Qualitätskriterien der Politikberichterstattung - eine Inhaltsanalyse der innenpolitischen Berichterstattung von Presse, Standard, Kurier und Salzburger Nachrichten


Diplomarbeit, 2006
128 Seiten, Note: 2

Leseprobe

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Einleitung 1

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Was zeichnet eine qualitativ hochwertige Tageszeitung aus? Welche sprachlichen Kriterien müssen erfüllt werden? Dürfen Metaphern verwendet werden und wie sieht es mit dem Gebrauch von Redewendungen aus? Ist Politainment ein Zeichen schlechter journalistischer Qualität?

Beschäftigt man sich mit der Qualität von Tageszeitungen, stellt man schnell fest, dass man sich in einem trüben Gewässer bewegt und zunächst nicht um die Frage herumkommt, was journalistische Qualität bedeutet, und welche Qualitätsmerkmale gerade für Tageszeitungen wichtig sind.

Seit den 1990er Jahren wird in der Wissenschaft und in der Praxis verstärkt diskutiert, dass auch, oder gerade im Journalismus, die Frage nach der Einhaltung bestimmter Qua-litätsstandards sowie der Etablierung bestimmter Regeln und Verfahren zur Qualitätssicherung zentral zu beachten ist. Mittlerweile werden auch betriebswirtschaftliche Konzepte wie das Total Quality Management auf Redaktionen übertragen.

Die Magisterarbeit behandelt das Thema Qualität im Politikjournalismus. Die beiden gesellschaftlichen Subsysteme Politik und Medien stehen in einem engen Verhältnis, deren Beziehung zueinander für eine funktionierende Demokratie von großer Bedeutung ist. Dementsprechend groß ist auch die wissenschaftliche Literatur, welche sich mit dem Verhältnis und der Wechselbeziehung dieser beiden Systeme beschäftigt. Bei der Auswahl meines Themas für diese Arbeit war ich von der Idee geleitet, ausreichend Informationen über die Qualität der Berichterstattung vorfinden zu können. Meine Überraschung war umso größer, als ich nach zahlreichen ergebnislosen Literaturrecherchen keine wirklich brauchbaren Analysen, die sich speziell mit der Qualität der politischen Berichterstattung auseinandersetzen, gefunden habe.

Die vorliegende Literatur handelt meist vom Verhältnis zwischen den gesellschaftlichen Systemen Medien und Politik, die politische Berichterstattung wird nicht behandelt oder nur angeschnitten. Auch Donges/Jarren (2002a: 203) halten fest: „Spezifische Studien über den politischen Journalismus, zumal jüngeren Datums, liegen nicht vor.“ Diese Tatsache erweist sich als überraschend und bedenklich zugleich. Dass es gerade zu dieser Thematik keine konkreten Untersuchungen gibt, erachte ich als großes Manko.

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In der Magisterarbeit steht daher die Qualität der politischen Berichterstattung im Vorder-grund. So werden einige Qualitätsstandards, die für die Politikberichterstattung von großer Bedeutung sind, definiert, und anschließend der aktuelle politische Journalismus anhand dieser Kriterien untersucht, um schließlich Rückschlüsse auf die Qualität zu erhalten.

Der theoretische Teil der Arbeit beschäftigt sich eingehend mit der Qualität im Journalismus. Zunächst wird jedoch im ersten Kapitel der Journalismus als soziales System be-handelt, bevor im zweiten Kapitel der Qualitätsbegriff im Journalismus definiert und anschließend einzelne Qualitätsstandards und Verfahren zur Sicherung der Qualität im Journalismus erklärt werden.

Im dritten Kapitel des theoretischen Teils wird das Verhältnis zwischen den beiden Subsystemen Politik und Medien näher erläutert. In der Literatur findet man dazu drei unterschiedliche Sichtweisen, welche die Beziehung des politischen Systems mit dem Mediensystem beschreiben. Einige Autoren sprechen von einer Mediatisierung der Politik, also einer Anpassung des politischen Systems an die Regeln des Mediensystems. Die gegensätzliche Meinung vertreten Autoren, die von einer Instrumentalisierung der Medien durch die Politik ausgehen. Eine dritte Gruppe charakterisiert das Verhältnis zwischen Medien und Politik als eine Art „Symbiose“, die durch wechselseitige Nutzen und Abhängigkeiten gekennzeichnet ist.

Wichtig für das Verständnis des politischen Journalismus scheint das Aufzeigen der Entwicklung desselbigen, was Aufgabe des vierten Kapitels ist. Die entscheidenden Etappen der Politikberichterstattung von der präjournalistischen Periode, der Zeit des korrespondierenden Journalismus und jener, als der Journalismus schriftstellerische Funktionen hatte, sowie der redaktionelle Journalismus sind darin dargestellt. Am Ende des Kapitels wird die Frage gestellt, ob heute nicht schon von einer weiteren, neueren Generation gesprochen werden kann.

Ruß-Mohl (2003) hält fest, dass es den einen Qualitätsmaßstab nicht gibt. Qualität ist abhängig von zahlreichen Faktoren, wie dem jeweiligem Medium, dem Selbstverständnis der Journalisten oder der jeweiligen Funktion, die der Journalismus erfüllt. Entsprechend diesem Verständnis wird im fünften Kapitel der Magisterarbeit zunächst auf die Qualitätsmaßstäbe der Ausbildung und des Selbstbildes politischer Journalisten eingegangen, und anschließend die normative Funktion der politischen Berichterstattung nach Information, Kontrolle und Kritik mit dem aktuellen politischen Journalismus verglichen. Danach wer- den die Qualitätskriterien Unabhängigkeit bzw. Autonomie der Journalisten und Vielfalt

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der Berichterstattung, die von besonderer Bedeutung für eine qualitätsvolle politische Berichterstattung sind, untersucht. Im letzten Teil der Theorie wird ein kleiner Ausblick gegeben, indem die Befunde einzelner Autoren zur zukünftigen Entwicklung der Politikberichterstattung dargestellt werden.

Aufgabe des theoretischen Teils der Magisterarbeit ist es, Antwort auf folgende Forschungsfrage und die daraus resultierenden Unterfragen zu geben:

In welcher Weise nehmen die Medien den ihnen normativ zugewiesenen Politikvermittlungsauftrag nach Information, Kritik und Kontrolle wahr und welche Rückschlüsse ergeben sich daraus auf die Qualität der politischen Berichterstattung?

Wie ist das Verhältnis zwischen den Teilsystemen Medien und Politik zu beurteilen? Welche Abhängigkeiten und Wechselbeziehungen gibt es und welche Auswirkungen ergeben sich dadurch auf die politische Berichterstattung in den Medien? Wie ist die Professionalität politischer Journalisten zu beurteilen? Welche Qualifikation haben Journalisten? Wie sieht das journalistische Selbstverständnis aus? In welchem Ausmaß erfüllen die Medien (im Besonderen die politische Berichterstattung in den Medien) ihren öffentlichen Auftrag nach Information, Kritik und Kontrolle? Inwieweit werden Qualitätskriterien wie Objektivität und Vielfalt in der Politikberichterstattung erfüllt?

Anlehnend an die theoretischen Ergebnisse über das Verhältnis zwischen Medien und Politik wurde ein Kategoriebogen entwickelt, mittels dessen die Qualität der innenpolitischen Berichterstattung von vier österreichischen Tageszeitungen untersucht wurde. Unterschiedliche Medien weisen unterschiedliche Muster der Berichterstattung auf. Ruß-Mohl (1996: 103) hält fest: „Wer konkret werden will, darf dabei nicht Äpfel mit Birnen vergleichen.“ Als Untersuchungsobjekte wurden deshalb die Zeitungen Presse, Standard, Kurier und Salzburger Nachrichten herangezogen, wobei ein Untersuchungszeitraum von zwei Wochen gewählt wurde.

Für die Entwicklung der forschungsleitenden Frage des empirischen Teils der Arbeit war das Finden von Qualitätsmerkmalen für die Politikberichterstattung von entscheidender Bedeutung. Durch das Aufzeigen der wesentlichen Qualitätsunterschiede zwischen Boulevard- und Qualitätsmedien im ersten Kapitel der Empirie sollen die wichtigsten Qualitätskriterien der politischen Berichterstattung veranschaulicht werden. Darauf aufbauend werden in weiterer Folge die Forschungsfrage sowie die Unterfragen und die Hypothesen dargestellt. Die Forschungsmethode und das genaue Untersuchungsdesign sind im dar- auf folgenden Kapitel zu finden.

