Gang an die Ränder: Zeit(en) und Ort(e) in Christoph Ransmayrs Reportagen


Magisterarbeit, 2002
71 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Werkbericht

Literatur zu Ransmayrs Reportagen

Die Reportage bei Christoph Ransmayr

Auswahl der betreffenden Texte Ransmayrs

Ort und Zeit der Peripherie in Ransmayrs Reportagen

Stichproben der Peripherie
»Ein Wien, das auf den Postkarten nur als Hintergrund dient« — Urbane Refugien
»Die Kleinen sterben aus« — Dorfliches Leben
AuBenseiter an der Peripherie

Schluss

Literaturverzeichnis
Quellen
Sekundarliteratur
Buchveroffentlichungen:
Aufsatze, Essays:
Rezensionen:
Sonstiges:

Anhang
Auswahlbibliographie
Artikel, Essays, Reportagen, Miniaturen, Reden (chronologisch):
Herausgeberschaft:
Buchveroffentlichungen:

Einleitung

»Die Orte und Erscheinungen, die er [der Reporter, Verf.] beschreibt, die Ver- suche, die er anstellt, die Geschichte, deren Zeuge er ist, und die Quellen, die er aufsucht, mussen gar nicht so fern, gar nicht so selten und gar nicht so muhselig erreichbar sein, wenn er in einer Welt, die von der Luge unermeBlich uberschwemmt ist, wenn er in einer Welt, die sich vergessen will und darum bloB auf Unwahrheit ausgeht, die Hingabe an sein Objekt hat. Nichts ist verbluffender als die einfache Wahrheit, nichts ist exotischer als unsere Umwelt, nichts ist phantasievoller als die Sachlichkeit.

Und nichts Sensationelleres gibt es in der Welt als die Zeit, in der man lebt!«

Egon Erwin Kisch[1]

»Das Wesen Osterreichs ist nicht Zentrum, sondern Peripheries Joseph Roth[2]

Mit seinem Roman Die let%te Welt trat Christoph Ransmayr 1988 ins Rampenlicht der Offentlichkeit. Angeregt von Hans Magnus Enzensberger hatte Ransmayr fur Die Andere Bibliothek den Auftrag angenommen, die Metamorphosen des Ovid neu zu erzahlen. Das Resultat war ein durchschlagender Erfolg bei Kritik und Publikum, die dem kunstvollen Spiel mit der mythologischen Vorlage nicht genug Ehre zu erweisen wussten. Mit einem Schlage hatte sich Ransmayr zum Range eines wichtigen deutschsprachigen Autoren der Gegenwartsliteratur hinaufkatapultiert. Begeisterte Rezensionen, erste wissenschaftliche Analysen und zahlreiche Preise hofierten dem neuen Star.

Dabei hatte Christoph Ransmayr bis dato schon drei Bucher und zahlreiche Reportagen veroffentlicht, Arbeiten, die von der Kritik weitgehend unbemerkt geblieben waren. Insbesondere der Roman Die Schrecken des Eises und der Finsternis, 1984 erschienen, hatte schon mit Fug und Recht weit groBere Resonanz fur sich beanspruchen konnen, desgleichen seine engagierten Reportagen, die er ab 1978 fur verschiedene Magazine geschrieben hatte.

Darin beschaftigte er sich ebenso wie in seinen Romanen mit Verganglichkeit, mitteleuropaischer Vergangenheit (insbesondere die Osterreichs Rolle in der Zeit des k.u.k.-Reiches und wahrend des Nationalsozialismus), apokalyptischen Visionen, dem Problem des Erzahlens als Nacherfindung von Geschichte und Mythos, Minderheiten und AuBenseitern, Verlorenen und Verschollenen, den Problemen des Fortschritts und der Bedeutung von Traditionen, der Situation des Menschen in menschenfeindlicher Umgebung und extremer Lage, der Ruckbesinnung auf das wesentlich Menschliche, dorflichen und urbanen Lebenswelten, regionale Identitat ... Diese Liste lieBe sich weiter fortsetzen. Ihnen allen gemeinsam ist aber die Fokussierung auf das Schicksal des Einzelnen, das in Grenzsituationen am klarsten sichtbar wird, dessen Schicksal ihn abseits der allgemeinen Lebenswelten gefuhrt hat. Und dieses Leben an der Peripherie wird durch seine sorgfaltige Beschreibung wieder in die »Mitte der Welt«[3] geruckt. Charakterisiert werden sie durch ihre Verortung in Raum und Zeit und Ransmayrs, »die Dinge im Augenblick ihres Verschwindens noch einmal zur Kenntlichkeit zu bringen«.[4]

Nachdem schlieBlich 1995 der dritte Roman Morbus Kitahara erschienen und bis auf weiteres mit keinem neuen groBeren Werk Ransmayrs zu rechnen war, gab der Fischer Verlag 1997 die Sammlung Der Weg nach Surabaya heraus. Darin waren einige jener Reportagen versammelt, aber auch Reden anlasslich verschiedener Preisverleihungen und Prosa, die sich am besten mit Stefan Zweigs Begriff der »Miniatur« umschreiben lieBe.[5] Diesem Band ist es zu verdanken, dass man nun in der offentlichen Diskussion einen Beleg dafur ins Feld fuhren konnte, das sich Ransmayr schon vor seinem Welterfolg mit Themen seiner spateren Werke beschaftigt hatte.

Geboren 1954 in Wels/Oberosterreich, wachst Ransmayr in Roitham bei Gmunden am Traunsee auf. Nach der Matura 1972 studiert er von 1972 bis 1978 Philosophie und Ethnologie in Wien. Dabei betreibt er philosophiegeschichtliche Forschungen zum Verhaltnis von gesellschaftlicher Utopie und Religiositat,[6] ein Thema, das auch unmittelbar bei seiner ersten Veroffentlichung uber Ivan Cankar eine Rolle spielt.[7] 1978 holt Manfred Deix, bekannter Cartoonist der Wiener Szene, Christoph Ransmayr zum linksintellektuellen Extrabbtt. Die eigentlich angestrebte Dissertation bricht er bald ab.[8] Der Autor beginnt als Reporter. Immer wieder wird er dazu auch in die Umgebung seiner Kindheit zuruckkehren, um Motive der landlichen Regionen in seinen Texten zu verarbeiten. Denn auch dort finden sich Grenzen und Rander der Wirklichkeit, die weit in die Vergangenheit zuruckreichen und bestimmend sind fur eine ganze Nation:

