Kinderlose Akademiker


Studienarbeit, 2008

116 Seiten


Leseprobe

Inhalt

Einleitung

Erster Teil Beispielbiografien Teil I
Karin und Ernst
Dieter
Tanja und Steffen
Armin und Christine
Susanne und Martin
Walter
Maja und Thomas
Franka und Joachim

Zweiter Teil Einblick
Kinderlosigkeit - ein Frauenthema?
Kinderlosigkeit - ein Finanzproblem?
Kinder bekommen - Kinder haben
Lebensentwürfe
Kinder haben - Eltern sein
Rollenbilder
Die Jammerkultur
Angst vor der Verantwortung?
Angst vor dem Alleinsein
Lebensplanung und Gesellschaft
Familie versus Zweck-orientierte Handlungszusammenhänge
Elternschaft und Partnerschaft
Das Ruder rumreißen
Die Junggebliebenen
Wer will wen?
Widerfahrnis versus Behandlung
Der Traumpartner
Theorie vom gemeinsamen Dritten
Kuckuckskinder
Anspruchsdenken
Früher war alles einfacher
Der Kinderwunsch
Geschlechterrollenverhältnis
Das Entelechie-Prinzip
Zeugen und erzeugen
Der Subjektstatus

Dritter Teil Beispielbiografien Teil II - Zwei Jahre später
Karin und Ernst
Dieter und Ines
Tanja, Steffen und Josephine
Armin und Christine
Susanne und Martin
Walter und Ingeborg
Maja und Werner
Franka und Joachim

Vierter Teil Ausblick
Fazit
Versuch der Gelassenheit
Blick auf die Sicht des Kindes
Individuum versus Gesellschaft

Register

Einleitung

Die Kinderlosigkeit bei Akademikerinnen, so wird dieser Zustand auf den Punkt gebracht, beträgt ca. 45 Prozent, Tendenz steigend. Doch damit ist auch die Kinderlosigkeit der Akademiker, der Männer gemeint. Schließlich ist es doch die Regel, dass Akademikerinnen mit Partnern zusammen leben, die ebenfalls studiert haben. Und wer sich umschaut, stellt fest, dass es ein beherrschendes Thema, oder auch Reizthema der studierten Generation von Mitte dreißig bis vierzig ist.

Wer im Alter von zwanzig bis dreißig Jahren schwanger wird und studiert, oder bereits zu Ende studiert hat, ist fein raus, so könnte man meinen. Zumindest ist drohende oder tatsächliche Kinderlosigkeit bei diesen Jahrgängen kein Thema. Man hat noch alle Zeit der Welt und anderes ist wichtiger. Außerdem tickt die biologische Uhr noch nicht. So startet der Countdown erfahrungsgemäß mit dem dreißigsten Geburtstag. Mit dieser altersmäßigen Zäsur, der endgültigen Verabschiedung von der Jugend, setzt sich langsam in den Köpfen ein Prozess in Gang, der mehr und mehr zu einem quälenden Zustand wird. Zuerst spüren es die Frauen, mit ein paar Jahren Verzögerung dann aber auch die Männer. Es stellt sich die Frage nach dem richtigen Zeitpunkt für Kinder, oder sollte man ehrlicherweise sagen: für das eine Kind? Denn zu viel mehr Nachwuchs bringen es die Studierten von heute oft nicht. So beträgt die durchschnittliche Kinderzahl pro Familie nicht einmal mehr 1,4 Kinder. Auf fünf Paare kommen also sieben Kinder. Deutlich weniger sind es noch einmal bei den Akademikerinnen und Akademikern.

Bei dem Themenkomplex der akademischen Kinderlosigkeit handelt sich auch nicht gerade um ein tot geschwiegenes Thema, ganz und gar nicht. In den Medien sowie in der Politik ist es allgegenwärtig und trotz aller Bemühungen ist kein Umkehrprozess des Kindermangels in Sicht. Wie bei vielen Themen zeigt sich auch hier, dass zwischen der gesellschaftlichen Diskussion und den persönlichen Biografien der Betroffenen, die natürlich auch Teilnehmer der Diskussion sind, ein tiefer Graben verläuft. Jeder fragt sich, wo die Betroffenen sind und warum sie nicht handeln, denn schließlich sind wir es doch selbst.

Die Lösung des Problems liegt scheinbar zum Greifen nahe und trotzdem wird sie nicht ergriffen - oder kann sie gar nicht ergriffen werden? Wo liegen die Ursachen für diesen gesellschaftlichen Umstand, der bei genauerem Hinsehen das statistische Mittel aus vielen Biografien ist, in denen aus unterschiedlichen Gründen der Mangel an Nachwuchs nicht behoben wird.

Um sich nicht im Abstrakten zu verlieren, werden in einem ersten Teil des Buches konkrete Biografien vorgestellt, wie sie vorkommen oder vorgekommen sind. Die in den Medien oft genannten Gründe Karriere und Flexibilität bleiben ausgespart, um nicht oft Wiederholtes erneut zu benennen. Mit hoher Wahrscheinlichkeit liegen die wahren Gründe tiefer und das berufliche Fortkommen, und die damit oft verbundene Mobilität, sind bereits Symptome einer kinderlosen Lebensweise und nicht primär ihre Ursache.

Im zweiten Teil des Buches werden die angerissenen Ursachen für die akademische Kinderlosigkeit eingehender diskutiert und es wird der Versuch unternommen, die Gründe und Hintergründe dafür jeweils zu beleuchten. Dabei sollen jedoch keine konkreten Handlungsanweisungen zur Aufhebung von Kinderlosigkeit gegeben werden. Ich möchte vielmehr unterschiedliche gedankliche Ansätze ausführen, die eine Hilfestellung zur Ermittlung der eigenen Position liefern können, um in mancher Hinsicht von der eindimensionalen Berichterstattung der Tagespresse weg zu kommen. Dazu werden einige Ausflüge in die philosophische Gedankenwelt der Neuzeit und der Gegenwart unternommen, um frischen Wind in die oft fest gefahrenen Denkmuster zu bringen. Dabei wird auch manche gängige Ansicht oder Äußerung auf den Kopf gestellt. Auf sich schnell überholendes Faktenmaterial wird weitgehend verzichtet, es geht vielmehr darum die Gefühle und Gedanken der Betroffenen zu reflektieren und mit ein bisschen Glück sich selbst wieder zu finden - was natürlich nicht heißt, dass Eltern dieses Buch nicht lesen sollten.

Eines allerdings kann schon vorweg genommen werden, dass nämlich der akademische Kindermangel ein für alle gut sichtbares Symptom des Zustands unserer Gesellschaft ist. Im Folgenden werden wir also genau zu trennen haben zwischen den individuellen Entscheidungen und den damit verbundenen Auswirkungen auf unser Gesellschaftssystem, wobei der Schwerpunkt der Betrachtungen deutlich auf die Individuen gelegt wird.

In einem dritten Teil kehren wir zurück zu den Beispielbiografien und sehen einmal nach, ob sich nach zweijähriger schriftstellerischer Arbeit bei den kinderlosen Akademikern Nachwuchs eingestellt hat, oder ob Schritte unternommen worden sind, die eine Familiengründung in greifbare Nähe rücken lassen.

Schließlich wird in einem vierten Teil versucht, zu einem Ergebnis der Betrachtungen zu kommen. Dass das nicht leicht ist, zeigt sich auch daran, dass es das kürzeste Kapitel des Buches ist. Ich werde mein vorläufiges Fazit ziehen und stelle es zur Diskussion. Virulent ist das Thema allemal durch seine Relevanz und Präsenz, aber lösen muss es jeder für sich und nicht zuletzt - zu zweit!

Kleine Kinder - kleine Probleme

Große Kinder - große Probleme

Keine Kinder - keine Probleme?

Beispielbiografien Teil I

Karin und Ernst

Karin ist intelligent, zielstrebig, selbstbewusst und hatte stets mit sehr guten Noten und in kurzer Zeit ihr naturwissenschaftliches Studium absolviert. Nach einer sehr zügig angefertigten Dissertation schloss sich eine Ausbildung zur Patentanwältin an, mit anschließender Gründung einer Kanzlei. Mit Mitte dreißig war sie bereits ihre eigene Chefin und das Geschäft lief gut an.

Ernst ist etliche Jahre älter und war lange Jahre ein erfolgreicher Geschäftsmann. Auf Grund der allgemein stagnierenden wirtschaftlichen Situation bekam er eines Tages keine Aufträge mehr, so dass sich seine Aktivitäten mehr und mehr in den häuslichen Bereich verlagerten. Karin verdient heute sehr viel Geld und die Rahmenbedingungen für die Gründung einer Kleinfamilie sind gut. Diese wenigen Eckdaten sollen lediglich den groben Umriss liefern, um zu zeigen, dass die materiellen Voraussetzungen absolut gegeben sind.

Für Karin war immer klar, dass mit einem wesentlich älteren Mann das Standardmodell der Familiengründung nicht unbedingt gilt, auch hatte sich bei Ernst die Einsicht durchgesetzt, dass die Betreuung von Nachwuchs, wenn er sich einstellt, zu einem guten Teil ihm zufallen wird. Einfach deswegen, weil sie wesentlich leichter und mehr Geld pro Zeiteinheit verdient.

