Weiterbildung für ältere Menschen in der nachberuflichen Lebensphase

Gestaltungsmöglichkeiten unter Berücksichtigung neurodidaktischer Erkenntnisse


Diplomarbeit, 2011
100 Seiten, Note: 1.7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die gesellschaftliche Ausgangssituation
2.1 Der demographische Wandel
2.2 Die Wissensgesellschaft und lebenslanges Lernen
2.3 Der Strukturwandel der Lebensformen älterer Menschen

3. Die Zielgruppe älterer Menschen in der nachberuflichen Lebensphase
3.1 Definitionen von Alter und Altern
3.2 Das Bildungsverhalten älterer Menschen in der nachberuflichen Lebensphase
3.2.1 Die Bildungsbeteiligung
3.2.2 Die Bedeutung von Computer und Internet
3.2.3 Die Teilnahmebarrieren
3.2.4 Die Teilnahmemotive
3.2.5 Die bevorzugten Themenbereiche
3.2.6 Die bevorzugten Bildungsinstitutionen und Angebotsformen

4. Lerntheorien und -modelle als Basis für die Weiterbildung
4.1 Die Bedeutung des Lernbegriffs
4.2 Drei zentrale Lernparadigmen
4.2.1 Der Behaviorismus
4.2.2 Die Entwicklung des Kognitivismus
4.2.3 Der Konstruktivismus
4.3 Modelle des Lernens im Alter

5. Lernen auf der Grundlage neurologischer Erkenntnisse
5.1 Lernen und Gehirn
5.2 Lernen und Gedächtnis
5.2.1 Das sensorische Gedächtnis
5.2.2 Das Arbeitsgedächtnis
5.2.3 Das Langzeitgedächtnis
5.2.4 Das Vergessen
5.3 Neurologische Grundlagen des Lernens älterer Menschen

6. Grundlegende Aspekte der Neurodidaktik
6.1 Die allgemeine Bedeutung der Neurodidaktik
6.2 Die Bedeutung der Neurodidaktik für die Gestaltung von Bildungsangeboten

7. Gestaltungsmöglichkeiten von gehirngerechten Weiterbildungsangeboten für ältere Menschen in der nachberuflichen Lebensphase
7.1 Die Rahmenbedingungen der Bildungsangebote
7.1.1 Das Kursangebot
7.1.2 Der Ankündigungstext
7.1.3 Die Veranstaltungszeit und -dauer
7.1.4 Der Veranstaltungsort und die Raumgestaltung
7.2 Lernförderliche Aspekte der Gestaltung der Bildungsveranstaltung
7.2.1 Der Lehrende
7.2.2 Die Seminargestaltung

8. Fazit

Abbildungsverzeichnis

Literaturverzeichnis

Quellenverzeichnis

1. Einleitung

Bedingt durch den demographischen Wandel steigt der Anteil älterer Menschen in der heutigen Gesellschaft stetig an. Zusammen mit weiteren gesellschaftlichen Verände- rungen wie der Entwicklung zur Wissensgesellschaft und Veränderungen in den Le- bensformen führt dies dazu, dass älteren Menschen eine immer größere Bedeutung in der Erwachsenenbildung zukommt. Nicht nur während der Berufstätigkeit wird Weiter- bildung beansprucht, auch nach dem Austritt aus dem Erwerbsleben besteht ein wach- sender Bedarf an Bildungsangeboten für ältere Menschen (vgl. Hasselhorn/Gold 2006, S. 200). Denn zum einen braucht die Gesellschaft die Produktivität und das Erfah- rungswissen älterer Menschen, zum anderen wollen diese ihre Autonomie, ihre soziale Integration sowie ihre kulturelle und politische Partizipation aufrechterhalten (vgl. Wol- ter et al. 2010, S. 37). Weiterbildung älterer Menschen in der nachberuflichen Lebens- phase stellt daher einen aktuellen und besonders auch in der Zukunft sehr wichtigen Bereich der Erwachsenenbildung dar, weshalb er in dieser Arbeit genauer betrachtet wird.

Um geeignete Weiterbildungsangebote gestalten zu können, ist zunächst eine genaue Betrachtung der Zielgruppe notwendig (vgl. Siebert 2010, S. 26). Aus diesem Grund ist auch hier der Frage nachzugehen, welche bestimmten Merkmale, Voraussetzungen und Ansprüche die Zielgruppe älterer Menschen in der nachberuflichen Lebensphase mitbringt. Auf der Grundlage dieses Wissens können sowohl die Rahmenbedingungen als auch die inhaltliche Gestaltung der Weiterbildungsangebote zielgruppenspezifisch ausgerichtet werden.

Bei der Beschäftigung mit der didaktischen Gestaltung von Bildungsangeboten fällt eine Thematik besonders durch ihre Aktualität auf: die Neurodidaktik. Allerdings führt eine nähere Betrachtung der Literatur zum Thema Neurodidaktik zu der Erkenntnis, dass dieseüberwiegend Bezug zum Lernen im Schulunterricht nimmt. Der Bereich der Weiterbildung älterer Menschen scheint in diesem Zusammenhang keine große Beach- tung zu finden. Dies scheint nachlässig zu sein, denn besonders die Beschäftigung mit didaktischen Möglichkeiten einer effektiven Gestaltung von Bildungsangeboten für älte- re Menschen ist in der heutigen, alternden Gesellschaft sehr wichtig und zukunftswei- send. Deswegen ist in diesem Zusammenhang der Frage nachzugehen, welchen Bei- trag die Neurodidaktik für die Gestaltung von Weiterbildungsangeboten für ältere Men- schen leisten kann.

Aus diesen einzelnen Fest- und Fragestellungen ergibt sich das gesamte Ziel dieser Arbeit: Es sollen Gestaltungsmöglichkeiten von Weiterbildungsangeboten für ältere Menschen in der nachberuflichen Lebensphase unter Berücksichtigung von neurodi- daktischen Erkenntnissen herausgestellt werden.

Dafür wird im zweiten Kapitel dieser Arbeit zunächst betrachtet, wie genau die gesellschaftliche Ausgangssituation aussieht. Der demographische Wandel nimmt dabei einen zentralen Aspekt ein. Zudem wird der Wandel der Gesellschaft zur Informationsund Wissensgesellschaft genauer betrachtet sowie der Strukturwandel der Lebensformen älterer Menschen untersucht.

Im dritten Kapitel wird die spezielle Zielgruppe älterer Menschen in der nachberuflichen Lebensphase beschrieben, wobei zunächst der Altersbegriff definiert wird. Anschließend erfolgt eine Analyse des Bildungsverhaltens der Zielgruppe. Denn das Wissenüber deren Bildungsbeteiligung, Teilnahmemotive und -barrieren sowie deren Präferenzen bezüglich der Bildungsinstitutionen, Angebotsformen und Themenbereiche ist grundlegend, um tatsächlich bedarfsdeckende Weiterbildungsangebote gestalten zu können. Einen besonderen Aspekt nimmt dabei das Bildungsverhalten älterer Menschen in Bezug auf die neuen Medien Computer und Internet ein.

Ebenso ist eine Beschäftigung mit dem Lernen unabdingbar, welche im vierten Kapitel erfolgt. Auf eine allgemeine Erläuterung des Lernbegriffs sowie die Darstellung dreier zentraler Lernparadigmen (Behaviorismus, Kognitivismus, Konstruktivismus) folgt eine Darstellung von Modellen des Lernens im Alter.

Daran anschließend erläutert das fünfte Kapitel Erkenntnisse im aktuellen Bereich der neurologischen Grundlagen des menschlichen Lernens. Nach einer kurzen Betrachtung der wichtigsten, beim Lernen beteiligten Gehirnareale wird der Zusammenhang von Lernen und Gedächtnis geschildert, um daraufhin der Frage nach möglichen neurologischen Besonderheiten des Lernens älterer Menschen nachzugehen. Können solche Besonderheiten festgestellt werden, so ist deren Einbezug in die Angebotsgestaltung für eine zielgruppenspezifische Ausrichtung notwendig.

