Gesund-Sein Förderung in der Familie

Zur Notwendigkeit eines biografischen Zugangs in der gesundheits- und familienbezogenen Sozialen Arbeit


Diplomarbeit, 2009
70 Seiten, Note: 1

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Historischer Exkurs: Gesundheit- Krankheit
2.1 Von der Befreiung von den naturhaften Wirkkräften hin zur Abhängigkeit von der Medizin

3. Gesundheit und Krankheit. Einführung
3.1. Gesundheit und Krankheit. Definitionsversuche
3.2. Gesundheit oder Gesundsein?
3.3. Gesundheitskonzepte und Modelle
3.3.1 Das salutogenetische Modell von A. Antonovsky
3.3.2. Laienkompetenz im Gesundheitsalltag
3.3.3. Gesund-Sein aus der systemtheoretischen Sicht
3.3.4. Gesundheit und Krankheit aus der anthropologischen Perspektive
3.3.5. Biografische Medizin
3.4. Resümee zum Kapitel

4. Soziale Arbeit, Gesundheit und Familie. Gleitwort
4.1 Soziale Arbeit und Gesundheit
4.1.1 Soziale Arbeit und Gesundheitswissenschaft
4.1.2 Gesundheitsförderung und Soziale Arbeit
4.2 Gesundheit und Familie
4.2.1 Die Themenfelder der familienbezogenen Krankheits-, und Gesundheitsforschung
4.2.2 Familienbezug aus der sozialpädagogischen Perspektive
4.2.3 Philosophien der familienbezogenen Gesundheitsförderung in der Sozialen Arbeit
4.2.4 Ansätze und Inhalte der familienbezogenen Gesundheitsförderung
4.3 Zusammenfassung

5. Gesundheit, Soziale Arbeit und Familie im Hintergrund von Biografiearbeit
5.1 Biografie und gesundheitsbezogene Soziale Arbeit
5.1.2 Biografische Diagnostik in der Sozialen Arbeit
5.2. Zur Notwendigkeit eines biografischen familien- und gesundheitsbezogenen Ansatzes in der sozialen Arbeit

6. Schlusswort

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Gesundheit und Krankheit sind Phänomene, die zu den grundlegenden menschlichen Naturvorgängen des Lebens gehören. Die wissenschaftliche Erforschung dieser Phänomene ist so vielseitig, dass das Nachgehen ihrer Ergebnisse zu einer wahren Herausforderung wird.

Die gesundheitspolitischen Aufträge von Gesundheitsförderung1 zielen auf die Steigerung der Lebensqualität auf unterschiedlichen gesellschaftlichen Ebenen und vor allem „dort, wo es gelebt wird“. Soziale Arbeit ist eine Disziplin von vielen anderen, die am Realisieren dieser Aufträge beteiligt ist.

Ein gesamt- und lokalpolitischer Auftrag zur Gesundheitsförderung beansprucht die grundlegenden Naturvorgänge des Menschen zu berücksichtigen, wobei sich die Frage stellt, wie die Übergänge zwischen den politischen Sätzen und dem „wie das Leben lebt“ geschaffen werden. Eine Annäherung an diese Frage, wie das Leben lebt und wie die Naturvorgänge des Lebens in der gesellschaftlich- geschichtlichen Wirklichkeit greifbar und begreifbar gemacht werden können, lässt sich mit Hilfe von naturwissenschaftlichen Beiträgen, wie z.B. in der Stressforschung Selye oder F. Vester, in human-ethologischen Studien von Bateson, in der Psychosomatik von V. v. Weizsäcker, in der Embryologie von E. Blechschmied, in der biodynamischen Morphologie von N. Hartmann, der Psychologie Reichs, sowie in anderen Disziplinen und bei anderen Forschern, gestalten. Hier wird die geschichtliche und lebensgeschichtliche Existenz der Menschen auch vom Leiblichen her begreifbar gemacht.