Nachdem sie fünf Jahre verheiratet waren, hatten sie beide den Wunsch, ein Kinder zu bekommen und nach dem Kauf einer großen, durchaus noblen Wohnung und damit verbunden einer räumlichen Festlegung auf die Großstadt, waren die Voraussetzungen für ein Familienheim gegeben. Monat für Monat hofften sie, dass Karin schwanger werden würde, jedoch stellte sich kein Nachwuchs ein. Langsam kamen den beiden Zweifel, ob der Wille zum Kind alleine schon ausreicht, sie zweifelten aber noch nicht an der prinzipiellen Möglichkeit ein Kind zu bekommen, obwohl Ernst mittlerweile das Vorruhestandsalter erreicht hatte. Und haben nicht genügend Prominente aus Film und Fernsehen gezeigt, dass es prinzipiell möglich ist als Mann im fortgeschrittenen Alter noch Kinder zu bekommen?

Nach einiger Zeit stellte sich Karin jedoch die Frage, ob es normal ist, dass es solange dauert, bis sich eine Schwangerschaft einstellt. So suchten sie und Ernst Rat in der Reproduktionsmedizin. Diese Einrichtungen sind mittlerweile ziemlich frequentiert von kinderlosen Paaren. Nach mehreren eingehenden Untersuchungen beider mit der Diagnose, dass es prinzipiell schon möglich sein müsste, Kinder zu bekommen, waren sie zunächst beruhigt. Monate später jedoch, als sich immer noch nichts tat, begannen dann sukzessive verschiedene Methoden der assistierten Kinderwunschbehandlung.

Verschiedene medizinische Interventionen wie Hormongaben bei ihr, sowie Aufreinigung und Aufkonzentrierung von Ejakulat bei ihm, brachten jedoch nicht den gewünschten Erfolg. Schließlich standen einige Ei-Entnahmen mit anschließender In-vitro-Befruchtung an. Aber die körperlichen und psychischen Strapazen führten auch nicht zu dem gewünschten Ergebnis - obwohl bei viermaliger Durchführung die Erfolgsquote im statistischen Mittel bei 40-60 Prozent liegt. Das klingt zunächst ermunternd und nicht selten sieht man frisch gebackene ältere Mütter und Väter mit Zwillingen im Kinderwagen in den Fußgängerzonen. Sofort denkt man an künstliche Befruchtung, weil Mehrlingsgeburten auf Grund der Implantation mehrere befruchteter Eizellen nicht selten sind. Die Zwillingsquote steigt dabei logischerweise an. Aber fünfzig Prozent bedeutet eben auch, dass fünfzig Prozent der Paare keine Kinder bekommen.

Obwohl Karin und Ernst nun mittlerweile nach dem durch die Ärzte vorgegebenen Rhythmus leben, ist sie nicht schwanger geworden. Woran liegt es nun? Liegt es daran, dass Ernst bereits zu alt ist? Sicherlich kommt das erschwerend hinzu. Liegt es vielleicht aber auch an ihr?

Begleitet wurden die Schwangerschaftsversuche durch diverse Krisen. Man muss es aushalten können, dass der Liebesakt zum technischen Akt wird. Es ist eine Belastung, dass die Wochentage, die Arztbesuche, die Einladungen bei Freunden, die Kurzbesuche an Wochenenden und die Geschäftsreisen am Termin des Eisprungs ausgerichtet werden müssen.

Für Außenstehende wird mit der Zeit klar, dass dieses Paar den Belastungen eines Alltags mit Kindern sicherlich gewachsen sein würde. Es ist schon eine Leistung, dass das ganze Projekt und die Beziehung nicht an gegenseitigen Schuldzuweisungen zugrunde geht. Es sei an dieser Stelle erwähnt, dass Kinderlose nun höhere Abgaben an die Staatskasse leisten müssen, da sie später mangels eigener Kinder der Allgemeinheit eher zur Last zu fallen drohen. Hinzu kommt, dass die medizinischen Eingriffe nicht mehr in voller Höhe von der Krankenkasse übernommen werden, was auch prompt zu einer rapiden Abnahme der Anzahl künstlicher Befruchtungen geführt hat. Beides soll hier aber nicht weiter diskutiert werden, da das Haushaltseinkommen der beiden weit über dem Durchschnitt liegt und sie sich die teuren Behandlungen leisten können.

Warum nun stellt sich eine Schwangerschaft nicht ein? Ganz genau wird man es mit Sicherheit nie erfahren, aber nachdem nun etliche Ärzte konsultiert worden sind, liegt der Verdacht nahe, dass es ein immunologisches Problem gibt. Die Immunsysteme der beiden sind sich wahrscheinlich zu ähnlich. Dies führt dann dazu, dass die implantierte befruchtete Eizelle vom weiblichen Organismus nicht als solche erkannt und schließlich resorbiert wird. Dieses Phänomen ist wissenschaftlich allerdings erst in den Anfängen verstanden und noch nicht eingehend aufgeklärt, geschweige denn einer Lösung zugeführt worden.

Was wird nun mit Karin und Ernst? Nach diversen Versuchen haben sie eingesehen, dass es auf natürlichem und künstlichem Wege wohl nicht zu klappen scheint. Welche Möglichkeiten bleiben nun, um ein Kind zu bekommen?

Eine Adoption ist kein Thema und selbst wenn, es würde wahrscheinlich Probleme geben, da die Altersdifferenz zwischen den Eltern und dem adoptierten Kind nicht mehr als vierzig Jahre betragen sollte. Die Möglichkeit der Vermittlung könnte somit auf Grund des Alters von Ernst nicht mehr geprüft werden. Es darf natürlich auch nicht vergessen werden, dass immerhin eine kleine Chance besteht, doch noch schwanger zu werden. Die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt.

Dieter

Dieter ist mittlerweile Ende dreißig und wieder einmal Single. Bei vielen Gesprächen mit Freunden und Betroffenen drängt sich ihm immer wieder ein Satz auf, der an dieser Stelle zitiert werden soll:

Weit vor einer möglichen Kinderwunschbehandlung sollte vielleicht eine

'Partnerwunschbehandlung' stehen. Dieses Wort-Spiel ist jedoch bei näherem Hinsehen gar nicht mehr so witzig, denn eine bestehende Partnerschaft ist schließlich immer noch die elementare Voraussetzung für die Realisierung eines Kinderwunschs.

Dieter hat nach dem Physik-Studium über Flüssigkristalle für Flachbildschirme promoviert und eine gut bezahlte Anstellung in der Industrie angenommen. Nach einem Wechsel arbeitet er nun in einer Firma, die seinen Vorstellungen von einem erfüllten beruflichen Alltag voll und ganz entspricht. Nebenher ist er als Autor tätig und hat es binnen kurzer Zeit geschafft mit renommierten Persönlichkeiten der Fachwelt gemeinsame Projekte zu bearbeiten. Ergänzend hat er noch Zeit gefunden seinem Interesse an Kunstgeschichte im Rahmen eines Fernstudiums nachzugehen.

Seit einiger Zeit setzt auch er sich mit der Frage auseinander, ob er eine Frau heiraten und Kinder haben möchte. Vielleicht liegt es daran, dass er beruflich viel von dem erreicht hat, was er wollte, vielleicht ist es aber auch das Bedürfnis, das Erreichte eines Tages weitergeben zu können. Wie so oft bei Akademikern haben die Umstände während des Studiums und der Promotion erst gar keinen Gedanken an eine langjährige, feste Partnerschaft aufkommen lassen. Die Partnerinnen stellten sich spontan ein, die Partnerschaften dauerten unterschiedlich lang und waren auch unterschiedlich intensiv. Neben einer mehrjährigen Fernbeziehung ist Dieter auch zweimal mit Freundinnen zusammen gezogen. Allerdings scheiterten diese Beziehungen an den Reibereien im Alltag und so ging man wieder auseinander. Im Rückblick ist ihm klar geworden, dass er immer mehr auf der Suche nach einer Liebesbeziehung war und weniger an eine Familiengründung dachte. Gegenwärtiges Glück war ihm lange Jahre wichtiger als eine geplante Zukunft.

Da mittlerweile der feste Arbeitsplatz und das berufliche Fortkommen der Freunde und Bekannten dazu führten, dass man nicht mehr so viele neue Gesichter sah, hatte Dieter begonnen auf Kontaktanzeigen in Zeitungen zu antworten. Was zunächst aus reinem Interesse passierte, war dann doch schnell von der Ernsthaftigkeit einer Partnersuche geprägt. Ein Kontakt ist meist schnell hergestellt und hatten Kontaktanzeigen früher vielleicht einen negativen Beigeschmack, ist dies heute anders. Man kommt schnell ins Gespräch, kann sich in der Regel auch nach relativ kurzer Zeit des Schreibens oder Telefonierens treffen und beschnuppern.