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Zur Analyse der Tageszeitungen werden die Qualitätskriterien der Vielfalt, Verständlichkeit, Unterhaltung, Transparenz, Richtigkeit, Orientierung und Ausgewogenheit herangezogen. Darüber hinaus wird die Qualität der Sprache in den Zeitungen untersucht.

Das Kriterium der Vielfalt der Berichterstattung zeichnet sich dadurch aus, dass alle politischen Akteure ausreichend behandelt und niemand ausgeschlossen werden soll. Qualität ergibt sich demnach durch das Aufzeigen unterschiedlicher Sichtweisen, welche gleichwertig behandelt werden. Die politische Berichterstattung ist also umso vielfältiger, je mehr unterschiedliche Meinungen und Akteure darin dargestellt sind. Für die Berichterstattung hat das zur Folge, dass alle politischen Parteien ausgewogen behandelt werden sollen. In der Fallstudie wird deshalb analysiert, wie oft Regierungs- bzw. Oppositionsparteien Thema der Berichterstattung sind, und wie häufig Spitzenpolitiker behandelt werden bzw. wie viele unterschiedliche Quellen in der Berichterstattung herangezogen werden und wie ausgewogen die Perspektivendarstellung ist.

Das Kriterium der Verständlichkeit von Zeitungen lässt sich an der Erklärung von Abkürzungen und Fremdwörtern, sowie an der Trennung von Nachrichten und Meinungen und der Verständlichkeit der Sätze ablesen, während die Transparenz auf eine genaue Angabe der Quellen abzielt. Die unterhaltenden Elemente in der Zeitung werden durch das Ausmaß an Politainment und emotionalisierenden Überschriften ermittelt. Zudem wird eine Analyse der jeweiligen Anlässe der Berichterstattung vorgenommen.

Charakteristisch für Qualitätsmedien ist eine ausführliche Hintergrundberichterstattung mit Infografiken, Interviews und Stichwort-Kästen, wodurch der Leser eine Orientierung erhalten soll. Neben der Orientierung als Qualitätskriterium spielt auch die Ausgewogenheit eine wichtige Rolle. Sie zielt auf eine entsprechende Darstellung aller politischen Parteien ab.

Ein wichtiger Aspekt in der empirischen Untersuchung bildet zudem die in den Tageszeitungen verwendete Sprache. Zunächst wird deshalb der Frage nachgegangen, welcher Sprachgebrauch, unter Berücksichtigung der Funktionen des politischen Journalismus, für die politische Berichterstattung angebracht ist. Dabei werden unter anderem Pöttker (2000) und Ahlke/Hinkel (1999) herangezogen, die einige „Sprachmissbräuche“, wie die häufige Verwendung des Superlativs oder den unpassenden Gebrauch von Euphemismen, festgestellt haben. Ebenso zeugen umgangssprachliche Formulierungen wie „bleibts“ oder „vorbei ists“ sowie die häufige Verwendung affektiver Wörter oder Meta- phern mit affektiver Wirkung wie „auf Konfrontationskurs gehen“ von verminderter Qualität

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in der Berichterstattung, da die aufgeführten Beispiele keiner neutralen Sprache Rechnung tragen.

Welche Ergebnisse die Untersuchung der einzelnen Qualitätskriterien bei den vier Tageszeitungen erbracht haben, und wie diese Erkenntnisse zu bewerten sind, ist im fünften Kapitel der Empirie nachzulesen, während im letzten Kapitel der Magisterarbeit eine Zusammenfassung und ein Resümee gezogen wird.

Zum Abschluss wird darauf hingewiesen, dass sämtliche in der Arbeit vorzufindenden personenbezogenen Bezeichnungen geschlechtsneutral zu verstehen sind.

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Theoretischer Teil 6

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Der theoretische Teil der Arbeit beschäftigt sich mit dem Journalismus als soziales System und insbesondere mit der Systemtheorie, bevor auf den Begriff der journalistischen Qualität und die Methoden der Qualitätsbewertung eingegangen wird. Zudem erscheint es notwendig, auch das Verhältnis zwischen Medien und Politik darzulegen, und auf die Entwicklung des politischen Journalismus einzugehen. Der Abschluss der Theorie bildet eine Literaturanalyse und die Darstellung der Ergebnisse wichtiger Arbeiten zu den Qualitätsmerkmalen und Qualitätskriterien der Politikberichterstattung.

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Bevor auf das Verständnis von Journalismus als soziales System eingegangen wird, soll vorab allgemein der systemtheoretische Ansatz behandelt werden. Im Folgenden wird daher eine Definition des Begriffes „System“ vorgenommen, ehe ein geschichtlicher Abriss der Entwicklung der Systemtheorie und die verschiedenen systemischen Ansätze dargestellt werden. Im Anschluss daran sind die wichtigsten Erkenntnisse des systemthe-oretischen Ansatzes von Luhmann zu finden.

Der Begriff „System“ fand im 18. Jahrhundert Eingang in die Wissenschaftssprache und stammt aus dem griechischen Wort „sýstema“, das ein geordnetes Ganzes, welches aus verschiedenen Komponenten besteht, bezeichnet. Wichtig ist die Tatsache, dass das System mehr ist als die bloße Summe der Einzelteile. Diese Auffassung von Systemen greift auch die Allgemeine Systemtheorie von Ludwig von Bertalanffy im 20. Jahrhundert auf, die als erste große wissenschaftliche Systemtheorie begriffen werden kann. Bertalanffy versteht Systeme als einzelne miteinander in Beziehung stehende Teile eines Ganzen und trifft eine Unterscheidung in offene und geschlossene Systeme. (Vgl. Weber 2003: 203f)

Auch in der Kybernetik erster Ordnung von Norbert Wiener (1992) wird dieser Systembegriff verwendet. Ein wesentliches Merkmal hierbei ist die Differenzierung zwischen einem System und dessen Umwelt. Neben offenen und geschlossenen Systemen unterscheidet Wiener auch zwischen Systemen, die sich selbst steuern und jenen, die von der System- umwelt gesteuert werden. (Vgl. Weber 2003: 204)

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Eine Abweichung von diesen Auffassungen trifft George Spencer Brown (1997) mit seiner Arbeit „Laws and Form“. Darin ist die Entstehung eines Systems durch eine Unterscheidung, die von einem Beobachter getroffen wird, der in einem unmarkierten Raum zwischen einen markierten und unmarkierten Zustand differenziert, begründet. Als Beispiel für den unmarkierten Raum kann ein leeres Blatt Papier, auf das die Fläche eines Kreises, der markierte Zustand, gezeichnet wird, genannt werden. Der unmarkierte Zustand würde dem Kreisäußeren gleichkommen. (Vgl. Weber 2003: 204)

Willke (1996: 53, zit. nach Kohring 2004: 186) versteht unter einem System „ein Netz zusammengehöriger Operationen (…), die sich von nicht-dazugehörigen Operationen abgrenzen lassen“. Entscheidend ist die Tatsache, dass ein System gemäß den eigenen Strukturen auf Einflüsse von außen reagiert. Dadurch können Systeme eine Autonomie beanspruchen, was jedoch nicht bedeutet, dass sie autark, sondern offen für Umwelteinflüsse sind. (Vgl. Kohring 2004: 186)

Es gibt verschiedene Ansätze, die sich mit Systemen auseinandersetzen. Huber (1998) trifft folgende Kategorisierung:

Allgemeine Systemtheorie: Nach diesem Ansatz besteht ein System aus verschiedenen Elementen, zwischen denen eine Wechselbeziehung herrscht. Die einzelnen Elemente bilden in Summe ein ganzes System, allerdings stellt „das Ganze immer mehr als die Summe seiner Teile“ (Huber 1998: 22) dar. Aus der Idee der Allgemeinen Sys-temtheorie leitet sich der Isomorphismus ab, welcher besagt, dass trotz der Verschiedenartigkeit aller Systeme deren wichtigste Strukturen sowie die grundlegenden Prozesse gleich sind. (Vgl. Huber 1998: 22)

Kybernetischer Ansatz: Zentrale Aussage dieses Ansatzes ist, dass ein System nur dann eingehend untersucht werden kann, wenn die Systemumwelt mitberücksichtigt wird. Systeme werden als „black-box“ betrachtet. Inputs und Outputs beeinflussen die Gesetzmäßigkeiten des Systems. (Vgl. Huber 1998: 23)

