Louise Dumont Farrenc Air russe variée, op. 17


Seminararbeit, 2008
18 Seiten, Note: 2

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Biographie von Louise D. Farrenc

2 Sozialhistorischer Hintergrund und Einordnung in die Zeit

3 Kompositionsstil des Charakterstücks Air russe varié, op. 17

4 Analyse und Interpretation des Air russe varié,op. 17
4.1. Charakteristika der einzelnen Variationen
4.2. Die Variationen im Vergleich zu Farrencs Zeitgenossen und Vorbildern
4.2.1. Variation 1
4.2.2. Variation 2
4.2.3. Variation 3
4.2.4. Variation 4
4.2.5. Variation 5
4.2.6. Variation 6
4.2.7. Variation 7
4.2.8. Variation 8
4.3. Finale des Air russe varié nach fugischen Gesichtspunkten

5 Charaktervariation oder Figuralvariation?
5.1. Charaktervariation
5.2. Figuralvariation

6. Anhang

7. Literaturverzeichnis

1 Biographie von Louise D. Farrenc

Die französische Komponistin und Pianistin Louise Dumont Farrenc wurde als zweites von drei Kindern der Künstlerfamilie Dumont am 31. Mai 1804 in Paris geboren. Ihren ersten Klavierunterricht erhielt sie bei der Pianistin Cécile Soria. Später nahm sie weitere Klavierstunden bei Johann Nepomuk Hummel. Dort lernte sie Klaviertechnik und Interpretation. Mit 15 Jahren begann Louise Dumont 1819 ihr Studium am Pariser Konservatorium bei Herrn Anton Reicha in Komposition, Musiktheorie und Instrumentation. 1821 heiratete sie Aristide Farrenc, einen Flötisten und Musikverleger, der später zum Verleger ihrer Werke wurde. 1826 kam ihre einzige Tochter Victorine zur Welt, die zur damaligen Zeit als hervorragende Pianistin gesehen wurde. Mit 14 Jahren fing sie an viele Werke ihrer Mutter uraufzuführen. Ab 1834 veröffentlichte Louise Farrenc erste Orchesterwerke. Ihr erster Publikumserfolg war die Air russe varié (op. 17), die von R. Schumann wohlwollend rezensiert wurde. Dieses Werk wird in der vorliegenden Arbeit analysiert.

Als erste Frau, die in einer Instrumentalabteilung des berühmten Pariser Instituts eine Professur erhielt, wurde Louise Farrenc 1842 Professorin für Klavier. Zuerst erhielt sie nur den Lohn einer Hilfskraft. Sie musste acht Jahre darum kämpfen, denselben Lohn wie ihre männlichen Kollegen und damit die volle Anerkennung als Professorin zu erhalten (Mayer, S. 104).

Monsieur,

[...] Ich wage daher zu hoffen, Herr Direktor, dass Sie mein Honorar ebenso hoch ansetzen mögen, wie das jener Herren, denn abgesehen von allen persönlichen Motiven, - wenn ich nicht gleich ihnen die finanzielle Ermutigung erhalte, so könnte man meinen, dass ich mich nicht mit dem nötigen Einsatz und Erfolg der Aufgabe gewidmet habe, die mir übertragen wurde (zit. nach Friedlang, S. 236 in Mayer. Übersetzung: Bartsch, Cornelia)