»Dass die auBersten Grenzen auch quer durch die osterreichische Provinz verlaufen, ist eine Erkenntnis, die Ransmayrs Kindheit nachtraglich entzaubert hat. Erst spat ist er dahintergekommen, was es mit den groBen Kalk- und Granitsteinbruchen in der Nahe seines Heimatdorfes Roitham bei Gmunden im Salzkammergut auf sich hat: Sie waren Teil des Konzentrationslagersystems von Mauthau sen. «[9]

Im Band »Der Weg nach Surabaya« finden sich einige Texte, die sich mit solchen Themen beschaftigen und sie sind zugleich in der Ruckschau ein Beleg fur den Anspruch des Autors, das Schreiben sei »unteilbar«.[10]

Dies legt es eigentlich nahe, in der Analyse zwischen den einzelnen Texten und Textformen nicht zu trennen. Auch Andreas Breitenstein, der einen klugen Artikel uber Christoph Ransmayr verfasst hat, konstatierte die Bedeutung dieser Texte:

»Wenn man Literatur als etwas begreift, das die Wirklichkeit verdichtet und ubersteigt, wird man nicht zogern, Ransmayrs publizistischen Arbeiten aus den achtziger Jahren kunsderischen Rang zuzumessen. Es gibt eine sachliche Prazision, eine erzahlerische Wucht und ein sprachliches Gelingen, die die Unterscheidung von Belletristik und Journalistik hinfallig machen. Finden und Erfinden werden eins, wo einer der Unmittelbarkeit der Erfahrung wie auch der bloBen Fiktion misstraut und sich ganz dem Gesetz der Form uberantwortet.«[11]

Und doch ist eine Untersuchung mit dem Fokus auf die Reportagen sinnvoll, denn wichtig werden die Reportagen vor allem dadurch, dass sie sich schon eingehend mit Themen beschaftigen, die fur Ransmayrs Gesamtwerk von Bedeutung sind. So kann man durchaus davon reden, dass sich diese Texte im Ruckblick als Vorstudien lesen lieBen, wenn sie denn von Beginn an als solche intendiert gewesen waren. Vielmehr entwickelte sich die groBe Form aus dem Ungenugen der kleinen Form fur die Ausgestaltung eines umfangreicheren Themenkomplexes, wie es bei Die Schrecken des Eises und der Finsternis geschehen durch die Ausgestaltung der Reportagen Des Kaisers kalte Lander und Der letgte Mensch geschehen ist. Eigentlich hatte daraus ein Begleittext fur einen Dokumentationsband zu einer Forschungsreise in die Arktis im Jahre 1872/72 entstehen sollen.[12]

Doch diese Vorstudien sind nicht nur bereits Beschaftigung mit den verschiedenen Topoi seines Schaffens, sondern sie reflektieren auch seine sich entwickelnde Poetik der (Nach)erfindung der Welt, die Ausgangspunkt seines Schreibens an sich ist. Entstanden ist diese erzahlerische Nacherfindung ebenfalls durch die Arbeit an den Reportagen. Aus der finanziellen Notlage heraus konnte Ransmayr manche Schauplatze seiner Texte nicht selbst aufsuchen und war deswegen genotigt, sie sich anhand von Recherchen und Dokumenten zu vergegenwartigen. Eine Technik, die unabdingbar war, um seine erzahlerischen Orte an der Peripherie unserer Lebenswelt zu erreichen.[13]

Dieser Weg an die Peripherie muss nicht zwangslaufig ans Ende der Welt fuhren, Arktis oder Feuerland etwa, sondern auch im unmittelbaren Umfeld finden sich exotische Orte, an denen sich solche Rander auftun, »Sensationen« im Sinne Kischs.[14] Diesen Motiven in Ransmayrs Werk wird sich die vorliegende Arbeit widmen, denn in diesen Darstellungen verarbeitet Ransmayr mitteleuropaische Vergangenheit und Gegenwart. Es verbergen sich in den ausgewahlten Reportagen oft allgemeine Tendenzen, die gleich Vexierbildern erst an diesen Peripherien klarer aufscheinen und gleichzeitig zu Schnittstellen zwischen Hier und Dort, Gestern und Heute werden.

»In fast allem, was er publiziert, schreibt er statt uber die Lebensformen der metropolitaren Zentren, an einer Topographie der Rander, der ubersehenen Bezirke menschlicher Existenz [.. .]«,[15] konstatiert Renate Just in ihrem Portrat, und auch Andreas Breitenstein macht die wesentliche Beobachtung: »Die Dinge im Augenblick ihres Verschwindens noch einmal zur Kenntlichkeit bringen, so konnte man seine demiurgische Poetik umreiBen.«[16] Diese »verschwindenden Dinge« entziehen sich unserem Zugriff zuletzt an den weniger schnelllebigen Orten abseits unserer Mainstreamkultur, ihr Verlust wird an jenen Stellen auch offenbarer, wie etwa das Beispiel des »Wiener Beisl« als letzte Zufluchtsstatte sozialer Kommunikation, einen Rest dorflicher Sozialkontrolle in der Stadt, belegt.[17]

Durch die Darstellung des Einzelschicksals im Zusammenhang mit der »groBen« Geschichte versucht er, die komplexeren Zusammenhange anschaulich zu vergegenwartigen. Er schildert den Menschen abseits einer sich standig verandernden, hektischen Massenkultur und ermoglicht ihm damit die Konzentration auf sein Selbst mit all seinen Problemen und Widerspruchen. Noch mal Andreas Breitenstein:

»Der Gang an die Rander der Vernunft und des Sinnes ist auch die Grundbewegung seiner Romane. Daruber hinaus hat die Wahl der Grenzsituationen auch konzeptionelle Grunde: Menschenleere Raume erlauben es Ransmayr, souveran uber sein Material zu verfugen. Anders als in der gesellschaftlichen Mitte, wo sie jeweils in relativierende Kontexte gesteUt sind, nehmen die Dinge hier jene existentielle Deutlichkeit und Dringlichkeit an, auf die es ihm als Erzahler ankommt.«[18]

