Wohnen im Wandel: Kollektives Wohnen in einer individualisierten Gesellschaft

Eine sozialgeographische Analyse mit praxisorientierter Perspektive


Diplomarbeit, 2006

144 Seiten, Note: 1


Leseprobe

_______________________________________________________________
G
EOGRAPHISCHES
I
NSTITUT DER
U
NIVERSITÄT ZU
K
ÖLN
Wohnen im Wandel:
Kollektives Wohnen in einer individualisierten
Gesellschaft. Eine sozialgeographische Analyse mit
praxisorientierter Perspektive.
Diplomarbeit
vorgelegt von
Céline Ketsia Zahn
Köln, den 04. Oktober 2006

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_______________________________________________________________________________________________
Inhaltsverzeichnis
1
Einleitung
4
2
Eine sozialgeographische Betrachtung von kollektivem
Wohnen
9
2.1
Die Wohnungsmarktforschung in der Sozialgeographie
9
2.2
Der Fokuswechsel von der Raum- zur Handlungswissenschaft
11
2.3
Kritische Betrachtung des handlungstheoretischen Ansatzes
nach Benno W
ERLEN
14
2.4
Kollektives Wohnen aus einer handlungstheoretischen
Perspektive
16
3
Veränderte Wohnanforderungen einer individualisierten
Gesellschaft
20
3.1
Ein Konzept der individualisierten Gesellschaft
21
3.2
Demographische Veränderungen in Deutschland
23
3.3
Die Entwicklung neuer Lebens- und Haushaltsformen
25
3.4
Exkurs: Das Lebensstilkonzept in der
Wohnungsmarktforschung
28
3.5
Auswirkungen der gesellschaftlichen und demografischen
Veränderungen auf die Wohnbedürfnisse
29
4
Kollektive Wohnformen als Reaktion auf eine veränderte
Gesellschaft
33
4.1
Die Entwicklung kollektiver Wohnformen
34
4.2
Heutige kollektive Wohnformen in Deutschland
36
4.3
Der erwartete Nutzen kollektiver Wohnformen in einer
individualisierten Gesellschaft
39
5
Die Untersuchung generationsübergreifender Wohnprojekte
44
5.1
Generationsübergreifende Wohnprojekte als
Untersuchungsgegenstand
44
5.2
Entwicklung der empirischen Forschungsfragen
46
1

1 Einleitung
_______________________________________________________________________________________________
6
Forschungsdesign
49
6.1
Methodische Vorgehensweise
49
6.2
Auswahl der Interviewpartner
50
6.3
Datenerhebung: qualitative, leitfadengestützte Interviews
52
6.4
Datenanalyse: Inhaltsanalyse mit thematischer Kodierung
53
6.5
Methodendiskussion
54
7
Generationsübergreifende Wohnformen in deutschen
Nachbarländern
57
7.1
Soziodemographischer Hintergrund der untersuchten
Nachbarländer
58
7.2
Entwicklung und Gestaltung kollektiver Wohnformen in
Dänemark, Schweden und den Niederlanden
59
7.3
Bewohnerzusammensetzung 64
7.4
Motive für die Wahl kollektiver Wohnformen
67
7.5
Entwicklung generationsübergreifender Wohnformen
70
7.6
Die Bewertung des gemeinschaftlichen Wohnalltags
72
7.7
Zwischenfazit: Chancen und Grenzen kollektiver und
generationsübergreifender Wohnformen in deutschen
Nachbarländern
75
8
Empirische Ergebnisse generationsübergreifender
Wohnformen in Deutschland
79
8.1
Untersuchte Wohnprojekte
80
8.2
Charakterisierung des Interessenten und Bewohner
generationsübergreifende Wohnprojekte
83
8.3
Motive für die Wahl generationsübergreifender Wohnformen
85
8.4
Wohnwünsche der Bewohner traditioneller Wohnformen und
ihre Vorstellungen von generationsübergreifenden
Wohnprojekten
92
8.5
Das generationsübergreifende Wohnprojekt in der Praxis
94
8.6
Die Bewertung generationsübergreifender Wohnformen aus
Sicht der Bewohner und Experten
99
8.7
Empfehlungen der Bewohner und Experten für zukünftige
Wohnprojekte
105
8.8
Zusammenfassung der empirischen Ergebnisse
107
2

1 Einleitung
_______________________________________________________________________________________________
9
Chancen und Grenzen generationsübergreifender
Wohnformen
112
9.1
Der individuelle und gesellschaftliche Wert
generationsübergreifender Wohnformen
113
9.2
Praxisorientierte Handreichung zur Förderung
generationsübergreifender Wohnformen
118
10
Zusammenfassung
123
Literaturverzeichnis
125
Abbildungsverzeichnis
Abkürzungsverzeichnis
132
133
Anhang
Anhang I: Projektbeschreibungen
Anhang II: Frageleitbogen
I
IV
3

_______________________________________________________________________________________________
1
Einleitung
,,We must work to cope constructively with the
inviolable fact that family life and social life are
changing dramatically, and that innovative and
alternative residential forms need to keep pace with
these social and cultural changes"
(A
LTMANN
1993:XXV).
Das Zusammenleben in der deutschen Gesellschaft ist durch große
Veränderungen gekennzeichnet. Die Auswirkungen der abnehmenden
Geburtenrate, des gestiegenen Durchschnittsalters und der Ausdifferenzierung von
Lebensstilen und kulturellen Hintergründen können unter dem mittlerweile
verbreiteten Slogan: ,Wir werden weniger, älter und bunter' zusammengefasst
werden.
Unter der Prämisse, dass Wohnformen die Bedürfnisse und Wünsche ihrer
Bewohner widerspiegeln, führen gesellschaftliche Veränderungen zu neuen
Vorstellungen und Anforderungen an Wohnen. Somit führt der aktuelle
gesellschaftliche Wandel in Deutschland auch zu einem Wohnwandel.
Der Gesellschaftswandel, der unter anderem als Folge der Individualisierung
betrachtet werden kann, führt zunehmend zu strukturellen Wohnraumproblemen
verschiedener Bevölkerungsgruppen, für die innovative Wohnformen gefunden
werden müssen. Neue Wohnformen stellen dabei sowohl einen Ausdruck neuer
architektonischer Vorstellungen und Möglichkeiten dar, als auch eine Reaktionen
auf neue Anforderungen, die traditionelle Wohnformen nicht erfüllen können.
Dem sinkenden Anteil junger und erwerbstätiger Menschen steht ein
ansteigender Anteil älterer Menschen gegenüber, der versorgt und gepflegt
werden muss. 2010 wird jede vierte Person 60 Jahre oder älter sein, im Jahr 2050
bereits jede dritte (vgl. S
TATISTISCHES
B
UNDESAMT
2003:42). Weil gleichzeitig
die sozialtstaatliche Versorgung abnimmt, müsste viel mehr Versorgung,
Betreuung und Pflege der älteren Menschen von den eigenen Familien geleistet
werden. Doch stattdessen nimmt die Familiengröße ab und mit ihr die Zahl
potenzieller Hilfe aus der eigenen Familie. Die Zahl familiärer Haushalte sinkt,
während Einpersonenhaushalte zunehmen. So nimmt der Austausch zwischen den
Generationen ab und es kommt zu einer Überalterung von Wohnvierteln, die
immer häufiger homogene Altersstrukturen der Bewohner aufweisen. Durch diese
Veränderungen werden sowohl das familiäre als auch das örtliche soziale Netz
4

