Sinn und Unsinn der Erforschung von Spiegelneuronen


Fachbuch, 2009

30 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung
1.1. ErsteVerwendung des Begriffs Spiegelneurone und bisherige Geschichte der Spiegelneuronen-Forschung
1. 2. Nähere Erklärung zum Begriff Spiegelneuronen

2. Kritische Anmerkung zum Wissensbereich Spiegelneurone anhand von drei Szenarien
2.1. Die Gefahr der Uniformierung
2. 2. Die Vision einer innerunionistischen Ordnung der EU mit der Bann-Macht des Repräsentanten gegenüber der Kriminalität
2.3. Über Religion und medizinische Überzeugung
2.4. Wie die Existenz von sozialen Repräsentationen eine regelnde Komponente von aussen bildet und warum das Erlernen einer zusätzlichen Selbstbezogenheit auf therapeutischem Weg (Manipulierung der Spiegelneurone) kein gangbarer Weg zu sein scheint

3.Literaturverzeichnis

Sinn und Unsinn der Erforschung von Spiegelneuronen Kritische Anmerkung zu einem neuen Wissenschaftsbereich anhand von drei Szenarien: Klinisch- und Gesundheitspsychologische Praxen, Praxis derBehandlung von Gefangenen, Unterminierung von religiösen Werten

1. Einleitung

1.1. Erste Verwendung des Begriffs Spiegelneurone und bisherige Geschichte der Spiegelneuronen-Forschung

Nach Wikipedia sind Spiegelneurone (auch: Spiegelneuronen)

„Nervenzellen, die im Gehirn während der Betrachtung eines Vorgangs die gleichen Potenziale auslösen, wie sie entstünden, wenn dieserVorgang nicht bloß (passiv) betrachtet, sondern (aktiv) gestaltet würde.

Sie wurden vom Italiener Giacomo Rizzolatti und seinen Mitarbeitern bei Affen 1995 im Tierversuch entdeckt. In diesen Untersuchungen fiel auf, dass Neuronen im Feld F5c des Großhirns dann reagierten, wenn zielmotorische Hand­Objekt-Interaktionen durchgeführt oder bei anderen - zumindest anatomisch ähnlichen - lebenden Individuen beobachtet wurden.

Ihren Platz haben diese Zellen unter anderem im prämotorischen Cortex von Makaken. Auch bei Menschen konnten diese Neuronen z. B. im Broca-Zentrum nachgewiesen werden, das dem genannten Areal homolog und für die Sprachverarbeitung bedeutsam ist. Es wird derzeit ein ganzes System von Spiegelneuronen angenommen.

M. N. Eagle und J. C. Wakefield haben darauf hingewiesen, dass diese Entdeckung der Spiegelneuronen von den Vertretern der Gestalttheorie, insbesondere Wolfgang Köhler1, schon in den 1920er-Jahren mit ihrer Isomorphie­Annahme vorweggenommen worden ist.“

(online am 23.3.2009, www.wikipedia.at: Suchbegriff „Spiegelneurone“)

1. 2. Nähere Erklärung zum BegriffSpiegelneuronen

Spiegelneurone sind Nervenzellen, die auch ohne sichtbare Aktion des Körpers elektrische Potentiale freisetzen. Wenn beispielsweise eine Person eine Handlung -im Wunsch sie am nächsten Tag auszuführen - in Gedanken vorwegnimmt und entsprechende Gefühle dabei entwickelt, so geschieht das durch die Arbeit der Spiegelnervenzellen oder Spielgelneurone. Es gibt mannigfaltige Settings, in die ein Mensch geraten kann und in denen ihm diese Spiegelneurone sehr von Vorteil sind.

Ein Beispiel ist der Besuch beim Psychotherapeut. Gerade hier passiert oft eine Vorwegnahme von gewünschten Verhaltensweisen, die später seitens des Patienten im Alltag ausgeführt werden. Der Ablauf beim Psychotherapeut beinhaltet eine Schilderung, manchmal dialoghaft, dann eine Analyse, manchmal gemeinsam mit dem Patienten, sowie zuletzt eine Aufarbeitung mithilfe der Analyseergebnisse.