Ransmayr selbst hat diese Verknupfung des Themas der Peripherie mit dem einzelnen Menschen bestatigt und betont die Moglichkeit, in einem weiteren Raum die Geschichte des Einzelnen in einen scharferen Kontrast stellen zu konnen, denn: »Mein Thema ist der Einzelne. Und seine Geschichte wird in etwas freieren, leeren Raumen, auch Wusten, manchmal deutlicher.«[19] So schreibt Ransmayr auf diese Weise gegen einen rucksichtlosen Fortschritt an, unter dem sich der Einzelne und mit ihm regionale Traditionen und Identitaten zu verlieren drohen, wenn es abseits wirtschaftlicher Effizienz fur sie keinen Platz mehr gibt. Umso erstaunlicher, dass sich noch immer manche anachronistisch anmutende Erscheinung wie der Totengraber von Hallstatt[20] gleich einem Faktotum halten konnte. Diese Moglichkeiten bestehen jedoch nur noch abseits der hektischen Lebenswelten unserer groBstadtischen Zentren, in denen Kommerzialisierung die Bedurfnisse und Wunsche des Einzelnen in Trends kanalisieren. Indem solche Erscheinungen immer weiter um sich greifen und auch auf dorfliche Lebenswelten Einfluss nehmen, bedarf es der Bestandsaufnahme dieser Peripherien durch den Schriftsteller, der »die Dinge im Augenblick des Verschwindens noch einmal zur Kenntlichkeit bringt[21] (noch einmal Andreas Breitenstein) und das Geschehen am Rande als Modell des Zentrums veranschaulicht. In diesem besten Sinne kann Ransmayrs Arbeit nach Egon Erwin Kischs Forderung als Aufklarung verstanden werden.[22] Diesen zeitlichen und raumlichen Orten in Ransmayrs Werk nachzuspuren, ist Aufgabe dieser Arbeit.

Zunachst wird ein kurzer Uberblick uber das Werk Ransmayrs gegeben, wobei hier zuerst einmal die literarischen Publikationen im Mittelpunkt stehen, um ihr e Themen zu beschreiben. AnschlieBend wird darauf eingegangen werden, inwieweit die kleineren Texte Ransmayrs uberhaupt Eingang in die bisherige Rezeption Ransmayrs durch die Kritik und Forschung gefunden haben. Die Reportage selbst wird uber die sie definierende Forschungsliteratur besprochen, um daran anschlieBend die entsprechend dieser Definition in Frage kommenden Texte herauszufiltern, da sich unsere Arbeit aufgrund ihres geringen Umfangs auf einige wenige Texte beschranken muss. An ihnen sollen dann die Elemente der Verwendung von Zeit und Ort, der Beschreibung ihrer Bedingung als wesentliche Faktoren des Erzahlens und Darstellens durch Ransmayr untersucht werden. Dies selbstverstandlich auch mit Augenmerk auf die Verortung der Settings am Rande unserer unmittelbaren Erlebenswelt, um an einigen markanten Beispielen Texte dieser Art von Ransmayr vorzustellen. Und endlich soll der Nachweis gefuhrt werden, dass dieser »Gang an die Rander«, die Rolle von Zeit und Ort uns die Moglichkeit geben, Schnittstellen unserer Geschichte und Gesellschaft zu erkennen, die auf groBere Gesamtzusammenhange verweisen und im besten Kisch’schen Sinne aufklaren und der Wahrheit gegen die Luge dienen.[23]

Werkbericht

Christoph Ransmayr machte sich international einen Namen mit seinen Romanen, aber trotzdem durfte er in intellektuellen Kreisen bereits davor ein Begriff gewesen sein, arbeitete er doch schon seit Jahren als Redakteur mit hohem sprachlichem und inhaltlichem Anspruch. Sein erster Text war 1978 im Extrablatt in Heft Nr. 5 unter dem Titel Rebell gu Laibach. Ivan Cankar — der Dichter der Slowenen erschienen. Als Autor wird »Christoph Ransmayer« genannt, ein verzeihlicher Fehler am Beginn dieser Karriere. Diesem Text folgten etwa funfundzwanzig weitere, die beim Extrablatt bis 1982 erschienen.

AnschlieBend wechselte er zum deutschen Magazin TransAtlantik, das von Hans Magnus Enzensberger herausgegeben wurde. Aus dieser Verbindung entwickelte sich der Journalist Christoph Ransmayr zum Romancier Christoph, wie wir ihn spatestens seit seinem Roman Die letgte Welt kennen. Er beschaftigte sich neben dem journalistischen Schreiben auch mit literarischen Formen, wie sein 1982 beim Verlag Christian Brandstatter in Wien erschienenes Buch Strahlender Untergang. Ein Entwasserungsprojekt oder Die Entdeckung des Wesentlichen zeigt. Eine absurd anmutende Vision der Selbstabschaffung des Menschen als letzte Konsequenz seiner Entwicklung und damit die Ruckkehr zum Wesentlichen, wie es der Untertitel des Textes proklamiert. Der Mensch wird auf seinen essentiellen Rest reduziert, frei von Dingen, die die Konzentration auf die Wesentlichkeit des Menschseins als verantwortungsvoller Teil der Gesamtheit Schopfung verhindern, und ganzlich zum Verschwinden gebracht, inmitten eines gigantischen Areals ohne jegliche Vegetation, ein steriler Raum unter der unbarmherzig brennenden Sonne der Sahara. Der »Herr der Welt« tritt ab, reduziert auf seine molekularen Bestandteile, die sich in die umgebende Umwelt wieder verlieren[24] So elementar sollte kein Protagonist

Ransmayrs mehr verschwinden, aber immer wieder werden sie sich in der Landschaft verlieren und verloren sein, sei es Mazzini, der in der Polarwelt verloren geht[25], Cotta, der sich dem Gespinst um Nasos »Metamorphosen« nicht mehr entziehen kann[26], Gsellmann, der in der »buckligen Landschaft« schon »nach ein paar Gehminuten verschwunden ist«[27] oder Ransmayr selbst, der darum weiB, »endgultig zu verschwinden, hat fur mich manchmal etwas Besanftigendes und Trostliches^[28].

So erfahrt am Ende des Textes der Mensch unter dieser Sonne seine eigene »Entwasserung« und phantasiert sich in sein Ende hinein. Er sieht »... eine endlose Schurze die Ebene, eine rissige Schurze aus Packeis, und jetzt

setzt ein Zug Schlittenhunde klaffend uber die Risse hinweg, und noch einer, Sanften schwanken auf Tragtieren, Fahnen und Baldachine, eine gewaltige Eisprozession.«[29]

Eine Phantasie, die in eine anderes Extrem der Welt ubergeht, in der der Mensch gleichfalls seinem Ende entgegengeht, dieses »Reversbild der Wuste«[30], eine Situation, die am Polarkreis halbjahrliche Realitat ist, wie Ransmayr wenig spater dem Publikum zeigen sollte.

