Das Konzept der engagierten Literatur bei Jean-Paul Sartre


Magisterarbeit, 2011
105 Seiten, Note: 1,6

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Forschungsstand

3. Das Engagement der Literatur in die Welt
3.1. Das faktische Engagement der Literatur in die Welt
3.2. Die normative Forderung der literarischen Engagements
3.2.1. Die Verantwortung des Schriftstellers
3.2.2. Die Literatur des Endlichen
3.2.3. Die literarische Verwendung der Sprache
3.2.3.1. Die Bezeichnungsfunktion der Sprache in der literarischen Prosa
3.2.3.2. Poesie und Prosa
3.2.3.3. Die Materialität der Sprache in der literarischen Prosa

4. Das Problem der Überzeitlichkeit der Literatur

5. Freiheit als Ursprung, Struktur und Gegenstand der Literatur
5.1. Literatur als freie Schöpfung von Autor und Leser
5.2. Die wechselseitig- appellative Struktur der Literatur
5.3. Freiheit als Gegenstand der Literatur

6. Die verwirklichte Freiheit: Das literarische Engagement und die Universalität der Literatur

7. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Das Konzept der engagierten Literatur, das Jean- Paul Sartre in dem berühmten Aufsatz Was ist Literatur?[1] aus dem Jahr 1947 und zahlreichen weiteren Essays und Vorträgen formuliert hat, ist in über sechs Jahrzehnten auf mannigfaltige Weise ausgelegt und zum Teil kontrovers diskutiert worden. Die gleichermaßen von Philosophen und Literaturwissenschaftlern betriebene Auseinandersetzung mit der Literaturtheorie Sartres hält bis heute an.[2] Die Beschäftigung mit dem Konzept der „littérature engagée“ steht grundsätzlich vor der Schwierigkeit einer angemessenen Deutung des Begriffs des Engagements im Bereich der Literatur: Mag zwar die vor allem in den Nachkriegsjahren vertretene Auffassung, die Theorie einer engagierten Literatur verfolge die ideologische Indienstnahme der Literatur und ihre Unterordnung unter politische Zwecke, mittlerweile überwiegend als verfehlt angesehen werden, so stellt sich doch immer noch die Frage, wie Literatur und Leben unter dem Begriff der engagierten Literatur als zusammenhängend gedacht werden können.

Sartre wendet sich mit dem Begriff des Engagements- vorgreifend bestimmt als „verpflichtende(s) Verstricktsein in die Welt“[3] - gegen Auffassungen von der Literatur, welche diese von den zeitlichen, räumlichen und gesellschaftlichen Bedingtheiten ihres Entstehens und Wirkens loslösen und sie als ein Spiel mit den Wörtern, das seinen Zweck ausschließlich in sich selbst trägt, oder als ebenfalls wirkungslosen Ort ewig gültiger, allgemeiner Betrachtungen und Reflexionen ansehen. Diesen Vorstellungen, wie sie Sartre zufolge in der literarischen Strömung des l’art pour l’art oder im gebildeten Bürgertum vertreten werden[4], setzt er die These von einem Engagement der Literatur entgegen. Diese trägt sowohl deskriptiven als auch normativen Charakter: Als faktische Beschreibung der Literatur bezeichnet das Prädikat „engagiert“ den internen Zusammenhang, der zwischen literarischen Werken und der jeweils gegenwärtigen, konkreten Welt, in der sie hervorgebracht werden und auf die sie sich notwendigerweise in Sprache, Gehalt und Form beziehen, besteht. Der Gegenstand der Literatur ist der Mensch in der Welt- kein abstrakter, zeitloser Mensch, sondern der Einzelne in einer bestimmten Epoche an einem bestimmten geographischen und gesellschaftlichen Ort. Dasselbe gilt für Autor und Leser: Anders als die Naturalisten meinten, kann der Autor eines literarischen Werkes kein objektiver Beobachter und Protokollant seiner Zeit und der verschiedenen gesellschaftlichen Schichten sein, sondern ist immer faktisch situiert, in seiner Perspektivität bedingt. Die zeitgenössischen Leser teilen mit dem Autor eine gemeinsame Welt, die in sein Werk eingegangen ist und vor deren Hintergrund sie es rezipieren.

Die normative Forderung des literarischen Engagements ist zugleich das Kriterium für das Gelingen eines literarischen Kunstwerks. Eine wichtige Grundannahme Sartres ist die der Vollendung des literarischen Werks in der Rezeption. Dieses existiert nicht unabhängig von der Lektüre, sondern verwirklicht sein Wesen erst in der schöpferischen Tätigkeit des Lesers. Der in diesem Zusammenhang entscheidende, das Zusammenspiel von Autor, Werk und Leser kennzeichnende Begriff ist der Begriff der Freiheit. Freiheit ist die Quelle, die Struktur und der Gehalt gelungener literarischer Werke. Sartres Konzept der engagierten Literatur ist, ausgehend von dem faktischen Verstricktsein der Literatur in die Welt und der entscheidenden Rolle des Rezipienten, eine Auseinandersetzung mit der Frage, wie sich ein literarisches Werk zu der Welt, aus der es hervorgeht, in Beziehung setzen und diese im Akt der Benennung überschreiten muss. Hier wird zu zeigen sein, inwiefern der inhaltliche Bezug auf die Bedingungen und Gegebenheiten einer konkreten Zeit, eines bestimmten Milieus, vorgeführt aus der Perspektive Einzelner, mit der Freiheit als Wesensbestimmung der Literatur notwendig zusammenhängen.

Der Versuch, die literaturtheoretischen Schriften Sartres zu einer kohärenten Literaturphilosophie zusammenzufügen, bringt einige Schwierigkeiten mit sich. Es ist zunächst wichtig zu bedenken, dass es Sartre nicht um eine literaturwissenschaftliche Definition von Literatur geht, sondern vielmehr um eine philosophische Bestimmung des literarischen Kunstwerks.[5] ‚Philosophisch’ bezieht sich in diesem Zusammenhang auf die grundlegende Annahme, dass Literatur- ebenso wie die anderen Künste- eine spezifische Art der Reflexion auf das menschliche Selbst- und Weltverhältnis darstellt, die von keiner anderen kulturellen Praxis geleistet werden kann.

Sartres Arbeiten zur Literatur erstrecken sich über drei Jahrzehnte und ergeben mithin kein einheitliches Bild seiner Theorie. Dies rührt zum einen von der Verschiedenheit der verwendeten Formen- Essays, Vorträge, Zeitschriftenartikel, Interviews, bis hin zu dem mehrbändigen Spätwerk Der Idiot der Familie - her, zum anderen von der Modifikation seiner Literaturtheorie in den sechziger Jahren hinsichtlich der Poesie- Prosa- Unterscheidung und der Rolle des sprachlichen Zeichens in der Literatur. Überdies ist es nicht leicht, hinter den oftmals in polemischer Absicht überakzentuierten begrifflichen Entgegensetzungen Sartres und dem zum Teil pathetisch- kämpferischen Tonfall der Schriften der vierziger Jahre die relevanten theoretischen Argumente herauszuarbeiten.[6]

Das Anliegen dieser Arbeit ist es, Sartres Konzept der engagierten Literatur als einen relevanten und gültigen Beitrag zu einem philosophischen Verständnis der Literatur zu erarbeiten. Im Vordergrund steht die Frage, wie zwischen der historisch- nationalen Partikularität und Perspektivität einer als ‚engagiert’ zu kennzeichnenden Literatur und der Universalität und Allgemeinheit, die gelungenen literarischen Werken für gewöhnlich zuerkannt werden, ein Zusammenhang hergestellt werden kann. Im Konzept der engagierten Literatur sind drei Momente zu unterscheiden: Sartres eigenes Ziel und seine Aufforderung an andere Schriftsteller, eine neue Literatur zu schaffen, die sich von der bisherigen durch ihr ‚Engagement’ unterscheidet; das Engagement literarischer Kunstwerke als Kriterium ihrer Güte sowie als Bedingung der Dauerhaftigkeit von Literatur überhaupt. Zu zeigen wird sein, dass gerade das Engagement der Literatur in das Konkrete der Zeit und der Gesellschaft, ihre spezifische Perspektivität und Bedingtheit die Voraussetzung und der Grund für ihre Universalität und ihren überzeitlichen Wert sind.