Ziel moderner Forschung ist es den Mechanismus der Spiegelneurone genau zu entdecken, die zum Einsatz kommen, bevor der Patient mit einem gestärkten Selbstvertrauen den Therapeut verläßt. Dazu hat Joachim Bauer, tätig am Universitätsklinikum Freiburg, die Arbeit,,Spiegelneurone als neurobiologische Basis therapeutischen Verstehens. Ein Bogen von der modernen Neurobiologie zurück zu Freud2

Auch im Erleben von Kunst arbeiten die Spiegelneurone. Die Forschungsergebnisse von Johanna Franz (2007) belegen die Resonanzphänomene, die durch die Tätigkeit von Spiegelneuronen entstehen. Aufneurobiologischer Basis entstehen Reaktionen, die eine Resonanz auf kognitiv verarbeitete Motive aus der Umwelt von Personen darstellen.

Doch Personen, deren Spiegelnervenzellen intakt sind, können auch direkte Vorgaben so verarbeiten, dass Resonanz entsteht. Zum Begriffder Resonanz siehe Franz (2007), „Wie Kunst veraendern kann. Resonanzphaenomene ueber Spiegelneurone.“ erschienen im Online - Fachjournal Imagination. 2007, 29/3 Seiten 60-71.3

Weiter geht nun Christoph Mundt (2006), wenn er unter dem Titel „Ist Willensfreiheit wirklich soziogen fundiert?“ dem Argument entgegentritt, dass

„Willensfreiheit lediglich in einer Uebereinkunft der Mitglieder einer Gesellschaft bestehe, sich wechselseitig Verantwortung fuer ihr Handeln zuzuschreiben“

Abstract in PSYNDEXplus Lit. &AV 1977-2008/8, accession number: 0196569

Diese Erklärung von Willensfreiheit betrachtet er als plumpe Entwertung von Kausalattribution. Diese werde aufgrund der Fähigkeit, intendierte von physikalischer Bewegung zu unterscheiden, von genetisch verankertenbiologischen Systemen hervorgebracht.

Ein Exkurs über Willensfreiheit ist hier fehl am Platz. Erwurde schon anderenorts vom Autor versucht. Jedoch möchten wireinige geglückte Anwendungsbereiche der Forschung von Spiegelneuronen als durchaus sinnvoll akzentuieren, bevor wir zu den Gefahren und Widerwärtigkeiten macher Anwendung von Forschungsergebnissen über Spiegelneurone kommen werden.

Erwähnenswert ist zu aller Erst der Versuch, das Verständnis für unter Autismus leidenden Menschen mithilfe der Forschung über Spiegelneurone und Empathie zu fördern. Man sagt demnach, dass bei Autisten bestimmte Wellenfrequenzen im EEG nicht unterdrückt werden, was bei durchschnittlich gesund entwickelten Menschen aber der Fall ist. Der in den USA arbeitende indische Neurologe Vilayanur S. Ramachandran4 wertet das als die Folge derfehlenden oder mangelnhaften Funktion der Spiegelneurone.

2. Kritische Anmerkung zum Wissensbereich Spiegelneurone anhand von drei Szenarien

2.1. Die Gefahr der Uniformierung:

War in den 60ern die Blue Jean ein Symbol der gemeinschaftlichen Rebellion, so gab es danach in der Pop-Kultur eine Gegenbewegung (etwa das Lied „Don't wear bluejeans!“), die nur kurz in den 80ern wieder aufgebrochen wurde, um eine zu starke Individualisierung zu verhindern.

Würde man die Wirkung künftiger Psychopharmaka auf die Spiegelneurone schon heute beachten, so würde man, vorausgesetzt man ist sich des hohen Stellenwerts der ethischen Richtlinien in der Ausübung des Berufs eines Klinischen Psychologen bzw. eines Psychiaters bewußt, besonders selbstlos handelnden Personen die Einnahme solcher Psychopharmaka niemals verschreiben. Denn der Sinn einer selbstlosen Handlung ist die Stärkung vom Selbst des Interaktionspartners.