1 Einleitung
_______________________________________________________________________________________________
kleiner. Eine Abnahme infrastruktureller Versorgungsmöglichkeiten ist zu
erwarten. Diese Veränderungen stellen besonders ältere Menschen zunehmend vor
Versorgungsprobleme und können zu Vereinsamung und Isolierung führen.
Daneben ist der derzeitige Wohnraum kaum an die Bedürfnisse älterer Bewohner
angepasst.
Die traditionelle Struktur von Wohnräumen, abnehmende familiäre Hilfsnetze und
steigende räumliche Entfernungen zwischen Verwandten stellen auch für
berufstätige Eltern, vor allem für den gestiegenen Anteil an Alleinerziehenden, ein
Problem dar. Lange Wege zwischen Wohn-, Arbeits-, Schul- bzw.
Kinderbetreuungsstandort und Freizeitangeboten sowie die Isolierung der
Haushalte erschweren die tägliche Vereinbarung von Beruf und Familie.
Neben diesen strukturellen Problemen führt die Differenzierung der
Gesellschaft auch zu einer Ausdifferenzierung der Wohnwünsche. Im Gegensatz
zu bisherigen traditionellen Wohnformen, mit standardisierten und
monofunktionalen Räumen, die an die Bedürfnisse einer Normalfamilie
1
angepasst sind, werden neue Standorte und flexible Wohnraumnutzungen
gewünscht. Als Reaktion auf diese Wünsche werden anstelle der kleinen
Wohnung in der Stadt oder dem Einfamilienhaus am Stadtrand zunehmend neue
Wohnformen erprobt, beispielsweise Wohnen im Loft, Wohnen am Wasser oder
Wohnen und Arbeiten unter einem Dach.
Innerhalb dieses Wohnwandels entstehen neue Wohnformen, die Lösungen für die
genannten strukturellen Probleme sowie eine Umsetzung der neuen
Wohnraumwünsche darstellen sollen und gleichzeitig ein neues Interesse an einer
innovativen Form von Gemeinschaft unter Hausbewohnern bezeugen. In
Deutschland entstehen zunehmend sogenannte
kollektive Wohnprojekte, in denen
Bewohner eine verbindliche Gemeinschaft bilden, sich gegenseitig helfen und
unterstützen wollen und gemeinsam ein Haus oder mehrere Häuser beziehen.
Diese ,,Wohnform der Zukunft" (vgl. M
ATZIG
2006) wird dabei von den
Bewohnern selbst (mit-)geplant und ist aus diesem Grund architektonisch an neue
Wohnbedürfnisse angepasst.
1
Ein verheiratetes Ehepaar mit zwei oder mehr Kindern, alleinverdienendem Vater und Hausfrau.
Die Normalfamilie stellte den Großteil der Lebensformen in den 1950er und 1960er Jahren und
das gewünschte Ideal für diese Zeit dar.
5

1 Einleitung
_______________________________________________________________________________________________
Diese Wohnform, die in den 1970er Jahren bereits in Dänemark, Schweden und
den Niederlanden verwirklicht wurde, findet in Deutschland vor allem seit den
letzten fünf Jahren mehr und mehr Interessenten.
Eine besonders interessante Form von kollektiven Wohnformen stellt
dabei das generationsübergreifende Wohnen oder Mehrgenerationenwohnen
2
dar,
das aktuell eine rege Nachfrage verzeichnet und bereits als ,,...Schlüssel der
zukünftigen Städteplanung" (vgl. S
CHÜREN
2006) betrachtet wird. Dieses
bewusste Zusammenleben mehrerer Generationen in einem Haus oder einer
Häusergemeinschaft versteht sich selbst als Antwort auf die demographischen und
gesellschaftlichen Problemlagen und möchte mit gegenseitiger Hilfe zwischen
Jung und Alt die zunehmende Entfremdung zwischen den Generationen
überwinden und den Bedürfnissen von Senioren, Familien, Alleinstehenden und
Singles begegnen. Aber können generationsübergreifende Wohnprojekte diesem
Anspruch gerecht werden?
Die vorliegende Arbeit untersucht kollektives Wohnen als neue Wohnform
innerhalb des Wohnwandels einer individualisierten Gesellschaft. Weil die
Ausgestaltung kollektiver Wohnformen jedoch sehr heterogen ist, werden, in
Anlehnung an G
OTTSCHALK ET AL
. (2000) und des F
ORUM
s
FÜR
GEMEINSCHAFTLICHES
W
OHNEN IM
A
LTER
(FGWA 2004:5), in dieser
Untersuchung kollektive Wohnformen folgendermaßen verstanden:
2
Der Begriff des Mehrgenerationenwohnens ist nicht zu verwechseln mit dem Begriff
Mehrgenerationenhäuser des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend
(BMFSFJ).Bei diesen Mehrgenerationenhäusern sollen Netzwerke geschaffen werden, um
verschiedene Bevölkerungsschichten und Generationen zusammenzubringen, die sonst keine oder
wenig Möglichkeiten dafür haben (vgl. BMFSJF 2005a).
6

1 Einleitung
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Definition kollektiver Wohnformen:
Kollektive Wohnformen sollen als eine Wohnform verstanden werden, in der:
- die Bewohner bewusst eine verbindliche Nachbarschaft bilden wollen
- gemeinsame Güter, mindestens Gemeinschaftsräume vorhanden sind
- die Bewohner an der Planung, Verwaltung und Gestaltung der Wohnräume,
Gemeinschaftsgüter und des gemeinschaftlichen Alltags beteiligt sind
- die Mitglieder an gemeinsamen Aufgaben und Aktivitäten teilnehmen
- die Mitglieder sich als kollektive Wohngruppe definieren.
Aus der vorangegangenen knappen Gegenüberstellung der Folgen des
Gesellschaftswandels in Deutschland für das Wohnen mit den neuen kollektiven
Wohnformen ergibt sich die Frage, ob generationsübergreifende Wohnprojekte
(als Unterform kollektiver Wohnformen) wirklich langfristige Wohnformen der
Zukunft darstellen. Was motiviert Bewohner zu der Wahl einer
generationsübergreifenden Wohnform und welche Folgen hat es für sie? Ist diese
Wohnform hilfreich(er) zur raum-zeitlichen Strukturierung des Alltags als
traditionelle Formen? Bieten generationsübergreifende Wohnformen einen
räumlich-sozialen Lösungsansatz für die demographischen und gesellschaftlichen
Probleme?
Diese Fragen sollen in der vorliegenden Diplomarbeit unter einem
sozialgeographischen Blickwinkel betrachtet werden. Mit Hilfe eines
handlungszentrierten Ansatzes werden anhand qualitativer Interviews die
Hintergründe, Motive, Ziele und Erfahrungen der Bewohner von
generationsübergreifenden Wohnprojekten untersucht.
Dabei werden nicht nur Projekte in Deutschland erforscht, sondern es wird auch
auf Ergebnisse von Wohnprojekten in Dänemark, Schweden und den
Niederlanden zurückgegriffen. Weil kollektive und generationsübergreifende
Wohnformen in diesen Ländern schon länger existieren als in Deutschland, sollen
ihre Ergebnisse die Grundlage für eine abschließende Prognose langfristiger
Entwicklungen vervollständigen.
7

1 Einleitung
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Das Ziel dieser Analyse ist eine Beurteilung, welchen neuen Wohnanforderungen
generationsübergreifende Wohnprojekte erfüllen können und inwieweit sie eine
langfristige Lösung für persönliche und gesellschaftliche Herausforderungen der
deutschen Gesellschaft darstellen. Die Ergebnisse sollen den Akteuren in der
Praxis zu einer fundierten Beurteilung und zu einer eventuellen Förderung
generationsübergreifender Wohnprojekte verhelfen.
Die vorliegende Untersuchung gliedert sich in zehn Teilabschnitte. Dabei folgt
der Aufbau der Arbeit dem Verständnis qualitativer Forschung und bildet die
schrittweise Entwicklung der Forschungsfragen ab.
Zunächst erfolgt die Einbettung des Themas in den fachtheoretischen Kontext,
welches zu der Entwicklung des allgemeinen Forschungskonzepts führt (Kap. 2).
Dann werden die demographischen und gesellschaftlichen Hintergründe des
deutschen Wohnwandels beschrieben und die daraus folgenden räumlichen
Konsequenzen herausgearbeitet (Kap. 3). Im nächsten Schritt mündet die
Darstellung der Entwicklung und Gestaltung kollektiver Wohnformen in einer
Zusammenstellung ihrer theoretisch postulierten Qualitäten (Kap. 4). Dieses
Verständnis kollektiver Wohnformen führt zur Definition und Abgrenzung der
hier untersuchten generationsübergreifenden Wohnprojekte. Dieser Abschnitt
wird schließlich durch die Entwicklung der empirischen Forschungsfragen
vervollständigt, die auf den Ergebnissen der beiden vorangegangenen Kapitel
basieren (Kap. 5). Das Forschungskonzept und die empirischen Forschungsfragen
begründen die Wahl einer qualitativen Forschungsweise, deren methodische
Anwendung erläutert wird (Kap. 6). Anschließend werden die Erfahrungen mit
kollektiven und generationsübergreifenden Wohnformen in Schweden, Dänemark
und den Niederlanden analysiert, was zu einer Zwischenbewertung
generationsübergreifender Wohnprojekte und zu einer Erweiterung der
empirischen Forschungsfragen führt (Kap. 7). Diese empirischen
Forschungsfragen dienen dann der Untersuchung deutscher Wohnprojekte, deren
Ergebnisse im anschließenden Kapitel dargelegt und analysiert werden (Kap. 8).
Aufbauend auf diesen beiden Auswertungen erfolgen die abschließende
Bewertung des generationsübergreifenden Wohnens für Deutschland sowie
praxisrelevante Vorschläge (Kap. 9). Den Abschluss dieser Arbeit bildet eine
zusammenfassende Darstellung der relevanten Ergebnisse (Kap. 10).
8