Das Ziel meiner Arbeit besteht vor allem darin zu schauen, wie sich die Akzentverschiebungen im heutigen Verständnis der Phänomene Gesundheit und Krankheit auf die Rahmenbedingungen der gesundheitsbezogenen Sozialen Arbeit auswirken und welche Chancen sich daraus für das Praxisfeld Sozialer Arbeit ergeben. Die Familie stellt dabei eine soziale Instanz dar, die eine maßgebende Rolle für die Entwicklung des Gesundheitshandelns und der Gesundheitsvorstellungen der Familienmitglieder hat. Die hier anvisierte Bezugsnahme von Sozialer Arbeit und Gesundheit, Gesundheit und Familie, Sozialer Arbeit, Gesundheit und Familie versucht, sie verbindende Gegenstandbestimmungen und theoretischen Schnittstellen mit Hilfe von hier gewählten Definitionen und theoretische Ausarbeitungen aufzuweisen. Dabei wird der Versuch unternommen, Soziale Arbeit als Disziplin und Profession und Gesundheit in ihrer disziplinären Verortung zu reflektieren, um im Folgenden die Bezugnahme zu den biografiebezogenen Zugängen in der gesundheitsbezogenen Sozialen Arbeit als Profession tätigen zu können. Dabei werden folgende Fragen in Bezug auf Reflektieren des Themas Gesundseinsförderung in der Familie gestellt:

Was ist Gesundheit im erweiterten Sinne? In welchem Verhältnis stehen die Gegenstandbestimmungen Sozialer Arbeit als Disziplin und Profession und Gesundheit? Welchen Perspektiven eröffnen sich aufgrund der Akzentverschiebungen im gegenwärtigen Verständnis von Gesundheit und Krankheit für die gesundheitsfördernden Maßnahmen im familienbezogenen Handlungsfeld Soziale Arbeit?

Die Einführung in das Thema beginnt mit einer skizzenhaften historischen Einführung zum Verständnis der beiden Begriffe Gesundheit und Krankheit Ein geschichtlicher Exkurs sollte die Rolle der Gebundenheit des Verfassers in Hinblick auf Gesundheit/ Krankheit auf sein kulturelles Umfeld und seine Rahmenbedingungen verdeutlichen. Der heutige, im Verlauf der Geschichte entstandene, nur auf den Körper bezogene Blickwinkel des Gesundheitswesens wird dabei zum Kritikpunkt. Das Konzept einer biografischen Medizin, die nicht nur über die Befunde mit den Patienten kommuniziert, eröffnet neue Wege für andere professionelle Berufsfelder, wie z. B. für die Soziale Arbeit. Trotz des enormen Stellenswerts von Gesundheit in der Gesellschaft und trotz der umfassenden Maßnahmen zur Wiederherstellung von Gesundheit besteht keine Einigkeit darüber, was Gesundheit ist. Ist Gesundheit eine individuelle oder sozial-gesellschaftliche Angelegenheit, oder beides zusammen? In diesem Thema wird sich nur auf die Beschreibung von einigen Modellen zur Gesundheit und Krankheit beschränkt, die eine ressourcen- und subjektorientierte und eine Perspektive auf beide Phänomene beinhalten.

In weiteren Kapiteln wird auf die Positionierung Sozialer Arbeit in den Gesundheitswissenschaften eingegangen und die Bezüge Sozialer Arbeit zur Gesundheit betont. Außerdem wird in diesem Kapitel die Stellung der Familie mit Kindern in dem Gefüge „Soziale Arbeit und Gesundheit“ in Betracht gezogen. Insbesondere wird hier mein Interesse auf die Rolle von Rahmenbedingungen und Faktoren gerichtet, die den Hintergrund des Handlungsfeldes der familienbezogenen und gesundheitsfördernden Sozialen Arbeit darstellen. Die Aussage des deutschen Arztes Victor von Weizsäcker, die er an die Ärzte vor mehr als fünfzig Jahren adressiert hat: „weil das Wesen der Krankheit nur ein biografisches ist, darum kann auch die Erkenntnis der Krankheit immer nur eine biografische sein“ (Weizsäcker 1956, 259, in: Hanses: 365;)gibt mir Anlass im abschließenden Kapitel darüber nachzudenken, warum der Biografiearbeit auch im Kontext der familienbezogenen und gesundheitsfördernden Sozialen Arbeit ein hoher Stellungswert zuzurechnen ist.

2. Ein historischer Exkurs: Gesundheit und Krankheit

Die Begriffe Gesundheit und Krankheit sind seit jeher in ihrer Bedeutung abhängig vom jeweiligen kulturellen Umfeld. Im Lauf der Menschheitsgeschichte kommt es aufgrund neuer Erkenntnisse, Philosophien, Religionen und Weltanschauungen zu immer wieder veränderten Definitionen. Der Begriff Gesundheit hat in vielen Kulturen einen „ ungestörten, naturgemäßen Zustand“ bedeutet. Krankheit hingegen wurde immer als Störfall betrachtet(Vgl. Bertelsmann, 2000).