Da die Gestaltungsmöglichkeiten von Weiterbildungsangeboten in dieser Arbeit unter Berücksichtigung neurodidaktischer Erkenntnisse herausgestellt werden sollen, werden im sechsten Kapitel grundlegende Aspekte der Neurodidaktik dargestellt. Zudem erfolgt eine kritische Auseinandersetzung mit der Bedeutung der Neurodidaktik für die Gestaltung von Bildungsangeboten.

Schließlich werden die im Verlauf der Arbeit gesammelten Erkenntnisse unter Ergän- zung weiterer wichtiger Aspekte im siebten Kapitel zusammengeführt, um Gestal- tungsmöglichkeiten von Bildungsangeboten für ältere Menschen in der nachberuflichen Lebensphase unter Berücksichtigung neurodidaktischer Erkenntnisse herauszustellen.

Abschließend werden die Ergebnisse dieser Arbeit in Kapitel acht resümiert sowie ein kurzer Ausblick auf die sich daraus ergebenden Konsequenzen für die Zukunft gege- ben.

Insgesamt verlangt die Thematik dieser Arbeit eine gewisse interdisziplinäre Betrachtungsweise. Aufgrund des erwachsenenpädagogischen Fokus‘ dieser Arbeit werden allerdings in sämtlichen Bereichen themenspezifische Schwerpunkte gelegt und demnach kein Anspruch auf Vollständigkeit erhoben.

Aus Gründen der leichteren Lesbarkeit wird in einigen Fällen auf eine geschlechterspezifische Differenzierung wie z.B. der/die Lehrende verzichtet. Entsprechende Begriffe gelten im Sinne der Gleichbehandlung für beide Geschlechter.

2. Die gesellschaftliche Ausgangssituation

Wie in der Einleitung bereits angedeutet begründet die gesellschaftliche Situation in Deutschland die Notwendigkeit der Auseinandersetzung mit der Frage nach Gestaltungsmöglichkeiten von Bildungsangeboten für ältere Menschen. Eine genauere Beschreibung der gesellschaftlichen Situation wird in diesem Kapitel anhand der zentralen gesellschaftlichen Veränderungen des demographischen Wandels, des Strukturwandels der Lebensformen älterer Menschen sowie der Entwicklung der Gesellschaft zur Wissensgesellschaft vorgenommen.

2.1 Der demographische Wandel

Einer der zentralen gesellschaftlichen Einflussfaktoren wird unter dem Begriff des de- mographischen Wandels behandelt, welcher den Prozess der Alterung der Gesell- schaft beschreibt. Dieser Prozess geht vonstatten, wenn die Lebenserwartung der Menschen steigt und gleichzeitig die Geburtenhäufigkeit sinkt1 (vgl. Kade 2009, S. 19). Die Geburtenhäufigkeit wird auch als Fertilitätsrate bezeichnet und beschreibt die An- zahl der Geburten in Relation zu der Zahl der Frauen im gebärfähigen Alter (etwa zwi- schen 15 und 45 Jahren) (vgl. Schölkopf 2000, S. 51). Im Jahr 1950 lag die Fertilitäts- rate in Deutschland2 noch bei 2,2 Kindern pro gebärfähige Frau. Bis in das Jahr 2007 ist sie auf nur noch 1,34 Kinder gefallen (vgl. Lehr 2007, S. 2). Für den langfristigen Rückgang der Geburtenhäufigkeit lassen sich verschiedene Gründe nennen. Zum ei- nen hat die Einführung der Antibabypille die Empfängnisverhütung und dadurch die gezielte Familienplanung vereinfacht, zum anderen hat die Bedeutung der Nachkom- men als „persönliche Altersversicherung“ mit der Übernahme zentraler Lebensrisiken wie Krankheit und altersbedingte Arbeitsunfähigkeit durch den Sozialstaat abgenom- men (vgl. Schölkopf 2000, S. 52). Als weiterer Faktor lässt sich der wachsende Wunsch der Frauen nach Erwerbstätigkeit nennen, der einhergeht mit der bleibenden Schwierigkeit, Familie und Beruf zu verbinden (vgl. Schölkopf 2000, S. 52).

Gleichzeitig zu diesem Absinken der Fertilitätsrate steigt die durchschnittliche Lebens- erwartung der Menschen in Deutschland (vgl. Schölkopf 2000, S. 52). Seit 1871 hat sich die durchschnittliche Lebenserwartung Neugeborener mehr als verdoppelt, so dass „[…] in der zweiten Hälfte der 90er Jahre Mädchen bei der Geburt im Durchschnitt mit einer Lebenserwartung von 80 Jahren rechnen konnten; die Lebenserwartung von neugeborenen Jungen belief sich auf 74 Jahre“ (Schölkopf 2000, S. 52). Bis in die Jah- re 2007 bis 2009 ist die Lebenserwartung von Neugeborenen um weitere drei Jahre angestiegen (vgl. Statistisches Bundesamt 2011). Der Trend der langsamen aber steti- gen Steigerung der Lebenserwartung lässt sich auch für ältere Menschen verzeichnen, wie an den Angaben des Statistischen Bundesamtes zur Lebenserwartung in Deutsch- land zu erkennen ist. Männer im Alter von 80 Jahren hatten in den Jahren 2007 bis 2009 immer noch eine durchschnittliche ferne Lebenserwartung von 7,67 Jahren und Frauen desselben Alters von 9,04 Jahren (vgl. Statistisches Bundesamt 2011).

Diese Entwicklung wird nach Prognosen der Bevölkerungswissenschaft3 auch in den nächsten Jahren und Jahrzehnten anhalten4 (vgl. Schölkopf 2000, S. 52). Generell ist dies positiv zu bewerten, denn die längere Lebenserwartung lässt sich un- ter anderem auf eine verringerte Säuglingssterblichkeit, auf medizinische Fortschritte, verbesserte Hygiene und Ernährung sowie verbesserte Wohn- und Arbeitsbedingun- gen zurückführen (vgl. Statistisches Bundesamt 2006, S. 36). Die Auswirkungen der Geburtenhäufigkeit und Sterblichkeit auf die zahlenmäßige Besetzung der jeweiligen Altersjahrgänge haben allerdings längerfristig eine Verschiebung der Anteile der ein- zelnen Altersgruppen an der Gesamtbevölkerung zur Folge (vgl. Statistisches Bundes- amt 2006, S. 30). Dies wird bei der Betrachtung der Abbildung 1 zur Entwicklung der Altersstruktur der Bevölkerung in Deutschland seit 1955 deutlich.

Während der Jugendquotient5 Im Jahr 1955 bei 55 lag, betrug der Altenquotient6 29,2. Es gab also beinahe doppelt so viele unter 20-Jährige wieüber 60-Jährige. Bis in das Jahr 2004 hat sich die Altersstruktur dahingehend verändert, dass der Jugendquotient auf 37 gesunken und der Altenquotient auf 45,5 gestiegen ist. Schölkopf (2000) geht sogar davon aus, dass der Altenquotient den Jugendquotient im Jahr 2030 um mehr als das Doppelteübersteigen wird (S. 54).

Abbildung 1: Entwicklung der Altersstruktur der Bevölkerung Deutschlands seit 1955 7

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Diese Entwicklung hat zur Folge, dass unter anderem das deutsche Rentensystem, der Arbeitsmarkt und der Pflegebereich sich auf eine Gesellschaft mit einem höheren An- teil älterer Menschen einstellen müssen (vgl. Lehr 2007, S. 3f.). Hinzu kommt, dass ältere Arbeitnehmer früher als noch in den 70er Jahren aus dem Erwerbsleben aus- scheiden. Zwar liegt die Regelaltersgrenze bei 65 Jahren, jedoch nehmenüber das 60. Lebensjahr hinaus nur noch wenige am Erwerbsleben teil (vgl. Schölkopf 2000, S. 55). Dabei ist der frühe Austritt aus dem Arbeitsmarkt nicht unbedingt Zeichen veränderter Präferenzen der Arbeitnehmer, sondern vielmehr Ergebnis einer gezielten Politik, de- ren Maßnahmen diese Tendenz zuließen oder sogar förderten (vgl. Alber/Schölkopf 1999, S. 56).