Zu dieser Zeit beschaftigte sich Ransmayr mit einer zweiteiligen »historischen Reportage«[31] uber die k.u.k. Nordpolexpedition der Kommandanten Weyprecht und Payer, die 1872 das Franz-Josef-Land im Polarmeer fur die Monarchie entdeckt hatte. Und darin bewegt er sich eben im Nacherzahlen jener Expedition an der Peripherie der bekannten zivilisierten Welt, in einer Grenzwelt, die den Menschen auf das Wesentliche reduzieren muss. So kann man diese letzte Vision oder »Halluzination«[32] aus Strahlender Untergang als intertextuelle Vorausdeutung auf diesen eigenen Text verstehen. Ahnliche Verknupfungen bestehen zwischen vielen seiner Texte, da sie alle miteinander zusammenhangende Motive variieren. Aus den Reportagen uber jene Expedition entwickelte sich schlieBlich der Roman Die Schrecken des Eises und der Finsternis, ein Prozess, den Sven Michaelsen als »Kuriosum« charakterisiert.[33]

Dieser Roman ist angelegt im Stile einer erweiterten Reportage, ein dokumentarischer Roman, durchsetzt mit realen Tagebuchaufzeichnungen der Expeditionsteilnehmer, denen kontrapunktisch der Kommentar des Erzahlers beigefugt wird. Ein steter Kontrast zwischen Dokument und Kommentar, gleichzeitig erganzen genaue Zeit- und Ortsangaben, Frachtlisten, historische Aufstellungen und Exkurse bezuglich der Geschichte der Entdeckungen des Nordmeers diesen Text zu einer Montage von Fragmenten der Geschichte(n). Uber diese bloB fragmentarische Ansammlung von Fundstucken hinaus weist die Kontrastierung dieser Rekonstruktion der tatsachlichen Expedition mit der Geschichte des fiktiven Protagonisten Mazzini, der, aufgrund personlicher Motivation, diese Expedition nicht nur nacherzahlen, sondern nachzuerleben sich zum Ziel gesetzt hat.[34] Der Erzahler wiederum stellt eine weitere ubergeordnete Instanz dar, an der sich nicht nur die von Mazzini recherchierte Geschichte der Expedition, sondern zusatzlich auch das Schicksal Mazzinis bricht. Als Chronist versucht dieser Erzahler, die Geschehnisse zu ordnen und seinerseits einen sinnstiftenden Zusammenhang zwischen den beiden Zeiten und Vorgangen zu schaffen.[35] Letztlich kehren die Expeditionsteilnehmer anno 1873 zuruck, wahrend
der junge Mazzini sich ins polare Nichts verliert, ein Schicksal, das uns schon bekannt ist.

An dieser doppelten (oder dreifachen? Man denke an den Autor!) Brechung des Erzahlens zeigt Ransmayr die Chancen und die Risiken an, die ein Erzahler eingeht, wenn er eine Geschichte beginnt. Er greift sich aus den sich in unendlicher Form bietenden Moglichkeiten eine heraus und bindet sich an sie. Diese Geschichte muss er nun zu einem Ende erzahlen, doch wie geschieht ihm, wenn sich ihm dieses Ende nicht offenbart. So steht er wieder vor der Entscheidung, welche der Moglichkeiten er fur sein Vorhaben wahlen soll und droht, sich selbst darin zu verlieren. Diese Poetik ist bei Ransmayr nicht nur in Bezug auf diesen Roman von Bedeutung, sondern auch auf die kleinen Formen, denn in vielen Teilen seiner Prosa und Reportagen muss er sich als Erzahler entscheiden, welche Variante der Wirklichkeit er fur seine Geschichte wahlt[36]

1985 gab Ransmayr eine Sammlung von Texten heraus, die es sich zum Ziel gesetzt haben, in den Bezirken abseits des offentlichen Bewusstseins das Verhaltnis zwischen Ost- und Westeuropa zu beleuchten. Sie bewegen sich dabei an Orten und schreiben uber Menschen, die aktuell und vor allem durch ihre Geschichte eine Verbindung zwischen beiden Europas wiederherstellen und Mitteleuropa im Kleinen reprasentieren: Es entstehen Vexierbilder mitteleuropaischer Geschichte durch den Fokus auf die Alltags- und Mentalitatsgeschichte der gegenwartigen Welt. Zu diesen Texten steuerte Ransmayr insbesondere den historischen Essay Pr%emjsl bei, den er, eigens fur diesen Sammelband geschrieben, als »mitteleuropaisches Lehrstuck« bezeichnet [37]. Und so analysiert er an dieser tatsachlichen Begebenheit das Dilemma mitteleuropaischer Staatenbildung, aufgerieben zwischen den nationalistischen Interessen der teilhabenden Volksgruppen. Dieser Charakter des exemplarischen Vexierbildes an der Peripherie der allgemeinen Erfahrungswelt ist auch ein wichtiges Moment fur die Analyse vieler seiner Reportagen. Der Text »Przemysl« bildet eine Schnittstelle, in der sich ahnlich wie in den »Sternstunden der Menschheit« von Stefan Zweig Geschichte verdichtet bzw. literarisch verdichtet wird, um so uber grundlegende Vorgange aufzuklaren.

Auf Anregung von Enzensberger unternimmt Ransmayr den Versuch, klassische Mythologie neu zu erzahlen. Fur das Buch Das Wassergeichen der Poesie oder Die Kunst und das Vergnugen, Gedichte gu lesen. In hundertvierundsechgig Spielarten vorgestellt von Andreas Thalmayr, das Enzensberger unter seinem Pseudonym 1985 beim Greno Verlag im Rahmen seiner Anderen Bibliothek veroffentlicht, schreibt Ransmayr den Text Das Labyrinth. Eine Baugeschichte aus Kreta, der den Mythos um Konig Minos, den Minotaurus und Daedalus zum Gegenstand hat. Im gleichen Jahr erscheint eine ahnliche Umdichtung eines mythologischen Textes von Ransmayr (Perdix oder Das Begrabnis des Icarus). Ransmayr versucht sich an der »mythologischen Miniatur«. Es sind Fingerubungen fur Die letgte Welt.