_______________________________________________________________________________________________
2
Eine sozialgeographische Betrachtung von kollektivem Wohnen
Forschungsansätze sind wie eine Brille, durch die man ,die Welt' oder zumindest
seinen Forschungsgegenstand sieht (vgl. W
ERLEN
2000:13). Je nach Interesse und
Forschungstradition nimmt man den Untersuchungsgegenstand ,kollektives
Wohnen' unterschiedlich wahr. Um den Forschungsblickwinkel dieser Arbeit
transparent zu machen, sollen daher zu Beginn die sozialgeographische ,Brille'
der Wohnungsmarktforschung und die verwendeten Ansätze erläutert werden.
Nach der Einordnung der Wohnungsmarktforschung in die
Sozialgeographie (Kap. 2.1) folgt ein Überblick über die Entwicklung der
relevanten wissenschaftstheoretischen Betrachtungsweise (Kap. 2.2). Aus den
aktuellen Konzepten sozialgeographischer Forschung wurde für diese Arbeit ein
handlungstheoretischer Zugang gewählt, der an das Konzept von Benno W
ERLEN
angelehnt ist. Nach einer kritischen Betrachtung seiner Konzeption (Kap. 2.3),
wird der eigene Forschungsblickwinkel entwickelt und erläutert (Kapitel 2.4).
2.1
Die Wohnungsmarktforschung in der Sozialgeographie
Generell ist die Wohnungsmarktforschung immer schon interdisziplinär gewesen
und weist verschiedenste Ansätze auf. Neben den psychologischen, den
betriebswirtschaftlichen, den architektonischen sowie den ökonomischen Bezügen
steht Wohnen auch in einem räumlich-sozialen Kontext: Wohnen kann nicht von
seinen sozialen Aspekten getrennt werden und braucht gleichzeitig einen
spezifischen Raum, einen Ort. Damit rückt die Wohnungsmarktforschung in den
Fokus der Sozialgeographie und ist spätestens seit der Betrachtung von Wohnen
als Daseinsgrundfunktion (vgl. Kap. 2.2) durch die Münchner Schule der
Sozialgeographie in den 1960er Jahren dort fest verortet (vgl. W
IESSNER
1989:17f).
Für den Wohnenden dient der Wohnraum neben der physischen Schutzfunktion
oder der ökonomischen Aufgabe als Altersvorsorge auch als Mittelpunkt für die
Organisation des täglichen Lebens. Für den Menschen als sozialen Akteur
übernimmt die Wohnung damit eine hohe soziale Bedeutung und lässt nicht nur
die Verteilung der Wohnräume, sondern auch den Standort der Wohnung selbst
9

2 Eine sozialgeographische Betrachtung von kollektivem Wohnen
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raumwirksam werden. Da bauliche Strukturen räumlich eine hohe Persistenz
aufweisen, entstehen immer wieder Spannungen zwischen den gesellschaftlichen
Bedürfnissen, insbesondere den Anforderungen an Wohnstrukturen, und den
bestehenden Angeboten, was anhand von räumlichen Maßnahmen wie der
Erneuerung, der Umnutzung, dem Neu- oder Umbau sichtbar wird (vgl.
O
DERMATT
/V
AN
W
EZEMAEL
2002:1f). Aus diesem Grund schließt die
Betrachtung der räumlichen Verteilung auch die Darstellung der betroffenen und
agierenden sozialen Systeme ein. Die Sozialgeographie kann hier als ohnehin
schon interdisziplinäre Verbindung von sowohl raum- als auch
sozialwissenschaftlichem Fokus ansetzen und zu einem erweiterten Verständnis
des Wohnungsmarktes beitragen. Vor diesem Hintergrund behandelt die
sozialgeographische Wohnungsmarktforschung die Frage,
,,... wie Gesellschaften als soziale Systeme über den Teilaspekt des
Wohnens ihre Verankerung in Zeit und Raum organisieren. Konkret geht
es um die Frage, wie in einer Gesellschaft Wohnen produziert, verteilt, und
... innerhalb einer bestimmten und bestimmenden Ordnung konsumtiv
genutzt" (vgl. O
DERMATT
/ V
AN
W
EZEMAEL
2002:2) wird.
Bis zum Ende der 1970er Jahre lagen innerhalb der geographischen
Wohnungsmarktforschung die Schwerpunkte im deutschsprachigen Raum auf der
räumlichen Segregation und der Wohnstandortwahl bestimmter Sozialgruppen
bzw. in verschiedenen Lebenszyklen. In beiden Fällen wurde eine freie
Wahlmöglichkeit nach Präferenz und Angebot der Wohnraumnachfrager
zugrunde gelegt. In den 1980er Jahren wurde dieser Ansatz um den limitierenden
Faktor des Angebots korrigiert und erweitert, was zur Betrachtung ,,...
spezifischer Rahmenbedingungen der Wohnungsmarktentwicklung, ...
Wohnchancen und Wohnkarrieren bestimmter Bevölkerungsgruppen" (vgl.
S
AILER
-F
LIEGE
1998:309f) führte. Um die veränderte Sozialraumstruktur
innerhalb der Globalisierungs-, Deindustrialisierungs- und Flexibilisierungs-
prozesse erklären zu können, misst S
AILER
-F
LIEGE
(1998) der Untersuchung
aktueller Prozesse der Wohnungsteilmärkte, die mit den gesellschaftlichen
Veränderungen verbunden sind, einen hohen Nutzen bei (vgl. ebd.: 10).
Die vorliegende Arbeit ist aus sozialgeographischer Sicht daher vor dem
Hintergrund der Frage zu verstehen, wie die heutige deutsche Gesellschaft mit
ihren neuen Lebens- und Familienformen ihr tägliches Leben, also ihre
10

2 Eine sozialgeographische Betrachtung von kollektivem Wohnen
_______________________________________________________________________________________________
Verankerung in Raum und Zeit, durch Wohnen organisieren kann und welches
Potenzial dabei kollektive Wohnformen haben.
2.2
Der Fokuswechsel von der Raum- zur Handlungswissenschaft
Die Entwicklungen der philosophischen und wissenschaftstheoretischen
Denkweise der letzten ca. 100 Jahre haben auch innerhalb der Sozialgeographie
den Forschungsfokus verändert (vgl. F
LIEDNER
1993:2). Dabei wurde der
Blickwinkel von der raum- zur sozialwissenschaftlichen Betrachtungsweise
verschoben (vgl. W
ERLEN
2000:308), dessen Betonung von Handlungen der
Akteure im Raum innerhalb dieser Arbeit aufgegriffen wird.
Die bis dahin inhaltlich-sachliche Erforschung des Mensch-Raum-
Verhältnisses wurde Anfang des 20. Jahrhunderts um eine strukturell-funktionale
Sichtweise erweitert und Mitte des 20. Jahrhunderts wiederum um den Aspekt der
Verknüpfung zwischen Mensch und Raum ergänzt. Innerhalb dieser Sichtweise
wird der Mensch immer mehr als Teil eines wechselseitig wirkenden Systems und
Träger sozialer Rollen verstanden (vgl. F
LIEDNER
1993:130ff).
Aufbauend auf seinem funktionalen Raumverständnis verlangte L
E
C
ORBUSIER
Mitte des 20. Jahrhunderts, dass Stadtentwicklung nicht auf den ,,...
Eigeninteressen ... Einzelner ..., sondern auf die Befriedigung der menschlichen
Grundbedürfnisse an sich auszurichten" (vgl. W
ERLEN
2000:171) sei. Diese Sicht
von Raumplanung wurde Ende der 1960er Jahre von der Münchener Schule der
Sozialgeographie aufgegriffen und zur Maxime ihrer sozialgeographischen
Sichtweise erklärt. Das Ziel war die Identifikation sozialgeographisch relevanter
Grundformen der menschlichen Aktivitäten bzw. natürlichen Bedürfnisse, um
deren räumliche Muster und Raumansprüche rekonstruieren zu können (vgl.
W
ERLEN
2000:175ff). Als Definition daraus folgte:
,,Die Sozialgeographie ist die Wissenschaft von den räumlichen
Organisationsformen und raumbildenden Prozessen der
Grunddaseinsfunktionen menschlicher Gruppen und Gesellschaften" (vgl.
R
UPPERT
/S
CHAFFER
1969 in W
ERLEN
2000:177).
Die Münchner Schule entwickelte daraufhin die so genannten Daseinsgrun-
dfunktionen (Arbeiten, sich erholen, Verkehren, sich versorgen, sich bilden und
Wohnen, vgl. Abb.1) und forderte, die entsprechenden Raumansprüche über die
11

