Trauma und Bindung. Frühkindliche Traumatisierung und ihre Einflüsse auf die Bindungsfähigkeit

Anforderungen an die Soziale Arbeit


Diplomarbeit, 2008
102 Seiten, Note: 1.3

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1. EINLEITUNG

2. TRAUMA - VERLETZUNG DER SEELE
2.1 ZUR GESCHICHTE DER PSYCHOTRAUMATOLOGIE
2.2 TRAUMA - DEFINITION UND KLASSIFIKATION
2.3 FAKTOREN, PROZESSE UND REAKTIONEN HINSICHTLICH DES TRAUMAS
2.3.1 PRÄTRAUMATISCHE FAKTOREN
2.3.2 PERITRAUMATISCHE REAKTION/AKUTPHASE
2.3.3 POSTTRAUMATISCHE REAKTION/VERARBEITUNGSPHASE
2.4 CHRONIFIZIERUNG DES TRAUMAS - DIE POSTTRAUMATISCHE BELASTUNGSSTÖRUNG
2.4.1 INTRUSION/WIEDERERLEBEN
2.4.2 KONSTRIKTION/VERMEIDUNG UND BETÄUBUNG
2.4.3 HYPERAROUSAL/ÜBERERREGUNG
2.5 ÜBERLEBEN DES TRAUMAS DURCH DISSOZIATION
2.6 TRAUMA - SCHUTZ- UND RISIKOFAKTOREN
2.6.1 PROTEKTIVE FAKTOREN NACH DEM TRAUMA
2.6.2 RISIKOFAKTOREN

3. DIE BINDUNGSTHEORIE
3.1 PSYCHOANALYSE UND BINDUNG
3.2 BEGRÜNDUNG DER BINDUNGSTHEORIE - JOHN BOWLBY
3.3 WEITERENTWICKLUNG DER BINDUNGSTHEORIE - MARIE AINSWORTH
3.3.1 DIE „FREMDE SITUATION“
3.3.2 BINDUNGSSTILE/BINDUNGSTYPEN
3.4 DIE BINDUNGSTHEORIE - DEFINITION UND ÜBERBLICK
3.5 DIE PSYCHOPATHOLOGIE DER BINDUNG - BINDUNGSSTÖRUNG

4. TRAUMA UND BINDUNG - FOLGEN UND KONSEQUENZEN
4.1 STÖRUNG DER PERSÖNLICHKEITSENTWICKLUNG
4.2 SPÄTFOLGEN DURCH TRAUMATISIERUNG IN DER KINDHEIT
4.2.1 ANGST
4.2.2 NICHTZUGEHÖRIGKEIT
4.2.3 VERRAT
4.2.4 SEXUALITÄT
4.2.5 OHNMACHT
4.2.6 CHRONIFIZIERUNG DER DISSOZIATION
4.3 DISSOZIATION IM KONTEXT VON TRAUMA UND BINDUNG - TÄTER-OPFER-SPALTUNG
4.4 PERSÖNLICHKEITSSTÖRUNGEN - STÖRUNG DER BEZIEHUNGSFÄHIGKEIT
4.4.1 DIE UNSICHER-DESORGANISIERTE BINDUNG UND DAS TRAUMA
4.4.2 DIE BORDERLINE-PERSÖNLICHKEIT
4.5 ERSCHEINUNGSFORMEN VON GEWALT GEGEN KINDER - DEFINITION UND HÄUFIGKEIT
4.5.1 ZAHLEN, FAKTEN, DEFINITION

5. TRAUMA UND BINDUNG - KONSEQUENZEN FÜR DIE SOZIALE ARBEIT
5.1 TRAUMA ALS GESELLSCHAFTLICHES PROBLEM
5.2 GESELLSCHAFTSÜBERGREIFENDE ASPEKTE DER BINDUNGSTHEORIE
5.3 SOZIALE ARBEIT IM KONTEXT VON TRAUMA UND BINDUNG
5.3.1 VON DER BEDEUTUNG DES PROFESSIONELLEN WISSENS
5.3.2 GESCHLECHTSSPEZIFISCHE AUSEINANDERSETZUNG
5.4 HILFE ZUR SELBSTHILFE - EMPOWERMENT

6. SCHLUSSBETRACHTUNG

LITERATURVERZEICHNIS

1. EINLEITUNG

„Am Anfang (aller Gewalt) war Erziehung“

(Miller zit. nach Büttner 2000, S.206).

Seit etwa zehn Jahren richtet sich das Interesse der Forschungen der Psychotraumatologie zunehmend auf die Theoreme der Bindungstheorie, die 1969 durch den britischen Arzt und Psychoanalytiker John Bowlby begründet wurde. Dieser hatte bereits zum damaligen Zeitpunkt erkannt, dass sich traumatische Erfahrungen in der Kindheit auf die Bindungsfähigkeit auswirken und psychopathologisch manifestieren können. Durch Studien der Entwicklungspsychopathologie konnte dies mittlerweile belegt werden. So kann die Basis einer sicheren Bindung einen Schutzfaktor hinsichtlich etwaiger Traumatisierungen und der Folge psychischer Erkrankungen darstellen, während eine unsichere Bindungsentwicklung den entsprechenden Risikofaktor erhöht. Auch im Bereich der klinischen Bindungsforschung und des Settings in Psychotherapien findet zunehmend eine Übertragung dieser Erkenntnisse statt, indem der Zusammenhang zwischen frühen traumatischen Erfahrungen und einer daraus möglicherweise resultierenden Symptomatik von Bindungsstörungen in den Mittelpunkt vieler Überlegungen und Konzepte rückt, so dass sich beide Forschungsgebiete nunmehr in ihren Arbeiten und Auseinandersetzungen häufig ergänzen und ineinandergreifen.

In der vorliegenden Arbeit wird daher der Frage nachgegangen, wie frühkindliche Traumatisierungen sich auf das Bindungsverhalten auswirken bzw. wie sich dementsprechende Störungen der Bindungsfähigkeit in Denken und Handeln auch erwachsener Menschen ausdrücken und manifestieren können. Weiterhin soll geklärt werden, inwieweit die dargelegte Thematik Relevanz für die Soziale Arbeit aufweist und wie diesbezügliche Antworten darauf aussehen können.

Zu diesem Zweck wird im ersten Teil (Kapitel 2) der Arbeit eine sowohl geschichtliche als auch psychopathologische Auseinandersetzung mit dem Phänomen „Trauma“ vorgenommen, die mit der Beschreibung darauf bezogener Schutz- und Risikofaktoren abschließt. Auf die konkreten hirnphysiologischen Vorgänge soll in diesem Zusammenhang nicht näher eingegangen werden, da dies aufgrund der tiefergehenden Spezifität zu weit führen würde.

Des Weiteren wird in Kapitel 3 daran anschließend die Bindungstheorie aus ihrer zunächst psychoanalytischen Verortung heraus, als eine eigenständige Disziplin charakterisiert und vorgestellt.