Interessant sind vor allem die verschiedenen Charaktere, die man auf diese Art und Weise trifft. Es gibt kaum eine Situation, die einem so viel an Flexibilität abverlangt, wie das Aufeinandertreffen zweier sich unbekannter Personen mit eindeutiger Absicht. Beide wissen voneinander - abgesehen von ein paar Fakten - lediglich, dass sie alleinstehend sind. Und so wie man nach mehreren Treffen mit unterschiedlichen Personen feststellt, dass die vorher ausgetauschten Fotos immer optimiert sind, so wird einem auch allmählich klar, wie viele Personen auf dem herkömmlichen Weg des Kennenlernens bereits visuell ausgeblendet werden. Neben der Körpergröße, der Haarfarbe, des Dialekts, den Proportionen, der Bewegung und vielem anderen merkt man erst, was alles bei einer Partnerin stimmen muss. Was Dieter jedoch bei den vielen Treffen aufgefallen ist, dass die Erfüllung eines Kinderwunsches mit zunehmendem Alter einen immer höheren Stellenwert einnimmt - nicht nur bei den Frauen übrigens. Unisono gehört die Gründung einer Familie zu den häufig formulierten Anliegen, es existiert also durchaus immer noch die Vorstellung, dass das Ziel oder der Sinn des Lebens darin zu suchen ist, eigene Kinder in die Welt zu setzen. Es scheint eine tiefe Sehnsucht nach Nachwuchs zu bestehen, die sehr häufig als Suchkriterium in Kontaktanzeigen gerade von Akademikerinnen auch explizit angesprochen wird. So kann ein Mann die Anzahl der Zuschriften auf seine Anzeige deutlich erhöhen, wenn er schreibt, dass er sich Kinder wünscht.

Dieter hat sich öfters gefragt, ob es wohl eine gravierende Fehlentscheidung in seinem zurück liegenden Leben gegeben hat, die dazu führte, dass er heute wieder solo und immer noch kinderlos ist. Obwohl er nicht der Typ ist, der entscheidungsschwach ist oder nicht zu seinen früher getroffenen Entscheidungen steht, fragt er sich dennoch, ob es nicht ein wesentliches Datum in seinem Leben gab, wo er eine Tür unumkehrbar zugeschlagen hat. Aber trotz einiger mit Zweifeln durchsetzten Überlegungen kommt er zu dem Schluss, dass dem nicht so ist. Sicherlich, es gab vielleicht zwei, drei Umstände, wo man durch das Retten einer Partnerschaft heute eine andere Konstellation vorliegen hätte, aber es lag ja nie an nur einer konkreten Situation, es war immer die Schieflage einer Beziehung in ihrer Gesamtheit. Im Rückblick aber könnte Dieter heute nicht sagen, ob eine seiner vergangenen Beziehungen so entwicklungsfähig gewesen wäre, dass Kinder aus ihr hätten hervor gehen können. Aber natürlich gilt auch hier, dass Entwicklungen immer in einem geschichtlichen Kontext zu sehen sind. Es gibt meist nicht das singuläre Ereignis, an dem sich alles entscheidet. Trennungen passieren nicht einfach so, sie haben ihren Grund, der immer bei beiden Partnern zu suchen ist.

Ist es also schlimm, wenn man nicht in einer engen, auf Zukunft angelegten Beziehung zu jemandem steht? Je älter Dieter wird, desto mehr fragt er sich das. Ist man denn zu jeder Zeit in der Falle, dass immer das, was man gerade nicht hat, mehr und besser erscheint als der gegenwärtige Zustand? Ist nicht die Utopie der Zufriedenheit immer automatisch komplementär zum gegenwärtigen Zustand - egal zu welchem?

Es ist gar nicht so einfach, vor sich selbst und seiner Umwelt zurück zu treten und sich klar zu machen, dass der Status quo eigentlich kein schlechter ist. Und so freut sich Dieter daran, dass er seinen Interessen und Hobbies intensiv nachgehen kann, ohne durch unvorhersehbare, störende Ereignisse beeinträchtigt zu sein. Während junge Eltern darüber klagen, dass sie oft Wochen oder Monate lang nicht zu sich selbst kommen und zu dem, was sie persönlich interessieren würde, kann er sich intensiv um sein persönliches Vorankommen kümmern.

Sicherlich hat jeder Lebensumstand seine guten und weniger guten Seiten, keinesfalls aber muss man Dieter bedauern, dass er alleine ist. Natürlich kann man, wenn man Single ist, nicht alle Potentiale des Lebensglücks voll ausschöpfen, aber man erspart sich auch so manche Enttäuschung, die aus einer Partnerschaft resultieren kann.

Eins ist ihm aber klar geworden, nicht zuletzt auch durch viele Gespräche mit Freunden und etliche Kontakte mit Frauen, die eine neue Beziehung eingehen wollen, dass man ehrlich zu sich selbst sein muss. Man muss sich ehrlich fragen und trennen können, was für einen selbst wichtig ist und was von der Gesellschaft als wichtig, sprich erstrebenswert angesehen wird. Wir kommen noch an etlichen anderen Stellen zu der Frage der Einflussnahme der Gesellschaft auf den persönlichen Wertekatalog.

Nachdem Dieter klar geworden war, welche Form der Beziehungsführung für ihn nicht erstrebenswert ist, fragt er sich natürlich schon, ob die Familiengründung überhaupt ein erstrebenswertes Lebensziel ist - wenn nicht gar das einzige? Gehört es zum unumstößlichen Seinscharakter menschlichen Lebens, zur Grundstruktur jedes Daseins, dass man Kinder bekommt? Diese Frage wird meist diskutiert, wenn es um das Bild der Frau geht. Aber natürlich stellt sich Dieter diese Frage auch als Mann mit der Möglichkeit zur Vaterschaft.

So schwankt er immer hin und her zwischen dem Prinzip Hoffnung und einer Heuristik der Furcht. Zum einen ist da die Freude sich auf Unbekanntes einzulassen, zum anderen existiert aber auch eine voraus eilende Skepsis vor dem Hintergrund der gesammelten Erfahrungen. Dieses ambivalente Gefühl ist im Übrigen bei vielen Akademikerinnen und Akademikern vorhanden und wird uns noch so manches Mal in diesem Buch begegnen. Dieter nutzt also die Zeit der Unabhängigkeit, um diverse Projekte weiter voran zu bringen und setzt sich mit dem Gedanken auseinander, ob es möglich ist, ohne eigene Kinder glücklich zu sein oder nicht. Dass die Zuspitzung auf diese - zugegebenermaßen - theoretische Betrachtung durchaus ihre Berechtigung hat, werden wir noch öfters fest stellen. Jeder, der Kinder hat, wird nun sagen, dass das keine Frage des Kalküls ist. Wir reden aber in diesem Buch von Menschen, die keine Kinder haben und denen folglich nur der Versuch bleibt, sich mit Vorahnungen oder Vorstellungen der Thematik zu nähern. In diesem Sinne also setzt sich Dieter mit dieser Frage in der Planung seiner persönlichen Zukunft auseinander und reflektiert seine Umgebung.

Tanja und Steffen

Tanja ist Tierärztin und liebt die Alpen. In der Zeit nach ihrem Studium hat sie jede freie Minute in den Bergen verbracht, sei es zum Klettern, zum Bergwandern oder auf Skitouren. Mittlerweile geht sie auf vierzig zu und hegt seit einiger Zeit einen Kinderwunsch, der sich seit einer Fehlgeburt immer mehr in den Vordergrund drängt. Es gibt Tage, an denen sie ziemlich deprimiert ist, weil sich ein unentwirrbarer Knoten verschiedener, einander widersprechender Interessen auftut. Sie hat einen Job, der sie erfüllt, jedoch gute vierhundert Kilometer entfernt von ihrer Heimatstadt liegt, und der sie zum wöchentlichen Pendeln mit dem Auto oder der Bahn zwingt. Ihre Beziehung mit Steffen läuft gut, muss jedoch auch einiges aushalten. Sie hat zwei Freundeskreise und zwei Wohnorte, und richtig zuhause ist sie nirgendwo. Tanja war allerdings nach einer kurzen Arbeitslosigkeit gezwungen eine Tätigkeit anzunehmen ohne sich den Ort genau aussuchen zu können.

Ein Ereignis, das diesen unbefriedigenden Übergangszustand auflösen könnte, ohne dass sie ein schlechtes Gewissen haben müsste sich beruflich etwas bewusst verbaut zu haben, wäre eine Schwangerschaft. Der Ausstieg aus der erfüllenden beruflichen Tätigkeit wäre damit einfacher, weil sie einen guten und objektiven Grund hätte mit ihrem Freund an einem gemeinsamen Wohnort und auch mit anschließendem gemeinsamen Arbeitsort nach der Babypause zu wohnen. Der Job wäre zwar aufgegeben, aber der erfüllte Kinderwunsch hätte den entscheidenden Schritt erleichtert.

Was sie am meisten frustriert, ist die Tatsache, dass der Körper, je drängender der Kinderwunsch wird, sich dieser Erfüllung immer mehr zu verschließen scheint. So kommt es ihr vor, dass gerade die Unerwartetheit einer Schwangerschaft diese fördert. Das monatliche Hoffen und Bangen, das sich dann zwei Wochen später wieder als vergebens herausstellt, ist eine arge Belastung für sie. Hinzu kommt, dass die fruchtbaren Tage nicht immer auf ein Wochenende fallen, sondern der

Körper seinen eigenen Rhythmus hat. Es ist also in mancher Hinsicht auch eine gute Portion Glück, wenn sich mit Urlaubstagen ein Beisammensein einrichten lässt, falls nicht anderes, seien es Krankheiten, Dienstreisen oder private Verpflichtungen sich dazwischen drängen.

