Anna Seghers´ 'Überfahrt' - Liebesgeschichte mit Staffage?


Hausarbeit (Hauptseminar), 2000

16 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Erzähl- und Handlungsstruktur
2.1. Erzählen über mehrere Instanzen
2.2. Die Handlungsstruktur

3. Erzählen und Zuhören
3.1. Franz Hammer, ein Zuhörer wider Willen
3.2. Vergangenheitsbewältigung durch Erzählen bei Ernst Triebel

4. Ein ständiges „Hin und Her“
4.1 Zwischen Vergangenheit und Gegenwart
4.2 Von Amerika nach Europa
4.2.1 Die Früchte dieses Landes
4.2.2 Der Sternenhimmel

5. Fazit

6. Anhang

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In einem Gespräch mit Günter Caspar erwähnt Anna Seghers 1964 folgende Pläne: Sie will „einen kleinen Roman schreiben, etwa wie ‚Transit‘ oder eine größere Erzählung. [...] Sie wird heißen ‚Die Früchte dieses Landes‘. Die Geschichte hängt mit meinen Reisen nach Brasilien zusammen.“[1] 1971 erscheint dann schließlich das Buch Überfahrt. Der junge Arzt Ernst Triebel erzählt auf seiner Schiffspassage von Brasilien nach Polen dem Mitrei-senden Franz Hammer seine Lebensgeschichte. Das Vorhaben, über das Anna Seghers Günter Caspar berichtete, hat also Gestalt angenommen. Als Untertitel trägt Überfahrt die Bezeichnung Eine Liebesgeschichte.

Folgt man dem Untertitel des Buches, so käme es in erster Linie auf die von Triebel erzählte Liebesgeschichte an, Franz Hammer hätte als vorgeschaltete Erzählfigur nur eine formale Bedeutung. Tatsächlich gibt es diese Lesart. So urteilt z.B. ein Autor:

Die den Erzählvorgang unterbrechenden Zwischenstücke sind die dürftig motivierten Eingriffe des Erzählers, der sich damit von Zeit zu Zeit dem Leser in Erinnerung ruft und sich als ästhetische Funktion nur rein äußerlich zu setzen vermag, ohne das plane Durcherzählen in der Substanz aufzuheben.[2]

Der ursprünglich geplante Titel Die Früchte dieses Landes aber lässt vermuten, dass es sich hier eher um eine Missdeutung der Erzählung handeln mag und es nicht alleine um die Triebels erzählte Liebesgeschichte geht. Hat die Autorin aber eine andere Intention, als nur von der unglücklichen Liebe zu erzählen, so ist es denkbar, dass auch die Rahmenhandlung eine Funktion erfüllt.

Im Folgenden soll nun ein Interpretationsansatz zur Autorenintention geliefert werden. Dabei sollen formale und inhaltliche Aspekte zeigen, welche Funktion die der Liebesge-schichte übergeordnete Handlung erfüllt: Ist sie ästhetischer Formschmuck, der den Er-zählfluss vielleicht sogar eher stört oder hat sie inhaltliche Substanz, die die Erzählung bereichert?

2. Erzähl- und Handlungsstruktur

2.1. Erzählen über mehrere Instanzen

Betrachtet man die Erzählweise, der sich Anna Seghers in Überfahrt bedient, so wird man mit einer überraschenden Komplexität konfrontiert:

Nicht Ernst Triebel, dessen philosophischer Kommentar zu Überfahrten im Allgemeinen (vgl. S.5)[3] die Erzählung eröffnet und der mit dem Bericht seiner Lebensgeschichte den größten Teil des Buches füllt , ist der eigentliche Ich-Erzähler, sondern Franz Hammer, ein Mitreisender, der nur wenig in Erscheinung tritt, steht formal an erster Stelle. Andreas Schrade weist in seinen Erläuterungen zu Überfahrt besonders auf diese „doppelte Ich-Erzählung“[4] hin, übergeht jedoch andere Figuren, die ebenfalls als Erzähler fungieren. Sadowski, ein weiterer Schiffspassagier, z. B. weiß beinahe die Lebensläufe aller anderen Reisenden zu erzählen. Daneben treten in Triebels Erzählung weitere Figuren auf, die entweder Unabhängiges oder übereinander berichten.

Auf einer ersten Ebene steht also der Ich-Erzähler Franz Hammer, in dessen Erzählung zwei weitere Figuren, Ernst Triebel und Sadowski, die mit ihren Berichten eine zweite Erzählebene erschließen. Innerhalb Triebels Geschichte entsteht wiederum eine dritte Ebene, da auch hier Figuren, über die berichtet wird, als Erzähler auftreten. Insgesamt gibt es also drei Ebenen: Erzähltes aus erster, zweiter und dritter Hand[5].