„Dem Staat kam der Vorruhestand deshalb sehr gelegen, weil damit die amtlich registrierte Arbeitslosenquote gesenkt werden konnte. Für die Arbeitgeber wiederum stellte die Frühverrentung älterer Arbeitskräfte einen vergleichsweise kostengünstigen sowie gesellschaftlich und innerbetrieblich akzeptierten Weg dar, um im Kontext raschen technologischen Wandels und ökonomischer Stagnation die Belegschaften zu reduzieren und zu verjüngen“ (Schölkopf 2000, S. 56f.).

Aus Sorge um die finanzielle Zukunft der gesetzlichen Rentenversicherung versucht der Staat in den letzten Jahren zwar diesen Trend wieder umzukehren, trotzdem tritt der Großteil der Menschen bereits um das 60. Lebensjahr aus dem Berufsleben aus (vgl. Schölkopf 2000, S. 57). Über die Altersgrenze von 65 Jahren hinaus ist nur eine kleine Minderheit weiterhin berufstätig. In den meisten Fällen sind es geringfügig be- schäftigte Frauen oder Selbstständige, denen ihre Rente zum Leben nicht ausreicht (vgl. Kade 2009, S. 25). Aufgrund der steigenden Lebenserwartung hatten Männer, die in den Jahren 2007 bis 2009 im Alter von 60 Jahren aus der Erwerbstätigkeit austraten, durchschnittlich noch eine Lebenserwartung von etwa 21 Jahren, Frauen desselben Alters von knapp 25 Jahren (vgl. Statistisches Bundesamt 2011). Das Alter wird dieser Tendenz nach zunehmend zu einem Lebensabschnitt, der bald länger ist als die Zeit der Kindheit und der Jugend zusammen (vgl. Rosenmayr 2000, S. 445). Dabei werden die 60 bis 75-Jährigen auch als „Junge Alte“ bezeichnet, die sich in der Regel einer guten Gesundheit erfreuen, aktiv und mobil sind. Vor allem die „Jungen Alten“ möchten die produktiven Ressourcen,über die sie verfügen, auch aktiv bei der individuellen Gestaltung der Lebensphase Alter einsetzen (vgl. Kade 2009, S. 22). Die nachberufliche Lebenszeit soll neue Aufgaben bringen und mehr sein als Erholung, Unterhaltung und Gesundhaltung (vgl. Pöggeler 2000, S. 467).

Für die Zukunft ist es aus diesen, durch den demographischen Wandel bedingten Gründen wichtig, den wachsenden Bildungsbedarf derüber 60-Jährigen zu decken und zu erreichen, „[…] daß die Gesellschaft für die Sinnverwirklichung des Alters genau so sorgt wie für die von Kindheit, Jugend und Erwachsensein“ (Pöggeler 2000, S. 464).

2.2 Die Wissensgesellschaft und lebenslanges Lernen

Im Zuge der Modernisierung der Gesellschaft vollzieht sich zudem ein weiterer Wandel, nämlich der Übergang von der Industriegesellschaft zur Informations- und Wissensgesellschaft.

„Kern des Umbruchs von der Industrie- zur Informationsgesellschaft ist die Veränderung des wirtschaftlichen Wertschöpfungssystems. Die Informationswirtschaft rückt nunmehr in den Mittelpunkt des wirtschaftlichen Wachstums, die größten Wachstumsraten und Beschäftigungszuwächse werden im Bereich der wissensbasierten Produkte und Dienstleistungen erzielt. Der Wertschöpfungsprozess beruht auf Information und Wis- sen, das gesammelt, ausgewertet, verändert,übertragen und verteilt wird. Wissen und Information werden zu den wichtigsten Produktionsfaktoren“ (Huss 2008, S. 211).

Dabei lässt sich besser von einer Wissens- als einer Informationsgesellschaft spre- chen, denn erst das Erlangen von Wissen aus Informationen in Abhängigkeit von indi- viduellen Fähigkeiten und individuellem Vorwissen kann wirtschaftliche Vorteile bringen (vgl. Dewe/Weber 2007, S. 15f.). Es ist demnach das Wissen, das zu einem der be- deutendsten Produktionsfaktoren in der heutigen Gesellschaft wird (vgl. Huss 2008, S. 215).

In Folge des Übergangs von der Industrie- zur Wissensgesellschaft sowie des demo- graphischen Wandels erfolgte in den 90er Jahren eine nähere Beschäftigung mit der Thematik des lebenslangen Lernens, zu der bereits in den 1960er und 70er Jahren erste Konzepte entwickelt wurden (vgl. Dietsche/Meyer 2004, S. 8). Heute gewinnt das Konzept des lebenslangen8 Lernens immer mehr an Bedeutung (vgl. Wiesner/Wolter 2005, S. 8). Die traditionelle Vorstellung, dass der Lebenslauf in eine lernintensive Vorbereitungsphase in Kindheit und Jugend, eine anwendungsbezogene Aktivitätspha- se und eine nachberufliche Ruhephase unterteilt werden kann, ist nicht mehr aktuell. Vielmehr herrscht heutzutage die Auffassung, dass Lernzeiten sich tatsächlichüber den gesamten Lebenslauf erstrecken (vgl. Wiesner/Wolter 2005, S. 22). Das moderne Verständnis von lebenslangem Lernen ist jedoch mehrdimensionaler als dessen erste Konzepte und bezieht sich nicht nur auf die berufliche Qualifizierung, sondern auch auf die individuelle Entfaltung der Persönlichkeit und die zivilgesellschaftliche Staatsbür- gerrolle (vgl. Wiesner/Wolter 2005, S. 23).

Das Konzept des lebenslangen Lernens wird auch in internationalen Organisationen und Kommissionen wie zum Beispiel in der Europäischen Kommission, der OECD oder der UNESCO behandelt (vgl. Kraus 2001, S. 57-105), was die große Relevanz des Themas in der modernen Gesellschaft verdeutlicht. Die Europäische Kommission (2001) definiert lebenslanges Lernen dabei wie folgt:

„Lebenslanges Lernen ist alles Lernen während des gesamten Lebens, das der Verbesserung von Wissen, Qualifikationen und Kompetenzen dient und im Rahmen einer persönlichen, bürgergesellschaftlichen, sozialen, bzw. beschäftigungsbezogenen Perspektive erfolgt“ (S. 9).

Wiesner und Wolter (2005) führen verschiedene Gründe an, warum lebenslanges Ler- nen auch zukünftig weiter an Bedeutung gewinnen wird. Unter anderem gehen sie da- rauf ein, dass aufgrund der demographischen Entwicklung nachwachsendes Bildungs- potenzial durch die jüngeren Generationen immer knapper wird, wodurch die Ansprü- che an das Lern- und Weiterbildungsverhalten älterer Arbeitnehmer steigt. Zudem nehmen die beruflichen Qualifikationsanforderungen laut Wiesner und Wolter in der heutigen Wissensgesellschaft generell zu (S. 24). Auch nach Austritt aus dem Er- werbsleben können ältere Menschen zudem mit ihrer Produktivität und ihrem Erfah- rungswissen einen Beitrag für die Gesellschaft leisten, z.B. im Ehrenamt (vgl. Lehr 2003, S. 243-252). Bei der Vorbereitung oder Umsetzung einer nachberuflichen Tätig- keit finden demnach weiterhin Lernprozesse statt.