2 Eine sozialgeographische Betrachtung von kollektivem Wohnen
_______________________________________________________________________________________________
verschiedenen Planungsebenen so zu ordnen, dass alle Daseinsgrundfunktionen
räumlich ausgewogen für jeden erfüllbar würden. Diese Auffassung wurde sowohl
für die Sozialgeographie als auch für die Raumplanung vorherrschend und
verstärkte die räumliche Funktionstrennung als Arbeitsstätte, Wohngegend,
Erholungsort etc. (vgl. F
LIEDNER
1993: 134f, W
ERLEN
2000: 190ff).
Abbildung 1:
Daseinsgrundfunktionen der Münchner Schule
Arbeiten
Verkehren
Wohnen
Sich
Bilden
Sich
Erholen
Sich
Versorgen
Eigene Darstellung nach W
ERLEN
2000:176.
Das dieser Annahme zugrunde liegende Verständnis des Menschen als
homo oeconomicus, der rational nach der Erfüllung seiner (von den Forschern
definierten) Grundbedürfnisse strebt und Handlungen von strukturell-funktionalen
Variablen abhängig macht, wird ebenso stark kritisiert wie die willkürliche
Bedürfnisdefinition und deren räumliche Zentrierung, die zu einer Trennung der
Funktionen führt (vgl. W
ERLEN
2000:190ff). Dem Verhältnis von
Daseinsgrundfunktion, Raum und Verhaltensgruppe wird eine gewisse
Forschungstautologie vorgeworfen, da durch die
,,... Korrelation von Daseinsgrundfunktionen, entsprechender Infrastruktur
und räumlicher Reichweiten der Benutzer ... das Räumliche ... letztlich
durch das Räumliche erklärt" (vgl. W
ERLEN
2000:198f) werde.
Eine rein funktionalistische Sichtweise zeigt gerade in der Raumplanung
ihre Schwäche, wenn soziale Konzepte der Verhaltensgruppe fehlen. So kann z.B.
12

2 Eine sozialgeographische Betrachtung von kollektivem Wohnen
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eine aktuell wieder erwünschte Funktionenmischung von Arbeiten und Wohnen in
einem Stadtviertel nicht umgesetzt werden, wenn die Art der Wohnungen neben
ökonomischen Gesichtspunkten nicht an die Möglichkeiten und Wünsche der
Arbeiter und Angestellten angepasst ist (vgl. W
ERLEN
2000:199).
Aufgrund der Vernachlässigung der sozialen Dimension wandte man sich
ab den 1979er Jahren zunehmend von der bedürfniszentrierten Forschung ab und
stattdessen der raumzentrierten zu. Allerdings konzentrierte sich die Forschung
dabei immer noch stärker auf den Raum als auf das Soziale, bzw. den Menschen
(vgl. F
LIEDNER
1993: 135f, R
EUBER
/P
FAFFENBACH
2005:34). Methodologisch
traten neben das positivistische Verständnis, welches Forschung als stückweise
Annäherung an die objektive ,wirkliche' Welt versteht, eine kritisch-
rationalistische Position. Der kritische Rationalismus geht davon aus, dass es eine
objektive Realität gibt, die wissenschaftlich zwar nie völlig erkannt werden kann,
der man sich aber so weit wie möglich mit analytischen, quantifizierenden
Methoden, wie etwa der Statistik, annähern kann (vgl. R
EUBER
/P
FAFFENBACH
2005:30).
Ausgehend von diesem Verständnis der Sozialgeographie als
Raumwissenschaft rückte anschließend ein mehr systematisch-holististisches
Verständnis und das soziale Verhalten von den Akteuren auf der individuellen
mikrogeographischen Ebene in den Mittelpunkt (vgl. Ansätze von B
ARTHEL
,
W
IRTH
, späte 1960er/70 Jahre). Die Beziehung zwischen Mensch und Raum
wurde nun als Prozess verstanden, der sich evolutionär ständig neu gestaltet, ohne
dabei jedoch, wie im Verständnis der Aufklärung und Moderne, zu einem stets
linearen Fortschritt führen zu müssen (vgl. F
LIEDNER
1993:236). Innerhalb dieser
Entwicklung wurden ab den späten 1980er Jahren die erkenntnistheoretischen
Ansätze des sozialen Konstruktivismus für die Sozialgeographie bedeutend. Die
Theorie des Konstruktivismus postuliert, dass die objektive Beschaffenheit der
Welt nicht erfahrbar sei. Jede Wahrnehmung der Welt und ihrer Bestandteile
unterliege der subjektiven Selektion, daher sei ,die' Welt eine soziale
Konstruktion. Dies bedeutet also für empirische Untersuchungen, dass
Analyseergebnisse nicht die objektive Wirklichkeit abbilden, sondern nur deren
soziale Konstruktion (vgl. R
EUBER
/P
FAFFENBACH
2005:31).
13

2 Eine sozialgeographische Betrachtung von kollektivem Wohnen
_______________________________________________________________________________________________
In diesem Verständnis stellen statistisch-analytische Methoden
,,... keine objektiven oder gar intersubjektiv kontrollierbaren Verfahren
[dar]..., sondern ... Konventionen ..., die eine bestimmte Repräsentation
sozialgeographischer Phänomene liefern, dabei aber beileibe keine
,Wirklichkeiten' abbilden" (vgl. ebd.:32).
Aus diesem Grund erfolgte in der Sozialgeographie eine neue Ausrichtung hin zu
interpretativ-verstehenden (vgl. ebd.:34) Ansätzen, die menschliches Handeln als
Folge ihrer sozialen Konstruktion verstehen und erforschen wollen. Mit Hilfe
qualitativer Methoden sollen soziale Konstruktionen, ihre Bedeutungen und
Folgen untersucht werden (vgl. ebd.:30ff). Somit erfolgte eine Verschiebung des
Blickwinkels von der raumwissenschaftlichen zur sozialwissenschaftlichen
Forschungsperspektive (vgl. W
ERLEN
2000:308). Mit dieser Verschiebung
veränderte sich der Forschungsgegenstand vom Raum zur Handlung, dessen
Betonung innerhalb dieser Arbeit aufgegriffen wird: Der vorliegenden Analyse
liegt also ein moderner handlungsorientierter Ansatz der Sozialgeographie
zugrunde.
2.3
Eine kritische Betrachtung des handlungstheoretischen Ansatzes
nach Benno W
ERLEN
Ein bedeutender handlungstheoretischer Ansatz für die Sozialgeographie stammt
von Benno W
ERLEN
(2000:305ff). Für ihn stellen weder bestimmte Räume noch
Menschen den Forschungsgegenstand dar, sondern menschliche Handlungen in
ihrem soziokulturellen und physisch-materiellen Kontext. Dabei ist der Raum eine
Dimension des Handelns
1
und nicht die Handlung eine Dimension des Raumes
(ebd.: 2000:309f). Daher definiert W
ERLEN
, dass
,,... die räumlichen Gegebenheiten ihre Bedeutung immer erst über die
Ausrichtung, die thematische Orientierung des Handelns erlangen.
Demzufolge ist die spezifische Bedeutung materieller Artefakte über die
Handlungsanalyse erschließbar" (ebd.:308).
Raumprobleme sind für W
ERLEN
immer Handlungsprobleme und die Erklärung
von Handlungen führt zur Aufschlüsselung komplexer gesellschaftlicher
Sachverhalte, die dann erst eine Problemlösung ermöglichen (vgl. F
LIEDNER
1
W
ERLEN
versteht Handeln als zielgerichtete Handlung, während Verhalten eine reine Reaktion
auf einen Reiz darstellt (vgl. W
ERLEN
2000: 313).
14