War der Kinderwunsch immer schon latent vorhanden, so scheint eine nicht beendete Schwangerschaft diesen noch zu verstärken. Die Psyche und wie es scheint auch der Körper drängen nach erneuter Herstellung dieses Zustandes. Und so passiert es, dass beim Anblick einer schwangeren Kollegin sich Traurigkeit und Mutlosigkeit einstellen. Der Wunsch nach Erfüllung wird so groß, dass es Tage gibt, an denen Tanja völlig neben sich steht, an denen Kleinigkeiten ausreichen, um zu verzweifeln und in Tränen auszubrechen. Die Hormone spielen ihr eigenes Spiel mit ihr. Dass all dies im psychosomatischen Zusammenspiel auch nicht förderlich für eine Empfängnis ist, scheint nahe liegend. Dazu kommt die Angst, dass es möglicherweise gar nicht mehr klappt mit dem eigenen Kind, oder dass Probleme bezüglich der Gesundheit des Kindes auftreten. Schließlich nimmt das Risiko erblicher Belastungen ab Mitte dreißig stark zu und die Möglichkeiten der Vorsorge gereichen wahrlich nicht zur Beruhigung. Schließlich stellt sich auch ganz klar die Frage, wie sie und Steffen handeln würden, wenn ein Ultraschallbild oder ein Blutwert auf eine Fehlbildung hinweist. Würden sie zu einem Kind, das beispielsweise eine Trisomie diagnostiziert bekam, stehen können? Zusätzlich besteht die Unsicherheit, dass in nicht wenigen Fällen eine schlechte Prognose zu Schwangerschaftsabbrüchen führt, die sich im Nachhinein als ungerechtfertigt heraus stellen.

Mittlerweile denkt sie oft darüber nach, warum die Intensität des Kinderwunsches in einem reziproken Verhältnis zu seiner Erfüllbarkeit zu stehen scheint, warum es ihr vorkommt, dass der Körper sich, je drängender sie den Wunsch für sich formuliert, immer mehr zurücknimmt und die Erfüllung ablehnt. Dies ist ja ein Phänomen, was vielfach beobachtet wird. Paare arbeiten Jahre lang intensiv auf ein gemeinsames Kind hin, ohne dass es klappt, und in dem Moment, wo sie ihre Erwartung aufgegeben oder beispielsweise ein Kind adoptiert haben, tritt das erwünschte Ereignis ein.

Tanja neigt nicht zu religiösen oder esoterischen Erklärungen für dieses Phänomen, wenngleich sich so etwas wie Schicksal für eine Erklärung durchaus eignet. Mittlerweile kann sie sich jedoch vorstellen, dass es auch ein Leben ohne eigenes Kind geben kann. Was bleibt ihr auch anderes übrig, denn erzwingen lässt sich die Mutterschaft nicht und mit dem Gedanken, dass sie und ihr Freund einen ähnlichen Weg wie Karin und Ernst einschlagen müssten, nämlich die gezielte Kinderwunschbehandlung anzustoßen, kann sie sich nicht anfreunden. Dazu ist letztlich ihr Freiheitsdrang doch zu groß, denn ihr ist natürlich schon bewusst, dass sie zumindest in der Anfangszeit ihre Aktivitäten in den Bergen stark einschränken muss. Aber das letzte Wort ist ja noch nicht gesprochen.

Armin und Christine

Armin und Christine haben Chemie studiert, im Anschluss promoviert und sind Mitte dreißig. Sie kennen sich seit einigen Jahren und besitzen ein großes Haus mit großzügigem Garten. Ein potentielles Kinderzimmer ist auch schon vorhanden und ein Architekt hat bei der Erstellung des Grundrisses die Bedürfnisse einer Familie bereits eingeplant. Nachdem nun bei beiden die Karriere in der Industrie sehr gut angelaufen ist, wünschen sie sich ein Kind. Es war von Anfang an klar, dass Christine medizinische Hilfe in Anspruch nehmen muss, da sie auf Grund ihres Hormonstatus keine Empfängnis auf natürlichem Wege haben kann. Bei ihr bleibt der monatliche Eisprung aus, in der Medizin spricht man von anovulatorischen Zyklen. Dieser physiologische Umstand ist gar nicht so selten und kann durch hormonelle Behandlung aufgehoben werden.

Als sich allerdings bei Christine trotz erfolgreicher hormoneller Stimulation nach einiger Zeit immer noch keine Schwangerschaft einstellte, wurde auch Armin untersucht und der Befund war, dass er zu wenig bewegliche Spermien produziert. Ein Befund, der im Übrigen auch keine Seltenheit bei Männern ist. Die Maßnahmen, die dann in der medizinisch assistierten Befruchtung unternommen werden können, sind eine Aufkonzentrierung und Reinigung des Ejakulats und die gezielte Injektion in reife Eizellen, die der Frau unter der Narkose entnommen werden. Diese so genannte In-vitro-Fertilisation ist für die meisten kinderlosen Paare die letzte Hoffnung ein Kind zu bekommen. Dass diese Prozedur einiges an emotionaler, psychischer und physischer Stabilität erfordert und voraussetzt, wurde schon bei Karin und Ernst angesprochen.

Die medizinischen Eingriffe bei der Frau und die Abgabe des Spermas durch den Mann haben keinen Hauch mehr von Romantik, Sehnsucht und Hingabe und alle dem, was in einer Partnerschaft durch die Zeugung eines gemeinsamen Kindes im Kopf und im Herz passiert. Ganz andere Parameter gilt es plötzlich zu beachten. So erzählte Armin einmal, dass er im Winter sein Proben-Röhrchen morgens zum Arzttermin bringen musste und da es schnell gehen sollte, legte er es neben sich auf den Beifahrersitz im Auto und trat die Fahrt in aller Frühe durch den Schnee an. Als dann nach der Ankunft in der Andrologie die Konzentration und Beweglichkeit des Röhrcheninhalts im Labor untersucht wurde, wurde ihm gesagt, dass es sich nicht lohne einen Befruchtungsversuch zu unternehmen. Armin war ein wenig überrascht, da die letzten Laborwerte seines Spermas kurz vor dem Termin recht gut waren. Im Gespräch mit dem Arzt stellte sich dann heraus, dass er das Röhrchen hätte warm halten sollen, anstatt es auf den eiskalten Ledersitz neben sich zu legen.

Aber die Angelegenheit ist ernst und eignet sich eigentlich nicht für Anekdoten. Die Hauptlast und das Hauptrisiko der assistierten Befruchtung liegen bei der Frau. Bei einem Eingriff werden nach längerer Hormongabe mehrere, teilweise auch viele herangereifte Eizellen der Gebärmutter entnommen. Anschließend wird der vorbehandelte Samen vom Arzt in die einzelnen Zellen injiziert und diese dann ein bis zwei Tage in einer Nährlösung gelagert. Unter dem Mikroskop wird dann beobachtet, welche Zellen mit der Teilung beginnen, das sind die, in denen die erfolgreiche Befruchtung ihren Anfang genommen hat.

Da man der Frau unnötige Eingriffe ersparen will, werden so viele Eizellen wie möglich punktiert. Dabei entstehen natürlich mehr teilungsfähige Blastozysten, als man wieder in die Gebärmutter einbringt. Die überzähligen Zellen werden in einem frühen Verschmelzungsstadium tief gefroren im Kühlschrank gelagert und stehen somit weiteren Versuchen zur Verfügung. Sollte sich also die befruchtete Zelle im Uterus nicht einnisten, kann man die Prozedur einige Male in größeren zeitlichen Abständen wiederholen.

Armin und Christine hoffen, dass es eines Tages mit der Erfüllung des Kinderwunsches klappt, aber gerade Christine wird immer wieder von der Enttäuschung und den Selbstzweifeln eingeholt, da befreundete Paare, die in dem gleichen Alter sind, schon zum Teil das zweite Kind erwarten. Das setzt unverschuldet und ungewollt kinderlose Paare zusätzlich unter Druck und belastet sie sehr stark. Das Bangen und Hoffen nach dem Einbringen der befruchteten Zellen ist nicht nur eine seelische Belastung, sondern erfordert auch eine sehr tragfähige Beziehung, was sich so manches Paar, das auf natürlichem Wege ein Kind bekommt, gar nicht so klar macht.

Es gibt jedoch einen Begleitumstand bei dieser Art des Versuchs ein Kind zu zeugen, der nicht unerwähnt bleiben soll und der Christine auch Kopfzerbrechen bereitet. Was passiert mit den Zellen im Verschmelzungsstadium, wenn eine Schwangerschaft erfolgreich zu Stande kommt? Schließlich handelt es sich um zeitgleich befruchtete Eizellen, die nach und nach in die Gebärmutter eingebracht werden können, bis eine erfolgreiche Einnistung statt gefunden hat. Es ist ganz klar, wenn diese Zellen nicht mehr benötigt werden, werden sie entsorgt.

Es ist jedoch auch denkbar, dass einige Monate nach der Austragung eines Kindes eine erneute Schwangerschaft mit diesen tief gefrorenen Eizellen herbeigeführt werden kann. Dann würden zwei Kinder nacheinander, beispielsweise mit einem Abstand von einem Jahr, geboren, die sich aus zwei gleich alten, zur gleichen Zeit befruchteten Eizellen entwickelt haben. Damit handelt es sich eigentlich um zweieiige Zwillinge. In der Natur ist aber die Entwicklung und Geburt von Zwillingen nur zeitgleich möglich, wie jedermann weiß. Es ergeben sich also Fragen an Armin und Christine, wie sie sich bei der natürlichen Zeugung nicht stellen und die sinnvollerweise im Vorfeld beantwortet werden sollten.

