Minderjährige Prostituierte in Deutschland


Studienarbeit, 2006
22 Seiten, Note: 2

Leseprobe

Hochschule Mittweida (FH)
Fachbereich Soziale Arbeit
Studienbegleitender Leistungsnachweis
HFÜ SA/SP
Wintersemester 2005/2006
Thema:
Minderjährige Prostituierte in Deutschland
eingereicht von: Becker, Jasmin
Fachstudiensemester: 5
Matrikel: 13459
bei: Herrn Prof. Dr. Pfüller
Abgabe-Datum: 09.02.2006

Gliederung
1. Einleitung
2. Ursachen und auslösende Faktoren für die Prostitution Minderjähriger
3. Problemlagen minderjähriger Prostituierter
4. Sozialarbeit mit und für minderjährige Prostituierte
4.1. Mitternachtsmission Dortmund
4.1.1. Die Situation in Dortmund
4.1.2. Streetwork
4.1.3. Psychosoziale Beratung und Betreuung
4.1.4. Vernetzung und Öffentlichkeitsarbeit
4.2. Basis e.V. Hamburg
4.2.1. Die Situation in Hamburg
4.2.2. Streetwork
4.2.3. Die Anlaufstelle
4.2.4. Übernachtungsstellen
4.2.5. Vernetzung und Öffentlichkeitsarbeit
5. Literatur
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1. Einleitung
Die Prostitution Minderjähriger in Tschechien oder Südostasien wird in der
Öffentlichkeit viel diskutiert. Darum soll es in dieser Arbeit auch nicht gehen,
sondern vielmehr darum, daß es minderjährige Mädchen und Jungen, die sich
prostituieren auch in fast jeder großen Stadt in Deutschland gibt.
Der Sextourismus im Ausland wird zwar mehr und mehr geächtet und strafrechtlich
verfolgt und darüber findet man auch viele Informationen in Büchern,
Zeitungsberichten und Internetseiten. Verschiedenste Organisationen, Kirchen, die
Touristikbranche und der Deutsche Bundestag haben das Thema Sextourismus auf
der Tagesordnung, doch zum Thema Minderjährigenprostitution innerhalb
Deutschlands findet man fast nichts.
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Dabei sind die Zahlen (insofern man welche
findet)
erschreckend
hoch.
Genauere
Angaben
zum
Umfang
der
Minderjährigenprostitution in Deutschland zu machen ist aber schon deshalb
schwierig, weil es sich um eine Grauzone im Schnittstellenbereich verschiedener
Szenen handelt wie der Prostitutions-, der Drogen-, der Bahnhofs- und der
Treberszene. Mit Ausnahme der Drogenprostitution findet die Prostitution
Minderjähriger auch meist im Verborgenen statt, was den Zugang zu den
Betroffenen durch Unterstützungs- und Hilfsprojekte natürlich auch erschwert.
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Allein in Dortmund zum Beispiel zählte die ,,Mitternachtsmission Dortmund" im Jahr
2002 Kontakte zu 747 Prostituierten, wovon 66 Kinder und Jugendliche waren, was
fast jeder elfte Kontakt ist. Die tatsächliche Zahl an Minderjährigen Prostituierten
dürfte aber für Dortmund noch größer sein.
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Im folgenden möchte ich versuchen, Gründe und auslösende Faktoren für die
Prostitution Minderjähriger zusammenzutragen, die Problemlagen mit denen diese
jungen Menschen konfrontiert sind darzustellen und einige Beispiele von
Sozialarbeit mit diesen Menschen anzuführen.
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http://www.zdf.de/ZDFde/inhalt/15/0,1872,2087951,00.html
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Http://www.bpb.de/publikationen/FA6VLK,0,0,Gewaltpr%E4vention_durch_Arbeit_mit_
Minderj%E4hrigen_in_der_Prostitution.html
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http://www.zdf.de/ZDFde/inhalt/15/0,1872,2087951,00.html