Auf den gewonnen Erkenntnissen der weitreichenden Bedeutung der Entwicklung von Bindung und Bindungsfähigkeit in der Kindheit aufbauend, werden dann in Kapitel 4 die Folgen von frühkindlicher Traumatisierung und Bindungsstörung dargelegt und wie diese sich im Erwachsenenalter nachhaltig manifestieren können.

Kapitel 5 enthält theoretische Überlegungen im Hinblick auf die übergeordnete Thematik in ihrem Bezug zum Tätigkeitsfeld der Sozialen Arbeit und wie diese eine Antwort auf die beschriebene Problematik geben kann.

Abschließend erfolgt in der Schlussbetrachtung der Arbeit (Kapitel 6) ein ergebnisorientiertes Resümee.

Der Begriff des „Traumas“ wird in dieser Arbeit im Hinblick auf seelische Verletzungen verwendet, wobei der Schwerpunkt auf Polytraumata (Typ- II-Traumata) gelegt wird, die durch „man made disaster“ (von Menschen willentlich herbeigeführt) verursacht werden und innerhalb des Familiensystems und nahen Umfeldes dieser stattfinden. Die Erscheinungsformen von Traumatisierungen durch Folter und Kriege sind in die Darstellung nicht konkret einbezogen worden.

Erläuterung und Definition zu verwendeten Fachbegriffen sind an geeigneter Stelle eingefügt; wobei zu beachten ist, dass psychisches Trauma, traumatische Erfahrung, Traumatisierung etc. synonym verwendet werden, selbiges gilt für sexuellen Missbrauch, sexuelle und sexualisierte Gewalt, sowie die ausschließliche Verwendung des Begriffs „Soziale Arbeit“, der in gleicher Weise für Sozialarbeit und Sozialpädagogik steht.

Da die Verwendung unterschiedlicher Endungen und Artikel den Lesefluss erheblich beeinträchtigt, wird im folgenden Text durchgängig die männliche Schreibweise verwendet.

2. TRAUMA - VERLETZUNG DER SEELE

„Psychisches Trauma ist das Leid der Ohnmächtigen. Das Trauma entsteht in dem Augenblick, wo das Opfer von einer überwältigenden Macht hilflos gemacht wird“ (Herman 1993, S.53).

Der Begriff des Traumas ist aus dem Griechischen abgeleitet und bedeutet „Wunde“, „seelische Erschütterung“.

Wie bereits durch Herman (1993) dargestellt, handelt es sich um ein einschneidendes und tiefgreifendes Erlebnis. An dieser Stelle wird folgenden Fragen nachgegangen: Was versteht man unter einem Trauma, wie wird „Trauma“ definiert? Was geschieht während und nach der Traumatisierung? Welche Symptome zeigen sich bei Betroffenen und wie sehen diesbezügliche Auswirkungen aus? Unter welchen Bedingungen sind traumatische Ereignisse besonders gut bzw. schlecht zu verarbeiten?

Zunächst erfolgt ein kurzer Überblick zur Geschichte des Traumas und der Entstehung der Psychotraumatologie. Des weiteren werden die Begrifflichkeit „Trauma“ und damit einhergehende Phänomene der Reaktion Betroffener vorgestellt und erläutert. Hiernach werden die nachwirkenden und sich chronifizierenden Elemente des Traumas in Zusammenhang mit der Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) sowie die Notwendigkeit bestimmter Verhaltensmuster, die das weitere Leben traumatisierter Menschen bestimmen und betreffen, aufgezeigt.

Abschließend werden unterschiedliche Faktoren, die das Ausmaß der Vulnerabilität eines Traumas beeinflussen, beschrieben und dargestellt.

2.1 ZUR GESCHICHTE DER PSYCHOTRAUMATOLOGIE

Seit dem Altertum gibt es vereinzelte Darstellungen des Phänomens „Trauma“, dies vor allem im Hinblick auf die Auswirkungen nach Kriegsgeschehnissen oder auch des Verhaltens von Menschen nach schweren Naturkatastrophen (vgl. Huber 2003a, S.25).

Ende des 19. Jahrhunderts rückte das Phänomen der Hysterie mehr und mehr in den Blickpunkt der Forschung der Psychiatrie. Bis dahin galt diese als Erkrankung, die vornehmlich Frauen betraf und deren Ursprung in der Gebärmutter vermutet wurde (abgeleitet vom griech. Wort „hystera“, verwandt mit dem lat. Begriff „uterus“). 1859 stellte der französische Psychiater Pierre Briquet eine Verbindung zwischen den Symptomen der Hysterie und Traumatisierungen in der Kindheit her. Etwa zwanzig Jahre später wurde die schwerwiegende Problematik des sexuellen Missbrauchs von Kindern u.a. durch den Forensiker Ambroise Tardieu dokumentiert und festgehalten (vgl. van der Kolk et al. 2000, S.73).

Um 1850/1860 entwickelte sich in der Pariser Salpêtrière durch die Erkenntnisse des Neurologen und Psychiaters Jean-Martin Charcot die Psychogenese und setzte damit ein zentrales Gegengewicht zur Somatogenese. Nachdem sich herausgestellt hatte, dass eine Verbindung zwischen körperlichen Erkrankungen und einer seelischen Symptomatik besteht, wurde diese Feststellung durch die Untersuchungen Charcots um einen entscheidenden Schritt erweitert. Dieser ging davon aus, dass die Symptombildung der Hysterie durch Traumatisierung entstanden sei und so ihren Ausdruck finde. Einer seiner Schüler, Pierre Janet, führte seine Überlegungen weiter und prägte den Begriff des Unterbewusstseins. Er vertrat die These, dass eine angemessene Integration und Verarbeitung von Erinnerungen unabdingbar sei, um Situationen und Herausforderungen adäquat bewältigen und regulieren zu können (a.a.O., S.76f.). Sei dies nicht gegeben, seien Menschen „unfähig, die traumatischen Erinnerungen zu integrieren, scheinen sie auch die Fähigkeit verloren zu haben, neue Erfahrungen zu assimilieren“ (Janet zit. nach a.a.O., S.77), was dazu führe, dass die traumatische Erinnerung vom Bewusstsein abgespalten, also dissoziiert werden müsse und sich in Form „von Schreckensvorstellungen, zwanghaften Präokkupationen“ (zwanghaftes Grübeln) „und somatischen Wiederholungserfahrungen wie z.B. Angstreaktionen“ (Janet zit. nach a.a.O., S.76) zeige.