2 Eine sozialgeographische Betrachtung von kollektivem Wohnen
_______________________________________________________________________________________________
1993:216f). W
ERLEN
sieht die Sozialgeographie als sozialwissenschaftliche
Geographie in der Pflicht, sich dem Handeln des Subjektes zuzuwenden, da durch
die Entwicklung der Spätmoderne eine ,,Entankerung" (W
ERLEN
2000:33) der
Lebewesen aus sozialen Bezügen erfolgt sei und das Handeln der Subjekte zur
zentralen Kategorie der Gesellschaft, und folglich auch der
Gesellschaftsforschung, geworden sei. Diese Sichtweise begründet für ihn den
Wechsel von der ,,handlungsorientierten Raumwissenschaft" zur
sozialwissenschaftlichen, ,,raumorientierten Handlungswissenschaft" (ebd.: 310).
Entsprechend des konstruktivistischen Ansatzes ist der Raum für ihn niemals
einfach vorgegeben, sondern gesellschaftlich konstruiert und eben diese
Konstruktion sei zu erforschen. Somit kann das Forschungskonzept der
handlungstheoretischen Sozialgeographie folgendermaßen umrissen werden:
Forschungskonzept der handlungstheoretischen Sozialgeographie
(nach W
ERLEN
2000:310)
,,Im Zentrum steht die Frage, wie Subjekte handeln. Dann ist zu erforschen,
welche Bedeutung den räumlichen Aspekten für die Verwirklichung der
Handlungen zugewiesen wird. Bei der Beantwortung dieser Frage sind neben den
soziokulturellen Kontexten auch die subjektiven Perspektiven der Handelnden zu
berücksichtigen".
Dieser geforderte Paradigmenwechsel der Sozialgeographie und der
Handlungstheorie, insbesondere von W
ERLEN
, wurde und wird stark kritisiert.
Während der Sichtweise der Münchner Schule eine rationale Entscheidungslogik
des Menschen vorgeworfen wird, die zu sehr von den etwas willkürlich
festgelegten Grunddaseinsfunktionen begrenzt werde, wird W
ERLEN
vorgeworfen,
dem Individuum eine Entscheidungsfreiheit zuzugestehen, die es in Wirklichkeit
nicht habe (vgl. W
ERLEN
2000:352). Seine Auffassung setzt eine völlige
Herauslösung der Individuen aus gesellschaftlich gegebenen ,modernen' und
,vormodernen' Bezügen voraus, die sich im Einklang mit B
ECK
s
Individualisierungsthese befindet (vgl. Kapitel 3.2) und empirisch noch nicht
bestätigt werden konnte
2
. Daneben erfolgt auch Kritik an W
ERLEN
s unklarer
2
Vgl. die genauere Diskussion zur Individualisierungsthese in Kapitel 3.1.
15

2 Eine sozialgeographische Betrachtung von kollektivem Wohnen
_______________________________________________________________________________________________
Definitionen der Subjekt-, Handlungs- und Raumbegriffe (vgl. B
OLTEVOGEL
1999:4ff).
Bei der Untersuchung menschlicher Handlungen im Raum liegt der Fokus für
W
ERLEN
(2000) auf der Betrachtung des individuellen Handlungskontextes, der
Bedeutung des Raums für die Handlung und den Handlungsfolgen (vgl. ebd.:
310f). Diese Perspektive soll zur Erklärung dienen, wie Individuen ihre
Geographien herstellen, welche subjektive Bedeutung sie für die Akteure haben
und wie deren Herstellung, Nutzung und Reproduktion mit der Gesellschaft
vereinbar sei (vgl. ebd.: 312). Dabei wird jedoch m. E. nicht klar, wie der
Raumbegriff begrenzt wird. Es scheint, als ob der Raum eher ein
Verwirklichungsmittel für die Handlung sei und nicht (auch) ihre begrenzende
oder auslösende Bedingung. Es wird ebenfalls nicht deutlich, auf welcher Ebene
die Bedingungen und Folgen betrachtet werden, ob auf der persönlichen
Mikroebene, der gesellschaftlichen Makroebene oder auf beiden. Durch die starre
Fokussierung der Handlung anstelle des Raumes wird nicht deutlich, wie mit
diesem Ansatz problemorientierten gesellschaftlichen Raumproblemen begegnet
werden kann.
2.4
Kollektives Wohnen aus einer handlungstheoretischen Perspektive
Trotz der oben genannten Kritik ist die Fokussierung des Subjektes und seiner
Handlung hilfreich, um neue Wohnanforderungen und ­wünsche und die
Etablierung neuer Wohnformen in einer individualisierten Gesellschaft zu
erklären. Wenn auch der Handlungstheorie von W
ERLEN
nicht in allen Punkten
gefolgt werden muss, so ist doch seine akteurszentrierte Sichtweise,
gesellschaftlich-räumlichen Problemen nicht nur mit räumlichen, sondern auch
mit sozialwissenschaftlichen Ansätzen zu begegnen, sehr fruchtbar für die
Wohnungsmarktgeographie. Eine Sozialgeographie, die das Verständnis von dem
komplexen Zusammenhang zwischen Raum und Gesellschaft vertiefen und
anwendungsorientiert Problemlagen erkennen will, muss bei dem Verständnis für
das individuelle raumbezogene Handeln ansetzen, um Rückschlüsse auf das
Entstehungsfeld der Handlung ziehen zu können (vgl. W
ERLEN
2000:10). Daher
erfolgt die Untersuchung kollektiven Wohnens aus einer eigenen
16

2 Eine sozialgeographische Betrachtung von kollektivem Wohnen
_______________________________________________________________________________________________
handlungszentrierten Perspektive, die an die Überlegungen W
ERLEN
s angelehnt
ist.
Für die Untersuchung kollektiver Wohnprojekte steht durch den gewählten
Ansatz die Wahl dieser Wohnformen als Handlung der Akteure im Mittelpunkt.
Dabei wird diese Wahl auf zwei Ebenen betrachtet (vgl. Abb.2):
Zum einen werden auf der gesellschaftlichen (Makro-)Ebene die sozialen und
räumlichen Hintergründe für veränderte Anforderungen an Wohnraum und die
Entstehung neuer Wohnformen problematisiert, die den Individuen als theoretisch
möglicher Handlungskontext für die Wahl kollektiver Formen dienen könnten.
Dabei wird unter dem Begriff ,Anforderung' jedoch kein funktionales
menschliches Bedürfnis in der Tradition der Münchner Schule verstanden,
sondern eine gesellschaftliche Bedeutungszuschreibung, deren Inhalt offen ist.
Zum anderen werden auf der subjektiven (Mikro-)Ebene die soziokulturellen,
subjektiven, wirtschaftlichen und räumlichen Hintergründe für die Wahl
kollektiver Wohnformen untersucht. Dabei werden die jeweiligen Anforderungen
und Bedingungen, die zu dieser Handlung führen, sowie deren individuelle und
räumliche Handlungsfolgen betrachtet.
Schließlich erfolgt ein Vergleich der subjektiven Anforderungen mit den
individuell empfundenen Handlungsergebnissen. Dieser Vergleich soll
letztendlich zur Beurteilung von zwei Sachverhalten dienen:
Erstens soll überprüft werden, inwieweit kollektives Wohnen die subjektiven
Wohnanforderungen der individualisierten Gesellschaftsmitglieder erfüllen kann.
Zweitens soll eine Prognose erfolgen, welche Lösungen dies Wohnformen auf
der Makroebene für die Herausforderungen einer individualisierten Gesellschaft
bieten können.
Die Beschaffenheit und Wahrnehmung des Raumes wird auf beiden
Ebenen sowohl als Bedingung oder Motivation für die Handlung betrachtet, als
auch als Produkt der Handlung mit ihrer spezifischen Bedeutung.
17

2 Eine sozialgeographische Betrachtung von kollektivem Wohnen
_______________________________________________________________________________________________
Abbildung 2:
Eine handlungszentrierte Perspektive kollektiver Wohnformwahl
Gesellschaftlicher Kontext
(Demographie, Gesellschaftsstruktur,
Wohnraumangebot, ...)
M A K R O E B E N E
Soziokultureller
Kontext
Subjektiver
Kontext
Wirtschaftlich/
räumlicher Kontext
M I K R O E B
E N E
H A N D L U N
G S E B E N E
Wahl einer kollektiven
Wohnform
Motivation
Nutzung, Bedeutung der räumlichen
Bedingungen
Handlungsfolgen
Subjektive Auswirkungen
Gesellschaf
tlich
e Auswirkungen
Eigene Darstellung in Anlehnung an W
ERLEN
2000:311.
Für die Betrachtung der Wahl kollektiver Wohnformen führt dieser Ansatz zu
folgenden Fragen:
- In welchem gesellschaftlichen Kontext steht die Entwicklung kollektiver
Wohnformen und neuer Wohnanforderungen?
- Welche Hintergründe führen bei den Akteuren zu der Wahl dieser Wohnform,
z.B. soziokulturelle (Werte, Typ, Lebensform etc.), subjektive (Wissen,
Wünsche, Bedürfnisse, Wohnbewertung etc.), physisch-materielle (Alter,
ökonom. Situation etc.) und räumliche Hintergründe?
- Welche Bedeutung haben die räumlichen Aspekte der Wohnformen (Standort,
Wohnraumaufteilung etc.) für die Verwirklichung der Handlung aus Sicht der
Handelnden?
- Welche folgenden Handlungen werden dadurch ermöglicht oder verhindert?
18