Armin hat mit dieser Überlegung keine Probleme, vielleicht lässt er sie aber auch nicht so an sich herankommen. Christine hingegen wägt ab, denn falls sie sich gegen diese Art der Bevorratung von Eizellen entscheiden würde, wäre automatisch die Folge, dass sie öfters die Strapaze des ärztlichen Eingriffs für die Entnahme der Eizellen über sich ergehen lassen müsste, denn es wird laut statistischer Betrachtung erst mit vier assistierten Befruchtungen eine Erfolgsrate von ca. fünfzig Prozent erreicht. Nun ist es aber nicht so, dass gewissermaßen nach ein paar Monaten eine endgültige Entscheidung - wie auch immer sie ausfällt - erzielt werden kann. Die Hormongaben, die einen Befruchtungsversuch vorbereiten, werden über viele Wochen verabreicht, so dass schnell ein Behandlungszeitraum von mindestens zwei Jahren zustande kommen kann. Während dieser Zeit kreisen die Gedanken ständig um dieses Thema, was auch die anderen alltäglichen Aktivitäten in Mitleidenschaft zieht und eine starke seelische Belastung darstellt. Dabei muss auch noch bedacht werden, dass Christine eine leitende Stelle inne hat, die zeitlich und auf Grund von Personalverantwortung ihre Kraft sehr stark fordert.

Susanne und Martin

Susanne ist Anfang dreißig, Apothekerin und möchte auf jeden Fall zwei Kinder haben. Sie ist in den letzten Zügen ihrer Promotion, schreibt ihre experimentelle Laborarbeit zu einer Doktorarbeit zusammen und hat auch schon einige Publikationen mit Kollegen verfasst, was nicht selbstverständlich ist. Susanne ist jedoch nicht der Typ, der eine akademische Laufbahn an der Uni einschlagen will, aber natürlich möchte sie eine interessante und entsprechend bezahlte Stelle antreten.

Nachdem sie bereits zwei Jahre in der Apotheke gearbeitet hat, schwebt ihr nach der Promotion ein Job in der Industrie vor. Ihr Freund Martin ist Naturwissenschaftler mit Ambitionen auf einen Karriereweg bei einem großen pharmazeutischen Hersteller. Gemeinsam überlegen sie, ob sie nicht für eine gewisse Zeit ins Ausland gehen sollten, um Post-doc-Erfahrung zu sammeln. Sie versprechen sich davon einige Vorteile auf ihrem weiteren beruflichen Weg, denn immerhin gilt Auslandserfahrung im Beruf als wertvolle zusätzliche Qualifikation. Beide stellen im Moment noch keine konkreten Überlegungen in Bezug auf Kinder an. Gleichwohl möchten sie auf jeden Fall eine Familie gründen und gerade Susanne ist oft bei ihrem kleinen Neffen, den sie gern betreut, wenn ihr Bruder mit seiner Frau abends ausgehen möchte oder auch sonst einmal Not am Mann ist. Sie sind sich schon darüber im klaren, dass es bei der Jobsuche sinnvoll ist, eine Arbeitsstelle anzutreten, die auch in Teilzeit erfüllt werden kann, so zumindest die theoretischen Überlegungen.

Nun soll aber nicht darüber gesprochen werden, dass die Vereinbarkeit von Karriere und Kind ein Problem darstellt. Dies wurde und wird weithin in den Medien getan und die ganze Diskussion dreht sich mittlerweile schon mehrere Jahre im Kreis. Dass sich ein Berufsleben mit der Geburt eines Kind ändert und anders gestaltet, ist eine Binsenweisheit. Dass die Bewegungsfreiheit eingeschränkt wird, ebenso, auch dass die Erziehungsarbeit meist von den Frauen geleistet wird, braucht nicht wiederholt werden. Allerdings müsste in diesem Zusammenhang auch einmal darüber diskutiert werden, ob denn die Frauen bzw. die Mütter es überhaupt zulassen wollten, dass die Hauptarbeit in der Erziehung der Mann übernimmt oder eben soviel Geld verdient wird, dass ein Kindermädchen die Betreuung übernehmen kann. Die Erfahrung zeigt aber, dass die meisten Mütter es sich überhaupt nicht vorstellen können, ihren Nachwuchs vorüber gehend in andere Hände zu geben. Hier geht also die Vernunft-basierte Vorstellung von Seiten der Politiker oder auch der Emanzipationsbewegten an der Mutterliebe vorbei. Die tiefe Bindung der Mutter zu ihrem Kind ist ganz unabhängig von der Frage, ob sie Akademikerin ist oder nicht. Der in Kauf genommene Spagat zwischen Berufswelt und Mutterschaft ist in der Vergangenheit nicht selten noch mit der Vokabel 'Rabenmutter' belegt worden, was eine Anmaßung darstellt.

Nun soll aber der gesellschaftliche Aspekt nicht unser Thema sein, vielmehr kommen wir zu einer Frage, die ganz zentral ist und in den Überlegungen aller hier vorgestellten Beispielbiografien vorkommt, nämlich die nach dem optimalen Zeitpunkt für ein Kind.

Susanne glaubt - wie übrigens viele jüngere Frauen - es gäbe einen optimalen Zeitpunkt für das Kinderkriegen. Vielleicht liegt es daran, dass man als Student frühzeitig lernt sich zu organisieren und immer schon den nächsten Schritt im Voraus zu überlegen. Die Frage ist nur, ob diese an sich vernünftige Vorgehensweise nicht der Grund dafür ist, dass viele Akademikerinnen in die Altersfalle geraten, die dann mit Ende dreißig zuzuschnappen droht. Ist es zunächst das Studium, das einen Kinderwunsch gar nicht erst aufkommen lässt, weil man zeitlich viel zu sehr absorbiert ist mit Praktika, Vorlesungen, Seminaren und Klausuren, ist es dann im Anschluss oft der Versuch in der jungen Berufstätigkeit Tritt zu fassen. Wenn dann das erste Geld verdient und bei Seite gelegt ist, kommen nachvollziehbare Wünsche wie Reisen, eine größere Wohnung, ein neueres Auto und anderes mehr. Man ist ja schließlich nicht mehr so ganz jung und möchte endlich die Früchte des langen Studiums ernten.

Susanne hatte sich, nachdem sie bereits als Apothekerin gearbeitet hat, noch einmal für einen weiteren Schritt der Qualifikation entschieden und eine wissenschaftliche Arbeit an der Universität begonnen. Damit war klar, dass weitere drei bis vier Jahre an eigene Kinder nicht zu denken war. Und nun kommt ein Neuanfang im Berufsleben. Ist der erste Job als frisch gebackene Doktorin angetreten, kommt eine Probe- und Einarbeitungszeit, die sie mit Sicherheit fordern wird. Hat sich dann der Berufsalltag normalisiert und man arbeitet effektiv in einem Unternehmen, wird wiederum kein Gedanke an das Kinderbekommen verschwendet. Dann nach zwei oder drei Jahren ist es gut möglich, dass man entweder den Arbeitgeber wechselt, was sich für die berufliche Laufbahn als nützlich erweisen kann, oder man etabliert sich weiter, in dem man Gruppenleiterin, Referatsleiterin oder vielleicht sogar Abteilungsleiterin wird. Dann ist es also wiederum ein schlechter Zeitpunkt für die avisierte Mutterrolle.

Das hört sich nun an wie das übliche und oft beschriebene Problem, das die besser qualifizierten Frauen haben. Worauf aber das Augenmerk gelegt werden soll, ist der Hinweis, wie oben bereits gesagt, dass viele Frauen daran glauben, dass es den optimalen Zeitpunkt für Kinder in ihrem Leben gibt. Diese Vorstellung ist meines Erachtens das prinzipielle Problem. Der jeweils gegenwärtige Zustand wird zu oft als nicht optimal empfunden. Sind es am Anfang das fehlende, eigene Geld und die unabgeschlossene Ausbildung, die der Verwirklichung im Wege stehen, so ist es am Ende gerade das eigene Geld und der doch meist erst spät eingetretene wirtschaftlich angenehme Zustand, in dem man sich das eine oder andere leistet und gönnt, was früher nicht möglich war. Nur weiß man meist erst hinterher, dass die Entscheidung den eigenen Lebensstil zu ändern mit dem Voranschreiten der Jahre immer schwerer fällt. Schließlich gibt man bei einer einschneidenden Veränderung auch immer mehr an Liebgewonnenem und an Annehmlichkeiten auf, je älter man wird. Und wer will schon einen guten Zustand freiwillig ändern, um einen Zustand herbeizuführen, von dem man nicht wissen kann, ob er gelingt?