Ein weiterer Schüler Charcots war Sigmund Freud. Dieser schloss sich in Zusammenarbeit mit dem Arzt und Physiologen Josef Breuer den Überlegungen Janets an. Freud war zunächst fest davon überzeugt, dass die Ursache der Hysterie in den Folgen sexuellen Missbrauchs in der Kindheit zu finden sei. 1896 verwarf er diese Theorie jedoch zugunsten seiner Vorstellung der „Abwehrhysterie“, die davon ausgeht, dass es nicht Erinnerungen an tatsächlich stattgefundene traumatische Ereignisse sind, die bei der Hysterie zum Ausdruck kommen, sondern vielmehr unbewusste Wünsche und Bedürfnisse des Kindes (a.a.O., S.77f.). Spätestens nach Freuds Ausführungen zum „Ödipuskomplex“ schien es keine andere Wahl mehr zu geben: „Der Psychiatrie als Disziplin folgte Freud in seinen Explorationen der Funktionsweise der normalen menschlichen Psyche: Das real existierende Trauma wurde zu Gunsten der Phantasie ignoriert“ (a.a.O., S.79).

Parallel dazu wurde durch den deutschen Neurologen Hermann Oppenheim als Vertreter der Somatogenese der Begriff der „traumatischen Neurose“ gebildet, die er als Reaktion auf einschneidende Kriegserlebnisse aber auch in Bezug auf Verkehrs- und Arbeitsunfälle prägte. Oppenheim sah den Körper als Ursprung seelisch auftretender Symptomatik, deren Quelle das zentrale Nervensystem sei (a.a.O., S.72).

Beide Richtungen - Psychogenese und Somatogenese - hatten ihre Gegner: Simulation und Suggestibilität wurden zum Ausgangspunkt der Betrachtungsweise der Hysterie. Als 1905 die Leitung der Salpêtrière durch Joseph Babinski übernommen wurde, gerieten Charcots Errungenschaften zunehmend in Vergessenheit. Es ging nunmehr um die Überzeugung, die Betroffenen seien „nicht Willens“

(„Willenskrankheit“, Fischer-Homberger 1975) und auf eine Täuschung aus, dies vor allem im Hinblick auf die Einführung und Innanspruchnahme der Kranken-, Unfall- und Rentenversicherung. Besonders schwerwiegend wirkte sich diese Debatte aus, als sie zum Mittel politischer Überlegungen nach dem 1.Weltkrieg wurde, um der Fülle von Entschädigungszahlungen an schwer traumatisierte Soldaten („Kriegszitterer“) nicht nachkommen zu müssen (a.a.O., S.73ff.).

1941 entstand unter Abram Kardiner, einem Schüler Freuds, der Begriff der Physioneurose, eine zugleich physisch als auch psychisch geprägte Beeinträchtigung nach Traumatisierung. Einige Jahre später gerieten Untersuchungen an Überlebenden des 2.Weltkrieges, des Vietnamkrieges und Hiroshima in den Fokus der Traumaforschung, die die Ergebnisse, die bereits durch Charcot und Janet beschrieben worden waren, untermauerten und langfristig etablierten (a.a.O., S.81ff.).

1980 wurde durch die Psychologin und Feministin Judith Herman sowie durch die Einflüsse der Frauenbewegung die Bezeichnung der Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) entwickelt. Zunehmend wurden Diskussionen laut, in denen es nun auch um Gewalt an Frauen und Kindern im interfamiliären Kontext ging (vgl. Huber 2003a, S.30).

2.2 TRAUMA - DEFINITION UND KLASSIFIKATION

Der ICD-10 (Manual der WHO [World Health Organization] 1994) definiert Traumata als „kurz- oder langanhaltende Ereignisse oder Geschehen von außergewöhnlicher Bedrohung mit katastrophalem Ausmaß, die nahezu bei jedem tiefgreifende Verzweiflung auslösen“ (zit. nach Maercker 2003, S.4).

Nach dem DSM-IV (Manual der APA [American Psychiatric Association] 1994) manifestiert sich ein Trauma durch „potentielle oder reale Todesbedrohungen, ernsthafte Verletzung oder eine Bedrohung der körperlichen Unversehrtheit bei sich oder bei anderen, auf die mit intensiver Furcht, Hilflosigkeit oder Schrecken reagiert wird“ (ebd.).

Einer 1997 nach den Kriterien des DSM-IV in den USA durchgeführten Studie zufolge haben 74 Prozent der Frauen und 81 Prozent der Männer ein traumatisches Ereignis in ihrem Leben zu verzeichnen (vgl. Ehlers 1999, S.7).

Maercker charakterisiert zwei unterschiedliche Ursachen von Traumata: Zum einen anhand der Dauer „kurz- vs. langfristige Traumen“ und zum anderen hinsichtlich des Auslösers „menschlich verursachte vs. zufällige Traumen“. Traumatische Geschehnisse, die einmalig und plötzlich stattfinden, werden als Typ-I-Traumata (Monotraumata) bezeichnet; hierzu zählen sowohl Gewalterfahrungen des öffentlichen Raums wie Körperverletzung, Geiselnahme oder Vergewaltigung („man made disasters“) als auch Autounfälle oder das Überleben einer Naturkatastrophe. In Abgrenzung dazu werden über einen längeren Zeitraum andauernde und sich wiederholende Traumata als Polytraumata (Typ-II-Traumata) bezeichnet. Folter, Gewalt in der Familie, sexualisierte Gewalt, Kriege („man made disasters“) und auch Erkrankungen wie AIDS und Krebs gehören zu dieser Kategorie (vgl. Maercker 2003, S.5).

Ob ein Erlebnis als traumatisch empfunden wird, hängt u.a. von der subjektiven Wahrnehmung der betroffenen Person ab. So kann beispielsweise ein Unfall für den einen eine durchaus traumatische Situation sein, für einen anderen handelt es sich dabei lediglich um ein belastendes Ereignis (vgl. Huber 2003a, S.37f.). Wo liegt demnach der Unterschied?

Nach Huber handelt es sich beim Ursprung eines Traumas um real stattfindende Ereignisse, die von außen auf die Psyche eines Menschen einwirken und mit extremem Stress verbunden sind. Kennzeichnend für diese Situation ist eine „Überflutung mit aversiven Reizen“ (Huber 2003a., S.40), die dem Gehirn signalisieren, dass sofortiges Handeln erforderlich ist, da eine Annihilationsdrohung (annihilate, engl.: vernichten, zerstören, ausrotten) vorliegt, d.h. ein nicht vorherseh- und einschätzbarer Zustand, der alle Bewältigungsmechanismen außer Kraft setzt. Die Informationsverarbeitung des Gehirns ist dem Stressor ausgeliefert und zeigt Lebensgefahr an (a.a.O., S.39).

2.3 FAKTOREN, PROZESSE UND REAKTIONEN HINSICHTLICH DES TRAUMAS

Während und nach einer Traumatisierung ist der Organismus eines Menschen unterschiedlichen Mechanismen auf physischer und psychischer Ebene ausgesetzt, die Ausdruck der Begegnung mit der sich ereigneten Belastung sind.