Die Idee der engagierten Literatur soll verteidigt werden gegen eine oft anzutreffende Lesart, welche diese Idee auf eine funktionale, einseitig auf den moralischen Nutzen literarischer Werke gerichtete Bestimmung der Literatur reduziert. Die Argumentation bemüht sich um die systematische Darstellung und Erläuterung der Sartreschen Gedanken, versucht Brüche und Widersprüchlichkeiten aufzuzeigen, diese aufzulösen und in ein literaturphilosophisches Gesamtkonzept zu integrieren. Insbesondere der Versuch, das Engagement literarischer Werke als Bedingung ihrer überzeitlichen Geltung und Wertschätzung zu deuten, wird zum Teil auch gegen Sartre selbst verteidigt werden müssen, da einige seiner Aussagen zu Werken der literarischen Tradition und generell zur Kanonisierung und Rezeption ‚alter’ Literatur drastisch erscheinen und sich nicht mit anderen Urteilen Sartres bezüglich der ästhetischen Qualität von Werken der Vergangenheit in Einklang bringen lassen. Hierbei soll die Literaturtheorie der vierziger Jahre mit den Überlegungen Sartres aus den sechziger Jahren angereichert und ergänzt, mithin der frühe Sartre mithilfe des späteren erklärt werden. Wichtiger Bezugspunkt ist Was ist Literatur?, zudem werden die verschiedenen Essays, Vorträge und Interviews herangezogen, die in den Bänden Der Mensch und die Dinge[7], Schwarze und weiße Literatur[8], Was kann Literatur?[9] und Sartre über Sartre[10] erschienen sind, sowie der dritte Vortrag aus dem Plädoyer für die Intellektuellen[11]. Aus Gründen der Eingrenzung der Thematik und des Umfangs der Werke werden Das Imaginäre[12], Der Idiot der Familie[13] und die anderen Künstlerporträts über Baudelaire, Mallarmé und Genet[14] nicht berücksichtigt.

Die Arbeit gliedert sich in vier Teile. Der erste Teil befasst sich mit dem Engagement der Literatur in die Welt, zum einen als Faktizität, zum anderen als normative Forderung. In dem ersten Unterkapitel geht es um die tatsächliche Situiertheit der Literatur hinsichtlich des Weltwissens, des Publikums, des Sujets und der Ausdrucksmöglichkeiten der Sprache. Der zweite Abschnitt beschäftigt sich mit der Bezeichnungsfunktion der literarischen Sprache, der Verantwortung des Schriftstellers und der Forderung Sartres nach einer literarischen Kunst des Endlichen. In diesen Zusammenhang gehört die Erläuterung der Poesie- Prosa- Unterscheidung sowie der Bedeutung von Zeichenhaftigkeit und Materialität der Sprache in der Literatur.

Im zweiten Teil der Arbeit wird das Problem der überzeitlichen Geltung und Rezeption literarischer Werke aufgeworfen und diskutiert. Zu differenzieren ist hier zwischen den Eigenschaften, die ein Werk selbst besitzen muss, um transhistorische Geltung zu beanspruchen, und der Fähigkeit des Rezipienten, die Lebendigkeit eines Werkes durch seine schöpferische Lektüre stets erneut zu aktualisieren.

Der dritte Teil überführt die Problematik der richtigen Rezeption in Sartres Modell der freien literarischen Kommunikation zwischen Autor und Leser. Nur ein gelungenes literarisches Kunstwerk ermöglicht diese Form der Kommunikation. Die Überlegungen bezüglich der Erschaffung des literarischen Werks durch die Interaktion von Autor und Leser münden in die These vom Appellcharakter des literarischen Kunstwerks. In dem literarischen Appell konvergieren der ästhetische und der moralische Imperativ. Der Schlüsselbegriff in diesem Kapitel ist der Begriff der Freiheit. Sartre versteht die Freiheit als Ursprung, Struktur und Gegenstand literarischer Prosa und als Bedingung ihrer Universalität und Allgemeinheit.

Das letzte Kapitel befasst sich mit der Verwirklichung der Freiheit im einzelnen literarischen Werk und begründet das Engagement der Literatur als Voraussetzung ihrer Güte und überzeitlichen Wirksamkeit. Grundlegend ist hierbei die These Sartres, in der Literatur sei die Welt der Freiheit des Menschen als Aufgabe gestellt.[15] Die Wertschätzung literarischer Werke beruht immer auch auf der nur der Literatur eigenen Fähigkeit, dem Leser im schöpferischen Vollzug der Lektüre seine eigene Existenz in der Welt frei erfahrbar zu machen.[16]

2. Forschungsstand

Traugott König schreibt 1986 in seinem Nachwort zu WiL: „Selten ist ein Buch derart oberflächlich gelesen und mißverstanden worden (...), selten ist ein Begriff derart mißdeutet worden wie der der ‚engagierten Literatur’, den man als Losung einer das Wesen der Kunst verratenden Tendenzliteratur angriff.“[17] Die jüngere Rezeption zeichnet sich dagegen durch eine differenzierte Auseinandersetzung mit Sartres literaturtheoretischem Werk aus, die dessen Themenvielfalt und innovative Kraft in den Vordergrund stellt. In der Sekundärliteratur wird häufig auf die Bedeutung Sartres für die Entwicklung der deutschen Rezeptionsästhetik aufmerksam gemacht[18] ; seine Überlegungen zum performativen Charakter der Sprache gelten als Vorläufer der Austinschen Sprechakttheorie.[19]

Die Bezeichnungsfunktion der Sprache in der literarischen Prosa gilt vielen Interpreten als die entscheidende Bestimmung des Konzepts der engagierten Literatur.[20] Mit dieser Einschätzung geht die ausführliche Auseinandersetzung mit der Poesie- Prosa- Unterscheidung einher, die oft als eine für Sartres Literaturtheorie zentrale Dichotomie eingestuft wird.[21] Entgegen Sartres eigenen Bekundungen in WiL[22] sehen einige Interpreten in der Gegenüberstellung poetischen und prosaischen Sprachgebrauchs die Grundlage für eine Abwertung und Ablehnung der Poesie.[23]

Obgleich nicht der Versuch unternommen wird, die Idee der engagierten Literatur von vornherein grundsätzlich auf politisch- gesellschaftliche Zielsetzungen zu reduzieren, findet sich doch überraschend häufig die These, unter dem Begriff des Engagements seien das Literarische und das Politische dergestalt miteinander verbunden, dass es die Aufgabe der Literatur sei, politische Wirksamkeit zu entfalten und gesellschaftlichen Wandel herbeizuführen. Dieser Auffassung zufolge ist die Theorie der engagierten Literatur in der politisch- sozialen Welt, nicht aber in der Literatur selbst begründet. Letzten Endes verbergen sich so im Begriff des Engagements doch wieder eine Politisierung der Literatur und eine Abwertung der literarischen Kunst.[24] Die entgegengesetzte These, dass sich die Allianz des Ästhetischen mit dem Moralisch- Politischen aus dem Wesen der Literatur ergibt[25], soll auch in der vorliegenden Arbeit vertreten werden.Dem Begriff der Freiheit wird in der Literatur zu Sartres Ästhetik eine zentrale Stellung zugewiesen. Freiheit ist die Bedingung der Existenz von Literatur, sie bildet die Grundstruktur jeder literarischen Ordnung und verbindet die autonomen Bereiche von Ästhetik und Moral miteinander.[26] In dem Konzept der engagierten Literatur ist die Freiheit, die ein Text enthält und evoziert, das Kriterium der Bewertung seiner ästhetischen Qualität.[27] Der Zusammenhang zwischen dem Freiheitsbegriff, der für die Begründung des literarischen Engagements zentral ist, und der Allgemeinheit und Universalität ästhetischer Urteile wird in den mir vorliegenden Interpretationen nicht thematisiert bzw. nicht in den Mittelpunkt der Analyse gestellt. Ebenso wenig wird die in Sartres Schriften hervortretende Spannung zwischen einer in der Gegenwart situierten engagierten Literatur und der literarischen Kunstwerken zugeschriebenen Transhistorizität[28] in der Sekundärliteratur systematisch berücksichtigt.

Uneinheitlich fallen die Urteile bezüglich der Kontinuität der Sartreschen Literaturtheorie aus: Deuten einige die Schriften und Interviews der sechziger Jahre lediglich als Ergänzung und Weiterentwicklung der Position aus WiL[29], so sehen andere in den späteren Äußerungen Sartres einen Bruch mit seiner Theorie der vierziger Jahre[30]. Dies betrifft insbesondere seine Haltung zum Charakter der literarischen Sprache: Die Transparenz des sprachlichen Zeichens in der literarischen Prosa in WiL wird der Betrachtung der Materialität der Sprache unter dem Begriff des Stils im Spätwerk gegenübergestellt.[31] Dabei wird übersehen, dass bereits in den frühen Schriften Sartres die Begriffe des Schweigens und des Stils eine wichtige Rolle bei der Kennzeichnung der Spezifik der literarischen Sprache spielen.

