In einem Gespräch mit Günter Caspar erwähnt Anna Seghers 1964 folgende Pläne: Sie will „einen kleinen Roman schreiben, etwa wie ‚Transit‘ oder eine größere Erzählung. [...] Sie wird heißen ‚Die Früchte dieses Landes‘. Die Geschichte hängt mit meinen Reisen nach Brasilien zusammen.“1 1971 erscheint dann schließlich das Buch Überfahrt. Der junge Arzt Ernst Triebel erzählt auf seiner Schiffspassage von Brasilien nach Polen dem Mitreisenden Franz Hammer seine Lebensgeschichte. Das Vorhaben, über das Anna Seghers Günter Caspar berichtete, hat also Gestalt angenommen. Als Untertitel trägt Überfahrt die Bezeichnung Eine Liebesgeschichte.
Folgt man dem Untertitel des Buches, so käme es in erster Linie auf die von Triebel erzählte Liebesgeschichte an, Franz Hammer hätte als vorgeschaltete Erzählfigur nur eine formale Bedeutung. Tatsächlich gibt es diese Lesart. So urteilt z.B. ein Autor:
Die den Erzählvorgang unterbrechenden Zwischenstücke sind die dürftig motivierten Eingriffe des Erzählers, der sich damit von Zeit zu Zeit dem Leser in Erinnerung ruft und sich als ästhetische Funktion nur rein äußerlich zu setzen vermag, ohne das plane Durcherzählen in der Substanz aufzuheben.2
Der ursprünglich geplante Titel Die Früchte dieses Landes aber lässt vermuten, dass es sich hier eher um eine Missdeutung der Erzählung handeln mag und es nicht alleine um die Triebels erzählte Liebesgeschichte geht. Hat die Autorin aber eine andere Intention, als nur von der unglücklichen Liebe zu erzählen, so ist es denkbar, dass auch die Rahmenhandlung eine Funktion erfüllt.
Im Folgenden soll nun ein Interpretationsansatz zur Autorenintention geliefert werden. Dabei sollen formale und inhaltliche Aspekte zeigen, welche Funktion die der Liebesgeschichte übergeordnete Handlung erfüllt: Ist sie ästhetischer Formschmuck, der den Erzählfluss vielleicht sogar eher stört oder hat sie inhaltliche Substanz, die die Erzählung bereichert?
Inhaltsverzeichnis
1. EINLEITUNG
2. ERZÄHL- UND HANDLUNGSSTRUKTUR
2.1. ERZÄHLEN ÜBER MEHRERE INSTANZEN
2.2. DIE HANDLUNGSSTRUKTUR
3. ERZÄHLEN UND ZUHÖREN
3.1. FRANZ HAMMER, EIN ZUHÖRER WIDER WILLEN
3.2. VERGANGENHEITSBEWÄLTIGUNG DURCH ERZÄHLEN BEI ERNST TRIEBEL
4. EIN STÄNDIGES „HIN UND HER“
4.1 ZWISCHEN VERGANGENHEIT UND GEGENWART
4.2 VON AMERIKA NACH EUROPA
4.1 Die Früchte dieses Landes
4.2 Der Sternenhimmel
5. FAZIT
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht die komplexe narrative Struktur und die Autorenintention von Anna Seghers' Werk „Überfahrt“. Dabei wird analysiert, inwiefern die dem Untertitel „Eine Liebesgeschichte“ übergeordnete Rahmenhandlung eine eigenständige inhaltliche Funktion erfüllt oder ob sie lediglich ästhetischer Formschmuck ist.
- Analyse der narrativen Erzähl- und Handlungsstruktur (doppelte Ich-Erzählung).
- Untersuchung der psychologischen Funktion des Erzählens und Zuhörens für die Figuren.
- Interpretation des Leitmotive „Hin und Her“ als Ausdruck existentieller Konflikte.
- Symbolik von Heimat und Fremde durch die Gegenüberstellung von Früchten und Sternbildern.
Auszug aus dem Buch
2.1. Erzählen über mehrere Instanzen
Betrachtet man die Erzählweise, der sich Anna Seghers in Überfahrt bedient, so wird man mit einer überraschenden Komplexität konfrontiert:
Nicht Ernst Triebel, dessen philosophischer Kommentar zu Überfahrten im Allgemeinen (vgl. S.5) die Erzählung eröffnet und der mit dem Bericht seiner Lebensgeschichte den größten Teil des Buches füllt, ist der eigentliche Ich-Erzähler, sondern Franz Hammer, ein Mitreisender, der nur wenig in Erscheinung tritt, steht formal an erster Stelle. Andreas Schrade weist in seinen Erläuterungen zu Überfahrt besonders auf diese „doppelte Ich-Erzählung“ hin, übergeht jedoch andere Figuren, die ebenfalls als Erzähler fungieren. Sadowski, ein weiterer Schiffspassagier, z. B. weiß beinahe die Lebensläufe aller anderen Reisenden zu erzählen. Daneben treten in Triebels Erzählung weitere Figuren auf, die entweder Unabhängiges oder übereinander berichten.