2.3.1 PRÄTRAUMATISCHE FAKTOREN

So wie es Faktoren gibt, die die Schwere eines Traumas und einer chronischen Posttraumatischen Belastungsstörung bedingen und erhöhen, gibt es jene, die im Vorfeld eine Art Schutz darstellen können. Wer ein gutes soziales Umfeld besitzt, in das er integriert ist (soziale Unterstützung), sich durch Sprache anderen gegenüber zu verständigen und mitzuteilen weiß (kommunikative Kompetenz) und den Glauben an eine sinnvolle Ordnung der Welt mit der er verbunden ist und dessen Zusammenhänge erkennen kann (kohärentes Weltbild), besitzt, ist in geringerem Maße gefährdet, dass sich eine chronifizierte Erkrankung als Ausdruck von Traumatisierung manifestiert (vgl. Huber 2003a, S.82).

2.3.2 PERITRAUMATISCHE REAKTION/AKUTPHASE

Die extreme Bedrohung, die in einem Moment, der mit äußerster Lebensgefahr gleichgesetzt wird, von diesem ausgeht, wird vom Gehirn mit einem von zwei möglichen Reflexen beantwortet: Kampf („fight“) oder Flucht („flight“). Das vegetative Nervensystem reagiert auf die Bedrohung mit hoher Erregung, große Mengen Adrenalin werden ausgeschüttet, der Körper wird in einen Alarmzustand versetzt; die Pulsfrequenz erhöht sich, der Grad der Aufmerksamkeit steigt, das Schmerzempfinden wird herabgesetzt, die Konzentration richtet sich allein auf die bevorstehende Gefahr. Diese physischen und psychischen Veränderungen sind normale Anpassungsmechanismen an eine derartige Situation. Der Körper mobilisiert alle Kräfte für den bevorstehenden Kampf oder die Flucht. Das Nervensystem ermöglicht es, dass „Veränderungen in eine stärkere Perfusion der Blutglucose auf Muskeln und lebenswichtige Organe ermöglichen und so den Skelettmuskeln mehr Energie zugeführt wird, was dem Organismus erlaubt, besser zu kämpfen oder vor gefährlichen Situationen zu fliehen“ (Yehuda zit. nach Huber 2003a, S.41).

Levine geht davon aus, dass die „Immobilitätsreaktion” bei Menschen, die einer traumatischen Situation ausgeliefert sind, dazu führt, dass die zuvor für Fight oder Flight aktivierte Energie im Körper gespeichert wird und sich die gespeicherte, eingefrorene Energie in späteren posttraumatischen Symptomen manifestiert. So könne man bei Tieren beobachten, dass diese derartige Symptome vermeiden, indem sie sich nach einer Gefahrensituation schütteln oder auch zittern, was dazu dient, die vorherige Erstarrung aufzulösen (vgl. Levine 1998, S.106ff.).

Ist weder Widerstand noch Flucht möglich, bricht das Selbstschutzsystem des Menschen zusammen. „Um der äußersten Bedrohung, nämlich der Auflösung des Selbst, zu entkommen“ (Huber 2003a, S.43), reagiert das Gehirn mit einer Lähmung des Organismus, die sich bis hin zu einer Blockierung der integrativen Wahrnehmung der Situation auf das Selbst auswirken kann. Diese Reaktion bezeichnet man als Freeze (Einfrieren). Die Bedrohung im Außen läßt keine angemessene Reaktion im Sinne von Fight oder Flight zu. Als Antwort darauf folgt eine Distanzierung vom Geschehen im Inneren des Organismus. Es werden Endorphine und Noradrenalin ausgeschüttet; sie führen dazu, daß eine Entfremdung vom Erleben möglich wird und eine Art Erstarrung einsetzt (ebd.).

Durch die eingeschränkte Informationsverarbeitung im Gehirn wird das Erlebte ungeordnet gespeichert, einzelne Sinneseindrücke oder auch die gesamte Situation können womöglich nur unzusammenhängend und bruchstückhaft erfasst bzw. erinnert werden. Die Ursache, die dazu führt, dass ein zusammenhängendes Erinnern an ein traumatisches Ereignis nahezu unmöglich wird, ist der Vorgang des Fragmentierens (Fragment); das Geschehen wird zersplittert (ebd.). „Der Vergleich eines Spiegels, der im Augenblick des traumatischen Stressgipfels zerspringt, macht deutlich, dass die zurückbleibenden Spiegelsplitter nicht mehr erkennen lassen, was passiert ist, sondern nur noch, dass etwas passiert ist“ (Besser zit. nach Huber 2003a, S.43f.).

2.3.3 POSTTRAUMATISCHE REAKTION/VERARBEITUNGSPHASE

Das Zusammenspiel der beschriebenen physischen und psychischen Reaktionen, die während eines Traumas stattfinden, führt dazu, dass bestimmte Elemente dieses Reaktionsgefüges auch nach dem Ereignis, lange Zeit nachdem die akute Gefahr vorbei ist, bestehen bleiben. „Traumatische Ereignisse bewirken tiefgreifende und langfristige Veränderungen in der physiologischen Erregung, bei Gefühlen, Wahrnehmung und Gedächtnis. Überdies werden diese normalerweise fein aufeinander abgestimmten Funktionen durch ein traumatisches Ereignis manchmal voneinander getrennt. Der Traumatisierte empfindet beispielsweise intensive Gefühle, kann sich aber nicht genau an das Ereignis erinnern; oder er erinnert sich an jedes Detail, empfindet aber nichts dabei. Er ist vielleicht ständig gereizt und wachsam, ohne zu wissen warum. Häufig geht der Zusammenhang zwischen traumatischen Symptomen und ihrem Auslöser verloren, die Symptome verselbständigen sich“ (Herman 1993, S.55).

Gschwend beschreibt zwei Stadien unmittelbar folgender psychologischer Reaktionen im Anschluss an traumabedingte Erfahrungen. Zunächst folgt der Zustand des Schocks. Charakteristisch für dieses Stadium ist, dass der Betroffene das Gefühl hat, als ob die traumatische Situation nach wie vor bestehe, auch wenn dies objektiv gesehen nicht zutrifft. Kennzeichnend für diese Phase sind dissoziative Symptome, emotionale Leere und Apathie; die betroffene Person kann und will das Erlebte nicht als real annehmen. Körperliche Symptome sowie Angst und Bedrohungsgefühle halten an. Dieser Zustand setzt direkt nach dem traumatischen Ereignis ein und dauert etwa 14 Tage an (vgl. Gschwend 2002, S.16ff.).