2. Ursachen und auslösende Faktoren für die Prostitution
Minderjähriger
Es sind individuell sehr verschiedene Gründe weswegen junge Mädchen und
Frauen in die Prostitution gehen. Chancen- und Perspektivlosigkeit bei der
Arbeitssuche, aber auch die schlechte Bezahlung in typischen Mädchen- und
Frauenberufen können Gründe sein. Aber auch mangelnde Lebenserfahrung,
fehlende Vorbilder, Gutgläubigkeit und Lenkbarkeit durch Männer, die Hoffnung auf
ein besseres Leben und die Doppelmoral im sozialen Umfeld können dazu führen,
den Schritt in die Prostitution zu gehen.
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Eine häufige Ursache für die Prostitution bei Minderjährigen ist die Finanzierung des
Konsums harter Drogen wie Heroin, Kokain und auch Ecstasy. Der Einstieg in die
Drogenabhängigkeit oder Alkoholsucht erfolgt aufgrund der verzweifelten Situation
und der Perspektivlosigkeit der Mädchen, die das Suchtmittel brauchen, um ihre
Probleme vorübergehend zu vergessen und die Prostitutionstätigkeit ertragen zu
können.
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Die Beschaffungsprostitution findet häufig in unmittelbarer Nähe der
Drogenszene statt, wobei sich der ,,Drogenstrich" meist innerhalb von Sperrbezirken,
also öffentlichen Bereichen in denen die Prostitution verboten ist, befindet. Diese
Minderjährigen, die der Beschaffungsprostitution nachgehen definieren sich in der
Regel selbst nicht als Prostituierte und sind daher durch Unterstützungsangebote für
professionelle Prostituierte auch nicht erreichbar.
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Minderjährige werden oftmals durch massive oder versteckte Gewalt in die
Prostitution getrieben und können sich dieser nicht widersetzen oder entziehen, weil
sie keine Person ihres Vertrauens haben, die ihnen helfen könnte. Sie sind
besonders den gewalttätigen Übergriffen durch Männer im Bereich der Prostitution
ausgeliefert. Ausreißerinnen aus Heimen und Familien scheuen den Kontakt zu
Mitarbeitern von Institutionen, da sie befürchten, wieder zurückgebracht zu werden.
Sie sehen sich gezwungen, unterzutauchen, müssen aber gleichzeitig ihren
Lebensunterhalt sichern. So kann ein auslösender Grund für Minderjährige sich zu
prostituieren auch die Situation des Lebens ,,auf der Straße" sein. Für junge
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Http://www.bpb.de/publikationen/FA6VLK,0,0,Gewaltpr%E4vention_durch_Arbeit_mit_
Minderj%E4hrigen_in_der_Prostitution.html
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Mitternachtsmission e.V.: Jahresbericht 2004, S. 54
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Mitternachtsmission e.V.: Jahresbericht 2004, S. 52

Menschen, die von zu Hause oder aus Heimen weggelaufen sind, ist die Prostitution
oft eine Möglichkeit um zu überleben. Die Prostitution erfolgt in diesem Kontext oft
nur gegen eine Übernachtungsmöglichkeit oder als Austausch für tatsächliche oder
empfundene Zuwendungen.
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Die Minderjährigen definieren sich daher wiederum
auch nicht als Prostituierte. Sie wohnen oft bei Prostitutionskunden oder Bekannten,
die sie auch sexuell ausbeuten oder sogar in Abhängigkeit halten. In den
Treffpunkten und Angeboten für Jugendliche auf der Straße ist das Thema
Prostitution oft Tabu, obwohl einige Straßen und Plätze, die Treffpunkte von auf der
Straße lebenden Jugendlichen sind, als Brennpunkte gelten.
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Es gibt auch Mädchen und junge Frauen aus scheinbar intakten Familien und ohne
leicht erkennbare Probleme, die sich prostituieren um sich Dinge zu finanzieren, die
sie benötigen um Anerkennung in der Gleichaltrigengruppe zu erhalten und die sie
sich von ihrem Taschengeld oder von Schülerjobs nicht ermöglichen können. Dies
können z.B. Markenkleidung oder ausreichend Geld für Discobesuche sein. Die
Hoffnung in kurzer Zeit viel Geld zu verdienen, führt für manche dieser Mädchen
dazu, sich fest im Prostitutionsmilieu einzurichten. Der Schulbesuch wird
vernachlässigt, die Notwendigkeit einer Berufsausbildung nicht mehr gesehen und
es werden Beziehungen zu Männern eingegangen, die ebenfalls im
Prostitutionsmilieu verwurzelt sind (Zuhälter oder Stricher). Kontakte zu Bekannten
außerhalb des Milieus brechen nach und nach ab.
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Weitere Beweggründe für Minderjährige sich zu prostituieren können sein, daß
Freunde und Freundinnen mitversorgt werden oder daß einfach Schulden aller Art
bezahlt werden müssen.
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Minderjährige können auch als Opfer von
Menschenhandel in die Prostitution geraden. So wurden 2004 von der Dortmunder
Mitternachtsmission 13 minderjährige Opfer von Menschenhandel, die sich
prostituierten, betreut.
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Mitternachtsmission e.V.: Jahresbericht 2004, S.25
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Basis e.V.: Jahresberichte 2004, S. 47
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Mitternachtsmission e.V.: Jahresbericht 2004, S. 54
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Http://www.bpb.de/publikationen/FA6VLK,0,0,Gewaltpr%E4vention_durch_Arbeit_mit_
Minderj%E4hrigen_in_der_Prostitution.html
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Mitternachtsmission e.V.: Jahresbericht 2004, S. 54

