Interkulturelle kommunikative Störungen


Hausarbeit, 2007

26 Seiten, Note: 1.3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Interkulturelle Kommunikation
2.1 Kulturbegriff
2.3 Kulturschock

3. Analysemodelle zum Kommunikativen Misslingen
3.1 Analyse des Missverstehens nach Weigand
3.2 Level and triggers of missunderstandings nach Bazzanella/ Damiano
3.3 Lakunenmodell nach Ertelt- Vieht
3.4 Weitere Analysemodelle

4. Interkulturelles kommunikatives Misslingen
4.1 Nichtverstehen
4.2 Missverstehen
4.3 linguistische kommunikative Störungen
4.4 nonverbale kommunikative Störungen
4.5 kulturelle kommunikative Störungen

5. Erforschung und Prävention interkultureller kommunikativer Störungen

Literatur- und Quellenverzeichnis

1. Einleitung

In dieser Arbeit widme ich mich dem interdisziplinären Forschungsbereich der interkulturellen kommunikativen Störungen. Das Themenfeld der interkulturellen Kommunikation ist Gegenstand von Wissenschaftlern aus verschiedenen Disziplinen. Im Bereich der Linguistik beschäftigen sich insbesondere die vergleichende Linguistik, Fremdsprachenphilologen der Anglistik und Slavistik, die Fremdsprachendidaktik und die Sprachlehrforschung mit interkulturellen Nuancen. Zudem befassen sich Forscher der Soziologie, der Psychologie, der Ethnologie, der Pädagogik, der Anthropologie, der Anthropogenetik, der Übersetzungswissenschaft, der Literaturwissenschaft und nicht zuletzt der Kulturwissenschaft mit Themenfeldern, welche mehrere Kulturen tangieren. Ein Großteil dieser Arbeiten integriert mehrere Forschungsgebiete.

Die Linguistik bietet vergleichsweise wenig empirische und Feldforschungen, so dass sich in der vorliegenden Arbeit ein Rückgriff aus Ergebnissen der Ethnologie und der Psychologie angeboten haben.

Kommunikative Störungen erleben wir im Alltag bei eingehender Betrachtung täglich. Verschiedene Faktoren beeinflussen Empfänger und Sender unter Umständen so nachhaltig, dass das Ziel der Kommunikation oft nicht oder nur teilweise erreicht wird. Im Rahmen der interkulturellen Konversation ist die kulturelle Differenz oft der maßgebliche Störfaktor. Die Arbeit fasst die aktuelle Forschung aus verschiedenen Fachbereichen zusammen und gibt Einblick in die zahlreichen Ursachen.

Der Schwerpunkt der Arbeit bildet die interdisziplinäre Betrachtung der Themenfelder linguistischer, kultureller und nonverbaler interkultureller Störungen, welche ein Nichtverstehen oder Missverstehen verursachen. Im ersten Teil erfolgt eine allgemeine Einordnung in den Forschungskomplex der interkulturellen Kommunikation, ein Modellbeispiel zum sogenannten „Kulturschock“, gefolgt von einer umfangreichen Übersicht gängiger Analysemodelle zum kommunikativen Misslingen im Hauptteil, wobei der Betrachtung des interdisplinären Forschungsfeldes der Ethnopsycholinguistik, sowie der Lakunenforschung eine besondere Gewichtung eingeräumt wird und mögliche Störungen anhand praktischer Beispiele erläutert werden.

2. Interkulturelle Kommunikation

Definition: „i.K. wird als interpersonale Interaktion mit Hilfe von sprachlichen Codes zwischen Angehörigen von verschiedenen Gruppen und Kulturen verstanden.“1 Ein weiterer Definitionsansatz stammt aus der Ethnologie und geht von einer getrennten Betrachtung der Lexeme aus:

„Interkulturelle Kommunikation, die die beiden Basisbegriffe „Kultur“ und „Kommunikation“ so unmittelbar in Beziehung zueinander setzt, ist die Wissenschaft von den kommunikativen Interaktionen und Bedeutungsvermittlungen zwischen Menschen unterschiedlicher Kultur, von der Wahrnehmung und der Hermeneutik des Fremden und vom Umgang mit kultureller Differenz (cf. Hinnenkamp 1994). […] Sowohl Kultur als auch Kommunikation sind Systeme der symbolischen Bedeutungsvermittlung und somit auf das Engste miteinander verflochten, ja nahezu deckungsgleich. Im Folgenden müssen wir aber die beiden Bereiche getrennt betrachten“2

Diese Isolierte Betrachtung öffnet den Blick auf zwei interdisziplinäre Forschungsfelder. Während „Kultur“ vor allem in der Anthropologie und in der Kulturwissenschaft von Bedeutung ist, bietet die „Kommunikation“ Grundlagen für die Linguistik, Psychologie und eine Reihe neuer Studiengänge.