Die Möglichkeit einer Verarbeitung des Erlebten kann erst in einer zweiten Phase stattfinden, da es „prinzipiell unmöglich (ist), eine traumatische Situation im Moment des Geschehens adäquat zu verarbeiten“ (Lüdke/Clemens 2004, S.90). Der Zustand der Krise setzt ein. Der Betroffene wirkt nach außen ruhig und gelassen, kann scheinbar gut funktionieren, er will Kontrolle über den Alltag besitzen und weder über das, was passiert ist sprechen, noch daran erinnert werden. „Der Prozess der inneren Auseinandersetzung mit dem Geschehenen beginnt“ (Gschwend 2002, S.17). Spezifische Anzeichen dieser Phase sind Ängste, Schlafstörungen, tatbezogene Zwänge, Essstörungen, Substanzmittelmissbrauch, Depressionen, Scham- und Schuldgefühle sowie Flashbacks (unerwartetes und überflutendes Wiedererleben früherer traumatischer Ereignisse und damit verbundener Gefühlszustände). Tagsüber können ungewollt auftauchende Erinnerungen unter Umständen mittels individueller Bewältigungsstrategien verhindert werden. In unbewussten Phasen jedoch, z.B. während des Schlafs, arbeitet das autonome Nervensystem weiter und Erinnerungen tauchen auf (ebd.). Ist im Verlauf des Prozesses eine Verarbeitung möglich, klingt diese Form einer „normalen“ Reaktion und Symptombildung auf die Traumatisierung langsam wieder ab (vgl. Lüdke/Clemens 2004, S.91). Lüdke und Clemens erwähnen in diesem Zusammenhang ein drittes Stadium, welches im Zuge einer schrittweisen Integration und Bewältigung der Erfahrung zu einer Erholung bzw. Genesung der Person führen kann. Geschieht dies nicht, und das Erlebte wird auch weiterhin aus dem Erfahrungskontext ausgeschlossen, liegt eine Chronifizierung vor, die zu einer Posttraumatischen Belastungsstörung oder gar zu einer chronifizierten Posttraumatischen Belastungsstörung führen kann (ebd.).

Analog der beschriebenen Phasen nach Gschwend (2002) und Lüdke/Clemens (2004) wurden posttraumatischen Reaktionen sowohl durch das Manual der APA als auch das der WHO ähnlich nach Symptomatik und Dauer unterschieden und klassifiziert. Hierbei differieren sie jedoch grundlegend in ihrer jeweiligen Einordnung: Während Belastungsreaktionen nach traumatischen Erfahrungen im ICD-10 unter „Reaktionen auf schwere Belastungen und Anpassungsstörungen“ zu finden sind, werden diese im DSM-IV im Abschnitt über Angststörungen genannt. Die Verwendung des Begriffs „Reaktion“ des ICD-10 weist auf eine eher neutrale Darstellung der Belastung hin; im DSM-IV hingegen werden diese direkt als „Störung“ bezeichnet (vgl. Huber 2003a, S.111f.).

Auch hinsichtlich der Beschreibung des zeitlichen Rahmens der Akutreaktionen grenzen sich ICD-10 und DSM-IV deutlich voneinander ab. Nach DSM-IV tritt die Akute Belastungsstörung innerhalb eines Monats nach der Traumatisierung auf und ist auf einen Zeitraum von zwei Tagen bis zu vier Wochen begrenzt. Bei der akuten Belastungsreaktion hingegen treten die Symptome sehr früh auf und lassen bereits einige Stunden oder allenfalls zwei bis drei Tage nach dem Ereignis nach (ebd.).

Weiterführend werden die Symptome der posttraumatischen Belastungsstörung nach ICD-10, die bereits zum Ende eines Belastungszeitraumes entstehen (vgl. Maercker 2003, S.9) und parallel zur akuten Belastungsstörung auftauchen können, mit einbezogen, da die akute Belastungsreaktion einzig den „initialen Schockzustand abgrenzt“ (Flatten 2003, S.46).

2.4 CHRONIFIZIERUNG DES TRAUMAS - DIE POSTTRAUMATISCHE BELASTUNGSSTÖRUNG

Retardiert der Beginn der Symptomatik einer Akutreaktion nach einer Traumatisierung um mehr als den angegebenen Zeitraum oder verlängert er sich, liegt eine Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) vor. Der Begriff der „Komplexen Posttraumatischen Belastungsstörung“ wurde bislang nicht offiziell in die Manuale der APA und der WHO aufgenommen. Ihre Symptomatik entspricht zunächst einem Typ-I-Trauma, grenzt sich jedoch aufgrund einer Komplexität, z.B. bei Kindern, die fortdauernd Situationen des Typ-II-Trauma ausgesetzt sind, so ab, dass sich eine Symptomatik entwickelt, die nicht durch die Diagnose der PTBS abgedeckt werden kann (vgl. Butollo et al. 1999, S.39).

Drei Hauptsymptomgruppen sind für die posttraumatischen Reaktionen charakteristisch und werden im Folgenden, wenn nicht anders benannt, nach Maercker vorgestellt (vgl. Maercker 2003, S.6ff.):

2.4.1 INTRUSION/WIEDERERLEBEN

Auch lange Zeit nachdem die direkte Gefahr des Traumas vorüber ist, erleben die Betroffenen das Geschehene, als ob es sich gerade ereigne. Diese intrusiven Symptome manifestieren sich als „ungewollte Gebundenheit an das schreckliche Erlebte“ (a.a.O., S.6). Intrusionen können über unterschiedliche Sinneswege wahrgenommen werden: visuell, taktil, auditiv oder auch olfaktorisch. Die Ereignisse werden in Gedanken und Träumen immer und immer wieder erlebt und treten durch Albträume und Flashbacks plötzlich und unerwartet zu Tage. Dieses Wiedererleben kann dazu führen, das der Betroffene sich gänzlich hilflos fühlt und die Kontrolle verliert, ggf. sogar soweit, dass physische bzw. motorische Reaktionen dadurch ausgelöst werden und es zu einer Re-Traumatisierung kommen kann (vgl. Lüdke/Clemens 2004, S.101f.). So fungieren bestimmte Schlüsselreize wie z.B Gegenstände, Geräusche oder Jahrestage als Trigger (Auslöser) der Erinnerung an das traumatische Ereignis, die sich in Reaktionen wie Herzrasen, Zittern oder Flashbacks niederschlagen können.

Ein weiteres Phänomen ist, dass das Trauma durch Reinszenierung in Handlungen Betroffener erneut seinen Ausdruck findet: „Häufiger wiederholen Traumatisierte bei der Neuinszenierung einige Aspekte des traumatischen Ereignisses in verschleierter Form, ohne daß sie erkennen, was sie tun“ (Herman 1993, S.62). Viele Menschen, die traumatische Erfahrungen gemacht haben, werden in ihrem Leben immer wieder zu Opfern (vor allem bei sexualisierter Gewalt). Bass und Davis beschreiben diesen immanenten Wiederholungszwang: „Jede gewohnte Verhaltensweise beruht auf einem Muster. Es ist immer tief eingefahren, durch Wiederholung verfestigt und führt zu einem bekannten Ergebnis. Auch wenn das Ergebnis letztendlich nicht das ist, was du willst, macht seine Vorhersehbarkeit einen Teil seiner Macht aus Muster führen praktisch ein Eigenleben und überdauern mit großer Beharrlichkeit“ (Bass/Davis 1990, S.160).