Es ist also meines Erachtens nicht nur die Tatsache, dass die Karriere der Frau eine Rolle spielt, und dass die Berufstätigkeit höher bewertet wird als die Hausfrauen- und Mutterrolle. Das ist ein Faktum und ein Erfolg der Emanzipationsbewegung. Es ist vielmehr das lange Warten auf den optimalen Zeitpunkt für Kinder, der die Mütter - und natürlich damit auch die Väter - immer älter werden lässt. Und vielleicht ist es sogar so, dass es in mancher Hinsicht leichter ist eine berufliche Tätigkeit mit Erfolg zu meistern als zwei Kinder aufzuziehen. In der Regel ist der berufliche Erfolg planbar. Es gibt Parameter, die man entsprechend justieren muss und dann ist es meistens eine Frage der Zeit, wann der Aufstieg gelingt. Das ist bei der Entwicklung von Kindern sicherlich nicht unbedingt so. Sie können sich mit zunehmendem Alter in eine Richtung entscheiden, die den eigenen Erziehungsversuch in Frage stellt. Hier wird schon klar, dass ein gewisses Wagnis und eine Unkalkulierbarkeit ins Spiel kommen, die verunsichern und sich in der weiter oben angesprochenen Mutlosigkeit äußern. Es wird zwar immer davon ausgegangen, dass die eigenen Kinder sich zu gesellschaftsfähigen Verantwortungsträgern entwickeln, aber es gibt in der bundesrepublikanischen Vergangenheit auch sehr prominente Beispiele des Misslingens, wo junge bürgerliche Existenzen aus bestem Elterhaus in die Radikalität abgedriftet sind. Dies ist sicherlich ein extremes Beispiel, gehört aber zu einer umfänglichen Betrachtung mit dazu.

Susanne wird also erst einmal ihre Doktorarbeit beenden und zusammen mit ihrem Freund den nächsten Schritt in die Berufstätigkeit gehen. Zur Zeit kann sie sich nicht vorstellen, dass sie sich mit Elan der Mutterrolle widmen kann. Dazu ist ihr wissenschaftliches Interesse im Moment einfach zu groß. Es bleibt also abzuwarten, ob sie eines Tages vor das gleiche Problem wie die zuvor beschriebenen Personen gestellt sein wird. Eins ist allerdings schon klar für sie. Sie will erst einmal die Früchte ihrer Jahre langen Investitionen genießen und mit Anfang dreißig auch nicht mehr in einer Mansardenwohnung wohnen, eigentlich Selbstverständlichkeiten, die bei den meisten Nicht- Akademikern in diesem Alter längst verwirklicht sind.

Akademiker werden aber nun einmal älter, bis sie einen etablierten Lebensstil mit adäquatem Einkommen pflegen können. Sicherlich haben sie dann nach kurzer Zeit mehr Geld zur Verfügung als jüngere Nicht-Studierte, es gehört aber schon ein Gefühl des 'Angekommen-seins' dazu, um nicht nur Verantwortung für sich, sondern auch für ein Kind zu übernehmen. Dieses Gefühl, das als Voraussetzung für die Familiengründung wichtig ist, setzt bei jungen Menschen mit einem Lehrberuf früher ein. Bei Susanne und Martin drängt nun auch die Zeit noch nicht, sie sind jedoch kein Einzelfall. Viele der heute Kinderlosen haben die Entscheidung ähnlich gelassen in die Zukunft vertagt und wurden dann weder Mutter noch Vater.

Walter

Walter ist fünfzig Jahre alt, war sechs Jahre lang verheiratet und ist, seit sich seine Frau von ihm getrennt hat, wieder Single. Er hat Geologie studiert und hat sich nach der Promotion noch habilitiert, anschließend war er Jahre lang als Dozent auf der Basis zeitlich befristeter Verträge an der Universität angestellt. Nach etlichen Jahren der Forschung hat er eine Festanstellung in der Universitätsverwaltung bekommen, wo er sich stark in die Hochschule betreffenden Angelegenheiten engagiert. Seine berufliche Tätigkeit hat ihn nach der Scheidung einigermaßen aufgefangen, aber mit Mitte vierzig völlig von vorne anzufangen, das war hart für ihn.

Da es mittlerweile in den Großstädten eine große Anzahl von allein Lebenden gibt, kann man auch auf ein vielfältiges Angebot an maßgeschneiderten Veranstaltungen zurückgreifen, die speziell für Alleinstehende organisiert werden. Ähnlich wie Dieter hat Walter nach kurzer Zeit auf diversen Single-Parties viele Kontakte zu anderen Singles geknüpft und der Tag, vor allem aber die Abende bekamen wieder Struktur. Innerhalb kürzester Zeit hatte er sich einen großen Bekanntenkreis und damit ein neues soziales Umfeld geschaffen, denn nach seiner Trennung waren auch viele gemeinsame Freundschaften auf der Strecke geblieben.

Nun, warum soll diese Beispielbiografie hier erwähnt werden? Ähnlich wie bei Kontaktanzeigen ist der Besuch auf diesen Singlebörsen aus der Sicht des Veranstalters ein Geschäft mit der Angst. Ein Geschäft schon deshalb, weil ein Veranstalter damit wirbt, dass ein Kontakt zu anderen Bindungswilligen herzustellen erleichtert wird, und Angst, weil damit große Hoffnungen verbunden sind, die doch allzu oft enttäuscht werden. Wer schon einmal auf einer dieser Kontakt-Parties war, weiß, was sich zu vorgerückter Stunde dort abspielt. Einige Pärchen haben sich gefunden, da hat es vielleicht funktioniert, sie sind miteinander nach Hause oder in eine ruhigere Lokalität gegangen, aber etliche andere irren kurz vor Veranstaltungsschluss mit ihrem Kontakt- und prinzipiellen Bindungswunsch verzweifelt vom einen zum anderen, um dann noch frustrierter als zuvor von dannen zu ziehen. Wenn man das beobachtet, kommen einem Zweifel, ob dieser Weg überhaupt zum Erfolg führen kann.

Aber zurück zu Walter. Er hat es immerhin geschafft auf vielen Veranstaltungen gleich Gesinnte kennen zu lernen, mit denen er eine Gemeinsamkeit teilt, nämlich ein kinderloses Akademikerleben. Ob er für sich die Umsetzung einer funktionierenden, auf Zukunft und Familie ausgerichteten Partnerschaft noch für möglich hält, mag bezweifelt werden. Zu eingefahren sind die Vorstellungen und zu tief sitzt die Enttäuschung aus vergangenen Verbindungen. Allerdings war es auch Jahre lang das bewusste Leben in der Unabhängigkeit, so haben Walter und seine Frau getrennte Wohnungen auch nach ihrer Eheschließung beibehalten, und heute drängt sich der Verdacht auf, dass der Besuch von professionell ausgerichteten Kontakt-Parties als Vorwand dienen könnte, mit dem nach außen hin und zur eigenen Beruhigung etwas unternommen wird, um das Beziehungsdefizit zu korrigieren.

Es könnte auch provokativ gesagt werden, dass bei dieser sehr auf Freiheit und Unabhängigkeit bedachten Lebensweise der Weg das eigentliche Ziel ist - und nicht das Ziel selbst. Das vorgegebene Ziel ist zunächst das Kennenlernen und dann die Herbeiführung einer Partnerschaft mit eventuell erfüllbarem Kinderwunsch. Das mag aber bezweifelt werden. Der Weg als Ziel könnte eine Alibifunktion besitzen, denn wenn die Betroffenen sich ernsthaft fragen würden, ob sie sich vorstellen können ihr Leben zu ändern, blieben sie die Antwort wahrscheinlich schuldig. Schließlich stellt sich auch die Frage, wie groß die Aussicht auf Erfolg überhaupt ist, wenn zwei Persönlichkeiten aufeinander treffen, die in ihrer bisherigen Biografie ein hohes Maß an Freiheit und Unabhängigkeit praktiziert haben. Möglicherweise wird die bewusste Herbeiführung einer von potentiellen Partnern abhängigen Lebensweise als nicht authentisch empfunden, so dass dies als ein Bruch oder ein Widerspruch in der Persönlichkeit gesehen oder zumindest unterschwellig gefühlt wird.

Das Erstaunliche allerdings ist, wie lange sich solch ein transienter Zustand hinziehen kann und dass sich Biografien auf dem Weg quasi häuslich niederlassen können. Es ist schon bemerkenswert, wie hartnäckig Menschen an ihrer tradierten Idealisierung der Werte festhalten, obwohl sie beim Rückblick auf ihre eigene Biografie keinen Grund dazu hätten bzw. feststellen würden, dass sie keinen Beitrag zur Realisierung geleistet haben. Es stellt sich hier die mit Sicherheit unbequeme Frage, ob nicht ein ehrlicherer Umgang mit den eigenen Kompetenzen und Defiziten von der Person selbst eingefordert werden sollte. Schöne Anschauungsbeispiele finden sich bei prominenten Politikern und Nachrichtensprecherinnen, die zum vierten Mal das Ja-Wort gegeben haben. Es entsteht der Eindruck, dass eine tief in der Persönlichkeit verankerte Bindungsschwäche nicht kausal, sondern lediglich symptomatisch zu korrigieren versucht wird. Aber wer kann schon aus seiner Haut heraus? So bleibt eigentlich kein anderer Weg als zu seinen Entscheidungen - ob bewusst oder unbewusst - zu stehen und authentisch zu bleiben.