2.1 Kulturbegriff

„ Grundlage der Interkulturellen Kommunikation ist der erweiterte Kulturbegriff, der […]neben den sichtbaren Objektivationen (Artefakte, Handlungen, Verhalten) vor allem auch die unsichtbaren Subjektivationen, also die Werte und Normen, die Einstellungen, Ideen und Haltungen, Denkweisen und Wahrnehmungsmuster umfasst. Kulturen werden dabei als historisch entstandene und sich dynamisch wandelnde komplexe und hochdifferenzierte Systeme gesehen. In Auseinandersetzung, ob Kulturen (wie Sprachen) als kognitive Systeme mit einer je eigenen „Grammatik“ zu verstehen sind, wie W.H. Goodenough meint, oder aber als symbolische Systeme, wie Clifford Geertz dagegenhält, wird heute eine mittlere, beide Ansätze verbindende Position bezogen.“3

Die Fülle der kulturwissenschaftlichen Definitionen zeigt den multivalenten Kontext, in welchem sich diese Thematik bewegt. Eines haben diese Definitionen gemeinsam: jede Kultur gewinnt ihre eigene Identität anhand einer Verdichtung4 von kongruenten Merkmalen vor allem Soziofakte, Mentefakte und Artefakte5. Dieser dreiteilige Kulturbegriff ist interdisziplinär weit verbreitet und dient wie nachfolgend erläutert unter anderem Analysezwecken, wie beispielsweise in der Lakunenforschung.

Finden sich nicht ausreichend Gemeinsamkeiten zur Bildung einer Kultur, entstehen innerhalb dieser Kulturen so genannte Subkulturen oder Organisationskulturen, beispielsweise Berufsgruppen oder soziale Klassen. Auch wenn es paradox klingt, finden sich zwischen Subkulturen verschiedener Kulturen (Bsp. Arztfamilie in Russland - Arztfamilie in Deutschland) oft mehr Analogien, als zwischen Subkulturen einer Kultur (Bsp. Beamtenfamilie in Berlin - Angehörige einer deutschen Hippiegemeinde auf einer spanischen Insel).

Eine alltagssprachliche Abgrenzung, aber treffende Definition ist die Unterscheidung der Kultur der „Wissenden“ von der Kultur der „Unwissenden“6. Sender und Empfänger sind sowohl „Wissender“ im Bezug auf die eigene Kultur, als auch „Unwissender“ gegenüber dem Fremden.7 hermeneutische Untersuchungsmethoden und die dichte Beschreibung, als besondere Art Erkenntnisse zu erarbeiten und darzustellen, entgegen. vgl. Geertz, C. 1999. Dichte Beschreibung. Beiträge zum Verstehen kultureller Systeme. Frankfurt am Main: Suhrkamp, S. 7 - 44

2.3 Kulturschock

Ein Mensch, der sich erstmals in einem völlig anderen Kulturraum bewegt erleidet oft den so genannten „Kulturschock“. Dieses Phänomen tritt vor allem auf, wenn sich der weitgehend unvorbereitete Betroffene mit Wertvorstellungen, Normenhierarchien und Einstellungen konfrontiert sieht, welche von seiner eigenen Kultur nicht bekannt sind. Dem ambivalenten Charakter des Phänomens nach lässt sich der „Kulturschock“ sowohl als Folge eines oder mehrerer vorangegangener Missverständnisse, als auch als Ursache für weitere Probleme im Umgang mit Personen, welche dem anderen Kulturraum entstammen, interpretieren. Aus diesem Grund sei der „Kulturschock“ an dieser Stelle erwähnt, ist aber aus dem Gesamtkontext nicht hinweg zu denken.