Ein weiterer zentraler Aspekt, welcher die wachsende Bedeutung lebenslangen Ler- nens begründet, ist die schnelle Entwicklung der Informations- und Kommunikations- technologien (vgl. Wiesner/Wolter 2005, S. 24). Um auf dem aktuellen Stand bleiben zu können, wird dadurch eine ständige Weiterbildung der Individuen erforderlich. Als Beispiel für diese schnelle Entwicklung lässt sich der Anstieg der Ausstattung der pri- vaten Haushalte mit PC und Internet nennen, der zwischen den Jahren 2002 und 2010 zu verzeichnen ist. Im Jahr 2002 besaßen 57% der privaten Haushalte in Deutschland mindestens einen Computer (vgl. Mohr 2007, S. 7). Diese Zahl ist bis in das Jahr 2010 auf 80% der Haushalte angestiegen (vgl. Statistisches Bundesamt 02/2011, S. 546). Auch bei den privaten Internetzugängen ist ein deutlicher Zuwachs zu registrieren. Während 2002 in 43% der privaten Haushalte ein Internetzugang vorhanden war (vgl. Mohr 2007, S. 7), hatten 2010 bereits 77% die Möglichkeit, einen privaten Internetzugang zu nutzen (vgl. Statistisches Bundesamt 02/2011, S. 546). Dieser Trend wird sich vermutlich in den nächsten Jahren weiter fortsetzen.

Lebenslanges Lernen gewinnt aufgrund dieser Daten auch in Bezug auf die Informations- und Kommunikationstechnologien an Bedeutung.

Letztlich bleibt festzuhalten, dass jeder der in der heutigen von schnellen Entwicklun- gen und Begriffen wie der „Halbwertzeit des Wissens“9 (vgl. Dewe/Weber 2007, S. 53) geprägten Lernwelt mithalten will, mithilfe von Lernen auch nach Austritt aus dem Er- werbsleben noch sein Wissen und seine Kompetenzen erweitern muss (vgl. Rosenma- yr 2000, S. 445).

„Alle Generationen, jüngere wie auch ältere, sehen sich gegenwärtig mit der Anforderung konfrontiert, Lern- und Bildungsprozesse als nie abgeschlossen zu betrachten und sich technischen Innovationen und gesellschaftlichen Wandlungsprozessen aktiv zu stellen“ (Dewe/Weber 2007, S. 50).

Dies impliziert zum einen die Aufforderung älterer Menschen in der nachberuflichen Lebensphase, aktiv an Weiterbildungsveranstaltungen teilzunehmen, zum anderen die Anforderung an die Erwachsenenbildung, geeignete Bildungsangebote auch für die wachsende Zielgruppe älterer Menschen zu schaffen.

2.3 Der Strukturwandel der Lebensformen älterer Menschen

Der wachsende Bedarf an Bildungsangeboten für ältere Menschen in der nachberuflichen Lebensphase wird des Weiteren deutlich, wenn man die Tendenzen der gesellschaftlichen Entwicklung bezüglich der Lebensformen betrachtet.

Im Zuge der Modernisierung der Gesellschaft finden Prozesse statt, welche in der Lite- ratur häufig als Individualisierung und Singularisierung bezeichnet werden10. Als Indivi- dualisierung lässt sich ganz allgemein „[…] die Auflösung von traditionalen Bindungen“ (Hondrich 2001, S. 39) in Kirchen, Gemeinden und vor allem in der Familie beschrei- ben. Staatliche Sozialleistungen und erhöhte Arbeitsmarktchancen fördern diesen Pro- zess insofern, als die existenzielle Absicherungüber die Familienangehörigen dadurch immer mehr an Bedeutung verliert (vgl. Angilletta 2002, S. 34). Damit geht einher, dass die Individuen zunehmend von einengenden Rollen- und Normenvorgaben entbunden werden und somit neue Freiheiten erlangen (vgl. Steinhardt 2003, S. 2f.). Begriffe wie „Bastelexistenz, Wahlbiographie oder Politik der Lebensführung“ (Angilletta 2002, S. 31) deuten auf neue Wahl- und Entscheidungsmöglichkeiten der individuellen Lebens- gestaltung hin (vgl. Steinhardt 2003, S. 2f.). Die Sozialstruktur des Menschen wird so zu sagen „[…] von Herkunftsbindungen auf Wahlbindungen umgestellt“ (Hondrich 2001, S. 39). Die Menschen in Deutschland können in der Regel selbst die Entschei- dung treffen ob sie heiraten möchten oder nicht, mit wem sie zusammenleben möchten oder ob sie es bevorzugen alleine zu wohnen, ob und wenn ja wie viele Kinder sie be- kommen möchten und so weiter (vgl. Angilletta 2002, S. 38f.). Jeder wird zunehmend für die Gestaltung seines individuellen Lebenslaufs selbst verantwortlich.

Neben neuen Freiheiten, Möglichkeiten und Chancen bringt dieser Wandel jedoch auch neue Unsicherheiten, Risiken und Probleme mit sich. So ist die Individualisierung auch „[…] verbunden mit Wörtern wie Risikogesellschaft, Bindungsverlust, hergestellte Unsicherheit, usw.“ (Angilletta 2002, S. 31). Individuen haben nicht nur die Chance, sondern auch die Pflicht zur Auswahl aus verschiedensten Möglichkeiten und gehen damit stets das Risiko ein, die falsche Entscheidung zu treffen und gegebenenfalls zu scheitern (vgl. Steinhardt 2003, S. 3). Dadurch, dass der moderne Mensch nicht mehr in die traditionellen Vorgaben von Gesellschaft und Familie hineingeboren wird, son- dern sich aktiv um eine geeignete Lebenslaufgestaltung bemühen muss (vgl. Angilletta 2002, S. 36f.), gehen auch Sicherheiten und Gewissheiten verloren (vgl. Steinhardt 2003, S. 3). Sinn und Bedeutung müssen von jedem einzelnen abhängig von den je- weiligen Situationen neu begründet werden (vgl. Steinhardt 2003, S. 3). Besonders für ältere Menschen in der nachberuflichen Lebensphase ist dies ein wichtiger Aspekt. Denn nach Wegfall des Erwerbslebens, welches oft einen zentralen sinnstiftenden Be- reich des Lebens darstellt, suchen viele Menschen nach Möglichkeiten, dem veränder- ten Alltag neue Bedeutung zu geben und ihr weiteres Leben neu zu gestalten (vgl. Pöggeler 2000, S. 46). Die Tendenz der Individualisierung wird demnach

„[…] die Nachfrage nach lebensumspannender Bildung und Weiterbildung zum Zwecke der individuellen Weiterentwicklung, Selbstverwirklichung, Identitätsfindung und Sinnsuche, auch der Revision und Neukonstruktion biographischer Verläufe anwachsen lassen“ (Wiesner/Wolter 2005, S. 24).

Insbesondere diejenigen, die in der nachberuflichen Lebensphase alleine leben, haben neben dem Bedürfnis nach neuer Sinnstiftung zusätzlich das nach sozialen Kontakten. Denn der Strukturwandel der Lebensformen älterer Menschen in Form von Individuali- sierung wird begleitet durch die Tendenz der Singularisierung11. Diese lässt sich insbe- sondere anhand der veränderten Einstellungen zu Eheschließungen und Eheschei- dungen sowie durch Veränderungen in den Wohnformen erklären.

Betrachtet man die Abbildung 2, werden die veränderten Einstellungen zu der traditio- nellen Bindung durch die Ehe deutlich. Während die Zahl der Eheschließungen zwi- schen 1950 und 2009 von 750.452 auf 378.439 drastisch gesunken ist, stieg die Zahl der Ehescheidungen von 134.600 im Jahr 1950 auf 185.817 im Jahr 2009 an.

Abbildung 2: Eheschließungen und Ehescheidungen in Deutschland12

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Laut Angilletta (2002) lässt sich die gestiegene Zahl der Ehescheidungen als Indiz für wachsende Unsicherheiten und Orientierungslosigkeiten interpretieren (vgl. Angilletta 2002, S. 40). Allerdings können meiner Ansicht nach auch weitere Faktoren das Hei- rats- und Scheidungsverhalten beeinflussen. So kann z.B. die Loslösung der Individu- en von anderen traditionellen Bindungen wie z.B. der Kirche oder der Großfamilie mit einer Distanzierung zu deren Wertevorstellungen und Erwartungen einhergehen.

Beiden Interpretationen zufolge hängen Singularisierung und Individualisierung eng zusammen.