Input-/Output-Modell: Der kybernetische Ansatz hat die Entstehung so genannter Input-/Output-Modelle angeregt. Die entscheidende Annahme dieses Modells ist, dass Systeme durch „Inputs“ Leistungen aus der Umwelt aufnehmen und mittels „Outputs“ wiederum Leistungen an die Umwelt abgeben, die wieder als Eingaben in das System zurückgelangen. „Systeme werden als offen, adaptiv, zweckgerichtet, zielsuchend und von eigener Dynamik erklärt.“ (Huber 1998: 24) Die Kritik an diesem Ansatz ist, dass Macht und Kontrolle eine untergeordnete Rolle spielen, und auch der Wandel kaum beachtet wird. (Vgl. Huber 1998: 24)

Strukturell-funktionaler Ansatz: Dieser Ansatz bezieht sich ausschließlich auf den human-gesellschaftlichen Bereich und stellt somit eine soziologische Systemtheorie dar. Im strukturell-funktionalen Ansatz weisen alle Systeme bestimmte Strukturen auf. Ziel ist, dass die Systeme reguliert werden und erhalten bleiben. Kritik wird dahingehend geäußert, dass beim strukturell-funktionalen Ansatz die Strukturen der Systeme als

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vorgegeben betrachtet und daher nicht auf deren Funktion hin untersucht werden. (Vgl. Huber 1998: 25)

Funktional-struktureller Ansatz: Dieser Ansatz wurde von Niklas Luhmann entwickelt, der die Strukturen des Systems nicht mehr als gegeben voraussetzt, sondern sie selbst zum Analysegegenstand heranzieht. Von zentraler Bedeutung ist, dass sich „soziale Systeme umstrukturieren und somit auf Veränderungen in der Umwelt reagieren können.“ (Huber 1998: 27) Entscheidend ist also nicht die Erhaltung des Systems, sondern die Lösung von Problemen. (Vgl. Huber 1998: 27)

Die moderne Systemtheorie in der Kommunikationswissenschaft geht auf Niklas Luhmann (1984) zurück, der Systeme als operativ geschlossene und selbstreferenzielle Einheiten, die in Differenz zu deren Umwelt stehen, betrachtet. Unter operativer Geschlossenheit wird der geschlossene Regelkreis, der durch das Arbeiten von Systemen entsteht, und unter Selbstreferentialität der ständige Bezug von Systemelementen auf andere Systemelemente, verstanden. Entscheidend ist, dass Systeme nicht immer vollständig geschlossen sind. Luhmann (1984) spricht von der operativen Geschlossenheit und verweist darauf, dass Systeme durchaus Inputs aus der Umwelt aufnehmen können, diese aber sofort in systemeigene Elemente umwandeln. (Vgl. Weber 2003: 204f) Im Konkreten hält Luhmann (1984: 63) fest: „Dies Konzept des selbstreferentiell-geschlossenen Systems steht nicht im Widerspruch zur Umweltoffenheit der Systeme; …“

In den achtziger Jahren kann eine „autopoietische Wende“ (Weber 2003: 205) in der Sys-temtheorie ausgemacht werden. Dabei werden soziale Systeme als sich selbst reproduzierende, also autopoietische Einheiten, betrachtet. Die Elemente, aus denen die Systeme bestehen, werden zwingend durch eigene Elemente reproduziert. (Vgl. Weber 2003: 205) Den Begriff „Autopoiesis“ gebraucht Luhmann (1984) anlehnend an Maturana (1982) und Varela (1979). (Vgl. Luhmann 1984: 60) Wichtig für das Verständnis der Autopoiesis ist, dass der Autor Offenheit und Geschlossenheit nicht als Widerspruch sieht. Die Autopoiesis ermöglicht, dass sich die geschlossenen Systeme ständig reproduzieren. Diese Geschlossenheit bildet in weiterer Folge die Grundlage für die Offenheit der Systeme. (Vgl. Luhmann 1984: 297)

Luhmann unterscheidet in seiner Systemtheorie vier verschiedene Systemtypen: Maschinen, biologische Systeme wie Organismen, psychische Systeme wie das Bewusstsein und soziale Systeme, wobei nur erstgenannte keine autopoietischen Systeme darstellen, weil sie etwas produzieren, das von ihnen verschieden ist. (Vgl. Weber 2003: 207)

Als wesentliche Funktion sozialer Systeme führt Luhmann in seiner funktional- strukturellen Systemtheorie die Erfassung und Reduktion von gesellschaftlicher Komplexi-

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tät an. Die Art dieser Reduktion durch Selektion ermöglicht eine Unterscheidung der Systeme. Erst wenn ein System dauerhafte Selektionskriterien aufbauen kann, werden eine Orientierung und letztlich eine soziale Ordnung ermöglicht. Die verschiedenen sozialen Systeme lassen sich in Interaktionssysteme wie beispielsweise eine Unterhaltung, Organisationssysteme wie Redaktionen und dem sozialen System Gesellschaft unterteilen. Das Gesellschaftssystem wiederum setzt sich aus verschiedenen Funktionssystemen wie dem Politiksystem oder dem Wissenschaftssystem zusammen. (Vgl. Kohring 2004: 187f) Neben dieser vertikalen Unterscheidung von sozialen Funktionssystemen kann auch eine horizontale Unterscheidung zwischen der Wirtschaft, Politik und Religion getroffen werden. (Vgl. Weber 2003: 208f)

Soziale Funktionssysteme erfüllen für die Gesamtgesellschaft eine Primärfunktion und erbringen gleichzeitig bestimmte Leistungen für die anderen Funktionssysteme. Darüber hinaus, weisen sie einen binären Code auf, der darüber entscheidet, was zum System gehört und was nicht. Zudem bestehen soziale Funktionssysteme ausschließlich aus Kommunikationen, die die Selbstproduktion ermöglichen. Luhmann versteht unter Kommunikation Information, Mitteilung und Verstehen. (Vgl. Weber 2003: 209f)

Luhmann bezeichnet gesellschaftliche Sinnmedien wie Wahrheit, Liebe oder Macht als symbolisch generalisierte Kommunikationsmedien. Die Funktionssysteme konstruieren eigene Wirklichkeiten, indem sie „gesellschaftliche Sinnprovinzen“ (Görke 2002: 70) einrichten. Die gesellschaftliche Ordnung ist folglich nicht hierarchisch, sondern heterarchisch strukturiert und multiperspektivisch verfasst, weil jedes einzelne Funktionssystem unterschiedliche Beobachtungen treffen kann. Dadurch ist die Gesellschaft auch gleichzeitig hyperkomplex, da es viele systeminterne Komplexitätsbeschreibungen geben kann, wenn kommuniziert wird. (Vgl. Görke 2002: 69-71)

Die Systemtheorie beschäftigt sich vor allem mit der Frage, welche Funktionen die verschiedenen sozialen Systeme für die Gesellschaft erfüllen, wobei das wesentliche Kriterium dieser Systeme die Kommunikation ist. (Vgl. Löffelholz et al. 2004: 181) Soziale Systeme bestehen folglich nicht aus Menschen, sondern aus Kommunikationen. Durch die operationale Geschlossenheit der Systeme sind diese nicht in der Lage, einen direkten Kontakt herzustellen und Informationen zu übertragen. Was sich beobachten lässt ist die Kommunikation. Da soziale Systeme Grenzen haben, bedeutet dies im Sinne der System-theorie, dass die Grenzen kommunikativ bestimmt sind und sich durch die Selektions- schritte Information, Mitteilung und Verstehen zusammensetzen. (Vgl. Kohring 2004: 188f)

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Die Systemtheorie betrachtet Kommunikation und Bewusstsein als zwei geschlossene Systeme, die sich selbst erhalten und reproduzieren. Kommunikation beispielsweise regt eine weitergehende Anschlusskommunikation an. Mit dieser Betrachtungsweise geht einher, dass nicht der Mensch bzw. der Journalist selbst, sondern ausschließlich die (journalistische) Kommunikation kommunizieren kann. (Vgl. Görke 2004: 235)

Die Subsysteme bzw. Funktionssysteme Kunst, Politik oder Wirtschaft zeichnen sich durch die eigenen Kommunikationen aus, wodurch sich letztlich „gesellschaftliche Sinnprovinzen“ (Görke 2004: 236) herausbilden. Entsprechend diesem Verständnis wird der Journalismus als Leistungssystem des Funktionssystems Öffentlichkeit erfasst. (Vgl. Görke 2004: 235ff)

Für die systemtheoretische Forschung besonders interessant sind neben der Funktionsebene die Organisationsebene und die Personen, da ihnen eine Adressabilität, also eine Zurechnung von Kommunikation als Handlung, zugeschrieben werden kann. (Vgl. Görke 2004: 240f)

Im Anschluss an die wichtigsten Erkenntnisse der Systemtheorie soll nun auf das System Journalismus näher eingegangen werden. Vorab erscheint es jedoch notwendig, den Begriff „Journalismus“ zu definieren.