Der amerikanische Anthropologe Kalvero Oberg entwarf das „W- Kurven- Modell“ (vgl. Abb. 1) und stellte zutreffend fest, dass die Terminologie des „Schocks“ in diesem Zusammenhang medizinisch betrachtet als unzutreffend anzusehen ist. Der Argumentation des Amerikaners folgend stellt sich nach der anfänglichen Euphorie Verwirrung über Werte sowie die eigene und fremde Identität, Verlustangst, Ablehnung bis hin zu Angstzuständen ein. Die Symptome verstärken sich phasenweise.8

Wissenschaftlich gesehen ist der „Kulturschock“ eine akute Belastungssituation (ASD: engl. acute situational reaction) welche durch psychosoziale Faktoren bedingt Bewusstseins- und Wahrnehmungsstörungen, Desorientierung und weitere dissoziative Störungen auslösen kann.9 Der so genannte Schock wird wie folgt definiert: „die akute Belastungsstörung ist durch Symptome gekennzeichnet, die der posttraumatischen Belastungsstörung gleichen und die als direkte Folgewirkung einer extrem traumatischen Erfahrung auftreten.“10

Der ASD ist jedoch vom PSD (engl. post- traumatic stress disorder) zu differenzieren. Das Eintreten von posttraumatischen Störungen wird in der Regel nur durch Ereignisse wie Krieg, Vergewaltigungen oder Folterhaft verursacht. Beim „Kulturschock“ zeigen sich die Symptome sofort, beim PSD mit einer Latenz von 3 Tagen bis zu 6 Monaten.11

Ein weiterer möglicher Verlauf des „Kulturschock“ ist das U- Kurven- Modell (vgl. Abb. 2).

Aus eigener Erfahrung möchte hinzufügen, dass diese Schocks nicht zwangsläufig wellenförmig auftreten müssen. Im Rahmen des Besuches eines Entwicklungsland konnte man innerhalb der Reisegruppe, die direkt nach der Ankunft aufgrund einer Umleitung sogenannte Slums durchqueren musste, in den ersten Tagen von ähnlichen Symptomen beobachten. Bei acht von zehn Personen waren Unwohlsein, Essstörungen, der Wunsch zur sofortigen Heimkehr zu beobachten. Weitere sechs Personen berichteten von Schlafstörungen. Während der Fahrt durch die Slums stellten sich einige der oben genannten Symptome unmittelbar nach der Ankunft ein, ließen in den folgenden Tagen kontinuierlich nach.

Graphisch dargestellt würde der beschriebene Verlauf einem „Parabel-Modell“ (vgl. Abb. 3) entsprechen. Der Zufriedenheitsgrad der Reisegruppe, welcher bei der Ankunft aufgrund Schlafmangels, Hitze und des unfreiwilligen Besuches der Slums einen Tiefpunkt erreicht hatte, stieg im Folgenden wieder auf die ursprüngliche Erwartungsebene.

Abb. 1 12

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2 13

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 3

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

3. Analysemodelle zum Kommunikativen Misslingen

3.1 Analyse des Missverstehens nach Weigand

Weigand unterscheidet in Missverstehen der Bedeutung, sowie das Missverstehen des Zwecks. Diese klare Abgrenzung ermöglicht die Ausdifferenzierung sprachlicher und zielorientierter Merkmale. Zum Missverstehen der Bedeutung klassifiziert Weigand in vier verschiedene Kategorien.

a) Linguistic means (Sprachliche Bedeutung)

Dieses Missverständnis tritt auf, wenn die phonologische Sequenz durch den Empfänger nicht wahrgenommen werden kann. Die Ursache dafür sind sowohl objektive Faktoren wie Umwelteinflüsse, als auch mangelnde lexikalische Kenntnisse denkbar. Bis heute ist umstritten, ob aufgrund falsch verstandener phonologischer Reihen ein Nicht- Verstehen vorliegt.14 Weigand führt weiter dazu aus, dass in den meisten Fällen nur ein Bruchteil der Nachricht partiell nicht verstanden, die Botschaft selbst somit missverstanden wird. Eine Reaktion, meist in Form einer Nachbesserung sichert den weiteren Fortbestand der Kommunikation.

b) Perceptual means (Deiktische Bedeutung)

Im täglichen Sprachgebrauch lassen sich Gegebenheiten mit Zeigewörtern umschreiben und mit Zeigegesten verdeutlichen. Werden Zeigewörter unpräzise formuliert, ist die referentielle Funktion der Botschaft aufgrund der Unbestimmtheit nicht verständlich. Eine Präzisierung zum Objekt wird dieses Missverständnis schnell lösen.

c) Cognitive means (Bedeutung aus Kommunikationskontexten)