3. Das Engagement der Literatur in die Welt

Der Begriff des Engagements wird im Französischen in irreflexiver und in reflexiver Form verwendet: „Engagement als irreflexiver Ausdruck steht für ein affektiv getöntes Beteiligtsein, Verstricktsein, Involviertsein, Dabeisein, Anteilnehmen. Im reflexiven Sinne ist Engagement als Sich- Einsetzen, Sich- Einlassen, Sich- Verpflichten zu verstehen.“[32] Der dynamische Charakter des Begriffs in seiner reflexiven Verwendung[33] impliziert ein Verständnis von Engagement als einem aktiven Eintreten für die Verwirklichung eines nach außen gerichteten Ziels.[34] Aus dieser Bedeutungskomponente resultiert der Hang zu einer politischen Deutung des Begriffs der engagierten Literatur. Die im Deutschen gebräuchliche Verwendung von Engagement als einer tatkräftigen Verpflichtung und einem Einsatz für politisch- gesellschaftliche Ziele sollte nicht auf den französischen Begriff übertragen werden. Bezogen auf das Konzept der engagierten Literatur besteht auch hier die Gefahr einer begrifflichen Verengung der Literatur auf den Bereich des Politischen. Die Rede von einem ‚Engagement der Literatur in die Welt’ soll daher verstanden werden als ein „verpflichtende[s] Verstricktsein“[35] der Literatur in die Welt.

In den folgenden Abschnitten sollen diese beiden Aspekte engagierter Literatur- Verstrickung und Verpflichtung- dargestellt und erläutert werden. ‚Engagiert’ benennt zunächst die für jedes literarische Werk geltende Tatsache, aus einem spezifischen Kontext hervorgegangen und auf diesen bezogen zu sein. Jeder Schriftsteller ist ebenso wie die Werke, die er hervorbringt, in einer bestimmten Welt situiert. Als Einzelner ist er Teil eines Ganzen; die geistigen und gesellschaftlichen Umstände der Zeit, in der er lebt, prägen sein individuelles Erleben, seine Empfindungs- und Denkweise. Ebenso wie der Schriftsteller in seiner Perspektivität bedingt ist, sind es auch seine Werke. Notwendigerweise beziehen sich diese mittel- oder unmittelbar auf die Lebenswelt ihres Schöpfers, in der sie entstanden sind, sei es durch das Sujet, die Darstellungsweise oder die verwendete Sprache. Das Engagement der Literatur bezeichnet hier die faktische Verstrickung der Literatur in die Welt und beschreibt die Tätigkeit des Schriftstellers als eine ipso facto situierte.[36] Aus dem faktischen Engagement leitet sich die normative Forderung des literarischen Engagements ab.[37] Sartre verlangt, dass die Verstrickung der Literatur in die Welt von den Schriftstellern anerkannt und als eine Verpflichtung der Gegenwart gegenüber wahrgenommen wird. Begründet wird dies vor allem mit der Bezeichnungsfunktion der Sprache in der Literatur: Anders als die Poesie bezieht sich die Prosa mittels der Sprache auf die Wirklichkeit, da sie die Wörter als Zeichen verwendet. In dieser Funktion dienen die Wörter der Benennung von Sachverhalten in der Welt. Der normative Sinn von Engagement leitet sich von Sartres Auffassung des Benennens her: Die Benennung einer Sache enthüllt diese zugleich und enthält einen Vorschlag zu ihrer Veränderung.[38] Wirklichkeit wird in der Literatur nicht einfach abgebildet, sondern in ihrer sprachlichen Gestaltung kritisch reflektiert. Durch die Art der Verwendung von Sprache besitzt die Literatur eine aufklärerische Funktion.[39] Mit dem Konzept der engagierten Literatur fordert Sartre die Schriftsteller auf, durch die Hinwendung zu Themen der Gegenwart diese Funktion wahrzunehmen und die Literatur auf diese Weise wieder in das Leben zu integrieren.[40]

3.1. Das faktische Engagement der Literatur in die Welt

Den Ausgangspunkt der Betrachtung des Verhältnisses von Literatur und Wirklichkeit bildet das Engagement des Einzelnen in die Welt. Mensch und Welt existieren nicht isoliert voneinander, sondern sind wesenhaft aufeinander bezogen. Sartres Bestimmung des Menschen als in der Welt engagiert und situiert[41] soll hier mithilfe seines Begriffs des einzelnen Allgemeinen verdeutlicht werden:

„Ein Mensch ist (...) niemals ein Individuum; man sollte ihn besser ein einzelnes Allgemeines nennen: von seiner Epoche totalisiert und eben dadurch allgemein geworden, retotalisiert er sie, indem er sich in ihr als Einzelheit wiederhervorbringt. Da er durch die einzelne Allgemeinheit der menschlichen Geschichte allgemein und durch die allgemeinmachende Einzelnheit seiner Entwürfe einzeln ist, muß er zugleich von den beiden Enden her untersucht werden.“[42]

Die Einbindung des Menschen in die Welt[43] wird hier in ihrer historischen Dimension als Dialektik von singulärem Sein und allgemeiner Epoche gedeutet. Der Mensch existiert nicht zunächst als von der Geschichte losgelöstes Individuum, sondern verkörpert als Einzelner zugleich die allgemeinen Bestimmungen, die ihm in Gestalt der Zugehörigkeit zu einem Milieu, einer Klasse, Rasse und Religion entsprechend seines Ortes in der Gesellschaft von der Epoche auferlegt werden.[44] Die Existenz des Menschen in der Welt ist eine wesentlich partikulare, er kann der Subjektivität seiner Zeit nicht entgehen: „[E]in Mensch ist die ganze Epoche, so wie eine Welle das ganze Meer ist.“[45]

Sartre unterscheidet zwischen Epoche und Geschichte.[46] Der Begriff der Epoche bezeichnet einen Zeitabschnitt in dem Moment seiner Gegenwärtigkeit und Lebendigkeit. Für die in ihr lebenden Menschen existiert die Epoche im Modus der Zukunft. Mit dem Begriff der Epoche wird die Geschichte von innen her betrachtet, aus der Sicht der in ihr engagierten und handelnden Akteure. „Die Epoche ist die Intersubjektivität, das lebendige Absolute, die dialektische Kehrseite der Geschichte. Sie wird unter den Schmerzen der Ereignisse geboren, die die Historiker danach mit Etiketten versehen.“[47] Der Begriff der Geschichte hingegen bezieht sich auf die retrospektive, historische Betrachtung der Epoche als einer Vergangenheit. In der Epoche wird die Gegenwart permanent auf die Zukunft hin überschritten, ihre Grenzen und Bedingtheiten sind in der Epoche selbst unbekannt. Mit der rückblickenden theoretischen Reflexion und Bewertung vormals lebendiger Epochen kommen auch deren Mängel und Begrenzungen in den Blick. In dieser Hinsicht ist Epoche ein Absolutes, Geschichte hingegen ein Relatives: „(D)ie Epoche hat immer unrecht, wenn sie tot ist, sie hat immer recht, wenn sie lebt.“[48]

Auch die Literatur existiert einerseits in der Epoche ihrer Hervorbringung und andererseits in der Geschichte. Ein literarisches Werk ist in der Epoche selbst eine einmalige Handlung und daher ein Absolutes. Mit dem Vergehen der Epoche verschwindet auch der Kontext, in dem das Buch eine Handlung sein konnte; es geht in die Geschichte über und wird unter nachträglichen Einschätzungen und Bewertungen zu etwas Relativem, zu einem sozialen Faktum.[49] Weil ein literarisches Werk in seiner Zeit Lebendigkeit und Wahrheit besitzt und in der Epoche eine Aufforderung an die Leser ist, ihm gegenüber eine Haltung einzunehmen, sind die Beurteilungen nachfolgender Generationen kategorial verschieden von denen der Zeitgenossen und können diese nicht aufheben. Die Literatur ist ebenso wie der Mensch in die Welt einer Epoche engagiert. Gerade aufgrund der Partikularität literarischer Werke kommt ihnen die „absolute Wahrheit in der Epoche“[50] zu.

Im Folgenden soll nun näher beschrieben werden, auf welche Weise die Literatur in ihre Epoche eingebettet ist. Die Rede von der Realität der Literatur[51] ist doppeldeutig. Sie bezeichnet zum einen die Realität der literarischen Kunst selbst als einen historisch entwickelten eigenständigen Bereich menschlicher Kultur, zum anderen verweist sie darauf, dass Literatur auf die außersprachliche Wirklichkeit bezogen ist und sich „(d)ie Rolle, der Gegenstand, die Mittel, der Zweck des Schreibens“[52] entsprechend der gesellschaftlichen Bedingungen wandeln. Um ein literarisches Werk zu verstehen, müssen sowohl dessen thematische und formale Beziehungen zu anderen Werken der Literaturgeschichte als auch sein außerliterarischer Entstehungszusammenhang berücksichtigt werden.[53]