Die Arbeit an diesem zweiten Roman nimmt Ransmayr die folgenden Jahre sehr in Anspruch, so dass auBer ein paar Reportagen, die unter anderem auch fur die Magazine Merian und Geo Special entstehen, keine weiteren Texte veroffentlicht werden. Eine Ausnahme bildet der Entwurf gu einem Roman, in dem Ransmayr sein Vorhaben, Ovids Metamorphosen in Prosa zu erzahlen, kurz skizziert.

Auch in diesem Roman bewegt sich ein Protagonist abseits der eingetretenen Pfade der Gesellschaft. Cotta, der dem romischen Dichter Naso ins ferne Tomi nachreist, begibt sich auf eine Suche, die ihm zur existentiellen Prufung gerat. Uberall entdeckt er schlieBlich im Ratselspiel die Metamorphosen, die sich aus der Poesie in die Wirklichkeit eingeschrieben haben. Die Trennung zwischen Fiktion und Realitat wird auch hier aufgehoben und fuhrt Cotta schlieBlich in die Suche nach sich selbst, die ihn letztlich den Weg ins Gebirge wahlen lasst. Ein AuBenseiter am Rande der Zivilisation auch er.

Mit dem Erscheinen der Letgten Welt und dem damit verbundenen Erfolg stellt Ransmayr leider seine journalistische Produktion nahezu ein. Fortan ist Ransmayr nicht mehr nur freier Autor wie seit 1982, sondern er ist jetzt auch selbstandiger Autor, der von seiner Arbeit wirklich leben kann und nicht mehr Auftragen zuarbeitet, wenngleich auch dieser Erfolg auf einen Auftrag, zumindest eine Anregung zuruckgeht.

Keine bloBe Umdichtung der Metamorphosen, sondern ein eigenstandiger Roman, stoBt er vor allem eine Diskussion um seine prototypische Rolle als postmodernes Kunstwerk an.[38] Zumal Ransmayr auch mit die Historie spielt, indem er sich nicht geschichtlicher Akkuratesse im Detail verpflichtet. So fugt er zum Beispiel in verfremdender Absicht anachronistische Requisiten ein, wie etwa den »StrauB Mikrofone«, vor denen Naso seine Rede halt.[39] Er bewegt er sich in diesem Roman an den Randern der (zur Zeit des Romischen Reiches bekannten) Zivilisation, erfindet Geschichte bzw. den Mythos ausgehend von den tatsachlich sich bietenden Moglichkeiten neu und etabliert sich vollends als Romanschriftsteller.

Die weiteren Jahre sind es vor allem Reden, in denen er seine Auffassung vom Erzahlen skizziert und weiter theoretisiert, anhand von Beispielen exotischer Platze dieser Welt. Dank des finanziellen Erfolgs kann der erklarte FuBganger Ransmayr[40] nun wirklich ausgedehnte Reisen unternehmen, die bislang seiner Vorstellungskraft vorbehalten waren. Er sucht Ablenkung und Konzentration zugleich fur seine nachsten Arbeiten. 1995 erscheint nach sieben Jahren Arbeit der umfangreiche Roman Morbus Kitahara, mit dem Ransmayr Neues wagt. Wieder erfindet er die Geschichte neu, von einer der vielen Moglichkeiten europaischer Geschichte ausgehend, wie er selbst einmal formuliert:[41] Ein Europa, in dem nach dem Krieg die Siegermachte gegenuber den Unterlegenen eine Politik der Suhne fur die Verbrechen der Vergangenheit betreiben, die von vielen Rezensenten als verkappter Morgenthau- Plan verstanden wird.[42] Eine Scharade mit den Moglichkeiten der Geschichte Europas. Doch nun ist aus einer bloBen Nacherfindung einer tatsachlichen Begebenheit (Die Schrecken des Eises und der Finsternis) bzw. einer Umerfindung einer moglichen Geschichte (Die let%te Welt) eine Neuerfindung einer gegenwartigen Welt geworden, die so in der Vergangenheit moglich gewesen sein konnte, aber keine Entsprechung in der Realitat gefunden hat. Am Anfang konnte Ransmayr gleich Mazzini noch die Fiktion anhand der Realitat uberprufen, nun uberlasst er sich ganz seiner Phantasie.

Seit dem Erscheinen dieses Romans hat Ransmayr einige kleinere Texte veroffentlicht, wie etwa das kleine Bandchen Die dritte Luft oder Eine Buhne am Meer. Der neueste, als Buch edierte Text bedient sich zum ersten Mal der Form des Dramas: Die Unsichtbare oder Tirade an drei Stranden.

Derzeit ist der Autor nach eigener Auskunft mit einem Roman beschaftigt, der den Titel tragen soll: Derfliegende Berg.[43] Dieser Roman soll inhaltlich das Thema der Heimkehr von den Abenteuern in der Ferne zuruck ins »Allervertrauteste«[44] behandeln, einen Weg, den auch Reinhold Messner, Freund und Abenteurer, beschreibt.[45] Auch hierfur kann ein kleinerer Text wieder als Vorstudie dienen: Die Ballade von der glucklichen Ruckkehr beschaftigt sich in ungewohnter lyrischer Form ebenfalls mit diesem Thema, das fur Ransmayr aber unbedingt mit dem »Gang an die Rander« zusammenhangt.[46] Und es geht auch darum, was uberhaupt dem Menschen an sich noch bleibt, wenn er in seiner Abenteurerwut den letzten Winkel der Welt erkundet hat, gleich Payer, der in unbandiger Wut das ferne Franz-Josef-Land zu seiner Entdeckung machte.[47]

Wann letztlich dieser bereits fur Ende 2001 angekundigte Roman wirklich erscheinen wird, wer weiB es? Ransmayr nimmt sich viel Zeit fur eine Geschichte und nun, da er es sich leisten kann, vielleicht wird dann auch dieser Roman der Text sein, mit dem Ransmayr sich »vorstellen kann, sein ganzes Leben zuzubringen.«[48]

[...]


[1] Kisch, Egon Erwin: Der rasende Reporter. 1. Auflage. Berlin, Weimar 1990. S. 5f.