Gesellschaftliche Veränderungen vollziehen sich auch in den Wohnformen. Mehrgene- rationenhaushalte, in denen drei und mehr Generationen unter einem Dach leben, sind in Deutschland kaum noch vorhanden. Nach den Ergebnissen des Mikrozensus wohn- ten im Jahr 2009 „[…] in nur knapp 1% der 39,2 Millionen Haushalte Eltern mit Kindern, deren Großeltern sowie in seltenen Fällen deren Urgroßeltern zusammen“ (Statisti- sches Bundesamt 2011[1] ). Zudem stellt das Statistische Bundesamt fest, dass die Anzahl der Einpersonenhaushalte seit 1961 (20,6% der Gesamthaushalte) bis in das Jahr 2009 (39,8% der Gesamthaushalte) deutlich zugenommen hat, während die An- zahl der Haushalte ab drei Personen wesentliche Rückgänge zu verzeichnen hat. So gab es im Jahr 1961 noch 22,6% und im Jahr 2009 nur noch 12,8% Dreipersonen- haushalte. Auch die Vierpersonenhaushalte und die Haushalte mit fünf oder mehr Per- sonen haben seit dem Jahr 1961 um etwa 10%-Punkte abgenommen (vgl. Statisti- sches Bundesamt 2010).

Die Entwicklungen der Eheschließungen und -scheidungen und insbesondere die Veränderungen der Wohnformen zeigen die Tendenz der Singularisierung in der heutigen Gesellschaft. Diese betrifft auch und besonders die älteren Menschen. „Mit zunehmendem Alter steigt der Anteil Alleinlebender und die Anzahl der Einpersonenhaushalte in den höheren Altersgruppen“ (Kade 2009, S. 26).

Insbesondere Frauen leben im Alter häufig in einem Einpersonenhaushalt. Aufgrund der durchschnittlich höheren Lebenserwartung von Frauen steigt deren Anteil an der Gesamtbevölkerung im höheren Alter zunehmend an. So war im Jahr 1990 der Anteil an Frauen und Männern bei der 50 bis 60-Jährigen Bevölkerung noch beinahe ausge- glichen. Frauen nahmen im selben Jahr bei den 70 bis 80-Jährigen Menschen bereits einen Anteil von 63,6% ein und bei denüber 80-Jährigenüberwog der Bevölkerungs- anteil der Frauen sogar zu 72,9% (vgl. Statistisches Bundesamt 1997, S. 28). Als wei- tere Entwicklung der Moderne lässt sich deshalb auch von der Feminisierung des Al- ters sprechen (vgl. Tews 1993, S. 15). Gleichzeitig fällt auf die Frauen der größte Anteil der Altersarmut. Dies hängt mit verschiedenen Faktoren zusammen, wie z.B. einem geringem Einkommen während der Erwerbstätigkeit, geringeren Rentenansprüchen und der Singularisierung (vgl. Tews 1993, S. 29).

Die Feminisierung des Alters hat wiederum Konsequenzen für die Wohnformen im Al- ter, denn viele Frauenüber 60 Jahre leben alleine, weil sie verwitwet, geschieden oder ledig sind (vgl. Kade 2009, S. 27). Hingegen sind noch 82% der Männer zwischen 70 und 75 Jahren und sogar die Hälfte der Männerüber 80 Jahren verheiratet. Bei Frauenüber 80 ist dies nur noch zu 9,5% der Fall (vgl. Statistisches Bundesamt 2002, S. 61). Diese Ergebnisse verdeutlichen, dass insbesondere alleinlebende Frauen im Alter von Vereinsamung bedroht sind (vgl. Kade 2009, S. 27). Trotz der zunehmenden Singulari- sierung ist allerdings nicht zu missachten, dass viele ältere Menschen in der Nähe ihrer Kinder wohnen, sodass regelmäßige Kontakte möglich sind, auch ohne im gleichen Haushalt zu wohnen. Zudem pflegen ältere Menschen auch Kontakte zu Nachbarn und Freunden (vgl. Schölkopf 2000, S. 59). Extreme Vereinsamung und soziale Isolation sind deshalb nicht die Regel. Trotzdem lässt sich festhalten, dass mit steigendem Alter die Kontakthäufigkeiten ab- und damit gleichzeitig die Einsamkeitsgefühle zunehmen (vgl. Kade 2009, S. 28f.).

Individualisierung und Singularisierung der Gesellschaft sowie Feminisierung des Al- ters wirken sich auch auf den Bildungsbereich aus. Denn aufgrund dieser Tendenzen sowie der unter 2.1 beschriebenen generell steigenden Lebenserwartung wird es in Zukunft immer mehr alleinlebende ältere Menschen geben, die ihren Lebenslauf auch nach Austritt aus dem Erwerbsleben aktiv und individuell gestalten wollen. Aufgrund der Feminisierung des Alters werden zukünftig vermutlich besonders Frauen im höhe- ren Alter Bildungs- und Kulturangebote verstärkt nachfragen, um Kontakte zu knüpfen oder zu pflegen (vgl. Kade 2009, S. 27f.). Mit dem Wegfall traditioneller Bindungen und der dadurch entstehenden Gefahr der Orientierungslosigkeit entsteht zudem für beide Geschlechter ein neues Bedürfnis nach sozialen Einbindungen, um Einsamkeitsgefüh- len vorzubeugen oder entgegenzuwirken (vgl. Schölkopf 2000, S. 59f.).

Zudem geht Beck (1986) davon aus, dass die Individualisierung mit „[…] Tendenzen der Institutionalisierung und Standardisierung von Lebenslagen“ (Beck 1986, S. 119) einhergeht. Insbesondere nach dem Austritt aus dem Erwerbsleben, welches häufig den Alltag zu einem großen Teil bestimmt und soziale Kontakte ermöglicht, werden neue Wege der Orientierung und der sozialen Bindung gesucht (vgl. Beck, 1986, S. 211). Die Individualisierung wird demzufolge zu einem erhöhten Bedarf an institutiona- lisierten Bildungsangeboten allgemein und insbesondere für Menschen in der nachbe- ruflichen Lebensphase führen.

Abschließend lässt sich festhalten, dass die 73 bis 75-Jährigen Menschen im Jahr 2037 voraussichtlich die größte Kohorte der Bevölkerung in Deutschland ausmachen werden. Diese Gruppe älterer Menschen wird mit den hohen Ansprüchen der Wis- sensgesellschaft konfrontiert und steht gleichzeitig vor der Herausforderung der indivi- duellen, konstruktiven Gestaltung des eigenen Lebenslaufs. Aufgrund dieser gesell- schaftlichen Entwicklung wird die nachberufliche Erwachsenen- und Weiterbildung zu- künftig stark an Bedeutung gewinnen (vgl. Tippelt 2010, S. 35). Geht man wie Wies- ner/Wolter (2005) davon aus, dass die gesamte Infrastruktur der Bildungs- und Weiter- bildungsangebote auf eine große Expansion der Bildungsnachfrage im Zuge der ge- sellschaftlichen Entwicklung nicht vorbereitet ist (S. 25), wird die Realisierung des le- benslangen Lernens, insbesondere im stetig wichtiger werdenden Bereich des Lernens älterer Menschen, in den kommenden Jahrzehnten eine große Herausforderung dar- stellen (vgl. Tippelt 2010, S. 35).

Meines Erachtens ist es demnach von zentraler Bedeutung, sich mit den Möglichkeiten der zielgruppengerechten Gestaltung von Bildungsangeboten für ältere Menschen in der nachberuflichen Lebensphase, bereits jetzt intensiv auseinanderzusetzen.

3. Die Zielgruppe älterer Menschen in der nachberuflichen Lebensphase

Für die optimale Gestaltung von Bildungsangeboten in der Erwachsenenbildung ist es grundlegend, Kenntnisseüber die jeweilige Zielgruppe mit ihren Besonderheiten und Bedarfen zu haben. Da in dieser Arbeit Gestaltungsmöglichkeiten von Bildungsangebo- ten für ältere Menschen herausgearbeitet werden, ist eine Analyse dieser Zielgruppe erforderlich.

