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Liebesbeziehung oder Hörigkeit? Michael Berg und Hanna Schmitz in Bernhard Schlinks Vorleser

Title: Liebesbeziehung oder Hörigkeit?  Michael Berg und Hanna Schmitz in Bernhard Schlinks Vorleser

Term Paper (Advanced seminar) , 2000 , 19 Pages , Grade: 3

Autor:in: Andreas Weidmann (Author)

German Studies - Modern German Literature
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Summary Excerpt Details

Das Thema des Romans, der Umgang mit der nationalsozialistischen Vergangenheit in der
Bundesrepublik Deutschland, „entfaltet sich gegen das reißerische Potential einer Liebesgeschichte“
1: Ein Teenager hat eine leidenschaftliche Affäre mit einer zwanzig Jahre älteren
Frau, die sich später als NS-Täterin entpuppt. Deren Schuld relativiert sich aber, da
sie als Analphabetin ins Licht einer Mitläuferin gerückt wird.
In vorliegender Arbeit soll die Beziehung der beiden Hauptfiguren Michael Berg und
Hanna Schmitz zueinander betrachtet werden. Claus-Ulrich Bielefeld urteilt in der
Süddeutschen Zeitung dazu folgendermaßen:
Mit enervierender Selbstgewissheit, ohne je zu stocken, wird über alles hinwegerzählt.
Nichts spüren wir von der angeblich fortwirkenden Liebe des Ich-Erzählers, die ihm
andere Beziehungen unmöglich macht.2
Die Beziehung zwischen Hanna und Michael, die immerhin den ganzen ersten Teil des
Buches und, am Textvolumen gemessen, sogar den größten ausmacht, wird im weiteren
Verlauf des Buches tatsächlich nur noch wenig direkt erzählt. Aber wie auch? Die inhaltsschweren
Themen, der Umgang mit der NS-Vergangenheit, Schuldbewältigung und Analphabetismus
werden jetzt eingeführt. Es bleibt schlicht kein Raum, um die Beziehung
erzählerisch weiter auszubreiten. Im ersten Teil des Buches musste aber die Liebesgeschichte
breit angelegt werden, denn gerade diese Beziehung bildet die Basis, auf der hier
die einzigartige Perspektive beruht: Die altbekannten Themen werden aus Sicht der Nachkriegsgeneration
beleuchtet, die, nicht wie erwartet, durch Elternliebe, sondern durch eine
partnerschaftliche Liebesbeziehung, emotional eng mit der Tätergeneration verknüpft ist.
Mag die Beziehung später erzählerisch auch in den Hintergrund treten, so kann nicht in
Frage gestellt werden, dass Michaels Dilemma, zwischen Zuneigung und Verurteilung hinund
hergerissen zu sein, die Liebe zu Hanna ständig indirekt thematisiert. Zu fragen ist
doch vielmehr, ob es sich überhaupt um Liebe handelt, was die Beziehung ausmacht, oder
ob Michael in ein Hörigkeitsverhältnis gezogen wird, das ihn schließlich am Leben scheitern
lässt.
1 Küpper, Mechthild: Liebe zum Täter. In: Wochenpost vom 31.08.1995
2 Bielefeld, Claus-Ulrich: Die Analphabetin. In: Süddeutsche Zeitung vom 04. / 05.11.1995

Excerpt


Inhaltsverzeichnis

1. DER VORLESER – EINE LIEBESGESCHICHTE?

2. HANNA UND MICHAEL, DAS „LIEBESPAAR“

2.1. ZWEI VÖLLIG UNTERSCHIEDLICHE FIGUREN

2.1.1. Michael, der pubertierende Teenager

2.1.2 Die dominante Hanna Schmitz

2.2. LIEBESBEZIEHUNG ODER HÖRIGKEIT

2.2.1. Sex und Abhängigkeit

2.2.2. Intensivierung der Abhängigkeit

2.2.3. Hanna zeigt Gefühle

3. MICHAEL ZWISCHEN VERDRÄNGUNG, ERINNERUNG UND ERKENNTNIS

4. AUFARBEITUNG, ANNÄHERUNG UND FREIGABE

4.1. Michaels Weg zur Vergangenheitsbewältigung

4.2. Bewältigung und Aufarbeitung bei Hanna

5. ZUSAMMENFASSUNG

Zielsetzung und Themen der Arbeit

Die vorliegende Arbeit untersucht die Beziehung zwischen den Hauptfiguren Michael Berg und Hanna Schmitz in Bernhard Schlinks Roman „Der Vorleser“, um zu ergründen, ob es sich dabei um eine Liebesbeziehung handelt oder um ein von Abhängigkeit und Macht geprägtes Verhältnis, das Michael psychisch belastet.