Sartre erläutert die „historische Bedingtheit“[54] eines Werks ausgehend von der Situiertheit seines Autors. Anders als die Humanwissenschaften, die allgemeine Erkenntnisse über den Menschen in Form von Wissen gewinnen, hat die Literatur das individuelle Erleben des historischen und gesellschaftlichen Allgemeinen zum Gegenstand.[55] Die Übertragung der wissenschaftlichen Distanz gegenüber dem Gegenstand ihrer Untersuchungen auf die Literatur, wie es Realismus und Naturalismus im 19. Jahrhundert anstrebten, kann nicht gelingen. Der Schriftsteller ist in die Gesellschaft seiner Zeit involviert und von dieser bestimmt; er kann daher nicht die Position ihres objektiven, unparteilichen Beobachters einnehmen, ohne unwillentlich nicht auch seine eigene Person in die geschilderte Welt einzubringen: „(A) novellist cannot deal with the slightest concrete detail of life without becoming involved in everything. (...) A writer cannot not be engaged.“[56] In dem Erzählten offenbart sich immer die Person des Autors in ihrer Perspektivität.[57] Die Welt kann in der Literatur nicht objektiv dargestellt werden, da bereits ihre Wahrnehmung subjektiv gefärbt ist und die Benennung eines Gegenstandes diesen schon modifiziert.[58]

Ein literarisches Werk ist nicht allein durch die geschichtlich- gesellschaftliche Partikularität seines Autors historisch bedingt, sondern auch dadurch, dass es sich an einen konkreten, in derselben Epoche und Gemeinschaft wie der Autor lebenden Leser richtet: „Schreiben und Lesen sind zwei Seiten ein und desselben Geschichtsfaktums.“[59] Ein Buch bezieht sich auf eine von Autor und Leser geteilte Welt und setzt das Wissen, über das Angehörige derselben Epoche verfügen, implizit voraus.[60] Der gemeinsame Kontext ermöglicht es dem Schriftsteller, die Sprache elliptisch zu verwenden, durch Andeutungen und Schlüsselwörter eine bestimmte Szenerie mit all ihren Implikationen im Bewusstsein des Lesers entstehen zu lassen. Sartre spricht in diesem Zusammenhang von dem allusiven Charakter des literarischen Werks, der es nachfolgenden Generationen von Lesern freilich schwer macht, alle Anspielungen und unausgesprochenen Bedeutungen zu verstehen.[61]

Die Wahl des Sujets und die Wahl des Lesers bedingen sich wechselseitig: „So enthalten alle Werke des Geistes in sich selbst das Bild des Lesers, für den sie bestimmt sind.“[62] Der vom Autor gewählte Aspekt der Welt als Sujet seines Werks bestimmt den zeitgenössischen Adressaten, dieser geht in das literarische Werk ein und stellt damit einen weiteren Faktor des faktischen Engagements der Literatur in die Welt dar. Neben dem jeweiligen aus den historischen Umständen hervorgegangenen Publikum[63] bestimmen auch die zeitbedingten Forderungen der Leser an die Rolle des Autors die Gestalt seines Werks.[64]

Die Literatur einer Epoche gestaltet sich ausgehend von den Vorstellungen, die die Mitglieder einer Gesellschaft von der literarischen Kunst haben, sei es, dass sie diesen entspricht oder von ihnen abweicht: „In jeder Epoche ist es (...) die ganze Literatur, die die Ideologie ist, weil sie die synthetische und oft widersprüchliche Totalität all dessen konstituiert, was die Epoche hat hervorbringen können, um sich aufzuklären, entsprechend der historischen Situation und der Talente.“[65] Die Literatur geht aus der Gesellschaft hervor und drückt sie „durch komplexe Vermittlungen“[66], also nicht zwangsläufig intendiert und unter direkter gegenständlicher Bezugnahme, aus. Die Beschaffenheit einer Literatur lässt daher immer auch Rückschlüsse auf den Zustand einer Gesellschaft zu.[67]

Um zu verstehen, wie sich das Ganze der Welt einer Epoche in einem literarischen Werk manifestieren kann, muss auf den eingangs angeführten Begriff des einzelnen Allgemeinen zurückgegriffen werden. Sartre verwendet den Terminus nicht nur im anthropologischen Sinne, sondern auch für die Bestimmung des Verhältnisses von Literatur und Welt. Der Mensch ist als Einzelner im Allgemeinen der gesellschaftlichen Verhältnisse situiert, umgekehrt existiert das Allgemeine nur in der Form, in der es von dem Einzelnen erlebt wird.[68] Das literarische Werk besitzt diese Struktur eines einzelnen Allgemeinen, da es „das In- der- Welt- Sein (...) als vom Schriftsteller Erfahrenes“[69] ausdrückt. Die Humanwissenschaften erfassen den Menschen in seiner Allgemeinheit und können ihn daher nur in seiner Objektivität erkennen. Der Gegenstand der Literatur hingegen ist das Erleben des Menschen in der Welt, daher stellt sich das Einzelne in der Literatur nur vermittels des Allgemeinen, und das Allgemeine nur vermittels des Einzelnen dar. In seinen Werken bringt der Schriftsteller das Allgemeine der ihn bestimmenden Welt hervor, weil er durch die Schilderung eines Einzelnen, eines Vorgangs in der Welt oder im Innenleben eines Menschen, immer zugleich dessen Allgemeinheit ausdrückt. In der Literatur sind die objektiven Weltverhältnisse in der Gestalt ihrer Erfahrung durch den Einzelnen zum Ausdruck gebracht.[70]

Die Aneignung der Welt geschieht in der Literatur durch die besondere Verwendung der Sprache. Mit seiner Schreibweise und Erzähltechnik versucht der Schriftsteller, das Ganze der Welt über die Sprache in seinem Werk erfahrbar zu machen.[71] Dabei ist die Literatur auch hinsichtlich der Ausdrucksmöglichkeiten ihrer Sprache in der Epoche situiert: „Wenn wir nicht mehr wie im 17. Jahrhundert schreiben, so weil die Sprache Racines und Saint- Évremonds nicht dazu geeignet ist, von Lokomotiven oder vom Proletariat zu sprechen.“[72] Die hier vorerst faktisch verstandene Rede von einem Engagement der Literatur bedeutet daher immer auch eine Reflexion auf den Zusammenhang der literarischen Sprache mit den materiellen und geistigen Umständen einer geschichtlichen Epoche.

3.2. Die normative Forderung des literarischen Engagements

Nachdem im vorangegangenen Kapitel das Engagement der Literatur als faktische Verstrickung in die Welt erläutert worden ist, soll es nun um die Verpflichtung gehen, die sich für die Literatur aus ihrer Einbettung in die geschichtlich- gesellschaftlichen Verhältnisse ergibt. Sartres Verständnis von literarischem Engagement als einer Verpflichtung wird zunächst anhand der Verantwortung des Schriftstellers in seiner Epoche aufgezeigt. Aus der Forderung des Engagements des Schriftstellers ergibt sich das Konzept einer Literatur des Endlichen. Die hier vorgenommenen Bestimmungen engagierter Literatur erweisen sich als Kriterien des Gelingens literarischer Werke. Der dritte Abschnitt befasst sich mit der literarischen Verwendung der Sprache und der Bedeutung sprachlichen Handelns für die gesellschaftliche Funktion der Literatur. Die Spezifik des sprachlichen Bezugs auf die Welt in der Literatur stellt sich als ein immer schon wertender und mithin verändernder dar.

3.2.1. Die Verantwortung des Schriftstellers

In Sartres Konzept der engagierten Literatur spielen der Schriftsteller und die Haltung, die er mit seinem Werk der Welt gegenüber einnimmt, eine wichtige Rolle. Der Begriff des Engagements besitzt auch hier eine doppelte Bedeutung: Zum einen bezeichnet er, wie oben beschrieben, die grundlegende Tatsache des Menschseins, in der Welt situiert zu sein. Sartre verwendet ihn in diesem Sinne, wenn er davon spricht, dass jede Handlung den Menschen engagiert. Auf diese Weise ist jeder Schriftsteller engagiert, weil er „ ‚sich engagiert, Bücher zu schreiben’ “[73]. In einem zweiten, anspruchsvolleren Sinne ist die Rede von dem Engagement des Schriftstellers die idealtypische Beschreibung eines guten Schriftstellers. Er ist engagiert, wenn er in seinem literarischen Schaffen das faktische Engagement des Menschen thematisiert, die Welt als eine zu verändernde enthüllt und so dazu beiträgt, das Selbst- und Weltverhältnis der Menschen in seiner Zeit auf eine höhere Reflexions- und Komplexitätsstufe zu heben.[74] Auf diese Weise übernimmt er die Verantwortung in der Gesellschaft, die ihm als Schriftsteller zukommt. Die Konzeption des Engagements und der Verantwortung des Einzelnen sind in den größeren Zusammenhang der Wesensbestimmung der Literatur als Freiheit eingebettet und sollten daher nicht isoliert betrachtet werden.[75]

Sartre sieht das Engagement des Schriftstellers in seinem Entschluss zu schreiben begründet. Der literarischen Tätigkeit liegt die existentielle Wahl zugrunde, die Welt als Totalität auf sich zu nehmen und ihr im Imaginären Ausdruck zu verleihen: „Das Universum als ein Ganzes nehmen, mit dem Menschen darin, vom Gesichtspunkt des Nichts darüber Aufschluß geben, das ist ein tiefes Engagement“[76]. Der Bezugspunkt dieses Engagements ist die Welt, wie sie sich über die Situation, in der sich der Schriftsteller befindet, für ihn darstellt. Indem er in seinen Schriften Zeugnis von seinem In- der- Welt- Sein ablegt, lässt er „für sich und die andren das Engagement von der unmittelbaren Spontaneität zum Reflektierten übergehen“[77]. Ein literarisches Werk ist der Versuch seines Autors, die Bedingtheit seiner Existenz in der Welt aufzuklären und in der Reflexion zu überschreiten.[78]