2.4.2 KONSTRIKTION/VERMEIDUNG UND BETÄUBUNG

Nach traumatischen Ereignissen entwickeln Betroffene oftmals ein ausgeprägtes Vermeidungsverhalten, das dazu dienen soll, die ungewollt auftauchenden intrusiven Erfahrungen zu verhindern und diesbezügliche Gedanken und Empfindungen auszuschalten, bis dahin „dass sie beginnen, ihr Leben um das Trauma herum zu organisieren“ (van der Kolk/Mc Farlane 2000, S.30).

Aktivitäten des täglichen Lebens werden mehr und mehr vermieden, mitunter entstehen phobische Züge des Verhaltens. Durch das Gefühl emotionaler Betäubung und Entfremdung von anderen scheint es, als sein Freude, Liebe oder Trauer zu empfinden nicht möglich; als Folge davon tritt ein sozialer Rückzug auf. Jeder Reiz von außen, ob angenehm oder unangenehm, birgt die Gefahr einer erneuten Überflutung, so dass es besser scheint „Nichts zu fühlen, ... als dem Gefühl der Irritation und des Überwältigtseins ausgeliefert zu sein“ (a.a.O., S.37).

2.4.3 HYPERAROUSAL/ÜBERERREGUNG

Nach einer traumatischen Erfahrung scheint das Selbstschutzsystem eines Menschen in ständiger Alarmbereitschaft zu sein. Die Erregungsschwelle des autonomen Nervensystems ist stark herabgesetzt, so dass der Körper hoch sensibel auf Reize, die von außen einwirken, reagiert; allein ein leises Geräusch kann eine extreme Schreckreaktion auslösen. Dies führt zu einer erhöhten Reizbarkeit und Übererregung (Hyperarousal), so dass es zu plötzlichen Wutausbrüchen oder Heulkrämpfen kommen kann. Gleichermaßen wirkt sich die stetige Hypervigilanz (übersteigertes Ausmaß an Wachsamkeit) auf das

Schlafverhalten der Betroffenen aus und massive Schlafstörungen treten auf. Der physiologische Erregungszustand hält folglich unvermindert an: „Die psychophysiologischen Veränderungen bei posttraumatischen Belastungsstörungen sind sehr weitreichend ... und halten auch sehr lange an. Die Patienten leiden an allgemeinen Angstsymptomen, die mit spezifischen Befürchtungen verknüpft sind. Das normale Grundniveau wacher, aber entspannter Aufmerksamkeit fehlt. Bei ihnen ist das Grundniveau ein Zustand erhöhter Erregung: Ihr Körper ist immer in Alarmbereitschaft und auf eine Gefahr vorbereitet. Sie reagieren außerdem extrem schreckhaft auf unerwartete und vor allem auf spezifische Reize, die mit dem traumatischen Ereignis in Verbindung stehen. Traumatisierte können offensichtlich auch Wiederholungsreize, die für andere nur ärgerlich wären, nicht ‚ausschalten’, sondern reagieren auf jede Wiederholung wie auf eine neue - und gefährliche - Überraschung Traumatische Ereignisse verändern offenkundig das menschliche Nervensystem tiefgreifend“ (Herman 1993, S.57).

2.5 ÜBERLEBEN DES TRAUMAS DURCH DISSOZIATION

Wie bereits beschrieben, wird im DSM-IV der Begriff der Akuten Belastungsstörung verwandt, aus der sich eine PTBS entwickeln kann. In diesem Zusammenhang werden vor allem verschiedene dissoziative Phänomene dargelegt, die zu einer vierten Symptomgruppe gehören, die nur bei akuten und komplexen Formen der posttraumatischen Belastung zu finden sind (vgl. Huber 2003a, S.111f.).

Ist ein Mensch einer Situation gegenüber ohnmächtig und völlig ausgeliefert, bleibt einzig die Kapitulation. Das menschliche Selbstverteidigungssystem bricht zusammen und der Mensch flieht nicht durch eine reale Handlung im Außen, sondern durch eine Veränderung des Bewusstseinszustandes im Inneren. Es setzt ein Prozess ein, der die Gedanken, Gefühle und Geschehnisse, die während des Traumas stattfinden, abspaltet und die bewusste Wahrnehmung der Umgebung beeinträchtigt. Das Phänomen der Dissoziation kennt man bei Tieren als „Totstellreflex“. Ein Hase, der von einem Autoscheinwerfer erfasst wird, erstarrt totenähnlich, bis die Situation vorüber ist (vgl. Sachsse 1998, S.13). Herman schreibt dazu: „Die Wahrnehmung ist möglicherweise eingeschränkt oder verzerrt, das Schmerzempfinden kann teilweise verloren gehen, bestimmte Sinneseindrücke werden nicht mehr registriert. Das Zeitgefühl kann verändert sein, oft wird das Ereignis wie in Zeitlupe erlebt, und die Erfahrung scheint für die Betroffenen in keinem Zusammenhang zur gewöhnlichen Realität zu stehen. Vielleicht kommt es dem Opfer so vor, als wäre es von dem Ereignis gar nicht selbst betroffen, als stünde es außerhalb seines Körpers und schaute nur zu, als wäre die Erfahrung ein schlechter Traum, aus dem es bald erwacht“ (Herman 1993, S.66).

Zu den dissoziativen Erscheinungen gehören sowohl das Depersonalisationserleben als auch die Derealisation. Depersonalisation bedeutet, dass Geschehnisse und Erfahrungen nicht mit der eigenen Person in Verbindung gebracht werden; Situationen scheinen wie aus der Sicht eines Zuschauers stattzufinden; das Selbst kann nicht mehr angemessen wahrgenommen werden (vgl. Huber 2003a, S.62). Unter Derealisation versteht man, Ereignisse „wie in einem Traum“ zu erleben, einen „Tunnelblick“ zu entwickeln. Jeder kennt solche Phänomene: „Ab und zu hören Sie einem Menschen zu, der auf Sie einredet, und es kommt auch der Klang der Worte zu Ihnen, aber ihre Ohren scheinen auf ‚Durchzug’ gestellt ... “ (a.a.O., S.60), oder auch: “Wenn Sie in einer stressreichen Zeit oder nach einem äußerst gefühlsintensiven Traum morgens aufwachen, kann es sein, dass Sie den ganzen Tag wie ‚weggetreten’ sind, als würden Sie mit offenen Augen (weiter)träumen ... ” (ebd.). Nach einem Trauma kann sich jedoch die Derealisierung chronifizieren und somit bei der Diagnose einer Posttraumatischen Belastungsstörung Bedeutung bekommen (a.a.O., S.61).