[2] Roth, Joseph: Die Kapu%inergruft. 9. Auflage. Munchen 1985. S. 14. — Im Text von Joseph Roth betont Graf Chojnicki ausdrucklich die Bedeutung der verschiedenen »Randvolker«, die das Reich zusammenhielten, wohingegen das »Staatsvolk«, die Deutschen, das Schicksal Osterreichs verrieten hatten. — Vgl. auch Ransmayr, Christoph: Kaiserin Zitas Weg in die Kapu%inergruft. In: Ransmayr, Christoph: Der Weg nach Surabaya. Frankfurt/Main 1997. S. 91-123. Hier noch mal das Zitat im Gesa.-mtzusa-m-menhang bei Roth, Kapu%inergruft, S. 14f.: >xFreilich sind es die Slowenen, die polnischen und ruthenischen Galizianer, die Kaftanjuden aus Boryslaw, die Pferdehandler aus der Bascka, die Moslems aus Sarajewo, die Maronibrater aus Mostar, die >Gott erhalte< singen. Aber die deutschen Studenten aus Brunn und Eger, die Zahnarzte, Apotheker, Friseurgehilfen, Kunst-Photographen aus Linz, Graz, Knittelfeld, die Kropfe aus den Alpentalern, sie alle singen die >Wacht am Rhein<. Osterreich wird an dieser Nibelungentreue zugrunde gehn, meine Herren! Das Wesen Osterreichs ist nicht Zentrum, sondern Peripherie. Osterreich ist nicht in den Alpen zu finden, Gemsen gibt es dort und EdelweiB und Enzian, aber kaum eine Ahnung von einem Doppeladler. Die osterreichische Substanz wird genahrt und immer wieder aufgefullt von den Kronlandern.<«

[3] »Die Mitte der Welt«, so lautete auch der Titel eines Buches von Rudolf Palla, ein Autor, mit dem Ransmayr manchmal zusammenarbeitete. Fur diesen Sammelband uber das dorfliche Leben in unserer Gegenwart steuerte er mit »Die vergorene Heimat« eine seiner besten Reportagen bei. — Vgl. Palla, Rudolf (Hg.): Die Mitte der Welt. Bilder und Geschichten von Menschen auf dem Land. Wien 1989. Mit Palla hatte Ransmayr einen Partner, der sich ahnlichen Themen widmete, insbesondere dem Verschwinden alter Berufe und den Veranderungen dorflicher Lebenswelten unter dem Druck der Modernisierung.

[4] Breitenstein, Schwund der Welt.

[5] Vgl. Zweig, Stefan: Sternstunden der Menschheit. Zwolf historische Miniaturen. Berlin u. Weimar 1990. - Die Sternstunden der Menschheit tragen den Untertitel »Zwolf historische Miniaturenc. — Vgl. auch Breitenstein, Schwund der Welt: »Ransmayr ist kein Metaphysiker, sondern ein Apologet menschlicher Freiheit. Die Prosaminiaturen [Hervorhebung durch Verfasser], in denen er seine Version vom Bau des Labyrinths von Knossos, vom letzten Tag von Konstantinopel 1453 und von der gescheiterten Ausrufung der Freien Republik Przemysl 1918 in Galizien entwirft, sind Erinnerung an das, was nicht nur wirklich, sondern einmal auch moglich war.«

[6] Vgl. Bockelmann, Eske: Christoph Ransmayr. In: Arnold, Heinz-Ludwig; (Hg.): Kritisches Lexikon %ur deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. Munchen 1978.

[7] Vgl. Ransmayr, Christoph: Rebell %u Laibach. Ivan Cankar — der Dichter der Slowenen. In: Extrablatt, 5/1978, S. 64-67. - Die Slowenen sind ein unterdrucktes, aber zutiefst religioses Volk, fur dessen Gluck der sozialistisch engagierte Dichter Ivan Cankar die Vereinigung der sudslawischen Volksgruppen und den Kampf gegen die Kirche als Notwendigkeit sieht.. Es »verdichtete sich bei Cankar zur einfachen Wahrheit: dass der Kampf gegen die Unterdruckung immer auch den Widerstand gegen die Kirche einschloss.«, S. 65.

[8] Michaelsen, Sven: Mit dunklen Visionen zum Ruhm. In: Stern, 48/1988.

[9] Vgl. Breitenstein, Schwund der Welt — Im Text heiBt es weiter: »Zwar halt Ransmayr die (literatur- notorische) Verbindung zwischen osterreichischer Postkartenidylle und Naziverbrechen fur kurzschlussig, dennoch offenbart sich fur ihn in der Gedankenlosigkeit, mit welcher der Schrecken von einst unter dem neu aufgetragenen Zuckerguss der Kaiserzeit zum Verschwinden gebracht werde, die Lebensluge der Zweiten Republik. Diese habe sich nicht gescheut, die angebliche Opferrolle Osterreichs gegenuber dem Nationalsozialismus zur Staatsideologie zu erheben.«

[10] Vgl. »... das Thema hat mich bedroht«. Gesprach mit Sigrid Loffler. In: Wittstock, Uwe (Hg.): Die Erfindung der Welt. Zum Werk von Christoph Ransmayr. Frankfurt/Main 1997. S. 213-223. — »S.L.: Gibt es fur Sie eigentlich einen Unterschied zwischen dem journalistischen und dem literarischen Schreiben? C.R.: Nein, da gibt es fur mich keinen Unterschied. Das Erzahlen ist untrennbar und unteilbar. Als ich fur TransAtlantik oder beispielsweise Merian eine Reportage uber die Staumauern von Kaprun geschrieben habe, bin ich wochenlang uber dem ersten Satz gesessen und habe mich geplagt mit dem Eingangsbild, einer Szene, in der Hunderte Ratten sich auf einen Felsen im Staubecken fluchten, das geflutet wird. [...] Sieben Wochen bin ich uber dem Untergang der Ratten gesessen, aber ich musste dieses Bild klaren, sonst ware auch der Rest der Geschichte nicht zu erzahlen gewesen. Ich muss so formulieren, dass jeder Satz halt und schon der erste die ganze Geschichte tragen kann.«. S. 217.