Das Schreiben ist einerseits als der Lebensentwurf eines Menschen zu verstehen, der in der Literatur einen „virtuellen Ausweg“[79] sieht. In dieser Hinsicht liegt in ihr die Stellungnahme eines Menschen gegenüber allen Bereichen seiner Existenz in der Welt. Auf diese Weise gibt es sogar bei Autoren wie Gustave Flaubert, der die Literatur als einen Selbstzweck betrachtet und ihr jede außerhalb der Kunst selbst liegende Funktionalität abspricht, ein ‚tiefes’ literarisches Engagement, das sich auch auf den Bereich des Politischen erstreckt.[80]

Andererseits verbindet Sartre mit dem Schreiben eine besondere Verantwortung des Schriftstellers in der Gesellschaft. Diese Verantwortung resultiert aus dem enthüllenden Charakter der Sprache: Die Benennung einer Sache hebt diese aus der Unmittelbarkeit ihrer Existenz heraus, macht sie zu einem Objekt des Wissens und der Reflexion und verändert sie damit bereits. Mit der Wahl seines Sujets entscheidet der Schriftsteller, einen bestimmten Gesichtspunkt der Welt zu enthüllen und zu verändern.[81] Aus der verändernden Kraft der Literatur und der Tatsache, dass der Schriftsteller wie jeder Mensch in seiner Epoche situiert ist, zieht Sartre die Schlussfolgerung, dass es die spezifische Verantwortung des Schreibenden sei, mit seinen Schriften in seiner Zeit Partei zu ergreifen, für das Richtige zu kämpfen und gegen Unterdrückung und Missstände einzutreten.[82] Literarische Werke müssen folglich für ein zeitgenössisches Publikum geschrieben werden und die Konflikte und Ängste der Epoche zu ihrem Gegenstand haben.[83] Der Schriftsteller hat in der Gesellschaft eine aufklärerische Funktion:

„Wenn die Gesellschaft sich sieht und vor allem wenn sie sich gesehen sieht, kommt es allein dadurch zu einer Anfechtung der etablierten Werte und des Systems: der Schriftsteller hält ihr ihr Bild vor, er fordert sie auf, es entweder anzunehmen oder sich zu ändern. Und in jedem Fall ändert sie sich; sie verliert das Gleichgewicht, das ihr die Unkenntnis gab“[84].

[...]


[1] Jean- Paul Sartre, Was ist Literatur?, hrsg. v. Traugott König, Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 1986. Im Folgenden abgekürzt mit WiL.

[2] Als Beispiele mögen zwei Arbeiten aus dem Jahre 2009 dienen: Das jüngste mir vorliegende deutschsprachige Werk, das sich mit Sartres Literaturkonzept beschäftigt, ist Lucia Theresia Heumann, Ethik und Ästhetik bei Fichte und Sartre. Eine vergleichende Studie, Fichte- Studien Supplementa Bd. 23, Amsterdam: Rodopi 2009. Für den angelsächsischen Raum wäre der Aufsatz von Jean- Philippe Deranty, „Existentialist Aesthetics“ in der Stanford Encyclopedia of Philosophy (Herbst 2009, Edward N. Zalta (Hrsg.); Zugriff über <http://plato.stanford.edu/archives/fall2009/entries/aesthetics-existentialist/>, aufgerufen am 25.11.2010) zu nennen.

[3] Michael Großheim, „Engagement“, in: Urs Thurnherr, Anton Hügli (Hrsg.), Lexikon Existentialismus und Existenzphilosophie, Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 2007, S. 59- 63, hier S. 59.

[4] Vgl. J.- P. Sartre, Was ist Literatur?, hrsg. v. Traugott König, Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 1986, S. 99 ff., 128 ff.

[5] Vgl. Robert W. Artinian, „Sartre’s Nineteenth Century: A Critique of His Criticism“, in: South Atlantic Bulletin, Bd. 37, Nr. 1 (Jan. 1972), S. 39- 45, hier S. 42 (Zugriff über <http://www.jstor.org/stable/3197959>, aufgerufen am 25.11.2010). Aus diesem Grund finden sich bei Sartre keine Überlegungen zu den Begriffen der Gattung oder des Genres und den mit diesen verbundenen Typologien, wie sie in den Nationalphilologien aufgestellt werden. Als Mangel der Sartreschen Theorie kritisieren dies Karl Kohut, Was ist Literatur? Die Theorie der ‚littérature engagée’ bei Jean- Paul Sartre, Marburg: Gg. Nolte 1965, S. 155 sowie Roberto Mann, Sartres Literaturkonzept, untersucht an seinen literaturtheoretischen Texten und am künstlerischen Werk, Leipzig: Dissertation Karl- Marx- Universität 1991, S. 85; 113.

[6] Vgl. hierzu die Einschätzung von Walter Lesch bezüglich des Entstehungszusammenhangs von WiL: „Aus der zeitgeschichtlichen Konstellation von 1947 erklären sich (...) manche der Einseitigkeiten von Sartres Manifest, das mit einer zugleich apologetischen und programmatischen Intention entstanden ist.“ Walter Lesch, Imagination und Moral. Interferenzen von Ästhetik, Ethik und Religionskritik in Sartres Literaturverständnis, Würzburg: Königshausen & Neumann 1989, S. 209.

[7] Jean- Paul Sartre, Der Mensch und die Dinge. Aufsätze zur Literatur 1938- 1946, hrsg. v. Lothar Baier, Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 1986.

[8] Jean- Paul Sartre, Schwarze und weiße Literatur. Aufsätze zur Literatur 1946- 1960, hrsg. v. Traugott König, Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 1986.

[9] Jean- Paul Sartre, Was kann Literatur? Interviews, Reden, Texte 1960- 1976, hrsg. v. Traugott König, Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 1986.

[10] Jean- Paul Sartre, Sartre über Sartre, Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 1977.

[11] Jean- Paul Sartre, Plädoyer für die Intellektuellen. Interviews, Artikel, Reden 1950- 1973, hrsg. v. Vincent von Wroblewsky, Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 1995. Der gleichnamige Vortrag findet sich auf den Seiten 90- 148.

[12] Jean- Paul Sartre, Das Imaginäre. Phänomenologische Psychologie der Einbildungskraft, hrsg. v. Vincent von Wroblewsky, Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 1994.

[13] Jean- Paul Sartre, Der Idiot der Familie, in: ders., Gesammelte Werke: Schriften zur Literatur Bd. 5- 8, hrsg. v. Traugott König, Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 1986.

[14] Jean- Paul Sartre, Baudelaire. Ein Essay, hrsg. v. Dorf Oehler, Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 1986; Jean- Paul Sartre, Mallarmés Engagement, hrsg. v. Traugott König, Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 1986; Jean- Paul Sartre, Saint Genet, Komödiant und Märtyrer, hrsg. v. Traugott König, Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 1986.

[15] Vgl. Jean- Paul Sartre, Was ist Literatur?, Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 1986, S. 48 ff.

[16] Vgl. Jean- Paul Sartre, „Was kann Literatur?“, in: ders., Was kann Literatur? Interviews, Reden, Texte 1960- 1976, hrsg. v. Traugott König, Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 1986, S. 72- 83, hier S. 80 ff.

[17] Traugott König, „Nachwort“, in: Jean- Paul Sartre, Was ist Literatur?, hrsg. v. Traugott König, Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 1986, S. 226- 239, hier S. 226. Vgl. hierzu auch die Feststellung Guerlacs bezüglich der Rezeptionsgeschichte des Engagement- Begriffs: „Indeed, the familiar notion of engagement has hardly been read.“ (Suzanne Guerlac, „Sartre and the Powers of Literature: The Myth of Prose and the Practice of Reading, in: MLN, Bd. 108, Nr. 5 (Dez. 1993), S. 805- 824, hier S. 808, 811. Zugriff über <http://www.jstor.org/stable/2904878>, aufgerufen am 04.11.2010.)

Für die Rezeption von WiL in Deutschland kommt erschwerend hinzu, dass in der deutschen Übersetzung von Georg Brenner sämtliche Fußnoten Sartres weggelassen und erst 1982 in T. Königs Neuübersetzung wieder hinzugefügt worden sind. Dies führte zu einem verzerrten Verständnis etwa der Unterscheidung von Poesie und Prosa. Vgl. Jens Bonnemann, Der Spielraum des Imaginären. Sartres Theorie der Imagination und ihre Bedeutung für seine phänomenologische Ontologie, Ästhetik und Intersubjektivitätskonzeption, Hamburg: Felix Meiner Verlag 2007, S. 231.