2 Eine sozialgeographische Betrachtung von kollektivem Wohnen
_______________________________________________________________________________________________
- Welche individuellen und gesellschaftlichen Konsequenzen folgen aus dieser
Handlung?
Dieser Blickwinkel erklärt den weiteren Aufbau dieser Untersuchung.
Bevor erforscht werden kann, auf welche Parameter sich die individuellen
Akteure beziehen und welche gesamtgesellschaftlichen Folgen damit verbunden
sein könnten, wird zunächst dargestellt, welches der gesellschaftliche Kontext ist,
der sie determinieren könnte. So werden im folgenden Kapitel vor dem
Hintergrund der Individualisierungsthese die demographischen und
gesellschaftlichen Entwicklungen und ihre wohnräumlichen Konsequenzen
erläutert.
19

_______________________________________________________________________________________________
3
Veränderte Wohnanforderungen einer individualisierten
Gesellschaft
,,Wer Wohnungen plant, entwirft, baut, finanziert,
vermietet und verwaltet ... muss sich zwangsläufig auch
ein Bild machen über die zu erwartende Nachfrage nach
Wohnraum. Das setzt differenzierte Vorstellungen darüber
voraus, wie die zukünftigen Bewohnerinnen und
Bewohner sind, welche Art von Haushaltsformen sie
bilden, wie ihre Wohnweisen heute sind und wie sie sich
weiterentwickeln und differenzieren" (A
NDRITZKY
1999:622)
.
Wohnformen sind ein Spiegel der Gesellschaftsstruktur. Ändert sich die
Gesellschaft, ändern sich auch die Anforderungen an Wohnen. Folglich sind in
einer zunehmend individualisierten und differenzierten Gesellschaft neue
Wohnformen als Reaktion auf neue Anforderungen zu erwarten
(F
EDROWITZ
/G
AILING
2003:19).
Innerhalb der Gesellschaft lässt sich eine ,,... zunehmende Herauslösung
aus kulturell geprägten sozialen Bindungen" (W
AGER
1998:94) beobachten, die
im Allgemeinen als Individualisierung
bezeichnet wird. Dieses
Individualisierungskonzept wird zunächst als grundlegender Erklärungsansatz für
neuere Entwicklungen der Gesellschaft erläutert (Kap. 3.1). Begründet durch
einen demographischen Wandel, der zu weit reichenden Veränderungen der
Bevölkerungsstruktur führt, folgt eine kurze Einführung in die demographische
Situation und Prognosen für die nächsten Jahrzehnte (Kap. 3.2). Als Folge der
Individualisierung und des demographischen Wandels entstehen neue
Lebensformen, deren aktuelle Verteilung näher erläutert wird (Kap. 3.3).
Ausgehend von diesen Veränderungen werden andere Bedingungen für die Wahl
von Wohnformen postuliert, sie sich weder an Schicht- noch an
Lebenszyklusvariablen anlehnen, sondern die Wohnwahl durch unterschiedliche
Lebensstile erklären. In einem kurzen Exkurs wird ein Lebensstilkonzept der
Wohnungsmarktforschung vorgestellt (Kap. 3.4).
Aufgrund der gesellschaftlichen und demographischen Veränderungen kommt es
zu Problemen mit bestehenden Wohnformen und demzufolge werden neue
Anforderungen an das Wohnen gestellt, die abschließend beschrieben werden
(Kap. 3.5).
20

3 Veränderte Wohnanforderungen einer individualisierten Gesellschaft
_______________________________________________________________________________________________
3.1
Ein Konzept der individualisierten Gesellschaft
Der Begriff der Individualisierung als Beschreibung unserer heutigen Gesellschaft
ist so diffus, wie er weit verbreitet ist. Vorreiter für seine heutige Verwendung in
Deutschland ist der Soziologe Ulrich B
ECK
. Nach B
ECK
(2003) bedeutet
Individualisierung ein dreidimensionales Erleben von
- ,,Freisetzung" aus traditionellen Sozialformen und -bindungen
- ,,Entzauberung" oder Stabilitätsverlust tradierter handlungsleitender Normen
und Werte und
- eine neue Art sozialer Einbindung (vgl. ebd: 206).
Laut seiner Kernthese nehmen im Verlauf der Modernisierung die
Individualisierung und mit ihr die Risiken für Individuen zu und führen zu einer
,,Risikogesellschaft" (vgl. B
ECK
2003:10). Er geht davon aus, dass die
Integrationskraft der Institutionen wie Familie, Gewerbeordnung, Stand,
Nachbarschaft oder Kirche nachgelassen hat bzw. verschwunden ist. Durch diese
Deinstitutionalisierung fehlen gesellschaftlich verankerte Leitlinien für das
Denken und Handeln: Normen, Werte und Entscheidungen werden frei wählbar
bzw. Opportunitätskosten verringern sich. Wenn die Gestaltung des
Lebensverlaufs, der Partner- und Berufswahl, des Wohnortes oder der
Freizeitvorlieben nicht mehr von der ,,Schicht" oder ,,Klasse" abhängig ist,
vergrößert sich für das einzelne Individuum die Optionsvielfalt. Die eigene
Biographie kann nicht nur, sondern muss sogar geplant werden:
,,Chancen, Gefahren, Unsicherheiten der Biographie, die früher im
Familienverbund, in der dörflichen Gemeinschaft, im Rückgriff auf
ständische Regeln oder soziale Klassen definiert waren, müssen nun von
den einzelnen selbst wahrgenommen, interpretiert, entschieden und
bearbeitet werden. Die Folgen ­ Chancen wie Lasten ­ verlagern sich auf
die Individuen ..." (vgl. B
ECK
/ B
ECK
-G
ERNSHEIM
1994: 15).
Diese Wahlfreiheit birgt eine Verantwortung für die Wahlalternative: Jedes
Individuum ist selbst für seinen Lebenslauf verantwortlich und wenn ein Mensch
scheitert, wird er von keiner Institution aufgefangen, sondern er allein ist ,schuld'.
Als Reaktion auf dieses Risiko kommt es zu einem neuen Sicherheitsbedürfnis
und risikomindernden Verhalten (vgl. B
RECH
1999:88). Das zeigt sich für B
ECK
zum einen in einem Rückgang verantwortlicher, langfristiger Entscheidungen, wie
dem des ehrenamtlichen Engagements, der Entscheidung für eine lebenslange
verbindliche Partnerschaft oder für (mehrere) Kinder. Die zunehmende
21