Die Ursache für Missverständnisse mit kognitiver Bedeutung liegt im Wissen um unsere Gewohnheiten, wie an sich ähnelnden Deduktionen. Bräuche und Gewohnheiten sind nicht in jedem Fall kausal für das Misslingen. Gezogene Schlussfolgerungen lassen einen Zusammenhang mit allen möglich existierenden Unterschieden zwischen Sender und Empfänger vermuten.

d) Combinations of means (mehrfache Referenzen)

Die zweite Ebene, nach welcher Weigand kommunikative Störungen klassifiziert ist das Missverstehen des Zwecks:

a) Action function (Sprechaktbedeutung)

Auch wenn die Bedeutung präzise dargestellt wurde, ist ein Missverstehen des Sprechaktes möglich. Wird der Inhalt der Nachricht linguistisch nicht explizit dargestellt, kann den Empfänger eine doppeldeutige Bedeutung erreichen. Sprechakte sind von Vorlieben und Stimmungen abhängig und ähnlich wie Gewohnheiten nicht immer anwendbar.

b) Referential function (Referenz)

Der kommunikative Zweck bezieht sich auf einen speziellen Grad von Angelegenheiten, welche mit Hilfe ihrer Aussagefunktion der Beziehung und Behauptung beschrieben werden.

c) Predicative funktion (Prädikation)

Der prädikativen Funktion ordnet Weigand vor allem lexikalische Fähigkeiten zu. Zum einen ist das Niveau der Sprachkenntnisse im Allgemeinen, zum anderen auch die Verwendung von Zweideutigkeiten in der Fremdsprache von Relevanz.15

3.2 Level und Triggers of missunderstandings nach Bazzanella/ Damiano

Abb. 4 Ursachen für Missverstehen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Nach den Studien von Bazzanella und Damiano (vgl. Abb. 4) liegen die Ursachen in über der Hälfte der auftretenden kommunikativen Störungen in der Phonetik. Mit 19 % rangieren lexikalische Gründe überraschend auf dem zweiten Platz.

Triggers of misunderstanding nach Bazzanella/ Damiano16

a) Structurall triggers

Zu ihnen zählen Störungen der Kommunikation, Ähnlichkeiten im linguistischen Code, Störungen beim Sprechen in der Fremdsprache, sowie strukturelle Zweideutigkeiten.

b) Triggers related to the speaker

Die auf den Sender bezogenen Faktoren unterscheiden die Verfasser in „local factors“, wie zum Beispiel Aussprache oder die Nutzung mehrdeutiger Formen), sowie den „Global factors“, wie beispielsweise Höflichkeit, Bestimmtheit.

c) Triggers related to the interlocuter

Zu den empfängerbezogenen Faktoren zählen mangelnde Sprachkompetenz, falscher Glaube oder Wissenslücken. Durch den kognitiven Ablauf entstehen ungewollte falsche Erwartungen oder Folgerungen.

d) Triggers related to the interaction between the participants

Störungen, welche beide Teilnehmer des Kommunikationsprozess betreffen, liegen oft im einseitigen Wissen, mangelnder inhaltlicher Organisation oder eines Probleme fokussierenden Gesprächsstils.

3.3 Lakunenmodell

Das russische Lexem „lakuna“ stammt aus dem Lateinischen17 und bedeutet „Lücke“ oder „Einbuchtung“.

In der russischen Übersetzungs- und Literaturwissenschaft hat Auseinandersetzung mit Problemen beim Verstehen und Übertragen von Texten eine Tradition, die bis in das 18. Jahrhundert zurückreicht.

Ab Mitte der 70er Jahre wurden am Institut für Sprachwissenschaft der Sowjetischen Akademie der Wissenschaften unter der Bezeichnung der „Ethnopsycholinguistik“ kulturelle Spezifika postuliert und empirische Sozialwissenschaft betrieben. Der Sprachwissenschaftler Ju. A. Sorokin prägte den Grundlagenbegriff der Lakune im Sinne der heutigen interkulturellen Forschungen. Die Ausdifferenzierung des Lakunenmodells erfolgte in Zusammenarbeit mit Markovina. Mittlerweile existiert innerhalb der Russischen Gesellschaft für Psycholinguistik eine ethnopsycholinguistische Sektion, welche sich aus Vertretern von Psycholinguistik Lehrstühlen aus dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion zusammensetzt und rezeptionsästhetische18 Forschungen als Prämisse haben19.