Walter gehört zu den Menschen, die kein Problem mit dem Älterwerden haben, weil sie sich immer noch jung fühlen. Auch mit fünfzig Jahren lebt er noch wie ein Student. Er hat eine kleine Mansardenwohnung, ein altes Auto, lediglich ein paar Aktienpakete und immer einen leeren Kühlschrank. Statussymbole und Wohnambiente sind ihm nicht wichtig. Sein Lebenswandel ist unregelmäßig und er ist gerne abends unterwegs. So beneidenswert einerseits dieser Lebensstil in seiner Sorglosigkeit ist, so auffällig hebt er sich doch vom durchschnittlichen Gleichaltrigen ab, der damit beschäftigt ist sich zu etablieren, Eigentum zu schaffen und Besitzstandssicherung zu betreiben. Aus der Distanz betrachtet erscheint Walters Lebensweise anachronistisch, wobei aber nicht gesagt wird, dass sie selten ist. Wir kommen zu einem späteren Zeitpunkt noch einmal ausführlich auf den Unterschied zwischen subjektiv empfundenen und biologischem Alter zu sprechen.

Maja und Thomas

Maja geht auf Ende dreißig zu. Sie ist Rechtsanwältin und lebt seit mehreren Jahren mit ihrem Freund in dem Haus, das ihr gehört. Sie ist finanziell unabhängig und hat einen guten Job in unbefristeter Anstellung. Die äußeren Rahmenbedingungen stehen gut, wenn da nicht der Umstand wäre, dass ihr Freund Thomas ein Spieler ist. Er besaß einmal einen kleinen Betrieb, der jedoch nicht mehr existiert und seit einigen Jahren ist er nun schon arbeitslos. Eine angedachte Hochzeit ist schon einmal verschoben worden, weil die Basis für eine Beziehung, aus der dann auch Kinder hervorgehen sollen, nicht nur finanziell auf wackeligen Beinen steht. Da Maja mittlerweile die Hoffnung auf eine Therapie seiner Spielsucht aufgegeben hat, denkt sie immer öfter über eine Trennung von Thomas nach. Das würde jedoch bedeuten, dass sie ihn gewissermaßen vor die Tür setzt und das ist für sie moralisch nicht vertretbar. Sie befürchtet, dass er ins Straucheln geraten könnte und das will sie nicht verantworten. Andererseits weiß sie aber auch, dass ihr die Zeit wegläuft - selbst dann, wenn eine Therapie unmittelbar in Angriff genommen werden würde.

Maja sieht sich momentan in einer ausweglosen Situation, in der selbst abwarten nichts hilft. Lässt sie sich auf Kinder ein, ist fraglich, ob mit ihm auf Dauer als Vater zu rechnen ist, handelt sie jetzt nicht, ist eine mögliche Mutterschaft irgendwann in Frage gestellt. Unglücklicherweise gehört sie zu den Menschen, die eher als entscheidungsschwach und ängstlich einzuschätzen sind. Sie hofft, dass sich eines Tages dieser Knoten entwirrt und das entscheidende, die Situation lösende Ereignis eintritt, von dem allerdings niemand und vermutlich nicht einmal sie selbst weiß, wie es aussehen soll.

In dieser Situation verbreiten dann natürlich Meldungen von Freundinnen und Bekannten, die mit Anfang vierzig noch ihr erstes Kind bekommen haben, Optimismus. Es gelingt also noch über das vierte Lebensjahrzehnt hinaus und bis dahin sind dann ja noch ein paar Jahre Zeit. Das Klammern an diesen Strohhalm ist natürlich ein Trugschluss, die erfolgreiche Schwangerschaft in diesem Alter, zudem auch oft mit einem älteren Partner, ist nicht die Regel und durchaus mit Risiken behaftet. Darüber hinaus ist die Geburt eines Kindes auch nur der erste entscheidende Schritt. Danach schließen sich viele Jahre der Erziehung und noch einmal etliche Jahre der Unterstützung in der Ausbildung an. In einer Zeit, wo das durchschnittliche Renteneintrittsalter bei Ende fünfzig liegt, muss man sich auch fragen, wie ein Kind auf das Leben vorbereitet werden soll, wenn die Eltern in den entscheidenden Jahren selbst nicht mehr aktiv am Erwerbsprozess teilnehmen. Ist es nicht schon so gewesen, dass unsere Eltern, die uns mit Anfang bis Mitte zwanzig bekommen haben, auf Grund der Schnelllebigkeit der Zeit nur noch schlecht Ratschläge in der Wahl des Studiums geben konnten? Ich betone das, weil das erfolgreiche Bestehen und Tritt fassen im Beruf die Basis für alle weiteren Überlegungen ist.

An dieser Stelle muss auch einmal die Frage zu stellen erlaubt sein, ob ein Altersunterschied von ca. vierzig Jahren zwischen zwei aufeinanderfolgenden Generationen nicht zu grundsätzlichen Problemen zwischen Eltern und Kindern führt. Hört man sich die abenteuerlichen Geschichten an, die junge Eltern in der Pubertät ihrer Kinder durchleben, kommen doch arge Zweifel auf, ob Eltern, die dann mit den eigenen gesundheitlichen Problemen eines Sechzigjährigen zu kämpfen haben, den richtigen Erziehungsstil und die nötige Empathie für ihren Nachwuchs aufbringen können. Auch wenn oft die rüstigen Großeltern sich mit um die Kinder kümmern, sollten sie nicht bei der eigenen Familienplanung von vornherein als ein Standbein einkalkuliert werden. Aber kommen wir zurück zu Maja.

Ein erstaunliches Faktum ist immer wieder, dass oftmals einem Einzelereignis, das einen optimistisch stimmt, viel mehr Bedeutung beigemessen wird, als dem durchschnittlichen Erfahrungswert. Die 'alte' Erstgebärende wird plötzlich, obwohl sie immer noch die Ausnahme darstellt, zum Leitbild für die Rechtfertigung nicht sofort handeln zu müssen oder nicht bereits längst gehandelt zu haben. Wie auch in vielen anderen Dingen unterscheidet man ganz menschlich zwischen dem Einzelschicksal und dem Kollektiv. Die 43-jährige Freundin von Maja, die noch einen gesunden Sohn auf die Welt gebracht hat, findet viel mehr Beachtung und Resonanz als die vielen über vierzig Jährigen, die frustriert aufgegeben haben und kinderlos bleiben. Sie identifiziert sich viel mehr mit dem außerordentlichen Glücksfall als mit dem statistischen Mittel, das ausnahmsweise an dieser Stelle mal bewusst angeführt wird.

Aber gesetzt den Fall Maja bekäme mit 42 Jahren ein Kind, dann wäre sie 60 und Thomas wäre 64 Jahre alt, wenn das Kind Abitur macht. Oft wird dann ausweichend argumentiert, dass die Lebenserwartung heutzutage viel höher liege und dass die Rentner heute viel rüstiger und viel mobiler wären. Letzteres mag stimmen, nur sind die Rentner von heute in unserer schnelllebigen Zeit sicherlich nicht besser aufgestellt als die Rentner vor dreißig Jahren. Das Wissen und die dazugehörigen Strategien, die heute in der Erziehung eine Rolle spielen, damit das heran gewachsene Kind einen guten Start ins Erwachsenenleben hat, können in der Regel wohl besser von etwas jüngeren Eltern vermittelt werden. Und oft schleicht sich, wenn es um die Frage geht, welches Alter noch als akzeptabel für die Geburt eines Kindes gilt, der gedankliche Fehler ein, dass die Zunahme der gesamten Lebensspanne betrachtet wird. Abgesehen davon, dass man sich jetzt nicht auf den Einzelfall stützt, sondern das Kollektiv bemüht, hinkt diese Betrachtung, weil die letzten Lebensjahre oft nur durch medizinische Hilfestellung erlebt werden und diese alten Menschen nicht mehr aktiv an der Lebensgestaltung ihrer Kinder teilhaben können. Diese Fragen sind jedoch nicht mehr nur theoretischer Natur. Es gibt durchaus schon heute Kinder, die von weißhaarigen Vätern eingeschult werden.

Der prinzipielle Denkfehler, den die frisch gebackenen alten Eltern machen, ist der, dass der Kinderwunsch die Gestalt eines aktuellen, singulären Ereignisses annimmt. Alles Denken fokussiert sich auf das Herbeiführen einer Schwangerschaft und die Geburt, also auf die Gegenwart bzw. nächste Zukunft. Der große Altersunterschied zwischen Kindern und Eltern wird nicht thematisiert. Vielleicht auch und gerade deswegen nicht, weil wir zur letzten Kindergeneration vor dem Pillenknick gehören und unsere Eltern deswegen eher jung zu ihrem Nachwuchs gekommen sind. Die Erfahrung sehr alte Eltern zu haben, ist in unserer Generation selten gemacht worden.

Maja repräsentiert also einen nicht geringen Teil der Ende dreißig Jährigen, die auf Grund privater Umstände eine Familienplanung nicht angehen können und wenn sie sich einen Vorwurf machen kann, dann den, dass sie zu lange schon auf ein Wunder gewartet hat, mit dem sich alles zum Positiven wendet. Aber sie ist mit der Situation nicht zufrieden und sieht die Familiengründung als ein sehr wichtiges persönliches Ziel an. Sie sagt zwar, dass sie, wenn sie mit vierzig noch nicht Mutter ist, sich alternativ einen luxuriösen Sportwagen leistet und nur noch Golf spielt, aber das ist eher der Mut der Verzweiflung als ernst gemeint. Und wenn sie sich ärgert, dann über die unsensiblen Äußerungen der Nachbarn und der Kolleginnen, die sie immer wieder ansprechen, ob denn immer noch kein Kind unterwegs sei. Sie und Thomas seien doch schon so lange zusammen, woran es denn liegt, dass sich nichts rührt. Das sind dann die Momente, in denen sie am liebsten allen die Wahrheit sagen würde, aber sie tut es nicht, weil sich die neugierige Umgebung dann noch aufdringlicher verhält und ihr mit ihren Äußerungen und gut gemeinten Ratschlägen noch mehr zusetzt.