Auch ist es nicht die Aufgabe der Professionisten, in der Gesellschaft die Interaktion zu fördern. Betrachtet man die Pharmaindustrie, liegt jedenfalls neben einem Interesse der medikamentösen Behandlung von echten Krankheiten das finanzielle Interesse im Vordergrund.

Wenn nun diese Interaktion verloren geht, da das Gegenüber sich durch Medikamente neueren Ursprungs wieder auf gesunde Weise wahrnimmt (im Falle der übervorsichtigen Vorbeugung vor Krankheit ist es oft eine reduktionistische, selbstbezogene Wahrnehmung), so bleiben dem selbstlosen Menschen nur mehr ganz wenige Individuen, unter denen er den schwachen mit selbstlosem Verhalten nach wie vor helfen kann. Diese wenigen Individuen sind solche, die entweder den Zwang der Uniformierung aufgrund des Diktats der wissenschaftlichen Prämisse, die gerade in Mode zu sein scheint, ablehnen und sich ohne Einnahme dieser modernen Psychopharmaka helfen lassen möchten, oder es sind jene armen Menschen, denen das Geld fehlt, sozialversichert zu sein und denen der Preis betreffender Medikamente ohne des Mitzahlens der Krankenkassa zu hoch ist..

Wenden wir uns der ersten Gruppe zu: Jede bewußt ausgeübte Handlung, hinter der eine freiwillige eigene Entscheidung steht, ist wünschenswert im gesundheitlichen Sinn der psychischen Unversehrtheit. Besteht nun aber kein Widerspruch darin, dass bewußt ausgeübte Aktionen in der Kommunikation zwischen Menschen stark abnehmen, wenn der Aktionspartner sein Selbstbewußtsein mittels Psychopharmaka stärkt, sodass erweit weniger Handlungen innerhalb der „uniformierten“ Gesellschaft mehr ausübt, als früher vor Erfindung solcher Medikamente?

Es existiert ein Widerspruch! Er besteht darin, dass erst die Interaktion als Resultat und Beweis des gesunden Verhaltens zwischen Menschen angesehen werden muß, die zur freiwilligen Entscheidung fähig sind, und andererseits diese Interaktion durch ein neues Diktat - durch welches man neuerdings als normal angesehen wird, nämlich durch eine Stärkung des Selbstbewußtseins, die mit allen Mitteln, auch mit Psychopharmaka, durchgeführt wird - unterbunden wird.

Doch wenden wir uns wieder den Menschen zu, die nicht in diesen modernen Genuß der künstlichen Stimulierung der Spiegelneuronen kommen können. Die erste der oben genannten Gruppen gelangt nun nicht mehr auf individualistischem Weg (z.B.Medikamenteneinnahme) zurStärkung des Selbstbewußtseins, sondern auf sozialem Weg. Durch alle freiwilligen Hilfsaktionen, die ein Akteur in einer Kommunikation setzt, entsteht Interaktion zwischen ihm und dem Hilfebedürftigen, dem Reagierenden. Wenn diese Handlungen das Selbstbewußtsein des Reagierenden sichtbar stärken - man sieht ihn beispielsweise wieder lachen und eine Meinung zu einem Sachverhalt abgeben -, dann fällt der Akteur auf.

Diese Auffälligkeit inmitten der „Uniformierten“ führt zur Anerkennung seiner Leistung unter ethisch korrekt denkenden Menschen. Dadurch gelangt der selbstlos handelnde Mensch, auch über einen anderen Weg als den der Manipulation der Spiegelneurone, zu einer Stärkung seines Selbstbewußtseins - nicht auf individualistischem, sondern auf sozialem Weg.

Was geschieht mit der zweiten Gruppe? Unter den finanziell armen Menschen in unserer Gesellschaft ist die Angepaßtheit ein schwer zu erfüllendes Gebot, weiljene Menschen auf mehr als nur übliche Wege trachten müssen, die Güter, die sie zum Leben benötigen, zu bekommen. Dadurch werden sie „auffällig“, und geraten in Gefahr stigmatisiert zu werden. Wenn sie Wege wählen, die als sozial anerkannt gelten, z.B. die Nutzung der Sozialmärkte zur Beschaffung von Lebensmitteln, dann werden sie „auffällig“ in einem nicht mehr negativen Sinn. Sie werden nicht mehr als negative Elemente der Gesellschaft stigmatisiert, abgestempelt und etikettiert, sondern sie werden bemerkt als intelligent handelnde Nutznieser der Aktivität sozial erwünscht handelnder Hilfespender unserer Gesellschaft.