[18] „Sartre hat die Aufwertung des Lesers in seiner Literaturtheorie von Anfang an systematisch verfolgt und auf diese Weise in sehr viel stärkerem Maße zur Begründung der Rezeptionsästhetik beigetragen, als dies ihre späteren Vertreter wahrhaben wollten.“ (Heiner Wittmann, Sartre und die Kunst. Die Porträtstudien von Tintoretto bis Flaubert, Tübingen: Gunter Narr Verlag 1996, S. 71.) R. Mann bewertet die Überlegungen Sartres zur Rolle des Lesers in WiL als „die produktivsten des Essays überhaupt.“ (R. Mann, Sartres Literaturkonzept, untersucht an seinen literaturtheoretischen Texten und am künstlerischen Werk, Leipzig 1991, S. 87.) Vgl. auch T. König, „Nachwort“, J.- P. Sartre, Was ist Literatur?, Reinbek 1986, S. 236.

[19] Vgl. Christian Schmitt, „Mensch und Sprache“, in: Romanistisches Jahrbuch Bd. 30, Berlin/ New York: de Gruyter 1979, S. 17- 42, hier S. 39 f.; Hauke Brunkhorst, „Sartres Theorie des Intellektuellen“, in: Traugott König (Hrsg.), Sartre. Ein Kongreß, Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 1988, S. 408- 428, hier S. 417 ff.; Arthur C. Danto, Sartre, Göttingen: Steidl 1992, S. 41 ff.; S. Guerlac, „Sartre and the Powers of Literature: The Myth of Prose and the Practice of Reading, MLN, 108: 5, 1993, S. 805- 824, hier S. 808, 811; Lothar Knapp, „Sprache und Politik bei Sartre“, in: Zeitschrift für Literaturwissenschaft und Linguistik Bd. 25, Nr. 97, Weimar: Metzler 1995, S. 134- 145, hier S. 137 sowie L. T. Heumann, Ethik und Ästhetik bei Fichte und Sartre. Eine vergleichende Studie, Amsterdam 2009, S. 149 f.

[20] Vgl. W. Lesch, Imagination und Moral. Interferenzen von Ästhetik, Ethik und Religionskritik in Sartres Literaturverständnis, Würzburg 1989, S. 32, 216; J. Bonnemann, Der Spielraum des Imaginären. Sartres Theorie der Imagination und ihre Bedeutung für seine phänomenologische Ontologie, Ästhetik und Intersubjektivitätskonzeption, Hamburg 2007, S. 226, 236 sowie Heumann, Ethik, 2009, S. 151. R. Mann sieht in der Funktionsbestimmung der literarischen Sprache als Bedeuten einen Reduktionismus der Literatur auf ihren Umgang mit Sprache. (Vgl. Mann, Literaturkonzept, 1991, S. 1 ff., 85 f., 113.) Im Folgenden (siehe unten, Kap. 3.2.3) wird sich zeigen, dass Sartres Insistieren auf der Zeichenfunktion der Wörter der theoretischen Abgrenzung der prosaischen von der poetischen Sprachverwendung dient und über diesen Zusammenhang hinaus nur einen Aspekt der Literatur und der literarischen Sprache darstellt.

[21] Vgl. C. Schmitt, „Mensch und Sprache“, Romanistisches Jahrbuch Bd. 30, Berlin/ New York 1979, S. 17- 42, hier S. 26 ff.; H. Brunkhorst, „Sartres Theorie des Intellektuellen“, T. König (Hrsg.), Sartre. Ein Kongreß, Reinbek bei Hamburg 1988, S. 408- 428, hier S. 417 ff.; Lesch, Imagination, 1989, S. 210 ff. sowie Bonnemann, Spielraum, 2007, S. 240.

[22] Vgl. Sartre, WiL, 1986, S. 16.

[23] Besonders drastisch fällt diesbezüglich das Urteil Leschs aus: „Sartre sakralisiert die poetische Sprache und verspottet sie als Fetisch (...).“ (Lesch, Imagination, 1989, S. 288.) Vgl. auch Schmitt, Mensch, 1979, S. 31 sowie J.-P. Deranty, „Existentialist Aesthetics", E. N. Zalta (Hrsg.), The Stanford Encyclopedia of Philosophy 2009, Kap. 10.3, 10.4.

[24] Vgl. K. Kohut, Was ist Literatur? Die Theorie der ‚littérature engagée’ bei Jean- Paul Sartre, Marburg 1965, S. 54, 59 ff., 113, 183; Dietlinde Schmidt- Schweda, Werden und Wirken des Kunstwerks. Untersuchungen zur Kunsttheorie von Jean- Paul Sartre, Meisenheim: Hain 1975, S. 53 ff.; Ramona Cormier, „The Literary Writer as Reformer“, in: The Journal of Aesthetics and Art Criticism Bd. 38, Nr. 1 (Herbst 1979), S. 75- 80, hier S. 75 (Zugriff über <http://www.jstor.org/stable/430046>, aufgerufen am 25.01.2010); Mann, Literaturkonzept, 1991, S. 97; L. Knapp, „Sprache und Politik bei Sartre“, Zeitschrift für Literaturwissenschaft und Linguistik 25: 97, Weimar 1995, S. 134- 145, hier S. 137, 143 ff. sowie Hans Bude, „Ein Prösterchen auf den Existentialismus“, in: Süddeutsche Zeitung vom 21.06.2005 (Zugriff über <http://www.sueddeutsche.de/kultur/sarte-zum-sten-ein-proesterchen-auf-den-existenzialismus-1.434822>, aufgerufen am 20.10.2010).

[25] Vgl. König, Nachwort, 1986, S. 235 sowie Guerlac, Sartre, 1993, hier S. 823.

[26] Vgl. Kohut, Literatur, 1965, S. 17, 82; Jürgen Trabant, „Literatur als Zeichen und Engagement“, in: Sprache im technischen Zeitalter Bd. 47, Kohlhammer 1973, S. 225- 247, hier S. 240; König, Nachwort, 1986, S. 234 f.; Brunkhorst, Theorie, 1988, S. 420 ff. sowie Lesch, Imagination, 1989, S. 222.

[27] Vgl. H. Wittmann, Sartre und die Kunst. Die Porträtstudien von Tintoretto bis Flaubert, Tübingen 1996, S. 38 f. und Bonnemann, Spielraum, 2007, S. 214 ff.

[28] Vgl. Deranty, Aesthetics, 2009, Kap. 7.

[29] Vgl. Eduard Maler, Sartres Individualhermeneutik, München: Wilhelm Fink Verlag 1986, S. 108 f. sowie Knapp, Sprache und Politik, 1995, S. 140 f.

[30] Vgl. Kohut, Literatur, 1965, S. 209; Christina Howells, „Sartre and the Language of Literature“, in: The Modern Language Review Bd. 74, Nr. 3 (Juli 1979), S. 572- 579 (Zugriff über <http://www.jstor.org/stable/3726704>, aufgerufen am 25.01.2010) sowie Mann, Literaturkonzept, 1991, S. 106.

[31] Vgl. E. Maler, Sartres Individualhermeneutik, München 1986, S. 50; Lesch, Imagination, 1989, S. 288 sowie Bonnemann, Spielraum, 2007, S. 232 f., 419 f..

[32] M. Großheim, „Engagement“, U. Thurnherr, A. Hügli (Hrsg.), Lexikon Existentialismus und Existenzphilosophie, Darmstadt 2007, S. 59- 63, hier S. 59.

[33] Vgl. Kohut, Literatur, 1965, S. 42 ff.

[34] Vgl. Großheim, Engagement, 2007, S. 59.

[35] Ebd.

[36] Vgl. Gabriele Merks- Leinen, Literaturbegriff und Bewußtseinstheorie. Zur Bestimmung der Literatur bei Jean- Paul Sartre, Bonn: Bouvier 1976, S. 12 sowie Bonnemann, Spielraum, 2007, S. 223.

[37] Danto versteht den Begriff des Engagements bei Sartre ausschließlich deskriptiv; die präskriptive Bedeutungskomponente lehnt er als sinnlos ab: „(...) wenn schreiben engagiert ist und nur engagiert sein kann, verliert ein Aufruf an die Schriftsteller, engagiert zu werden, seinen Sinn, da sie ja schon engagiert sind. (...) Das, was sie tun, Engagement zu nennen, bedeutet, ihnen den Charakter ihres Tuns zu enthüllen, und nichts weiter will Sartre.“ (A. C. Danto, Sartre, Göttingen 1992, S. 43.) Das Problem, das aus dieser rein deskriptiven Lesart folgt, ist nicht mehr zwischen dem Engagement als allgemeiner Aussage über Literatur (Literatur ist ihrem Wesen nach engagiert) und als Kriterium der Bewertung gelungener Werke unterscheiden zu können.

[38] Vgl. Sartre, WiL, 1986, S. 26 ff. Die Absicht, etwas beibehalten zu wollen, ist in dem Begriff des Veränderns enthalten.