  • Analyse der Beziehungsdynamik zwischen Michael und Hanna
  • Untersuchung der psychologischen Abhängigkeit Michaels
  • Die Rolle von Verdrängung, Erinnerung und persönlicher Erkenntnis
  • Aufarbeitung der NS-Vergangenheit und des Analphabetismus
  • Einfluss der Adoleszenzphase auf das Handeln der Protagonisten

Auszug aus dem Buch

2.1.2 Die dominante Hanna Schmitz

Hanna wird als selbstbewusste, dominante Persönlichkeit eingeführt.

Sie ist „sechsunddreißig“ (40). Sie hat lange blonde Haare und blasse Arme (vgl. 14).

Hohe Stirn, hohe Backenknochen, blaßgraue Augen, volle, ohne Einbuchtung gleich mäßig geschwungene Lippen, kräftiges Kinn. Ein großflächiges frauliches Gesicht. (14)

Vor allem die hohen Backenknochen und das kräftige Kinn weisen auf markante, strenge Gesichtszüge hin. Insgesamt gibt sie mit ihrem „kräftigen und sehr weiblichen Kör per“(17) das Bild einer erwachsenen Frau mit wohl ausgebildeten Proportionen ab.

Von Beruf ist Hanna „Straßenbahnschaffnerin“(29). Sie übt also eine Kontrollfunktion aus, die ihr, wenn auch nur in einem sehr begrenzten Umfeld, eine autoritäre Stellung verleiht. Die Berufsuniform verstärkt dies.

Sie war in Siebenbürgen aufgewachsen, mit siebzehn nach Berlin gekommen, Arbeiterin bei Siemens geworden und mit einundzwanzig zu den Soldaten geraten. (40)

Ihre Vergangenheit als KZ-Aufseherin in einem Lager in der Nähe von Krakau verheim licht sie. Familiäre Bindungen existieren nicht (vgl. 40). Hanna bewohnt alleine eine Zwei zimmerwohnung (vgl. 13) in einer Mietskaserne. Das Haus „dominiert“ (9) zwar die Häuserzeile mit seiner „Prächtigkeit der Fassade“ (12), erweist sich innen jedoch als ärmlich:

Der rote Anstrich der Stufen [ist] in der Mitte abgetreten, das [...] Linoleum [...] an der Wand [...] [ist] abgewetzt, und wo im Geländer die Stäbe [fehlen], [sind] Schnüre gespannt. (12)

Zusammenfassung der Kapitel

1. DER VORLESER – EINE LIEBESGESCHICHTE?: Die Einleitung hinterfragt, ob die Beziehung im Roman als Liebesgeschichte zu bezeichnen ist oder ob Michael in ein Hörigkeitsverhältnis geraten ist.

2. HANNA UND MICHAEL, DAS „LIEBESPAAR“: Dieses Kapitel analysiert die Rollenverteilung und die Charakteristika der beiden Protagonisten in der frühen Phase der Beziehung.

2.1. ZWEI VÖLLIG UNTERSCHIEDLICHE FIGUREN: Fokus auf die individuelle Entwicklung und die gegensätzlichen Hintergründe von Michael als Teenager und Hanna als dominanter Frau.

2.1.1. Michael, der pubertierende Teenager: Charakterisierung Michaels als unsicheren Jugendlichen in der Adoleszenz, der unter körperlicher Unreife leidet.

2.1.2 Die dominante Hanna Schmitz: Darstellung Hannas als selbstbewusste, aber durch ein Geheimnis belastete Frau, die eine autoritäre Haltung einnimmt.

2.2. LIEBESBEZIEHUNG ODER HÖRIGKEIT: Untersuchung der drei Beziehungsphasen, die von Sex, Abhängigkeit und einer späteren, kurzzeitigen Annäherung geprägt sind.

2.2.1. Sex und Abhängigkeit: Beschreibung des Beginns der Affäre, der stark von der sexuellen Dominanz Hannas und Michaels Unterordnung bestimmt ist.

2.2.2. Intensivierung der Abhängigkeit: Analyse, wie sich die Abhängigkeit Michaels durch das Vorlesen und die schulischen Leistungsanforderungen weiter verfestigt.