Unter Journalismus versteht Weischenberg die „Tätigkeit von Personen, die man als JournalistInnen kategorisiert“. (Weischenberg 1992: 37)

Gemäß Rühl (1995: 117f) kann der Journalismus folgendermaßen verstanden werden:

Journalismus bezeichnet eine Anzahl von Personen, „deren gemeinsames Merkmal ein Beruf ist, den sie als Angestellte oder freie Mitarbeiter für Presse oder Rundfunk, für Nachrichtenagenturen und Informationsdienste sowie für Pressestellen unterschiedlicher Organisationsformen ausüben.“ (Rühl 1995: 117) Journalisten berufen sich auf gemeinsame Normen und Werte und die Arbeit erfolgt nach Rühl (1995: 117) vorwiegend „organisationsförmig“. Darüber hinaus zeichnet sich der Journalismus durch eine starke Arbeitsteilung auf. (Vgl. Rühl 1995: 117f)

Für Rühl (1995: 118) ist der Journalismus zudem ein „struktureller Arbeitsrahmen für alltägliches Handeln.“ Lehrbücher geben Anleitungen darüber, wie journalistische Texte zu schreiben sind. Als Orientierung für das journalistische Handeln dienen verfassungs- bzw. rundfunkrechtliche Normen und die daraus resultierende Organisationen. (Vgl. Rühl 1995: 118)

Journalismus ist zudem ein System, dessen Einzelteile miteinander in Beziehung ste- hen. Das System Journalismus ist mehr als „die Summe der einzelnen Teile“. (Rühl

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1995: 118) Allerdings steht nicht fest, in welchem Verhältnis diese Einzelteile wie Einzelpersonen, Ressorts oder Massenmedien zueinander stehen und welche Rolle sie im Gesamtzusammenhang spielen. (Vgl. Rühl 1995: 118)

Mit dem Begriff Journalismus werden zusätzlich „historisch Prominente und idealisierte Denkfiguren“ (Rühl 1995: 118) charakterisiert, die Vorbildfunktion für den heutigen Journalismus haben. (Vgl. Rühl 1995: 118)

Journalismus wird heute nicht mehr als „Addition von Personen, sondern als System aufgefasst“ (Altmeppen/Löffelholz 1998: 413). Soziale Systeme bestehen aus Akteuren und der Journalismus wird in der Systemtheorie als „Handlungszusammenhang, der in soziale Prozesse eingebunden ist“ (Weischenberg 1992: 41), verstanden. Aufgabe dieses Systems ist es, Themen aus den anderen sozialen Systemen zu sammeln, auszuwählen und schließlich zu bearbeiten, um diese Themen in Form von Medienangeboten wieder zur Verfügung zu stellen. (Vgl. Weischenberg 1992: 41)

Weischenberg hält fest, dass bei der Auseinandersetzung mit dem System Journalismus die verschiedenen Normen-, Struktur-, Funktions- und Rollenzusammenhänge, die dem Journalismus seine Identität verleihen, genauer untersucht werden müssen. (Vgl. Weischenberg 1992: 48)

„Normen, Strukturen, Funktionen und Rollen bestimmen in einem Mediensystem, was Journalismus ist, der dann nach diesen Bedingungen und Regeln Wirklichkeitsentwürfe liefert.“ (Weischenberg 1992: 67)

Weischenberg fasst in seinem Modell die Kontexte, die den Journalismus definieren, zusammen. Zum System Journalismus gehören somit: (Vgl. Weischenberg 1992: 69)

Normenkontext: Zur äußeren Schale der „Zwiebel“ zählen alle Normen, die für das Mediensystem als Ganzes von Bedeutung sind, wie beispielsweise soziale Rahmenbedingungen, historische und rechtliche Grundlagen oder Maßnahmen der Kommunikationspolitik.

Strukturkontext: Die zweite Schale bezieht sich auf die Medieninstitutionen und den ökonomischen, politischen, organisatorischen oder technologischen Zwängen, unter denen der Journalismus entsteht.

Funktionskontext: Der dritte Kreis des Modells umfasst die Leistungen und Wirkungen des Journalismus, nach welchen Regeln also der einzelne Journalist aus einem Ereignis eine Nachricht gestaltet oder welche Informationsquellen herangezogen werden.

Rollenkontext: Der Kern des Modells zieht die jeweiligen Medienakteure zur Analyse heran. Zentrale Fragen sind beispielsweise welche Merkmale die einzelnen Journalis- ten besitzen oder welches Rollenverständnis sie haben.

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Abbildung 1: Das System Journalismus nach Weischenberg

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Von Huber (1998) wurde dieses Modell in den 1990er Jahren abgeändert. Der Autor betrachtet die Ebene der Medienaussagen als Teil der Medieninstitutionen sowie der Medienakteure, da beide Aussagen herstellen. Weiter gliedert Huber die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen aus der Ebene der Mediensysteme aus, und er ergänzt das Modell durch eine fünfte Ebene, jene der Rezipienten. (Vgl. Huber 1998: 49)

Betrachtet man den Journalismus als soziales System, das die Ebene der Akteure, der Medienunternehmen, des Mediensystems und die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen umfasst, bedeutet das, dass die Sicherung der Qualität nicht nur in der Verantwortung des einzelnen Journalisten, sondern auch in der der Medienunternehmen, der Medienpolitik und des Publikums liegt. (Vgl. Fabris 2001a: 13)

Gemäß dem Verständnis von Journalismus als soziales System, kann der politische Journalismus als Verbindungselement zwischen den beiden Teilsystemen Journalismus und Politik verstanden werden. Demnach sind „Organisationen wie ein Politikressort zentrale Orte struktureller Kopplung von Teilsystemen der Gesellschaft.“ (Donges/Jarren 2002a: 201)

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Das System Journalismus besteht aus den journalistischen Organisationen, den journalistischen Programmen und den journalistischen Rollen. Erstgenannte sind durch das Wachstum und die Differenzierung der Zeitungen entstanden. So ist die Einteilung der Ressorts auf die interne Differenzierung des Informationsmaterials zurückzuführen. Res-sorts stellen durch die bessere Orientierung für die Leser eine Erleichterung dar. Sie widerspiegeln aber auch die unterschiedlichen Leistungen, die der Journalismus für die anderen Teilsysteme der Gesellschaft wie die Wirtschaft oder Politik erbringt. (Vgl. Blöbaum 2004: 207f)

Journalistische Programme dienen der Informationserzeugung und -verarbeitung. Sie können in fünf verschiedene Typen unterteilt werden. So gibt es Ordnungsprogramme wie beispielsweise Rubriken und Ressorts, Darstellungsprogramme, die die Formen der journalistischen Texte wie Berichte oder Reportagen, umfassen, Programme zur Informationssammlung wie die Recherche, Selektionsprogramme, die sich auf die Kriterien der Informationsauswahl durch Nachrichtenwerte beziehen, und Prüfprogramme, mit denen die Richtigkeit der Informationen gewährleistet werden. (Vgl. Blöbaum 2004: 209f)

Der Journalist selbst kann als erste journalistische Rolle ausgemacht werden. Im Lauf der Zeit entwickelten sich durch die Differenzierung des Berufes und dem Wachstum der Medien jedoch noch weitere Rollen heraus. Aber auch durch den Anstieg der Nachrichtenmenge entstanden zusätzliche journalistische Tätigkeiten, die horizontal nach den einzelnen Sachgebieten wie Politik, Kultur oder Sport und vertikal nach den Positionen wie Chefredakteur, Redaktionsleiter oder freier Mitarbeiter differenziert werden können. (Vgl. Blöbaum 2004: 211)