3 Veränderte Wohnanforderungen einer individualisierten Gesellschaft
_______________________________________________________________________________________________
Unsicherheit in Partnerschaften versteht er als Verstärker für den erhöhten
Wunsch von Frauen nach finanzieller Selbstabsicherung durch eigene
Erwerbsarbeit. Daneben versteht B
ECK
die Entstehung neuer Institutionen, die
Orientierung bieten können wie z.B. Medien, Lebensstilgruppen oder kurzfristige
Engagements als Ausdruck des Sicherheitsbedürfnisses (vgl. B
ECK
2003:205ff).
Diese postmoderne Bewertung der Individualisierung ist zwar mittlerweile
weit bekannt, wird aber trotzdem heftig diskutiert und ist als Konzept auch
grundsätzlich umstritten. Vielfach wurde B
ECK
vorgeworfen, ein Konzept
aufgestellt zu haben, das nicht expliziert und damit auch nicht prüfbar sei, nicht
zwischen soziologischen Mikro- und Makroansätzen unterscheide und historisch
unsauber sei. Die erhöhte Autonomie der Individuen, die nachlassende
Bindungskraft der gesellschaftlichen Institutionen und deren steigende Pluralität
bringe eine zunehmende Handlungsoption hervor, die nach Meinung einiger
Kritiker besser durch andere Ansätze, z.B. dem Rational-Choice-Ansatz, erklärbar
seien (vgl. B
URKART
1998, F
RIEDRICHS
1998, H
RADIL
2004, J
AGODZINSKI
/K
LEIN
1998, M
ÜNCH
2004).
Löst man sich jedoch von der Diskussion um die Überprüfbarkeit der
Individualisierungsthese von B
ECK
und betrachtet ihren Inhalt lediglich als
Gesellschaftsbeschreibung, lässt sich feststellen, dass auch in Deutschland eine
Individualisierung zu beobachten ist: Durch die Auflösung der Agrargesellschaft
verlor im 19. Jahrhundert der große Haushalt als Produktionsgemeinschaft seine
Legitimierung und damit auch seine normative Macht. Die gegenseitige
ökonomische Abhängigkeit der Familienmitglieder untereinander wurde geringer,
das Denken und Handeln und somit auch die Normen und Werte wurden
zweckorientierter, rationaler und weniger traditionsverbunden. Als Folge daraus
wurde der einzelne Mensch als Individuum bedeutsamer. Gleichzeitig wurde die
Bindungskraft tradierter Werte und Normen durch die neu entstehende
Verstädterung zusätzlich geschwächt. Dies ermöglichte eine zunehmende
Pluralisierung normativer Vorgaben, denn einerseits wurden Wertvorstellungen
und Normen universaler, andererseits entstanden größere Freiräume für
individualisierte Lebensverläufe (vgl. H
RADIL
2004:21f). Die Freiheit, den
Lebensverlauf zunehmend selbst zu wählen, ist heute ebenso groß wie der Zwang,
es auch zu tun, weil es kaum noch vorgegebene Modelle gibt. Erwerbstätigkeit
22

3 Veränderte Wohnanforderungen einer individualisierten Gesellschaft
_______________________________________________________________________________________________
und Selbstverwirklichung können nun verglichen mit vorhergehenden
Generationen einen höheren Stellenwert als die familiale
1
Verantwortung
einnehmen: Kinder zu haben ist nicht mehr selbstverständlich, sondern optional.
Trotzdem weist K
RÄMER
(o.J. b) kritisch darauf hin, dass keine totale
Destandardisierung oder völlige Individualisierung zu erkennen sei. Es würden
sehr wohl weiterhin normative Orientierungen bestehenden bleiben, da eine
Neuerfindung sämtlicher gesellschaftlicher Handlungsmuster kognitiv
überfordern würde. Jedoch variiere die zeitliche Abfolge der
Lebensformwechsel
2
, manches würde wiederholt (vgl. ebd.:50f). Das führt zu
einer vergrößerten Heterogenität innerhalb der gleichen Untersuchungskohorte
und wirkt sich entsprechend auf die Gestaltung von zwischenmenschlichen
Beziehungen und Haushaltsformen aus, was seinerseits wiederum Aus- und
Rückwirkungen auf die demographische Entwicklung hat.
3.2
Demographische Veränderungen in Deutschland
In Deutschland vollzieht sich momentan eine deutliche Veränderung der
Bevölkerungsstruktur, die zu einer Abnahme der Einwohnerzahl und zu einer
relativen Überalterung führt. Die natürliche Bevölkerungsentwicklung ist seit
1971 negativ und trotz des zeitweiligen Einwanderungsüberschusses nimmt die
Einwohnerzahl seit 2003 dauerhaft ab (vgl. S
TATISTISCHES
B
UNDESAMT
2005b,
c). Während es pro Paar immer weniger Kinder gibt, steigt der Anteil Älterer und
Hochbetagter
3
.
2005 betrug die zusammengefasste Geburtenziffer 1,3 Kinder pro Frau und lag
damit deutlich unterhalb der Reproduktionsrate von mindestens 2,1 Kindern
(B
UNDESINSTITUT FÜR
B
EVÖLKERUNGSFORSCHUNG
(B
I
B) 2006:13f). Das
Hineinwachsen der geburtenschwachen Jahrgänge in die Familiengründungsphase
mit einer anhaltend niedrigen oder sogar weiter sinkenden Geburtenzahl wird die
Altersstruktur noch weiter zugunsten der älteren Bevölkerung verschieben.
1
,Familiale' Lebensformen bezeichnen alle Lebensgemeinschaften von mindestens einem Kind
und einem Erwachsenen. Sie schließen damit eheliche, sowie nicht-eheliche Eltern-Kind-
Gemeinschaften und Alleinerziehende ein, jedoch keine (verheirateten) Paare ohne Kinder (vgl.
S
TATISTISCHES
B
UNDESAMT
2006a:27). Somit wird dieser Begriff als soziologische Beschreibung
der neuen alternativen Lebensformen benutzt, die nicht unbedingt etwas mit Ehe zu tun haben. Der
Begriff ,familiär' bezieht sich dagegen eher auf die Vertrautheit innerhalb einer Familie.
2
,Lebensformen' sind z.B. allein, mit Partner, als Familie lebend etc.
3
Der Begriff ,Hochbetagte' bezeichnet Menschen ab 80 Jahren (vgl. B
I
B 2004:62).
23

3 Veränderte Wohnanforderungen einer individualisierten Gesellschaft
_______________________________________________________________________________________________
Prognosen gehen davon aus, dass sich die Bevölkerung in Deutschland, bezogen
auf 2002, bis zum Jahr 2050 um 7 Mio. Menschen (8,5%) (BiB 2004:62) oder 5
Mio. Menschen (6,1%) (B
UNDESAMT FÜR
B
AUWESEN UND
R
AUMORDNUNG
(BBR)
2006:20)
4
schrumpfen wird. Dabei werde der Anteil der älteren Bewohner von
16,7% (Jahr 2000) auf bis zu 30% (Jahr 2050) steigen und gleichzeitig der Anteil
der Hochbetagten von 4% (Jahr 2004) auf 12% (Jahr 2050)
5
anwachsen (vgl. B
I
B
2004:62).
Die Schrumpfung und Alterung der Gesamtbevölkerung führt neben der
Gefahr der sozialen Vereinsamung zu einer zunehmenden Vereinzelung der
Bevölkerung. Versorgungsprobleme sind damit vorprogrammiert. Ebenso
bedeutet eine abnehmende Bevölkerung auch sinkende Einnahmen für öffentliche
und private Institutionen. Dies wiederum verengt deren Handlungsspielraum und
führt entweder zu einem kostspieligen Rückbau der Infrastruktur oder zu einer
Erhöhung der Instandhaltungskosten pro Einwohner, wenn das bisherige Angebot
bestehen bleiben soll. Derartige Versorgungsprobleme betreffen vor allem
immobile Bevölkerungsgruppen wie Kinder, Behinderte oder ältere Menschen.
Die Veränderung der Bevölkerungszahl und Altersverteilung wird dabei regional
stark variieren, so dass das Nebeneinander der Schrumpfungs- und
Wachstumsregionen mit ihren finanziellen Problemen des Über- bzw.
Unterangebots an Infrastruktureinrichtungen und Wohnungsbeständen noch
ausdifferenzierter sein wird als heute (vgl. G
ÖSCHEL
2004; I
NSTITUT FÜR
L
ANDES
-
UND
S
TADTENTWICKLUNGSFORSCHUNG UND
B
AUWESEN DES
L
ANDES
NRW (ILS)
2002:28).
Finanzierungsprobleme entstehen durch den Bevölkerungsrückgang auch für die
sozialstaatlichen Sicherungssysteme, da ein Erwerbstätiger immer mehr
Sozialabgaben für die Unterstützung der älteren Bevölkerung aufbringen muss. So
wird für den potenziellen Unterstützungskoeffizienten
6
prognostiziert, dass 2050
für jeden Menschen über 65 Jahre nur noch knapp 2 Personen unter 65 Jahre
zuständig sein werden, 2000 waren es noch doppelt so viele (vgl. Abb. 3) (B
I
B
2004:58ff).
4
Die Prognosen unterscheiden sich nach Umfang des Einwanderungssaldos, dem Verlauf der
Lebenserwartung und der zukünftigen Geburtenzahl.
5
10. Koordinierte Bevölkerungsvorausberechnung: Variante 5 mit mittlerer Zuwanderung und
Erhöhung der Lebenserwartung.
6
Der Unterstützungskoeffizient zeigt das Verhältnis der 20- bis 64-Jährigen (die Unterstützung
geben könnten) zu den 65-Jährigen und Älteren (die Unterstützung brauchen könnten).
24