Louise Farrenc komponierte zahlreiche Klavierwerke, 2 Ouvertüren und 3 Symphonien (s. Tab.1). Musikforscherin Cornelia Bartsch bezeichnet Louise Farrenc als Pionierin der Kammermusik in Paris (Mayer, S. 108). Sie erhielt zweimal den Prix Chartier (Mayer, S. 109) für ihre Gabe zur Kammermusik. 1849 fand die Uraufführung ihres grössten Erfolgs statt der 3. Sinfonie op. 36, mit dem Orchester des Conservatoires „Société des concerts du Conservatoire“ statt. 1850 folgte ihr bekanntes Nonett op. 38, gespielt von Joseph Joachim. 1859 war Louise Farrenc fast fertig mit dem Komponieren ihres ersten Klavierkonzertes, das bis jetzt unvollendet ist, denn der plötzliche Tod ihrer Tochter hinderte sie ihr Werk zu vollenden. Ihre Tochter Victorine starb unerwartet an Tuberkulose. Nach dem frühen Tod Louise Farrencs Tochter- sie war nur 25 Jahre alt- hört Louise Farrenc auf zu komponieren. Musiker sind sich darüber nicht ganz im Klaren, da nach dem Tod von Victorine noch einige Werke von Louise Farrenc veröffentlicht worden sind. Musikwissenschaftler sind sich darüber nicht einig, ob es sich dabei nicht vielleicht um ältere Stücke handeln könnte, die erst später herausgegeben wurden. Jetzt widmete sie sich nur noch wissenschaftlichen Arbeiten über Musik. Ab 1861 arbeitete Louise Farrenc gemeinsam mit Aristide Farrenc an Le Trésor des Pianistes, einer Anthologie für Tasteninstrumente mit Noten von 1500 bis 1850 in 23 Bänden mit biografischen, historischen und musikwissenschaftlichen Angaben zu jedem Stück. Ihr Mann starb 1865 Louise Farrenc vollendete nun das Werk alleine. Sie unterrichtete noch bis 1872 am Konservatorium. Sie starb am 15 September 1875 in Paris.

2 Sozialhistorischer Hintergrund und Einordnung in die Zeit

Farrenc war eine Zeitgenössin von Mendelssohn, Schumann, Chopin und Liszt. Zu ihren Lebzeiten waren Louise Farrencs Werke weit verbreitet. Ihr Mann Aristide Farrenc sorgte für den Druck. Von 51 bekannten Musikstücken waren ca. 40 gedruckt worden. Ihre nicht gedruckten Orchesterwerke wurden international aufgeführt. In Belgien, Dänemark, Frankreich und in der Schweiz fanden Aufführungen ihrer Werke statt. Im Gegensatz zu ihren Kolleginnen Clara Schumann und Fanny Mendelssohn wurde sie nach ihrem Tod nahezu vergessen. Einige ihrer Stücke wurden zwar im Radio gespielt und als Filmmusik eingesetzt. Troztdem blieb Louise Farrencs Werk eher unbekannt bis 1995 die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) an der Universität Oldenburg eine Werkausgabe anregte und finanzierte. Bis dahin gab es Noten nur von einem einzigen Klaviertrio aus dem umfangreichen Werk der Komponistin. Die mit dem Prix Chartier geehrten Orchesterwerke­drei Sinfonien und zwei Ouvertüren- waren nicht im Handel erhältlich obwohl Interesse bestand die Musik zu spielen. Heute sind jedoch noch nicht alle Werke von ihr veröffentlicht: z.B. das Nonett, das Louise Farrenc 1850 komponiert hat.

3 Kompositionsstil des Charakterstücks Air russe varié, op. 17

Das Charakterstück wird zur Hauptform des 19. Jahrhunderts, der Romantik. Es ist ein lyrisches und kurzes instrumentales Stück, das meistens einen aussermusikalischen Titel trägt. Bei der Entstehung eines Charakterstücks bestehen zwei Möglichkeiten. Der Komponist gibt seiner Komposition einen aussermusikalischen Titel aufgrund des fantasievollen Charakters seiner Musik. Die zweite Möglichkeit ist, dass der Komponist von einem aussermusikalischen Aspekt (z.B. ein Bild oder ein Gedicht) ausgeht und versucht dies auf seine Komposition zu übertragen (dtv- Atlas, S. 112). Louise Farrencs Air russe varié ist eindeutig ein Charakterstück. Der aussermusikalische Aspekt im Titel dieser Komposition ist der eines russischen Liedes (Air russe). Das Wort varié deutet auf eine Variation des Themas hin, welche im Zuge dieser Arbeit genauer untersucht wird.