Die Komplexität und funktionale Differenzierung steigert die Interdependenzen und schließlich die Integration des Gesamtsystems, weil jedes System davon ausgeht, dass andere Funktionen von einem anderen System erfüllt werden. Funktionssysteme müssen also trotz der gegenseitigen Abhängigkeit keine Rücksicht aufeinander nehmen, weil sie eigendynamisch handeln. Dadurch besteht jedoch das Risiko eines Redundanzverzichts. Durch die Ausdifferenzierung und Autonomisierung der Funktionssysteme besteht zudem die Gefahr der Pachydermisierung, was eine Trägheit dieser beschreibt, indem die Systeme weniger empfindsam für Irritationen sind. Hierbei kommt der Öffentlichkeit als Funktionssystem eine entscheidende Rolle zu, weil diese die Irritationsroutinen der anderen Funktionssysteme unterbricht und eine kreative Möglichkeit der systeminternen An- schlusskommunikation ermöglicht. (Vgl. Görke 2002: 71f)

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Funktionssysteme müssen systeminterne Strukturierungen vornehmen, um ihre jeweilige Aufgabe erfüllen zu können. Durch diese Ausdifferenzierung entstehen organisierte Leistungsrollen. So stellt beispielsweise der Journalismus für das Funktionssystem Öffentlichkeit ein Leistungssystem dar. In den Leistungssystemen wiederum kann es zur Bildung weiterer Systeme wie den Redaktionen kommen. Erst durch die Ausdifferenzierung des Journalismus wird die öffentliche Kommunikation dauerhaft ermöglicht. (Vgl. Görke 2002: 73)

Ein entscheidendes Merkmal für die journalistische Kommunikation ist die Aktualität. Görke (2002) spricht in diesem Zusammenhang vom Code der Aktualität. Der Journalismus selektiert bestimmte Kommunikationsereignisse und macht sie dadurch zu Ereignissen des öffentlichen Systems, die wiederum aktuell beobachtet werden können. Die Öffentlichkeit ist in weiterer Folge durch die Merkmale der Schnelligkeit und Flüchtigkeit gekennzeichnet. Als Programme werden jene Unterscheidungen bezeichnet, durch die die Codewerte bestimmt werden können. Blöbaum (1994) unterscheidet zwischen Ordnungs(Rubriken, Ressorts oder Redaktionen), Darstellungs- (journalistische Beiträge), Informations- (Techniken zur Entwicklung von Informationen), Prüf- und Selektionsprogrammen (die die Kriterien der Informationsauswahl angeben). Die Programme des Journalismus können aber auch in Selektions- und Darstellungsprogramme unterteilt werden. Erstgenannte kennzeichnen die Informationen und umfassen jene Unterscheidungen, die durch die Nachrichtenwerte ermöglicht werden. Darstellungsprogramme beziehen sich auf die Mitteilung. Durch die große Anzahl an Unterscheidungen im System Journalismus wird die Spezifizierung der Aktualität ermöglicht. (Vgl. Görke 2002: 74-77)

In der Systemtheorie nehmen Organisationen einen wichtigen Stellenwert ein, da sie sich durch das Merkmal der Adressabilität auszeichnen, wodurch ihnen die Kommunikation als Handlung zugerechnet werden kann. Dies unterscheidet Organisationen von der Gesellschaft und deren Funktionssysteme, die keine Zurechnungsfähigkeit besitzen und in weiterer Folge keine Handlungen setzen können. Journalistische Organisationen wie Redaktionen oder Agenturen entscheiden über die Selektion der Informationen und üben dadurch auch Einfluss auf die Mitteilungsselektion aus. (Vgl. Görke 2002: 78f)

Neben dem primären Kriterium der Aktualität kann die Systemform der Organisation aber auch andere Ansprüche erfüllen wie beispielsweise die Forderung nach Wirtschaftlichkeit oder aber rechtliche Anforderungen. Unter Anbetracht dieser Umstände üben die Ökono- mie und die Politik einen Einfluss auf den Journalismus aus. (Vgl. Görke 2002: 79)

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Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass die systemtheoretische Sichtweise anstelle der Handlungen und Einstellungen einzelner Journalisten, die journalistische Kommunikation fokussiert und den Journalismus als Teilsystem der Gesellschaft erfasst. Somit konstruiert dieser eine Wirklichkeit. (Vgl. Görke 2004: 246) Der Vorteil der systemtheoretischen Betrachtungsweise ist, dass auch das Publikum als integraler Systembestandteil betrachtet wird. (Vgl. Kohring 2004: 199) Kritik an der Systemtheorie wird dahingehend geäußert, dass sie die bestehenden Verhältnisse durch das Konzept der Autopoiesis, also der Fähigkeit der Systeme, alle Elemente selbst produzieren zu können, rechtfertigt, und dadurch eine „konservative Theorie“ (Weber 2003: 217) darstellt. (Vgl. Weber 2003: 216f) Während in der Systemtheorie bisher nur vom Leistungssystem Journalismus ausgegangen wird, betrachtet Görke (2002: 88) auch die Unterhaltung als Leistungssystem, wobei das „Funktionssystem Öffentlichkeit (…) aus den Leistungssystemen Journalismus und Unterhaltung besteht …“. (Vgl. Görke 2002: 88)

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Die Frage nach der Qualität im Journalismus fand relativ spät Eingang in die Kommunikationswissenschaft, während in anderen Wissenschaftsgebieten Qualität und Qualitätssicherung längst zu einer Selbstverständlichkeit geworden sind.

Inzwischen, begünstigt durch zahlreiche „Medienunfälle“ wie journalistische Skandale und durch Anstöße aus anderen Bereichen wie der Politik, Kultur oder Ökonomie, findet immer öfter ein öffentlicher Diskurs über die Verantwortung des Journalismus statt und damit werden Rufe nach entsprechenden Qualitätskriterien immer lauter. (Vgl. Weischenberg 2001: 252)

Die Beschäftigung mit journalistischer Qualität erfreut sich auch innerhalb der Kommunikationswissenschaft einer steigenden Aufmerksamkeit. Viele Zeitungen werben mit dem Verweis auf ihre „Qualität“, dennoch wird vielfach die schwindende Qualität von Medien beklagt. Aufgrund der zunehmenden Kommerzialisierung der Medien ringen diese um Aufmerksamkeit bzw. Fürsprache von Seiten des Publikums. Kriterien wie Negativismus und öffentliche Aufmerksamkeit um jeden Preis anstelle von Objektivität oder Vielfalt gewinnen an Bedeutung. (Vgl. Fabris 2001a: 11f) „Qualität scheint jedenfalls zu einem bedrohten Gut geworden zu sein“, bestätigt Fabris (2001a: 12)

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Will man von journalistischer Qualität sprechen, so stößt man unweigerlich auf folgende Worte von Ruß-Mohl (1996: 102): „Qualität im Journalismus definieren zu wollen, gleicht dem Versuch, einen Pudding an die Wand zu nageln.“ Der Autor bezeichnet damit die in der Wissenschaft und Praxis vorherrschende Uneinigkeit darüber, was unter journalistischer Qualität zu verstehen ist. Berufspraktiker verweisen häufig in der Diskussion darauf, dass Journalismus nicht reglementierbar ist und daher Qualität nicht als etwas Fassbares betrachtet werden kann. Ebenso ist umstritten, welche konkreten Merkmale, eine qualitätsvolle Berichterstattung auszeichnen. Wichtig in diesem Zusammenhang ist der Begriff der Moral, da der Journalismusberuf bestimmte moralische und ethische Ansprüche zu erfüllen hat. (Vgl. Fabris/Renger 2003: 79)

Genauso wie es nicht „die“ journalistische Ethik gibt, fällt es schwer, journalistische Quali- tät konkret zu erfassen. Saxer/Kull (1981: 12, zit. nach Fabris/Renger 2003: 80) beschrei-

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ben die Qualität im Journalismus als „dynamische Normenkonstellation“. Journalisten arbeiten als Teil eines Netzwerkes, das aus verschiedenen Teilstrukturen besteht. Daraus folgt, dass die journalistische Qualität kein fixes Merkmal ist, sondern in ebenso vielen unterschiedlichen Varianten existieren kann. (Vgl. Fabris/Renger 2003: 80f)

Eine vordergründige Bedingung ist, die Bedürfnisse der Kunden zu erfüllen. Der Anspruch der Qualität bezieht sich jedoch nicht nur auf die Produktions- und Verbreitungsabläufe, sondern umfasst auch den Bereich der Planung, wobei in diesem Zusammenhang Qualität die Vermeidung von Fehlern umfasst. (Vgl. Fabris/Renger 2003: 80f)