Ein weiteres Erscheinungsbild von Dissoziation ist die Amnesie. Eine alltägliche Form tritt bei jedem Menschen auf: „Haben Sie den Brief in den Kasten geworfen, oder wollten Sie es nur tun?“ (a.a.O., S.57), oder „Sie öffnen am Abend das leere Portemonnaie und wundern sich, wo ihr Geld geblieben ist” (ebd.). Diese banalen Vergesslichkeiten sind jedoch etwas anderes als die, die nach einer Traumatisierung in Form von Dissoziativer Amnesie entstehen können. Wichtige Aspekte einer traumatischen Erfahrung können gänzlich fehlen, Erinnerungen an bestimmte damit in zusammenhangstehende Lebensjahre können vollständig aus dem Bewusstsein gelöscht sein (biographische Amnesie) (a.a.O., S.57f.).

Eine besonders intensive Form der Dissoziation ist die Fugue. Im klinischen Sinne bedeutet dies, sich zielgerichtet von einem Ort zu einem anderen zu bewegen und innerhalb dieses Zeitraums für seine Handlung amnestisch zu sein; all dies kann mit Erscheinungen der Derealisation und Depersonalisation einhergehen (a.a.O., S.62f.). Die dissoziative Fugue steht als Reaktion des Nicht-fliehen-könnens während der traumatischen Situation, sie „stellt eine verspätete Flight- Reaktion dar“ (a.a.O., S.63).

Die schwerwiegendste Form der Dissoziation ist die der Dissoziativen Identitätsstörung (DIS), auch als multiple Persönlichkeitsstörung bezeichnet. Hierbei kommt es durch Dissoziation zu einer vollständigen Spaltung von Seele und Körper, so dass einzelne Fragmente der Persönlichkeit entstehen, die unabhängig voneinander agieren und jeweils ein eigenes Bewusstsein führen. Die verschiedenen Persönlichkeiten können ein wechselseitiges Wissen umeinander haben oder auch durch vollständige Amnesie voneinander getrennt sein (a.a.O., S.129ff.).

Derartige Bewusstseinsveränderungen durch Dissoziation bewirken, dass das Trauma zwar nicht in das normale Bewusstsein eindringen kann und daher ein Wiedererleben von Schmerz und Ohnmacht verhindert wird, gleichzeitig wird allerdings auch eine für die Heilung und die Verarbeitung des Traumas notwendige Integration des Geschehenen abgewehrt (vgl. Herman 1993, S.69).

2.6 TRAUMA - SCHUTZ- UND RISIKOFAKTOREN

Traumatisiert worden zu sein, kann bedeuten, dass sich ein Leben von Grund auf verändert. Wie diese Veränderungen aussehen und wie schwer das Trauma sowie die damit einhergehenden Auswirkungen sich zeigen, ist von unterschiedlichen Faktoren abhängig, die sich auf das Fortdauern und die Wirkung der Vulnerabilität eines Traumas niederschlagen.

2.6.1 PROTEKTIVE FAKTOREN NACH DEM TRAUMA

Während es nichts gibt, was ein Trauma, sobald seine Wirkung entfaltet und es in Kraft getreten ist, verhindern kann, so gibt es doch eine gewisse Immunität, die - gleich den prätraumatischen Faktoren - nach dem Ereignis zum Tragen kommt.

Ist es beispielsweise in früheren belastenden Situationen gelungen, Fähigkeiten zu entwickeln, einen positiv-konstruktiven Umgang und Lösungswege zu entwickeln (Copingstrategien), kann dies dazu beitragen, die Problematik zu relativieren und damalige Strategien erneut zu nutzen. Auch eine enge Bindung an Partner, Familie und Freunde kann eine schnelle Bewältigung begünstigen. „Protektive Faktoren und Prozesse sind einerseits ... Persönlichkeitsmerkmale und verinnerlichte positive Erfahrungen, andererseits ... spezifische und unspezifische Einflußgrößen des sozio-ökologischen Makrokontextes (Familie, Freunde, significant caring adults, Wohnung) [und] Mesokontextes (Subkultur, Schicht, Quartier, Region), ... die in einer Interaktion miteinander ... Entwicklungsrisiken für das Individuum und sein soziales Netzwerk weitgehend vermindern können“ (Petzold zit. nach Bräutigam et al. 2000, S.430) (=Ressourcen).

Nicht außer Acht lassen, sollte man die dementsprechende Bedeutung, die Angehörigen und anderen nahestehenden Personen der Betroffenen zukommt, sobald diese einer „sekundären Viktimisierung“ erliegen und infolge der kognitiven Konstruktion durch die Berichte des Traumas ähnliche Symptome und Belastungen entwickeln wie die Betroffenen selbst (vgl. Lüdke/Clemens 2004, S.119f.).

2.6.2 RISIKOFAKTOREN

Analog der prätraumatischen und protektiven Faktoren, die entscheidend am Ausmaß des Erlebens und Verarbeitens von Traumatisierungen beteiligt sind und die Wahrscheinlichkeit des Auftretens einer PTBS mindern, stehen jene, die das Risiko einer Erkrankung erhöhen und eine Integration des Erlebten in erheblichem Maße erschweren.

„Faktoren vor dem traumatischen Ereignis:

- geringe soziale Unterstützung;
- „Schicksalsschläge (adverse life events);
- Armut der Eltern;
- vorherige Misshandlung in der Kindheit;
- dysfunktionale Familienstrukturen;
- familial-genetische Geschichte psychischer Störungen;
- Introversion oder extrem gehemmtes Verhalten; Geschlecht: weiblich;
- schlechte körperliche Gesundheit;
- vorherige psychische Störung.

Faktoren während des Traumas:

- Länge und Ausmaß und Wiederholung der traumatischen Einwirkung;
- subjektives Bedrohungsgefühl (z.B. häufige akute Todesangst);
- andere, damit verbundene Traumata.

Faktoren nach dem Trauma:

- mangelnde soziale Unterstützung;
- fortgesetzte negative Lebensereignisse;
- mangelnde Anerkennung des Traumas durch andere;
- sekundäre Stressfaktoren wie Schulwechsel, Umzug, Zerstörung des Zuhauses, wiederholte Bedrohung, Angst vor dem Täter und finanzielle Probleme“

(Huber 2003a, S.83).

Je mehr dieser Faktoren zusammenkommen und je früher im Leben Traumatisierungen stattfinden, desto eher besteht die Möglichkeit an einer PTBS zu erkranken, da “die Vulnerabilität eine entscheidende Rolle bei der Entstehung von PTBS sowie bei der langzeitigen Lebensbewältigung angesichts der traumatischen Belastungsfolgen spielt“ (van der Kolk et al. 2000, S.88).

3. DIE BINDUNGSTHEORIE

„Mutterliebe ist genauso wichtig für die geistige Gesundheit wie es Vitamine und Proteine für die körperliche Gesundheit sind“

(Bowlby zit. nach Holmes 2006, S.53).