In den primitiven und archaischen Kulturen wurde eine biologische Störung, sobald sie das Maß einer Verhaltensabweichung überschritt, als Krankheit angesehen. Wann diese Grenze erreicht war, hing von der Entscheidung der jeweiligen Kulturen und ihren Lebenserfahrungen ab.

Die Krankheit wurde als etwas „ Anormales“ empfunden. In dem Augenblick, in dem die Abnormalität von der Gesellschaft festgestellt wurde, bekam die Krankheit magisch-religiöse Züge. Als häufigste Ursachen der Krankheit wurden Zauberei, Verletzen der Tabus, Verlust der Seele, Eindringen eines fremden Geistes gesehen. Da die Krankheit als nichtnatürlich galt, wurde sie mit religiösen Mitteln behandelt. Sich vor Krankheit zu schützen, war in den primitiven Gesellschaften nur möglich durch sozial integres Leben durch Erfüllen der Normen und Sitten.

Als vorbeugende Maßnamen galten Rituale, Amulette, Hautritzung und Tätowierungen. Im assyrisch-babylonischen Raum wurde Krankheit mit Sünde und Ureinheit verbunden. Gesundheit dagegen galt als garantiert, wenn die moralischen Pflichten eingehalten wurden. Da das assyrisch-babylonische Reich eine gottgeprägte Gesellschaft war, wurde Krankheit als von Gott gesandte Vergeltung für begangene Sünden betrachtet. Exorzismus, Opferrituale und Gebete stellten die Heilmittel dar. In der frühen griechischen Kultur war man der Auffassung, dass die Krankheit ein Fluch der Götter sein könne. Der kranke Mensch wurde damit nicht bestraft, sondern er war ein Opfer der Götter.

Als Heilmittel galten spirituelle Heilung (Katharsis) oder die Praxis des Tempelschlafs.

Gleichzeitig mit den religiösen Vorstellungen von Krankheit entwickelte sich in den früheren Hochkulturen der Ägypter, aber auch in Mexico und Peru eine hoch organisierte und auf Erfahrung basierende Medizin, die auch religiös-magische Züge beinhaltete.

„ Gesundheit ist hier keineswegs ein Zustand körperlichen, seelischen oder sozialen Wohlbefindens, sondern ein natürliches, höchst labiles Eingespanntsein zwischen Leben und Tod, zwischen Göttern und Tieren, zwischen Himmel und Erde“ (Schipperges 2003, 9).

Die Begründung der europäischen Medizin im antiken Griechenland, die auf dem Begriff der Heilkraft der Natur basiert, geht auf die hippokratischen Schriften zurück. Hippokrates brachte im Gesundheitsbegriff erstmals in Zusammenhang solche Begriffe wie Körper, Nährung, Erholung. Gymnastik, Arbeit, Geschlecht, Alter, Umwelt. Krankheiten und deren Behandlungen wurden rein physiologisch erklärt, eine spirituelle Deutung der Krankheiten lehnte er ab. Die Medizin wurde damals zum philosophischen Gut, da die Bevölkerung im Alltag mit allerlei damals unheilbaren Krankheiten konfrontiert wurde. Mit dem Glauben an einen Heilkult des Sohnes des griechischen Gottes Apollon durch Asklepios konnte das damalige medizinische Konzept nicht konkurrieren. Die systematisierte Viersäftelehre des griechischen Philosophen Galen (129-199) beinhaltet unter anderem ein Lebenskonzept, das durch viel Bewegung und gesunde Ernährung zu besseren Ausgewogenheit der Körpersäfte beitragen soll (vgl. Hafen 2007,16). Die Lehre der „ Diätetik“ als medizinische Speiseordnung auf naturphilosophischer Grundlage wird mehr und mehr ausgeweitet. In arabischen Ländern entwickelte sich ab dem 7. Jahrhundert eine medizinische Lehre, die stark von der griechisch- byzantinischen Kultur beeinflusst wurde. Der Islam ist die einzige Hochreligion, die das Wort „ Gesundheit“ bereits in ihrem Titel trägt und damit diesen Zentralbegriff zum Fundament der Weltanschauung und Lebenshaltung gemacht hat. „s l m= „salam“ bedeutet ein Rundum- Wohlsein an Leib und Seele und Geist. „ Islam“ ist die Ganzhingabe an das Heile. Aus den physiologischen Grundbedingungen der Lebensordnung konnte sich im arabischen Mittelalter ein breites Spektrum hygienischer Alltagsstilisierung entfalten. ( Schipperges 2003, 25ff.).