Dafür wird im Folgenden zunächst definiert, was Alter und Altern bedeutet. Anschlie- ßend erfolgt eine differenzierte Beschreibung des Bildungsverhaltens älterer Menschen in der nachberuflichen Lebensphase, um daraus im weiteren Verlauf der Arbeit Anfor- derungen für bedarfsdeckende Weiterbildungsangebote ableiten zu können. Dabei werden der Grad der Bildungsbeteiligung, mögliche Teilnahmemotive und -barrieren sowie bevorzugte Themenbereiche, Lernorte und Angebotsformen genauer in den Blick genommen. Zudem wird die Bedeutung des besonderen Themenbereichs Com- puter und Internet näher betrachtet.

3.1 Definitionen von Alter und Altern

Alter wird meist als chronologisches Alter definiert, also als die Zeit, die seit dem Tag der Geburt bis zum aktuellen Datum vergangen ist. Trotzdem unterscheiden sich Menschen gleichen Alters oft deutlich sowohl in physischen als auch in psychischen Merkmalen (vgl. Martin/Kliegel 2010, S. 31f.).

Die Begriffe Alter und Altern hängen eng zusammen, wobei gleichzeitig ein sehr wich- tiger Unterschied zwischen ihnen besteht. Denn Altern stellt im Gegensatz zum Alter einen Prozess dar und kann als dynamischer, irreversibler, biologischer Entwicklungs- prozess vom Lebensbeginn bis zum Tod definiert werden, welcher intra- und interindi- viduelle13 Differenzen aufweist und kontextabhängig ist (vgl. Kade 2009, S. 14; Kruse 1992, S. 39-42). Dieser Prozess kann in Phasen wie Kindheit, Jugend, Erwachsensein und Alter unterteilt werden, welche sich wiederum in weitere Phasen gliedern lassen (vgl. Kade 2009, S. 13).

Das Alter lässt sich demzufolge auch als einzelne Lebensphase beschreiben, die je nach Klassifikation bereits das 50. Lebensjahr umfassen und sich bis zum 110. Le- bensjahr ausdehnen kann (vgl. Kade 2009, S. 15). Die Grundlage der Klassifikation hat sich seit 1910 stetig verändert und wird dies, in Anbetracht des in Kapitel 2 bereits erläuterten demographischen Wandels, vermutlich auch weiterhin tun. So wurden im Jahr 1910 Menschen im Alter von 39 Jahren bereits als sehr alt bezeichnet, was im Jahr 2030 laut Oswald (2000) vermutlich erst ab einem Alter von 68 Jahren der Fall sein wird. Gleichzeitig werden Menschen im Jahr 2030 bis ins 51. Lebensjahr als jung bezeichnet werden, wohingegen die Menschen im Jahr 1910 nur bis ins 22. Lebensjahr diese Zuschreibung bekamen (vgl. Oswald 2000, S. 107).

Eine normative Kategorisierung, ab welchem Alter eine Person als alt bezeichnet wird, ist auch aufgrund der Differenz zum subjektiven Alter schwierig. Individuen definieren sich seltener und weniger stark, als nach ihrem chronologischen Alter zu erwarten ist, als alt (vgl. Martin/Kliegel 2010, S. 37). An der Redewendung „Man ist so, alt wie man sich fühlt“ ist tatsächlich etwas Wahres dran. Das subjektive Alter beeinflusst nicht nur die Verhaltensweisen, die Individuen im Hinblick auf das eigene Alter zeigen (vgl. Martin/Kliegel 2010, S. 36), sondern dient zudem als wichtiger Indikator für Zufriedenheit und Langlebigkeit (vgl. Oswald 2000, S. 107).

Letztlich ist eine genaue Klassifikation der Zielgruppe älterer Menschen schwierig. Vie- le verschiedene Einflüsse bedingen den Alternsprozess eines Individuums. So gibt es biologische, psychologische, soziale und kulturelle Determinanten des Alterns (vgl. Birren 1974, S. 24), die sowohl intraindividuell als auch interindividuell sehr unter- schiedlich in Erscheinung treten können. Wenn also von älteren Menschen die Rede ist, dann ist eine große, heterogene Gruppe an Individuen gemeint, welche sich nicht nur durch das kalendarische Alter unterscheiden, sondern auch durch die subjektive Alterswahrnehmung und die individuellen biologischen und psychologischen Voraus- setzungen, welche wiederum durch ihre bisherige Biographie mitbestimmt wurden.

In dieser Arbeit ist mit ältere Menschen eine solche heterogene Gruppe gemeint, deren Mitglieder jedoch aufgrund des hier betrachteten Kontextes die Gemeinsamkeiten aufweisen, dass sie sich in der nachberuflichen Lebensphase befinden und in den meisten Fällen das 60. Lebensjahr erreicht oderüberschritten haben.

3.2 Das Bildungsverhalten älterer Menschen in der nachberuflichen Lebensphase

Trotz der großen Heterogenität der Zielgruppe können Angabenüber das Bildungsver- halten eines durchschnittlichen älteren Menschen in der nachberuflichen Lebensphase von zentraler Bedeutung für die zielgruppenspezifische Gestaltung von Bildungsange- boten sein. Im Folgenden werden deswegen unter anderem Ergebnisse aus Studien und Befragungen aufgegriffen, um einen Eindruck davon zu vermitteln, wie die allge- meine Bildungsbeteiligung älterer Menschen in der nachberuflichen Lebensphase aus- sieht, durch welche Teilnahmemotive und -barrieren diese beeinflusst wird, welche Themeninteressen ein Großteil der Zielgruppe hat, und welche Bildungsinstitutionen und Angebotsformen von den meisten älteren Menschen präferiert werden. So entsteht ein grober Überblick darüber, wie das Bildungsverhalten vieler älterer Menschen aus- sieht und in welchen Bereichen gegebenenfalls Verbesserungsbedarf besteht.

3.2.1 Die Bildungsbeteiligung

Die individuelle und gesellschaftliche Bedeutung von Bildungsangeboten für ältere Menschen in der nachberuflichen Lebensphase wurde bereits in Kapitel 2 betont. Bil- dung wird demnach ein hoher Stellenwert zugeschrieben, wenn es um die Bewältigung des demographischen Wandels, die Partizipation der älteren Menschen in der Wis- sensgesellschaft und die aktive Gestaltung deren individuellen Lebenslaufs geht. Wei- terbildung hat einen präventiven Charakter und kann konstruktives Altern unterstützen, indem sie das individuelle Wohlbefinden steigert sowie gesundheitsbewusstes Verhal- ten, politische Partizipation und gesellschaftliches Engagement fördert (vgl. Tippelt 2010, S. 39).

Daten des Berichtssystem Weiterbildung (BSW) und des „Adult Education Survey“ (AES) belegen jedoch, dass die höheren Altersgruppen im Vergleich zu den jüngeren eine geringere Weiterbildungsbeteiligung zeigen. Demnach liegt diese bei den 55- Jährigen bei 27% und sinkt in der nachberuflichen Lebensphase bei den 65 bis 80- Jährigen weiter bis auf 13% (vgl. Friebe 2009, S. 3f.). Die EdAge-Studie14 belegt diese Ergebnisse und weist darauf hin, dass sich bildungsspezifische Unterschiede in der Weiterbildungsbeteiligung feststellen lassen (vgl. Tippelt et al. 2009, S. 57). Demzufol- ge haben ehemalige Abiturienten und Realschüler im Alter von 75 bis 80 Jahren eine deutlich höhere Weiterbildungsbeteiligung als ehemalige Hauptschüler desselben Al- ters. Als weiterer starker Prädiktor neben der Schulbildung erweist sich die Erwerbstä- tigkeit, da Erwerbstätige in ihrem Lebenslauf fast doppelt so oft an Weiterbildungen teilnehmen wie Nichterwerbstätige (vgl. Tippelt 2010, S. 40f.). „Generell sinkt die Bil- dungsbeteiligung mit zunehmendem Alter, gesundheitlicher Beeinträchtigung, gerin- gem Schul- und Ausbildungsabschluss und niedrigem Einkommen“ (Kade 2009, S. 98). Obwohl die Altersgruppen ab 50 Jahren im Vergleich zu den jüngeren Altersgruppen in der Weiterbildungsbeteiligung deutlich unterrepräsentiert sind, lässt sich insgesamt die Tendenz des Anstiegs der Weiterbildungsbeteiligung älterer Menschen verzeichnen (vgl. Kade 2009, S. 98). Aufgrund von Verbesserungen im Gesundheitszustand der Älteren, der Bildungsexpansion und der Ausweitung von Weiterbildungsangeboten steigt die Weiterbildungsteilnahme generell von Generation zu Generation an (vgl. Tip- pelt 2010, S. 40f.).