[39] Einige Interpreten Sartres schließen aus dieser Funktionsbestimmung der Literatur auf einen Konflikt zwischen der Autonomie der literarischen Kunst und ihrer Aufgabe der gesellschaftlichen Reflexion. Ein Widerspruch zwischen zweckfreier, ‚reiner’ Literatur und moralisch- politisch ‚engagierter’ Literatur entsteht aber erst, wenn diese nicht als im Begriff des Engagements zusammenhängende Aspekte der Literatur schlechthin gedacht werden, sondern als ‚das Ästhetische’ und ‚das Ethische’ einander gegenübergestellt werden. (Vgl. Kohut, Literatur, 1965, S. 1 f., 114 f., 121 f., 150; D. Schmidt- Schweda, Werden und Wirken des Kunstwerks. Untersuchungen zur Kunsttheorie von Jean- Paul Sartre, Meisenheim 1975, S. 58 f. sowie Schmitt, Mensch, 1979, S. 33 ff.)

[40] Vgl. R. W. Artinian, „Sartre’s Nineteenth Century: A Critique of His Criticism“, in: South Atlantic Bulletin, 37: 1, 1972, S. 39- 45, hier S. 44. Bernard- Henri Lévy bezeichnet Sartre in diesem Zusammenhang als einen „Verrückten, der behauptet, Bücher und Leben wären eins“. (Bernard- Henri Lévy, Sartre. Der Philosoph des 20. Jahrhunderts, München/ Wien: Carl Hanser Verlag 2002, S. 97.)

[41] Vgl. Jean- Paul Sartre, „Vorstellung von Les Temps Modernes “, in: ders., Der Mensch und die Dinge. Aufsätze zur Literatur 1938- 1946, hrsg. v. Lothar Baier, Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 1986, S. 156- 170, hier S. 165.

[42] Jean- Paul Sartre, Der Idiot der Familie. I. Die Konstitution, hrsg. v. Traugott König, Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 1986, S. 7.

[43] Vgl. Jean- Paul Sartre, Plädoyer für die Intellektuellen. Interviews, Artikel, Reden 1950- 1973, hrsg. v. Vincent von Wroblewsky, Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 1995. S. 90- 148, hier S. 137.

[44] Vgl. ebd., S. 138. In einem Interview mit Pierre Verstraeten spricht sich Sartre gegen die Verwendung des Begriffs der Subjektivität aus: „(...) den Begriff der Subjektivität benutze ich selten, außer als Einschränkung(...). Für mich existiert das nicht, die Subjektivität, es gibt nur Verinnerung und Äußerlichkeit.“ (Jean- Paul Sartre, „Der Schriftsteller und seine Sprache“, in: ders., Was kann Literatur? Interviews, Reden, Texte 1960- 1976, hrsg. v. Traugott König, Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 1986, S. 94- 122, hier S. 101.)

[45] Jean- Paul Sartre, „Literatur als Engagement für das Ganze. Interview mit Madeleine Chapsal“, in: ders., Was kann Literatur? Interviews, Reden, Texte 1960- 1976, hrsg. v. Traugott König, Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 1986, S. 9- 29, hier 27. Vgl. auch ders., „Die Nationalisierung der Literatur“, in: ders., Der Mensch und die Dinge. Aufsätze zur Literatur 1938- 1946, hrsg. v. Lothar Baier, Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 1986, S. 171- 184, hier S. 178. Sartre bezeichnet die Partikularität des Menschen als „die Haupttatsache der menschlichen Existenz“. (Jean- Paul Sartre, „Plädoyer für die Intellektuellen“, in: ders., Plädoyer für die Intellektuellen. Interviews, Artikel, Reden 1950- 1973, hrsg. v. V. v. Wroblewsky, Reinbek bei Hamburg 1995. S. 90- 148, hier S. 137.)

[46] Zu den folgenden Ausführungen vergleiche Jean- Paul Sartre, „Für seine Epoche schreiben“, in: ders., Der Mensch und die Dinge. Aufsätze zur Literatur 1938- 1946, hrsg. v. Lothar Baier, Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 1986, S. 185- 191, hier S. 187 ff.

[47] Ebd., S. 187.

[48] Ebd., S. 188.

[49] Vgl. Sartre, WiL, 1986, S. 158; Kohut, Literatur, 1965, S. 74 sowie Theodor W. Adorno, „Engagement“, in: ders., Noten zur Literatur, Ges. Schriften Bd. 11, hrsg. v. Rolf Tiedemann, Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1990, S. 409- 430, hier S. 414.

[50] J.- P. Sartre, „Für seine Epoche schreiben“, ders., Der Mensch und die Dinge. Aufsätze zur Literatur 1938- 1946, hrsg. v. Lothar Baier, Reinbek bei Hamburg 1986, S. 185- 191, hier S. 188.

[51] Vgl. Jean- Paul Sartre, „Alle Künste sind realistisch. Interview mit Yves Buin“, ders., Was kann Literatur? Interviews, Reden, Texte 1960- 1976, hrsg. v. Traugott König, Reinbek bei Hamburg 1986, S. 46- 62, hier S. 46 f.

[52] Sartre, Plädoyer, 1995, S. 131.

[53] Vgl. J.- P. Sartre, „Alle Künste sind realistisch. Interview mit Yves Buin“, ders., Was kann Literatur? Interviews, Reden, Texte 1960- 1976, hrsg. v. Traugott König, Reinbek bei Hamburg 1986, S. 46- 62, hier S. 52. Der erstgenannte Aspekt kann im Folgenden vernachlässigt werden, da es hier v. a. darum geht, den Bezug der Literatur auf die gesellschaftliche Welt darzustellen. Das genannte Interview ist überdies der einzige mir bekannte Ort, an dem Sartre auf die Entwicklung literarischer Formen und Sujets als einem kunstinternen Prozess zu sprechen kommt.

[54] Ebd., S. 47.

[55] Vgl. Sartre, Plädoyer, 1995, S. 137 ff. sowie Bonnemann, Spielraum, 2007, S. 412 f. Ausführliches zum individuellen Erleben des Allgemeinen als Thema der Literatur siehe unten, Kap. 3.2.3.3.

[56] Jean-Paul Sartre, Oreste F. Pucciani, „An Interview with Jean-Paul Sartre“, in: The Tulane Drama Review, Bd. 5, Nr. 3 (März 1961), S. 12-18, hier S. 12 (Zugriff über <http://www.jstor.org/stable/1124659>, aufgerufen am 25.11.2010). Vgl. auch Sartre, Plädoyer, 1995, S. 136 sowie ders., WiL, 1986, S. 26.

[57] Vgl. Sartre, Plädoyer, 1995, S. 136 f. sowie Heumann, Ethik, 2009, S. 148 f. Sartre verdeutlicht den engen Zusammenhang von Dargestelltem und Darsteller in der Literatur am Beispiel Zolas: „Was aber Zola in dem, was er erzählt, offenbart, ist der Blickwinkel, die Hervorhebung, die Details, die er herausstellt, und jene, die er im dunkeln läßt, die Erzähltechnik, die Montage der Episoden.“ (Sartre, Plädoyer, 1995, S. 136.)

[58] Vgl. Sartre, WiL, 1986, S. 51 sowie ders., „Vorstellung von Les Temps Modernes “, in: ders., Der Mensch und die Dinge. Aufsätze zur Literatur 1938- 1946, hrsg. v. Lothar Baier, Reinbek bei Hamburg 1986, S. 156- 170, hier S. 165. Dies gilt auch für den umgekehrten Fall der vorgeblich rein subjektiven Darstellung individueller Empfindungen, Gedanken und Bewusstseinsströme: „(D)iejenigen, die ihre Phantasien in vollkommener Übereinstimmung mit sich selbst niederschreiben, [geben] notwendigerweise die Gegenwart der sie bedingenden Welt preis, insofern ihr Platz in der Gesellschaft zum Teil der Grund für ihre Art zu schreiben ist“. (Sartre, Plädoyer, 1995, S. 137.)

[59] Sartre, WiL, 1986, S. 58. Zu den folgenden Ausführungen vgl. ebd., S. 56 ff.

[60] „Daher gibt es in jedem [Buch; M.S.] einen unausgesprochenen Rückgriff auf Institutionen, auf Sitten, auf bestimmte Unterdrückungs- und Konfliktformen, auf die Weisheit und die Torheit des Tages, auf dauerhafte Leidenschaften und vorübergehende Verbortheiten, auf abergläubische Vorstellungen und neuerliche Errungenschaften des gesunden Menschenverstands, auf Offensichtlichkeiten und Unkenntnisse, auf bestimmte Argumentationsweisen, die die Wissenschaften in Mode gebracht haben und die man in allen Bereichen anwendet, auf Hoffnungen, auf Ängste, auf Gewohnheiten der Sensibilität, der Imagination, ja der Wahrnehmung, auf Sitten schließlich und auf überkommene Werte“. (Ebd., S. 58.)

[61] Vgl. ebd., S. 56 f.