Paracelsus (1493-1524) verbindet in seiner Theorie der Medizin das Wesen von Gesundheit mit dem Halten an eine große Ordnung. Gesundsein bedeutet hier: InOrdnung-sein, eingeordnet in die ökologischen Rahmenbedingungen des Daseins. Trotz Paracelsus’ Annahme, dass die Gesundheit wie alle Dinge durch eine göttliche Ordnung geprägt ist, leitet er mit seiner Gesundheitslehre eine Fokussierung ein, die durch die noch uneinheitlichen, aber immer schneller aufeinander folgenden naturwissenschaftlichen Entdeckungen weiter verstärkt wird und auf die Medizin einen grossen Einfluss hat.

Im christlichen Mittelalter entwickelte sich eine Klostermedizin, die beinhaltet, dass Reue, Gebet und Kräuterarznei den Betroffenen von den Krankheiten befreit. Seuchen wie Lepra und Pest führten zur Verbesserung der öffentlichen Hygiene und der Einführung einer staatlichen Gesundheitspolitik. Das Errichten der Hospitäler bis zum 13. Jahrhundert war ein rein kirchliches Anliegen. 1231 erließ der römisch -deutsche Keiser Friedrich der II eine Medizinalordnung, die für die Ärzte eine universitäre Ausbildung, fachliche Prüfung und eine Approbation vorsah. Dies bedeutete unter anderem die Einführung einer öffentlichen, von der Kirche getrennten medizinischen Institution. Neue Entwicklungen in der Epidemiologie und der klinischen Beobachtung im 16. und 17. Jahrhundert fuhren zur Entdeckung von immer mehr Krankheiten, die bis dahin nicht beschrieben sind.

Diese Krankheitsfokussierung verstärkt, sich indem das Individuum im Laufe der Aufklärung gegenüber seiner Umwelt immer mehr aufgewertet wird und sich der Körper „ zwischen dem alten dualen Verständnis von Mensch und Kosmos“ (Labisch1992, in: Hafen 2007,15) zu schieben beginnt- eine Entwicklung, die im philosophischen Leib/ Seele -Dualismus von Descartes ihren Ausdruck findet (vgl.e.d.).

Trotz der beginnenden Gesundheitsfürsorge waren die hygienischen Zustände in den mittelalterlichen Städten miserabel. Erst im 19. Jahrhundert mit den Fortschritten in der Bakteriologie könnte man von der Befreiung von den Seuchen sprechen. Dabei wird oft vergessen, dass „die Fortschritte im gesundheitlichen Gebiet (und die damit verbundene höhere Lebenserwartung) weniger den Errungenschaften der medizinischen Wissenschaft zu verdanken sind als der Verbesserung der äußeren Lebensbedingungen (sauberes Wasser, Kanalisationen, Arbeitssituation, Entsumpfung von Landschaften etc.), die zunehmend als Aufgabe der Gemeinden und später der sich neu bildenden Nationalstaaten wahrgenommen wurden“ (Labisch 1992,124ff in: Hafen, 2007, 17).

2.1 Von der Befreiung von den naturhaften Wirkkräften hin zu Abhängigkeit von der Medizin

Die Gesundheit des Einzelnen war früher kein persönliches Gut, sondern Ausdruck seiner Integration in die von Gott bestimmte Ordnung.

Die Passivität des Einzelnen in Bezug auf sein Wohlbefinden wird vor diesem Hintergrund deutlicher.

Mit der entstehenden Neuzeit, die von Aufklärung, Industrialisierung und einem selbstbewussten Bürgertum geprägt war, kam es zu einem grundlegenden Wandel in der Schöpferordnung und der in ihr gegebenen menschlichen Handlungsmöglichkeiten. Gesundheit wird nun so verstanden, dass sie durch Menschen selbst produziert werden kann; sie wird mit Selbst -Tun assoziiert, sie drückt den rationalen Umgang jedes Einzelnen mit sich selbst aus. Gesundheit wird zu einer unabdingbaren Voraussetzung für eine optimale Entfaltung unserer Leistungsfähigkeit, dazu gehört auch die Fähigkeit nicht arbeitsbezogene Angebote in der Freizeit, in der Konsumwelt, der Kultur und im privaten Leben nutzen zu können.