Oft spielen emotionale Defizite eine große Rolle als Ursachen für den Gang in die
Prostitution.
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Viele Prostituierte haben auch schon als Kinder sexuelle Gewalt
erfahren, wobei manche Schätzungen dabei von einem Anteil von 90% ausgehen
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,
andere von ca. 50%.
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Überbehütung, negative Erfahrungen mit Sexualität,
Streitigkeiten in der Familie und im Umfeld, mangelnde Liebe und fehlende
Anerkennung können junge Menschen dazu veranlassen sich einer Gruppe oder
einer Person (z.B. Zuhälter) anzuschließen, zu deren Lebensunterhalt sie durch den
Prostitutionslohn beitragen. Dadurch erhoffen sie sich eine enge Bindung, Liebe und
Wertschätzung von diesen Personen. Häufig werden junge Menschen in die
Prostitution hineingeredet und empfinden die Situation zunächst durchaus als
positiv, da sie verhältnismäßig viel Geld zur Verfügung haben, sich aufgrund ihrer
Erfahrungen erwachsen fühlen und zu einer Gruppe oder Person gehören, zu der
sie emotionale Bindungen aufgebaut haben.
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3. Problemlagen minderjähriger Prostituierter
Probleme von Prostituierten allgemein (also Minderjähriger und Erwachsener), wie
sie z.B. an die Beratungsstelle der Mitternachtsmission in Dortmund herangetragen
werden, sind finanzielle Sorgen, Unsicherheiten und Ängste im Umgang mit
offiziellen Stellen, Isolation und fehlende Kontakte zu Personen außerhalb des
Milieus, Verlust der Achtung und Zuneigung anderer Menschen aufgrund der
Tätigkeit als Prostituierte, Schuldgefühle, Verlassenheitsgefühle, Probleme mit nahe
stehenden Menschen (Partner, Eltern, Kinder, ehemalige Zuhälter), finanzielle und
emotionale Abhängigkeiten, Abhängigkeiten von Suchtmitteln, Angst vor Krankheit,
Angst vor dem Alter, Angst vor Arbeitslosigkeit, die Furcht unfähig zu sein sich aus
dem Milieu zu lösen, Schulden und Angst vor der Vorgehensweise von Gläubigern
und Todesängste aufgrund von Bedrohungen durch Kriminelle aus dem Bereich der
Organisierten Kriminalität oder durch Lebenspartner und Zuhälter.
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Mitternachtsmission e.V.: Jahresbericht 2004, S. 9/10
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Mitternachtsmission e.V.: Jahresbericht 2004, S. 53
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Http://www.bpb.de/publikationen/FA6VLK,0,0,Gewaltpr%E4vention_durch_Arbeit_mit_
Minderj%E4hrigen_in_der_Prostitution.html
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http://www.zdf.de/ZDFde/inhalt/15/0,1872,2087951,00.html
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Mitternachtsmission e.V.: Jahresbericht 2004, S. 53
Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Minderjährige Prostituierte in Deutschland
Hochschule
Hochschule Mittweida (FH)
Note
2
Autor
Jahr
2006
Seiten
22
Katalognummer
V186311
ISBN (eBook)
9783869437842
ISBN (Buch)
9783656993193
Dateigröße
637 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
minderjährige, prostituierte, deutschland
Arbeit zitieren
Jasmin Becker (Autor), 2006, Minderjährige Prostituierte in Deutschland, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/186311

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