Friebe (2009) stellt jedoch fest, dass insbesondere für bildungsferne ältere Menschen Angebote der wohnortnahen und vernetzten Bildung entwickelt werden müssen. Zudem sieht er Verbesserungsbedarf bei der Information und Beratung älterer Menschenüber Weiterbildungsangebote (vgl. Friebe 2009, S. 6).

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass die Bildungsbeteiligung älterer Menschen in Anbetracht der gesellschaftlichen Situation noch deutlich zu gering ausfällt, in Zukunft allerdings langsam aber stetig ansteigen wird. Trotzdem fehlt es derzeit noch an konkreten Programmen

„[…] zur Verbesserung der Bildungsbeteiligung Älterer […]. Soll die Lernaktivität Älterer gesteigert werden bedarf es einer bildungspolitischen Handlungsstrategie. Dazu muss vor allem ein finanzpolitischer Rahmen geschaffen werden, der sowohl eine altersrele- vante Forschung wie auch barrierefreie Bildungsangebote für Ältere ermöglicht“ (Friebe 2009, S. 5).

Auch die Erwachsenenbildung scheint auf den wachsenden Bedarf an Bildungsange- boten für ältere Menschen noch nicht ausreichend vorbereitet zu sein, so dass es einer nachhaltigen Ausweitung und Verbesserung der Weiterbildungsangebote für Men- schen in der nachberuflichen Lebensphase sowie eines systematischen Ansatzes der „Professionalisierung der Bildung Älterer“ (Nuissl 2009 S. 100) bedarf, um Bildungsan- gebote alterssensibel entwickeln und durch qualifizierte Dozenten umsetzen zu können (vgl. Friebe 2009, S. 7).

3.2.2 Die Bedeutung von Computer und Internet

Einen besonderen Bereich stellen dabei die Themen Computer und Internet dar. Denn trotz der in Kapitel 2.2 dargestellten zunehmenden Bedeutung von PC und Internet in der Gesellschaft, entziehen sich noch viele ältere Menschen dieser Thematik. In allen Altersklassen zwischen 10 und 64 Jahren liegt die regelmäßige Computer- und Internetnutzung zwischen 44 und 63%-Punkte höher, als die derüber 64-Jährigen (vgl. Statistisches Bundesamt, 02/2011, S. 546). Mit steigendem Alter sinkt auch das Inte- resse an Weiterbildungsveranstaltungen zum Thema PC und Internet (vgl. Infas 2001, S. 92).

Die geringe Internetnutzung der älteren Menschen und deren dürftige Beteiligung an entsprechenden Bildungsangeboten lassen sich durch verschiedene Faktoren erklären. Eine große Hürde stellt zunächst das Beschaffen und Einrichten des Computers und des Internetzugangs sowie das Erlernen des Umgangs mit deren Systemen und Tech- niken dar (vgl. Schweiger/Ruppert 2009, S.172). Dies wird häufig zusätzlich durch mangelndes Technikvertrauen der älteren Menschen erschwert. Große Skepsis und die Angst vor einem Missbrauch persönlicher Daten halten viele ältere Menschen von der Internetnutzung ab. Hinzu kommt, dass ältere Menschen es gewohnt sind persön- lich zu kommunizieren. E-Mails und Chatrooms sind deswegen für die wenigsten älte- ren Menschen ein Ersatz für Gespräche beispielsweise beim Einkaufen (vgl. Schwei- ger/Ruppert 2009, S. 173).

Als Ergänzung zu den traditionellen Kommunikationswegen kann das Internet jedoch durchaus auch für ältere Menschen sinnvoll sein. Trotz großer Entfernung oder einge- schränkter Mobilität können darüber soziale Kontakte aufrechterhalten oder neu ge- knüpft werden (vgl. Mollenkopf/Doh 2002, S. 389). Auch zur Informationssucheüber Waren und Dienstleistungen und zu dessen Bestellung kann das Internet unabhängig von Gesundheits- und Mobilitätszustand genutzt werden (vgl. Statistisches Bundesamt 02/2011, S. 546). Zudem ist eine große Fülle an allgemeinen Informationen zu den verschiedensten (auch seniorenspezifischen) Themen meist kostenlos verfügbar (vgl. Schweiger/Ruppert 2009, S. 173).

Diese Möglichkeiten bleiben vielen älteren Menschen, die Computer und Internet gar nicht oder nur sehr unregelmäßig nutzen, verwehrt. Auch können Weiterbildungsver- anstaltungen in Form von E-Learning15 oder Blended Learning16 von vielen älteren Menschen deswegen nicht in Anspruch genommen werden. Dabei könnte es gerade den älteren Menschen, die in ihrer Mobilität eingeschränkt sind, das Erledigen von Behördenangelegenheiten, das Bestellen von Waren und Dienstleistungen, die Informationsbeschaffung und sogar die Weiterbildung erheblich erleichtern.

Diesen Tatsachen zufolge gibt es einen großen Informations- und Bildungsbedarf der älteren Menschen im Bereich Computer und Internet.

Außerdem erfordern sie eine Berücksichtigung der geringen Vertrautheit älterer Menschen mit diesen Medien bei der methodisch-didaktischen Gestaltung von Bildungsangeboten für diese Zielgruppe.

3.2.3 Die Teilnahmebarrieren

Das geringe Interesse an Veranstaltungen der Thematik PC und Internet weist darauf hin, dass die Barrieren des Misstrauens und der Unsicherheit in diesem Bereich bei älteren Menschen derzeit noch sehr hoch sind.

Auch in anderen Themenbereichen bestehen Teilnahmebarrieren. Die allgemein gerin- ge institutionalisierte Bildungsbeteiligung älterer Menschen (siehe Kapitel 3.2.1) zeigt, dass es einige Aspekte gibt, welche die älteren Menschen von einem Veranstaltungs- besuch abhalten.

Die häufigsten Gründe für nicht umgesetzte Bildungswünsche in der Altersgruppe der 60 bis 74-Jährigen sind ungünstige Veranstaltungszeiten, Zeitmangel aus familiären Gründen und gesundheitliche Gründe. Auch ein nicht zusagendes Angebot führte bei etwa einem Drittel der Befragten dazu, dass das geplante Bildungsvorhaben nicht umgesetzt wurde (vgl. Schröder/Gilberg 2005, S. 118-121).

Besonders die Befragten im Alter von 70 bis 74 Jahren gaben mit 41% relativ häufig an, schon einmal ein geplantes Bildungsvorhaben aufgrund der zu weiten Entfernung doch nicht realisiert zu haben (vgl. Schröder/Gilberg 2005, S. 119).

Oft scheitert die Bildungsteilnahme zudem am individuellen Altersbild. Viele ältere Menschen zweifeln an ihren eigenen Fähigkeiten und Fertigkeiten und haben Angst, sie könnten den Anforderungen der Veranstaltung nicht gewachsen sein (vgl. Maier 2010, S. 685f.). Gesellschaftliche Vorurteile, wie der weit verbreitete Satz „Was Häns- chen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr“, schüchtern ältere Menschen in Bezug auf Lernvorhaben ein und lassen Zweifel an ihren Lernfähigkeiten aufkommen. Die schnel- le Innovationsgeschwindigkeit in der heutigen Gesellschaft kann diese Einschüchterung noch verstärken (vgl. Rosenmayr 2000, S. 453).