Louise Farrenc entwickelte einen eigenen klassisch-romantischen Kompositionsstil. Ihre Liebe und profunde Kenntniss der Musik Haydns, Mozarts und Beethoven spiegelt sich in ihrem Kompositionsstil wieder. Das Hauptthema (Abb. 3) des Air russe varié ist eine einfache Melodie, die aus 4 Takten besteht. Danach folgt eine Gegenmelodie, die aus 8 Takten besteht. Louise Farrenc verwendet hier die Akordfolge I-V7-I-IV-I-V7-I. In der Klassik wurde häufig die Akordfolge I-IV-V-I verwendet. Häufig wurden die I. oder V. Stufe durch Ergänzungen der Akorde der IV. Stufe oder des Dominantseptakkords (V7) gestreckt. Die Technik des Streckens hat Louise Farrenc in dem Hauptthema ihres Air russe varié verwendet. Die Wiederholungen des 4 oder 8-taktischen Themas und die Idee der Variationen sind ebenfalls typisch für die Epoche der Klassik. Mozart hat z.B. „A vous dirai-je Maman“ komponiert. Das Werk ist eine Sammlung von Variationen über ein französisches Volkslied, namens „Quand trois poules vont aux champs“. Der deutsche Titel zu der entsprechenden Musik lautet: „Morgen kommt der Weihnachtsmann“. Das Preludio des Air russe varié erinnert an Beethovens Stil. Die Achtelläufe der linken Hand mit den Sechzehntelnoten der rechten Hand und der versteckten Melodie in der Oberstimme ähneln dem Beginn der Mondscheinsonate von Beethoven. Hier hört man in beiden Stimmen ebenfalls rhythmisch gleichmässige Bewegungen, die eine Begleitung der Melodiestimme in der rechten Hand darstellen (siehe Abb.1). Die Ähnlichkeiten mit der Alten Musik sind in der Finale des Air russe varié zu finden. Die Finale ist wie eine Bachfugue aufgebaut (siehe Abb. 2).

Louise Farrenc verbindet klassische Traditionen mit romantischen Instrumentationen. Die Aspekte der klassischen Traditionen werden in dem Air russe varié deutlich.

Aus den Akkordabläufen gehen die Aspekte der klassischen Traditionen hervor, da sie die Grundakorde I-IV-V-I als Basis ihrer Hauptmelodie verwendet. In der Romantik dagegen wird mit den Akorden iii und VI experimentiert. Die Komponisten entdecken die Kunst des Modulierens. Davon hält sich Louise Farrenc in ihrem Air russe varié fern. Die Klassik weist weniger polyphonische Harmonik auf als im Barock (dtv- Atlas, S. 267). Die Melodien der Oberstimme werden von klaren Akkordfolgen oder Akkordläufen begleitet. Die Musik klingt hell und leicht. Die Oberstimme ist schon wesentlich mehr von der Begleitung getrennt als im Barock. Das Vermischen der raschen Läufe der Unter- und der Oberstimme wird erst in der Romantik deutlich. Die Musik wird dadurch voller, runder, romantischer und leichter nachzusingen. Louise Farrenc wählt auch hier den klassischen Stil. Sie fängt mit einem Auftakt an und endet mit einer typischen Kadenz der Klassik: I-V-I (s. Abb. 3). Dem dtv- Atlas Musik nach

„entfallen der barocke Gb. [Generalbass], die komplizierte Harmonik, die kp. [kontrapunktische] Polyphonie; alles liegt nun in der Melodie, auch die Harmonik; in ihr spricht sich der Mensch aus, einfach und natürlich; stilisierter Einheitsaffekt und -rhythmus weichen dem Kontrast, auch auf engstem Raum (Diskontinuität des Satzes)“ (dtv-Atlas, S. 337).