Im deutschen Sprachraum wurde das Lakunen- Modell von Ertelt- Vieth durch eine empirische Dissertation, welcher die Untersuchung eines deutsch- russischen Schüleraustausches zu Grunde lag. Die Verfasserin beschreibt das Modell wie folgt: „Es handelt sich um einen Kategorienvorrat, der uns hilft, eine potentiell unendliche Menge kulturspezifischer Elemente von Äußerungen, von Situationen, von allen symbolisch vermittelten Vorgängen perspektivenbezogen zu differenzieren und in ihrem Zusammenwirken zu verstehen.“ (Zitat aus Ertelt- Vieth 2005, S. 74)

Ausgehend von dem oben Genannten dreiteiligen Kulturbegriff lassen sich diese in mentale Lakunen, Tätigkeitslakunen und gegenstandsbezogene Lakunen klassifizieren. Als zweite Dimension wurden axiologische Lakunen dem Modell zugefügt. In dieser Gruppe finden sich Lakunen wieder, welche die eigene kulturelle Perspektive tangieren. So kann zum Beispiel jeder beliebige Gegenstand persönlich zum Zeichen für die Kultur werden, unabhängig davon, ob dieser kulturimmanent diese Zeichenfunktion besitzt.

3.3.1 Mentale Lakunen

Zu den auch subjektpsychologischen Lakunen genannten zählen unter anderen Charakter-, Fond-, syllogische20 -, Kulturemotive- und Humorlakunen. Zu den Charakterlakunen gehören die stereotype Aufnahme anderer Nationalcharaktere und die Spezifika in Umschreibung und Bewertung von Eigenschaften im Allgemeinen und von autostereotypen Eigenschaften im speziellen. Im Sinne der Auswertung der Aufzeichnungen zum deutsch- russischen Schüleraustausch von Ertelt- Vieth erscheinen die Moskauer den westdeutschen Studenten als kontaktfreudiger, weniger verschlossen als die Deutschen fremden Passanten und generell Fremden gegenüber21.

„ Mentale Lakunen bezeichnen Unterschiede in den nichtgegenständlichen Vorraussetzungen oder Ergebnissen von Tätigkeiten, also Unterschiede in allen kognitiven und affektiven Zuständen und Modellen, mithin in Wissensbeständen im weitesten Sinne. Diese Wissensbestände können synchrone und/ oder diachrone (d.h. historische) Ausrichtung haben, können bewusst sein, weitgehend reflektiert oder aber unbewusst. […] Zu den Fond- Lakunen gehören als Untergruppe die mnestischen Lakunen, also Unterschiede in der Erinnerung beispielsweise an den zweiten Weltkrieg, etwa dass Deutschland der Angreifer war. Aufgabe der konkreten Analyse sollte sein herauszufinden, ob das Fehlen von Erinnerungen auf so genannt einfaches Vergessen, unbewusste Verdrängung oder gezielte, beabsichtigte Tabuisierung zurückzuführen ist. (zitiert aus Ertelt- Vieth. 2005. S 91).“

Zu den mentalen Lakunen gehören zudem alle Lakunen, welche das sprachliche System betreffen. Eine Abgrenzung zwischen Sprachwissen und Sprechtätigkeit sei an dieser Stelle verdeutlicht, da die der letzteren Gruppe Zugehörigen den Tätigkeitslakunen zuzuordnen sind. Ein Beispiel für eine Lakune des sprachlichen Systems ist ein jedem Russisch- Schüler geläufiger lexikalischer Unterschied. Im Russischen fehlt die für uns Deutsche gewohnte Unterscheidung zwischen wollen und mögen.

Anhand von subjektpsychologischen Lakunen lassen sich für den Besucher zwischen den Zeilen zwischenmenschliche Dissonanzen, politische und wirtschaftliche Tendenzen in der Zielkultur herauslesen. Wurden historische Fakten des Ziellandes durch Verdrängung und Tabuisierung aus dem kollektiven Gedächtnis gelöscht oder sind seit Generationen weitergegebene Berichte Ursachen für mögliche Missverständnisse?

Der Widerspruch des Charakters des Individuums zum Charakter des jeweiligen Länderstereotyps wird noch näher zu betrachten sein.

[...]