Die Sicherung der Qualität ist ein komplexer und kontinuierlicher Vorgang, der auf mehreren Ebenen - der inner- und außerredaktionellen Ebene sowie auf den unterschiedlichen Ebenen der journalistischen Funktionskontexte wie der Ebene der Medienakteure, der Medienunternehmen, des Mediensystems, des Medienpublikums sowie der gesellschaftlichen Rahmenbedingungen - vorgenommen werden muss, um dem Anspruch der Ganzheitlichkeit gerecht zu werden. Journalistische Qualität muss auf diesen Ebenen ansetzen und dort bestimmte Kriterien und Standards sowie Anforderungen erfüllen. Aber auch die moralische und ethische Dimension muss stärker in den Qualitätsdiskurs miteinbezogen werden. (Vgl. Fabris/Renger 2003: 82-85)

Eine Methode zur Sicherung der Qualität im Journalismus stellt die Entwicklung einer Infrastruktur dar, wie es Ruß-Mohl (1994) vorgeschlagen hat und im Kapitel 2.2.2 näher erklärt wird. Eine Möglichkeit dieser Forderung gerecht zu werden, stellen beispielsweise regelmäßig erstellte Journalismusberichte dar. (Vgl. Fabris/Renger 2003: 87)

Doch was bedeutet eigentlich journalistische Qualität? Wie bereits genauer erklärt wurde, versteht Siegfried Weischenberg (1992) den Journalismus als soziales System. In dem von Weischenberg entwickelten Zwiebelmodell beschreibt er die Kontexte der Journalistik. Es liegt folglich nicht am einzelnen Journalisten sich für die Sicherung der Qualität einzusetzen, sondern auch am Mediensystem, dem Medienunternehmen und den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen. (Vgl. Fabris 2001b: 51)

Will man journalistische Qualität untersuchen, muss zunächst die Frage geklärt werden, was unter Qualität im Journalismus zu verstehen ist. Darüber herrschen in der Literatur unterschiedliche Meinungen vor:

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„Qualität ist ein subjektiv zu definierender, immaterieller Wert. Aber Qualität braucht die materielle Unterstützung, um per Marketing verkauft zu werden. … Qualität ist, was sich langfristig verkauft.“ (Schulze 1993: 236).

„Qualität bekommt man nicht umsonst, sie kostet etwas, und kann sogar teuer werden.“ (Bammé 1993: 15).

„Ein publizistisches Produkt zeichnet sich durch eine besonders hohe Qualität aus, wenn es das vorgegebene Kommunikationsziel in möglichst kurzer Zeit bei möglichst vielen Rezipienten erreicht, wenn die Rezeption mit Spaß verbunden ist und wenn der im Sinne des Kommunikationszieles erwünschte Effekt möglichst langanhaltend ist.“ (Göpfert 1993: 99)

„Gesamtheit von Merkmalen einer Einheit (eines Produkts, eines Prozesses oder einer Dienstleistung) bezüglich deren Eignung, festgelegte und vorausgesetzte Erfordernisse zu erfüllen“. (Fabris/Renger 2003: 81)

Wie aus den Definitionen ersichtlich wird und auch Ruß-Mohl bestätigt, gibt es den „einen Qualitätsmaßstab“ (Ruß-Mohl 1996: 102) nicht. Qualität ist vielmehr von zahlreichen Fak-toren wie dem Selbstverständnis der Journalisten, der Funktion der Berichterstattung oder dem jeweiligen Medium abhängig. Entscheidend in diesem Zusammenhang ist, sofern man einen Vergleich zwischen einzelnen journalistischen Produkten vornehmen will, dass man „nicht Äpfel mit Birnen vergleicht“, sondern nur Medienprodukte innerhalb desselben Marktsegmentes zur Analyse heranzieht. Die folgende Grafik veranschaulicht die Qualitätsmaßstäbe nach Ruß-Mohl. (Vgl. Ruß-Mohl 1996: 102)

Abbildung 2: Qualitätsmaßstäbe als abhängige Variable

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Bammé et al. (1993) machen die journalistische Qualität auf der Ebene der Zielgruppe (Sprachkompetenz, Weltwissen oder Lesegewohnheiten), des jeweiligen Mediums (Presse, Rundfunk oder Fernsehen), der Textfunktion (helfen, aufklären, kritisieren, unterhalten, usw.), der Textsorten (Nachrichten, Reportagen, Kommentare, usw.) und der Linguistik (Wortschatz, Satz- oder Textaufbau) aus. Daraus ergibt sich, dass keine allgemein gültigen Qualitätsstandards für alle journalistischen Produkte festgelegt werden können. (Vgl. Huber 1998: 60f)

Entscheidend ist, dass Qualitätssicherung keine einmalige Aufgabe ist, sondern einen langfristigen Prozess darstellt. Stephan Ruß-Mohl (1994) entwickelte das „magische Vieleck“ zur Beschreibung der Qualität im Journalismus. Nach Fabris (2001b: 52) kann damit die Qualitätssicherung als ein Prozess beschrieben werden,

„in dem eine Vielzahl von Faktoren, von den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen bis zum individuell handelnden Medienakteur, vom Beginn der Herstellung eines Medienprodukts bis zu dessen Rezeption, eine mehr oder weniger bedeutsame Rolle spielen.“

In seinem Modell stellt er die Herausforderungen und Ziele dar, welche für die Qualitätssicherung von Bedeutung sind. (Vgl. Fabris 2001b: 52) Entscheidend für Ruß-Mohl ist jedoch, dass Qualität nicht objektiv messbar ist, sondern dass bestimmte Voraussetzungen erfüllt werden müssen, damit man von einem qualitätsvollen publizistischen Produkt sprechen kann. (Vgl. Ruß-Mohl 1996:103)

Abbildung 3: Ziele und Kriterien der Qualitätsbewertung

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Ruß-Mohl (2003) zählt aber auch die Komponente der Interaktivität, welche die Rückkoppelung bzw. den Austausch mit dem Publikum bezeichnet, zum magischen Vieleck. (Vgl. Ruß-Mohl 2003: 335)

Karmasin (1996) unterscheidet die journalistische Qualität anhand von zwei systemischen Dimensionen und von drei funktionellen Ausprägungen. Demnach kann die Qualität im Journalismus als Eigenschaft eines Systems der Makro- oder Mesoebene und als individuelle Qualität auf der Mikroebene betrachtet werden. Bei der Ausprägung ist zwischen der ökonomischen Qualität, der ästhetischen Qualität und der ethischen Qualität zu differenzieren. Erstgenannte ergibt sich dann, wenn ein Produkt zweckrationale Kriterien wie beispielsweise die Verkaufbarkeit erfüllt, wobei in diesem Fall der Markt über die Qualität entscheidet. Die ästhetische Qualität ist dann gegeben, wenn das Produkt individuellen Geschmacksvorstellungen gerecht wird. Renger/Rest (1996) haben acht Grundsätze eines qualitätvollen Kommunikationsdesigns wie die Lesbarkeit, Ordnung, Gewichtung, Visualisierung durch Bilder und Infografiken, Portionierung, Ansprache, Appeal und Kontinuität festgestellt. Von der ethischen Qualität spricht man dann, wenn eine Übereinstimmung mit journalistischen und medialen Normen der Ethik festzustellen ist. Die Problematik der Qualitätssicherung im Journalismus ist, dass eine Abweichung zwischen Markt und Moral besteht, da Medienprodukte nicht nur am Markt erfolgreich sein müssen, sondern der Journalismus auch bestimmte öffentliche Aufgaben zu erfüllen hat. (Vgl. Huber 1998: 54f)

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Es gibt unterschiedliche methodische Ansätze bzw. Verfahren, die es ermöglichen, die Qualität im Journalismus zu bewerten. Das einfachste Verfahren zur Qualitätsbewertung ist die Publikumsgunst. Gemäß der Höhe der Auflagen, Einschaltquoten oder Reichweiten kann gemessen werden, was die Zuschauer für qualitativ hochwertig halten. Dieses Verfahren der Qualitätsbewertung ist allerdings umstritten, da sich auch schlechte publizistische Produkte mitunter „gut“ verkaufen lassen. Allerdings erachtet Ruß-Mohl (1996: 106) die Methode der Publikumsgunst als „eine sehr demokratische Vorgehensweise der Qualitätsbewertung“. (Vgl. Ruß-Mohl 1996: 105f)