[11] Vgl. Breitenstein, Schwund der Welt

[12] Michaelsen, Dunkle Visionen

[13] Vgl. Just, Renate: »Erfolg macht mude«. In: Zeitmagazin, 16.12.1988. S. 50. — »Trachila gibt es nicht >wirklich<. Die Arktis aber existiert in der Realitat — und Christoph Ransmayr hat sie sich trotzdem noch einmal neu »erfunden«, ohne je dort gewesen zu sein. Mit Hilfe von Augenzeugenschilderungen und Expeditionsberichten, von alten und neuen Abbildungen, Landkarten, endlosen Gesprachen und sogar >Tonbandern mit Windgerauschen< kreiste er die unbekannte Erdregion so lange ein, >bis sich die Dinge zu wiederholen begannen< und er anfing, seinen eigenen Bildern >zu trauen<. Dann brachte er diese Bilder in einer Scharfe, Prazision und atmospharischen Dichte zu Papier, dass sogar intensive Kenner der Polarregion befanden: Genauso ist es. Er selbst, sagt er, habe >glasklare Erinnerungen< an diese nie gesehene Gegend, als habe er tatsachlich Monate dort verbracht.« S. 50

[14] Vgl. Kisch, Reporter, S. 5

[15] Vgl. Just, Erfolg. S. 50. — »Wie seine Romane ofter fast den Ton von recherchierten >Berichten< aus phantastisch erfundenen Welten haben, so haben seine Reportagen eine geduldig-erzahlerische, erfinderische Qualitat, die sie zu einsamen Juwelen des Genres macht. Meistens befassen sich auch diese Texte mit den >Peripherien<, mit abseitigen, wenig wahrgenommenen Provinzen, deren die GroBstadter oft so sonderlich dunkende Bewohner er mit groBer Einfuhlung portratiert: Halligbewohner und Totengraber, Tschenstochau-Pilger und altgewordene Helden des Staumauerbaus von Kaprun. In fast allem, was er publiziert, schreibt er statt uber die Lebensformen der metropolitaren >Zentren<, an einer Topographie der >Rander<, der ubersehenen Bezirke menschlicher Existenz: ob sie nun Przemysl in Galizien oder Mostviertel heiBen, Spitzbergen oder Tomi am Schwarzen Meer.«

[16] Vgl. Breitenstein, Schwund der Welt.

[17] Vgl. Ransmayr, Christoph: Das »Wiener Beisl«. Eine Art Wohn%immer. In: Extrablatt, 4/1980, S. 64-69.

[18] Vgl. Breitenstein, Schwund

[19] Vgl. J andl, Paul: »Der Gnom ist entschlusselt« — Ein Gesprach mit dem Dichter Christoph Ransmayr. In: Neue Zurcher Zeitung, 07.08.2000.

[20] Vgl. Ransmayr, Christoph: Die ersten Jahre der Ewigkeit. Der Totengraber von Hallstatt. In: Ransmayr, Christoph: Der Weg nach Surabaya. Frankfurt/Main 1997. S. 63-75.

[21] Breitenstein, Schwund der Welt

[22] Vgl. Kisch, Reporter, S. 5f.

[23] Kisch, Reporter, S. 5

[24] Vgl. Ransmayr, Christoph: Strahlender Untergang. Wien 1982. Neuausgabe: Frankfurt/Main 2000. — »Der Herr der Welt aber / kennt solche Nahvorschriften nicht, / und nicht s steckt in seiner Arbeit, in seinen Gewandern, seinen Automaten / und dem Torf seiner Vorgarten, / das uber ihn hinausweist. / Er kennt wohl den Verbrauch, / den Umsatz und den VerschleiB, / aber was verloren geht, / wird standig ersetzt. / Er will, / obwohl er Verwustung betreibt, / sich in die Zukunft verlangern! / Und das ist ein Widerspruch. / Die Neue Wissenschaft erst / lost diesen Widerspruch, / indem sie dem Herrn der Welt / die Bedingungen seiner eigenen / Auflosung schafft. / Und was ihre umsichtig geplanten / Projekte, / ihre Methoden angeht, so frage ich Sie, / geehrte Herren: / Was liegt naher, als eine Existenz, / die ihren An fang unter der Sonne nahm, / auch unter der Sonne wieder / verschwinden zu lassen? / Was liegt naher, / als ein wassriges Wesen, / das sich den Blick auf das Wesentliche / mit Gerumpel verstellt, / unter Entzug aller Ablenkung zu entwassern, / damit es wenigstens / im raschen Verlauf seines Untergangs / zum erstenmal Ich sagen kann? / Ich, / und dann nichts mehr.« Zitiert nach der Neuausgabe 2000, S. 36f.

[25] Vgl. Ransmayr, Christoph: Die Schrecken des Eises und der Finsternis. Wien 1984. S. 235f.

[26] Vgl. Ransmayr, Christoph: Die letqie Welt. Frankfurt/Main 1988. S. 287f.

[27] Vgl. Ransmayr, Christoph: Die »Weltmaschine« des Franz Gsellmann. Mit Much und Blarg. In: Extrablatt, 8/1980, S. 19-25.

[28] Vgl. Michaelsen, Sven: »Unterwegs nach Babylon« — Der scheue Schriftsteller Christoph Ransmayr uber seine Freundschaft mit Reinhold Messner, ihre Entdeckungsreisen und sein Projekt bei den Salzburger Festspielen. In: Stern, 10.08.2000.

[29] Ransmayr, Untergang, S. 61.

[30] Bockelmann, Eske: Christoph Ransmayr, S. 2. In: Arnold, Heinz-Ludwig (Hg.): Kritisches Lexikon zur deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. Munchen 1978. 63. Nachlieferung.

[31] Vgl. Ransmayr, Christoph: Des Kaisers kalte Lander. Kreuzfahrten auf der Route der k.u.k. osterreichisch- ungarischen Nordpolexpedition (2). In: Extrablatt., 4/1982, S. 60-63.— So lautet die Definition des Textes in der Uberschrift im Extrablatt. Ubrigens war hier Rudi Palla fur die Dokumentation zustandig.

[32] Vgl. Schaper, Rainer Michael: Rattengesange. In: Die Zeit, 25.07.1997. — Er sagt uber den Band Der Weg nach Surabaya: »Historische Halluzinationen stehen am Ende.«

[33] Vgl. Michaelsen, Dunkle Visionen. — »Zum Romanschreiber wird Christoph Ransmayr durch ein Kuriosum. Fur den Brandstatter-Verlag soli er den kurzen Begleittext zu einem Dokumentationsband uber die osterreichisch-ungarische Nordpolexpedition von 1873 schreiben. >Als ich nach 120 Seiten noch nicht einmal mit der Einleitung fertig war<, erzahlt Ransmayr, >entschied ich mich fur einen Roman.«( So wird aus dem Begleittext zu einem Dokumentationsband selbst eine dramatisierte Dokumentation, die fur Ransmayr den Beginn des epischen Schreibens markiert.