[62] Ebd. T. König sieht in der „entscheidende[n] Rolle (...), die der gewollte Leser schon bei der Entstehung des literarischen Werks spielt“ eine stärkere Privilegierung des Lesers in Sartres Theorie, als sie in der Rezeptionsästhetik vorliegt. (König, Nachwort, 1986, S. 236. Kursivierung von mir, M.S.)

[63] Ein Publikum ist „eine organische Einheit von Lesern“. (Sartre, WiL, 1986, S. 206.)

[64] „Er [der Schriftsteller; M.S.] kann die Rolle, die man dem Literaten in einer gegebenen Gesellschaft zuschreibt, abwandeln wollen; aber um sie verändern zu können, muß er zunächst in sie hineinschlüpfen. Daher greift das Publikum mit seinen Sitten, seiner Weltanschauung, seiner Auffassung von der Gesellschaft und von der Literatur innerhalb der Gesellschaft ein; es umringt den Schriftsteller, es schließt ihn ein, und seine gebieterischen oder hinterhältigen Forderungen (...) sind faktische Gegebenheiten, von denen her man ein Werk aufbauen kann.“ (Ebd., S. 63.) Sartre spricht auch von einem „Mythos der Literatur, der in einem ganz großen Maße von den Erwartungen dieses Publikums abhängt.“ (Ebd., S. 115.) Vgl. Christoph König, Dialektik und ästhetische Kommunikation, Frankfurt a. M.: Peter Lang 1982, S. 44 f.

[65] Sartre, WiL, 1986, S. 221.

[66] Sartre, Künste, 1986, S. 49.

[67] Vgl. Sartre, Vorstellung, 1986, S. 158 sowie ders., WiL, 1986, S. 113. Sartre spricht von einem „dialektische[n] Verhältnis zwischen der gesellschaftlichen Entwicklung und dem Roman“. (Jean- Paul Sartre, „Bilanz und Vorspiel für einen Dialog zwischen den Schriftstellern in Ost und West“, in: ders., Was kann Literatur? Interviews, Reden, Texte 1960- 1976, hrsg. v. Traugott König, Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 1986, S. 40- 45, hier S. 44.)

[68] Vgl. Bonnemann, Spielraum, 2007, S. 412 f.

[69] Sartre, Plädoyer, 1995, S. 139. Zu den folgenden Ausführungen vgl. ebd., S. 138 ff. sowie Bonnemann, Spielraum, 2007, S. 412 f.

[70] Auf den Begriff des einzelnen Allgemeinen als Struktur und Gegenstand literarischer Werke wird in Kap. 3.2.3.3 näher eingegangen. An dieser Stelle soll bereits darauf aufmerksam gemacht werden, dass dieser Terminus nicht lediglich beschreibt, wie die Welt in der Literatur vergegenwärtigt wird, sondern von Sartre auch als normativer Anspruch an literarische Werke verstanden wird. (Vgl. Bonnemann, Spielraum, 2007, S. 413, Fußnote 105.)

[71] Vgl. J.- P. Sartre, „Der Schriftsteller und seine Sprache. Interview mit Pierre Verstraeten“, ders., Was kann Literatur? Interviews, Reden, Texte 1960- 1976, hrsg. v. Traugott König, Reinbek bei Hamburg 1986, S. 94- 122, hier S. 102 f sowie ders., WiL, 1986, S. 104 ff, 175 f.

[72] Sartre, WiL, 1986, S. 29.

[73] Jean- Paul Sartre, „Über Der Idiot der Familie. Interview mit Michel Contat und Michel Rybalka“, in: ders., Was kann Literatur? Interviews, Reden, Texte 1960- 1976, hrsg. v. Traugott König, Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 1986, S. 150- 169, hier S. 167.

[74] Vgl. Sartre, WiL, 1986, S. 61 ff.; ders., Vorstellung, 1986, S. 160 f.; Großheim, Engagement, 2007, S. 61 ff. sowie Deranty, Aesthetics, 2009, Kap. 4. Im Folgenden wird der Begriff des Engagements in dieser zweiten Bedeutung verwendet.

[75] Dies geschieht z. T. in der Sekundärliteratur zu Sartres Literaturtheorie und führt zu einem auf die Person des Künstlers reduzierten Verständnis des Engagements: „Das Engagement rutscht in die Gesinnung des Schriftstellers, dem extremen Subjektivismus von Sartres Philosophie gemäß“. (T. W. Adorno, „Engagement“, ders., Noten zur Literatur, Ges. Schriften Bd. 11, hrsg. v. Rolf Tiedemann, Frankfurt a. M. 1990, S. 409- 430, hier S. 413.) Vgl. hierzu Kohut, Literatur, 1965, S. 53 f. sowie Lesch, Imagination, 1989, S. 31 f. Gegen diese einseitige Deutung wendet sich Wittmann. (Vgl. Wittmann, Sartre, 1996, S. 61 f., 67, 70 f.) Der Zusammenhang zwischen Literatur und Freiheit wird in der vorliegenden Arbeit in Kap. 5 behandelt.

[76] J.- P. Sartre, „Über Der Idiot der Familie. Interview mit Michel Contat und Michel Rybalka“, ders., Was kann Literatur? Interviews, Reden, Texte 1960- 1976, hrsg. v. Traugott König, Reinbek bei Hamburg 1986, S. 150- 169, hier S. 167. Vgl. auch ders., WiL, 1986, S. 36; Kohut, Literatur, 1965, S. 104; König, Nachwort, 1986, S. 232 sowie Deranty, Aesthetics, 2009, Kap. 4.

[77] Sartre, WiL, 1986, S. 62. Vgl. Reinhard Dahlhaus, Subjektivität und Literatur. Sartres Literarästhetik, Köln: Janus- Presse 1986, S. 121.

[78] Vgl. Sartre, WiL, 1986, S. 61; Wittmann, Sartre, 1996, S. 66 f., 70 ff.

[79] Jean- Paul Sartre, „Von der Berufung zum Schriftsteller“, in: ders., Schwarze und weiße Literatur. Aufsätze zur Literatur 1946- 1960, hrsg. v. Traugott König, Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 1986, S. 112- 117, hier S. 115. Die Literatur ist ein „virtuelle[r] Ausweg, (...) den man in bestimmten Situationen findet und der in andren nicht einmal erwogen wird, weil er von keinerlei Hilfe wäre. Wenn man nicht gut schreibt, so haben einen die Umstände nicht dazu gebracht, sein Heil in die Wörter zu legen.“ (Ebd.; Kursivierung von mir, M.S.)

[80] Sartre äußert bezüglich seiner großen Flaubert- Studie Der Idiot der Familie: „Was Flaubert angeht, so will ich an ihm zeigen, daß in der Literatur, wenn man sie als reine Kunst auffaßt und ihre alleinigen Regeln aus ihrem Wesen gewinnt, eine wild entschlossene Stellungnahme auf allen Ebenen steckt- einschließlich der gesellschaftlichen und politischen Ebene- und ein Engagement ihres Autors.“ (J.- P. Sartre, „Literatur als Engagement für das Ganze. Interview mit Madeleine Chapsal“, ders., Was kann Literatur? Interviews, Reden, Texte 1960- 1976, hrsg. v. Traugott König, Reinbek bei Hamburg 1986, S. 9- 29, hier S. 12. Kursivierung von mir; M.S.) Vgl. Sartre, Über Der Idiot der Familie, 1986, S. 166 f.

[81] Vgl. Sartre, WiL, 1986, S. 25 ff. sowie ders., „Die Verantwortlichkeit des Schriftstellers. Vortrag zur Gründung der UNESCO“, in: ders., Schwarze und weiße Literatur. Aufsätze zur Literatur 1946- 1960, hrsg. v. Traugott König, Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 1986, S. 17- 38, hier S. 20 ff. Ausführliche Erläuterungen hierzu weiter unten in Kap. 3.2.3.1.

[82] Vgl. Sartre, Vorstellung, 1986, S. 158 ff. sowie ders., „Die Nationalisierung der Literatur“, ders., Der Mensch und die Dinge. Aufsätze zur Literatur 1938- 1946, hrsg. v. Lothar Baier, Reinbek bei Hamburg 1986, S. 171- 184, hier S. 183 f.

[83] Vgl. Sartre, Vorstellung, 1986, S. 158 f.

[84] Sartre, WiL, 1986, S. 66.

Ende der Leseprobe aus 105 Seiten

Details

Titel
Das Konzept der engagierten Literatur bei Jean-Paul Sartre
Hochschule
Universität Leipzig  (Philosophie)
Note
1,6
Autor
Jahr
2011
Seiten
105
Katalognummer
V186868
ISBN (eBook)
9783656101819
ISBN (Buch)
9783656101338
Dateigröße
875 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
konzept, literatur, jean-paul, sartre
Arbeit zitieren
Marion Schwenne (Autor), 2011, Das Konzept der engagierten Literatur bei Jean-Paul Sartre, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/186868

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Titel: Das Konzept der engagierten Literatur bei Jean-Paul Sartre


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