Das Geschehen über mehrere, miteinander gekoppelte, kommunikative Instanzen zu ver-mitteln, erweist sich als geschickter Kunstgriff, der zwei Funktionen erfüllt: Zum einen wird der Leser vom Erzählten distanziert und erhält so mehr Raum zur eigenen Reflexion, zum anderen entsteht eine ungeheuere Detailspannung. Um Triebels Bedürfnis, seine gesamte Lebensgeschichte zu erzählen, verstehen zu können, muss seine Geschichte für Hammer ‚erlebbar‘ werden, weshalb Triebel so detailliert berichtet.

2.2. Die Handlungsstruktur

Betrachtet man die Handlungsstruktur in Überfahrt, so gibt es grob gesehen zwei Hand-lungsstränge, die miteinander verwoben sind: Die Schifffahrt von Brasilien nach Europa, im Folgenden „Schiffshandlung“ genannt, die vom Übergeordneten Erzähler Franz Hammer erzählt wird und um die „Liebesgeschichte“, mit Ernst Triebel als Ich-Erzähler.

Optisch gesehen hat Anna Seghers die Handlung in 16 Sequenzen eingeteilt. Inhaltlich sind es aber 20 Abschnitte. „Schiffshandlung“ und „Liebesgeschichte“ werden bis auf eine Ausnahme in stetem Wechsel erzählt. Nur zwischen Sequenz 12 und 13, gibt es keinen Wechsel. Es handelt sich jeweils um die „Liebesgeschichte“, die hier erzählt wird.[6]

Die übergeordnete Handlung ist die „Schiffshandlung“, die einen Zeitraum von 19 Tagen umfasst[7]. In diese ist die „Liebesgeschichte“ eingebettet, die eine erzählte Zeit von etwa 20 Jahren umschließt[8], sie ist also viel stärker gerafft, als die „Schiffshandlung“. Beide Hand-lungen beginnen in der ersten Sequenz, wobei das Ende der Binnenerzählung nahezu mit dem Beginn der Vordergrundhandlung identisch ist. Die Abfolge ist bei beiden Handlungs-strängen chronologisch.

Wie bereits erwähnt, werden in der Schiffshandlung die Lebensläufe der Passagiere er-zählt. Diese stellen kleine abgeschlossene, stark geraffte Erzählungen dar. Ähnliches findet sich auch in Triebels „Liebesgeschichte“: Hier gibt es abgeschlossene Episoden, die die ei-gentliche Handlung anreichern. So wird beispielsweise sehr ausführlich über das Schick-sal der Haushälterin Odilia (vgl. 29–34) oder die Glaubenswelt des brasilianischen Arztes da Castro ( vgl. 112-114) berichtet.

Die Handlungsstruktur weist also vielfältige Verflechtungen auf, die den Ablauf der eigentlichen Liebesgeschichte immer wieder unterbrechen.

[...]


[1] Anna Seghers: Von den Unheroischen. Gespräch, In: Über Kunstwerk und Wirklichkeit, Bd. II : Erlebnis und Gestaltung, Berlin 1971 S. 36

[2] Kraft, Herbert: Die Liebesgeschichte „Überfahrt“, In: Zeichen der Zeit, Heidelberg 1977 S. 214

[3] zitiert wird im Folgenden nach: Anna Seghers: Überfahrt. Eine Liebesgeschichte. 2. Aufl. Berlin / Weimar: Aufbau 1997

[4] Schrade, Andreas: Anna Seghers. Stuttgart / Weimar: Metzler 1993 S. 140

[5] vgl. 6. Anhang. Schaubild 1. Im Schaubild sind die Erzählebenen in verschiedenen Blautönen dargestellt. Firguren mit Erzählfunktion sind grün dargestellt.

[6] vgl. Schaubild im Anhang unter 6.

[7] vgl. S. 127: „Wir sind jetzt achzehn Tage unterwegs“. Nach einer weiteren Nacht ist das Reiseziel erreicht und die Erzählung endet.

[8] Triebels Binnenerzählung beginnt kurz vor der Reichskristallnacht 1938 (vgl. S. 12). Die letzte Zeitangabe ist auf Seite 74 zu finden: „Und im Jahr 51, im August, gab es in Berlin ein großes Fest für die Jugend und die Studenten.“ Das Handlungsende ist etwa Mitte der fünfziger Jahre anzunehmen.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Anna Seghers´ 'Überfahrt' - Liebesgeschichte mit Staffage?
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz  (FB Germanistik)
Note
2,3
Autor
Jahr
2000
Seiten
16
Katalognummer
V18686
ISBN (eBook)
9783638229739
ISBN (Buch)
9783640666423
Dateigröße
417 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Anna, Seghers´, Liebesgeschichte, Staffage, Überfahrt
Arbeit zitieren
Andreas Weidmann (Autor), 2000, Anna Seghers´ 'Überfahrt' - Liebesgeschichte mit Staffage?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/18686

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