Der zweite Qualitätsmaßstab bildet das Expertenurteil. „Qualität ist (…) was anerkannte und mit Autorität versehene Experten als Qualität (…) definieren …“ (Ruß-Mohl 1996: 106) Derartige Experten können beispielsweise Jury-Mitglieder von Journalistenpreisen oder Mitglieder eines Presserates sein, die aufgrund von professionellen Qualitätsmaß-

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stäben entscheiden. Bei diesem Verfahren erweist sich die Tatsache problematisch, dass die Urteilsfindung durch Experten letztendlich auch subjektiv ist. Dennoch ist diese Methode laut Ruß-Mohl (1996: 106) „effektiver“ als das Qualitätsverfahren durch die Publikumsgunst. (Vgl. Ruß-Mohl 1996: 106)

Das dritte Verfahren zur Qualitätsbewertung stützt sich auf „indirekte Indikatoren“ (Ruß-Mohl 1996: 106) und basiert auf dem Verständnis, dass Qualität nicht objektiv gemessen werden kann. So haben beispielsweise die Kommunikationswissenschaftler Stephen Lacy und Frederick Fico mittels acht Indikatoren (commitment to locally produced copy, amount of non-advertising copy, ratio of non-advertising to advertising space, number of interpretative and in-depth stories, amount of graphics, number of wire services, story length -more depth und reporter workload) die Qualität von Tageszeitungen gemessen. An diesem Verfahren wird jedoch kritisiert, dass keiner der Indikatoren für sich Aussagekraft besitzt, und sie nur indirekte Rückschlüsse auf die Qualität eines Produktes zulassen. (Vgl. Ruß-Mohl 1996: 106f) Publizistische Leistungen müssen jedoch vom Publikum bewertet werden, wobei Einschaltquoten, Auflagen und die erreichte Zielgruppen wichtige Qualitätsindikatoren sind.

„Von der Einsicht, dass sich publizistische Leistungen nicht mehr losgelöst von den Publika betrachten und bewerten lassen, für die sie erbracht werden, ist es nur ein kleiner Schritt zu dem, was ein bisschen neumodisch und hochtrabend redaktionelles Marketing genannt wird: die simple, aber unter Journalisten keineswegs selbstverständliche Auffassung, dass es eine Dienstleistung zu erbringen gilt, und dass letztlich die Kundenwünsche, sprich die Interessen der Zuschauer, Hörer und Leser den Ausschlag geben sollten.“ (Ruß-Mohl 1994a: 22)

Auch wenn diese drei Verfahren der Qualitätsbewertung keinen Anspruch auf Vollständigkeit besitzen und durchaus Mängel aufweisen, soll dies kein „Freibrief“ für den Verzicht auf jegliche Verfahren der Qualitätssicherung sein, im Gegenteil: Qualität und Qualitätssicherung bedarf der Anwendung vieler unterschiedlicher Methoden oder wie es Ruß-Mohl (1996: 107) ausdrückt: „Methodenvielfalt bei der multiplen Qualitätsbewertung.“ Allerdings gibt es nicht den Qualitätsstandard schlecht hin, vielmehr macht es Sinn, Medienprodukte innerhalb des gleichen Marktsegmentes zu vergleichen, denn „auch in der publizistischen Qualitätssicherung gilt, dass man nur Vergleichbares miteinander vergleichen sollte.“ (Vgl. Ruß-Mohl 1994a: 23) Die nachfolgende Grafik stellt die drei Verfahren der Qualitätsbe- wertung zusammenfassend gegenüber.

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Abbildung 4: Verfahren der Qualitätsbewertung

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Ruß-Mohl (1994b) hat sich besonders mit dem Thema der Qualität und Qualitätssicherung im Journalismus beschäftigt. Bei der Analyse des US-amerikanischen Journalismus entwickelte er den so genannten „Infrastruktur-Faktor“, kurz „I-Faktor“, welcher als Mittel zur Qualitätssicherung herangezogen werden kann. Mit Infrastrukturen sind

„Organisationen, Organisationseinheiten und Initiativen gemeint, die qualitätssichernd auf den Journalismus einwirken, indem sie die Professionalisierung der Journalisten und Medienmacher vorantreiben und/oder für die nötige Kritik, Selbst-Kritik und Transparenz im Mediensystem sorgen.“ (Ruß-Mohl 1994b: 243)

Zur Infrastruktur zählen nach Ruß-Mohl die Journalistenaus- und weiterbildung, Presserä- te und Ombudsmänner, Journalistenpreise, die Arbeit der Branchen- und Berufsverbände,

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der Medienjournalismus, der Rezipient als Kritiker und die Medienforschung. Diese Infrastrukturen bezeichnet er als Vorbedingung für die Produktion qualitätsvoller Medienprodukte. (Vgl. Ruß-Mohl 1994b: 243f)

Die Qualitätssicherung kann und soll auf allen Ebenen des journalistischen Systems erfolgen. Huber (1998) trifft folgende Einteilung der Qualitätssicherung:

Qualitätssicherung auf der Akteursebene durch Professionalisierung: Huber hält fest, dass „durch Professionalisierung die Autonomie des journalistischen Systems vergrößert werden könne“ (Huber 1998: 80). Entscheidend ist hier vor allem eine geregelte Aus- und Weiterbildung der Journalisten. (Vgl. Huber 1998: 80f)

Qualitätssicherung auf der Institutionsebene durch redaktionelles Marketing und Management: Ziel ist es, Kenntnisse aus der Betriebswirtschaftslehre auf den Journalismus anzuwenden, das heißt, es werden redaktionelle Konzepte entwickelt, „die die Bedürfnisse und Wünsche des Publikums erkennen und umsetzen“. (Huber 1998: 82) Effektivität und Effizienz sind wichtige Kriterien. Das Total Quality Management (TQM) stellt nur eine der möglichen Verfahren des Qualitätsmanagements dar. (Vgl. Huber 1998: 82ff)

Qualitätssicherung und Ethik auf der Mediensystemebene: In der Kommunikationswissenschaft werden zwei Ansätze zur Ethik im Journalismus unterschieden: Der normativ-ontologische Ansatz „setzt Maßstäbe wie Wahrheit absolut und macht sie am Individuum fest“ (Huber 1998: 87) Es wird also nach allgemeinen gültigen Verhaltensregeln für den einzelnen Journalisten gesucht, während der empirisch-analytische Ansatz davon ausgeht, dass die Frage rund um die Ethik nur im Systemzusammenhang erklärt werden kann. (Vgl. Huber 1998: 87)

Qualitätssicherung auf der Rezipientenebene: Das journalistische System strebt danach, den Wünschen und Erwartungen der Rezipienten gerecht zu werden. Qualitätssicherung auf dieser Ebene orientiert sich vor allem am „kritischen Publikum“ (Huber 1998: 90), worunter eine Leserschaft gemeint wird, die die dargebotenen Medienangebote hinterfragt, gegebenenfalls auch verweigert, und dadurch Einfluss auf die Qualität des Journalismus nimmt. (Vgl. Huber 1998: 90; 217f)

Qualitätssicherung auf der Ebene der gesellschaftlichen Rahmenbedingungen durch Politik und Wirtschaft: Im Kapitel 2.5.2 wird näher auf die Leistungen des System Journalismus für das politische System und das Verhältnis zwischen den beiden Systemen eingegangen. In Bezug auf das Verhältnis zum Wirtschaftssystem ist festzuhalten, dass die Marktorientierung ein immer wichtigeres Kriterium für den Journalismus wird. Huber (1998: 93) hält jedoch fest, dass durch die Kommerzialisierung auch qualitätssichernde Effekte erzielt werden, da „ohne Qualitätssicherung bestimmte Medienprodukte nicht dauerhaft absetzbar“ wären. Auch durch das Überangebot auf dem journalistischen Arbeitsmarkt sorgt für eine Qualitätssteigerung der Journalisten in Bezug auf deren Ausbildung. (Vgl. Huber 1998: 92f)

Für Fabris/Renger (2003) stellen regelmäßig erstellte Journalismusberichte eine wichtige Methode zur Sicherung der Qualität dar, da diese eine effektive Methode im Bereich „media watch“ sind. (Vgl. Fabris/Renger 2003: 87)

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Bevor im Speziellen auf die Qualität der politischen Berichterstattung eingegangen wird, soll vorab das Verhältnis zwischen Medien und Politik im Allgemeinen behandelt werden. Jedes demokratische System bedarf bestimmter Institutionen, durch welche Politik zwischen den Regierenden und der Bevölkerung vermittelt wird. Die Tatsache, dass die Medien heute in der Vermittlung politischer Inhalte eine Schlüsselrolle einnehmen, ist unbestritten.