2.2.3. Hanna zeigt Gefühle: Beobachtung der gegenläufigen Entwicklungen, bei denen Hanna ihre Machtposition verliert und eine sanftere Seite zeigt.

3. MICHAEL ZWISCHEN VERDRÄNGUNG, ERINNERUNG UND ERKENNTNIS: Behandlung der psychischen Folgen für Michael nach dem Scheitern der Beziehung und der Konfrontation mit Hannas Vergangenheit im Prozess.

4. AUFARBEITUNG, ANNÄHERUNG UND FREIGABE: Dokumentation von Michaels langwierigem Prozess der Vergangenheitsbewältigung und der Rolle des erneuten Vorlesens.

4.1. Michaels Weg zur Vergangenheitsbewältigung: Erläuterung, wie Michael versucht, durch Forschung und Reflexion Abstand zu gewinnen, jedoch erst nach Hannas Tod loslassen kann.

4.2. Bewältigung und Aufarbeitung bei Hanna: Betrachtung von Hannas Weg, insbesondere durch das Lesenlernen, und die darauffolgende Verzweiflung, die in den Freitod führt.

5. ZUSAMMENFASSUNG: Abschließende Synthese der Ergebnisse, die das Beziehungsgeflecht als Machtverhältnis und nicht als klassische Liebe definiert.

Schlüsselwörter

Der Vorleser, Bernhard Schlink, Michael Berg, Hanna Schmitz, Liebesbeziehung, Hörigkeit, Machtverhältnis, Adoleszenz, Analphabetismus, NS-Vergangenheit, Verdrängung, Schuldkomplex, Aufarbeitung, Identität, Abhängigkeit.

Häufig gestellte Fragen

Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?

Die Arbeit analysiert die komplizierte Beziehung zwischen Michael Berg und Hanna Schmitz in Bernhard Schlinks Roman „Der Vorleser“ und hinterfragt deren Charakter als Liebesbeziehung.

Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?

Zu den zentralen Themen gehören Machtdynamiken, psychologische Abhängigkeit, der Umgang mit der nationalsozialistischen Vergangenheit sowie die Thematik des Analphabetismus.

Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?

Das Ziel ist es, zu klären, ob es sich um eine echte Liebesbeziehung handelt oder um ein von Hanna initiiertes Abhängigkeitsverhältnis, das Michael in eine psychische Krise stürzt.

Welche wissenschaftliche Methode wird zur Analyse verwendet?

Die Arbeit stützt sich auf eine literaturwissenschaftliche Textanalyse, ergänzt durch psychoanalytische Ansätze zur Entwicklung des Teenagers und Verhaltensmuster der Protagonisten.

Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?

Der Hauptteil gliedert sich in die Charakterisierung der Figuren, die detaillierte Untersuchung der drei Beziehungsphasen sowie die Analyse der Verdrängungs- und Aufarbeitungsprozesse von Michael und Hanna.

Welche Schlüsselwörter charakterisieren diese Arbeit?

Wichtige Schlüsselwörter sind unter anderem: Der Vorleser, Machtverhältnis, Adoleszenz, Schuldkomplex, Aufarbeitung, Identität und Abhängigkeit.

Welche besondere Bedeutung hat das Vorlesen für die Dynamik der Beziehung?

Das Vorlesen fungiert als festes Ritual und Machtinstrument Hannas, durch das sie Michael an sich bindet und die Beziehung sexuell wie emotional instrumentalisiert.

Warum wählt Hanna am Ende den Freitod?

Hanna erkennt nach ihrer Haftentlassung und dem Lesenlernen, dass sie ihren Platz in der Welt verloren hat, Michael ihr nicht mehr zugehörig ist und sie als NS-Täterin keine Zukunftsperspektive sieht.

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Details

Title
Liebesbeziehung oder Hörigkeit? Michael Berg und Hanna Schmitz in Bernhard Schlinks Vorleser
College
Johannes Gutenberg University Mainz  (FB Germanistik)
Grade
3
Author
Andreas Weidmann (Author)
Publication Year
2000
Pages
19
Catalog Number
V18685
ISBN (eBook)
9783638229722
Language
German
Tags
Liebesbeziehung Hörigkeit Michael Berg Hanna Schmitz Bernhard Schlinks Vorleser
Product Safety
GRIN Publishing GmbH
Quote paper
Andreas Weidmann (Author), 2000, Liebesbeziehung oder Hörigkeit? Michael Berg und Hanna Schmitz in Bernhard Schlinks Vorleser, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/18685
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