Auch biographische Erfahrungen mit institutionalisierter Bildung können in Bezug auf das individuelle Altersbild eine große Rolle spielen. So kann zum Beispiel eine „[…] aus negativen Vorerfahrungen in schulischer Vergangenheit […]“ (Faulstich/Zeuner 2008, S. 37) resultierende Lernmüdigkeit von einer Weiterbildungsbeteiligung abhalten. Generell möchten die meisten älteren Menschen beim Besuch von Weiterbildungsver- anstaltungen nicht das Gefühl haben, wieder in die Schule zu gehen. Mit dem Verschu- lungsgrad einer Veranstaltung sinkt deswegen die Bildungsbereitschaft älterer Men- schen (vgl. Maier 2010, S. 686).

Mangelnder Lebensweltbezug ist ein weiterer Aspekt, der ältere Menschen von einer Bildungsteilnahme abhalten kann (vgl. Maier 2010, S. 686). Wenn diese wissen, warum bestimmte Lerninhalte dargeboten werden und was ihnen persönlich das Lernen dieser Inhalte bringt, fällt ihnen der Lernprozess leichter.

3.2.4 Die Teilnahmemotive

Um ansprechende Bildungsangebote für ältere Menschen gestalten zu können, ist es nicht nur wichtig Teilnahmebarrieren zu kennen, um diese zu beseitigen. Es ist ebenso bedeutsam zu wissen, was ältere Menschen motiviert an einer Weiterbildungsveranstaltung teilzunehmen.

Den Befragungen des Infas (siehe Abbildung 3) zufolge sind die stärksten Anreize für Menschen im Alter von 60 bis 74 Jahren das Training der geistigen Fähigkeiten, das Verstehen von Zusammenhängen und neuen Entwicklungen sowie die Vertiefung des Allgemeinwissens. Die genannten Aspekte sind für die Altersgruppe der 50 bis 59- Jährigen mit 90 bis 93% noch wichtiger als für die 60 bis 74-Jährigen, welche diese Aspekte zu 75 bis 81% als Motivation für den Besuch angeben (vgl. Schröder/Gilberg 2005, S. 116-118). Diese Tatsache lässt die Vermutung zu, dass besonders für die zukünftige Generation der Älteren der Wissenserwerb nach dem Austritt aus dem Er- werbsleben von großer Bedeutung ist. Diese Generation wurde während ihrer Erwerbs- tätigkeit vermutlich bereits verstärkt mit den Anforderungen der Wissensgesellschaft konfrontiert, sodass Lernen für sie unabhängig vom Alter zum beruflichen und auch privaten Alltag gehört.

Zudem wird angegeben, dass eine gute Vorabinformationüber die Veranstaltung von großer Bedeutung bei der Entscheidung ist, eine Veranstaltung zu besuchen (siehe Abbildung 3).

Abbildung 3: Anreize für den Besuch von Veranstaltungen17

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Als einen weiteren wichtigen Beweggrund für die Teilnahme an Bildungsveranstaltun- gen nennen die älteren Befragten die Suche nach der Gesellschaft mit anderen Men- schen (siehe Abbildung 3).

[...]


1 Neben Geburten- und Sterberaten sind auch die so genannten Außenwanderungen, also die Zu- und Fortzügeüber die Grenzen Deutschlands, für die Bevölkerungsentwicklung in Deutschland von Bedeutung (vgl. Statistisches Bundesamt 2006, S. 19).

2 In anderen Industriestaaten zeigen sich sehr ähnliche Entwicklungen zu denen in Deutschland. Selbst in den Entwicklungsländern lässt sich ein Trend des demographischen Wandels verzeichnen, wenn auch in anderen Dimensionen (vgl. Lehr 2007, S. 3). In dieser Arbeit beziehen sich die Erläuterungen jedoch nur auf Entwicklungen in Deutschland.

3 „Die Bevölkerungswissenschaft ist die Lehre von den Ursachen und Folgen der Bevölkerungsbewegung. Dieser liegt ein Zusammenwirken der Bevölkerungsvorgänge (Fertilität, Mortalität, Migration) zugrunde, das mit eigenen Instrumenten, Methoden und Theorien analysiert wird“ (Gabler Wirtschaftslexikon 2011).

4 Die Rentenversicherungsträger rechnen mit einem Anstieg der Lebenserwartung um etwa zwei Jahre bis in das Jahr 2030 und auch das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung prognostiziert einen leichten Anstieg der Lebenserwartung der 65-Jährigen Deutschen aus den alten Bundesländern bis in das Jahr 2020 (vgl. Schölkopf 2000, S. 52; Alber/Schölkopf 1999, S. 40).

5 Der Jugendquotient setzt den Anteil der Bevölkerung im Alter von unter 20 Jahren in Relation zu dem Bevölkerungsanteil im erwerbsfähigen Alter von 20 bis unter 60 Jahren (vgl. Statistisches Bundesamt 2006, S. 23).

6 Der Altenquotient setzt den Bevölkerungsanteil der 60-Jährigen und Älteren in Relation zu dem Bevölke- rungsanteil im erwerbsfähigen Alter von 20 bis unter 60 Jahren (vgl. Statistisches Bundesamt 2006, S. 23).

7 Abbildung erstellt nach: Statistisches Bundesamt Deutschland (2006).

8 In der Literatur werden synonym auch die Begriffe lebensbegleitend, lebensumspannend, lebensumfassend oder lebensentfaltend verwendet (vgl. Faulstich 2003, S. 14f.).

9 Die „Halbwertzeit des Wissens“ „[…] beschreibt die Zeitspanne, in der sich die Verfügbarkeit eines einmal erworbenen Wissens (z.B. Schulwissen) auf die Hälfte reduziert hat“ (Jung 2008, S. 251).

10 Siehe dazu Angilletta (2002), S. 31-33; Beck/Beck-Gernsheim (1993), S.178-187; Kade (2009), S. 26- 32; Schölkopf (2000), S. 58-60; Steinhardt (2003), S.1-9.

11 Singularisierung beschreibt „[…] das Alleinleben in einem Haushalt […]“ (Kade 2009, S. 26).

12 Abbildung erstellt nach: Statistisches Bundesamt Deutschland 01.2011.

13 Intraindividuelle Differenzen meinen unterschiedliche Alterungsprozesse in den einzelnen Funktionen des Körpers. Interindividuelle Differenzen beziehen sich hingegen auf Unterschiede in den Alterungsprozessen bei verschiedenen Personen (vgl. Kruse 1992, S. 39-42).

14 Das Forschungsprojekt „EdAge“ wurde an der Ludwig-Maximilians-Universität München im Auftrag des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) zum Thema „Weiterbildungsverhalten Älterer“ zwischen 2006 und 2008 durchgeführt (nähere Informationen zur Studie in Tippelt et al. 2009, S. 18-29).

15 „[…] E-Learning [umfasst] alle Lehr- und Lernformen, die auf dem Arbeiten am und mit dem PC basieren“ (Moriz 2008, S. 15) E-Learning ermöglicht unter anderem institutionalisiertes Lernen von zu Hause aus (vgl. Moriz 2008, S. 15). E-Learning sollte jedoch nicht ohne jegliche Präsenzphasen genutzt werden (vgl. Moriz 2008, S. 21f.).

16 Blended-Learning umfasst didaktisch arrangierte Präsenz- und E-Learningphasen (vgl. Moriz 2008, S. 22).

17 Abbildung erstellt nach: Schröder/Gilberg 2005, S. 116f.

Ende der Leseprobe aus 100 Seiten

Details

Titel
Weiterbildung für ältere Menschen in der nachberuflichen Lebensphase
Untertitel
Gestaltungsmöglichkeiten unter Berücksichtigung neurodidaktischer Erkenntnisse
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster
Note
1.7
Autor
Jahr
2011
Seiten
100
Katalognummer
V186820
ISBN (eBook)
9783869434322
ISBN (Buch)
9783869434377
Dateigröße
1416 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
weiterbildung, menschen, lebensphase, gestaltungsmöglichkeiten, berücksichtigung, erkenntnisse
Arbeit zitieren
Sina Zimmermann (Autor), 2011, Weiterbildung für ältere Menschen in der nachberuflichen Lebensphase, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/186820

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