Franka und Joachim

Franka ist Mitte dreißig und Joachim wird vierzig, sie kennen sich seit acht Jahren und verstehen sich sehr gut. Sie bewundert ihn, weil er ein unkomplizierter, dabei sehr gebildeter und intelligenter Mann ist. Er sieht sehr gut aus und versteht es, dies noch durch sein jungenhaftes Verhalten zu unterstreichen. Joachim ist selbstständiger Unternehmensberater, gehört allerdings nicht zu denen, die nur um des Geldes willen diese berufliche Richtung eingeschlagen haben. Sein Ehrgeiz besteht nicht darin so viel Geld wie möglich zu verdienen, sondern im Gegenteil mit so wenig zeitlichem Aufwand wie nötig. Durch hohe Stundensätze gelingt es ihm in diese komfortable Situation zu kommen. Die so gewonnene Zeit verbringt er im Konzertsaal, er ist ein begeisterter und sehr bewanderter Liebhaber und Kenner der klassischen Musik. Keine Uraufführung, kein Besuch eines Stardirigenten oder Spitzenmusikers entgehen ihm. Bundesweit reist er namhaften Orchestern hinterher, von Hamburg nach München und auch mal nach Wien oder Amsterdam. Und wenn das Wetter schön ist, steht er auf dem Golfplatz. Sein Handicap ist exzellent und sein ganzer Lebensstil in seiner Unbekümmertheit beneidenswert.

Joachim lebt ein akademisches, sehr unabhängiges Leben, durchsetzt mit gesellschaftlichen Anlässen, mit Vernissagen und Kurzurlauben. Er ist aber auch nach Jahren noch in Franka verliebt wie am ersten Tag, was vielleicht auch daher kommt, wie böse Zungen behaupten, dass sie kaum einen gemeinsamen Alltag haben, wo man schnell Gefahr laufen kann sich in Verfahrenstechnischem aufzureiben.

Franka ist in der gleichen Branche tätig, gehört aber zu denen, die sich beruflich sehr stark engagieren. Das führt dazu, dass sie sich nur ein- oder zweimal in der Woche sehen. Dann unternehmen sie etwas, gehen in Konzerte, ins Theater, ins Kabarett oder kochen gemeinsam bei ihr oder in seiner Wohnung. Ihr Hausstand ist nach wie vor getrennt, obwohl Franka schon seit Jahren immer wieder Anläufe unternimmt mit Joachim zusammenzuziehen. Joachim aber findet den Status quo nicht schlecht und bremst eher bei der Vorstellung eine gemeinsame Wohnung mit allen sich daraus ergebenden Verpflichtungen und Konsequenzen zu beziehen.

So vergehen also die Jahre bei beiden und Franka fragt sich mehr und mehr, wann diese studentisch geprägte, eigentlich unverbindliche Beziehung sich zu einer Partnerschaft entwickeln lässt, die so tragfähig ist, dass gemeinsamer Nachwuchs ein Nest finden würde. Von Zeit zu Zeit beklagt sie sich bei ihren Freunden, dass es so schwierig ist Joachim davon zu überzeugen den nächsten Schritt zu machen, denn sie kommt nicht weiter mit ihren Überlegungen. Dazu kommt, dass dieser Lebensstil natürlich viele reizvolle Seiten hat und dass auch sie unsicher ist, wann der richtige Zeitpunkt für die Erfüllung ihres Kinderwunsches gekommen ist. Außerdem hat sie sich gerade selbständig gemacht und sieht ohne massive Unterstützung durch ihren Partner gegenwärtig keine Möglichkeit auch noch Mutter zu sein. Objektiv betrachtet ist es eine schwierige Situation für beide. Sie verstehen sich sehr gut, sind aber so unterschiedlich in ihren Ansichten über eine erfüllende Lebensführung, dass man sich fragt, ob dieser Zustand sich überhaupt jemals in Richtung Familienplanung entwickeln lässt.

Für beide gibt es immer wieder gute Gründe so weiter zu leben wie bisher. Dazu kommt natürlich auch die Angst, gerade bei Franka, dass sie als Frau bei einer möglichen Trennung das Risiko eingeht, dass sie nicht so schnell einen neuen Partner findet, den sie sich als den Vater ihres Kindes vorstellen kann. Es ist ein Teufelskreis, in den Frauen dieses Alters hinein geraten zu scheinen. Es gibt viele Frauen, die einen Partner haben, den sie lieben, der aber keine Vatergefühle entwickelt. Und so gehen die Jahre ins Land, weil keine klare - und unter Umständen schmerzhafte - Entscheidung gefällt wird, sich einzugestehen, dass vielleicht beide Seiten nicht den optimalen Partner gefunden haben. Beide halten an einer Beziehung fest, deren Vor- und Nachteile sie kennen, was aber keineswegs bedeuten muss, dass jede andere neue Beziehung nicht ein höheres Maß an Übereinstimmung und Glück in sich bergen würde. Die Nachteile einer solchen Beziehung werden minimiert und die Vorteile überhöht, denn viele Menschen haben Angst vor dem Alleinsein, wobei sich alle Freunde von Franka und Joachim einig sind, dass keiner von beiden lange alleine wäre. Attraktive Menschen haben es einfacher einen neuen Partner zu finden, nur sie selbst sehen es nicht so.

Kürzlich berichtete Franka, dass sie mit einer Freundin eine Bergbesteigung vor hat. Sie bereitet sich jetzt vor, in dem sie viel Sport treibt, entsprechende Einführungskurse in die Gefahren und Risiken bei einem solchen Abenteuer besucht und sich das nötige Equipment besorgt. Für einen Außenstehenden sieht es schon so aus, als könnten dies auch Kompensationshandlungen sein, um vom eigentlichen Problem abzulenken. Vielleicht ist es aber auch nur die Neugierde auf eine Naturerfahrung, die als Ausgleich für einen anstrengenden Alltag im Büro bzw. bei Mandanten dient, aber jeder, der Kinder hat, wird das als einen unerfüllbaren Luxus betrachten. Andererseits ist es auch so, dass es bei ihr meist spät am Abend ist, wenn sie das Büro verlässt oder von einer Dienstreise zurück kommt. Dann bleibt oft nur die Badewanne oder eine Runde Joggen im Park. Viele Gedanken, die sie beschäftigen, werden immer wieder unterbrochen von Terminen, Verpflichtungen und alltäglichen Kleinigkeiten.

Franka arbeitet etwa sechzig Stunden in der Woche, wie und vor allem wann sollen da prinzipielle Zukunftsüberlegungen über das eigene Privatleben angestellt werden? Letzten Endes ist ihre berufliche Tätigkeit, was die Verantwortung und den Einsatz anbelangt, eine Managertätigkeit. Nur dass die meisten Manager männlich sind und eine Frau haben, die ihnen den Rücken frei hält, den Haushalt führt und die sozialen Kontakte aufrecht erhält. Längst ist also ein Zustand totaler Emanzipation erreicht, allerdings um den Preis großer privater Planungsunsicherheit wenn nicht gar -unmöglichkeit.

Wir hatten bereits über den richtigen Zeitpunkt zum Kinder bekommen gesprochen, bei Franka und Joachim läuft es letztlich auch auf diese Interimslösung hinaus: Abwarten auf den optimalen Zeitpunkt, ihn erkennen und handeln. Wir hatten aber auch starke Zweifel geäußert, ob dieses Vorhaben von Erfolg gekrönt sein wird, aber was bleibt sonst? Sich zurücknehmen aus der Karriere, die gerade erst richtig angelaufen ist, ist für Franka beruflich äußert ungünstig. Zuviel steht auf dem Spiel und es ist wahrscheinlich, dass der Wiedereinstieg für sie ein Neuanfang sein würde.

Kommen wir aber nun zu den allgemeinen Überlegungen im zweiten Teil des Buches, die in dieser oder ähnlicher Form von unseren Beispielbiografien angestellt werden. Der eine oder andere Gedanke kommt einem vielleicht bekannt vor, sicherlich bekommt auch etliches in der Zusammenschau am Ende der Lektüre mehr Kontur. Viele Überlegungen gehen bewusst mehr in die Tiefe und werden damit theoretischer, in jedem Fall aber stehen konkrete Menschen dahinter, die sich so oder so ähnlich geäußert haben.

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Ende der Leseprobe aus 116 Seiten

Details

Titel
Kinderlose Akademiker
Autor
Jahr
2008
Seiten
116
Katalognummer
V186486
ISBN (eBook)
9783656997252
ISBN (Buch)
9783867469562
Dateigröße
1054 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
kinderlose, akademiker
Arbeit zitieren
Karsten Sieback (Autor:in), 2008, Kinderlose Akademiker, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/186486

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