3 Veränderte Wohnanforderungen einer individualisierten Gesellschaft
_______________________________________________________________________________________________
Abbildung 3:
0
10
20
30
40
50
60
70
80
90
100
1864
1871
1910
1939 1950
2000
2050
Jahre
Prozent
Potentieller
Unterstützungsquotient
Altenquotient
Jugendquotient
Verhältnis der jüngeren und älteren Bevölkerung in Preußen, dem Deutschen Reich und der
Bundesrepublik Deutschland von 1864-2000 und Prognose für 2050
Eigene Darstellung nach B
I
B 2004:59.
Da die sozialstaatliche Absicherung für Ältere und Pflegebedürftige weiter
abnimmt, müsste die Versorgung und Pflege, wofür bisher hauptsächlich die
Töchter und Schwiegertöchter der Betroffenen zuständig waren, noch mehr als
bisher durch private Pflege organisiert werden. Die Verfügbarkeit der o.g.
Pflegerinnen wird durch die zunehmende Berufstätigkeit und der abnehmenden
Zahl potenzieller Kinder und Schwiegerkinder jedoch seltener (vgl. K
ARL
2003).
3.3
Die Entwicklung neuer Lebens- und Haushaltsformen
Zeitgleich mit der Veränderung der Generationenstruktur ist ein tief greifender
Wandel der Verteilung von Lebens- und Haushaltsformen
7
zu erkennen. Dies
zeigt sich insbesondere in einem Rückgang der Haushaltsgröße und der Anzahl
zusammenlebender Generationen. Zusätzlich wird die Versorgungsmöglichkeit
älterer Menschen, aber auch der Alltag von Familien, erschwert.
Im Verlauf der Individualisierung ist eine abnehmende Dominanz der
Kleinfamilie und die Zunahme alternativer Lebensformen mit individualisierten
weiblichen Biografien (vgl. H
RADIL
2004) zu beobachten. Der Wandel der
Geschlechterrollen führte zu einem veränderten Selbstverständnis der Frau (vgl.
7
,Lebensform' bezeichnet die Form gemeinschaftlichen Zusammenlebens (Paar mit Kindern, Paar
ohne Kinder, Alleinstehend), ein ,Haushal't ist dagegen durch gemeinsames Leben und
Wirtschaften der Mitglieder gekennzeichnet (vgl. BBR 2006:40).
25

3 Veränderte Wohnanforderungen einer individualisierten Gesellschaft
_______________________________________________________________________________________________
A
NDRITZKY
1999:662), was sich nicht zuletzt in ihrer zunehmenden
Erwerbstätigkeit zeigt, die wiederum die Entwicklung neuer Lebens- und
Haushaltsformen fördert. Das Motiv für das Zusammenleben ist immer mehr die
emotionale Bindung und immer weniger die ökonomische Abhängigkeit. Das
betrifft sowohl die Abhängigkeit des Einzelnen von der Großfamilie als auch
diejenige der Frau vom Mann und führt schließlich zu häufigerem Wechsel
zwischen verschiedenen Haushalts- sowie Familienformen innerhalb eines
Lebensverlaufes (vgl. G
LATZER
2001: 219).
Zwar lebt in Deutschland immer noch der größte Bevölkerungsanteil (52,9%) in
familialen Lebensformen, doch der Trend zur Verkleinerung der Haushalte und
Abnahme der Generationen ,unter einem Dach' ist zu erkennen (vgl. Abb. 4). Die
durchschnittliche Größe lag 2005 nur noch bei 2,11 Personen pro Haushalt; im
Gegensatz dazu waren es 1991 noch 2,27 Personen. Mehr als ein Drittel aller
Haushalte (37,5%) waren 2005 Einpersonenhaushalte und nur noch knapp ein
Drittel aller Haushalte bestand aus Menschen unterschiedlicher Generationen
(32%). 2005 lebte etwa die Hälfte der Bevölkerung in einer Familie, also als
Elternteil oder minderjähriges Kind. Ein gutes Viertel lebte in einer
Paargemeinschaft ohne Kinder und die übrige Bevölkerung als Alleinstehende,
überwiegend in Einpersonenhaushalten. Verglichen mit 1996 hat sich der Anteil
der kinderlosen Paare und Alleinstehenden jeweils um knapp 2 Prozentpunkte
erhöht. Nur noch in jedem 4. Haushalt leben minderjährige Kinder, in lediglich
etwa jedem 14. Haushalt leben Senioren gemeinsam mit Jüngeren, und jeder 5.
Haushalt besteht ausschließlich aus Senioren. Damit liegt der Anteil reiner
Seniorenhaushalte um zwei Prozentpunkte höher als 1991 und wird sich aufgrund
des steigenden Anteils dieser Bevölkerungsgruppe weiter erhöhen (Daten:
Mikrozensus 2005, S
TATISTISCHES
B
UNDESAMT
2006a).
26

3 Veränderte Wohnanforderungen einer individualisierten Gesellschaft
_______________________________________________________________________________________________
Abbildung 4:
Entwicklung der Einpersonenhaushalte und der Haushaltsgröße in Deutschland 1991 ­ 2005
0,0
2,0
4,0
6,0
8,0
10,0
12,0
14,0
16,0
18,0
20,0
19
91
19
93
19
95
19
97
19
99
20
01
20
03
20
05
Jahre
P
r
o
zen
t
2,0
2,1
2,1
2,2
2,2
2,3
2,3
P
ers
o
n
en
j
e
H
a
u
sh
a
lt
Einpersonenhaushalte
Durchschnittliche
Haushaltsgröße
Eigene Berechnung nach S
TATISTISCHES
B
UNDESAMT
2006b.
Es ist eine allmähliche Verschiebung des Anteils traditioneller Lebensformen
(Ehepaar mit Kindern) zu einem wachsenden Anteil neuartiger Familien- und
Haushaltskonstellationen (z.B. Alleinerziehende, Lebensgemeinschaften mit
Kindern) zu erkennen, was zu neuen sozialen Netzwerken führt (vgl.
H
UININK
/W
AGNER
1998: 103ff, R
ICHTER
2005). Das Zusammenleben als Ehepaar
mit Kindern ist zwar immer noch die ,normale' Lebensform, sodass innerhalb der
Familienformen deutlich die traditionelle Familie mit 74% dominiert, doch der
Anteil alternativer Familienformen ist seit 1996 um fünf Prozentpunkte gestiegen
und stellt damit 2005 bereits ein Viertel (26%) aller Familien (Daten:
Mikrozensus 2005, S
TATISTISCHES
B
UNDESAMT
2006a:27). Zwar war die Vielfalt
gemeinschaftlicher Lebensformen in Deutschland bereits im 20. Jh. ähnlich groß
wie heute
8
, der entscheidende Aspekt jedoch ist, dass die heutigen Familien- und
Lebensformen nicht länger als unvollständige Familien, sondern als gewünschte
Lebensform gelten (vgl. B
RECH
1999:85; F
EDROWITZ
/G
AILING
2003:25). In
diesem Sinne kann die gestiegene Verbreitung unterschiedlicher Lebens- und
Familienformen abseits der traditionellen Familie als quantitativ pluralisiert
9
(vgl.
8
Nach Untersuchungen von H
UININK
und W
AGNER
(1998) weist vielmehr die Verteilung der
Lebensformen der 1950er und 60er Jahre eine ungewöhnliche Homogenität auf (vgl. ebd.:90ff).
9
Pluralisierung meint hier eigentlich ,,distributive Heterogenität", also Verteilung auf die
Lebensformen. Die Heterogenität ist minimal, wenn alle Untersuchungseinheiten einer
Lebensform angehören und maximal, wenn sie gleichmäßig auf verschiedene Formen verteilt sind.
27
Ende der Leseprobe aus 144 Seiten

Details

Titel
Wohnen im Wandel: Kollektives Wohnen in einer individualisierten Gesellschaft
Untertitel
Eine sozialgeographische Analyse mit praxisorientierter Perspektive
Hochschule
Universität zu Köln
Note
1
Autor
Jahr
2006
Seiten
144
Katalognummer
V186361
ISBN (eBook)
9783869437545
ISBN (Buch)
9783869431352
Dateigröße
2885 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
wohnen, wandel, kollektives, gesellschaft, eine, analyse, perspektive
Arbeit zitieren
Celine Zahn (Autor), 2006, Wohnen im Wandel: Kollektives Wohnen in einer individualisierten Gesellschaft, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/186361

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