Der beschriebene Perspektivwechsel ist eng gekoppelt an den Aufstieg der modernen Medizin und an sie geknüpfte Erwartungen und Hoffnungen. Mit ihren unstrittigen Erfolgen hat die Medizin den Beweis angetreten, dass „ blindem Walten“ des Schicksals und der Natur eine eigene handelnde Vernunft entgegengesetzt werden kann.

Im kulturellen Selbstverständnis der Moderne bindet die Medizin in ihrem Heilungspotenzial auch eine innerweltliche Heilserwartung, die Menschen auch passiv macht.

In diesem Sinne werden Menschen durch moderne Medizin ihrer Handlungskompetenz enteignet. Durch den biomedizinischen Krankheitsbegriff wird ein Menschenbild transportiert, das die psychosozial bestimmte Identität des Menschen von seinem Organismus abtrennt, für dessen biologische Abläufe und vor allem krankheitsbedingte Störungen die Biomedizin die Zuständigkeit hat. KritikerInnen der modernen Medizin betonen, dass sie den Menschen aus der totalen Abhängigkeit von naturhaften Wirkmächten und Gefahren befreit haben, aber um den Preis einer erneuten Abhängigkeit von einer biomedizinischen Logik. (vgl. Keupp 2003, 219-220).

„ Die Medizin ist so weit fortgeschritten, dass niemand mehr gesund ist“-behauptet Dr. med. Dipl. theol. Manfred Lütz, Chefarzt eines psychiatrischen Krankenhauses in Köln.

Es herrscht eine Gesundheitsreligion schichten-, partei- und konfessionsübergreifend in jedem Winkel unserer Gesundheitsgesellschaft. Der Begriff Sünde wird heute eigentlich nur noch gesundheitsreligiös verwendet, zum Beispiel im Zusammenhang mit Sahnetorte (vgl. Lütz 2006, 3). Die Abhängigkeit von den medizinischen Leistungen in unserer modernen Gesellschaft hat insofern religiöse Züge angenommen, in deren Folge die Verantwortung für das Tun und Glauben in Bezug auf das Wohlbefinden einer Person an die Mediziner übertragen wird. Es ist in der Hand der Medizin, über Qualität und Quantität unseres Lebens zu bestimmen( vgl.e.d.).

3. Gesundheit und Krankheit. Einführung

Stützend auf den historischen Rückblick zur Prägung des gesellschaftlichen Gesundheitsverständnisses lässt sich als Zwischenergebnis festhalten, dass das Wissen von Gesundheit und Krankheit sozial konstruiert ist und dass Gesundheit und Krankheit im Laufe der philosophischen Trennung von Geist und Körper und Ausdifferenzierung von Medizinsystem auch in ihrer Bedeutung voneinander getrennt wurden, indem Gesundheit zu einem Leitwert(höchstes Ziel) der Gesellschaft und Krankheit hingegen zu einem mit allen Mitteln zu beseitigendem Übel wird. Diese Entwicklung wird allmählich mit wissenschaftlichen Beiträgen vervollständigt, die Gesundheit außerhalb von Schulmedizin weniger reduktionistisch definieren. Gerade in den philosophischen Konzepten lässt sich eine einheitliche Sichtweise auf den Körper und Geist beobachten, etwa wie bei Nietzsche -„Gesundheit und Krankheit sind nichts wesentlich Verschiedenes“(Hafen 2008,19)(…) „Eine Gesundheit an sich gibt es nicht, und alle Versuche, ein Ding derart zu definieren, sind kläglich missraten. Es kommt auf dein Ziel, deinen Horizont, deine Kräfte, deine Antriebe, deine Irrtümer und namentlich auf deine Ideale und Phantasien deiner Seele an, zu bestimmen, was selbst für deinen Leib Gesundheit zu bedeuten habe. Somit gibt es unzählige Gesundheiten des Leibes“ -Nietzsche. ( Keil 1994, 101).