[34] Vgl. Ransmayr, Schrecken, S. 20 — »Er entwerfe, sagte Mazzini, gewissermaBen die Vergangenheit neu. Er denke sich Geschichten aus, erfinde Handlungsablaufe und Ereignisse, zeichne sie auf und prufe am Ende, ob es in der fernen oder jungsten Vergangenheit jemals wirkliche Vorlaufer oder Entsprechungen fur die Gestalten seiner Phantasie gegeben habe. [...] So habe er den Vorteil, die Wahrheit seiner Erfindungen durch geschichtliche Nachforschungen uberprufen zu konnen. Es sei ein Spiel mit der Wirklichkeit. Er gehe aber davon aus, dass, was immer er phantasiere, irgendwann einmal stattgefunden haben musse.«

[35] Vgl. Ransmayr, Schrecken, S. 261 — »Ich werde nichts beenden und nichts werde ich aus der Welt schaffen: Habe ich mich vor einem solchen Ausgang meiner Nachforschungen gefurchtet? AUmahlich beginne ich mich einzurichten in der Fulle und Banalitat meines Materials, deute mir die Fakten uber das Verschwinden Joseph Mazzinis, meine Fakten uber das Eis, immer anders und neu und ruckte mich in den Versionen zurecht wie ein Mobelstuck.«

[36] Diese Auffassung seiner Poetik naher darzustellen, fehlt hier der Raum, aber es sei auf seine Rede zum Erhalt des Franz-Kafka-Preises hingewiesen. Vgl. Ransmayr, Christoph: Die Erfndung der Welt. Rede anlasslich der Verleihung des Franz-Kafka-Preises 1995. In: Neue Zurcher Zeitung, 03.11.1995.

[37] Vgl. Ransmayr, Christoph: Pr%emsyl. Ein mitteleuropaisches Eehrstuck. In: Ransmayr, Christoph (Hg.): Im blinden Winkel. Nachrichten aus Mitteleuropa. Wien, Munchen 1985. Taschenbuchausgabe: Frankfurt/Main 1989. S. 7-13. — AuBerdem: Praesent, Angela: Sieh, das Exotische liegt so nah. In: Die Weltwoche, 27.03.1997. - »Als Studien zur europaischen Mentalitatsgeschichte haben Ransmayrs Reportagen an Bedeutsamkeit noch gewonnen, seit sie verstreut zum ersten Mal erschienen.«

[38] Einen Artikel, der einen guten Uberblick uber diese Thematik der Postmoderne gibt, hat Thomas Anz geschrieben: Anz, Thomas: Spiel mit der Uberlieferung. Aspekte der Postmoderne in Ransmayrs Die letqte Welt. In: Wittstock, Uwe (Hg.): Die Erfindung der Welt. Zum Werk von Christoph Ransmayr. Frankfurt/Main 1997. S. 120-132.

[39] Ransmayr, Petite Welt, S. 60

[40] Vgl. Ransmayr, Schrecken, S. 9 - Einwurf einer Textstelle, die diese Selbsteinschatzung stutzt, so auch aus Den Schrecken des Eises und der Finsternis den ersten Absatz dazu wahlen: »Unsere Fluglinien haben uns schlieBlich nur die Reisezeiten in einem geradezu absurden AusmaB verkurzt, nicht aber die Entfernungen, die nach wie vor ungeheuerlich sind. Vergessen wir nicht, dass eine Luftlinie eben nur eine Linie und kein Weg ist und: dass wir, physiognomisch gesehen, FuBganger und Laufer sind.x

[41] Vgl. Mischke, Roland: Mischke, Roland: »Die Verwilderung der Gesellschaft geht weiterx. Christoph Ransmayr uber die Schrecken der Geschichte und die Privilegien des Westens. In: Badische Zeitung, 02.01.1996. - »Ich habe die in der Realgeschichte enthaltenen Moglichkeiten erzahlerisch weiterentwickelt, um dadurch den Blick auf die Dimension des Schreckens zu scharfen.«

[42] Vgl. Ayren, Armin: Die Welt nach Morgenthau. In: Stuttgarter Zeitung, 10.10.1995.

[43] Vgl. Jandl, Paul: »Der Gnom ist entschlusselt«. In: Neue Zurcher Zeitung, 07.08.2000. — »Die eigentliche Expedition, in meinem Roman wie in alien Erfahrungen, die ihm zugrunde liegen, ist doch immer der Weg zuruck, aus de Fernsten und Fremdesten zuruck ins Allervertrauteste, der Weg zuruck zu den Menschen.«

[44] Ransmayr, Christoph: Ballade von der glucklichen Ruckkehr. In: Die literarische Welt (eine Beilage der Welt), 05.08.2000.

[45] So sprach auch Reinhold Messner anlasslich eines Vortrags im November 2001 in Darmstadt vom Weg zuruck in die Zivilisation, der nach der Besteigung eines Berges der viel schwierigere Weg zuruck ins Vertraute sei.

[46] Vgl. Ransmayr, Christoph: Am See von Phoksundo. Friedrich-Holderlin-Preis. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.06.1998.

[47] Ransmayr, Schrecken, S. 208f.

[48] Fuhrmann, Sybille: »Vorstellbar, den Rest meines Lebens mit einem Buch zu verbringen«. In: Buchreport, 14.11.1996.

Ende der Leseprobe aus 71 Seiten

Details

Titel
Gang an die Ränder: Zeit(en) und Ort(e) in Christoph Ransmayrs Reportagen
Hochschule
Universität des Saarlandes  (Fachrichtung 4.1, Germanistik)
Note
1,3
Autor
Jahr
2002
Seiten
71
Katalognummer
V18671
ISBN (eBook)
9783638229630
ISBN (Buch)
9783638700146
Dateigröße
832 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit dem großen Thema Ransmayrs, dem Gang an die Peripherie sowohl in Zeit wie auch in Ort. Insbesondere in seinem Roman "Die Schrecken des Eises und der Finsternis" begibt er sich auf solche Wege, aber schon zuvor dienten ihm seine vielfältigen Reportagen als Mittel zur Kennzeichnung der Trennlinien zwischen dem Jetzt und der Vergangenheit. Die Untersuchung dieser peripheren Gegebenheiten sind ein wesentlicher Bestandteil der Reportagen und dieser Arbeit.
Schlagworte
Gang, Ränder, Zeit(en), Ort(e), Christoph, Ransmayrs, Reportagen
Arbeit zitieren
Magister artium Christian Dilger (Autor), 2002, Gang an die Ränder: Zeit(en) und Ort(e) in Christoph Ransmayrs Reportagen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/18671

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