Die Elemente der Romantik sind in der Instrumentation anderer Werke von Louise Farrenc wiederzuerkennen. Ihre Symphonien und Klavierquintette klingen sehr romantisch. Die romantische Instrumentation unterscheidet sich von der klassischen Instrumentation in ihrer Besetzung. In der Klassik fallen die sogenannten „a2“- Besetzungen auf. Mozart verwendete diese Form der Instrumentation sehr häufig. Jedes Instrument wurde von zwei Spielern besetzt. Die Romantik bricht die Gattunszusammenhänge der Klassik, indem die „a2“- Besetung der jeweiligen Instrumente aufgehoben wird. Es werden andere Instrumente bzw. Instrumentenkombinationen erstellt. Die Ausdrucksästhetik beginnt in der Romantik aufzublühen.

Romantisierung und Poetisierung erfüllen die Musik mit außermusikal. Gehalt, wie einem bestimmten Gefühl, einer Idee oder einem Programm, das sie zum Ausdruck brachte (dtv- Atlas, S. 401 ).

Die Klangfarbe ändert sich von der Klassik zur Romantik. Die Komponisten der Romantik versuchen die Natur nachzuahmen.

Die Romantik, die die Musik als innerstes Wesen des Universums und der Natur erlebte, bevorzugt naturnahe Klänge:

- Waldhorn (Jagd, Burg, Rittertum)
- Flöte (Pan, Arkadien, Hirtenidylle)
- Klarinette (Schalmei) (dtv-Atlas, S. 405)

Im Gegensatz zu vielen ihrer romantischen Zeitgenossen vermied sie Gegensatzthemen. Sie variierte vielmehr zwei oder mehr sich ergänzende Melodien. Die Varitionen des Air russe varié bestehen aus einer Hauptmelodie, die bis zum Ende verändert und variiert wird.

4 Analyse und Interpretation des Air russe varié,op. 17

Nach der Einleitung (Préludio) und dem Hauptthema des Air russe varié folgen acht Variationen bevor das Finale einkehrt. Jede Variation enthält ihre eigenen musikalischen Höhepunkte und Besonderheiten. Die technische Schwierigkeit erhöht sich mit jeder Variation. Mozart und Beethoven verwendeten dasselbe Prinzip im Aufbau ihrer Variationen. Im folgenden werden die Höhepunkte jeder Variation kurz erläutert.

4.1. Charakteristika der einzelnen Variationen

Das Hauptthema des Air russe varié ist in der Tonart g-moll geschrieben. Mit einem Auftakt im -Takt beginnt das „Tema. Andante“, das vier Takte lang ist. Die harmonische Progression 4 lautet: I-V7-I-IV-I-V7-I. Der harmonische Rhythmus ist gemächlich. Auf jede Note der rechten Hand erscheint ein Akkord der linken Hand. Durch die Betonungen auf der 1. und der 3. Note des Taktes mit Hilfe von Legatobögen und Akzenten erinnert die Leichtigkeit an Haydn. Durch die plötzliche und unerwartete Betonung auf der 4. Note des 2. Taktes erhält der Zuhörer das Gefühl einer Synkope. Dieses Gefühl wird jedoch im 3. Takt gleich wieder aufgelöst. Schliesslich endet das Thema im 4. Takt mit einer einfachen absteigenden Tonika-Dominantseptakord-Tonika (I-V7-I) Kadenz. Wie in der Klassik sind in der rechten Hand absteigende Terzen innerhalb der Kadenz zu finden, die mit staccato gespielt werden.

[...]

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Details

Titel
Louise Dumont Farrenc Air russe variée, op. 17
Hochschule
Karl-Franzens-Universität Graz
Note
2
Autor
Jahr
2008
Seiten
18
Katalognummer
V186528
ISBN (eBook)
9783869436463
ISBN (Buch)
9783656997344
Dateigröße
2502 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
louise, dumont, farrenc air
Arbeit zitieren
Stéphanie Lüders (Autor), 2008, Louise Dumont Farrenc Air russe variée, op. 17 , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/186528

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