Dass dieses Konsumverhalten der bedürftigen Menschen auch sozial erwünscht ist, wird dabei - wenn auch nicht negativ abgestempelt - meist doch übersehen. Doch dieses Bemerkt-Werden allein genügt schon, um in der Gesellschaft aufzufallen, und das nicht mehr in prädestiniert negativer Weise.

Vielmehr ist es die Einstellung des Einzelnen, die entscheidet, ob er oder sie diese Auffälligkeit, die nicht mehr störend ist, im Sinne einer Selbstdefinition nutzt, und sich als arm akzeptiert und mitnehmen läßt durch die sozialen Maßnahmen der Gesellschaft, oder ob er oder sie diese Auffälligkeit als Anreiz zu einem störrischem Verhalten mißbraucht. Ersteres kann weh tun, zweiteres tut früher oder später aufgrund der Folgen sicherlich weh. Wie kann ich verhindern, dass ersteres weh tut?

Dazu ist zu bemerken, dass nur eine Gesellschaft, in der der soziale Zusammenhalt5 als wünschenswert gilt, ersteres ohne argwöhnischen Blicken auf den bedürftigen Menschen zu tragen imstande ist. Ist einmal diese Voraussetzung der gesellschaftlichen Akzeptanz erfüllt, dann obliegt es dem Menschen, der zu dieser Gruppe gehört, seine Handlungen auf eine ganz bewußte Weise vernünftig frei zu setzen, und sein Selbstbewußtsein wird unwillkürlich gestärkt werden. Warum?

Weil jede seiner Handlungen innerhalb der Menge von anderen Menschen um ihn herum

[...]


1 M.N. Eagle & J.C. Wakefield: Gestalt Psychology and the Mirror Neuron Discovery. Gestalt Theory, Band 29 (1/2007), S. 59-64

2 Aus: Existenzanalyse, 2007, Nummer 24 (2. des Jahres), Seiten 36 bis 43.

3 http://www.facultas.at/verlage/psvchotherapie/zs imagination.pdf

4 http://www.joumalmed.de/newsview.php?id=10841

5 5Mit „sozialem Zusammenhalt“ ist ein Zusammenleben im Sinne derjeniger Kleinrevolutionäre zu verstehene, die um die Jahrhundertwende vom 19. ins 20. Jahrhundert in einer jahrhundertelang (und manchmal angeblich jahrtausendelang) in einer gemeinsamen Vergangenheit verwurzelten Gemeinschaft zu verstehen ist, wie zum Beispiel bei Blas Infante (1885-1936), welches die Verbundenheit unter den Menschen einer Gesellschaft nur garantiert, wenn auf allfällige alltägliche erotische Reize keine sexuelle Haltlosigkeit folgt, sondern ein fleissiges Erfassen, Interpretieren der „Ruhelosigkeit des erotischen Grundes“, der „Bewegung der Penetration“, und Koordnieren in einer Fassung oder Rhythmus von Ideen“. (Infante,“Reeclección, 1926; nach Kofler 2009, S.24). Die sexuelle Haltlosigkeit würde die Liebe unter der Menge an Mitmenschen untergraben und den Argwohn fördern, was der Gemeinschaft nicht dienlich ist.

Ende der Leseprobe aus 30 Seiten

Details

Titel
Sinn und Unsinn der Erforschung von Spiegelneuronen
Note
1
Autor
Jahr
2009
Seiten
30
Katalognummer
V186629
ISBN (eBook)
9783656996606
ISBN (Buch)
9783656996736
Dateigröße
684 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
sinn, unsinn, erforschung, spiegelneuronen, pharmaindustrie
Arbeit zitieren
David Leitha (Autor:in), 2009, Sinn und Unsinn der Erforschung von Spiegelneuronen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/186629

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