1 zitiert aus Nünning, A. 2004. Metzler Lexikon. Literatur- und Kulturtheorie. Stuttgart. Weimar: Metzler, S. 295

2 zitiert aus Roth, K. 2000. Mit der Differenz leben. Europäische Ethnologie und interkulturelle Kommunikation. München: Waxmann. S. 20

3 zitiert aus Roth, K. 2000. Mit der Differenz leben. Europäische Ethnologie und interkulturelle Kommunikation. München: Waxmann. S. 20

4 In der so genannten Dichten Beschreibung stützt sich Geertz auf Max Weber und meint, „dass der Mensch ein Wesen ist, das in ein selbstgesponnenes Bedeutungsgewebe verstrickt ist, wobei ich die Kultur als diese Gewebe ansehe“ Im Gegensatz zur d ü nnen Beschreibung sind gesellschaftliche Belange vordergründig. (Geertz 1995, S.9) Den Problemen des weiten Kulturbegriffs und des Zugangs zu anderen Kulturen setzt Geertz eine semiotische Definition von Kultur als wahrnehmbares und erfahrungsbasiertes System von Symbolen,

5 Posner unterscheidet in Materiale, Mentale und Soziale Kultur, vgl. Posner, R. 1993. Kultur als Zeichensystem. Zur semiotischen Explikation kulturwissenschaftlicher Grundbegriffe. In: Welt der Zeichen - Welt der Wirklichkeit. Hrsg. von P. Rustholz/ M. Svilar. Bern/ Stuttgart/ Wien: Haupt

6 vgl. Menze, P. 2000. Ausländer vor Gericht. In: Mit der Differenz leben. Europäische Ethnologie und interkulturelle Kommunikation. Hrsg. von Roth, K. München: Waxmann. S. 166 - 167

7 die „Kultur der Wissenden“ entspricht dem dem Fall dem „Eigenen“ („Kultur der Unwissenden“ = „ das Fremde“) vgl. Sorokin, J. 1993. Lakunen Theorie. Zur Optimierung interkultureller Kommunikation In: Sprache, Kultur, Idendität. Selbst- und Fremdwahrnehmung in Ost- und Westeuropa. Hrsg. Ertelt- Vieth, A. Frankfurt am Main: Peter Lang. S. 167 ff.

8 vgl. Oberg, K. 1960. Cultural Shock. Adjustments to New Cultural Enviroments. I: Practical Anthropologie 7: 170 - 179

9 http://de.wikipedia.org/wiki/Akute_Belastungsreaktion#Symptome (15.02.2007)

10 American Psychiatric Association (1996). Diagnostisches und statistisches Manual psychischer Störungen - DSM-IV (Deutsche Bearbeitung und Einleitung: Saß, H., Wittchen, H. U., Zaudig, M.). Göttingen: Hogrefe.

11 Pschyrembel (258. Auflage), de Gruyter Verlag 1998

12 vgl. Esser, U. 2005. Skript zum Seminar kulturvergleichende Psychologie. TU Dresden. S. 37

13 vgl. Esser, U. 2005. Skript zum Seminar kulturvergleichende Psychologie. TU Dresden. S. 37

14 vgl. Zaefferer, D. 1977. Understanding missunderstanding: A prposal for an explanation of reading choices. In: Journal of Pragmatics 1, S. 332

15 Bazzanella, C. Damiano, R. 1999. The interactional handling of misunderstanding in everyday conversation, In: Journal of Pragmatics 31, S. 819

16 Bazzanella, C. Damiano, R. 1999. The interactional handling of misunderstanding in everyday conversation, In: Journal of Pragmatics 31, S. 819

17 lat.: „lacuna“ dt.: „Lakune“, ital.: „Laguna“

18 Rezeptionsästhetik: Bedeutung eines Textes entsteht erst durch den aktiven Konstruktionsprozess des Lesers

19 vgl. Ertelt- Vieth, A. 2005. Interkulturelle Kommunikation und kultureller Wandel. Eine empirische Studie zum russisch- deutschen Schüleraustausch, Tübingen: Narr, S. 73, 74

20 Syllogische Lakunen bezeichnen spezifische Arten des Denkens.20 vgl. Ertelt-Vieth. 1990. Kulturvergleichende Analyse von Verhalten, Sprache und Bedeutungen im Moskauer Alltag, S. 117

21 vgl. Ertelt-Vieth. 1990. S. 117

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Interkulturelle kommunikative Störungen
Hochschule
Technische Universität Dresden
Note
1.3
Autor
Jahr
2007
Seiten
26
Katalognummer
V186796
ISBN (eBook)
9783869434681
ISBN (Buch)
9783656991571
Dateigröße
1517 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
interkulturelle, störungen
Arbeit zitieren
Robert Fischer (Autor), 2007, Interkulturelle kommunikative Störungen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/186796

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