Auf einer ersten Ebene steht also der Ich-Erzähler Franz Hammer, in dessen Erzählung zwei weitere Figuren, Ernst Triebel und Sadowski, die mit ihren Berichten eine zweite Erzählebene erschließen. Innerhalb Triebels Geschichte entsteht wiederum eine dritte Ebene, da auch hier Figuren, über die berichtet wird, als Erzähler auftreten. Insgesamt gibt es also drei Ebenen: Erzähltes aus erster, zweiter und dritter Hand.
Das Geschehen über mehrere, miteinander gekoppelte, kommunikative Instanzen zu vermitteln, erweist sich als geschickter Kunstgriff, der zwei Funktionen erfüllt: Zum einen wird der Leser vom Erzählten distanziert und erhält so mehr Raum zur eigenen Reflexion, zum anderen entsteht eine ungeheuere Detailspannung. Um Triebels Bedürfnis, seine gesamte Lebensgeschichte zu erzählen, verstehen zu können, muss seine Geschichte für Hammer ‚erlebbar‘ werden, weshalb Triebel so detailliert berichtet.
Zusammenfassung der Kapitel
1. EINLEITUNG: Die Einleitung skizziert die Entstehungsgeschichte des Romans und stellt die zentrale Forschungsfrage nach der Funktion der Rahmenhandlung gegenüber der Liebesgeschichte.
2. ERZÄHL- UND HANDLUNGSSTRUKTUR: Dieses Kapitel erläutert die komplexe narrative Ebene des Werks sowie die formale Struktur der ineinander verwobenen Handlungsstränge.
3. ERZÄHLEN UND ZUHÖREN: Die Analyse konzentriert sich auf die psychologische Interaktion zwischen dem Erzähler Triebel und dem Zuhörer Hammer sowie die therapeutische Wirkung des Erzählens.
4. EIN STÄNDIGES „HIN UND HER“: Hier werden die Motive des psychischen Konflikts, der geografischen Reise sowie die Symbolik von Heimat und Fremde detailliert untersucht.
5. FAZIT: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und betont, dass die Rahmenhandlung essenziell für das Verständnis des Werks ist, da sie die Liebesgeschichte in einen größeren Kontext einbettet.
Schlüsselwörter
Anna Seghers, Überfahrt, Erzählstruktur, Rahmenhandlung, Liebesgeschichte, Vergangenheitsbewältigung, Franz Hammer, Ernst Triebel, narrative Ebenen, Heimatmotiv, Schiffshandlung, Literaturanalyse, Identität, Exilliteratur, Vertrauen.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der literarischen Analyse des Romans „Überfahrt“ von Anna Seghers und untersucht, wie Struktur und Handlung zusammenwirken.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zu den Schwerpunkten zählen die komplexe Erzählweise, die Psychologie des Erzählens und Zuhörens sowie die Symbolik von Heimat und Vergangenheit.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es zu klären, welche Funktion die dem Erzählten übergeordnete Rahmenhandlung einnimmt und ob sie zur inhaltlichen Tiefe des Werks beiträgt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit verfolgt einen textorientierten Ansatz zur Analyse der Struktur, der Erzählebenen und der symbolischen Leitmotive im Roman.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Erzählstruktur, die Charakterentwicklung der Figuren Hammer und Triebel sowie die Bedeutung der geographischen und zeitlichen Übergänge.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Erzählstruktur, Rahmenhandlung, Vergangenheitsbewältigung, Identitätssuche und das symbolische „Hin und Her“ zwischen den Kontinenten.
Warum wird Franz Hammer als „Zuhörer wider Willen“ bezeichnet?
Obwohl er zunächst distanziert bleibt und kein Interesse an den privaten Geschichten zeigt, entwickelt er sich im Laufe der Reise zu einem aktiven und vertrauensvollen Zuhörer.
Welche symbolische Bedeutung haben die „Früchte“ und der „Sternenhimmel“?
Diese Symbole dienen als Kontrastmittel, um die Sehnsucht nach der Heimat in Deutschland und die Verbundenheit mit dem fremden Brasilien darzustellen.
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- Andreas Weidmann (Author), 2000, Anna Seghers´ 'Überfahrt' - Liebesgeschichte mit Staffage?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/18686