Zu Beginn des Kapitels erfolgt eine Darstellung der frühen Einflüsse der Psychoanalyse auf die Entwicklung der Bindungstheorie, um davon ausgehend auf die eigentlichen Theoreme überzuleiten. In diesem Zusammenhang werden die Forschungen des Begründers John Bowlby sowie deren Weiterentwicklung durch Marie Ainsworth vorgestellt und in ihren Ergebnissen dargelegt. Im Anschluss daran folgt, auf den Grundlagen der Erkenntnisse der Bindungstheorie aufbauend, eine Auseinandersetzung hinsichtlich der Thematik der „Bindungsstörungen“, die in Bezug auf die übergeordnete Thematik dieser Arbeit noch von Wichtigkeit sein wird.

Obgleich die Thematik der Mutter-Kind-Bindung deutlich im Vordergrund der folgenden Ausführungen steht, darf nicht vergessen werden, dass auch die Väter eine entscheidende Rolle innerhalb des Bindungssystems einnehmen. Ihre Funktion besteht zunächst im Schutz der Verbindung zwischen Mutter und Kind, d.h. dafür zu sorgen, dass diese sich entwickeln kann und die Mutter in ihrer primären Aufgabe, dem Kind eine sichere Basis zu ermöglichen, zu unterstützen und zu bestärken (vgl. Holmes 2006, S.206).

Zu einem späteren Zeitpunkt wird der Vater dann jedoch in die enge Verbindung zwischen Mutter und Kind rücken, so dass sich eine eigenständige Bindung auch zwischen ihm und dem Kind herstellen und intensivieren kann und der Verlauf einer normalen und gesunden Abnabelung von der Mutter langsam vollzogen wird (ebd.). Indem ein Mann seiner Frau Liebe entgegenbringt, wird diese als Mutter die Liebe an ihr Kind weitergeben können; indem ein Mann als Vater seine Liebe an sein Kind gibt, erfährt dieses durch ihn „eine zusätzliche seelische Stärke und (es) eröffnet (sich) ihm eine männliche Sichtweise auf die Welt“ (Ruppert 2006, S.4).

Demnach ist das Anliegen dieser Arbeit keineswegs, die Verantwortung für entstehende Störungen der Bindungsfähigkeit und Entwicklung eines Kindes bei den Müttern zu suchen oder die Väter nicht ausreichend und entsprechend wertzuschätzen. Dennoch ist festzuhalten, dass die Bindung des Kindes an die Mutter nicht durch die an den Vater ersetzt werden kann und umgekehrt. Beide tragen gleichermaßen und doch jeder für sich dazu bei, das Kind in seiner Entwicklung zu verstehen und positiv zu beeinflussen.

3.1 PSYCHOANALYSE UND BINDUNG

Im Verlauf der Geschichte der Entwicklungspsychiatrie und -psychologie zu Beginn des vorigen Jahrhunderts sind zwei Namen von herausragender Bedeutung: Adolf Mayer und Sigmund Freud. Während Mayer einen Zusammenhang zwischen tatsächlichen Lebensereignissen und der weiteren Entwicklung eines Menschen herstellte (auch wenn er diese Ereignisse nicht genauer definierte), ging Freud einen Schritt weiter, indem er sich mit der Beziehung von psychischen unterbewußten Faktoren hinsichtlich des Handelns, Denkens und Fühlens eines Menschen und dem sich daraus entwickelnden Umgang mit und der Interpretation von Situationen auseinandersetzte. Beiden gemein ist die Grundannahme darüber, dass die psychische Entwicklung eines Kindes entscheidend von den Prozessen ihrer Umgebung abhängig ist (vgl. Bowlby 2002, S.17f.).

Sigmund Freud belegte die Bindung zwischen Mutter und Kind mit der Triebtheorie, die besagt, dass das Kind seinem Lustprinzip nach handelt und sich aufgrund seiner natürlichen Bedürfnisse (Nahrung, Sexualität) orale Befriedigung bei der Mutter sucht. Komme es zu einer Trennung, sei das Kind von der Angst ergriffen, seine Bedürfnisse nicht mehr befriedigt zu sehen und der Situation ohnmächtig gegenüberzustehen. Anna Freud übernahm die Lehren ihres Vaters und stellte das Lustprinzip in den Fokus ihrer Arbeiten (vgl. Brisch 2006a, S.61f.). Ihrer Auffassung nach ist die Bindung an die Mutter von den „Auswirkungen der mütterlichen Pflegehandlungen auf das Seelenleben, d.h. auf die Lust-Unlust-Erlebnisse“ geprägt (Anna Freud zit. nach a.a.O., S.62). So wird die Mutter zum „Objekt“ der physischen Bedürfnisbefriedigung des Kindes, was als Notwendigkeit gilt, Beziehung einzugehen (a.a.O., S.62). Der Ursprung zahlreicher neurotischer Verhaltensweisen seitens des Kindes sei durch den Ödipuskonflikt, der sich im Alter von zwei bis drei Jahren manifestiere, zu erklären, wobei es gelte, Es und Über-Ich kongruieren zu lassen (vgl. Holmes 2006, S.17f.).

In den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts bildeten sich zwei Grundrichtungen psychoanalytischer Überlegungen aus, deren Anhänger zutiefst verfeindet waren: zum einen durch Anna Freud selbst, die die Lehrmeinung der Freudianer verfocht, zum anderen durch Melanie Klein, die sich mit der Begründung der Objektbeziehungstheorie und einer modernen Psychoanalyse von der Triebtheorie der klassischen Freudianer abgrenzte. Klein vertrat die Auffassung, dass dem Objekt (die Mutter), auf das die Triebe des Kindes gerichtet seien, eine größere Bedeutung zukommen müsse (ebd.). Das Objekt könne dabei - ähnlich den Überlegungen der klassischen Psychoanalyse - sowohl positiv als auch negativ besetzt sein, es sei jedoch ausschlaggebend für die spätere Entwicklung des Kindes, wie das Verhalten der Mutter und die Interaktion zwischen beiden sich gestalte.

[...]

Ende der Leseprobe aus 102 Seiten

Details

Titel
Trauma und Bindung. Frühkindliche Traumatisierung und ihre Einflüsse auf die Bindungsfähigkeit
Untertitel
Anforderungen an die Soziale Arbeit
Hochschule
Universität Kassel
Note
1.3
Autor
Jahr
2008
Seiten
102
Katalognummer
V186521
ISBN (eBook)
9783869436517
ISBN (Buch)
9783656983958
Dateigröße
1036 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
trauma, bindung, frühkindliche, traumatisierung, einflüsse, bindungsfähigkeit, anforderungen, soziale, arbeit
Arbeit zitieren
Dipl. Soz.päd./Dipl. Soz.arb. Sandra Andrea Hoffmann (Autor), 2008, Trauma und Bindung. Frühkindliche Traumatisierung und ihre Einflüsse auf die Bindungsfähigkeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/186521

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