Jahr
2003
Seiten
28
Katalognummer
V18631
ISBN (eBook)
9783638229319
Dateigröße
574 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Entstehung, Regulativs, Beschäftigung, Arbeiter, Fabriken, März, Soziale, Frage, Sozialpolitik, Deutschen, Kaiserreich
Arbeit zitieren
Nikola Arldt (Autor)Bettina Istas (Autor), 2003, Die Entstehung des preußischen Regulativs über die Beschäftigung jugendlicher Arbeiter in Fabriken v. 9. März 1839, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/18631

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