„Wenngleich das Öffentlichkeitsprinzip in der Demokratie unverzichtbar ist, so kann doch nicht übersehen werden, daß („sic“) die mediale ‚Darstellungspolitik’ als ereignisreiches und konflikthaft erscheinendes Wettbewerbssystem nur einen spezifischen Ausschnitt politischer Wirklichkeit abdeckt.“ (Sarcinelli 1998: 13)

Eine funktionsfähige Demokratie ist auf eine funktionierende, ausgewogene Kommunikation zwischen Regierenden und Regierten angewiesen, da dies eine der wichtigsten Voraussetzungen für die Beteiligung der Bürger am politischen Prozess ist. Die repräsentative Demokratie, wie wir sie heute in Europa kennen, ist eine Staatsform, bei der die politische Willensbildung das Ergebnis eines öffentlichen Diskurses darstellt. (Vgl. Weischenberg 1995: 220) Medien sammeln große Mengen an Information, verarbeiten und verbreiten diese. Sie sind also die Vermittlungsinstanz zwischen Bürgern und dem politischen System. Daraus geht hervor, dass die Qualität dieser Vermittlungsleistung von besonderer Bedeutung ist. (Vgl. Voltmer 1998/1999: 13)

Welche Aufgabe erfüllen nun die Medien im Speziellen für das politische System? Das Mediensystem liefert einerseits dem politischen System alle notwendigen Informationen über gesellschaftliche Verhältnisse, andererseits, wirken die Medien selbst an der Meinungsbildung der Gesellschaft mit, indem sie bestimmte Sichtweisen thematisieren. Zu guter letzt, übermitteln sie die Ergebnisse der politischen Prozesse an die Bürger. (Vgl. Choi 1995: 12)

Das Verhältnis zwischen Medien und Politik kann jedoch nicht als harmonisch eingestuft werden. Vielmehr ist es durch wechselseitige Beeinflussung gekennzeichnet. So versuchen die politischen Akteure die Berichterstattung der Medien zu ihren Gunsten zu beeinflussen, Journalisten wiederum probieren, Einfluss auf die politischen Prozesse zu neh- men.

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Allerdings nimmt die Bedeutung der Massenmedien ständig zu, sodass ein „Machtzuwachs“ (Choi 1995: 16) des Mediensystems festgestellt werden kann. Medien haben die Möglichkeit, bestimmte Themen öffentlich zu machen und können dadurch den politischen Prozess beeinflussen. Insbesondere Massenmedien wie das Fernsehen wird eine Macht zugesprochen. Diese Annahme wird vor allem von Noelle-Neumann (1980) oder Kepplinger (1985) vertreten. (Vgl. Choi 1995: 16; Jarren et al. 1994: 14) Einige Autoren wie beispielsweise Schatz (1982) und Langenbucher (1983) sprechen hingegen von einem „Autonomieverlust der Massenmedien“ (Choi 1995: 18). Diese Feststellung wird durch die zunehmende Professionalisierung der politischen Öffentlichkeitsarbeit und dem Ausbau der Pressestellen gemacht. Das politische System versucht die Massenmedien zu instrumentalisieren, und nach den eigenen Vorstellungen zu gestalten und zu steuern. (Vgl. Choi 1995: 18f)

Allerdings vertreten einige Autoren die Ansicht, dass sich beide Systeme annähern und eine Art „Symbiose“ eingehen wie Plasser (1985) feststellt. Dieser Umstand ist durch die Tatsache gekennzeichnet, dass das politische System medialer wird, während das Mediensystem politischer handelt. (Vgl. Jarren et al. 1994: 14f) Diese drei Ansichten, die das Verhältnis zwischen Medien und Politik unterschiedlich charakterisieren, sollen im Folgenden näher erklärt werden.

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Sowohl die Medien wie auch die Politik sind Subsysteme des Systems der Gesamtgesellschaft und sind daher eigenständig, da die interne Kommunikation nach eigenen Regeln produziert wird. Allerdings besteht eine Wechselbeziehung zwischen den beiden Subsystemen, weil nur durch deren Zusammenspiel die Grundvoraussetzung für eine Demokratie, die Herstellung von Öffentlichkeit, gewährleistet werden kann. Kepplinger (1985) sieht jedoch eine Verschiebung der Abhängigkeit zugunsten des Mediensystems, da dieses die spezifische Handlungslogik des politischen Systems dominiert. (Vgl. Jarren et al. 1993: 4)

Vielfach wird unter Mediatisierung der Politik die Unterordnung des politischen Systems an das Mediensystems verstanden. Choi (1995) vertritt jedoch die Ansicht, dass die Mediatisierung „vielmehr als Veränderung des politischen Prozesses durch das Mediensystem verstanden werden“ (Choi 1995: 81) soll. Da heute die politische Kommunikation fast ausschließlich über das Mediensystem erfolgt, ist eine gewisse Abhängigkeit entstanden. Das politische System und die politischen Akteure müssen sich dem Mediensystem an-

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passen. „Die Konsequenz dieser massenmedial bewirkten Veränderung des politischen Prozesses ist die Mediatisierung der Politik.“ (Choi 1995: 82)

Charakteristisch für diesen Ansatz ist, dass zwischen Medien und Politik ein Ungleichgewicht und ein Abhängigkeitsverhältnis bestehen, das jedoch von den Medien dominiert wird. Die Folgen für politische Akteure sind, dass sich diese, „wenn sie Thematisierungen erreichen wollen und beim Publikum entsprechende Wirkungen, an die Eigengesetzlichkeiten von Journalismus und Medien mehr oder minder anzupassen“ (Donges/Jarren 2002b: 130) haben. Meyer (2001) verwendet dafür die Begriffe der „Mediokratie“ oder „Kolonialisierung der Politik durch die Medien“. Politiker müssen also, wenn sie medial erfolgreich sein möchten, die spezifischen Regeln des Journalismus akzeptieren. (Vgl. Donges/Jarren 2002b: 130)

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Politik ist ein besonderes System unter den Teilsystemen der Gesellschaft, da es meist für all jene Probleme zuständig ist, die andere Systeme nicht lösen können. Aufgabe des politischen Systems ist es, allgemeinverbindliche Entscheidungen herzustellen.

„Das paS [politisch-administrative System, Anm. d. Verf.] erhofft sich, die bindende Wirkung von Entscheidungen mit Hilfe kommunikativer Aktivitäten, insbesondere aber durch die Nutzung allgemeiner publizistischer Medien, sichern oder steigern zu können.“ (Jarren et al. 1993: 7)

Die Politik ist auf die Vermittlungsleistung der Medien angewiesen. Allerdings kann das politische System nur schwer Einfluss darauf nehmen, welche Themen und wie die Themen publiziert werden. (Vgl. Jarren et al. 1993: 11) Jarren et al. kommen daher zu der Feststellung, dass das Mediensystem für das politische System eine störende Größe darstellt, da die Medien wesentlich die politischen Themen beeinflussen und sie den Selektionskriterien des Mediensystems unterwerfen. (Vgl. Jarren et al. 1993: 14)

Das politische System versucht daher durch eine entsprechende Öffentlichkeitsarbeit gezielt Einfluss auf den Informationsproduktionsprozess zu nehmen.

„Über PR-Maßnahmen versucht das politisch-administrative System die Trennung und Verbindung zum publizistischen System - offensiv und defensiv zugleich - zu organisieren und damit Ungewissheitszonen unter Kontrolle zu bekommen.“ (Jarren et al. 1993: 17)

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Ende der Leseprobe aus 128 Seiten

Details

Titel
Qualitätskriterien der Politikberichterstattung - eine Inhaltsanalyse der innenpolitischen Berichterstattung von Presse, Standard, Kurier und Salzburger Nachrichten
Hochschule
Universität Salzburg
Note
2
Autor
Jahr
2006
Seiten
128
Katalognummer
V186326
ISBN (eBook)
9783869437743
ISBN (Buch)
9783869431215
Dateigröße
1177 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
qualitätskriterien, politikberichterstattung, inhaltsanalyse, berichterstattung, presse, standard, kurier, salzburger, nachrichten
Arbeit zitieren
Mag. Birgit Koxeder (Autor), 2006, Qualitätskriterien der Politikberichterstattung - eine Inhaltsanalyse der innenpolitischen Berichterstattung von Presse, Standard, Kurier und Salzburger Nachrichten, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/186326

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