Eine „Lebensformbewegung“ in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhundert bis ins 20. Jahrhundert, die eine Fülle von verschiedenen Bewegungsinitiativen einschließt, hat sich als Reaktion auf die reduktionistische Volkshygiene entwickelt. Bei all ihrer schwerpunktmäßigen Heterogenität wurden sie aktiven „alternativ medizinischen“ Bewegungen zugeordnet (Haug 1991, in: Hafen 2008, 20). Der Grund war die anwachsende Kritik gegenüber der Ignoranz von psychischen, sozialen und umweltbedingten Einflussfaktoren im traditionellen Gesundheitssystem.

Nach dem Weltkrieg wächst die Tendenz zu einem umfassenden Verständnis von Gesundheit und Krankheit, wobei Gesundheit nicht nur als Abwesenheit von Krankheit definiert wird, sondern als Zustand des vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens bezeichnet wird(vgl. Trojan/ Legewie 2001,20).

Seit dieser Zeit lassen sich folgende Aspekte in der Entwicklung von Verständnis von Gesundheit und Krankheit hervorheben:

- Tendenz zu einem prozesshaften Verständnis von GesundheitGesundheit als Lebensweise, Gesundheit als Kontinuum.
- Die Interventionsbereiche wurden erweitert, von Familie hin zu größeren sozialen Systemen(Firmen, Gemeinden, Staat).
- Der Trend zu der zunehmenden Beachtung der Differenz von Gesundheitswissen und Gesundheitshandeln.

Eine zusätzliche Erweiterung des medizinischen Gesundheitsverständnisses schließt an die wachsende Bedeutung der Beteiligung zahlreicher Professionen in Gesundheitsbereich wie Psychologie, Soziologie, Pädagogik und andere Disziplinen an(vgl. Hafen 2008, 20ff).

3.1 Definitionsversuche von Gesundheit und Krankheit

Die Weltgesundheitsorganisation definiert im Jahre 1948 Gesundheit als „ einen Zustand vollkommenen körperlichen, seelisch-geistigen und sozialen Wohlbefindens und nicht allein als Fehlen von Krankheit oder Gebrechen“. Dies gilt als eine Erweiterung der Definition, die die Gesundheit als Abwesenheit von Krankheit erklärt hatte. Eine Erfahrung, die die langjährige Begleitung von Menschen mit HIV und AIDS bestätigt, dass es auch für Frauen und Männer mit Behinderungen und mit chronischer Krankheit möglich ist, sich wohl zu fühlen (vgl. Fröschl 2000,12)Diese Begriffsbestimmung geht von der Erreichbarkeit eines Idealzustandes aus, daher benötigt sie eine neue Revision und Erweiterung.

„Gesundheit ist nicht nur ein medizinischer, sondern überwiegend ein gesellschaftlicher Begriff“(Bloch,1959). „Gesundheit ist eine soziale Konstruktion“(Bauch, 2004)(in: Hafen 2007,13) oder„Gesundheit ist eine ganz persönliche Angelegenheit“ (Juchli 1994, 85). Also was ist sie eigentlich? Heinrich Schipperges meint, „dass eine allgemein verbindliche Definition für „ Gesundheit“ nicht zu erwarten ist. Darin sind sich die Experten(u.a. Amann/ Wipplinger 1998; Bengel 1999; Waller 2002) einig“(Schipperges 2003, 1). H.-G. Gadamer hat über die Verborgenheit der Gesundheit geschrieben. Verborgen ist die Gesundheit offensichtlich schon durch die Vieldeutigkeit, mit der das Wort gebraucht wird.

Aus dem geschichtlichen Exkurs der Entwicklung der Gesundheitslehre wurde ersichtlich, dass „ das, was Menschen unter Gesundheit verstehen oder mit Gesundheit assoziieren, von ihrem gesellschaftlich-kulturellen Hintergrund abhängig ist. Damit prägen Lebensphase, Alter, soziale Herkunft, Bildungsgrad, Geschlecht, Erziehung und die Strukturen des Gesundheitswesens das Gesundheitsverständnis des Einzelnen und von Gruppen“ (Bundesministerium für Bildung 1997,5 in: Fröschl, M. 2000, 12). Daher lässt es sich von „Bildern“ der Gesundheit und Krankheit sprechen(Schipperges 2003,3ff).

Wenn Gesundheit so schwer zu definieren ist, dann lässt es sich über „das Wesentliche einer Gesundheit“ oder von „Bildern“ von Gesundheit sprechen und das ist, dass sie unser Leben darstellt, es einfärbt, wenn sie als Erfahrung und Erlebnis in unser Bewusstsein tritt(vgl. Keil1994, 101ff).

Bei dem Versuch, die Fragen zu beantworten: „Was gefährdet eine Gesundheit und was ist in der Krankheit in der Gefahr?“, stößt man auf eine Erkenntnis, dass sich diese Fragen getrennt nur für Gesundheit und nur für Krankheit nicht beantworten lassen. „Denn wir haben es immer mit einem zerfallenden und sich aufzulösenden Zustand an der Grenze zu tun, mit einem Chaos des Übergangs“ ( Keil1994, 101ff).

3.2 Gesundheit oder Gesundsein?

Der deutsche Arzt Fritz Hartmann und der Begründer der wissenschaftlichen Rheumatologie schlägt vor, die Begriffe „Gesund-heit durch Gesund-sein und Krank-heit durch Krank-sein zu ersetzen. Damit würde man dem tatsächlichen Geschehen gerechter“. Denn „Ganz-heit ist eine regulative abstrakte Idee und Ganz-sein ist eine erwünscht konkrete Lebensform“ (Hartmann 1994, 121).

Ausgehend von den grammatikalischen Merkmalen der Begriffe Gesundheit oder Gesundsein, kann man folgende Unterschiede dieser beiden Sprachformen desselben Begriffs betonen:

Gesundheit ist eine Nomenform in der Grammatiksprache. Gesundheit ist hier grammatisch gesehen ein Objekt, mit dem man mit Hilfe von Verbenformen operieren kann, ein Objekt ist immer passiv. Mit ihm wird immer etwas gemacht. Also vor diesem Hintergrund kann man Gesundheit haben, verschwenden usw. Zudem ist hier Gesundheit ein abstraktes Nomen, das eine Erscheinungsform eines Objekts oder dessen Zustand charakterisiert. Einen Zustand kann man mit Hilfe von Adjektiven beschreiben: Ich habe eine gute/ schlechte Gesundheit. Deswegen wird oft die Gesundheit als ein „ höchstes Gut“ bezeichnet, das eine Person hat oder erreichen will.

Damit der Begriff Gesundheit zu einem aktiv handelnden Subjekt wird, muss er Subjekt - „Ich“ bezogen werden. Ich bin gesund oder grammatisch verbalisierte Nomenform- Gesundsein, betont die Prozesshaftigkeit. In diesem Fall wird die Aktivität des Verbes auf das Nomen übertragen. Das subjektorientierte Nomen kann aktiv handeln. Der Prozess wird „eigenhändig“ in Gang gesetzt. Daher heißt Gesundsein, ich bin gesund, ich mache mich gesund, ich beeinflusse meine Gesundheit. Diese Art des Nomen kann sich bezogen sein.

Die anthropologische Sicht auf Gesundheit und Krankheit betont das aktiv handelnde Subjekt im Prozess der Gestaltung des eigenen Befindens.

Der naturwissenschaftliche Ansatz der Medizin folgt nach wie vor dem Ziel, die Naturgesetze von Krankheit und Gesundheit so objektiv wie möglich zu erfassen.

[...]


1 Der Begriff „Gesundheitsförderung“ wird in der vorliegenden Arbeit im Titel des Themas bewusst als „Gesundseinsförderung“ genannt zwecks der Verdeutlichung der Rolle des Subjektwissens über seine Gesundheit/Krankheit in dem Prozess der Gestaltung der gesundheitsbezogenen Lebensführung. Jedoch erscheint es mir in dieser Arbeit nicht von Relevanz, auf eine exakte Anwendung des Begriffes Gesundseinsförderung statt Gesundheitsförderung zu achten, anderen Perspektiven zu diesem Thema sollte Raum gelassen werden.

Ende der Leseprobe aus 70 Seiten

Details

Titel
Gesund-Sein Förderung in der Familie
Untertitel
Zur Notwendigkeit eines biografischen Zugangs in der gesundheits- und familienbezogenen Sozialen Arbeit
Hochschule
Evangelische Hochschule Berlin
Note
1
Autor
Jahr
2009
Seiten
70
Katalognummer
V186677
ISBN (eBook)
9783656996057
ISBN (Buch)
9783869433615
Dateigröße
577 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
gesund-sein, förderung, familie, notwendigkeit, zugangs, sozialen, arbeit
Arbeit zitieren
Elena Verner (Autor), 2009, Gesund-Sein Förderung in der Familie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/186677

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